„Ich fand Sinclair Lewis einfach unattraktiv“ – Fay Wray und die Schriftsteller

Fay Wray

Obwohl Fay Wray in über 70 Filmen mitspielte, wurde nur ein einziger davon weltberühmt: King Kong. Hollywood versuchte, sie zusammen mit Gary Cooper als Traumpaar zu vermarkten, aber das misslang. Überhaupt konnte Fay Wray mit ihren Schauspielerkollegen nichts anfangen. In einem ihrer letzten Interviews bemerkte sie, dass diese zwar alle wirklich gut aussahen, sie aber mit ihnen über nichts reden konnte. Dabei meinte sie vor allem intellektuelle Gespräche und nicht belangloses Geschwafel über Autos oder Golf.

Sinclair Lewis

Schon immer hatte es sie daher zu Drehbuchautoren und Schriftstellern hingezogen und immer wieder besuchte sie die Intellektuellenzirkel in New York, wo sie viele Bewunderer hatte und für nicht wenige als Muse galt. Besonders hatte es Sinclair Lewis (1885 – 1951) erwischt. Er hatte sich Hals über Kopf in Fay verliebt. Er schrieb ihr fast täglich Briefe und Gedichte, die sie alle unbewantwortet ließ. Dennoch hielt ihn dies nicht davon ab, es weiter zu versuchen. In ihrer Autobiographie verriet sie, dass sie all seine Briefe und Gedichte aufgehoben habe. Und sie erwähnte auch, weswegen sie mit dem späteren Literaturnobelpreisträger keine Beziehung hatte eingehen wollen: „Ich fand Sinclair Lewis einfach unattraktiv.“

Zusammen schrieben sie das Theaterstück Angela is twentytwo (1938), das zwar von Kritikern verrissen, aber vom Publikum geliebt und 1944 sogar verfilmt wurde. Ich persönlich glaube, dass Sinclair Lewis ihr insgeheim ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Dies in seinem Roman Babbitt. Und zwar in der Figur Tanis Judique, einer Intellektuellen, in die sich Babbitt verliebt und mit der in der New Yorker Boheme verkehrt.

John Monk Saunders

Vielleicht aber hielt sich Fay auch daher von ihm fern, da sie bereits von seinen Alkoholproblemen ahnte. In dieser Hinsicht hatte sie mit ihrem ersten Ehemann, dem Drehbuchautor John Monk Saunders (1897 – 1940) ebenfalls kein Glück. Ja, das Ende ihrer Ehe wurde zu einer wahren Katastrophe, vergleichbar mit einer Szene aus einem Thriller.

Saunders war ein viel beschäftigter Mann, der neben Drehbüchern auch Theaterstücke und Romane schrieb und hin und wieder auch als Regisseur tätig war. Fay Wray und John Saunders heirateten 1928, die Ehe hielt 12 Jahre. So lange, bis Saunders ihr, während sie schlief, einen Drogencocktail spritzte, das Haus und die Möbel verkaufte, ihr ganzes Geld (500 000 Dollar) mitnahm und schließlich mit ihrer gemeinsamen Tochter floh. Saunders war schwerst alkoholabhängig und brachte sich 1940, ein Jahr nach der Scheidung, um.

Clifford Odets

Clifford Odets (1906 – 1963) spielte ebenfalls eine wichtige Rolle in Fays Leben. Er war einer der bekanntesten Stückeschreiber der 30er Jahre, der als einer der ersten den Straßenslang auf die Bühne brachte (im Kino sollte dies erst 1971 durch den Film Shaft passieren). Auch schrieb er das Drehbuch zu dem Noir-Klassiker Dein Leben in meiner Hand (1957). Zwar heirateten sie nicht, doch lebten sie in einer offenen Beziehung zusammen. Es lag an Odets selbst, dass es zu keiner Heirat kam. Fay Wray erzählte später, dass er befürchtete, sich nicht mehr voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Dennoch blieben beide für mehrere Jahre zusammen. Für Fay schien Odets der Mann gewesen zu sein, nur so ist ihre Beziehung mit ihm zu erklären, die trotz seiner Lebenseinstellung so lange hielt.

John Riskin

Fay Wray schrieb in ihrer Autobiographie, dass Clifford Odets ihr späteres Leben stark geprägt habe. Von da an nahm sie die Dinge anders wahr als zuvor. Sie heiratete 1942 den Drehbuchautor und Schriftsteller John Riskin (1897 – 1955), der mehrere Oscarnominierung erhielt und schließlich für die Komödie Es geschah in einer Nacht (1934) den Oscar gewann. Riskin verdankte seine Erfolge vor allem der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Frank Capra, der zu den bekanntesten Filmemachern jener zählt gehörte. Riskin starb 1955 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Fay Wray

1988 verfasste Fay Wray im Alter von 81 Jahren ihre Autobiographie On The Other Hand: A Life Story – ohne Zuhilfenahme eines Ghostwriters. Im Scherz sagte sie immer wieder, dass es in ihrem Leben eigentlich nur einen einzigen Mann gab: King Kong. „Ich bewundere dich: Du hast nur einen Film gemacht und bist damit bis heute weltberühmt. Ich habe 70 Filme gemacht, von denen nur ein einziger bis heute bekannt ist.“ Fay Wray starb 2004 im Alter von 96 Jahren.

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FuBs Double Feature (2000 – 2010): Der Herr der Ringe (2001) und Old Boy (2004)

Und schon kommen wir zum letzten Teil unserer Reihe „FuBs Double Feature – Mit jeweils zwei Filmen durch die Filmgeschichte“. Begonnen haben wir mit den Jahren 1900 – 1910. Und 100 Jahre später steht Hollywood mitten in einer Krise. Diese hatte Mitte der 90er Jahre begonnen und setzte sich munter im neuen Jahrtausend fort. Es handelte sich dabei nicht nur um eine ökonomische Krise (die Kinobesuche gingen mehr und mehr zurück), sondern vor allem auch um eine ästhetische Krise.

Diese fasste ein Regisseur so zusammen: Früher habe man für die Charakterisierung einer Figur bis zu drei Seiten verwendet, heutzutage passt diese auf eine Briefmarke. Flache Charaktere gingen einher mit flachen Storys. In Hollywood scheute man jegliches Risiko und begann, sich verstärkt auf Remakes und Sequels zu verlegen.

Und während Hollywood auf diese Weise vor sich hindümpelte, nahm die Korean Hallyu (die koreanische Welle in Film und Popkultur) mehr und mehr Fahrt auf. Doch auch eine weitere Welle wurde ausgelöst: von dem Indie-Regisseur Peter Jackson, der mit seiner „Herr der Ringe“-Trilogie Filmgeschichte schrieb und eine neue Welle des Phantastischen Films auslöste (die vorherige fand Anfang der 80er Jahre statt und dauerte bis ca. Mitte der 80er).

Insgesamt neun Jahre dauerten die Arbeiten an der Realverfilmung von Tolkiens Klassiker, wenn man die ersten Drehbuchentwürfe berücksichtigt. Eigentlich hatte der Film von Miramax produziert werden sollen, doch als die Weinsteins (darf man deren Namen überhaupt noch nennen?) bemerkten, wie teuer der ganze Spaß werden würde, sprangen sie ab. Kurz darauf kam allerdings New Line Cinema an Bord und eine der wohl aufwendigsten Produktionen der Filmgeschichte konnte umgesetzt werden.

Wie bereits erwähnt, löste der Film eine neue Welle an Fantasy- und SF-Filmen aus, während wenige Jahre später durch das platte, aber erfolgreiche Remake von „Texas Chainsaw Massacre“ eine neue Welle an Horrorfilmen ins Rollen kam. Im Gegensatz zu den 80er Jahren, scheint dieser Trend langlebig zu sein, was natürlich auch an den CGI-Effekten liegt, mit denen die Monster lebendiger erscheinen, als mit der guten alten Stop Motion-Technik.

Währenddessen nahm der internationale Erfolg koreanischer Filme immer mehr zu. Zunächst waren es vor allem Horrorfilme, die ins Ausland exportiert wurden. Doch im Laufe des neuen Jahrtausends zeigte sich mehr und mehr die Vielfalt des neuen koreanischen Kinos. Neue Regisseure wurden entdeckt und später von Hollywood-Studios verpflichtet. Und natürlich wollte Hollywood auch sonst am Erfolg des koreanischen Kinos teilhaben und begann, Remakes zu produzieren.

Spricht man vom neuen koreanischen Kino, so steht interessanterweise immer ein Film im Mittelpunkt: „Old Boy“ aus dem Jahr 2004, eine Adaption eines gleichnamigen japanischen Mangas. Regie führte Park Chan-Wook, der schnell zu einem der bekanntesten Regisseure Koreas werden sollte. Sein Film „Joint Security Area“ (2000) löste überhaupt das internationale Interesse am neuen koreanischen Kino aus.

Mit „Old Boy“ schuf er einen Film des in Südkorea so beliebten Rachefilmgenres. Doch die bis ins Surreale hineinreichende Story, in der es um Oh Dae-Su geht, der es seinem Peiniger heimzahlen will, gilt hierbei als einer der prägendsten Filme. Eine Paraderolle für Charakterdarsteller Choi Min-Sik, der dadurch zugleich international bekannt wurde. Die Szene, in der Oh Dae-Su es in einem langen Gang mit einer ganzen Gruppe Gangster aufnimmt, wird sogar von Hollywoodfilmen immer mal wieder zitiert. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt „Old Boy“ 2004 den Großen Preis der Jury.

Da das jetzige Jahrzehnt nicht zu ende ist, war es das erst einmal mit unserer Reihe „FuBs Double Feature“. Und dennoch darf man gespannt sein, wie es mit Hollywood und der Konkurrenz aus Südkorea weitergehen wird. Und natürlich überhaupt mit Film an sich.

20 Jahre Korean Hallyu

Man glaubt es kaum, aber es ist bereits 20 Jahre her, seitdem die Filmwelt komplett auf den Kopf gestellt wurde. Denn 1998 gilt als offizieller Startschuss für die Korean Hallyu, die koreanische Welle, welche die Popkultur durcheinanderwirbeln sollte.

Eigentlich begann alles bereits in der ersten Hälfte der 90er Jahre, als die Filmproduktion, die bis dahin in staatlicher Hand gewesen war, privatisiert wurde. Als Resultat erschienen die sogenannten Big Three auf der Bildfläche: Cinema Service, Showbox und Lotte Entertainment, die von da an den Filmmarkt in Südkorea bestimmen sollten. Ziel war es, Hollywood durch hochgradige Eigenproduktionen den Kampf anzusagen.

Der Plan ging auf. Schon die erste Produktion des neuen koreanischen Kinos, der Horrorfilm „Whispering Corridors“ (1998), sorgte für volle Kassen. Dies vor allem aufgrund des Skandals, den er ausgelöst hatte. Schülerinnen, die von Lehrern misshandelt werden? Die Lehrervereinigung in Südkorea sah sich verunglimpft und wollte den Film verbieten lassen. Doch beruhte „Whispering Corridors“ teilweise auf Tatsachen, und der Film trug dazu bei, dass die Zustände an den dortigen Schulen genauer unter die Lupe genommen wurden.

Von da an ging es quasi Schlag auf Schlag. So ziemlich jeder Film wurde ein Erfolg, auch dann, wenn er schlecht gemacht war. Mit eigenen Actionfilmen, Thrillern und Horrorfilmen verdrängte man in den einheimischen Kinos die Produktionen aus Hollywood an den Rand. Der Agententhriller „Shiri“ spielte mehr Geld ein als Camerons „Titanic“.

Originalposter zu „Il Mare“

Viele der Filme gelten heute als Klassiker des neuen koreanischen Kinos. So z.B. die Horrorfilme „Memento Mori“, „A Tale of two Sisters“ oder „Into the Mirror“. Ebenso das SF-Liebesdrama „Il Mare“ sowie die Comic-Adaption „Oldboy“.

International trat der neue koreanische Film zum ersten Mal im Jahr 2001 auf der Berlinale mit dem Soldatendrama „JSA“ auf. Bis dahin hatten Kritiker Filme aus Korea kaum registriert. Doch „JSA“ rief großes Erstaunen hervor, und von da an gab es auch international kein Halten mehr. Bisherige Höhepunkte in dieser Hinsicht waren der Zombiefilm „Train to Busan“ und der SF-Film „Snowpiercer“.

Parallel dazu lösten koreanische TV-Serien, die sog. Dramas, einen internationalen Hype aus. Die Serien, die anfangs vor allem kitschige Liebesgeschichten in 12 Folgen darboten, wurden nach und nach ebenfalls vielfältiger. Das 12 Folgen-Schema wurden zwar beibehalten, doch nun gesellten sich zu den Liebesgeschichten auch überaus aufwändige Historiendramen sowie Agententhriller und sogar Horrorserien hinzu.

Wonder Girls; © JYP

Während der Erfolgswelle in den Kinosälen und auf den Bildschirmen kam es auch zu radikalen Veränderungen in der Popmusik. Spätestens seit „Gangnam Style“ des Sängers Psy wissen auch Leute, die mit Asien nichts am Hut haben, dass es so etwas wie K-Pop gibt. Dieser Stil überrante innerhalb kürzester Zeit die internationale Popkultur. Schräge und überaus farbenfrohe Videoclips, die von den Produktionsfirmen und natürlich auch von den Fans auf Youtube hochgeladen wurden, forcierten diese Welle. Allen voran die ersten und zugleich erfolgreichsten Girl Bands „Girls Generation“ und „Wonder Girls“, die als erste koreanische Girl Group durch die USA tourte.

Coffee Prince, eines der erfolgreichsten koreanischen Dramas

Der enorme Erfolg führte dazu, dass US-amerikanische Musikproduzenten nach Südkorea reisten, um bei den dortigen Kollegen „in die Lehre“ zu gehen. Inzwischen aber dümpelt K-Pop eher vor sich hin. Waren Witz und Originalität die Kernpunkte von K-Pop, so versuchte man sich nach wenigen Jahren in einer Sexualisierung der diversen Gruppen, in der Hoffnung, noch mehr Erfolg zu haben.

Doch ging der Schuss in Sachen Kreativität nach hinten los. Denn das Ergebnis war bzw. ist, dass eben jene Originalität und jener Witz fast vollkommen verloren gingen. Im Gegensatz dazu werden koreanische Filme immer aufwändiger produziert, egal, ob es sich um Dramen, Horrorfilme oder Actionfilme handelt. Man darf also gespannt sein, was die nächsten 20 Jahre bringen werden.

 

 

 

FuBs Double Feature (1990 – 2000): Jurassic Park (1993) und Ring (1998)

So schlimm waren die 90er Jahre eigentlich gar nicht. Irgendwie versuchte man, die 80er Jahre in den 90ern weiterzuführen. Und dennoch wollte es nicht mehr so recht klappen. Denn die viel diskutierte Hollywoodkrise nahm ihren Anfang, was Ende der 90er Jahre dazu führte, dass auf einmal andere Filmländer ihre Chance witterten und auf den internationalen Filmmarkt traten. Am überraschendsten dürfte in dieser Hinsicht sicherlich Südkorea sein, das mit dem Horrorfilm „Whispering Corridors“ (1998) den Startschuss für die Korean Hallyu gab, die koreanische Welle in der Popkultur. International trat Südkorea erst 2000 auf der Berlinale mit dem Drama „JSA“ (1999) auf und sorgte ab da für Furore.

Doch der Film, der Hollywood am meisten beeinflussen sollte, war die japanische Produktion „Ringu“ (1998). Der Film löste sowohl in Hollywood als auch in so gut wie allen anderen Ländern Produktionen aus, die diese besondere Machart übernahmen, wenn auch in jeweils anderen Zusammenhängen.

In den 90ern kamen verstärkt auch die CGI-Effekte auf, die immer mehr das Filmemachen bestimmen sollten. Natürlich gab es Computer generierte Effekte auch schon in den 80ern, doch wurde damals noch verstärkt auf gute alte Handarbeit Wert gelegt. Auf diese Weise konnte T-1000 noch gemeingefährlicher werden und auf dieselbe Weise kehrten die geliebten Dinos zurück auf die Leinwand.

Jurassic Park gilt als Meilenstein in Sachen CGI. Der Film reizte die Effekte bis ins letzte Detail aus. Wer damals im Kino saß, der musste sich immer wieder vergegenwärtigen, dass die Urviecher nur aus Bits und Bytes bestanden. So erging es jedenfalls mir, für den das höchste der Gefühle bis dahin die guten alten Stop Motion-Effekte gewesen waren. Ja, und auf die Dinokacke hatte man auch nicht vergessen, aber die war sozusagen handgerührt.

In Deutschland schlugen unsere hysterischen Pädagogen einmal mehr die Hände über den Kopf zusammen und sorgten für Tobsuchtsanfälle bei den Kindern, die endlich ihre Lieblingssaurier in Aktion sehen wollten. Denn sie durften das nicht, weil unseren Damen und Herren Hysteriker nichts anderes einfiel, als Kindern den Eintritt ins Kino zu verbieten. – Typisch für die von Filmtheoretiker I. C. Jarvie bereits Ende der 60er Jahre bezeichneten PPs, die einmal mehr ein absolutes Unwissen und Unverständnis gegenüber dem Medium Film bewiesen.

In Japan kam es Ende der 90er Jahre zu einem enormen Produktionsschub, was das Filmemachen anbelangt. Aufgrund der asiatischen Wirtschaftskrise lag die japanische Filmwirtschaft beinahe am Boden. Zudem mussten viele Lichtspielhäuser schließen. Doch 1998 wurde plötzlich alles anders, als Regisseur Hideo Nakata mit seinem Meisterwerk Ring auftrat und dadurch die Kassen wieder klingeln ließ.

„Ring“ verband als einer der ersten japanischen Horrorfilme folkloristische Elemente mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen, sodass das Unheimliche nicht wie aus der Mottenkiste wirkte, sondern als etwas Bedrohliches und Fremdartiges für jede Menge Gänsehaut sorgte. Zugleich wurde „Ring“ aufgrund seiner feministischen Thematik zum Sprachrohr der damaligen Emanzipationsbewegung in Japan. Dies hatte zur Folge, dass auch alle weiteren Horrorfilme, denen man schließlich das Siegel J-Horror verpasste, das traditionelle Patriarchat in Frage stellten und die sozialen Probleme aufzeigten, vor denen Frauen in Japan standen und teilweise immer noch stehen.

Casablanca 1943 – Zwischen historischer Wirklichkeit und Film

Im Jahr 1943 trafen sich Churchill und Roosevelt in Casablanca, um über ihre Strategie gegen Hitler zu beraten. Das Ergebnis der geheimen Konferenz läutete das Ende des Dritten Reiches ein. Im selben Zeitraum produzierten die Warner Studios ein romantisch angehauchtes Drama um einen Barbesitzer und dessen unerwarteter Begegnung mit seiner früheren Geliebten.

Der Film basierte auf dem Theaterstück „Everybody comes to Rick’s“ der beiden Autoren Murray Burnett und Joan Alison. Auf Anraten ihres Agenten schickten die beiden Autoren das Stück an Warner, die letztendlich daraus den unvergessenen Filmklassiker schufen. Der Film orientierte sich an den damaligen Geschehnissen in Europa und Nordafrika und versuchte dabei, so realistisch wie möglich zu sein. Beeinflusst wurde das Werk jedoch von dem Treffen zwischen Churchill und Roosevelt.

Der Autor Norbert F. Pötzl schrieb darüber nun ein Buch, in dem er auf geradezu minutiöse Weise die damaligen Ereignisse, die sich während und vor der Konferenz ereignet haben, schildert. Indem er die Produktionsgeschichte von „Casablanca“ den historischen Ereignissen nicht nur gegenüberstellt, sondern diese miteinander verknüpft, gelingt es ihm zu zeigen, auf welche Weise die Politik Auswirkungen auf die Tätigkeiten in Hollywood hatte.

Denn die großen Studios versuchten, mit ihren Produktionen, ihren Teil zum Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland beizutragen, wobei sie bestimmte Vorgaben einhalten mussten. Innerhalb dieses Rahmens entstand auch der Filmklassiker schlechthin, der Humphrey Bogart und Ingrid Bergman zu den Ikonen Hollywoods werden ließ.

Obwohl sich Pötzl in der Hauptsache auf die Geschichte der Konferenz orientiert, gelingen ihm immer wieder spannende Hinweise auf Parallelen zwischen Film und Wirklichkeit. Diese reichen bis in Roosevelts geheimes Liebesleben, gab es doch Gerüchte, er habe ein Verhältnis mit der norwegischen Kronprinzessin Märtha. Aus diesem Grund wandelten die Gebrüder Epstein die weibliche Hauptfigur um in eine Norwegerin. Im Theaterstück handelt es sich um eine leichtlebige Amerikanerin.

Pötzl berichtet über all dies in einem packenden und dichten Schreibstil. In einer rasanten „Montage“ zeigt er sämtliche Aspekte der Geschichte um die Konferenz und deren Mitwirkenden auf, geht auf die Biographien ein und verbindet dieses stets mit dem sich verändernden Gesamtbild der Lage in Europa. All dies macht „Casablanca 1943“ zu einem gewinnbringenden Leseerlebnis, das sich sowohl an Filmliebhaber richtet als auch an historisch interessierte Leser.

Norbert F. Pötzl. Casablanca 1943. Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges. Siedler Verlag 2017, 256 Seiten, 20,00 Euro, ISBN: 978-3-641-19679-0

 

FuBs Double Feature (1960 – 1970): „Psycho“ (1960) und „Blow Up“ (1966)

Die 60er Jahre begannen mit einem Paukenschlag und endeten mit einem Paukenschlag. Am Anfang stand Hitchcock, der mit einem bis dahin noch nie da gewesenen Thriller die Zuschauer in Panik versetzte, am Ende mit „Nacht der lebenden Toten“ ein Low-Budget-Horrorfilm, der das US-amerikanische Kino komplett verändern sollte. Zwischendrin schuf David Lean seine legendären Leinwandepen, zeigte der Italo-Western, wie schmutzig Cowboys wirklich waren, und kreierte Roger Corman mit den berühmten Poe-Adaptionen seine erfolgreichsten Filme. Spätestens „Planet der Affen“ (1968) zeigte, dass die sozialen Bewegungen auch im Kino angekommen waren, während in Deutschland Winnetou und Old Shatterhand in die Kinogeschichte eingingen, nicht zu vergessen auch der berühmte Satz „Hier spricht Edgar Wallace“, der eine Hochphase deutscher Trash-Kunst einleitete. European Trash ist überhaupt das Stichwort, denn während die Hammer Studios in England weiterhin auf einer Erfolgswelle schwammen, kam es auf dem Festland zu den einzigartigen Koproduktionen zwischen Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien, die geradezu in Farbe schwelgten und Hammer als auch den American International Pictures nicht nur Konkurrenz machten, sondern diese auch beeinflussten.

Psycho“ (1960) ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor wenigen Jahren entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über den Inhalt von „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Und die Frage, die man sich seitdem stellt, lautet nicht, ob man Janet Leighs Brüste sieht oder das Messer tatsächlich in den (Puppen-)Körper dringt, sondern, ob die Schauspielerin blinzelt oder nicht, nachdem die Kamera sich langsam von ihrem Schreck erstarrten Gesicht entfernt. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, denn Leigh blinzelt zwar nicht, bewegt aber zweimal hintereinander kaum merkbar ihre Augen, da sie nun einmal krampfhaft versucht, nicht zu blinzeln.

„Psycho“ gilt als Begründer des modernen Horrorfilms, bevor neun Jahre später Romeros „Nacht der lebenden Toten“ für eine erneute Wende sorgte. Interessant ist, dass sich „Psycho“ dennoch auf eine geradezu klassische, ja man möchte fast schon sagen traditionelle Erzählweise konzentriert, wenn es darum geht, das Motel zu verorten. Dieses befindet sich nämlich auf einer kaum mehr befahrenen Landstraße, praktisch irgendwo im Nirgendwo. Wie es sich später herausstellt, sind bereits vor dem berühmten Mord mehrere Personen in dieser Gegend spurlos verschwunden. Was natürlich fehlt, sind irgendwelche Gerüchte, doch ansonsten kommt man mit diesen Merkmalen den Aspekten der klassischen Geisterhausgeschichte sehr nahe. Hier vor allem den Geschichten von Ambrose Bierce (1842 – 1914), der mehrfach über einsam gelegene Häuser in den USA schrieb.

So gesehen haben wir hier die moderne Variante eines Spukhauses vor uns, in dem kein Gespenst für Furore sorgt, sondern Norman Bates für Gänsehaut sorgt. Ende der 90er versuchte sich Hollywood an einem Remake und scheiterte dabei kläglich. Es ist immer die Frage, inwieweit es für einen Regisseur sinnvoll ist, sich ausgerechnet an einem Klassiker zu versuchen. Das Ergebnis von 1998 war jedenfalls ein durchschnittlicher Slasher, der all das falsch machte, was Hitchcock richtig gemacht hat.

1966 spielte der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni mit der Wahrnehmung der Zuschauer. In seinem Meisterwerk „Blow Up“ geht es um den Fotografen Thomas, der bei einem seiner Shootings in einem Park ein Liebespaar fotografiert. Als er das Foto vergrößert, sieht er aus einem Gebüsch eine Hand mit einer Pistole ragen. Ein anderes Foto zeigt die Leiche des Liebhabers. Hat also Thomas einen geplanten Mord fotografiert?

„Blow Up“ wurde zu dem Film der Beat Generation und der damit einhergehenden sozialen Veränderungen. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, mit dem sich Roger Corman in seinen Poe-Filmen beschäftigte, ist in „Blow Up“ längst ausgefochten. Thomas macht nur das, was ihm Spaß macht. Er pfeift auf althergebrachte Konventionen und sucht seine Erfüllung im schnellen Sex und der freien Kunst.

Doch die Fotos, die er im Park aufgenommen hat, bringen ihn zum Nachdenken und auch zum Überdenken seiner eigenen Tätigkeit. Im Zentrum des Films steht ein Spiel mit der Wahrnehmung. Zeigen uns Fotos die tatsächliche Realität oder reimen wir uns beim Betrachten der Aufnahmen bloß etwas zusammen? Welche Interpretation ist die richtige bzw. gibt es überhaupt eine Interpretation, die völlige Gültigkeit besitzt?

Wie bereits Hitchcock mit „Das Fenster zum Hof“, so stellt auch Anonioni in „Blow Up“ zentrale Fragen im Hinblick auf die Theorie des Films. Denn was ist Kino anderes als eine visuelle Manipulation? Oder ist Kino Wirklichkeit? Gibt es so etwas wie eine objektive Wahrnehmung? All diese recht schweren und bis heute noch immer diskutierten Fragen setzt Anontioni spielerisch in seinem Klassiker um. Dario Argento machte sich einen zusätzlichen Spaß daraus, indem er den Hauptdarsteller David Hemmings für seinen Thriller „Profondo Rosso“ (1975) engagierte, der sich mit ganz ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt.

„Blow Up“ zählt zu Michelangelo Antonionis einzigem erfolgreichen Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde und bei den Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis gewann.

Sonderausgabe 3: „Das Ding“ mal drei – Sozialer Wandel im Film

Die dritte Sonderausgabe von FILM und BUCH beschäftigt sich mit dem Thema Sozialer Wandel im Film. Am Beispiel des SF-Klassikers „Das Ding aus einer anderen Welt“ aus dem Jahr 1951 und dessen beiden Remakes von 1982 und 2011 untersucht der Beitrag, auf welche Weise die Gesellschaft in den drei Filmen jeweils dargestellt wird. Wie sieht es z.B. aus mit der Rolle der Frau oder mit sozialen Ängsten? Zwischen den drei Filmen liegt jeweils eine Zeitspanne von ca. 30 Jahren. Daher erscheinen gerade „Das Ding“ und seine beiden Nachfolger überaus geeignet, um sozialen Wandel im Film zu untersuchen.

Achtung: Der Text ist urheberrechtlich geschützt und zudem mit vielen wichtigen und bekannten sozial- und kulturwissenschaftlichen Organisationen verlinkt.

Hier könnt ihr Sonderausgabe 3 gratis downloaden: Das Ding mal drei