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Archive for November 2013

Ich möchte der Rezension folgenden Satz voranstellen: Zum Glück gibt es die Kleinverlagsszene. Während Großverlage nur noch genormte Produkte (manchmal möchte man von Büchern gar nicht mehr sprechen) herausbringen, sprießt unter den Klein- und Kleinstverlagen eine neue Generation an viel versprechenden Autoren heran. In dieser Szene haben Originalität und Einfallsreichtum noch eine Bedeutung. Besonders gilt dies für die deutsche Phantastikszene. Wahrscheinlich wird sich nun der ein oder andere Leser gehörig die Augen reiben und sich fragen: deutsche Phantastikszene? Gibt es so etwas überhaupt (noch)? Die Antwort lautet klar und deutlich: Ja. Und was in diesem Bereich veröffentlicht wird ist vor allem eines: extrem gut.

„Zwielicht 3“. Herausgeber: Michael Schmidt. Cover: Björn Ian Craig.

Ein Beispiel dafür liefert die neue Anthologie des Vincent Preis-Initiators Michael Schmidt. Vincent Preis ist, nebenbei bemerkt, der Name des deutschen Horror Awards. Zwielicht 3 lautet der Titel der Anthologie, die vor kurzem im Verlag Spahir im Stahl herausgekommen ist. In diesem Band versammeln sich bekannte und (noch) unbekannte deutsche Phantastik- und Horrorautoren. Ein weiterer Teil der Anthologie beinhaltet Artikel über Autoren und Aspekte des Unheimlichen.

Zunächst zu den Geschichten. Schon die erste Story „Tintige Welt“ von Antje Ippensen ist eine schön-schaurige Miniatur, die an Thomas Ligotti und nicht weniger an Jorge Luis Borges erinnert. Man sollte dem Text sehr genau folgen, um die Pointe der Geschichte nachzuvollziehen. Vincent Voss mit seiner Erzählung „Wünsch dir was!“ ist ein Hochgenuss an groteskem Horror, in der es die Angestellten einer Firma mit einem Obdachlosen zu tun bekommen. Abel Inkuns „Nacht im Schacht“ ist nicht weniger einfallsreich. Eine Pornofilmcrew möchte in einer alten Kirche einen Film drehen. Was zunächst nach Trash klingt, ist in Wahrheit eine grandiose Mischung aus mordernem und klassischem Horror. Dominik Grittner mit „Der graue Raum“ erzählt die beängstigende Geschichte einer Studentin, der ein unheimlicher Drogendealer nicht mehr von der Seite weicht. Eine sehr spannende und intensive Story. Rainer Innreiter lässt seine Figuren auf einer Felsinsel stranden, nachdem sie Schiffbruch erlitten haben. Der Beginn eines makabren Leseerlebnisses. Mit der Geschichte „Das Muschelmädchen“ verbindet Torsten Scheib klassische, teils barocke Phantastik mit modernem Grusel. Eine spannende Geschichte über einen Mann, der ein durchaus bizarres Erlebnis mit einer Muschel hat. Jakob Schmidts „Wintermann“ ist eine Geschichte in Form eines Briefes. Eine sehr unheimliche Erzählung, die durchaus Albtraumpotential besitzt. Christian Endres liefert mit „Knochen erinnern sich“ eine grandiose Geschichte ab, in der sich Western und Horror die Klinke in die Hand geben. „Zwei Seelen in meiner Brust“ des Herausgebers Michael Schmidt ist eine sehr schöne und düstere Horrorgeschichte, die mit klassischen Motiven des Horrors arbeitet. Lothar Nietschs „Edward“ ist wiederum ein Beispiel des grotesken Horrors, während man Michael Siefeners „Im Schatten“ als eine Art Dr. Faust-Erzählung bezeichnen könnte. „Biedenbach“ von Achim Hildebrand ist eine grotesk-komische Erzählung über einen nervigen Bürokollegen. „Jenseits der Tür“ von Merlin Thomas könnte man als eine Art „Entwicklungsroman“ bezeichnen, der verschiedene Phasen im Leben einer Frau festhält und der durchzogen ist von einem teils abstrakten Horror. Den Abschluss des Erzählteils bildet die Neuübersetzung der Geschichte „Das Tal der Tiere“ des Horrormeisters Algernon Blackwood. Es handelt sich um eine unheimliche Jagdgeschichte, die im Hinblick auf ihre Atmosphäre sehr gut zu den übrigen Geschichten passt.

Der Artikelteil der Anthologie setzt sich u. a. mit dem Waldmotiv im Horrorfilm auseinander. Eine hervorragende Analyse dieses Merkmals von Oliver Kotowski. Mirko Strauch und Daniel Neugebauer zeigen in ihrem Artikel „Lovecrafts Reisetagebuch“, dass dieser Meister des Horros keineswegs der „Einsiedler von Providence“ gewesen ist, sondern durchaus viele Reisen unternommen hat. Die folgenden beiden Artikel von Björn Ian Craig und Eric Hantsch setzen sich mit den Werken von Karl Edward Wagner bzw. Eddie M. Angerhuber auseinander. Eine Laudatio auf den Verleger Frank Festa von Malte S. Sembten rundet das Buch ab.

Fasst man sämtliche Kurzgeschichten zusammen, so findet man darin einen überragenden Hang zur Verspieltheit. Die Autoren wollen sich nicht festlegen lassen. Sie liefern einfallsreiche, spannende und unheimliche Geschichten ab, die man gerne auch ein zweites Mal liest. Die Geschichten sind völlig unterschiedlich, sodass die Anthologie selbst zu einem Erlebnis wird. Der Leser entdeckt mit jeder neuen Story weitere originelle Ideen und Plots, was dazu führt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Man gleitet richtiggehend durch das Buch, als befände man sich in einer Gallerie des Grauens, in der jedes Bild andere Aspekte des Unheimlichen offenbart. Hinzu kommt, dass sämtliche Geschichten wunderbar geschrieben sind, sodass die Anthologie nicht nur eine Entdeckungsreise durch die neue deutsche Phantastik ist, sondern zugleich ein wahrer Genuss, dem man sich gerne hingibt. Zwielicht 3 wird dadurch zu einer der besten Anthologien, die es auf dem Markt gibt.  – Dringend zu empfehlen!

Michael Schmidt (Hrsg): Zwielicht 3. Verlag Saphir im Stahl 2013, 423 Seiten, 9,95€, ISBN: 978-3-943948-11-0

 

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FILM und BUCH 6 ist endlich erschienen. Auch dieses Mal haben wir viele interessante und spannende Beiträge für euch. Wir konnten mit dem bekannten deutschen Regisseur Sebastian Niemann (Das Jesus Video, 7 Days to live, Mord ist mein Geschäft, Liebling) ein Interview über seine Arbeit und den deutschen Film führen. Auch war es uns möglich, den beiden preisgekrönten Hörspielproduzenten Stephan Bosenius und Marc Gruppe (Gruselkabinett) von Titania Medien ein paar Fragen zu stellen.

Zusätzlich gibt es noch Artikel über den Kultregisseur Tod Browning (Dracula, Freaks, London after Midnight), über die skurrilen Hintergründe, die dazu geführt haben, dass die Burg Frankenstein in Zusammenhang mit dem Roman Frankenstein gebracht wurden, über Carlo von Mierendorffs Essay „Hätte ich das Kino!“ und über koreanische Schulhorrorfilme.

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Den kostenlosen Download gibt es hier: Film und Buch 6

Inhalt

Jahrmarkt der Grausamkeiten – Regisseur Tod Browning (Sabine Schwientek)

„Für mich muss ein Film als Ganzes funktionieren“ – Ein Interview mit Regisseur Sebastian Niemann

Entstehung eines Mythos (Jörg Heléne)

Atmosphärische Hörspiele – Ein Interview mit Stephan Bosenius und Marc Gruppe

Carlos Kino (Richard Albrecht)

„Ich würde für dich sterben!“ – Memento Mori und der koreanische Schulhorrorfilm (Max Pechmann)

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Im ersten Halbjahr präsentierte Koreas Filmindustrie eine Reihe hervorragender Thriller. Mit Ausnahme des Mystery-Thrillers „A Puppet“ und des Action-Films „Running Man“ waren alle Produktionen sehr gut in Szene gesetzt und lieferten knisternde Spannung und großartige Unterhaltung. Die Übersicht über das erste Halbjahr finden Sie hier: Koreanische Thriller 2013 – Teil Eins.

Wie sah nun das zweite Halbjahr aus? Dieses wartete u. a. mit zwei großartigen Überraschungen auf. Der Erfolg der Low-Budget-Produktionen „The Terror Live“ und „Hide and Seek“ erstaunte sogar Koreas Filmemacher. „The Flu“ dagegen konnte nich überzeugen. Mit „The Spy“ lieferte CJ Entertainment eine gut besetzte, aber dennoch eher durchschnittliche Action-Komödie ab. Doch nun zu den Filmen im Einzelnen:

hide and seek

Hide and Seek

Hide and Seek basiert auf einer wahren Begebenheit. Regisseur und Drehbuchautor Huh Jung schuf daraus einen erstklassigen Thriller, der unter die Haut geht. Der Film handelt von Sung-Soo, einem erfolgreichen Geschäftsmann, der eines Tages erfährt, dass sein Bruder spurlos verschwunden ist. Dieser wohnte in einem heruntergekommenen Wohnhaus und kurz vor seinem Verschwinden kam es in dem Wohnhaus zu einem brutal Mord. Während Sung-Soo versucht, das Rätsel um seinen Bruder zu lösen, kommt es zu eigenartigen Zwischenfällen. Es scheint, als würde sein Bruder mit ihm ein bösrtigen Spiel treiben. Hinzu kommt die ehemalige Nachbarin seines Bruders, die aus unerklärlichen Gründen Angst vor Sung-Soo hat.

Huh Jung liefert einen Thriller der Extraklasse ab. Son Hyun-Joo, der normalerweise als Seriendarsteller im Fernsehen zu sehen ist, zeigt, dass er auch fähig ist, auf der Leinwand zu agieren. Er überzeugt vollkommen als Geschäftsmann mit Schuldkomplex. Die Handlung verläuft zunächst wie ein Mystery-Thriller, um sich nach mehreren überraschenden Wendungen in einen extrem harten Psychothriller zu verwandeln. Huh Jung gelingt es, dem Zuschauer den Atem zu rauben. Die Wendungen und Zwischenfälle sind derart gut in Szene gesetzt, dass man nicht anders kann, als zu behaupten, dass „Hide and Seek“  einer der besten Thriller der letzten Jahre ist. Von uns erhählt der Film eine glatte Eins. Es bleibt zu hoffen, dass der Film auch einem deutschen Publikum präsentiert werden kann, denn Huh Jungs Thriller hat einen internationalen erfolg verdient.

the flu

The Flu

The Flu sollte eigentlich bereits vor ein paar Jahren in die Kinos kommen, doch wurde sein Release immer wieder verschoben. Wahrscheinlich durch den Erfolg des Seuchen-Thrillers „Deranged“ kam man zu dem Schluss, ihn nun doch herauszubringen. „The Flu“ handelt davon dass eine Gruppe illegaler Einwanderer aus Südostasien einen Grippevirus einschleppen, der sich innerhalb kürzester Zeit im ganzen Land ausbreitet.

Wieso der Film die ganze Zeit über zurückgehalten wurde, ergibt sich bei der Sichtung selbst. Man hätte viel aus dem Film machen können, doch Regisseur und Drehbuchautor Kim Sung-Su zeigt, dass er keine Ahnung hatte, wie er den Stoff umsetzen sollte. Dies fängt schon am Anfang des Films an, in dem Rettungshelfer eine Frau retten, die mit ihrem Auto in eine ungesicherte Kanalbaustelle gestürzt ist. Diese Szene ist vollkommen uninteressant gedreht, sodass man bereits in den ersten Minuten keine Lust hat, den restlichen Film zu sehen. Das Gefühl, dass „The Flu“ ein absoluter Rohrkrepierer ist, erweist sich über die restliche Laufzeit als richtig. Der Film kommt nie in die Gänge, schafft es nicht, interessant zu werden, und schon gar nicht, Spannung aufzubauen. Unser Urteil ist, dass „The Flu“ zusammen mit „A Puppet“ zu den schlechtesten Filmen zählt, die Koreas Filmindustrie  in letzter Zeit herausgebracht hat.

the terror live

The Terror Live

The Terror Live zählt, wie oben bereits angedeutet, zu der zweiten großen Überraschung des diesjährigen Filmjahrs. Regie und Drehbuch stammen von Kim Byung-Woo. Wie bei „Hide and Seek“, so handelt es sich auch hier um eine Low-Budget-Produktion, die nur in dem Senderaum eines Radiosenders spielt. Der ehemalige Starreporter Yoon Yong-Hwa ist durch einen unschönen Zwischenfall vom Fernsehen zum Radio verbannt worden. Gerade als er seine Sendung beginnt, kommt es auf der nahe gelegenen Brücke zu einem Terroranschlag. Yoon setzt nun alles daran, um live über das Geschehen zu berichten.

Der Film ist eine Mischung aus Kammerspiel und Mockumentary. Er ist einerseits Thriller, andererseits eine bitterböse Satire auf die Sensationssucht der Medien und zugleich auf Koreas derzeitige Politik. Der Reporter geht in seiner Live-Sendung soweit, sich selbst als Opfer zu präsentieren, nur um sich die Einschaltquoten zu sichern. Parallel dazu zeigen sich die Politiker, die mit dem Terrorristen verhandeln sollen, als völlig desinteressiert. Ihnen ist das Schicksal einzelner Personen vollkommen egal, obwohl sie genau das Gegenteil in den Medien von sich geben. Regisseur Kim Byung-Woo wird in seiner Kritik sehr direkt. Um dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, ließ er sich für den Schluss etwas wirklich Interessantes einfallen. Wir wollen hier nicht zu viel verraten, aber so viel Engangement in Sachen Kritik würde man sich auch von deutschen Filmemachern wünschen. Obwohl das Kammerspiel in dem Thriller überwiegt, setzt er auch auf gute Spezialeffekte, welche sich auf die Zerstörung der Brücke beziehen und auf nachfolgende Anschläge, die u. a. mit der gekonnten Pointe des Films in Verbindung stehen. Ein sehr guter und sehr engagierter Film, dem wir ebenfalls eine glatte Eins verpassen.

the spy

The Spy

The Spy ist eine Mischung aus Action- und Agentenfilm und typisch koreanischer Komödie. Er handelt von dem Agenten Chul-Soo, dessen Frau Young-Hee glaubt, er sei ein einfacher Büroangestellter. Chul-Soo muss diesen Glauben aufrecht erhalten. Doch als er wegen eines mysteriösen Waffengeschäfts nach Bangkok muss, wo sich seine Frau (von Beruf Stewardess)  ebenfalls gerade aufhält, kommt es zu Verwicklungen und nicht wenigen gefährlichen Situationen. Denn Young-Hee ist dem gut aussehenden Terroristen Ryan auf den Leim gegangen, der einen Anschlag in Busan plant.

Nun, der Film bietet eigentlich nichts großartig Neues. Daher bewegt sich die Komödie ständig etwas oberhalb des Durchschnitts. Regisseur Lee Seung-Jun gelingt es zwar auf witzige und durchaus unterhaltsame Weise, die Ehekrise des Agenten mit dem Spionageaspekten zu verbinden, doch lässt er dabei einfach viel zu viele Personen auftreten. Es wimmelt hierbei nur so vor Agenten, die zum großen Teil auch völlig überflüssig agieren. Manchmal scheint es, dass die Produzenten nur eine Möglichkeit gesucht haben, um ein paar Comedy-Stars zu integrieren, in der Hoffnung, dadurch mehr Leute ins Kino zu locken. Daniel Henney ist nach seiner Nebenrolle in „X-Man: Wolverine“ mal wieder als Bösewicht zu sehen. Als Ehepaar agieren Sol Kyung-Gu und Moon So-Ri, beides Stars des koreanischen Films.  Die Story an sich ist rasant erzählt und liefert auch mehrere gelungene Gags. Doch im Groben und Ganzen fehlt der Produktion das nötige Etwas, um sie wirklich in Erinnerung zu behalten.

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Ein beklemmender und spannender Psychothriller. Vorlage des bekannten Horrorfilms „Audition“.

Liebhaber des modernen japanischen Horrorfilms haben sicherlich noch immer das „Stich, Stich, Stich“ von Asami Yamasaki im Gedächtnis, die im weißen Kleid und schwarzer Lederschürze den TV-Produzenten Aoyama foltert. „Audition“, so der Titel des Films, ist – neben „Ring“ – der wichtigste Vertreter des J-Horror-Genres und erregte international aufgrund seiner Mischung aus Ästhetik und Grauen großes Aufsehen. Der Film, gedreht von Takashi Miike, ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Ryu Murakami, der nun auf Deutsch unter dem Titel „Das Casting“ im Septime Verlag erschienen ist.

Ryu Murakami ist kein unbeschriebenes Blatt. Er ist sowohl als Autor als auch als Regisseur tätig und wurde Anfang der 90er Jahre durch sein Erotikdrama „Tokyo Decadence“ international bekannt. In dem Roman „Das Casting“ erzählt Murakami die Geschichte des Dokumentarfilmers Aoyama, der seit dem Tod seiner Frau vor sieben Jahren keine Beziehung zu anderen Frauen mehr hatte. Sein Sohn und sein Freund, der Filmemacher Yoshikawa, drängen ihn dazu, endlich eine neue Frau zu suchen. Dabei kommt Yoshikawa auf die Idee, ein Casting für einen Liebesfilm zu organisieren, bei dem sich Aoyama zehn Frauen, die er näher kennenlernen möchte, heraussuchen soll. Aoyamas Wahl ist recht schnell getroffen. Eine Frau namens Asami Yamasaki wirkt auf ihn ungeheuer faszinierend. Von Anfang an kommt sie seinem Freund jedoch seltsam vor. Auch andere Personen teilen das Gefühl, dass mit Asami etwas nicht stimmt. Aoyama aber lässt die Bedenken seiner Freunde links liegen und trifft sich immer häufiger mit der geheimnisvollen Frau. Die geradezu zärtliche Liebesbeziehung geht jedoch über in blankes Entsetzen.

Obwohl die Geschichte an sich recht einfach ist, hält sie einem von der ersten Seite an gebannt. Dies liegt einerseits an dem wunderbaren Schreibstil Murakamis, der die ganze Handlung zwar nüchtern, aber mit einer knisternden Dichte erzählt, was den eingeworfenen Zwischenfällen zugute kommt, die dadurch eine größere Intensität erhalten. Zum anderen liegt es an dem grandios-rätselhaften Charakter Asamis. In der Verfilmung wird sie im visuellen Sinn als Hannya definiert, als ein weiblicher Rachegeist aus der japanischen Folklore. Ryu Murakami jedoch lässt es offen, wer oder was Asami ist. Und genau das macht den Charakter äußerst rätselhaft und unheimlich. Dem Autor gelingt es, seine weibliche Hauptfigur sehr bedrohlich wirken zu lassen, was die Spannung der Geschichte um ein Vielfaches erhöht.

Ryu Murakami belässt es allerdings nicht allein bei den Aspekten eines Psychothrillers. Er nutzt seinen Roman dazu, um die japanische Gesellschaft zu kritisieren und ihren übertriebenen Hang zum Materialismus anzuprangern. Gleichzeitig liefert er einen teils satirischen Blick auf die japanische Filmindustrie, die sich vor allem in dem Casting selbst offenbart. All das macht „Das Casting“ zu einem sehr unterhaltsamen und überaus spannenden Lesevergnügen. Und zugleich hat man es mit einer der wohl unheimlichsten Frauenfiguren der modernen Literatur zu tun, die einem auch noch nach Beenden des Romans gedanklich weiter verfolgt.

Titel: Das Casting
Originaltitel: Odishon
Autor: Ryu Murakami.
Verlagsdaten: Septime Verlag 2013, 191 Seiten, 19,40€, ISBN: 978-3-902711-15-1

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Tod eines Handlungsreisenden
Zu Arthur Millers literarischem Psychodrama

»Das Wunschbild der sexuell-sozialen Versorgtheit, der rationalisierten Sexualität (lässt) die Ehe zur bürgerlichen Einrichtung im Bürgertum werden (…) und setzt Familie als Refugium vor dem Lebenskampf.«  Ernst Bloch (1895-1977): Das Prinzip Hoffnung

I.
In seinem 1987 in den USA veröffentlichten Erinnerungsbuch »Timebends « kommt Arthur Miller auch ein paar Mal und eher wie beiläufig auf sein ästhetisch und kommerziell erfolgreichstes Bühnenstück »Death of the Salesman. Certain Private Conversations in Two Acts & a Requiem« zu sprechen. Der Dramatiker will nämlich die ihn überraschende »unwahrscheinliche Wirkung« seines (inzwischen – 1953/54 und 1984/85 – zwei Mal verfilmten) dramatischen Konfliktstoffs erklären. Miller führt zwei besondere Auffälligkeiten an: Einmal beobachtete Publikumsreaktionen. Zum anderen erfahrene Pressekritiken. Bereits unmittelbar nach der ersten öffentlichen Aufführung von »Tod eines Handlungsreisenden« – dies war  och vor der New Yorker Premiere am 7. Oktober 1949 (in Philadelphia) – gab es seitdem anhaltende (und auch interkulturell vergleichbare, damit nicht auf die USA beschränkte) Betroffenheiten:

Arthur Miller

Wie bei manchen späteren Vorstellungen gab es bei der ersten Aufführung nach dem Schlussvorhang keinen Applaus. Unter den Zuschauern ereigneten sich merkwürdige Dinge. (…) Besonders Männer saßen vorgebeugt und vergruben das Gesicht in den Händen, andere weinten. (…) Zuschauer gingen durch das Theater, um sich mit jemandem leise zu unterhalten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen ehe jemand daran dachte, zu applaudieren, und dann hörte der Beifall nicht mehr auf.« Was im ersten Moment als theatralische Inszenierung erscheinen könnte – war authentisch: Eine den Theater-Rahmen aufsprengende Reaktionsweise, merkwürdig und aufschlußreich zugleich. Und natürlich auch der (lower) middle-class-Identifikationsfigur Willy Loman (low man …) als reisendem Kleinhändler (Vertreter) zuzuschreiben…

Zum zweiten, Theaterkritiken der Presse, erinnert Arthur Miller, daß nur beim »Handlungsreisenden« mehrheitlich keine »schlechten, gleichgültigen oder höhnischen Kritiken« in der New Yorker Presse bei der Erstaufführung am Broadway erschienen und daß allein dieses Theaterstück des Dramatikers sofort bei Publikum und Presse gleichermaßen wohl-wollend auf- und angenommen wurde. Arthur Miller führt auch diese Besonderheit vor allem auf seine Loman-Figur zurück: Den Typus des »kleinen Mannes«, der doch nur lieben und geliebt werden will, der im Leben etwas zählen (also: etwas darstellen) und als Mensch wie er lebt respektiert, anerkannt und beliebt (»well-liked«) sein will.(1)

II.
Natürlich war »Tod eines Handlungsreisenden« weder Arthur Millers erstes noch sein letztes Bühnenwerk – wohl aber jenes seiner Theaterstücke, welches den Autor (so der »Literaturbrockhaus« 1995) zu einem der »führenden Vertreter des modernen amerikanischen Theaters« werden läßt – eines Dramatikers, »der in Anlehnung an europäische Vorläufer (…) gesellschaftskritische Themen mit neuen technischen Mitteln weitgehend realistisch auf der Bühne darstellt«. Dabei führt Millers»Handlungsreisender« wie schon sein zwei Jahre früher am Broadway aufgeführtes Schauspiel »All my Sons« (1947) wieder ein in ein, wenn manso will, petty- oder lumpenbürgerliches, vom (vormals Hausieren genannten) gewerblichen Vertreterwesen bestimmtes häusliches Familienmilieu judaisch-amerikanischer Ostküstenausprägung. (Anintellektualisiert und auf middle-class-Maß gehoben, dazu romanhaftarabesk verdichtet und stärker mit Generationsrücksicht, damit auch aufEinwanderer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen, ist auch Saul Bellows – Nobelpreis für Literatur 1976 – Kernmilieu in seinen auch deutsch publizierten Romanen: »Herzog«, 1961, »Mr. Sammlers Planet«, 1970 oder »Humboldt’s Gift«, 1973).DeathOfASalesman

Für seinen »Handlungsreisenden« erhielt Arthur Miller zwar nicht den Literaturnobelpreis…aber doch den in der literarischen US-Szene anerkannten Pulitzerpreis (1949). Und dies auch wegen seiner kritischen und mit entwickelten ästhetisch-dramaturgischen Mitteln bühnenwirksam präsentierten Sicht auf US-amerikanische Erfahrung und Geschichte, in der trotz der großen Depressionserfahrung mit der Weltwirtschaftskrise (1929) eine soziale »Lebenslüge« wirksam war und ist: Der US-amerikanische Traum vom individuell möglichen und machbaren sozialen Aufstieg, vom Tellerwäscher zum Millionär…Leistungs- und zugleich Lebensmythos überhaupt.

Dies war Arthur Millers Haupttopos: Und auch als nun schon seit Jahrzehnten »durchgesetzter« und weltweit bekannter Dramatiker geht der Autor diesen Pfad zurück in »The American Clock« (1980): Wenn auch ohne die ästhetische Dichte des »Handlungsreisenden« wieder zu erreichen, führt uns die lockere Spielszenenfolge mit den gut drei DutzendSpielerinnen und Spielern in (so der deutsche Titel des Stücks) »Die Große Depression« zurück. Auch in diesem späten Bühnenwerk Arthur Millers zeigt sich des Autors im Bereich der Ökonomie begründete psychodramatische Virtuosität und dramaturgische Meisterschaft… wobei, zugegeben, der Autor auch auf publizierte Interviews zum Innern der Krise und langanhaltende subjektive Krisenerfahrungen (ich meine Studs Terkels Bände »Hard Times: Oral History of the Great Depression«, 1970, und »American Dreams: Lost & Found«, 1980) zurückgreifen konnte).(2)

Was jedoch im »Tod eines Handlungsreisenden« als Requiemschluss notwendig und zwingend wirkt – erscheint in der »Großen Depression« eher als willkürlich montierter Abspann: Die sarkastische Botschaft des alten Lee Baum, dass erst der (nächste und Zweite) Weltkrieg die wirtschaftliche Depression beenden und den ökonomischen Aufschwung bringen konnte. (Auch dieses Wirkliche war wohl wirklich, deshalb aber nicht notwendig vernünftig). – So gesehen, ist Arthur Millers Rückkehr zum Ausgangspunkt – dem von ihm als Dramatiker wesentlich mitbegründeten neo-realistischen Psychodrama (in) der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in »Die große Depression« – denn doch eher bloße Rückschau als produktive Weiterführung.

III.
Die Handlung des zwölf Personendramas -Doppelbesetzungen wären auch möglich -ist um den Kern, die vierköpfige Kleinfamilie und ihren überdimensionalen und defekten, freilich noch nicht völlig abbezahlten Kühlschrank in der Wohnküche gruppiert. Im Mittelpunkt einerseits Willy Loman, Anfang 60, sein Leben lang Vertreter (Handlungsreisender), erfolglos, ausgelaugt, auch nervlich am Ende. Nun ist Willy altes Eisen, ausgemustert ohne Gehalt (Fixum), nur noch auf seine Abschlüsse in einem weiten Bezirk und in Konkurrenz zu jüngeren commis voyageursangewiesen, vom Firmenchef grad noch als fünftes Rad am Geschäftswagen geduldet. Willy fährt unkonzentriert seinen alten Chevy, sollte wissen, dass er am Ende ist, hängt sich jedoch um so stärker an seine Illusion, dass er nach wie vor gebraucht würde und beliebt war. Dies ist eine durchaus psychotisch in Form von Selbsttäuschung, Depressions-schüben und Suicidvorbereitungen bemerkenswerte Auffälligkeit.

Linda Loman, (Haus-)Frau und Mutter der Söhne Biff und Happy, weiß von den Problemen ihres Mannes und auch, daß ihr Mann, den sie nach vielen Ehejahren sicherlich nicht mehr heiß liebt aber doch als Person wie sie ist anerkennt, in seinem Lebenslüge-Syndrom aktuell suicidgefährdet ist … kann gleichwohl nur zu ihm halten, ihm Mut geben und Willy Außenweltkonflikte mit einem ihn finanziell unterstützenden Nachbarn oder seinem Vorgesetzten zu vermitteln versuchen. Zusätzliche Spannungen kommen in das Beziehungsgeflecht als Willys ältester Sohn Biff – 34jährig – in die elterliche ´kleine Lebenswelt´zurückkommt, aber vom Vater als »Versager« nicht akzeptiert wird. Diese Ebene ist durch (reale) Rückblenden ebenso deutlich wie die der Beziehung Willy zum »erfolgreichen« großen Bruder Ben, der gleichsam als Ich-Idol und damit unerreichbar erscheint (weshalb hier auch irreale Retroperspektiven dramatisiert werden). Insbesondere wird eine zwanzig Jahre zurückliegende Schlüsselszene benutzt, um Willy Loman als Mann, der sich selbst sowie seine Frau und besonders seinen Ältesten täuscht, vorzustellen: Biff sucht Nähe und Hilfe seines Vaters, reist ihm nach, der lässt sich verleugnen … und schläft (um den Preis eines damals begehrten Paar Nylons) mit einer Firmeneinkäuferin in einer billigen Absteige. Dies erkennt der 14jährige Junge. Und damit ist das Verhältnis Vater-Sohn dauerhaft (und unumkehrbar) gestört infolge wechselseitiger Enttäuschungen.

Vielleicht gerade weil Willy Loman von seinen auch finanziell belastenden Alltags- und Zukunftssorgen, zu denen nun noch Sohn Biff ins Haus kommt, schier erdrückt wird, nimmt er die Einladung seiner beiden Söhne in ein Restaurant mit anschließendem Kneipenbummel unter Männern an.

Gefeiert werden sollte eigentlich eine Anstellung Biffs, der sich irgendwo vorstellte, aber nicht mal vorgelassen wird, also übers Vorzimmer nicht hinaus kommt. Deutlich wird, daß Biff immer nur »odd Jobs« hatte, gestohlen und betrogen hat und doch vom Vater als toller Kerl, dem die Welt offensteht, gesehen werden will. Im Restaurant reißt Happy, der jüngere Bruder, routiniert zwei Frauen auf. Zu den vier gesellt sich der eingeladene und verstaubt-schäbig wirkende Willy Loman. Und nun bricht der Vater-Sohn-Konflikt im öffentlichen Raum aus im Beisein der beiden angelachten Frauen, denen gegenüber Happy seinen Vater verleugnet und ihn als irgendeinen alten Mann ausgibt.

Ein so verwirrter wie enttäuschter Willy Loman verläßt den Schauplatz und geht allein nach Hause. Dort gibts eine erneute Vater – Sohn – Auseinandersetzung: Ein ebenfalls enttäuschter Biff entdeckt das Instrument des gedanklich bei Willy Loman immer präsenten Suizids, einen Schlauch in der Garage, und zeigt ihn wütend in der Küche vor, um zu verdeutlichen, daß er den Vater durchschaut … und Biff schont sich selbst nicht, gibt in Form eines Geständnisses zu, daß er immer und überall aus den Jobs geflogen und eben nicht der vom Vater erwünschte allseits beliebte Biff, der erfolgreiche Sportsmann und die anerkannte Stimmungskanone, ist. Willy Loman erkennt, behutsam bestärkt durch Linda, daß Biff ihn, Willy, als Vater immer bewundern wollte und als Sohn geliebt hat. Was folgt ist ein (dramaturgisch gleichsam als Abspann nur angedeuteter) Bilanzsuizid Willy Lomans, gleichsam rational in Form eines Opfertods inszeniert, weil die Versicherungsprämie rechtzeitig bezahlt wurde und der Tod den Hinterbliebenen 20.000 US-Dollar Prämie bringen soll: Der Motor des Chevy springt in der Garage an und Willy Loman jagt mit Vollgas davon …

Was Arthur Miller auch mittels artistischer Montagen, Schauplatzwechsel, Ineinandergreifen von Fiktivem und Realem, Symbolischem und Konkretem sowie mit Rückblenden auf einer dreigliedrigen Bühne – unterstützt durch Vorgaben für Lichteffekte und Musikelemente – ästhetisch entwickelt – hat, ein paar Jahre später, ein deutscher Autor thematisch bündig auf den inhaltistischen Punkt gebracht: »Er sah die Menschen, und er sah, daß sie sich an Illusionen festklammerten, an die sie schon lange nicht mehr glaubten. Eine dieser Illusionen war das Familienglück.«(3)

Im Abspann seines Dramas vom »Tod eines Handlungsreisenden« läßt Arthur Miller als »Requiem« Nachbar Charley, der als einziger auch dem lebenden Willy Loman finanziell unter die Arme griff, gegen dessen Söhne am Grab des Vaters sagen (und der Eingangssatz wurde denn auch jahrelang so etwas wie ein geflügeltes Wort): »Willy was a salesman. And for a salesman, there is not rock bottum to the life. He don’t put a bolt to a nut, he don’t tell you the law or give you medicine. He’s a man way out there in the blue, riding on a smile and a shoeshine. And when they start not smiling back – that’s an eaithquake. And then you get yourself a couple of spots on your hat, and you’re finished. Nobody dast blame this man. A salesman is got to dream, boy. It comes with the territory.«

Wenn Manfred Pütz im Nachwort zu seiner (im Übrigen soweit erkennbar preisgünstigsten) englischsprachigen Ausgabe des »Handlungsreisenden« sich darüber verwundert gibt, wie wenig sich Kritiker und Kommentatoren über Themen und Tendenzen oder über formale Gestaltung des Stückes einig zu werden vermochten(4) – so halte ich grad dies‘ ambiguöse, unabgeschlossene und offene für eine erweisliche Stärke des »Handlungsreisenden« als theatralisch-sprachlichem Kunstwerk. Denn dieses ist – wie jedes Kunstwerk, das so genannt werden soll – mehrdeutig, polyvalent, damit auch in verschiedener Weise wirkend und von (hier: Theater-) Zuschauern aufnehmbar bzw. zu deuten, zu akzeptieren oder auch abzulehnen. Es ist gerade diese ästhetisch vielfältige und niemals eindimensionale Wirkungspotenz, die jedes Kunstwerk von der bekannten im Sinne mathematischer Binär- und aller darauf aufbauenden technischen Ein-Eindeutigkeitslogik im computerisierten Zeitalter mit ihren nur Ja- oder- Nein-Vereinfachungen unterscheidet … und zugleich Spannung, Reiz und über aktuelle Räume und Zeiten mögliche Wirksamkeiten von Kunst als solcher ausmacht.

Und dies trifft sicherlich auch auf Arthur Millers »Death of a Salesman« als darstellende Wort- und Aktionskunst zu. Insofern ist das Theaterstück von 1949 mehr als das, was es in publizistischer Funktion auch -aber eben nicht nur – ist: Uns heute Nachgeborenen eine angemessenere, weil zusammenschauende, Vorstellung von konfliktorischenLebensbedingungen, -weisen und -formen zu geben als die zahlreichen »direkten, vielfältigen und verwirrenden Zeitzeugnisse«(5) – hier etwa innerhalb der Berufswelt männlicher Untermittelklässler und ihres familiären Umfelds in/um New York nach dem Zweiten Weltkrieg und noch vor der US-Prosperität infolge des Koreakrieges in den 50er Jahren.

Arthur Miller (1966)

IV.
Manfred Pütz systematisiert in seinem informativen Nachwort zusammenfassend Arthur Millers ästhetisch-entwickelte »formale Besonderheiten« des »Handlungsreisenden« und betont im Zusammenhang der »auffallenden Verwendung von Symbolen, Effekten der Licht- und Musikregie, komplexer Überlagerung verschiedener Zeitebenen, Perspektivenwechsel zwischen realistischer Gegenwartshandlung und imaginären Vergangenheitserlebnissen« sowie dem »so einfachen wie multifunktionalen Bühnenbild, das die Vorstellungskraft des Zuschauers herausfordert« das auch genre-ästhetisch offene Moment in Millers Stück, zugespitzt: Ob der »Handlungsreisende« eher als »realistischnaturalistisches Theater« oder eher als »expressionistisches Drama« zukategorisieren sei. (Pütz geht den goldenen Mittelweg und plädiert fürs differenzierte Sowohl-als-Auch, demzufolge der Dramatiker Arthur Miller’s halt verstanden hat, »die realistischen und naturalistischen Elemente des Stückes so mit expressionistischen Darstellungstechniken zu verschmelzen, daß eine neue, durchaus eigenständige Einheit entsteht.«(6) Zugleich spricht der Herausgeber drei thematische Felder als Konfliktdimensionen im »Handelsvertreter« an: Gesellschaftskritik, schrankenlos-kapitalistischen Verdrängungskampf und Schmutzkonkurrenz unter den Bedingungen US-amerikanischer Wettbewerbs- und Tüchtigkeitsideologie; Kritik an Personen und Konfigurationen, die/in denen der »American Dream« subjektiv wirksam, das meint: nicht nur geglaubt, sondern werthaft verinnerlicht und normhaft durch Handlungen inbezug auf andere, also nach außen, dokumentiert wird. Und das innerfamiliäre Beziehungsgeflecht mit der zentralen Konfliktachse Vater-Sohn-Verhältnis … wobei diese Sicht Willy Loman als Hauptfigur und Protagonisten relativierte und in der (auch in beientsprechender Regie herauszuarbeitende) bürgerlichen Vater-Mutter-Söhne-Kleinfamilie und ihrer verclinchten kleinen Lebenswelt die Zentraldimension sähe – Familie also als Ursache und Wirkung, Täter und Opfer zugleich … letztlich für eine weitere, vierte Konfliktebene: eine soziale Noxe, also das, was Persönlichkeiten zerstört und Individuen insbesondere im sozialmedizinisch-psychiatrischen Sinn krank macht und damit zugleich auf spezifische Konstruktionsdefekte im modernen US-amerikanischen Sozialcharakter bzw. dem auch ökonomisch bestimmten Zusammenhang von »Character and Social Structure« (Hans Gerth/C. Wright Mills) hinweist.

tod eines handlungsreisendneDiese Aufnahme- und Deutungsvariante würde das Besondere an Arthur Millers Zweiakter als Psychodrama herauszuarbeiten bzw. in entsprechender Inszenierung dramaturgisch und wirkungsästhetisch zu transformieren versuchen: Etwa mit der schon sprachlich deutlichen Parallelisierung von wirtschaftlicher und seelischer Depression – die im Detektionsprozess um Willy Loman bis ins früher »Spaltungsirresein« genannte Feld von Schizophrenie im klinischen Sinn führt, damit zugleich auch einen »klassischen« europäischen intrapsychischen Konfliktstoff – etwa die faustischen zwei Seelen in der Mannesbrust oder dieJanusköpfigkeit des Jekyll & Hyde-Stoffs – in der modernen US-amerikanischen dramatischen Literatur wieder aufnimmt und zugleichproduktiv bearbeitet. Dieser – vierte – Ansatz könnte denn auch zu einem fünften Deutungsstrang verdichtet werden. Einer literatur- und dramenpsychologischen Ebene: Willy Loman als »Maske« (Thomas Mann) – als Zirkulationsagent ohne handwerklichen Hintergrund („who don’t put aholt to a nut“), der also nicht mit Schrauben und Muttern dinglich arbeitet und der nicht anders kann als sich auf die abstrakte Tauschebene auszurichten und vom Geld abhängig und insofern seinen Gattungsmöglichkeiten nach ent-fremdet wird, dieses ahnt und sich ständig des »well-liked«, also der Außenanerkennung, rück-versichern muß.

Dies wäre eine wenn man so will: Von der Wirtschafts- und Erwerbswelt »kleiner Leute« ausgehende klinisch-soziologische (oder: sozialdiagnostischsozialpsychologische) Deutungsvariante, die sowohl an zeitgenössische USamerikanische als auch westeuropäische Gesellschaftskritik anschließen könnte.(7)

Auch wenn sicherlich über die fünf angedeuteten hinausgehend weitere und Variante Interpretationen von Millers »Handlungsreisenden« möglich wären … sie sollen jetzt und hier nicht versucht werden. Wichtig scheint mir jedoch, daß entsprechend dem Grundanliegen des Theaterstücks als Kunstwerk unsere Verletzlichkeiten auch in ihrer Destruktivität (hier Lomans Selbsttötung) offen thematisiert werden können … was unter Einvernahme geeigneter Symbol-, Bilder- und Formensprache nur ein Kunstwerk kann. Denn es geht gerade im Betroffenheiten hervorrufenden »Tod eines Handlungsreisenden« um eine der beiden Möglichkeiten – Zerstörung – unserer umfassenden conditio humana und jene immergeschichtlich konkret wirksamen, folglich auch durch menschliches Handeln veränderbaren Lebensbedingungen.

V.
Das nächste große Theaterstück Arthur Millers kommt parallel zur erstenVerfilmung des »Handlungsreisenden« 1953: Es ist ein historisches Drama – »The Crucible« (deutsch: »Hexenjagd«). Und jeder, auch der dort implizit angesprochene Kommunistenjäger – Joseph McCarthy, Spitzname: „Senator Amok“ -, nimmt das Stück als das, was es nur sein kann: Eine Kritik anrepressiven Verfolgungspraxen mit den US-Kernstücken Gesinnungsschnüffelei und Kontaktverbot („guilt-by-association“). Der Dramatiker hat in seinen Altersmemoiren das später weltweit, nur zunächstnicht in den USA gespielte Stück ebenfalls von der Wirksamkeit her so bewertet:

Cruciblecover

Hexenjagd

»Im Laufe der Jahre wurde die Hexenjagd mein bei weitem am häufigsten aufgeführtes Stück – sowohl im Ausland als auch in den USA. Seine Bedeutung veränderte sich jeweils mit dem Ort und mit der Zeit. Ich weiß beinahe, wie die politische Situation eines Landes aussieht, wenn das Stück dort ein Erfolg wird – entweder ist es eine Warnung vor einer kommenden Tyrannei oder die Erinnerung an eine gerade Überwundene.«(8)

Mit der »Hexenjagd« und einem Stückchen an Jonathan Swift(9) geschulter aktueller politischer Publizistik (unter dem Titel »A Modest Proposal« und der dann entwickelten scheinbaren Untertanenbitte) kommt sowohl die Einladung zum öffentlichen Verhör vor dem Auschuss für unamerikanische Umtriebe des US-Repräsentantenhauses am 21. Juni 1956(10) als auch eine »längere Periode persönlicher und politischer Schwierigkeiten in Millers Leben.(11)

Und gerade Arthur Millers Lebensjahrzehnt bis etwa Mitte der 60er Jahre zeigt, daß es ganz falsch wäre, den Autor von »Tod eines Handlungsreisenden« und »Hexenjagd« als ungebrochenen Helden darzustellen. So mutig sich Miller im öffentlichen Hearing verhält, in dem er (hier dem Beispiel von Lilian Hellman folgend)(12) als »unfreundlicher Zeuge« keine Namen ex-kommunistischer Sympathisanten nennt, so hat er doch gleichzeitig im persönlichen Leben seine zeitweilige Ehefrau Marilyn Monroe, die den gut zehn Jahre älteren Autor als moralische Autorität bewunderte, enttäuscht – nicht zuletzt, weil der »Beschützer« aus der Sicht einer damals alkohol-, tabletten- und beziehungsabhängigen und so verletzlichen wie schutzsuchenden Marilyn die in ihn gesetzten hohen Erwartungen und Anforderungen nicht erfüllen kann, weil er selbst, seit Jahren als Schriftsteller ästhetisch-creativ blockiert und unproduktiv, ums Überleben als politisch engagierter Künstler kämpft und all seine Energie für sich aufbraucht. Arthur konnte Marilyn den nötigen und gesuchten Halt nicht geben. Dieser Aspekt subjektiver Enttäuschung der emotional bedürftigen Partnerin scheint in der Darstellung der Marilyn-Monroe-Biographin auch offen auf, wenn es im Miller-Abschnitt unter dem Titel »Die große Hoffnung« heißt: »Miller selbst zerstörte sein positiv kämpferisches Image, indem er sich als literarischer Streikbrecher betätigte. Er schrieb das Drehbuch (…) zu »Let’s Make Love« um, während sich die Scriptautoren im Streik gegen die Studios befanden (…) Von nun an hatte Marilyn die Achtung vor ihrem Ehemann restlos verloren.«(13)

VI.
Ende 1996 waren wenn buchhändlerische Inventarverzeichnisse lieferbarer Titel denn so vollständig sind wie beansprucht – und mal abgesehn von einem 75-Minuten-Video (»Arthur-Miller-Omnibus«) – insgesamt 28 Buch und Broschürentitel des Autors Arthur Miller zu (ver)kaufen, Arbeitshilfen und Originaltextausgaben für den deutsch- und fremdsprachigen Unterricht eingeschlossen. Zum »Tod eines Handlungsreisenden« waren davon allein acht lieferbar, von diesen wiederum sechs englischsprachige Editionen einschließlich »Text & Studies Aids« und kommentierte Originaltextausgaben des Theaterstücks. (Auch die hier benutzte von Manfred & Gunda Pütz, Ausgaben 1984 und 1990). Von den beiden deutschsprachigen Ausgaben habe ich die schon am Titel (»Tod eines Handlungsreisenden«) sofort erkennbare Neuübersetzung herangezogen (in der ersten Übersetzung von Ferdinand Bruckner lautete der unbestimmte Originaltitel irrtümlich: »Tod des Handlungsreisenden«).

Es mag sein, daß die neue deutsche Übersetzung von Schlöndorff/Hopf, die für die Zweitverfilmung mit Dustin Hoffman als Willy Loman eine modernisierte Version des »Handlungsreisenden« feilbietet, flüssiger lesbar ist als die zeitgleiche Eindeutschung. Nur: Mir erscheint die Schlöndorf/Hopf -Variante des Guten zuviel getan zu haben, genauer: Mir ist das, was als »Tod eines Handlungsreisenden« von Arthur Miller in nahezu einer halben Million Fischertaschenbücher auf den Markt kam, doch einerseits zu flapsig, andererseits zu schlampig übersetzt: Es mag – erstens – angehen, eine Schlüsselmetapher wie beliebt oder nicht beliebt als (not) well-liked umgangssprachlich zu fassen, als eine, wenn sicherlich nicht die trennschärfste, Möglichkeit. Hingegen erscheint mir – zweitens – aus dem zitierten Requiem auf den toten Willy Loman die Schlöndorff/Hopf-Version von »He don’t put a holt to a nut« pseudoliterarisiert wenn es heißt: »Er fügt kein Brett in Nut und Feder« und einfach – Nachbar Charley spricht nämlich nicht Shakespearian English, sondern Brooklyn-Slang – die Wendung: Ein Vertreter hantiertweder mit Schrauben und Muttern (und weiter:) noch spricht er Recht oder verschreibt Medikamente, angemessen wäre. Drittens schließlich verkennen Schlöndorff/Hopf als Übersetzer den bewußt artifiziellen Charakter des Originaltextes völlig, wenn sie aus Lidas Liebeserklärung »Willy, darling, you’re the handsomest man in the world« die wurschtige catch-all-version »Willy, Liebling, Du bist ein Prachtkerl« machen. Genau so wird doch das grammatisch Besondere der Linda-Aussage, nämlich der weil ungebräuchlich gestelzt wirkende Superlativ »handso mest« zur postmodernen Beliebigkeit verkehrt, übrigens auch dann, wenn jede Linda-Darstellerin das Du bist betonen würde. Die Allerweltsfloskel »Prachtkerl« verdeckt das hausfraulich Besondere (im übrigen gehts um ihren Mann und kein Pferd im Stall.) Die »Prachtkerl«-Formel ist aber auch sprachmelodisch-rhythmisch unangemessen: Was im Original acht akzentuiert (wenn nicht gestelzt) zu sprechende Silben ausmacht, ergibt bei Schlöndorff/Hopf grad zwei (die auch weggenuschelt werden können, was im Film abgehn mag, aber schlechte Theaterpraxis wäre). Und schließlich geht, kommunikationstopologisch gesehn, das sprachliche Sich-in-Beziehung-Setzen der Linda zu »ihrem« Willy in dieser Sequenz völlig unter. Was im US-amerikanischen Arthur-Miller-Text, vermutlich bewußt artifiziell komponiert, als gedrechselt klingender und ganz gebräuchlicher (bekanntlich nicht mehr steigerbarer) Superlativ als »the handsomest man in the world« sprachlich ausgedrückt wird … kommt als »Prachtkerl« und damit von einer sich zu ihrem Mann als Person verbalisierenden Partnerin Linda in der deutschen Version als beliebige Sprechhülse daher. Das ist nicht nur sprachliche Schlamperei. Das ist darüber hinaus intellektueller Dünnpfiff. […]

VII.
»Death of a Salesman« ist vor allem ein Stück Theater für die Bühne. Und für on stage gilt (wie auch für Literaturverfilmungen), was Bertolt Brecht beiläufig zur breiten Wirksamkeit des Kriminalromans notierte: »Es bereitet Genuß, Menschen handelnd zu sehen, Handlungen mit faktischen, ohne weiteres feststellbaren Folgen mitzuerleben.«(14)

Bibliographische Hinweise
Arthur Miller, Death of a Salesmann. Certain Private Conversations in Two Acts & a Requiem. In: Collected Plays. New York: The Viking Press, 1957. Text nach dieser Ausgabe, mit dt. Glossar, Auswahlbibliographie & Nachwort hrsg. v. Manfred & Gunda
Pütz, Stuttgart: Reclams Universal-Bibliothek/RUB 9172, 1984, 171 p. – DeutscheAusgabe: Tod eines Handlungsreisenden. Gewisse Privatgespräche in zwei Akten und einem Requiem. Dt. von Volker Schlöndorff mit Florian Hopf. Ffm.: Fischer TB 7095/Reihe Theater, 469.-476. Tausend, April 1996, m. Anmerkung von VolkerSchlöndorff, 119 Seiten

Anmerkungen
(1) Arthur Miller, Zeitkurven. Ein Leben. Ffm.: Fischer TB 5685, 1989, zitiert S. 254, 702, 245

(2) dt. Buchausgaben: Studs Terkel, Der Große Krach. Die Geschichte der amerikanischen Depression. Ffm.: suhrkamp taschenbuch/st 23, 1972; ders., Der amerikanische Traum. Vierundvierzig Gespräche mit Amerikanern. Bln.: WagenbachsTaschenbücherei AVAT 80, 1981

(3) Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus (Roman). Ffm.: suhrkamp taschenbuch/st 78, 16.-23. Tsd./2. Auflage, 1976, S. 111

(4) Manfred Pütz, Nachwort zu: Death of a Salesman, op. cit., S. 160-170

(5) so Vilfredo Pareto, Trattato di sociologia generale, Firenze: G. Barbfera, sec. ed., 1923, vol. I, § 545

(6) Pütz, Nachwortop. cit., 169

(7) etwa bei David Riesman et. al., The Lonely Crowd (1950), dt. Ausgabe zunächst Neuwied-Berlin: Luchterhand, 1956, dann als Taschenbuch Reinbek: rororo, 1958; oder bei Hans Kilian, Das enteignete Bewußtsein. Neuwied-Berlin: Luchterhand, 1971

(8) Miller, Zeitkurven, op. cit., S. 460

(9) Jonathan Swift, A Modest Proposal For Preventing the Children of poor People in Ireland, from being a Burden to their Parents of the Country; an for making them beneficial to the Public, In: same, Irish Tracts, 1728-1733, ed. Herbert Davis, Oxford: Basil Backwell, 1955, pp. 108-118. In altertümlicher Übersetzung dt. in: Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift, Bd. I, Zürich by Orell, Geßner & Comp., 3. Auflage 1977, S. 51-68 (Reprint)

(10) deutscher Text in: Sind oder [ra]waren Sie Mitglied? Verhörprotokolle über unamerikanischeAktivitäten, hrsg. v. Hartmut Keil. Reinbek: Rowohlt/das neue Buch: dnb 131, S. 116-129; Miller hebt vor allem auf seinen individuellen Künstlerstatus ab

(11) Pütz, Nachwort, op. cit. S. 162

(12) Lilian Hellmann, Scoundrel Time. London: MacMillan,1976; deutsche Ausgabe u.d.T.: Zeit der Schurken. Ffm.: Neue Kritik, 1979

(13) Ruth-Esther Geiger, Marilyn Monroe. Reinbek: Rowohlt/rm 507, April 1995, S. 85-102, zit. S.97

(14) Bertolt Brecht, Über die Popularität des Kriminalromans, Gesammelte Werke Bd. IX, Ffm: Suhrkamp, 2. Auflage, 1968, S. 453

Erstdruck: PSYCHOLOGIE VERSTEHEN! Hg. Kurt Guss, Papillon Verlag, 6 (1997) 1: 9-19. Für diese Veröffentlichung um den Abschnitt der damals über den Büchermarkt verfügbaren Textausgaben mit damaligen DM-Preisen gekürzt. [ra]

Richard Albrecht ist ausgebildeter Journalist, betrieblicher Ausbilder und Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation). Er lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

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