The Movies – Die Geschichte Hollywoods

Filmgeschichte im Schnelldurchlauf, das präsentiert die TV-Serie „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“, die u. a. von Tom Hanks produziert wurde. Positiv zu bewerten ist, dass endlich jemand auf die Idee gekommen ist, die Geschichte Hollywoods in einer sehr unterhaltsamen und interessanten Doku-Reihe darzustellen. Allerdings nimmt sich die Serie nicht die komplette Geschichte des Films vor, sondern lässt leider die Stummfilmzeit aus. Auf diese Weise beginnt die Doku mit „The Jazz Singer“, dem ersten Tonfilm.

Cover zur Doku-Reihe „The Movies“

Danach geht es Schlag auf Schlag. Von den 30ern bis ins Jahr 2018 geht die Reise, wobei sich kurze Filmausschnitte mit kurzen Interviewsequenzen stetig abwechseln. Das alles ist, wie gesagt, sehr interessant und die Serie bemüht sich, die sozialen Zusammenhänge zu berücksichtigen. Doch das Tempo ist dermaßen rasant, dass es einem manchmal einfach zu schnell geht.

Wer sich eine hintergründige Arte-Dokumentation erhofft, ist bei „The Movies“ sicherlich fehl am Platz. Denn hier werden vor allem kurze Statements zu den Filmen abgegeben (von Schauspieler X war dies die beste Darstellung; der Film war ein riesen Erfolg usw.), doch mehr eigentlich nicht. Auf manche Filme geht die Doku etwas genauer ein und präsentiert dabei auch die wesentlichen Fakten, allerdings alles eher schlagwortartig.

„The Movies“ berücksichtigt dabei fast alle Genres, leider aber lässt er dabei das Horrorgenre beinahe ganz unter den Tisch fallen, was schade ist, da dieses Genre vor allem in den 70ern wesentlich zur Veränderung der Darstellungsweisen beigetragen hat. Stattdessen nimmt sich die Doku-Reihe gelegentlich das SF-Genre vor, wobei es dieses in den jeweiligen sozialen und politischen Zusammenhang stellt.

Das alles ist, wie jetzt schon ein paar mal bemerkt, sehr interessant und gut gemacht (faszinierend an der sechsteiligen Doku sind vor allem die Unmengen an Filmausschnitten – der Schneideraum muss regelrecht geglüht haben), doch bleibt bei all den Fakten, die einem dabei um die Ohren gehauen werden, eher oberflächlich.

Daher ist die Serie vor allem für Leute geeignet, die sich einen einfachen Überblick über die Geschichte des Hollywoodkinos machen wollen. Alle anderen werden sicherlich auch ihren Spaß an der Serie haben, aber ein wenig enttäuscht sein, da die Serie nicht wirklich in die Tiefe geht.

Sinnliche Vampire: Carmilla (2019)

Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ (erschienen 1871) zählt zu den Klassikern der unheimlichen Literatur und der Vampirgeschichten im Speziellen. Die angedeutete lesbische Beziehung zwischen der Vampirin Carmilla und ihrem Opfer Lara macht den Stoff für Regisseure bis heute interessant. 2019 nahm sich Regisseurin Emily Harris der Novelle an und schuf einen wunderschönen, dichten und durchaus sinnlichen Horrorfilm.

Laura (Hannah Rae) und Carmilla (Devrim Lingnau) finden zueinander; „Carmilla“ (2019); © Film Movement

Wer sich spritzende Blutfontänen erhofft, ist bei Emily Harris‘ Verfilmung fehl am Platz. Wer jedoch subtilen Grusel und das zwischen den Zeilen lauernde Grauen schätzt, der ist hier genau richtig. Denn Harris zeigt keine Vampire mit spitzen Eckzähnen, sondern beschreibt, wie das Unheimliche nach und nach in das Haus eines Arztes Einzug hält. Vor allem von dem Grauen betroffen ist Laura, deren Mutter gestorben ist und die nun von der strengen Miss Fontaine erzogen wird. So gut wie alles ist Laura verboten, erst recht darf sie nichts über sexuelle Themen erfahren. Heimlich aber stielt sie sich immer ein anatomisches Buch ihres Vaters aus dem Bücherschrank.

Als in unmittelbarer Nähe des Hauses eine Kutsche verunglückt, wird die verletzte Carmilla ins Haus gebracht. Carmilla kann sich nicht erinnern, woher sie stammt oder wer ihre Eltern sind. Daher soll sie so lange bleiben, bis der Fall geklärt ist. Währenddessen aber freundet sich Laura mit Carmilla immer mehr an. Die Freundschaft geht rasch über in eine sinnliche Beziehung.

Harris orientiert sich bei ihrer Adaption teilweise an den Arbeiten der beiden Indie-Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead, die mit ihren eigenwilligen Horrorfilmen (wie z.B. „Spring“) immer wieder Aufsehen erregen. Zugleich aber lässt sie sich in der Bildgestaltung durch Gemälde aus dem 19. Jahrhundert inspirieren, was dem gesamten Film eine wunderschöne Optik verleiht, die geprägt ist von einer grandiosen, düsteren Farbgebung und einer exzellenten Beleuchtung.

Innerhalb dieses ästhetischen Rahmens nimmt die düster-unheimliche Geschichte ihren Lauf. Wie bereits bemerkt, lebt Harris‘ Verfilmung der berühmten Novelle von Andeutungen, die so geschickt in die Handlung eingewebt sind, dass dadurch eine stete unterschwellige Bedrohung entsteht.

Aufgrund dieser wundervollen Machart, die fast ganz auf die herkömmlichen Vampir- und Horroreffekte verzichtet, wirkt der Film zwar auf eine leise, trotzdem durchaus beeindruckende Weise. Dies macht „Carmilla“ meiner Meinung nach zur bisher besten Adaption der Novelle, vor allem auch deswegen, da sich der Film (im Gegensatz zu anderen Verfilmungen des Klassikers) recht genau an die literarische Vorlage hält.

Carmilla. Regie u. Drehbuch: Emily Harris, Produktion: Lizzie Brown, Darsteller: Hannah Rae, Jessica Raine, Devrim Lingnau, Tobias Menzies, Lorna Gayle. England 2019

Greenland (2020)

Regisseur Ric Roman Waugh hat es geschafft: einen Katastrophenfilm zu inszenieren, in dem die eigentliche Katastrophe so zur Nebensache wird, dass sie beinahe gar nicht erscheint. Stattdessen gibt es den üblichen Ehekonflikt, das übliche kränkelnde Kind und die üblichen Fieslinge.

Mitten in allem steht der Bauingenieur John Garrity, der zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn ausgewählt wurde, um die Katastrophe eines Meteoriteneinschlags in einem Bunker in Grönland zu verbringen. Das bringt natürlich Neid und Missgunst mit sich, die Familie wird aufgrund der üblichen Zwischenfälle getrennt und schließlich … Ja schließlich wartet der Katastrophenfilmexperte auf den Megaeinschlag – aber dieser wird ebenfalls lediglich wie nebenher in Szene gesetzt.

Interessanterweise fanden diesen Aspekt viele Kritiker gut. Nun, es ist sozusagen eine andere Perspektive auf ein Katastrophenszenario, doch kein wirklich originelles. Der Film lehnt sich in Ansätzen an den Klassiker „Der jüngste Tag“ (1951) von Regisseur Rudoph Maté an (basierend auf dem Roman „Wenn Welten zusammenstoßen“ von Philip Wylie und Edwin Balmer), erreicht aber nicht einmal in Ansätzen dessen Qualität.

Vor allem ist die Botschaft des Films ein wenig bedenklich: kein kritisches Hinterfragen, sondern eine durch und durch unkritische, kapitalistische Sichtweise auf die Katastrophe, dass man schon fast von ideologischen Konzepten sprechen muss. In „Der jüngste Tag“ wird dieses soziale Problem teils hinterfragt und, was wichtig ist, logisch erklärt. In „Greenland“ haben wir lediglich ein plakatives Vorgehen, das von einer nicht genau definierten Elite ins Leben gerufen wurde und an das sich John Garrity und seine Familie brav hält – ein unterschwelliger Sozialdarwinismus macht sich dabei bemerkbar, der sich allein durch Bildung, Erfolg und Reichtum definiert (wobei Bildung nicht unweigerlich zu Erfolg und Wohlstand führt, wie Politiker und Ökonomen gerne behaupten). Alle anderen Menschen werden dadurch indirekt als nutzlos abgestempelt.

Hinzu kommt das Finale, das, berücksichtigt man die Zeit, die den Garritys bleibt, um nach Grönland zu kommen, völliger Blödsinn ist. Und auch Garritys Meinung, dass man unter der Brücke vor den Meteoritenbruchstücken in Sicherheit ist, entbehrt jeglicher Logik – besonders, da wegen eines Einschlags kurz zuvor eine Brücke eingestürzt ist. Nun ja, was bleibt, sind wenige, aber gut gemachte Actionszenen. Leider droht Regisseur Waugh mit einer Fortsetzung. Man darf gespannt sein, wie die oben skizzierten ideologischen Elemente weiterentwickelt werden.

Greenland. Regisseur: Ric Roman Waugh, Produktion: Gerard Butler, Drehbuch: Chris Sparling, Darsteller: Gerard Butler, Morean Baccarin, Roger Dale Floyd, Scott Glen. USA 2020

Horror de Luxe: Enemy (2013)

Der Film „Enemy“ ist zwar eher eine Art Mystery-Thriller und weniger ein Horrorfilm, doch ist er in unserer Rubrik „Horror de Luxe“ trotzdem am besten aufgehoben. Allein schon aus dem Grund, da es sich um einen erstklassigen Film handelt.

Wo ist der Kammerjäger, wenn man ihn braucht?; Szene aus „Enemy“ (2013); © Entertainment One

Man stelle sich vor, es würde einen zweimal geben. Gut, das Doppelgängermotiv ist so alt wie die Phantastik selbst, doch in Denis Villeneuves Adaption des Romans „Der Doppelgänger“ von José Saramago nimmt dieses Motiv ziemlich bizarre Züge an. Jedenfalls handelt es sich um einen Film, den Filmkritiker aufgrund seiner Symbolik bis heute immer wieder analysieren.

Es geht um den Geschichtsdozenten Adam Bell, der sich in seinem Leben nur noch langweilt. Auch die Beziehung zu seiner Frau steckt in der Krise. Da leiht er sich einen Film aus, dessen Hauptdarsteller Anthony Claire ihm bis aufs Haar gleicht. Adam versucht, mit Anthony in Kontakt zu kommen. Der Beginn eines gefährlichen Spiels …

„Enemy“ ist ein großartiger Thriller mit leisen Tönen, der einem so richtig unter die Haut geht. Zudem ist die Schlussszene dermaßen der Hammer, dass es einen regelrecht vom Stuhl haut. Ich persönlich habe mich jedenfalls so erschrocken wie schon lange nicht mehr.

In der Machart orientiert sich Denis Villeneuve an den Thrillern der 70er Jahre, was „Enemy“ einen leicht schmuddeligen Look verleiht, der ja typisch für die Krimis und Thriller der 70er Jahre war. Villeneuve sagte zwar in einem Interview, dass er sich für „Enemy“ bei den Filmen Stanley Kubricks beeinflussen hat lassen, doch kann der Film auch nicht den Einfluss David Lynch‘ verbergen. Das Spiel zwischen Realität und surrealen Zwischentönen liegt genau auf dessen Linie.

Wirklich hervorragend ist auch die Arbeit von Jake Gyllenhaal, der hier Adam Bell und dessen Doppelgänger spielt. Seine beiden Darstellungsweisen sind so überzeugend, dass man tatsächlich zwei verschiedene Personen vor sich sieht. Auf der einen Seite der orientierungslose Dozent Adam Bell, auf der anderen Seite der aggressive Schauspieler Anthony Claire. Ein paar Jahre später sollte Kyle MacLachlan eine ähnlich gute Doppelgängerdarstellung in der Fortsetzung von „Twin Peaks“ abliefern.

„Enemy“ lief zwar nicht besonders erfolgreich in den Kinos, erhielt jedoch ausnahmslos gute Kritiken. Zusätzlich wurde der Film mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Toronto Film Critics Award als bester kanadischer Spielfilm. Kurz: sehr zu empfehlen.

Enemy. Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Javier Gullon, Produktion: Niv Fichman, Darsteller: Jake Gillenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini. Kanada 2013

Da fliegen mir doch die Bandagen weg: Die Mumie (2017)

Tom Cruise in „Die Mumie“ – oder müsste es nicht eher heißen Die Mumie in „Tom Cruise“? Denn bei der Sichtung fällt unangenehm auf, dass es kaum eine Szene gibt, in der Cruise nicht zu sehen ist. Fast schon plakativ lässt Regisseur Alex Kurtzman seinen Hauptdarsteller auch dann in Szene treten, wenn er eigentlich überflüssig ist. Vielleicht aber lag es auch an Tom Cruise, der bei diesem verkorksten Mumien-Neustart nur mitmachen wollte, wenn nicht auch den üblichen Leuten in der letzten Reihe klar wird, dass Cruise der Star ist.

Da bekommt sogar die Mumie (Sofia Boutella) einen Schreikrampf; „Die Mumie“ (2017); © Universal

So gesehen wird die Mumie zur Nebensache, denn das Hauptthema ist Tom Cruise. Schade eigentlich, denn Sofia Boutella als Mumie ist recht gut eingewickelt und kommt dabei böse-sinnlich herüber. Sehr schön auch die Schriftzeichen, die ihr Gesicht prägen. Alles in allem hätte es vielleicht ein gewitztes Filmabenteuer werden können, wenn da eben nicht … Aber das wisst ihr ja schon.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Grund, weswegen „Die Mumie“ nicht wirklich der Knaller ist, der „Die Mumie“ von 1999 noch gewesen war. Und zwar liegt dies an der Einfallslosigkeit, in der sich die Geschichte suhlt. Hier ist nichts originell, sondern wirkt völlig lieblos, ja beinahe wie hingerotzt, nach dem Motto, es werden schon genug Leute ins Kino gehen. Und die Macher hatten Recht: denn trotz miserabler Kritiken wurde Kurtzmans Film ein enormer Erfolg.

Das Problem ist sicherlich auch, dass man niemanden, der bei Michael Bay in die Lehre (oder soll man sagen in die Leere?) gegangen ist, einen Horror-Fantasy-Film drehen lassen sollte (oder überhaupt einen Film :D ). Denn dabei kommt nicht viel heraus. In der Tat schien Kurtzman selbst von dem Film nicht angetan gewesen zu sein, wirkt dieser doch völlig seelenlos – also eigentlich genauso wie Michael Bays Filme. Dass man von Actionfilmen keine Tiefe erwarten muss, ist klar, doch dass nicht einmal irgendwelche Themen angesprochen und verfolgt werden, ist doch wirklich erbärmlich. Auch die unbeholfenen Anspielungen auf Universal-Konkurrent Hammer Film laufen völlig ins Leere.

Auf diese Weise funktioniert dann auch nicht der Gag mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die von Russel Crowe gespielte Figur wirkt in dem Film genauso aufgesetzt wie alles andere. Man bleibt eben fantasielos – und dass es dafür auch noch drei Drehbuchautoren gebraucht hat, ist mehr als nur ein Armutszeugnis.

Ein Glück, dass Universal dieses Format nicht auch bei seinem nächsten Dark Universe-Ableger „Der Unsichtbare“ angewendet hat. Dieser ist zwar auch kein Knüller, aber auf jeden Fall um ein Vielfaches besser.

Die Mumie. Regie u. Produktion: Alex Kurtzman, Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman, Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russel Crowe. USA 2017

Sanditon – Jane Austens unvollendeter Roman als großartige TV-Serie

Jane Austen begann ihren Roman „Sanditon“ im Januar 1817, um nur drei Monate später mit dem Schreiben aufzuhören. Austen-Experten meinen, dass sie aufgrund ihrer schweren Krankheit (Austen starb im Juli desselben Jahres) nicht mehr hatte weiter daran arbeiten können.

Charlotte Heywood (Rose Williams) kommt nach Sanditon;
„Sanditon“ (2019); © BBC

Der unvollendete Roman über einen kleinen Ort, den Thomas Parker in einen modernen Ferienort verwandeln möchte, regte bereits viele Schriftsteller dazu an, ihn auf ihre Weise weiter zu schreiben. So auch den Drehbuchautor Andrew Davies. Heraus kam eine achtteilige Miniserie, die Kritiker begeisterte, Jane Austen-Fans jedoch teils verstörte.

Grund dafür sind die vielen Nacktszenen zu Beginn der Serie sowie das Austen untypische Ende. Dieses verleitete manchen Zuschauer zu der Spekulation, dass die BBC, die die Serie produzierte, eine zweite Staffel plane. Von den Machern selbst gibt es in dieser Hinsicht bisher keine Kommentare.

Doch unabhängig davon schuf Andrew Davies eine von Anfang bis Ende witzige und spannende Serie, von der lediglich der Anfang an Austens Romanwrackment angelehnt ist. Der Rest orientiert sich zwar am Stil Austens, ist jedoch alleinige Erfindung des Autors. Davies macht allerdings seine Arbeit so gut, dass man den Schnitt zwischen Austens Werk und Davies Einfallsreichtum kaum merkt. Nur hier und da, wenn es z. B. plötzlich um eine Entführung geht oder um eine Verfolgungsjagd mit zwei Kutschen ist klar, dass hierbei Jane Austen nicht Pate gestanden hatte.

Charlotte Heywood (Rose Williams) und Sidney Parker (Theo James); Sanditon (2019); © BBC

Gewitzte und schwungvolle Dialoge beherrschen die Serie, die von sehr guten Schauspielern getragen wird. Zudem überzeugen die einzelnen Episoden durch eine hervorragende Kameraarbeit und nicht zuletzt durch die tollen Kostüme. Machte sich Jane Austen stets darüber lustig, dass es ihren adeligen Zeitgenossen nur ums Geld geht, so macht Andrew Davies dieses Thema zur Grundlage seines Drehbuchs. Um die alte Lady Denham scharen sich ihre Verwandten, die hoffen, ihr Erbe antreten zu können. Dabei versuchen sie, sich gegenseitig auszustechen. Dem gegenüber steht die Hauptfigur Charlotte Heywood, die aus ärmeren Verhältnissen kommt und von Thomas Parker und dessen Frau nach Sanditon eingeladen wurde. Ihr geht es nicht ums Geld, sondern ihr liegt daran, dass es mit Toms Plänen vorangeht, wobei sie immer wieder mit der einen oder anderen Idee aufwartet.

Die Vielzahl an originellen Figuren, die Konflikte, in die Charlotte immer wieder gerät, und nicht zuletzt die internen Intrigen in der Denham-Familie machen die Serie zu einer äußerst kurzweiligen und spaßigen Unterhaltung. Kurz: eine der besten Austen-Adaptionen der letzten Jahre.

Sandition. (8 Episoden). Darsteller: Rose Williams, Theo James, Anne Reid, Chris Marshall, Jack Fox, Charlotte Spencer. England 2019

Tenet – Zwischen Science Fiction- und Agentenfilm

Der Protagonist (John David Washington) und sein Mitstreiter (Robert Pattinson) vor einem Rätsel; „Tenet“ (2020); © Warner

Bei Zeitreisefilmen denkt man als erstes an den Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1960) nach dem Roman von H. G. Wells. Dass das Thema allerdings auch anders bearbeitet werden kann, zeigt Regisseur Christopher Nolan in seinem SF-Thriller „Tenet“ (2020).

Es geht um einen Protagonisten, der die Welt vor der kompletten Vernichtung retten soll. Denn der russische Oligarch Andrei Saltor ist im Besitz einer Maschine, die das Zeitgefüge verändern kann.

In „Tenet“ herrscht ein solches Durcheinander, dass man sich zunächst wundert, ob Nolan selbst noch wusste, was gerade geschieht. Doch ist dieses Chaos keineswegs negativ gemeint, denn was Nolan dabei entwirft, ist ein absolutes Highlight des Filmschaffens. Die Bilder gehen gleichzeitig vor und zurück, entwickeln einen wahren Rausch von Bewegungen, wobei Nolan gleichzeitig auf die Grundidee des Kinos verweist: eben bewegte Bilder. Nolan schafft aus dieser Grundidee einen gewitzten und überaus unterhaltsamen Film, der sich frech an James Bond anlehnt und dies mit einer fast schon klassisch anmutenden SF-Geschichte verbindet.

Auch wenn die Action im Vordergrund steht, so lässt Nolan die Handlung sich nicht auf eine 08/15-Weise entwickeln. So kommt es während der Geschichte immer wieder zu auffallenden Lücken, die im Laufe des Films jedoch nach und nach gefüllt werden. Dies gilt ebenfalls für die Figuren, deren Hintergrund zunächst unklar ist, deren Funktion und Beziehungen untereinander jedoch auf geradezu elegante Weise gelöst werden. Dadurch ergibt sich eine interessante Komplexität, die schließlich in einem absolut chaosartigen Finale gipfelt. In diesem Sinne definiert Nolan das Thema Zeitreise neu, indem er unterschiedliche Zeitstränge miteinander verknüpft und diese aus der jeweils entgegengesetzten Perspektive ablaufen lässt, was zu einer Vielzahl origineller Effekte und Zwischenfälle führt.

„Tenet“ gehört, was die Machart betrifft, mit Sicherheit zu den besten Filmen der letzten Jahre. Und die Frage, die sich am Ende stellt, lautet, ob man so etwas überhaupt noch toppen kann.

Tenet. Regie, Drehbuch, Produkion: Christopher Nolan; Darsteller: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debizki, Kenneth Branagh. USA 2020

Undine oder Wieso arbeitet ein Wassergeist im Stadtmuseum?

Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, könnte man einfach sagen: Christian Petzold hätte seinen neuesten Film durchaus besser machen können. Denn irgendwie scheint ihm nicht sehr viel eingefallen zu sein, um eine packende Geschichte abzuliefern. Daher läuft Undine mehr die Treppe im Stadtmuseum auf und ab als das so etwas wie Spannung oder Romantik entstehen würde.

Gleich am Anfang zitiert Petzold mit dem langen Dialog zwischen Undine und ihrem Exfreund ausgerechnet Luc Bessons „Lucy“ (Bessons schlechtesten Film), um danach Undine ewig lange über die Teilung Deutschlands referieren zu lassen. Dass der Taucher Christoph sich unter den Zuhörern befindet wird hierbei zu weniger als zur Nebensache. Schön wäre es gewesen, Christophs Reaktionen auf Undine einzufangen, um dadurch eine gewisse Dichte zu erzeugen. Aber nein, anscheinend geht es auch anders.

Danach plätschert der Film eher lustlos vor sich hin, ohne irgendeine Aussage treffen zu wollen. In dieser Hinsicht wirkt „Undine“ unglaublich oberflächlich. Unfreiwillig komisch wird der Film dann in der Szene, in der Undine im Nachthemd durchs Wasser taucht. Durchaus gewitzt aber wieder dann, wenn Christian Petzold „Species“ (1995) in der Swimmingpool-Szene zitiert.

Was an „Undine“ allerdings wirklich gut und atmosphärisch ist, sind die Unterwasserszenen. Davon hätte man gerne mehr gesehen, besonders, da sich die Crew mit den Unterwasserkulissen große Mühe gegeben hat. Trotz der sehr guten Darstellung von Franz Rogowski (Paula Beer als Undine fällt ihm gegenüber weit zurück), hat „Undine“ weder Hand noch Fuß und driftet in manchen Szenen fast in die Langeweile ab.

Undine. Regie u. Drehbuch: Christian Petzold, Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Jacob Matschenz. Deutschland 2020

 

Richard Stanley zum Dritten: Die Farbe aus dem All

Die bizarre Gefahr breitet sich aus; „Die Farbe aus dem All“ (2019); © Koch Film

Bereits mit seinem ersten Film „M.A.R.K. 13“ (Hardware) aus dem Jahr 1990 schuf Regisseur Richard Stanley einen Klassiker des SF-Kinos. Zwei Jahre danach folgte der Horrorfilm „Dust Devil“, der leider sofort auf Video veröffentlich wurde. Und danach … Nun danach folgten sage und schreibe 30 Jahre Funkstille. Zwar verfasste Stanley mehrere Drehbücher oder arbeitete daran mit, doch einen weiteren Spielfilm drehte er nicht.

Erst 2019 kehrte Richard Stanley mit der freien Lovecraft-Adaption „Die Farbe aus dem All“ auf die Leinwand zurück. Dass Stanley ein hervorragender Regisseur ist, zeigte er bereits in seinem Debüt. Und wenn man sich „Die Farbe aus dem All“ ansieht, dann bestätigt sich dies. Bei Stanleys dritten Spielfilm handelt es sich allerdings nicht um die erste Verfilmung des Stoffes. Diese Ehre kommt „Die, Monster, Die!“ aus dem Jahr 1965 zu. Überaus erwähnenswert ist auch die japanische Verfilmung „Uzumaki“ von Regisseur Higuchinski aus dem Jahr 2000.

Richard Stanley geht jedoch einen völlig anderen Weg als die früheren Produktionen. Er vermischt modernen Horror mit psychedelischem Bilderrausch, um sich auf diese Weise dem „unaussprechlichem Grauen“, wie Lovecraft dies gerne bezeichnete, anzunähern. Dabei bespickt er seinen Film, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, mit jeder Menge gewitzter Anspielungen auf andere Lovecraft-Geschichten (schon allein das dreieckige Dachfenster ist genial) sowie auf Autoren, wie z.B. Algernon Blackwood, von denen Lovecraft begeistert war.

Die Handlung besteht darin, dass eines Tages ein Meteor in den Garten der Gardners (im Grunde genommen ein witziges Wortspiel) fällt, der die Landschaft, die Tiere und schließlich auch die Menschen verändert. Von dem Meteor geht immer wieder eine surreale Farbe aus, die alles auf psychedelische Weise zum Leuchten bringt.

„Die Farbe aus dem All“ besticht nicht nur durch die bizarren Farbeffekte, sondern zugleich durch eine wunderbare Optik. Stanley bezieht sich bei den Spezialeffekten auf die 80er Jahre, nicht ohne Grund, kam es in den 80ern doch zu einer Mehrzahl von Verfilmungen von Lovecraft-Geschichten, von denen „Reanimator“ (1984) zu den bekanntesten gehört. Stanley aber übertreibt es nicht mit den Splattereffekten, sondern hält sich hierbei eher zurück, um sich verstärkt auf die bedrohliche Atmosphäre zu beziehen. Und dabei kommt er Lovecrafts grundlegender Idee, ein unfassbares Grauen zu beschreiben, ziemlich nahe.

Weswegen Nicolas Cage die Hauptrolle erhielt, ist im Grunde nicht nachzuvollziehen. Denn ausgerechnet er passt gar nicht in den Film. Sein Spiel wirkt teilweise unbeholfen, seine Figur ist am wenigsten ausgeprägt. Ein anderer Darsteller wäre hierbei sicherlich besser gewesen.

Doch unabhängig davon ist „Die Farbe aus dem All“ ein gewitzter Horrorfilm, der sehr gut unterhält. Hoffentlich dauert es nicht wieder 30 Jahre, bis Richard Stanley einen neuen Film dreht.

Die Farbe aus dem All (OT: Color out of Space). Regie u. Drehbuch: Richard Stanley, Produktion: Elijah Wood, Darsteller: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur, Brendan Meyer. USA 2019

Gut gemeint: Ad Astra – Zu den Sternen

Tolle Aussicht; „Ad Astra“ (2019); © 20th Century Fox

James Gray ist ein Regisseur der leisen, düsteren Töne. Vor allem machte sich dies in dem Abenteuerfilm „Die versunkene Stadt Z“ (2016) bemerkbar, in dem er mithilfe seines speziellen Stils das Geheimnisvolle mit den Elemten eines Dramas verbindet. Drei Jahre später versuchte Gray, diesen Stil in dem SF-Film „Ad Astra“ zu involvieren. Das Ergebnis ist zwar gut gemeint, aber seltsam leer.

Im Grunde genommen geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung, wobei der Sohn trotz Verlust und Enttäuschung in die Fussstapfen des Vaters tritt und ebenfalls Astronaut wird. Roys Vater ist vor 20 Jahren auf seiner Reise zum Neptun verschwunden („Event Horizon“ lässt grüßen). Nun aber gibt es Indizien, dass Roys Vater noch lebt und er Auslöser für Naturkatastrophen auf der Erde ist. Roy macht sich auf den Weg, um seinen Vater zu suchen.

Die Optik des Films ist in der Tat eine absolute Wucht, dasselbe trifft auf die großartigen Spezialeffekte zu, die richtiges Weltraumfeeling schaffen. Und dennoch bleibt „Ad Astra“ ein seltsam leerer Film, der nicht wirklich enttäuscht, dennoch ratlos zurücklässt. Denn die Frage, die offen bleibt, lautet, was Regisseur Gray eigentlich mit seinem Film aussagen wollte. Im Grunde genommen müsste die Antwort „nichts“ lauten. Denn außer der Vater-Sohn-Beziehung enthält „Ad Astra“ kein konkretes Thema. Alle anderen Aspekte, die die Handlung mit Leben und Sinn gefüllt hätten, werden lediglich angedeutet.

Hierbei helfen auch nicht die pseudophilosophischen Gedanken Roys, die durch Brad Pitts Stimme aus dem Off für Nachdenklichkeit sorgen sollen. Das größte Problem dabei ist, wie ich finde, dass James Gray darauf verzichtet, der zukünftigen Gesellschaft ein konkretes Bild zu geben, wobei wir wiederum bei der oben erwähnten Skizzenhaftigkeit wären. Da dieser Rahmen fehlt, wirkt auch die Vater-Sohn-Beziehung und sämtliche Handlungsgründe wie lose in der Luft oder besser im Weltraum hängend. – Wie schon gesagt: gut gemeint.

Ad Astra – Zu den Sternen (OT: Ad Astra); Regie u. Drehbuch: James Gray, Produktion: James Gray, Brad Pitt; Darsteller: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, Lyv Tyler. USA 2019