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Archive for the ‘Die Klunkerecke’ Category

Obwohl der Film damals die Zuschauer maßlos entsetzte, floppte „The Wicker Man“ an den Kinokassen. Bis heute gilt Robin Harrys‘ Werk als nicht nur bahnbrechend, sondern als einer der verstörendsten Horrorfilme überhaupt. Viele Regisseure inspiriert dieser Film bis heute, vor allem Eli Roth, der seine eigenen Produktionen im Stil von „The Wicker Man“ sieht.

Doch um was geht es überhaupt in diesem sonderbaren, überaus beklemmenden Film? „The Wicker Man“ handelt von einem verschwundenen Mädchen. Inspektor Neil Howie hat den Auftrag, zu ergründen, was mit dem Mädchen geschehen ist. Die Suche führt ihn letztendlich auf die Insel Summerisle, die von einem eigenartigen Kult beherrscht wird. Die Bewohner glauben nicht an Gott, sondern an diverse Naturgötter, die sie in verschiedenen Ritualen verehren. Doch da vergangenes Jahr die Ernte überaus schlecht ausfiel, sehen sich die Bewohner dazu gezwungen, dieses Mal ihren stärksten Zauber durchzuführen. Dieser gelingt jedoch nur durch ein Menschenopfer …

Die Grundidee des Films basiert auf Caesars „Gallischen Krieg“, in dem er an einer Stelle von einer riesigen, aus Weiden geflochtenen Figur berichtet, in die Menschen eingepfercht wurden, um sie daraufhin zu verbrennen. Ob dies tatsächlich stimmt oder es sich um eine Art von antiker Propaganda handelt, darüber sind sich Historiker bis heute uneins. Jedenfalls war damit die Idee zu „The Wicker Man“ geboren.

Eigentlich sollte der Film  auf den Roman „Ritual“ von David Pinner basieren. Doch Robin Harrys und Drehbuchautor Anthony Shaffer veränderten den Stoff so stark, dass von der ursprünglichen Geschichte kaum noch etwas übrig blieb. Nur der Grundkonflikt blieb gleich, indem ein religiöser Polizeibeamter auf eine Sekte trifft, die die Natur anbetet.

Der Star des Films: die unheimliche Wicker Man-Figur; „The Wicker Man“ (1974); Copyright: Studiocanal

Man merkt, dass speziell bei den Szenen, in denen es um die Diskussion zwischen Neil Howie (gespielt von Edward Woodward) und dem Sektenführer Lord Summerisle (gespielt von Christopher Lee) Jacques Tourneurs Klassiker „Night of the Demon“ (1956) Pate gestanden hat. Während es bei Tourneur um die Gegenüberstellung von rationalem Wissen und Aberglauben ging, so geht es in den entsprechenden Szenen bei Robin Harrys um die Frage, was nun eigentlich der wahre Glaube ist.

Auf diese Weise treffen in „The Wicker Man“ zwei Extreme aufeinander: der Polizeibeamte, der neben seinem Glauben keinen anderen Glauben gelten lassen möchte, und Lord Summerisle, der nicht weniger von seiner Naturreligion überzeugt ist. Dass es dadurch zu keiner Einigung kommen kann, sondern sich der Konflikt dadurch nur verschärft, liegt quasi auf der Hand.

Doch „The Wicker Man“ geht noch einen originellen Schritt weiter. Die Bewohner der Insel nutzen die moralischen und religiösen Einstellungen Howies aus, um mit ihm ein bösartiges Spiel zu treiben. Und genau hier kommen die beklemmenden und bedrohlichen Aspekte des Films ins Spiel, die „The Wicker Man“ bis heute so einzigartig machen.

Alternatives Kinoplakat von „The Wicker Man“

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal des Films: er ist nicht nur als Mystery-Thriller und Horrorfilm konzipiert worden, sondern ebenso als Musical. Besonders einprägend ist hierbei der „Wicker Man Song“. Die Musical-Sequenzen und die damit verbundene alternative Lebensführung legt nahe, dass hier die Hippie-Bewegung aufs Korn genommen werden sollte. In dieser Hinsicht war der Film seiner Zeit voraus, denn die satirische Sichtweise auf die Hippies nahm das Horrorgenre erst ab Anfang der 80er Jahre vor (wie z.B. in „Poltergeist“).

Wie gesagt, floppte „The Wicker Man“ und dies war natürlich schlecht für die Produktionsfirma, die kurz vor dem bankrott stand. Wahrscheinlich ging die Rechnung nicht auf, da der Film sich in keine vorgefertigte Schablone stecken lässt. Er hält sich nicht an Genrevorgaben, sondern rührt alles durcheinander. Was damals die Kinogänger abschreckte (die Zuschauer, die den Film sahen, erschreckte er), gilt heute als einer der wichtigsten Filme der britischen Filmgeschichte, da er in England genau den Schnitt zwischen den Filmen von Hammer und den postmodernen Horrorfilmen markiert und dadurch zugleich das postmoderne Kino im allgemeinen einläutet.

Aus heutiger Sicht könnte man „The Wicker Man“ in die Protestfilme der 70er Jahre einordnen, also vor allem Filme wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Last House on the Left“, die die konservativen Moralvorstellungen hinterfragten. „The Wicker Man“ geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er Menschen zeigt, die sich gegen die staatlichen Behörden wenden.

Doch ganz egal, wie man den Film sehen möchte und vor allem was man in dem Film sehen möchte, „The Wicker Man“ ist ein Film, der einen nicht mehr loslässt, über den man immer weiter nachdenken muss und der einen mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Kurz: einzigartig.

The Wicker Man. Regie: Robin Hardy, Drehbuch: Anthony Shaffer, Produktion: Peter Snell, Darsteller: Edward Woodward, Christopher Lee, Ingrid Pitt, Britt Ekland. England 1974, 89 Min.

 

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In Deutschland leider fast noch immer unbekannt, ist Regisseur, Autor und Produzent Larry Fessenden in den USA eine feste Indie-Größe. Seine New Yorker Produktionsfirma Glass Eye Pix hat sich ganz und gar dem Thriller- und Horrorgenre verschworen. Obwohl seine Filme auf diversen Festivals ausgezeichnet wurden und werden, schafften es bisher nur wenige bis nach Deutschland.

Der erste Film, der ein Release in Deutschland erfuhr, war „Wendigo“. Mit geringen Mitteln schuf Fessenden einen überaus ästhetischen Horror-Mystery-Film, der beim Woodstock Filmfestival 2001 den ersten Preis erhielt.

„Wendigo“ erzählt die Geschichte von Kim, George und ihrem acht Jahre alten Sohn Miles, die ein Winterwochenende in dem Landhaus ihres Freundes verbringen möchten, um einmal vom Alltagsstress loszukommen. Doch schon auf dem Weg dorthin geschehen sonderbare Dinge. George überfährt einen Hirsch und löst dadurch einen Streit zwischen einer kleinen Gruppe von Jägern aus, die das Tier gejagt haben. Doch auch im Landhaus scheint nicht alles geheuer. Miles hat unheimliche Alpträume. Irgendetwas scheint in dem Wald zu wohnen, an dessen Rand das Haus steht. Besonders Miles spürt dessen verstörende Gegenwart. Schließlich geraten die Dinge außer Kontrolle …

Von Anfang an ist der Film von einer dichten, unheimlichen und leicht verstörenden Atmosphäre gekennzeichnet. Die unruhige Kamera gleich am Anfang lässt den Konflikt zwischen der Familie und den Jägern wie eine Live-Reportage erscheinen. Zuvor sieht man noch, wie Miles am Rücksitz des Autos mit seinen Plastikfiguren spielt, kurz darauf dann der harte Kontrast zur düsteren Realität, die geprägt ist von der unangenehmen Begegnung mit einer Gruppe Hinterwäldler.

Gleich zu Beginn präsentiert Fessenden eine wundervolle Gruselästhetik; „Wendigo“ (2001); Copyright: Glass Eye Pix

Was man zunächst als eine Art Zitatenschatz auf das Horrorfilmgenre bezeichnen könnte, entwickelt sich dann doch in eine völlig andere Richtung. Denn Fessenden versucht nicht, seinen Film mit Filmzitaten aufzuheitern, sondern erzählt seine eigene, teils autobiographisch geprägte Geschichte, die bespickt ist mit Erinnerungen aus seiner Kindheit.

Dass er sich dabei als ein großartiger Erzähler erweist, zeigt der weitere Verlauf der Geschichte, die von Mal zu Mal unheimlicher und mystischer wird. Im Zentrum steht dabei Miles, der zum ersten Mal aus der Großstadt aufs Land kommt und die Natur als fremdartig und bedrohlich empfindet. Wunderschöne, stark atmosphärische Landschaftsaufnahmen vermitteln dabei den Eindruck einer belebten Natur. So werden das Schwanken der Äste, das Rauschen des Windes oder auch ein fließender Bach zu möglichen Verkörperungen des Wendigo, eines indianischen Naturgeistes, der das Schicksal der Menschen, die ihm ausgesetzt sind, auf schreckliche Weise beeinflussen kann.

So auch Miles und seine Eltern, die immer stärker in den unheimlichen Bann des Wendigo geraten. Miles erfährt von einem Indianer in einem kleinen Touristen-Shop zum ersten Mal von diesem Geist. Seine Eltern halten jedoch alles für pures Geschwätz. Sehr geschickt setzt Fessenden die zunehmende Unsicherheit Miles‘ in geradezu perfekte Bilder um: plötzliche Zeitraffer bei den Naturaufnahmen; Bäume scheinen Gesichter zu haben; Traumsequenzen vermischen sich mit der Realität; weite, düstere Landschaftsaufnahmen. Ein genialer Soundtrack mit Songs des New Yorker Musikers Tom Lavarack untermalen die Bilder und geben ihnen eine zusätzliche mystisch-unheimliche Note.

„Wendigo“ ist ein wundervoll inszenierter, stark ästhetischer Gruselfilm, der in Deutschland leider nie richtig wahrgenommen wurde. Während es in den USA bereits Werkeditionen Larry Fessendens gibt, sucht man hier seine Filme beinahe vergeblich. Schade, denn Fessenden gehört zu den sicherlich interessantesten Regisseuren im Horror- und Thrillergenre.

Wendigo, Regie u. Drehbuch: Larry Fessenden, Produktion: Jeff Levy-Hinte, Darsteller: Patricia Clarkson, Jake Weber, John Speredakos, Erik Per Sullivan. USA 2001, 88 Min.

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Jang Chul-Su arbeitete längere Zeit als Assistant-Director für den bekannten Regisseur Kim Ki-Duk, der durch Filme wie „Bin Jib“, „Samaria“ oder „Seom“ auch in Deutschland kein Unbekannter ist. Wahrscheinlich ist daher auch das Thema seines Debüts zu erklären, das in etwa dem surrealen Thriller „Seom“ ähnelt. In diesem Film wie in Jangs „Bedevilled“ wird die Geschichte einer Frau erzählt, die von allen anderen erniedrigt wird, bis sie sich eines Tages rächt. Beide Filme sind dabei alles andere als zimperlich. Jang Chul-Su wagt sich sogar einen großen Schritt weiter.

„Bedevilled“, für den Jang mehrere Preise erhielt, handelt von der Bankerin Hae-Won, die mit ihrem Alltag nicht mehr zurecht kommt. Sie beschließt Urlaub zu machen. Als Ziel ihrer Reise wählt sie die einsam gelegene Insel Moodo, wo sie früher zusammen mit ihren Großeltern lebte. Von dort erreichen sie seit einiger Zeit Briefe einer gewissen Bok-Nam, mit der sie in ihrer Kindheit befreundet gewesen ist. Doch kaum ist Hae-Won auf der Insel angekommen, muss sie erkennen, dass die wenigen Menschen, die dort leben, Bok-Nam wie eine Sklavin behandeln. Von den Männern wird sie brutal misshandelt, von den Frauen gedemütigt. Doch plötzlich kehrt sich das Blatt um. Bok-Nam beginnt einen grausamen Rachefeldzug, wobei auch Hae-Won immer mehr in das Zentrum ihrer Rache gerät.

Alternatives Kinoplakat zu „Bedevilled“

Der Film, eine Mischung aus Thriller und Horror, ist harter Tobak. Dies beginnt mit der grundlegenden Situation, in der sich Bok-Nam befindet, geht über in die durch die Bank weg widerlichen Charaktere und setzt sich fort in den teils überaus brutal in Szene gesetzten Martersequenzen und Deathscenes. Daraus ergibt sich ein konsequenter Albtraum, der dem Zuschauer sehr viel abverlangt.

Dennoch präsentiert Jang Chul-Su kein abstruses Schlachten wie Eli Roth und Konsorten, sondern liefert eine hochgradige Ästhetik, die nie ins Plakative abgleitet, aber gelegentlich durchaus Grenzen überschreitet. Manche Szenen sind in der Tat so hart umgesetzt, dass Leute mit schwachen Nerven es schwer haben werden, diese zu verarbeiten.

Jang liefert sozusagen die intellektuelle Variante des Torture Porn, indem er sich hin und wieder auf Ingmar Bergman beruft und bei einer Schlüsselszene auch Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“ zitiert. Getragen wird der Film von größtenteils unbekannten, aber hervorragenden Schauspielern, denen man ihre Rollen abnimmt. Bok-Nam wird dagegen von Seo Yeong-Hie gespielt, die davor in dem Thriller „The Chaser“ und der Komödie „Fortune Salon“ zu sehen gewesen war. Auch sie überzeugt mit ihrer Arbeit auf ganzer Linie.

Bedevilled (OT: Kim Bok-Nam selinsageonui jeonmal), Regie: Jang Chul-Su, Drehbuch: Choi Kwang-Young, Produktion: Park Kyu-Young, Darsteller: Seo Yeong-Hie, Ji Jeong-Won, Hwang Min-Ho, Min-Ja. Südkorea 2010, Laufzeit: 115 Min.

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Science Fiction-Filme aus Deutschland sind ein sehr seltenes Phänomen. Interessant ist daher, dass Regisseur Sebastian Hilger für seine Abschlussarbeit sich dieses Genre ausgewählt hat.

„Wir sind die Flut“ handelt von dem Physiker Micha, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter Gelder für ein neues Forschungsprojekt beantragen möchte. Doch schon die Vorstellung seines Projekts vor einer Handvoll Professoren sorgt für Unmut. Denn niemand möchte ihm die Gelder bewilligen. Der Grund: Micha möchte ein bisher ungelöstes Naturphänomen lösen. Vor dem kleinen Küstenort Windholm ist vor 15 Jahren das Meer verschwunden. Am selben Tag verschwanden auch die Kinder des Ortes. Seitdem wird Windholm als eine Art Sonderzone vom Militär abgeriegelt.

Micha lässt das Rätsel jedoch nicht los. Noch am selben Abend bricht er zusammen mit seiner Exfreundin Jana nach Windholm auf, um eine Lösung für das außergewöhnliche Phänomen zu finden. Dabei stößt er auf weitere Sonderbarkeiten …

In düsteren Bildern erzählt Hilger diese Geschichte, die Science Fiction mit Mystery-Elementen verbindet. Sicherlich hätte er die Story auch als Action-Thriller inklusive Schockeffekten verfilmen können, doch wählte er eine subtile Form des Unheimlichen und des Rätselhaften, wobei er sich vor allem auf die durchgehende Aufrechterhaltung einer beklemmenden Atmosphäre konzentrierte, die dem Film die passende Dichte verleiht.

Von Anfang schwelgt der Film in wunderbaren Bildern. Egal, ob weite Landschaftsaufnahmen, ob lange Korridore oder überwucherte Hausfassaden, Hilger gelingt stets eine fast vollendete Ästhetik des Mysteriösen, die den Zuschauer berauscht und ihn dadurch in ihren Bann zieht. Es scheint beinahe so, als wollte er den übrigen Filmemachern Deutschlands zeigen, wie Kino funktioniert. Denn eigentlich kommen deutsche Kinofilme nie über das Niveau eines TV-Films hinaus.

So schön alles ist, so hapert es dann doch bei der Auflösung des Ganzen. Hilger schien sich am Ende nicht entscheiden zu können, welche der möglichen Pointen er nun für das Finale wählen sollte und so kommt es zu einem Kuddelmuddel aus SF-Drama und Mystery-Kitsch, das dann doch enttäuscht, hat man sich doch eine spannendere Lösung erhofft.

Der Film an sich aber ist sehr schön gemacht und zeigt uns einen Regisseur, von dem wir noch viel erwarten dürfen.

Wir sind die Flut. Regie: Sebastian Hilger, Drehbuch: Nadine Gottmann, Produktion: Anna Wendt, Darsteller: Max Mauff, Lana Cooper, Gro Swantje Kohlhof, Roland Koch. Deutschland 2016, 84 Min.

 

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Bereits mit seinem Mysterythriller „Cure“ stieß Regisseur und Drehbuchautor Kiyoshi Kurosawa nicht nur in Japan auf großes Interesse. Weitere Filme wie „Pulse“ oder „Loft“, die sich ebenfalls dem Horrorgenre verschrieben haben, folgten. Mit „Real“ wechselte Kurosawa 2013 das Genre, indem er einen Film schuf, der irgendwo zwischen Science Fiction und Liebesdrama angesiedelt ist.

Es geht darin um Koichi, dessen Freundin seit einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Um sie aus dem Koma zu holen, wird ein neuartiger Versuch gewagt. Koichi soll mithilfe einer Maschine in das Bewusstsein Atsumis eintauchen, um auf diese Weise mit ihr in Kontakt zu treten. Die Behandlung aber hat einen Nebeneffekt: Koichi kann bald zwischen Realität und Wahn nicht mehr unterscheiden …

Die Adaption eines bekannten japanischen SF-Romans mit dem Titel „A Perfect Day for a Plesiosaur“ (verfasst von Rokuro Inui) erscheint zunächst als ein ruhiger und melancholischer Film über Liebe, Schuld und Vergänglichkeit. Doch nach und nach schleichen sich sonderbare und bizarre Erscheinungen in die elegant anmutenden Bilder, die den Film bestimmen. Während Koichi und Atsumi sich über ihre Beziehung unterhalten, liegt auf einmal direkt neben Koichi eine verunstaltete Leiche am Boden. Menschen erscheinen wie unheimliche Traumgebilde, die Ärztin und Leiterin des medizinischen Projekts bezeichnet diese als „philosophische Zombies“.

Dr. Ahiara (Miki Nakatani) bereitet Koichi (Takeru Satoh) auf den Bewusstseinstransfer vor; Copyright: Toho Inc.

Die Kritiker mochten „Real“ dennoch nicht. In Deutschland ist der Film so gut wie unbekannt. Eigentlich schade, denn Kurosawas SF-Drama ist alles andere als langweilig. Im Gegensatz zum zwei Jahre später produzierten „Inception“, versucht Kurosawa den Film nicht durch Action in die Länge zu ziehen. Für ihn steht die Entwicklung der Handlung im Vordergrund. Dafür lässt sich der Regisseur Zeit, doch die zwei Stunden, die der Film dauert, vergehen beinahe wie im Flug.

Dies liegt nicht nur daran, dass die Ästhetik des Films den Zuschauer in ihren Bann zieht, sondern auch in den unerwarteten Wendungen, welche „Real“ eine zusätzliche Spannung und Dichte verleihen. Es geht um die Frage, was Wirklichkeit überhaupt ist und ob man diese mit all seinen Sinnen erfassen kann. Wenn auf einmal Dinge geschehen, die nicht dem Alltagswissen entsprechen, bedeutet dies, dass diese nicht wirklich, sondern Wahnvostellungen sind?

Kurosawa wird, trotz des schwierigen Themas, nie philosophisch. Es geht ihm vielmehr um das Schicksal der einzelnen Figuren, deren Ängste und Probleme. Dies führt dazu, dass der Regisseur es auch nicht an Sozialkritik mangeln lässt. Hierbei steht vor allem der japanische Arbeitsalltag im Zentrum der Kritik, wenn Menschen wegen Überarbeitung sterben oder Selbstmord begehen.

„Real“ wird dadurch zu einem durchaus nachdenklichen Film, mit dem man sich nach der Sichtung noch lange beschäftigt. So eindrücklich sind die Bilder und Situationen, die uns Kurosawa präsentiert.

 

 

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Für Fans von Zeichentrickfilmen ist Ralph Bakshi längst ein Begriff. Er ist jedoch auch aus der Filmgeschichte im Allgemeinen nicht mehr wegzudenken. Wem der Name des Regisseurs und Künstlers nichts sagt, der kennt sicherlich einen seiner Filme oder hat mindestens schon einmal davon gehört. Eine seiner ersten Produktionen hieß „Fritz the Cat“ und galt damals (1972) schlichtweg als Skandal. Er wurde als X-rated eingestuft, was bis dahin nur Pornofilmen vorbehalten war. Heute ist dieser Film schlicht und ergreifend Kult. Weitere bekannte Produktionen Bakshis sind die Trickfilmversion von „Herr der Ringe“ (1978) und der Fantasy-Trickfilm „Fire and Ice“ (1983), der jedoch an den Kinokassen floppte.

Als sein kunstvollster Film wird „Wizards“ bezeichnet, der 1977 mit einigem Erfolg in den Kinos lief. In Deutschland erhielt er den Titel „Die Welt in 10 Millionen Jahren“ und erzählt eine Geschichte, die Jahrhunderte nach dem Atomkrieg spielt. Es existieren nur mehr wenige Menschen auf der Erde. Sie teilen sich den Planeten mit Feen, Elfen, Mutanten und Zwergen. Doch herrscht keineswegs Frieden. Denn die Welt ist in zwei Reiche aufgeteilt. Das eine heißt Montagar und wird von dem Zauberer Avatar regiert. Das andere Gebiet heißt Scortch. Dort herrscht der böse Zauberer Blackwolf. Dieser möchte mithilfe seines Wissens über die alte Technologie und die Handhabung von Nazipropaganda die gesamte Welt beherrschen. Aus diesem Grunde begibt sich Avatar zusammen mit seiner Freundin Elinore, dem Roboter Frieden und dem Elb Weehawk in das Reich Blackwolfs, um dessen Plänen ein Ende zu bereiten.

Wie auch bei „Herr der Ringe“ und „Fire and Ice“ verwendete Bakshi die so genannte Rotoskopietechnik. Das heißt, Szenen, in denen echte Schauspieler agierten, wurden von Zeichnern übermalt und in den restlichen Film eingebunden. Dadurch wirken die Mutanten und Untoten, aus denen die Armee Blackwolfs besteht, noch unheimlicher und lebendiger. Dies wirkt sich großartig auf die Schlachtenszenen aus, in denen Blackwolfs Horde gegen die Armee Avatars antritt.

Der Film selbst ist ein surreales Meisterwerk. Seine traumartigen Bilder sind liebevoll und detailliert gestaltet. Man sollte sich die einzelnen Szenen sehr genau ansehen, da Bakshi gerne Symbole, Gesichter und Randgeschehnisse darin versteckt. Die einzelnen Figuren besitzen zum Teil recht komplexe Charaktere, was ihnen eine interessante Lebendigkeit einhaucht.

Doch Bakshi liefert mit seinem Film zugleich unverkennbare Kritik. Er zeigt ein sehr düsteres Bild des Menschen und stellt die technische Entwicklung als eine äußerst negative Erscheinung dar, die letztendlich den Untergang der Welt hervorrufen wird. So verbindet er Technik mit Krieg und Versklavung. Im Gegensatz dazu sieht er eine Welt ohne Technik als lebenswerter und freier an. Es wird dadurch offensichtlich, dass sich die Aussagen der zu ende gehenden Hippie-Ära in seinem Film widerspiegeln. „Wizards“ ist ein sehr schön gestalteter Trickfilm, der zum Nachdenken anregt, zugleich aber auch sehr fasziniert.

Die Welt in 10 Millionen Jahren (OT: Wizards), Regie, Drehbuch, Produktion: Ralph Bakshi, USA 1977,  77 Min.

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FuBs Double Feature lautet der Titel unserer Jubiläumsreihe zum fünfjährigen Geburtstag von FILM und BUCH. In dieser Reihe wollen wir jeweils zwei Filme aus einem Jahrzehnt vorstellen. Die Auswahl ist dabei rein subjektiv und orientiert sich nicht an filmhistorischem Einfluss, obwohl manche der Filme nicht ohne Einfluss auf spätere Produktionen gewesen sind. Die Spannbreite reicht dabei von den 1900ern bis zu den ersten zehn Jahren nach der Jahrtausendwende. Vor uns liegt also eine lange Reise. Und wir wünschen euch viel Spaß dabei.

Beginnen wollen wir mit dem Zeitraum 1900 bis 1910. Film als Medium ist gerade mal ein paar Jahre alt, da hat sich daraus bereits eine wachsende Industrie entwickelt, in der es nur um eines ging: Gewinnmaximierung. Es kam zu diversen Rechtsstreitigkeiten, da Filmideen munter kopiert und geklaut wurden. Kunsthistoriker stritten darüber, ob Film eine Kunstform sei oder nicht. Die französischen Intellektuellen hatten eine schnelle Antwort parat: Filmeschaffen in den USA bedeutet Fließbandproduktion, Filmeschaffen in Frankreich bedeutet das Erschaffen von Kunst. An dieser Einstellung sollte sich lange Zeit nichts ändern.

Das Haus wird lebendig. „The haunted House“ (1908)

1908 wurde in Frankreich ein wunderbarer Horrorfilm produziert. Eigentlich wurden in jener Zeit sehr viele Horrorfilme und sogar recht intensive Thriller gedreht, die meisten jedoch sind verschollen oder schlicht und ergreifend in Vergessenheit geraten. The haunted House ist eine furiose Mischung aus Horror und Komödie, in der eine Wandergruppe in ein Unwetter gerät. Sie suchen Unterschlupf in einem verlassenen Haus, doch schnell stellt sich heraus, dass es dort nicht mit rechten Dingen zu geht.

Der Dämon, der in dem Haus umgeht, zeigt sich. „The haunted House“ (1908)

Tricktechnisch gesehen lieferte der Film ein Sammelsurium der damaligen Möglichkeiten ab, was die Gruselkomödie auch heute noch zu einem wundervollen Gruselspaß macht. Die leichte Handlung verbindet sich mit viel Witz und Action. Eine der bekanntesten Szenen des Films ist diejenige, in der die Besucher des Hauses regelrecht durchgeschüttelt werden, wobei eine Theaterbühne, auf der die Kulissen errichtet worden waren, heftig hin und her bewegt wurde. Eine weitere Szene zeigt eine Außenansicht des Hauses, während das Gewitter tobt, als sich plötzlich die Fassade des Gebäudes in ein Gesicht verwandelt.

Der Film dauert gerade einmal sechs Minuten, doch besitzt er so viel Situationskomik und geniale Spezialeffekte, dass diese für einen heutigen Spielfilm ausreichen würden. Regie führte der damals bekannte Tricktechniker Segundo de Chomón, der aus Spanien nach Frankreich gezogen war und zusammen mit George Méliès mehrere Filme herstellte.

Eine der ersten Darstellungen von Frankensteins Monster; „Frankenstein“ (1910)

1910 erblickte in den USA eine der ersten filmischen Adaptionen von Frankenstein das Licht der Welt. Regie führte James Searle Dawley, der auch das Drehbuch verfasste. Das Monster spielte der damals bekannte Broadway-Schauspieler James Ogle. Lange Zeit galt der 13-minütige Film als verschollen. Erst in den 70er Jahren tauchte eine Kopie auf, die ein Sammler erstanden hatte. Damals war der Film ein großer Erfolg. Das Monster sieht auch heute noch durchaus gruselig aus. Angeblich soll Ogle selbst die Maske entworfen haben. Die verzerrten Gesichtszüge mit dem wirren Blick haben es in sich und verleihen dem Ungeheuer eine gewisse dramatische Tiefe. Es scheint von seiner eigenen Existenz geradezu erschrocken zu sein.

Nicht weniger erschrocken ist Dr. Frankenstein, der von dem Monster verfolgt wird. Dabei verliebt sich die Kreatur, die Frankenstein erschaffen hat, in Frankensteins Verlobte. Im Finale kommt es zum Kampf zwischen Monster und seinem Erschaffer. – Frankenstein aus dem Jahr 1910 ist spannend und kurzweilig in Szene gesetzt und liefert so etwas wie eine Kurzfassung von Mary Shelleys Roman. Bereits hier wurde das Monster nicht als einfach nur böse definiert, sondern die Tragik der Handlung erkannt und sehr schön umgesetzt.

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