FuBs Double Feature (2000 – 2010): Der Herr der Ringe (2001) und Old Boy (2004)

Und schon kommen wir zum letzten Teil unserer Reihe „FuBs Double Feature – Mit jeweils zwei Filmen durch die Filmgeschichte“. Begonnen haben wir mit den Jahren 1900 – 1910. Und 100 Jahre später steht Hollywood mitten in einer Krise. Diese hatte Mitte der 90er Jahre begonnen und setzte sich munter im neuen Jahrtausend fort. Es handelte sich dabei nicht nur um eine ökonomische Krise (die Kinobesuche gingen mehr und mehr zurück), sondern vor allem auch um eine ästhetische Krise.

Diese fasste ein Regisseur so zusammen: Früher habe man für die Charakterisierung einer Figur bis zu drei Seiten verwendet, heutzutage passt diese auf eine Briefmarke. Flache Charaktere gingen einher mit flachen Storys. In Hollywood scheute man jegliches Risiko und begann, sich verstärkt auf Remakes und Sequels zu verlegen.

Und während Hollywood auf diese Weise vor sich hindümpelte, nahm die Korean Hallyu (die koreanische Welle in Film und Popkultur) mehr und mehr Fahrt auf. Doch auch eine weitere Welle wurde ausgelöst: von dem Indie-Regisseur Peter Jackson, der mit seiner „Herr der Ringe“-Trilogie Filmgeschichte schrieb und eine neue Welle des Phantastischen Films auslöste (die vorherige fand Anfang der 80er Jahre statt und dauerte bis ca. Mitte der 80er).

Insgesamt neun Jahre dauerten die Arbeiten an der Realverfilmung von Tolkiens Klassiker, wenn man die ersten Drehbuchentwürfe berücksichtigt. Eigentlich hatte der Film von Miramax produziert werden sollen, doch als die Weinsteins (darf man deren Namen überhaupt noch nennen?) bemerkten, wie teuer der ganze Spaß werden würde, sprangen sie ab. Kurz darauf kam allerdings New Line Cinema an Bord und eine der wohl aufwendigsten Produktionen der Filmgeschichte konnte umgesetzt werden.

Wie bereits erwähnt, löste der Film eine neue Welle an Fantasy- und SF-Filmen aus, während wenige Jahre später durch das platte, aber erfolgreiche Remake von „Texas Chainsaw Massacre“ eine neue Welle an Horrorfilmen ins Rollen kam. Im Gegensatz zu den 80er Jahren, scheint dieser Trend langlebig zu sein, was natürlich auch an den CGI-Effekten liegt, mit denen die Monster lebendiger erscheinen, als mit der guten alten Stop Motion-Technik.

Währenddessen nahm der internationale Erfolg koreanischer Filme immer mehr zu. Zunächst waren es vor allem Horrorfilme, die ins Ausland exportiert wurden. Doch im Laufe des neuen Jahrtausends zeigte sich mehr und mehr die Vielfalt des neuen koreanischen Kinos. Neue Regisseure wurden entdeckt und später von Hollywood-Studios verpflichtet. Und natürlich wollte Hollywood auch sonst am Erfolg des koreanischen Kinos teilhaben und begann, Remakes zu produzieren.

Spricht man vom neuen koreanischen Kino, so steht interessanterweise immer ein Film im Mittelpunkt: „Old Boy“ aus dem Jahr 2004, eine Adaption eines gleichnamigen japanischen Mangas. Regie führte Park Chan-Wook, der schnell zu einem der bekanntesten Regisseure Koreas werden sollte. Sein Film „Joint Security Area“ (2000) löste überhaupt das internationale Interesse am neuen koreanischen Kino aus.

Mit „Old Boy“ schuf er einen Film des in Südkorea so beliebten Rachefilmgenres. Doch die bis ins Surreale hineinreichende Story, in der es um Oh Dae-Su geht, der es seinem Peiniger heimzahlen will, gilt hierbei als einer der prägendsten Filme. Eine Paraderolle für Charakterdarsteller Choi Min-Sik, der dadurch zugleich international bekannt wurde. Die Szene, in der Oh Dae-Su es in einem langen Gang mit einer ganzen Gruppe Gangster aufnimmt, wird sogar von Hollywoodfilmen immer mal wieder zitiert. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt „Old Boy“ 2004 den Großen Preis der Jury.

Da das jetzige Jahrzehnt nicht zu ende ist, war es das erst einmal mit unserer Reihe „FuBs Double Feature“. Und dennoch darf man gespannt sein, wie es mit Hollywood und der Konkurrenz aus Südkorea weitergehen wird. Und natürlich überhaupt mit Film an sich.

Spirit’s Homecoming – Der Sensationserfolg aus Südkorea

spritit homecoming
Originalplakat von „Spirit’s Homecoming“ (2016).

Regisseur Choe Jung-Rae fand für sein Projekt, das sich mit dem Schicksal der koreanischen „Comfort Women“ (Trostfrauen) im Zweiten Weltkrieg beschäftigt, keinen Produzenten und erst recht keinen Verleih. Das Drehbuch wurde mit Kommentaren wie „So etwas möchte niemand sehen“ abgelehnt. Choe machte aus der Not eine Tugend und versuchte, die Gelder für den Film durch Crowdfunding zu sammeln. Der Plan ging auf. Er erreichte dadurch über 75000 Geldgeber, die mit ihren jeweiligen Beträgen, dem Film zur Realisation verhalfen.

Dann war da noch die Sache mit den Kinos. Kaum eines der koreanischen Lichtspielhäuser wollte den fertigen Film aufführen. Was folgte, war eine Petition der Geldgeber, welche dazu führte, dass „Spirit’s Homecoming“ in mehreren Kinos anlief. Das Resultat: Der Film legte den bisher erfolgreichsten Wochenstart hin und machte bisher (Anfang März war Premiere) einen Umsatz von umgerechnet über 21 Millionen Dollar.

Doch um was genau geht es in Choes Film? „Spirit’s Homecoming“ erzählt die Geschichte zweier Freundinnen während des Zweiten Weltkriegs. Jung-Min ist 14 Jahre alt, Young-Hee 16. Beide werden von japanischen Soldaten entführt und in ein Militärlager gebracht, wo sie von nun an als „Comfort Women“ tätig sein müssen, als Prostituierte, die von den japanischen Soldaten auf sadistische Weise misshandelt werden.

spiritshomecoming
Jung-Min (Kang Ha-Na) wird von japanischen Soldaten abgeführt.

Der Film verlangt dem Zuschauer einiges ab. Manche der Szenen, in denen die Mädchen von den Soldaten gequält werden, sind an der Grenze des Ertragbaren. Choe zeigt die reinste Hölle, in der sich die Mädchen befinden. Sie sind der Willkür und der Brutalität der Männer vollkommen ausgeliefert. In engen, schmutzigen Räumen, vor denen die Soldaten in Warteschlangen stehen, warten sie auf den nächsten Peiniger. Aus den anderen Räumen dringen entsetzliches Kreischen und Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Die Mädchen, die in Wahnsinn verfallen oder körperlich zugrunde gehen, werden hingerichtet. In den wenigen Stunden, die die Mädchen für sich haben, sitzen sie zusammen in einer Wiese, machen Späße wie ganz normale Schülerinnen, ihre Gesichter aber mit Platzwunden und Blutergüßen übersät.

Damit der Zuschauer zwischendurch durchatmen kann, entwarf Choe eine Rahmenhandlung, in der eine junge Schamanin eine alte Frau trifft, die früher das Schicksal einer Trostfrau erleiden musste. Diese Handlung spielt im Jahr 1991. Sie zeigt den Alltag der Frau sowie die Tätigkeit der Schamanin, wodurch der Film einen leicht poetischen Touch erhält. Natürlich spielt hier auch der Kontrast zwischen Alptraum und friedvollem Leben eine Rolle. Die Schamanin, die merkt, dass die Frau ihre Vergangenheit immer noch quält, versucht, ihr dabei zu helfen, sie von ihrem Schmerz und ihrem Verlust zu befreien. Das klingt kitschig, ist es aber nicht. Denn Choes nüchterne Art des Erzählens ist frei von jeglichem Hang zum Kitsch.

spiritshomecoming1
Die Mädchen, für die die japanischen Soldaten keine Verwendung mehr haben, werden erschossen.

Diese Nüchternheit prägt auch den Alptraum, den die Mädchen durchleben müssen. Choe ist weit davon entfernt, die japanischen Soldaten als böse hinzustellen. Wie auch die Mädchen, so sind auch sie Opfer des Krieges, verstört und vollkommen verroht. Der Regisseur hatte Schwierigkeiten, Schauspieler zu finden, die die Rollen der Japaner übernehmen wollten. So engagierte er Laiendarsteller, die über drei Jahre hinweg ihre Rollen und Dialoge probten. Ihre Schauspielkunst ist fast schon besser als die der Profis. Das gilt ebenso für die meisten der anderen Darsteller. Da das Geld für Stars fehlte, castete Choe hauptsächlich unbekannte Darsteller. Nicht weniger überzeugend wie die Schauspieler, welche die Rollen der japanischen Soldaten übernommen haben, sind die jungen Darstellerinnen, welche die Comfort Women spielen. Sie spielen ihre Rollen mit so viel Hingabe, dass es nicht erstaunlich wäre, wenn es dafür einen der vielen koreanischen Filmpreise geben würde. Übrigens verzichteten alle auf Gagen, sondern wirkten quasi ehrenamtlich mit.

Neben den Darstellern prägt auch Choes sorgfältige Kameraführung „Spirit’s Homecoming“. Er schafft dadurch zum einen Bilder voller Posesie und Frieden, zum anderen Bilder, die grauenvoller nicht sein können. Während die Misshandlungsszenen dunkel und voller Schatten sind, so sind die Szenen der Rahmenhandlung in einem überaus hellen Licht gehalten, ja wirken teilweise sogar überbelichtet. Gelegntlich nutzt er Zeitlupe, um die Geschehnisse noch eindringlicher wirken zu lassen. Höhepunkt ist hierbei eine Splitscreen, in der in sechs Rahmen die parallel verlaufenden Gräueltaten zu sehen sind, sodass dem Zuschauer keine Möglichkeit bleibt, dem Entsetzen zu entkommen.

„Spirit’s Homecoming“ ist ein Film, der gedreht werden musste. Dass er auch politischen Sprengstoff mit sich führt, zeigt die Tatsache, dass die japanische Regierung die Aufführung des Films verhindern wollte. Der Grund, Japan versucht noch immer, die Schicksale der Trostfrauen herunterzuspielen oder die grauenvollen Berichte sogar als Lügen abzutun. Eine konkrete historische Untersuchung der Comfort Women ist so gut wie unmöglich, da die japanische Regierung die Akten darüber entweder vernichtet hat oder noch immer unter striktem Verschluss hält. Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus. „Spirit’s Homecoming“ hat auf jeden Fall schon jetzt seinen Platz in der (Film-)Geschichte Südkoreas gefunden.