Da fliegen mir doch die Bandagen weg: Die Mumie (2017)

Tom Cruise in „Die Mumie“ – oder müsste es nicht eher heißen Die Mumie in „Tom Cruise“? Denn bei der Sichtung fällt unangenehm auf, dass es kaum eine Szene gibt, in der Cruise nicht zu sehen ist. Fast schon plakativ lässt Regisseur Alex Kurtzman seinen Hauptdarsteller auch dann in Szene treten, wenn er eigentlich überflüssig ist. Vielleicht aber lag es auch an Tom Cruise, der bei diesem verkorksten Mumien-Neustart nur mitmachen wollte, wenn nicht auch den üblichen Leuten in der letzten Reihe klar wird, dass Cruise der Star ist.

Da bekommt sogar die Mumie (Sofia Boutella) einen Schreikrampf; „Die Mumie“ (2017); © Universal

So gesehen wird die Mumie zur Nebensache, denn das Hauptthema ist Tom Cruise. Schade eigentlich, denn Sofia Boutella als Mumie ist recht gut eingewickelt und kommt dabei böse-sinnlich herüber. Sehr schön auch die Schriftzeichen, die ihr Gesicht prägen. Alles in allem hätte es vielleicht ein gewitztes Filmabenteuer werden können, wenn da eben nicht … Aber das wisst ihr ja schon.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Grund, weswegen „Die Mumie“ nicht wirklich der Knaller ist, der „Die Mumie“ von 1999 noch gewesen war. Und zwar liegt dies an der Einfallslosigkeit, in der sich die Geschichte suhlt. Hier ist nichts originell, sondern wirkt völlig lieblos, ja beinahe wie hingerotzt, nach dem Motto, es werden schon genug Leute ins Kino gehen. Und die Macher hatten Recht: denn trotz miserabler Kritiken wurde Kurtzmans Film ein enormer Erfolg.

Das Problem ist sicherlich auch, dass man niemanden, der bei Michael Bay in die Lehre (oder soll man sagen in die Leere?) gegangen ist, einen Horror-Fantasy-Film drehen lassen sollte (oder überhaupt einen Film :D ). Denn dabei kommt nicht viel heraus. In der Tat schien Kurtzman selbst von dem Film nicht angetan gewesen zu sein, wirkt dieser doch völlig seelenlos – also eigentlich genauso wie Michael Bays Filme. Dass man von Actionfilmen keine Tiefe erwarten muss, ist klar, doch dass nicht einmal irgendwelche Themen angesprochen und verfolgt werden, ist doch wirklich erbärmlich. Auch die unbeholfenen Anspielungen auf Universal-Konkurrent Hammer Film laufen völlig ins Leere.

Auf diese Weise funktioniert dann auch nicht der Gag mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die von Russel Crowe gespielte Figur wirkt in dem Film genauso aufgesetzt wie alles andere. Man bleibt eben fantasielos – und dass es dafür auch noch drei Drehbuchautoren gebraucht hat, ist mehr als nur ein Armutszeugnis.

Ein Glück, dass Universal dieses Format nicht auch bei seinem nächsten Dark Universe-Ableger „Der Unsichtbare“ angewendet hat. Dieser ist zwar auch kein Knüller, aber auf jeden Fall um ein Vielfaches besser.

Die Mumie. Regie u. Produktion: Alex Kurtzman, Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman, Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russel Crowe. USA 2017

Sanditon – Jane Austens unvollendeter Roman als großartige TV-Serie

Jane Austen begann ihren Roman „Sanditon“ im Januar 1817, um nur drei Monate später mit dem Schreiben aufzuhören. Austen-Experten meinen, dass sie aufgrund ihrer schweren Krankheit (Austen starb im Juli desselben Jahres) nicht mehr hatte weiter daran arbeiten können.

Charlotte Heywood (Rose Williams) kommt nach Sanditon;
„Sanditon“ (2019); © BBC

Der unvollendete Roman über einen kleinen Ort, den Thomas Parker in einen modernen Ferienort verwandeln möchte, regte bereits viele Schriftsteller dazu an, ihn auf ihre Weise weiter zu schreiben. So auch den Drehbuchautor Andrew Davies. Heraus kam eine achtteilige Miniserie, die Kritiker begeisterte, Jane Austen-Fans jedoch teils verstörte.

Grund dafür sind die vielen Nacktszenen zu Beginn der Serie sowie das Austen untypische Ende. Dieses verleitete manchen Zuschauer zu der Spekulation, dass die BBC, die die Serie produzierte, eine zweite Staffel plane. Von den Machern selbst gibt es in dieser Hinsicht bisher keine Kommentare.

Doch unabhängig davon schuf Andrew Davies eine von Anfang bis Ende witzige und spannende Serie, von der lediglich der Anfang an Austens Romanwrackment angelehnt ist. Der Rest orientiert sich zwar am Stil Austens, ist jedoch alleinige Erfindung des Autors. Davies macht allerdings seine Arbeit so gut, dass man den Schnitt zwischen Austens Werk und Davies Einfallsreichtum kaum merkt. Nur hier und da, wenn es z. B. plötzlich um eine Entführung geht oder um eine Verfolgungsjagd mit zwei Kutschen ist klar, dass hierbei Jane Austen nicht Pate gestanden hatte.

Charlotte Heywood (Rose Williams) und Sidney Parker (Theo James); Sanditon (2019); © BBC

Gewitzte und schwungvolle Dialoge beherrschen die Serie, die von sehr guten Schauspielern getragen wird. Zudem überzeugen die einzelnen Episoden durch eine hervorragende Kameraarbeit und nicht zuletzt durch die tollen Kostüme. Machte sich Jane Austen stets darüber lustig, dass es ihren adeligen Zeitgenossen nur ums Geld geht, so macht Andrew Davies dieses Thema zur Grundlage seines Drehbuchs. Um die alte Lady Denham scharen sich ihre Verwandten, die hoffen, ihr Erbe antreten zu können. Dabei versuchen sie, sich gegenseitig auszustechen. Dem gegenüber steht die Hauptfigur Charlotte Heywood, die aus ärmeren Verhältnissen kommt und von Thomas Parker und dessen Frau nach Sanditon eingeladen wurde. Ihr geht es nicht ums Geld, sondern ihr liegt daran, dass es mit Toms Plänen vorangeht, wobei sie immer wieder mit der einen oder anderen Idee aufwartet.

Die Vielzahl an originellen Figuren, die Konflikte, in die Charlotte immer wieder gerät, und nicht zuletzt die internen Intrigen in der Denham-Familie machen die Serie zu einer äußerst kurzweiligen und spaßigen Unterhaltung. Kurz: eine der besten Austen-Adaptionen der letzten Jahre.

Sandition. (8 Episoden). Darsteller: Rose Williams, Theo James, Anne Reid, Chris Marshall, Jack Fox, Charlotte Spencer. England 2019

Tür auf, Tür zu: Du hättest gehen sollen (2020)

Eine Spiegelszene darf natürlich auch nicht fehlen; „Du hättest gehen sollen“ (2020); © Universal

Nach „Echoes“ (1999) legt Regisseur und Drehbuchautor David Koepp mit „Du hättest gehen sollen“ nun seinen zweiten Geisterhausfilm vor, kommt dabei jedoch über das Mittelmaß nicht wirklich hinaus. Im Grunde genommen geht es darum, dass ständig Türen geöffnet und geschlossen werden, die zu weiteren sonderbaren Räumen führen.

In diesem Sinne hat es Koepp tatsächlich geschafft, einen Gruselfilm zu drehen, bei dem der Konflikt des Ehepaars Conroy weitaus interessanter ist als das Gruseldrumherum. Es geht um Theo und Susanna Conroy, die zusammen mit ihrer Tochter nach Wales fahren, um dort in einem einsam gelegenen Haus Urlaub zu machen. Allerdings geschehen dort unheimliche Dinge, die das Ehepaar mehr und mehr psychisch belasten.

Hinzu kommt, dass Theo eifersüchtig auf seine Frau ist, die als Schauspielerin meistens unterwegs ist. Theo selbst umgibt jedoch auch ein Geheimnis. Und dieses Geheimnis macht die Sache schon ein wenig unlogisch, da man sich fragt, weswegen Susanna ihn deswegen trotzdem geheiratet hat. Diese Frage ergibt sich daraus, da sie im Film einfach nicht beantwortet wird.

Ist das Spiel von Kevin Bacon und Amanda Seyfried als sich streitende Eheleute recht gelungen und ist auch die Optik und Farbgebung wirklich gut, so kommt die Handlung selbst, wie gesagt, nicht über den üblichen Durchschnitt hinaus. David Koepp ergibt sich der Unorginalität, indem er seinem Film den üblichen 08/15-Spuk verleiht, ja sogar ein wenig darunter liegt. Zwar ist „Du hättest gehen sollen“ durchaus unterhaltsam, doch eben nur das und nicht mehr. Gänge und Räume und das ständige Öffnen und Schließen von Türen reicht nun einmal nicht aus, um etwas Großes zu schaffen.

Zwischendurch versucht Koepp, sich an klassischen englischen Gespenstergeschichten zu orientieren, was jedoch nur kurz gelingt. Danach schert er wieder ein in den üblichen Trott. Auf diese Weise wirkt schließlich auch das Finale einfach nur banal.

Du hättest gehen sollen (OT: You should have left). Regie, Drehbuch: David Koepp, Produktion: Kevin Bacon, Darsteller: Kevin Bacon, Amanda Seyfried, Avery Essex. USA 2020

Tenet – Zwischen Science Fiction- und Agentenfilm

Der Protagonist (John David Washington) und sein Mitstreiter (Robert Pattinson) vor einem Rätsel; „Tenet“ (2020); © Warner

Bei Zeitreisefilmen denkt man als erstes an den Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1960) nach dem Roman von H. G. Wells. Dass das Thema allerdings auch anders bearbeitet werden kann, zeigt Regisseur Christopher Nolan in seinem SF-Thriller „Tenet“ (2020).

Es geht um einen Protagonisten, der die Welt vor der kompletten Vernichtung retten soll. Denn der russische Oligarch Andrei Saltor ist im Besitz einer Maschine, die das Zeitgefüge verändern kann.

In „Tenet“ herrscht ein solches Durcheinander, dass man sich zunächst wundert, ob Nolan selbst noch wusste, was gerade geschieht. Doch ist dieses Chaos keineswegs negativ gemeint, denn was Nolan dabei entwirft, ist ein absolutes Highlight des Filmschaffens. Die Bilder gehen gleichzeitig vor und zurück, entwickeln einen wahren Rausch von Bewegungen, wobei Nolan gleichzeitig auf die Grundidee des Kinos verweist: eben bewegte Bilder. Nolan schafft aus dieser Grundidee einen gewitzten und überaus unterhaltsamen Film, der sich frech an James Bond anlehnt und dies mit einer fast schon klassisch anmutenden SF-Geschichte verbindet.

Auch wenn die Action im Vordergrund steht, so lässt Nolan die Handlung sich nicht auf eine 08/15-Weise entwickeln. So kommt es während der Geschichte immer wieder zu auffallenden Lücken, die im Laufe des Films jedoch nach und nach gefüllt werden. Dies gilt ebenfalls für die Figuren, deren Hintergrund zunächst unklar ist, deren Funktion und Beziehungen untereinander jedoch auf geradezu elegante Weise gelöst werden. Dadurch ergibt sich eine interessante Komplexität, die schließlich in einem absolut chaosartigen Finale gipfelt. In diesem Sinne definiert Nolan das Thema Zeitreise neu, indem er unterschiedliche Zeitstränge miteinander verknüpft und diese aus der jeweils entgegengesetzten Perspektive ablaufen lässt, was zu einer Vielzahl origineller Effekte und Zwischenfälle führt.

„Tenet“ gehört, was die Machart betrifft, mit Sicherheit zu den besten Filmen der letzten Jahre. Und die Frage, die sich am Ende stellt, lautet, ob man so etwas überhaupt noch toppen kann.

Tenet. Regie, Drehbuch, Produkion: Christopher Nolan; Darsteller: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debizki, Kenneth Branagh. USA 2020

Undine oder Wieso arbeitet ein Wassergeist im Stadtmuseum?

Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, könnte man einfach sagen: Christian Petzold hätte seinen neuesten Film durchaus besser machen können. Denn irgendwie scheint ihm nicht sehr viel eingefallen zu sein, um eine packende Geschichte abzuliefern. Daher läuft Undine mehr die Treppe im Stadtmuseum auf und ab als das so etwas wie Spannung oder Romantik entstehen würde.

Gleich am Anfang zitiert Petzold mit dem langen Dialog zwischen Undine und ihrem Exfreund ausgerechnet Luc Bessons „Lucy“ (Bessons schlechtesten Film), um danach Undine ewig lange über die Teilung Deutschlands referieren zu lassen. Dass der Taucher Christoph sich unter den Zuhörern befindet wird hierbei zu weniger als zur Nebensache. Schön wäre es gewesen, Christophs Reaktionen auf Undine einzufangen, um dadurch eine gewisse Dichte zu erzeugen. Aber nein, anscheinend geht es auch anders.

Danach plätschert der Film eher lustlos vor sich hin, ohne irgendeine Aussage treffen zu wollen. In dieser Hinsicht wirkt „Undine“ unglaublich oberflächlich. Unfreiwillig komisch wird der Film dann in der Szene, in der Undine im Nachthemd durchs Wasser taucht. Durchaus gewitzt aber wieder dann, wenn Christian Petzold „Species“ (1995) in der Swimmingpool-Szene zitiert.

Was an „Undine“ allerdings wirklich gut und atmosphärisch ist, sind die Unterwasserszenen. Davon hätte man gerne mehr gesehen, besonders, da sich die Crew mit den Unterwasserkulissen große Mühe gegeben hat. Trotz der sehr guten Darstellung von Franz Rogowski (Paula Beer als Undine fällt ihm gegenüber weit zurück), hat „Undine“ weder Hand noch Fuß und driftet in manchen Szenen fast in die Langeweile ab.

Undine. Regie u. Drehbuch: Christian Petzold, Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Jacob Matschenz. Deutschland 2020

 

Richard Stanley zum Dritten: Die Farbe aus dem All

Die bizarre Gefahr breitet sich aus; „Die Farbe aus dem All“ (2019); © Koch Film

Bereits mit seinem ersten Film „M.A.R.K. 13“ (Hardware) aus dem Jahr 1990 schuf Regisseur Richard Stanley einen Klassiker des SF-Kinos. Zwei Jahre danach folgte der Horrorfilm „Dust Devil“, der leider sofort auf Video veröffentlich wurde. Und danach … Nun danach folgten sage und schreibe 30 Jahre Funkstille. Zwar verfasste Stanley mehrere Drehbücher oder arbeitete daran mit, doch einen weiteren Spielfilm drehte er nicht.

Erst 2019 kehrte Richard Stanley mit der freien Lovecraft-Adaption „Die Farbe aus dem All“ auf die Leinwand zurück. Dass Stanley ein hervorragender Regisseur ist, zeigte er bereits in seinem Debüt. Und wenn man sich „Die Farbe aus dem All“ ansieht, dann bestätigt sich dies. Bei Stanleys dritten Spielfilm handelt es sich allerdings nicht um die erste Verfilmung des Stoffes. Diese Ehre kommt „Die, Monster, Die!“ aus dem Jahr 1965 zu. Überaus erwähnenswert ist auch die japanische Verfilmung „Uzumaki“ von Regisseur Higuchinski aus dem Jahr 2000.

Richard Stanley geht jedoch einen völlig anderen Weg als die früheren Produktionen. Er vermischt modernen Horror mit psychedelischem Bilderrausch, um sich auf diese Weise dem „unaussprechlichem Grauen“, wie Lovecraft dies gerne bezeichnete, anzunähern. Dabei bespickt er seinen Film, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, mit jeder Menge gewitzter Anspielungen auf andere Lovecraft-Geschichten (schon allein das dreieckige Dachfenster ist genial) sowie auf Autoren, wie z.B. Algernon Blackwood, von denen Lovecraft begeistert war.

Die Handlung besteht darin, dass eines Tages ein Meteor in den Garten der Gardners (im Grunde genommen ein witziges Wortspiel) fällt, der die Landschaft, die Tiere und schließlich auch die Menschen verändert. Von dem Meteor geht immer wieder eine surreale Farbe aus, die alles auf psychedelische Weise zum Leuchten bringt.

„Die Farbe aus dem All“ besticht nicht nur durch die bizarren Farbeffekte, sondern zugleich durch eine wunderbare Optik. Stanley bezieht sich bei den Spezialeffekten auf die 80er Jahre, nicht ohne Grund, kam es in den 80ern doch zu einer Mehrzahl von Verfilmungen von Lovecraft-Geschichten, von denen „Reanimator“ (1984) zu den bekanntesten gehört. Stanley aber übertreibt es nicht mit den Splattereffekten, sondern hält sich hierbei eher zurück, um sich verstärkt auf die bedrohliche Atmosphäre zu beziehen. Und dabei kommt er Lovecrafts grundlegender Idee, ein unfassbares Grauen zu beschreiben, ziemlich nahe.

Weswegen Nicolas Cage die Hauptrolle erhielt, ist im Grunde nicht nachzuvollziehen. Denn ausgerechnet er passt gar nicht in den Film. Sein Spiel wirkt teilweise unbeholfen, seine Figur ist am wenigsten ausgeprägt. Ein anderer Darsteller wäre hierbei sicherlich besser gewesen.

Doch unabhängig davon ist „Die Farbe aus dem All“ ein gewitzter Horrorfilm, der sehr gut unterhält. Hoffentlich dauert es nicht wieder 30 Jahre, bis Richard Stanley einen neuen Film dreht.

Die Farbe aus dem All (OT: Color out of Space). Regie u. Drehbuch: Richard Stanley, Produktion: Elijah Wood, Darsteller: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur, Brendan Meyer. USA 2019

Gut gemeint: Ad Astra – Zu den Sternen

Tolle Aussicht; „Ad Astra“ (2019); © 20th Century Fox

James Gray ist ein Regisseur der leisen, düsteren Töne. Vor allem machte sich dies in dem Abenteuerfilm „Die versunkene Stadt Z“ (2016) bemerkbar, in dem er mithilfe seines speziellen Stils das Geheimnisvolle mit den Elemten eines Dramas verbindet. Drei Jahre später versuchte Gray, diesen Stil in dem SF-Film „Ad Astra“ zu involvieren. Das Ergebnis ist zwar gut gemeint, aber seltsam leer.

Im Grunde genommen geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung, wobei der Sohn trotz Verlust und Enttäuschung in die Fussstapfen des Vaters tritt und ebenfalls Astronaut wird. Roys Vater ist vor 20 Jahren auf seiner Reise zum Neptun verschwunden („Event Horizon“ lässt grüßen). Nun aber gibt es Indizien, dass Roys Vater noch lebt und er Auslöser für Naturkatastrophen auf der Erde ist. Roy macht sich auf den Weg, um seinen Vater zu suchen.

Die Optik des Films ist in der Tat eine absolute Wucht, dasselbe trifft auf die großartigen Spezialeffekte zu, die richtiges Weltraumfeeling schaffen. Und dennoch bleibt „Ad Astra“ ein seltsam leerer Film, der nicht wirklich enttäuscht, dennoch ratlos zurücklässt. Denn die Frage, die offen bleibt, lautet, was Regisseur Gray eigentlich mit seinem Film aussagen wollte. Im Grunde genommen müsste die Antwort „nichts“ lauten. Denn außer der Vater-Sohn-Beziehung enthält „Ad Astra“ kein konkretes Thema. Alle anderen Aspekte, die die Handlung mit Leben und Sinn gefüllt hätten, werden lediglich angedeutet.

Hierbei helfen auch nicht die pseudophilosophischen Gedanken Roys, die durch Brad Pitts Stimme aus dem Off für Nachdenklichkeit sorgen sollen. Das größte Problem dabei ist, wie ich finde, dass James Gray darauf verzichtet, der zukünftigen Gesellschaft ein konkretes Bild zu geben, wobei wir wiederum bei der oben erwähnten Skizzenhaftigkeit wären. Da dieser Rahmen fehlt, wirkt auch die Vater-Sohn-Beziehung und sämtliche Handlungsgründe wie lose in der Luft oder besser im Weltraum hängend. – Wie schon gesagt: gut gemeint.

Ad Astra – Zu den Sternen (OT: Ad Astra); Regie u. Drehbuch: James Gray, Produktion: James Gray, Brad Pitt; Darsteller: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, Lyv Tyler. USA 2019

Archive – Großartige Science Fiction mit sanften Tönen

J3 (Stacy Martin) erwacht zum Leben; „Archive“ (2020); © Capelight

Gavin Rothery arbeitete bisher als Effektkünstler beim Film. U. a. schuf er dabei die Spezialeffekte für Duncan Jones‘ wunderbaren SF-Film „Moon“. Mit „Archive“ legt Rothery nun seine erste Regiearbeit vor, einen SF-Film, der in leisen, aber eindrucksvollen Tönen sich dem Thema Mensch-Maschine annimmt.

Im Jahr 2038 lebt George Almore alleine in eine riesigen Forschungsstation in einem Waldgebiet Japans, wo er an humanoiden Robotern experimentiert. Als es ihm tatsächlich gelingt, eine Menschmaschine zu schaffen, ist das Ergebnis anders als erwartet.

Gavin Rotherty zur Seite stand der bekannte Kameramann Laurie Rose, der für das SF-Drama wundervolle Bilder einfing. Sorgfältige Bildkompositionen wechseln ab mit grazilen Kameraschwenks, was den Film allein schon deswegen zu einem visuellen Genus macht. Hierbei herrschen vor allem unterschiedliche Grautöne vor, die erstklassig Almores außergewöhnliche Situation widerspiegeln sowie die durchaus trostlose, von Konzernen beherrschte Zukunft. Stellenweise fühlt man sich an die Farbgebung von „Moon“ erinnert, was – wie oben ja bereits bemerkt – kein Wunder ist.

Almore lebt völlig alleine mit drei Robotern in der Station: dem ersten Prototyp J1, der verbesserten Version J2 und seinem Meisterstück J3. Die Maschinen sind so hoch entwickelt, dass sie nicht nur Gefühle besitzen, sondern sogar träumen können. Doch aufgrund dessen entwickelt J2 zunehmend Eifersucht gegenüber der neuesten J-Version – einem Ebenbild von Jules, Almores verstorbener Frau.

Durch diese Konstellation fühlt man sich ein wenig an den SF-Klassiker „Silent Running“ (1972) erinnert, in dem der Biologe Freeman Lowell alleine mit seinen Arbeitsrobotern durch den Weltraum gondelt. Die Situation jedoch ist natürlich eine völlig andere – ging es bei dem Klassiker um die Rettung der Natur, so geht es in „Archive“ um die Herausforderung, eine fühlende Maschine zu kreieren.

Dabei gelingen Gavin Rotherty unglaublich gute Szenen, von denen zwei geradezu perfekt sind: die eine, in der sich Almore mit dem humanen Androiden Elson in einer Bar trifft – wobei Rotherty auf gewitzte Weise „Blade Runner“ zitiert – und die zweite, in der J3 durch das Wohnzimmer tanzt. Diese zweite Szene wirkt geradezu schön und unheimlich zugleich, handelt es sich letztendlich doch um ein künstliches Wesen, um eine Maschine, die sich überaus lebendig zu den Klängen eines Popsongs bewegt.

So gut der Film als Ganzes ist, so enttäuscht dann doch die Pointe, die dem Spannungsaufbau im gewissen Sinne den Stecker zieht. Der Film als solcher jedoch besitzt eine feinfühlige, spannende und auch sinnliche Ästhetik, die einen völlig in den Bann zieht.

Eigentlich hätte der Film in die Kinos kommen sollen, doch aufgrund der bekannten Situation wurde er gleich als VOD und auf DVD veröffentlicht. Trotz der Schwäche am Ende handelt es sich um einen großartigen SF-Film. Kurz: Absolut sehenswert.

Archive. Regie u. Drehbuch: Gavin Rotherty, Produktion: Theo James, Darsteller: Theo James, Stacy Martin, Toby Jones, Hans Peterson. USA 2020, 105 Min.

 

8 – Horror aus Südafrika

Mit „8“ liefert der südafrikanische Regisseur Harold Holscher sein Debüt ab: ein Horrorfilm, der südafrikanische Folklore mit modernen Gruselelementen vermischt. Das Symbol 8 verweist dabei auf den Berührungspunkt zwischen der übernatürlichen und der hiesigen Welt.

Die Handlung spielt 1977. Will, seine Frau Sarah und die Adoptivtochter Mary ziehen in ein altes Farmhaus, das früher Wills Vater gehört hat. In der Nähe treibt sich der einsame Schwarze Lazarus herum, der einen schweren Ledersack mit sich herumträgt. Da Lazarus früher für Wills Vater gearbeitet hat, lässt Will ihn in der Scheune wohnen. Doch als sich mehr und mehr unheimliche Dinge ereignen, möchte Sarah, dass Lazarus wieder verschwindet. Auch der in der Nähe lebende Medizinmann Obara warnt Will vor Lazarus …

Harold Holschers Debüt steckt voller Geheimnisse und dies im doppelten Sinn. Denn zum einen ist „8“ eine durch und durch geheimnisvolle, düstere Geschichte, zum anderen lässt der Regisseur viele Aspekte offen, sodass man als Zuschauer durchaus ins Rätseln kommt, was mit dieser oder jener Szene gemeint ist. Wer sich mit afrikanischer Folklore auskennt, wird wahrscheinlich mehr in mancher unklaren Szene erkennen. Andererseits aber ist dies natürlich auch ein Anreiz dafür, sich selbst näher mit den Mythen und Legenden Südafrikas zu beschäftigen.

Was interessant ist, ist, dass Harold Holscher gleich zu Anfang Larry Fessendens Meisterwerk „Wendigo“ (2001) zitiert. Die Anfahrt zur Farm ähnelt recht stark der Anfahrt zu dem leer stehenden Haus in eben jenem Film des New Yorker Independent-Regisseurs, sodass man meint, dass Holscher sich weiter an Fessendens Stil orientierten wird.

Doch weit gefehlt. Angekommen beim Farmhaus nimmt es Holscher mit den Horrorfilmen der 70er Jahre auf, weswegen ja auch die Handlung im Jahr 1977 spielt. Erst nach und nach schleichen sich die folkloristischen Elemente in die Handlung ein. Aufgrund eben dieser Elemente wirkt „8“ stets faszinierend, wobei jedoch eher selten richtige Spannung aufkommt. Die einzelnen, wenigen unheimlichen Szenen sind sehr sorgfältig konzipiert und orientieren sich dabei sehr schön an klassischen Gruselelementen. Dies ist vor allem Kameramann David Pienaar zu verdanken, dessen wunderbare Bildkompositionen den Film immer wieder zu einem Augenschmaus machen.

Das Problem des Films sind jedoch vor allem seine Figuren. Will, Sarah und Mary bleiben allesamt eher unscharf. Vor allem bei Will weiß man nicht recht, was er auf der Farm eigentlich möchte. Denn angeblich ist er, laut einer Bemerkung Sarahs, Buchhalter. Möchte er die Farm übernehmen? Das Haus einfach nur herrichten, um es nachher zu verkaufen? Dass Sarah ihm keine richtige Hilfe ist, wird immer deutlicher. Denn sie ist die einzige, die spürt, dass mit dem Ort und mit Lazarus etwas nicht stimmt.

Im Hinblick auf das Unheimliche wirkt der Schwarze Wanderer keineswegs bedrohlich oder unsympathisch. Im Gegenteil, ausgerechnet der von allen anderen Figuren als unheimlich und böse bezeichnete Mann ist die Figur, in die man sich am ehesten hineinversetzen kann. Sein Schicksal macht ihn zu einer durch und durch tragischen Figur, mit der man eher Mitleid hat, als dass man sich vor ihr gruselt.

Harold Holscher beweist in „8“, trotz der genannten Schwächen, dass er auf jeden Fall etwas kann. Man darf daher gespannt auf seinen nächsten Film sein.

„8“. Regie u. Drehbuch: Harold Holscher, Produktion: Jac Williams, Darsteller: Tshamano Sebe, Inge Beckmann, Garth Breytenbach, Keita Luna, Chris April. Südafrika 2019.

Grantchester – Eine Serie nicht nur für Agatha Christie-Fans

Bereits 2014 wurde die erste Staffel der englischen Krimiserie „Grantchester“ ausgestrahlt. Der Erfolg der Adaption der Kurzgeschichten von James Runcie war so enorm, dass die Serie inzwischen bei der fünften Staffel angekommen ist.

„Grantchester“ spielt in den 50er Jahren. In dem gleichnamigen Ort betätigt sich Pfarrer Sidney Chambers als Detektiv. Der gut aussehende Pfarrer hat es jedoch nicht nur mit Kriminalfällen zu tun, sondern auch mit jeder Menge Beziehungsproblemen, denn er zieht die Frauen quasi magisch an, was seinen Freund, Polizeiinspektor Geordie Keating, immer wieder zur Verzweiflung bringt.

Pfarrer und Kriminalfälle, da kommt man natürlich als erstes  – nein, nicht auf Heinz Rühmann – , sondern auf G. K. Chestertons Pater Brown. In dieser Hinsicht ist die Idee alles andere als neu. Dennoch wirkt die Serie dermaßen frisch und originell, dass man eine regelrechte Freude daran hat. Gespielt wird Sidney Chambers von Andrew Norton, der übrigens vor seiner Schauspielerkarriere Theologie studiert hat. In den Kurzgeschichten hat Autor James Runcie die Erinnerungen seines Vaters verarbeitet, der selbst als Pfarrer in einer kleinen Gemeinde tätig gewesen war. Auf diese Weise nimmt die Serie hervorragend die Scheinheiligkeit der Gemeindemitglieder aufs Korn.

Zugleich aber sind die einzelnen Fälle recht spannend, immer wieder witzig und rasant erzählt. In keiner einzelnen Folge gibt es auch nur irgendeine ruhige Minute. Stets wird die Handlung durch diesen oder jenen Zwischenfall vorangetrieben. Dabei wirken auch Sidney Chambers‘ diverse Beziehungsprobleme überaus unterhaltsam und amüsant. Auch alle anderen Figuren wirken hierbei recht sympathisch: ob es Sidneys Haushälterin Sylvia Maguire ist, die ihn stets zurecht weist, oder sein schüchterner Kollege Leonard Finch, der sich gerne hinter seinen Büchern versteckt und der seine erste Predigt über Kants kategorischen Imperativ hält.

Der Serie gelingt das Kunststück, trotz aller Unterhaltsamkeit, sich keineswegs von der Realität zu entfernen. Am eindringlichsten wird dies in der zweiten Staffel, in der sich die Rahmenhandlung um das Schicksal eines zum Tode verurteilten Jungen dreht. Diese ist so eindringlich erzählt, dass einem regelrecht die Sprache wegbleibt. Dabei spielt die Serie keineswegs den Moralapostel, sondern stellt die gesetzlichen Aspekte so dar, wie sie damals in England waren.

Kurz und knapp: „Grantchester“ ist eine erstklassige Serie, die keinen einzigen Durchhänger hat, sondern stets von neuem mit hervorragend konzipierten Geschichten zu gefallen weiß. Nicht nur etwas für Fans klassischer Kriminalstorys.