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Archive for the ‘Die Klunkerecke’ Category

Anspruchsvolle SF-Filme sind eher ein seltenes Vergnügen. Um so schöner ist es, wenn sich einmal wieder ein junger Regisseur daran wagt, eine Geschichte zu kreieren, die abseits des Mainstreams angesiedelt ist. Mit seinem Debüt „Eden Log“ liefert Franck Vestiel ein düsteres Zukunftsszenario, das durchaus mit der Ästhetik des französischen Comickünstlers Bilal zu vergleichen ist.

Der Film handelt von Tolbiac, der durch ein seltsames Höhlensystem kriecht. Hier und da gibt es alte, rostige Aufzüge. In verlassenen Kontrollstationen taucht immer wieder der Name Eden Log auf. Tolbiac versucht herauszufinden, was überhaupt geschehen ist und weswegen er sich in diesem unterirdischen System befindet. Dabei wird er von unheimlichen, halbmenschlichen Kreaturen gejagt, genauso wie von Wachpersonal, das nur in schweren Schutzanzügen das unterirdische Labyrinth betrtt …

Mit Sicherheit ist „Eden Log“ keine leichte Kost, sondern verlangt von dem Zuschauer große Aufmerksamkeit. Insgesamt geht der Film zum großen Teil nur in Bildern auf, indem Vestiel versucht, Dialoge soweit wie möglich zu vermeiden. Dies hat zur Folge, dass er sich voll und ganz auf die Visualisierung der Geschichte konzentriert und diese voll ausreizt.

Wie bei einem Puzzle setzen sich nach und nach die einzelnen Teile zusammen, um schließlich am Ende des Films Vestiels bizarre und erschreckende Vision als Ganzes darzustellen. Die Beleuchtung der einzelnen Szenen ist stark reduziert, so dass dadurch zugleich das Geheimnisvolle und Rätselhafte in einer beinahe klaustrophobischen Dunkelheit zum Tragen kommt.

Vestiel setzte dabei noch eines drauf, indem er eine radikale Farbreduktion durchführte, die den gesamten Film in einer Art metallisch anmutendem Schwarzweiß erscheinen lässt. Das dabei erzeugte extreme Spiel zwischen Licht und Schatten gibt dem Film den Anschein eines Comics, ja, einzelne Bilder erscheinen wie die Eins-zu-eins-Umsetzung einer sog. Graphic Novel. All dies macht „Eden Log“ zu einem sehr dichten und extrem beklemmenden SF-Film, der einem nicht so schnell aus dem Kopf geht.

Eden Log, Regie: Franck Vestiel, Drehbuch: Franck Vestiel, Pierre Boridage, Produktion: Cedric Jimenez, Darsteller: Clovis Cornilliac, Vimala Pons, Zohar Wexler, Sifan Shao, Arben Bajraktaraj, Abdelkader Dahou, Frankreich 2007, 98 Min.

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„Daimajin“ (1966); Copyright: JSV

Die Daiei-Studios waren so etwas wie die Konkurrenz zu den legendären Toho Studios. 1942 gegründet, gingen knapp 30 Jahre später in den Hallen die Lichter wieder aus. Berühmt wurde Daiei durch die „Gamera“-Filme sowie die Filme um den blinden Samurai Zatochi. Geradezu außergewöhnlich sind die „Daimajin“-Filme, in denen es um die riesige Statue eines Kriegsgottes geht, die auf einmal lebendig wird.

Außergewöhnlich ist „Daimajin“ deswegen, da er im Grunde genommen ein Historienfilm ist, der sich im Finale abrupt in einen Monsterfilm verwandelt. Es geht um den Fürst Hanabusa, der eines Tages von seinem Feind Odate gestürzt wird. Hanabusas Kinder können in die Berge fliehen, wo sie von einer Priesterin und dem Samurai Kogenta erzogen werden. Zehn Jahre später herrscht Odate immer noch, und die Verehrung des Kriegsgottes ist verboten. Gab es bereits vor zehn Jahren Anzeichen dafür, dass der Majin langsam zum Leben erwacht, so wird die Statue nun endgültig lebendig und beginnt ihr Werk der Zerstörung.

Originalkinoplakat von „Daimajin“

„Daimajin“ ist ein Film, der mich regelrecht umgehauen hat. Eigentlich hätte schon die dramatische Handlung um Odate und die versteckten Kinder des Fürsten genügt, um den Film mit genug Action und Spannung auszufüllen. Auch die wunderbare Optik gefällt, die sich teilweise an klassischen japanischen Gemälden orientiert. Regisseur Kimiyoshi Yasuda geht jedoch noch einen großen Schritt weiter. Die tragische Geschichte, die im Japan des 17. Jahrhunderts angesiedelt ist, verwebt sich zunehmends mit übernatürlichen Elementen.

Zunächst sind es seltsame Beben, die die Bevölkerung erschrecken und den Glauben wieder aufkommen lassen, dass die Statue des Majin lebendig wird, um sich an den Menschen zu rächen. Im großartigen Finale schließlich wird dieser Glaube Realität und die zehn Meter hohe Götterstatue kommt von den Bergen herunter, um die Siedlung zu zerstören.

Der Majin in Aktion; „Daimajin“ (1966); Copyright: JSV

In dem Film wirkt nichts kitschig oder überdreht. Es handelt sich auch nicht um einen der typischen japanischen Monsterklopp-Filme. „Daimajin“ ist ungewöhnlich ernst und verbreitet dabei eine überaus düstere Stimmung. Selbst als der Majin in Aktion tritt, bleibt diese Stimmung erhalten. Es ist interessant, dass der Wechsel vom Hisorienfilm hin zum Monsterfilm nahtlos gelingt. Die Riesenstatue wirkt keineswegs wie aufgesetzt. Sämtliche Ereignisse spielen sich innerhalb der Handlungslogik ab, und das Erscheinen des Majin ist letztendlich die Konsequenz der diversen Handlungsabläufe. Und wenn schließlich der Majin in Erscheinung tritt, dann in einer rasenden Zerstörungswut, vor der so gut wie nichts sicher ist.

Während „Daimajin“ 1966 auch in den US-amerikanischen Kinos lief, so kam er nie bis nach Deutschland. Erst vor wenigen Jahren erschien der Film hierzulande auf DVD. Eine echte Perle des phantastischen Films.

Daimajin. Regie: Kimiyoshi Yasuda, Drehbuch: Tetsuro Yoshida, Produktion: Masaichi Nagata, Darsteller: Riki Hashimoto, Miwa Takada, Yoshihiko Aoyama, Tatsuo Endo, Yutaro Gomi, Jun Fujimaki. Japan 1966, 84 Min.

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Nachdem es die beiden US-amerikanischen Versionen des japanischen Übermonsters aus den Jahren 1998 und 2014 nicht wirklich gepackt haben, nahmen die legendären Toho Studios das Zepter wieder selbst in die Hand – und dies, obwohl man mit „Godzilla – Final Wars“ (2004) eigentlich einen Schlusspunkt hatte setzen wollen.

Aus diesem Grund nannte man den Film dann auch „Shin Godzilla“, was so viel wie „Neuer Godzilla“ bedeutet. Die Ankündigung, dass die japanischen Filmemacher das internationale Lieblingsmonster wieder zurück auf die Leinwand bringen wollen, glich einem echten Paukenschlag. Dementsprechend war „gespannt sein“ ein zu gelinder Ausdruck. Und schließlich war es soweit, als im Juli vergangenen Jahres Godzilla wieder sein berühmtes Brüllen in den japanischen Kinosälen von sich geben durfte.

Das Ergebnis: „Shin Godzilla“ wurde schlagartig zu einem der erfolgreichsten japapanischen Filme, einem Budget von umgerechnet 15 Millionen Dollar steht ein nationales Einspielergebnis von umgerechnet 77 Millionen Dollar gegenüber. Klar, dass man bereits an einem zweiten Film arbeitet.

Doch wie ist der neue Godzilla zu bewerten? Um es gleich als erstes zu erwähnen: „Shin Godzilla“ ist um ein Vielfaches besser als die beiden US-Versionen. Die Effekte sind zwar nicht ganz so großartig, dennoch hervorragend und verbunden mit einer überaus genialen Optik. Die beiden Regisseure Hideaki Anno und Shinji Higuchi gelang es einwandfrei, das Monster in die Gegenwart einzubetten.

Halb Politiksatire, halb bildgewaltige Monsterfaszination erzählen sie die Geschichte um das Ungeheuer aus dem Meer neu, indem eines Tages ein seltsames Phänomen vor der Küste Japans beobachtet wird. Während sich die sog. Experten in den verschiedenen politischen Gremien darüber streiten, ob es sich um ein Unterwasservulkan oder um eine andere natürliche Ursache handelt, kommt in kurzen und extrem lauten Zwischenszenen die eigentliche Ursache ins Bild: ein riesiges Monster, das auf Tokio zusteuert.

Es ist sehr interessant, die Idee zu verfolgen, wie die Politik auf solch ein Ereignis reagieren würde. Beeinflusst durch das Versagen der Behörden und das Aufdecken von Korruption in Sachen Fukushima, begleichen die beiden Regisseure auf filmische Art und Weise die Rechnung, indem sie das Verhalten typischer Beamter und Politiker, die auch in der größten Katastrophe auf Wählerfang sind, durch den Kakao ziehen.

Gut, das ständige Hin- und Herschneiden zwischen den einzelnen Gremien und Ministerien ist gelegentlich zu viel und die Dialoge manchmal zu lang, ein bisschen weniger Beratung und ein bisschen mehr Action hätte dem Film gut getan, doch wird dadurch der Film überraschenderweise nicht langweilig. Eine besondere Schärfe nimmt die Satire dann an, wenn die USA ohne Wenn und Aber eine Atombombe über Tokio abwerfen wollen, um Godzilla zu stoppen – unterstützt durch den UN-Sicherheitsrat.

Währenddessen versuchen die Wissenschaftler hinter das Geheimnis der Existenz Godzillas zu kommen, und auch hier punktet der Film auf ganzer Linie, wird doch das Wesen mit allen möglichen eingewebten Querverweisen auf die früheren Filme hin untersucht. Man könnte schon fast sagen, dass die naturwissenschaftliche Untersuchung im Grunde genommen eine Art medienwissenschaftliche Untersuchung des Phänomens Godzilla darstellt, natürlich alles untermalt mit einer gewissen Selbstironie.

Auch ansonsten gelingt es Anno und Higuchi, das Original von 1954 elegant in unsere Gegenwart rüberzuverfrachten. So fahren wieder die Panzer auf dieselbe Weise auf wie in den früheren Filmen und Helikopter und Kampfjets sausen durch die Luft – dieses Mal jedoch nicht als handgefertigte Modelle, sondern in der CGI-Variante.

Godzilla selbst ist dank der hervorragenden Optik, die zwischen erzählender Kamera und Quasi-Handy-Aufnahmen hin- und herpendelt, einfach nur riesig, ein wahrer Koloss, der Tokio einmal mehr zu Kleinholz verarbeitet. Sogar auf die Originalmusik aus den 50er Jahren hat man nicht vergessen. Kurz: Eine liebevollere Verneigung vor dem König der Monster gibt es nicht.

Shin Godzilla. Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi, Drehbuch: Hideaki Anno, Produktion: Minami Ichikawa, Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara. Japan 2016, 116 Min.

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Acht Jahre bevor King Kong auf die Zuschauer losgelassen wurde, sorgte die Conan Doyle-Adaption „The lost World“ 1925 für volle Kinosäle. Als Stummfilm konzipiert, konnten die dort auftretenden Dinosaurier zwar noch nicht brüllen, doch die damaligen Kritiker waren sich einig, dass die Kreaturen unglaublich lebendig wirken.

Gestaltet hatte die Spezialeffekte Willis O’Brian, der als einer der besten Spezialeffektkünstler galt und später auch dem berühmten Riesenaffen Leben einhauchte. Das Besondere an „The lost World“ war, dass hier zum ersten Mal Schauspieler und Ungeheuer in ein und demselben Bild zu sehen waren. Zum einen gelang dies durch das sog. Splitscreen-Verfahren, das O’Brian im Laufe der Produktion mehr und mehr verfeinern sollte, zum anderen mit Rückprojektionen, in denen die Darsteller vor einer Leinwand agierten.

Lloyd Hughes als Reporter Malone, Wallace Beery als Prof. Challanger und Betty Love als Paula White; „The lost World“ (1925)

Mit einem Budget von 700000 Dollar waren die Produktionskosten geradezu enorm und damit teurer als der spätere „King Kong“, doch allein in den USA spielte der Film fast 1,5 Millionen Dollar ein. Auch heute ist der Film überaus spannend, kurzweilig und bringt einem regelrecht zum Staunen. Es geht um Professor Challenger, der im Amazonasgebiet ein Plateau entdeckt hat, auf dem noch immer Dinosaurier leben. Natürlich wird er von den Akademikern verspottet. Daher beschließt er, auf das Plateau zurückzukehren, um einen Beweis von dort mitzubringen. Finanziert wird das ganze von einer Londoner Zeitung, die sich dadurch höhere Auflagen erhofft. Doch die Expedition hat noch einen weiteren Zweck, denn Challengers Kollege ist auf dem Plateau zurückgeblieben und es gilt daher, den Vater von Paula White zu finden, die ebenfalls an der Expedition teilnimmt.

Besetzt mit damals bekannten Schauspielern (u. a. Betty Love als Paula White, Lloyd Hughes als Reporter und Wallace Beery als Challenger) entwickelt sich „The lost World“ zu einem furiosen Abenteuerspektakel, dessen Einfluss bis heute reicht. So orientieren sich z.B. die „Jurassic Park“-Filme nicht nur an diesem Klassiker, sondern übernahmen auch mehrere Szenen dieses Films in ihre eigene Handlungen. Dieses Mal natürlich als aufgemotzte CGI-Variante, doch der Unterschied zu „The lost World“ ist nicht groß.

Der Brontosaurus stampft durch London; „The lost World“ (1925)

Dies macht sich besonders dann bemerkbar, wenn der von Professor Challenger mitgebrachte Brontosaurus in London Amok läuft, Häuser zum Einsturz bringt und schließlich sogar die London Bridge demoliert. Ein weiterer Höhepunkt des Films ist der sensationelle Vulkanausbruch, vor dem nicht nur die Menschen, sondern auch sämtliche Dinosaurier fliehen. Insgesamt elf verschiedene Arten hat O’Brian für den Film ins Leben gerufen, darunter einen Alosaurus, mehrere Brontosaurier und mehrere Triceratops.

Das, was damals wie heute so fasziniert, war bzw. ist, dass O’Brian die Atembewegungen der Dinosaurier zeigte, sogar wie sich ihre Pupillen verändern. Er versuchte, die Kreaturen so lebendig wie möglich zu gestalten, und dies ist ihm auch gelungen. All dies machte und macht den Film zu einer wahren Sensation.

The lost World. Regie: Harry O. Hoyt, Drehbuch: Marion Fairfax, Produktion: Earl Hudson, Darsteller: Betty Love, Lloyd Hughes, Wallace Beery, Lewis Stone. USA 1925, 100 Min. (Rekonstruierte Fassung); 55 Min. (damalige Kinofassung)

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Mit dem Anime „Perfect Blue“ kreierte Regisseur Satoshi Kon einen Klassiker des japanischen Zeichentrickfilms. Mit einer Mischung aus Horror, Krimi und Thriller gelingt es ihm, eine durchweg spannende Geschichte zu erzählen – und dies auf sehr hohem Niveau.

„Perfect Blue“ handelt von der Sängerin Mima, die ihre Popband CHAM verlässt, um Schauspielerin zu werden. Der Karrierewechsel führt zugleich zu einer Imageveränderung. Galt sie zunächst noch als unschuldiges Popsternchen, so verschafft ihr die Schauspielkarriere den Charakter eines Vamps. Doch dieser Wandel führt zu merkwürdigen und bedrohlichen Zwischenfällen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Mima kommt auf die Spur einer sonderbaren Internetseite, die jemand in ihrem Namen gestaltet. Eine brutale Mordserie, deren Opfer mit Mima in Beziehung standen, bringt sie an den Rand eines psychischen Zusammenbruchs. Bald scheinen Realität und Illusion zu verschwimmen.

Mit „Perfect Blue“ wandelt Satoshi Kon in den Spuren von Alfred Hitchcock und Brian De Palma. Wie auch diese beiden Regisseure, entpuppt sich Kon als Perfektionist, was den Aufbau von Spannung und die Darstellung des Grauens anbelangt. Auf diese Weise wird der Film keine Minute langweilig. Kon lässt es bis zum Finale offen, welchen geheimnisvollen Hintergrund die Morde und Drohungen haben. Haben wir es hier mit einem irre gewordenen Stalker zu tun? Oder stellt sich Mima vielleicht alles nur vor?

Diese Gegenüberstellung von Schein und Sein führt Kon parallel zu einer kritischen Betrachtung der Film- und Medienbranche aus. Hierbei betrachtet er vor allem die Marketing-Methoden im Showbusiness, in denen die Person gleichzeitig das zu verkaufende Produkt darstellt. Auf diese Weise wird der Mensch Mima der in den Medien wahrgenommenen Rolle, die Mima in der Öffentlickeit spielt bzw. zu spielen hat, entgegengesetzt. Kon veranschaulicht, wie schwer es für sie ist, ihr privates Leben vom öffentlichen Rummel abzukapseln, was dazu führt, dass der Erfolg gleichzeitig zu einer Art Fluch wird.

Dabei behandelt „Perfect Blue“ diese Sequenzen jedoch nicht wie ein Psychodrama, sondern gliedert diese kritischen Aspekte kunstvoll in den Thriller ein. So liefert dies zugleich eine weitere Möglichkeit: Führt der zunehmende Druck zu einer Art gespaltener Persönlichkeit? Wie gesagt, eine Lösung findet sich erst im Finale des Films. Bis dahin bleiben 78 Minuten überaus spannende und beklemmende Unterhaltung.

Perfect Blue. Regie: Satoshi Kon, Drehbuch: Sadayoki Murai, Produktion: Takeshi Washitani. Japan 1998, 81 Min.

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Obwohl der Film damals die Zuschauer maßlos entsetzte, floppte „The Wicker Man“ an den Kinokassen. Bis heute gilt Robin Harrys‘ Werk als nicht nur bahnbrechend, sondern als einer der verstörendsten Horrorfilme überhaupt. Viele Regisseure inspiriert dieser Film bis heute, vor allem Eli Roth, der seine eigenen Produktionen im Stil von „The Wicker Man“ sieht.

Doch um was geht es überhaupt in diesem sonderbaren, überaus beklemmenden Film? „The Wicker Man“ handelt von einem verschwundenen Mädchen. Inspektor Neil Howie hat den Auftrag, zu ergründen, was mit dem Mädchen geschehen ist. Die Suche führt ihn letztendlich auf die Insel Summerisle, die von einem eigenartigen Kult beherrscht wird. Die Bewohner glauben nicht an Gott, sondern an diverse Naturgötter, die sie in verschiedenen Ritualen verehren. Doch da vergangenes Jahr die Ernte überaus schlecht ausfiel, sehen sich die Bewohner dazu gezwungen, dieses Mal ihren stärksten Zauber durchzuführen. Dieser gelingt jedoch nur durch ein Menschenopfer …

Die Grundidee des Films basiert auf Caesars „Gallischen Krieg“, in dem er an einer Stelle von einer riesigen, aus Weiden geflochtenen Figur berichtet, in die Menschen eingepfercht wurden, um sie daraufhin zu verbrennen. Ob dies tatsächlich stimmt oder es sich um eine Art von antiker Propaganda handelt, darüber sind sich Historiker bis heute uneins. Jedenfalls war damit die Idee zu „The Wicker Man“ geboren.

Eigentlich sollte der Film  auf den Roman „Ritual“ von David Pinner basieren. Doch Robin Harrys und Drehbuchautor Anthony Shaffer veränderten den Stoff so stark, dass von der ursprünglichen Geschichte kaum noch etwas übrig blieb. Nur der Grundkonflikt blieb gleich, indem ein religiöser Polizeibeamter auf eine Sekte trifft, die die Natur anbetet.

Der Star des Films: die unheimliche Wicker Man-Figur; „The Wicker Man“ (1974); Copyright: Studiocanal

Man merkt, dass speziell bei den Szenen, in denen es um die Diskussion zwischen Neil Howie (gespielt von Edward Woodward) und dem Sektenführer Lord Summerisle (gespielt von Christopher Lee) Jacques Tourneurs Klassiker „Night of the Demon“ (1956) Pate gestanden hat. Während es bei Tourneur um die Gegenüberstellung von rationalem Wissen und Aberglauben ging, so geht es in den entsprechenden Szenen bei Robin Harrys um die Frage, was nun eigentlich der wahre Glaube ist.

Auf diese Weise treffen in „The Wicker Man“ zwei Extreme aufeinander: der Polizeibeamte, der neben seinem Glauben keinen anderen Glauben gelten lassen möchte, und Lord Summerisle, der nicht weniger von seiner Naturreligion überzeugt ist. Dass es dadurch zu keiner Einigung kommen kann, sondern sich der Konflikt dadurch nur verschärft, liegt quasi auf der Hand.

Doch „The Wicker Man“ geht noch einen originellen Schritt weiter. Die Bewohner der Insel nutzen die moralischen und religiösen Einstellungen Howies aus, um mit ihm ein bösartiges Spiel zu treiben. Und genau hier kommen die beklemmenden und bedrohlichen Aspekte des Films ins Spiel, die „The Wicker Man“ bis heute so einzigartig machen.

Alternatives Kinoplakat von „The Wicker Man“

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal des Films: er ist nicht nur als Mystery-Thriller und Horrorfilm konzipiert worden, sondern ebenso als Musical. Besonders einprägend ist hierbei der „Wicker Man Song“. Die Musical-Sequenzen und die damit verbundene alternative Lebensführung legt nahe, dass hier die Hippie-Bewegung aufs Korn genommen werden sollte. In dieser Hinsicht war der Film seiner Zeit voraus, denn die satirische Sichtweise auf die Hippies nahm das Horrorgenre erst ab Anfang der 80er Jahre vor (wie z.B. in „Poltergeist“).

Wie gesagt, floppte „The Wicker Man“ und dies war natürlich schlecht für die Produktionsfirma, die kurz vor dem bankrott stand. Wahrscheinlich ging die Rechnung nicht auf, da der Film sich in keine vorgefertigte Schablone stecken lässt. Er hält sich nicht an Genrevorgaben, sondern rührt alles durcheinander. Was damals die Kinogänger abschreckte (die Zuschauer, die den Film sahen, erschreckte er), gilt heute als einer der wichtigsten Filme der britischen Filmgeschichte, da er in England genau den Schnitt zwischen den Filmen von Hammer und den postmodernen Horrorfilmen markiert und dadurch zugleich das postmoderne Kino im allgemeinen einläutet.

Aus heutiger Sicht könnte man „The Wicker Man“ in die Protestfilme der 70er Jahre einordnen, also vor allem Filme wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Last House on the Left“, die die konservativen Moralvorstellungen hinterfragten. „The Wicker Man“ geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er Menschen zeigt, die sich gegen die staatlichen Behörden wenden.

Doch ganz egal, wie man den Film sehen möchte und vor allem was man in dem Film sehen möchte, „The Wicker Man“ ist ein Film, der einen nicht mehr loslässt, über den man immer weiter nachdenken muss und der einen mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Kurz: einzigartig.

The Wicker Man. Regie: Robin Hardy, Drehbuch: Anthony Shaffer, Produktion: Peter Snell, Darsteller: Edward Woodward, Christopher Lee, Ingrid Pitt, Britt Ekland. England 1974, 89 Min.

 

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In Deutschland leider fast noch immer unbekannt, ist Regisseur, Autor und Produzent Larry Fessenden in den USA eine feste Indie-Größe. Seine New Yorker Produktionsfirma Glass Eye Pix hat sich ganz und gar dem Thriller- und Horrorgenre verschworen. Obwohl seine Filme auf diversen Festivals ausgezeichnet wurden und werden, schafften es bisher nur wenige bis nach Deutschland.

Der erste Film, der ein Release in Deutschland erfuhr, war „Wendigo“. Mit geringen Mitteln schuf Fessenden einen überaus ästhetischen Horror-Mystery-Film, der beim Woodstock Filmfestival 2001 den ersten Preis erhielt.

„Wendigo“ erzählt die Geschichte von Kim, George und ihrem acht Jahre alten Sohn Miles, die ein Winterwochenende in dem Landhaus ihres Freundes verbringen möchten, um einmal vom Alltagsstress loszukommen. Doch schon auf dem Weg dorthin geschehen sonderbare Dinge. George überfährt einen Hirsch und löst dadurch einen Streit zwischen einer kleinen Gruppe von Jägern aus, die das Tier gejagt haben. Doch auch im Landhaus scheint nicht alles geheuer. Miles hat unheimliche Alpträume. Irgendetwas scheint in dem Wald zu wohnen, an dessen Rand das Haus steht. Besonders Miles spürt dessen verstörende Gegenwart. Schließlich geraten die Dinge außer Kontrolle …

Von Anfang an ist der Film von einer dichten, unheimlichen und leicht verstörenden Atmosphäre gekennzeichnet. Die unruhige Kamera gleich am Anfang lässt den Konflikt zwischen der Familie und den Jägern wie eine Live-Reportage erscheinen. Zuvor sieht man noch, wie Miles am Rücksitz des Autos mit seinen Plastikfiguren spielt, kurz darauf dann der harte Kontrast zur düsteren Realität, die geprägt ist von der unangenehmen Begegnung mit einer Gruppe Hinterwäldler.

Gleich zu Beginn präsentiert Fessenden eine wundervolle Gruselästhetik; „Wendigo“ (2001); Copyright: Glass Eye Pix

Was man zunächst als eine Art Zitatenschatz auf das Horrorfilmgenre bezeichnen könnte, entwickelt sich dann doch in eine völlig andere Richtung. Denn Fessenden versucht nicht, seinen Film mit Filmzitaten aufzuheitern, sondern erzählt seine eigene, teils autobiographisch geprägte Geschichte, die bespickt ist mit Erinnerungen aus seiner Kindheit.

Dass er sich dabei als ein großartiger Erzähler erweist, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte, die von Mal zu Mal unheimlicher und mystischer wird. Im Zentrum steht dabei Miles, der zum ersten Mal aus der Großstadt aufs Land kommt und die Natur als fremdartig und bedrohlich empfindet. Wunderschöne, stark atmosphärische Landschaftsaufnahmen vermitteln dabei den Eindruck einer belebten Natur. So werden das Schwanken der Äste, das Rauschen des Windes oder auch ein fließender Bach zu möglichen Verkörperungen des Wendigo, eines indianischen Naturgeistes, der das Schicksal der Menschen, die ihm ausgesetzt sind, auf schreckliche Weise beeinflussen kann.

So auch Miles und seine Eltern, die immer stärker in den unheimlichen Bann des Wendigo geraten. Miles erfährt von einem Indianer in einem kleinen Touristen-Shop zum ersten Mal von diesem Geist. Seine Eltern halten jedoch alles für pures Geschwätz. Sehr geschickt setzt Fessenden die zunehmende Unsicherheit Miles‘ in geradezu perfekte Bilder um: plötzliche Zeitraffer bei den Naturaufnahmen; Bäume scheinen Gesichter zu haben; Traumsequenzen vermischen sich mit der Realität; weite, düstere Landschaftsaufnahmen. Ein genialer Soundtrack mit Songs des New Yorker Musikers Tom Lavarack untermalen die Bilder und geben ihnen eine zusätzliche mystisch-unheimliche Note.

„Wendigo“ ist ein wundervoll inszenierter, stark ästhetischer Gruselfilm, der in Deutschland leider nie richtig wahrgenommen wurde. Während es in den USA bereits Werkeditionen Larry Fessendens gibt, sucht man hier seine Filme beinahe vergeblich. Schade, denn Fessenden gehört zu den sicherlich interessantesten Regisseuren im Horror- und Thrillergenre.

Wendigo, Regie u. Drehbuch: Larry Fessenden, Produktion: Jeff Levy-Hinte, Darsteller: Patricia Clarkson, Jake Weber, John Speredakos, Erik Per Sullivan. USA 2001, 88 Min.

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