FuBs Leseecke: Eine strahlende Zukunft

Cover der deutschen Übersetzung bei BTB

Richard Yates (1926 – 1992) betonte stets, dass sein erster Roman zugleich sein bester gewesen sei. Gemeint ist „Zeiten des Aufruhrs“, der inzwischen als der Klassiker der modernen amerikanischen Literatur gilt. Wenn man seine übrigen Romane kennt, muss man ihm leider zustimmen. Denn keiner seiner folgenden Bücher reicht im Hinblick auf Intensität und Dramatik an sein Debut aus dem Jahr 1961 heran.

Yates selbst konnte kaum von seinen Romanen leben, da der große Erfolg ausblieb. Schließlich geriet er fast in Vergessenheit, bis er Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. Richard Yates litt teilweise unter schweren psychischen Problemen und war Alkoholiker. Nur mit Unterstützung von Freunden konnte er sich mehr schlecht als recht über Wasser halten. Erst 1984 gelang ihm mit seinem vorletzten Roman „Eine strahlende Zukunft“ (Young Hearts Crying) ein großer Wurf. Groß im doppelten Sinn, handelt es sich doch auch um seinen umfangreichsten Roman.

Es geht um Michael und Lucy Davenport, die sich auf einer Party kennenlernen, heiraten und große Pläne Schmieden. Denn Michael besitzt als Dichter großes Ansehen. Das Problem jedoch ist, dass er vom Schreiben nicht leben kann. Lucy erstickt immer mehr in ihrer Rolle als Hausfrau. Sie möchte sich endlich selbstverwirklichen. Die Ehe hält den Konflikt nicht stand. Nach ihrer Scheidung zieht Michael weg, um sich irgendwie durchs Leben zu schlagen, doch sein zunehmender Alkoholismus zerstört fast alle seine Pläne. Schließlich wird er sogar in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Lucy dagegen versucht sich euphorisch in verschiedenen Metiers wie Schauspielerei und Malerei, doch findet sie auf keinem ihrer Wege so etwas wie Erfüllung.

Cover der Originalausgabe aus dem Jahr 1984

Wie gesagt ist „Eine strahlende Zukunft“ mit seinen 490 Seiten Yates‘ umfangreichster Roman. Und seit „Zeiten des Aufruhrs“ ist es zugleich sein bester. Noch einmal gelingt es ihm, den Konflikt zweier Eheleute packend, einfühlsam und überaus tragisch darzustellen. Dabei verarbeitet Yates seine eigene Erfahrungen und seine eigene Vergangenheit, wodurch man den Roman als eine Art Rückschau auf sein Leben betrachten kann.

Die groß angelegte Geschichte reicht vom Ende der 40er Jahre bis Mitte der 70er Jahre. Großartig verwebt der Autor darin die gesellschaftlichen Veränderungen, die innerhalb der 30 Jahre vonstatten gegangen sind. Während Lucy den sozialen Wandel akzeptiert, tut sich Michael schwer, diesen Wandel zu verstehen. Obwohl er von einer (unglücklichen) Affäre in die nächste stolpert, hält er nach außen hin konservative Werte hoch. Als dann Ende der 60er Jahre die Hippie-Bewegung ihre Hochphase erreicht, muss er jedoch mitten hinein in den „Sommer der Liebe“, als sich sämtliche Hippies in San Francisco versammeln. Denn seine Tochter befindet sich ebenfalls dort, doch scheint es ihr alles andere als gut zu gehen.

Die Spannung des Romans ergibt sich u. a. auch daraus, ob Michael und Lucy vielleicht doch wieder zusammenfinden werden. Stets hofft man es und fiebert daher den weiteren Geschehnissen entgegen. In der Grundstruktur hat mich der Roman daher ein klein wenig an Edith Whartons wundervollen Roman „Traumtänzer“ erinnert, in dem es ebenfalls um ein Ehepaar geht, das sich zwar nicht scheiden lässt, dennoch eigene Wege geht und dabei versucht, glücklich zu werden. Möglich, dass Yates sich von diesem Roman hat inspirieren lassen. Auf jeden Fall gehört „Eine strahlende Zukunft“ zu den besten Romane, die ich gelesen habe und mit Sicherheit nochmals lesen werde.

Richard Yates. Eine strahlende Zukunft. BTB 2014, 492 Seiten

FuBs Jukebox: Plung: Genre

„Welches Genre?“, könnte man rätseln, nachdem man die so betitelte neue CD von plung eingeworfen hat. Doch einfache Zuordnungen und Schubladen sind Andreas Lang, dem Mastermind hinter diesem Projekt, fremd. Mit Unterstützung von Joel Büttner am Bass und Klemens Fregin am Schlagzeug präsentiert er einen Blumenstrauß aus dreizehn ebenso eigenwilligen wie eingängigen Songs und Instrumentals.

Unterschiedlichste Musikstile, von Jazz bis Klassik, von empfindsamen Folk-Chansons wie „lark“ zu flirrenden Prog-Rock-Skizzen wie das Titelstück „genre“ und „kill the imperatives“, stehen gleichberechtigt nebeneinander und verbünden sich in den Gehörgängen zu etwas Neuem: einem Soundtrack zu dem Film, den Peter Greenaway gerne gedreht hätte, wäre er nur rund fünfzig Jahre jünger.

Gerade in den jazzigen, von Langs virtuosem Klavierspiel getragenen Stücken, die aus einfachen Melodien Klangteppiche knüpfen, scheint Greenaways Hofkomponist Michael Nyman aus der Ferne zu grüßen. Doch kaum glaubt man, das richtige Etikett gefunden zu haben, wird man von neuen kauzigen Einfällen überrascht, die wieder alles infrage stellen.

So folgt auf eine melancholische Ballade eine Anekdote über einen platten Reifen, umrahmt von donnerndem Gitarrengewitter. Ironie heißt das Zauberwort, das die mal deutschen mal englischen Songtexte von Schwermut und Weltschmerz erlöst und den geneigten Hörer zwingt, die Ohren zu spitzen. Vieldeutigkeit ist Trumpf, textlich wie musikalisch, und wer dasBesondere sucht, wird bei diesem originellen Album garantiert fündig.

plung: genreMusik und Texte: Andreas LangMix und Mastering: Jörg Bielfeldt Housemeister Records 2020

Alexander Pechmann

Reinhören in das Album kann man auf Spotify und auf musicapple.com

Und hier gibt es das Album zu bestellen: Plung: Genre