Gut gemeint: Ad Astra – Zu den Sternen

Tolle Aussicht; „Ad Astra“ (2019); © 20th Century Fox

James Gray ist ein Regisseur der leisen, düsteren Töne. Vor allem machte sich dies in dem Abenteuerfilm „Die versunkene Stadt Z“ (2016) bemerkbar, in dem er mithilfe seines speziellen Stils das Geheimnisvolle mit den Elemten eines Dramas verbindet. Drei Jahre später versuchte Gray, diesen Stil in dem SF-Film „Ad Astra“ zu involvieren. Das Ergebnis ist zwar gut gemeint, aber seltsam leer.

Im Grunde genommen geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung, wobei der Sohn trotz Verlust und Enttäuschung in die Fussstapfen des Vaters tritt und ebenfalls Astronaut wird. Roys Vater ist vor 20 Jahren auf seiner Reise zum Neptun verschwunden („Event Horizon“ lässt grüßen). Nun aber gibt es Indizien, dass Roys Vater noch lebt und er Auslöser für Naturkatastrophen auf der Erde ist. Roy macht sich auf den Weg, um seinen Vater zu suchen.

Die Optik des Films ist in der Tat eine absolute Wucht, dasselbe trifft auf die großartigen Spezialeffekte zu, die richtiges Weltraumfeeling schaffen. Und dennoch bleibt „Ad Astra“ ein seltsam leerer Film, der nicht wirklich enttäuscht, dennoch ratlos zurücklässt. Denn die Frage, die offen bleibt, lautet, was Regisseur Gray eigentlich mit seinem Film aussagen wollte. Im Grunde genommen müsste die Antwort „nichts“ lauten. Denn außer der Vater-Sohn-Beziehung enthält „Ad Astra“ kein konkretes Thema. Alle anderen Aspekte, die die Handlung mit Leben und Sinn gefüllt hätten, werden lediglich angedeutet.

Hierbei helfen auch nicht die pseudophilosophischen Gedanken Roys, die durch Brad Pitts Stimme aus dem Off für Nachdenklichkeit sorgen sollen. Das größte Problem dabei ist, wie ich finde, dass James Gray darauf verzichtet, der zukünftigen Gesellschaft ein konkretes Bild zu geben, wobei wir wiederum bei der oben erwähnten Skizzenhaftigkeit wären. Da dieser Rahmen fehlt, wirkt auch die Vater-Sohn-Beziehung und sämtliche Handlungsgründe wie lose in der Luft oder besser im Weltraum hängend. – Wie schon gesagt: gut gemeint.

Ad Astra – Zu den Sternen (OT: Ad Astra); Regie u. Drehbuch: James Gray, Produktion: James Gray, Brad Pitt; Darsteller: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, Lyv Tyler. USA 2019

Archive – Großartige Science Fiction mit sanften Tönen

J3 (Stacy Martin) erwacht zum Leben; „Archive“ (2020); © Capelight

Gavin Rothery arbeitete bisher als Effektkünstler beim Film. U. a. schuf er dabei die Spezialeffekte für Duncan Jones‘ wunderbaren SF-Film „Moon“. Mit „Archive“ legt Rothery nun seine erste Regiearbeit vor, einen SF-Film, der in leisen, aber eindrucksvollen Tönen sich dem Thema Mensch-Maschine annimmt.

Im Jahr 2038 lebt George Almore alleine in eine riesigen Forschungsstation in einem Waldgebiet Japans, wo er an humanoiden Robotern experimentiert. Als es ihm tatsächlich gelingt, eine Menschmaschine zu schaffen, ist das Ergebnis anders als erwartet.

Gavin Rotherty zur Seite stand der bekannte Kameramann Laurie Rose, der für das SF-Drama wundervolle Bilder einfing. Sorgfältige Bildkompositionen wechseln ab mit grazilen Kameraschwenks, was den Film allein schon deswegen zu einem visuellen Genus macht. Hierbei herrschen vor allem unterschiedliche Grautöne vor, die erstklassig Almores außergewöhnliche Situation widerspiegeln sowie die durchaus trostlose, von Konzernen beherrschte Zukunft. Stellenweise fühlt man sich an die Farbgebung von „Moon“ erinnert, was – wie oben ja bereits bemerkt – kein Wunder ist.

Almore lebt völlig alleine mit drei Robotern in der Station: dem ersten Prototyp J1, der verbesserten Version J2 und seinem Meisterstück J3. Die Maschinen sind so hoch entwickelt, dass sie nicht nur Gefühle besitzen, sondern sogar träumen können. Doch aufgrund dessen entwickelt J2 zunehmend Eifersucht gegenüber der neuesten J-Version – einem Ebenbild von Jules, Almores verstorbener Frau.

Durch diese Konstellation fühlt man sich ein wenig an den SF-Klassiker „Silent Running“ (1972) erinnert, in dem der Biologe Freeman Lowell alleine mit seinen Arbeitsrobotern durch den Weltraum gondelt. Die Situation jedoch ist natürlich eine völlig andere – ging es bei dem Klassiker um die Rettung der Natur, so geht es in „Archive“ um die Herausforderung, eine fühlende Maschine zu kreieren.

Dabei gelingen Gavin Rotherty unglaublich gute Szenen, von denen zwei geradezu perfekt sind: die eine, in der sich Almore mit dem humanen Androiden Elson in einer Bar trifft – wobei Rotherty auf gewitzte Weise „Blade Runner“ zitiert – und die zweite, in der J3 durch das Wohnzimmer tanzt. Diese zweite Szene wirkt geradezu schön und unheimlich zugleich, handelt es sich letztendlich doch um ein künstliches Wesen, um eine Maschine, die sich überaus lebendig zu den Klängen eines Popsongs bewegt.

So gut der Film als Ganzes ist, so enttäuscht dann doch die Pointe, die dem Spannungsaufbau im gewissen Sinne den Stecker zieht. Der Film als solcher jedoch besitzt eine feinfühlige, spannende und auch sinnliche Ästhetik, die einen völlig in den Bann zieht.

Eigentlich hätte der Film in die Kinos kommen sollen, doch aufgrund der bekannten Situation wurde er gleich als VOD und auf DVD veröffentlicht. Trotz der Schwäche am Ende handelt es sich um einen großartigen SF-Film. Kurz: Absolut sehenswert.

Archive. Regie u. Drehbuch: Gavin Rotherty, Produktion: Theo James, Darsteller: Theo James, Stacy Martin, Toby Jones, Hans Peterson. USA 2020, 105 Min.

 

8 – Horror aus Südafrika

Mit „8“ liefert der südafrikanische Regisseur Harold Holscher sein Debüt ab: ein Horrorfilm, der südafrikanische Folklore mit modernen Gruselelementen vermischt. Das Symbol 8 verweist dabei auf den Berührungspunkt zwischen der übernatürlichen und der hiesigen Welt.

Die Handlung spielt 1977. Will, seine Frau Sarah und die Adoptivtochter Mary ziehen in ein altes Farmhaus, das früher Wills Vater gehört hat. In der Nähe treibt sich der einsame Schwarze Lazarus herum, der einen schweren Ledersack mit sich herumträgt. Da Lazarus früher für Wills Vater gearbeitet hat, lässt Will ihn in der Scheune wohnen. Doch als sich mehr und mehr unheimliche Dinge ereignen, möchte Sarah, dass Lazarus wieder verschwindet. Auch der in der Nähe lebende Medizinmann Obara warnt Will vor Lazarus …

Harold Holschers Debüt steckt voller Geheimnisse und dies im doppelten Sinn. Denn zum einen ist „8“ eine durch und durch geheimnisvolle, düstere Geschichte, zum anderen lässt der Regisseur viele Aspekte offen, sodass man als Zuschauer durchaus ins Rätseln kommt, was mit dieser oder jener Szene gemeint ist. Wer sich mit afrikanischer Folklore auskennt, wird wahrscheinlich mehr in mancher unklaren Szene erkennen. Andererseits aber ist dies natürlich auch ein Anreiz dafür, sich selbst näher mit den Mythen und Legenden Südafrikas zu beschäftigen.

Was interessant ist, ist, dass Harold Holscher gleich zu Anfang Larry Fessendens Meisterwerk „Wendigo“ (2001) zitiert. Die Anfahrt zur Farm ähnelt recht stark der Anfahrt zu dem leer stehenden Haus in eben jenem Film des New Yorker Independent-Regisseurs, sodass man meint, dass Holscher sich weiter an Fessendens Stil orientierten wird.

Doch weit gefehlt. Angekommen beim Farmhaus nimmt es Holscher mit den Horrorfilmen der 70er Jahre auf, weswegen ja auch die Handlung im Jahr 1977 spielt. Erst nach und nach schleichen sich die folkloristischen Elemente in die Handlung ein. Aufgrund eben dieser Elemente wirkt „8“ stets faszinierend, wobei jedoch eher selten richtige Spannung aufkommt. Die einzelnen, wenigen unheimlichen Szenen sind sehr sorgfältig konzipiert und orientieren sich dabei sehr schön an klassischen Gruselelementen. Dies ist vor allem Kameramann David Pienaar zu verdanken, dessen wunderbare Bildkompositionen den Film immer wieder zu einem Augenschmaus machen.

Das Problem des Films sind jedoch vor allem seine Figuren. Will, Sarah und Mary bleiben allesamt eher unscharf. Vor allem bei Will weiß man nicht recht, was er auf der Farm eigentlich möchte. Denn angeblich ist er, laut einer Bemerkung Sarahs, Buchhalter. Möchte er die Farm übernehmen? Das Haus einfach nur herrichten, um es nachher zu verkaufen? Dass Sarah ihm keine richtige Hilfe ist, wird immer deutlicher. Denn sie ist die einzige, die spürt, dass mit dem Ort und mit Lazarus etwas nicht stimmt.

Im Hinblick auf das Unheimliche wirkt der Schwarze Wanderer keineswegs bedrohlich oder unsympathisch. Im Gegenteil, ausgerechnet der von allen anderen Figuren als unheimlich und böse bezeichnete Mann ist die Figur, in die man sich am ehesten hineinversetzen kann. Sein Schicksal macht ihn zu einer durch und durch tragischen Figur, mit der man eher Mitleid hat, als dass man sich vor ihr gruselt.

Harold Holscher beweist in „8“, trotz der genannten Schwächen, dass er auf jeden Fall etwas kann. Man darf daher gespannt auf seinen nächsten Film sein.

„8“. Regie u. Drehbuch: Harold Holscher, Produktion: Jac Williams, Darsteller: Tshamano Sebe, Inge Beckmann, Garth Breytenbach, Keita Luna, Chris April. Südafrika 2019.

Grantchester – Eine Serie nicht nur für Agatha Christie-Fans

Bereits 2014 wurde die erste Staffel der englischen Krimiserie „Grantchester“ ausgestrahlt. Der Erfolg der Adaption der Kurzgeschichten von James Runcie war so enorm, dass die Serie inzwischen bei der fünften Staffel angekommen ist.

„Grantchester“ spielt in den 50er Jahren. In dem gleichnamigen Ort betätigt sich Pfarrer Sidney Chambers als Detektiv. Der gut aussehende Pfarrer hat es jedoch nicht nur mit Kriminalfällen zu tun, sondern auch mit jeder Menge Beziehungsproblemen, denn er zieht die Frauen quasi magisch an, was seinen Freund, Polizeiinspektor Geordie Keating, immer wieder zur Verzweiflung bringt.

Pfarrer und Kriminalfälle, da kommt man natürlich als erstes  – nein, nicht auf Heinz Rühmann – , sondern auf G. K. Chestertons Pater Brown. In dieser Hinsicht ist die Idee alles andere als neu. Dennoch wirkt die Serie dermaßen frisch und originell, dass man eine regelrechte Freude daran hat. Gespielt wird Sidney Chambers von Andrew Norton, der übrigens vor seiner Schauspielerkarriere Theologie studiert hat. In den Kurzgeschichten hat Autor James Runcie die Erinnerungen seines Vaters verarbeitet, der selbst als Pfarrer in einer kleinen Gemeinde tätig gewesen war. Auf diese Weise nimmt die Serie hervorragend die Scheinheiligkeit der Gemeindemitglieder aufs Korn.

Zugleich aber sind die einzelnen Fälle recht spannend, immer wieder witzig und rasant erzählt. In keiner einzelnen Folge gibt es auch nur irgendeine ruhige Minute. Stets wird die Handlung durch diesen oder jenen Zwischenfall vorangetrieben. Dabei wirken auch Sidney Chambers‘ diverse Beziehungsprobleme überaus unterhaltsam und amüsant. Auch alle anderen Figuren wirken hierbei recht sympathisch: ob es Sidneys Haushälterin Sylvia Maguire ist, die ihn stets zurecht weist, oder sein schüchterner Kollege Leonard Finch, der sich gerne hinter seinen Büchern versteckt und der seine erste Predigt über Kants kategorischen Imperativ hält.

Der Serie gelingt das Kunststück, trotz aller Unterhaltsamkeit, sich keineswegs von der Realität zu entfernen. Am eindringlichsten wird dies in der zweiten Staffel, in der sich die Rahmenhandlung um das Schicksal eines zum Tode verurteilten Jungen dreht. Diese ist so eindringlich erzählt, dass einem regelrecht die Sprache wegbleibt. Dabei spielt die Serie keineswegs den Moralapostel, sondern stellt die gesetzlichen Aspekte so dar, wie sie damals in England waren.

Kurz und knapp: „Grantchester“ ist eine erstklassige Serie, die keinen einzigen Durchhänger hat, sondern stets von neuem mit hervorragend konzipierten Geschichten zu gefallen weiß. Nicht nur etwas für Fans klassischer Kriminalstorys.

Twin Peaks (2017)

Mit der Fortsetzung von „Twin Peaks“ verblüffte David Lynch so ziemlich jeden Filmkritiker. Als die ersten beiden Episoden der 18-teiligen Serie in Cannes als Spielfilm gezeigt wurden, führte dies zu lang anhaltendem stehenden Applaus. Der Meister war wieder zurück und er zeigte nicht nur, was Filmkunst ist, sondern dass man diese auch mit einem TV-Format verbinden kann.

Noch komplexer als die Originalserie aus den Jahren 1991 und 1992, führt David Lynch die Serie nach 25 Jahren fort. Nicht nur in unserer Realität, sondern auch in der Twin Peaks-Handlung sind seit dem rätselhaften Mord an Laura Palmer 25 Jahre vergangen. Und es geschehen erneut seltsame Dinge. Denn zwei Coopers sind aus der ominösen Zwischenwelt zurückgekehrt. Während der eine von Bob besessen ist, kann sich der andere an nichts erinnern und wird von allen als Versicherungsvertreter Dougy Jones gehalten. Zugleich findet die Polizei in Twin Peaks die fehlende Seite aus Laura Palmers Tagebuch, was dazu führt, dass sie den alten Fall wieder aufrollt.

Viele Zuschauer gaben nach Episode 8 „Gotta Light?“ auf, die Serie weiterzuverfolgen. Der Grund: hier greift David Lynch so richtig in die Vollen und präsentiert eine der wohl bizarrsten TV-Episoden überhaupt. Eine Andernanderreihung sonderbarer Geschehnisse, die zugleich als  Experimentalfilm konzipiert sind und teilweise an Lynch‘ „Earaserhead“ erinnern. Kurz: surreal und bizarr auf höchster filmkünstlerischer Ebene.

David Lynch liefert alles andere ab als eine flache, austauschbare TV-Serie. Da er und Mark Frost die 18-teilige Serie auch selbst produzierten, hatten sie absolut freie Hand und diese künstlerische Freiheit schöpften sie auch mit allen Mitteln aus. Schon allein die Tatsache, dass, wenn man alle 18 Teile aneinanderfügt, einen 18-stündigen Spielfilm vor sich hat, zeigt, dass Lynch keine normale Serie abliefern wollte.

Wie auch in der Originalserie, so bewegt sich die neue Staffel zwischen Kriminal- und Horrorfilm, Familiendrama und Experimentalfilm hin und her. Dieses Mal spielt die Handlung nicht nur in Twin Peaks, sondern ebenso in Las Vegas, South Dakota, Philadelphia und New Mexico. Doch sämtliche wirr erscheinenden Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt. Bespickt mit skurrilen Figuren, eigenwilligen Gags und auch immer wieder einer brutalen Ernsthaftigkeit wird nicht nur dem Geheimnis um Laura Palmer, sondern auch um Cooper und der mysteriösen Zwischenwelt auf die Spur gekommen.

Man sollte die ersten beiden Staffeln und auch den Spielfilm „Twin Peaks – Fire walk with me“ vorher gesehen haben, damit man den Geschehnissen in der dritten Staffel auch wirklich folgen kann. Denn viele Anspielungen finden sich in winzigen Details. Die Optik ist wie immer erstklassig, manchmal verwendet Lynch eine starre Kamera und lässt den Zuschauer einfach einen Raum oder einen Menschen mehrere Sekunden lang beobachten, bevor es dann an anderer Stelle wieder weitergeht. Diese Eigenwilligkeit, diese Liebe zum Detail und dieses Sich-Zeit-lassen steht im vollen Kontrast zu den raschen Szenenabfolgen anderer oder eher typischer TV-Serien. Lynch macht es klar und deutlich: er möchte, dass sich der Zuschauer mit seinem Werk auseinandersetzt und es nicht einfach bloß konsumiert.

Auch in der neuen Serie um Twin Peaks lässt David Lynch den Zuschauern viel Raum für Spekulationen. Man sollte auch Spaß am Analysieren von Bildern und Filmen überhaupt haben, um in den vollen Genuss dieser Serie zu kommen. Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, so lässt sich einfach sagen, dass die dritte Staffel von „Twin Peaks“ so ziemlich alles schlägt, was jahrelang über die Bildschirme geflimmert ist. Für 2020 ist eine vierte Staffel geplant.

Suspiria (2018) – Ein Remake, das keines sein will

Bereits frühere Versuche, Dario Argentos Überfilm „Suspiria“ (1977) neu zu verfilmen scheiterten. Das Projekt wurde dennoch  nie aufgegeben, und schließlich war es der italienische Regisseur Luca Guadagnino, der das Vorhaben 2018 verwirklichte. Von Anfang an gab Guadagnino bekannt, dass sein Film kein Remake sei, sondern viel eher als Neuinterpretation verstanden werden soll.

Nun ja, mit Dario Argentos Meisterwerk hat Luca Guadagninos Version tatsächlich nicht mehr viel am Hut. Nur die Grundhandlung ist die gleiche: eine junge Frau kommt nach Deutschland, um an einer Tanzschule Ballettunterricht zu nehmen, und stößt dabei auf ein tödliches Geheimnis. Liegt diese Schule bei Argento in München, so hat sich Guadagnino für Berlin entschieden, genauer für eine verwahrloste Seitengasse, wo die Tanzschule als einstiger Prachtbau erscheint. Die jugendstilartige Fassade ist ebenfalls ein Hinweis auf das Original.

Die Handlung spielt im Jahr 1977, also dem Jahr, in dem Argentos „Suspiria“ in die Kinos kam. Und so entdecken aufmerksame Zuschauer dann auch den kleinen Hinweis an der U-Banhstation, als die linke Anzeigetafel die Richtung Suspiria angibt. Doch steckt darin zugleich ein weiterer Hinweis, denn der Zug geht in die andere Richtung, was so viel bedeutet wie, dass Kenner des Originals nicht damit rechnen müssen, eine typische Neuverfilmung zu erleben. Und das ist Guadagninos Version auch nicht.

Luca Guadagnino und Drehbuchautor David Kajganich versuchen, einen eigenen Film zu präsentieren, der sich mit dem Original gar nicht messen möchte. Auf diese Weise kreiert er eine Mischung aus Arthouse und Horror, wobei er sich hierbei vor allem an den europäischen Horrorfilmen der 70er Jahre orientiert. In der Tat kommt es einem dann so vor, als habe Regisseur Jean Rollins einen Argento-Stoff umgesetzt. Denn Ausstattung und Farbgebung erinnern dann doch er an Filme wie Rollins „The naked Vampire“ und weniger an Argentos surreale Kompositionen.

Beim Blick auf die Schauspieler, bleibt die Aufmerksamkeit schlicht und ergreifend an Tilda Swinton hängen, die hier zwei Rollen innehat: zum einen Madame Blanc, zum anderen den schuldgeplagten Psychiater Josef Klemperer, beide Figuren verkörpert sie einfach nur hervorragend. Ihr gegenüber muss man die anderen Darsteller eigentlich nicht erwähnen, da diese ihre Rollen nicht richtig ausfüllen und dadurch oberflächlich bleiben.

Ob der Film wirklich eine Länge von beinahe zweieinhalb Stunden haben musste, sei einmal dahingestellt. Denn trotz eben dieser Länge wird der Film zwar nie langweilig, doch möchte sich darin einfach keine Dichte einstellen. Dies liegt unter anderem auch daran, dass Luca Guadagnino von Anfang an unsicher an den Stoff herangegangen ist, was sich in einer grundlegenden Ideenlosigkeit und einer deutlichen Unschlüssigkeit verdeutlicht, worum es in dem Film eigentlich gehen soll.

Insgesamt ist Luca Guadagninos „Suspiria“ zwar kein schlechter Film, aber er lässt den Zuschauer unbefriedigt zurück. Aber gut, das lange Kapitel „Neuverfilmung von ‚Suspiria'“ ist damit beendet und mit Sicherheit wird sich Guadagnino  nun nicht mehr an eine Neuinterpretation von Argentos „Inferno“, der ja die Fortsetzung von „Suspiria“ darstellt, wagen. Hoffen wir es jedenfalls.

Ex Libris – Die Public Library von New York

Ex Libris (USA 2017); Copyright: Koos/Good Movies

Unter Bibliothek stellt man sich vor allem Regale voller Bücher vor. Mit diesem gedanklichen Bild begann auch der bekannte Dokumentarfilmregisseur Frederick Wiseman seine Arbeit an „Ex Libris – The Public Library of New York“. Und er und nicht weniger man selbst ist erstaunt, dass die weltbekannte Bibliothek weit mehr als das ist.

Viel eher könnte man die Public Library von New York als eine Mischung aus Volkshochschule und Gemeindezentrum bezeichnen, wo von Vorträgen bis hin zu Workshops alles angeboten wird. So gibt es Seniorentanzkurse, genauso wie Jobmessen und Leserunden. Vorträge über Wirtschaftsgeschichte, Philosphopie, Literatur oder Kunst werden ebenso angeboten wie Diskussionen mit Autoren und Musikern. Daneben gibt es Hausaufgabenbetreuung, wobei sich die Library auch den sozialen Problemen der Stadt widmet und Integrationsarbeit leistet.

Der über dreistündigen Dokumentation merkt man die außergewöhnliche Länge kein bisschen an. Man beobachtet gespannt die faszinierenden Abläufe in der Bibliothek und lauscht interessiert den Vorträgen. Gut, von den Meetings der Verwaltung hätte es ruhig weniger sein können. Sie vervollständigen zwar den Ein- bzw. Überblick über die verschiedenen Aufgaben, doch zwischendurch scheint es, als würde die Doku von einer Besprechung zur nächsten springen.

Dennoch macht die Dokumentation Spaß und ist nicht nur etwas für Leseratten. Ja, eigentlich geht es hier gar nicht ums Lesen oder um Bücher, sondern eben um die verschiedenen Abläufe und Angebote, die aus der Public Library mit ihren rund 90 Zweigstellen mehr machen als nur eine Bibliothek im klassischen Sinne. Es geht natürlich in erster Linie um die Vermittlung von Wissen, doch ebenso um das Zusammenführen verschiedener Kulturen und sozialer Schichten. Wiseman selbst sagte, das die Public Library das Gegengift zu Trumps darwinistischer Ideologie sei.- So lange es daher eine solche Institution gibt, darf man noch hoffen.

Die Klunkerecke: Unsere kleine Schwester (2015)

Unsere kleine Schwester (Japan 2015); © Pandora Film/Toho Inc.

Frauenfilme haben auch in Japan eine lange Tradition. Sie gehen stets einher mit Emanzipationsbewegungen und reichen zurück bis in die 1930er Jahre. So ist auch das moderne japanische Kino eng damit verbunden. Denn Mitte der 90er Jahre formte sich in Japan eine neue Emanzipationsbewegung, die jene Filme beeinflusste, die ab diesem Zeitpunkt produziert wurden. Hirokazu Koreedas 2015 entstandener Film Unsere kleine Schwester gehört zu den besten Beispielen dafür.

Die drei Schwestern Sachi, Yoshino und Chika leben zusammen in einem Haus in dem Küstenort Kamakura. Vor 15 Jahren hat sie ihr Vater wegen seiner Geliebten verlassen. Als sie nun von seinem Tod erfahren, reisen sie zum ersten Mal in die Stadt, in der ihr Vater gelebt hat, um an der Beerdigung teilzunehmen.

Mit großer Überraschung stellen sie dabei fest, dass ihr Vater noch eine Tochter hat: die 13-jährige Suzu, die mit ihrer Stiefmutter nicht zurecht kommt. Kurzerhand beschließen die drei Schwestern, Suzu mit nach Kamakura zu nehmen.

Unsere kleine Schwester ist Hirokazu Kore-edas optimistischster Film, eine helle, leichte und liebevolle Geschichte um eine außergewöhnliche Familie, hat doch nach dem Weggang des Vaters die älteste Schwester Sachi die Rolle des Familienoberhaupts übernommen.

Es ist kein Film über Familienkonflikte, denn diese liegen bereits in der Vergangenheit. Vielmehr ist es ein Film über das Leben selbst, über Zusammenhalt und harmonische Gemeinschaft. Kore-eda entwirft dabei sozusagen ein Gegenmodell zum traditionellen Patriarchat, denn in seinem Film regieren und handeln beinahe ausschließlich Frauen.

Obwohl Kore-eda wie bei jedem seiner Filme das Drehbuch selbst verfasste, so ist Unsere kleine Schwester eine Adaption eines Mangas der preisgekrönten Autorin Akimi Yoshida, deren Geschichten hauptsächlich für junge Frauen konzipiert sind. Während man vor allem in Deutschland noch immer Mangas belächelt, so gehören sie in Japan von Anfang an zur belletristischen Literatur und stehen daher auf derselben Ebene wie etwa die Romane von Haruki Murakami. Aus diesem Grund ist es nicht außergewöhnlich, dass Hirokazu Koreeda sich eines solchen Stoffes angenommen hat.

Was Akimi Yoshidas Werke besonders auszeichnen, ist die sanfte melancholische Atmosphäre, die in ihren Geschichten mitschwingt. Kore-eda griff diese Atmosphäre für seine Adaption auf, die sich nicht nur in der Geschichte, sondern auch in den wunderbaren Landschaftsaufnahmen bemerkbar macht.

Hirokazu Kore-eda verzichtet in Unsere kleine Schwester völlig auf sozialkritische Aspekte, die in seinen Filmen immer mitschwingen. Stattdessen geht der Film voll und ganz im Alltag der Schwestern auf. Fast alle der vier Darstellerinnen haben bereits davor mit Kore-eda zusammengearbeitet. Suzu Hirose, die die „kleine Schwester“ spielt und dabei zugleich ihr Debut gab, erhielt für ihre Rolle den Japanese Academy Award als beste Newcomerin. Zwei Jahre später arbeitete sie wieder mit Kore-eda in dessen Thriller The third Murder zusammen.

Unsere kleine Schwester (OT: Umimachi Diary). Regie u. Drehbuch: Hirokazu Kore-eda, Produktion: Kaoru Matsuzaki, Hijiri Taguchi; Darsteller
Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Ryo Kase, Kirin Kiri, Lili Franky; Japan 2015, 127 Min.

Mortal Engines oder Originalität sucht man woanders

Wenn ein Autor zur Adaption seines Romans meint, dass viel verändert wurde, aber die Handlung doch irgendwie gleich sei, dann fragt man sich, ob dies ein höflicher Hinweis darauf ist, dass die Verfilmung im Grunde genommen mit dem Buch nichts mehr zu tun hat. „Mortal Engines“, nach dem Roman von Philip Reeve, ist solch ein Fall.

Das Drehbuch verfasste Peter Jackson, Regie führte Christian Rivers, der bis dahin als Assistant Director tätig gewesen war. Das Ergebnis ist ein einfallsloser Actionfilm, der wie ein Flickwerk von Ideen anderer Filme wirkt. Die Handlung ist dermaßen vorhersehbar, dass nicht einmal die kleinste Überraschung aufkommt. Dabei erscheinen die Figuren derart blass, dass man mehr auf das Drumherum achtet, als auf die Darsteller. An ein paar Stellen versucht man sich im Humor, doch erweisen sich die Gags allesamt als Rohrkreprierer.

Im Groben und Ganzen erscheint „Mortal Engines“ dann auch wie eine Art Gibli-Produktion auf Speed, wobei der große Unterschied darin liegt, dass Rivers Adaption derart seelenlos und lieblos daherkommt, dass dadurch die gesamte Handlung uninteressant wird. Es ist wirklich schade, hätte man die Figuren wenigstens komplexer gestaltet, dann wäre vielleicht am Ende des Films etwas hängen geblieben. So aber hat man ihn bereits beim Nachspann aus dem Gedächtnis verbannt. Was an „Mortal Engines“ zusätzlich nervt, ist die ständige Berieselung durch die überlaute Musik, die hier vergeblich versucht, die Dramatik zu unterstreichen und auf diese Weise zu einer Endlosschleife immer gleicher Tonfolgen verkommt.

„Mortal Engines“ hat dann auch nicht zu dem Ergebnis geführt, das man sich anscheinend erhofft hatte, wurden doch nicht einmal die Produktionskosten eingespielt. Damit ist der Film ein weiteres Beispiel für die Oberflächlichkeit, mit der wir es im Mainstream-Kino zu tun haben. Brenzlige Themen werden lediglich kurz angeschnitten, um sie dann schnell unter einem Teppich aus Spezialeffekten zu verstecken. Die Angst vor allzu direkter Kritik ist bei den Filmemachern zurzeit recht groß. Daher verpassen sie sich lieber gleich selbst einen Maulkorb, als irgendwo anzuecken. Wie gesagt, Jackson und seine Mitstreiter hätten viel daraus machen können, haben es aber nicht.

Mortal Engines – Krieg der Städte. Regie: Christian Rivers, Drehbuch u. Produktion: Peter Jackson, Fran Walsh, Darsteller: Robert Sheehan, Hera Himlar, Hugo Weaving, Jihae Kim, Stephen Lang. Neuseeland/USA 2018, 128 Min.

Retribution – Japans düstere Seite

Die Frau in Rot verfolgt Kommissar Yoshioka; Retribution (2006), © Sakebi Film Partners

Kiyoshi Kurosawa ist ein Regisseur der leisen Töne. Viele Filmkritiker stellen ihn daher auf dieselbe Stufe wie Hirokazu Koreeda, der vergangenes Jahr mit „Shoplifters“ die Goldene Palme erhielt. Obwohl Kiyoshi Kurosawa eher im Horrorgenre beheimatet ist, hat er mit Koreeda doch eine große Gemeinsamkeit: die Kritik an der japanischen Gesellschaft. Geht es bei Koreeda um Realismus, so gehen Kurosawas Filme stets über ins Surreale.

Auf diese Weise funktionieren Kurosawas Filme immer auf zwei Ebenen: zum einen als Horrorfilm, zum anderen als Sozialdrama. Dies zeigt sich vor allem in seinem Spielfilm „Retribution“, der von Takashige Ichise produziert wurde, der auch als Produzent hinter den Filmen „Ring“ und „Ju-On“ steckt, den beiden Überklassikern des modernen japanischen Horrorkinos. Es geht darin um eine sonderbare Mordserie, bei der Menschen in Salzwasser ertrinken. Während die Polizei nach einem Serienmörder sucht, befürchtet Kommissar Noboru Yoshioka mehr und mehr, dass er selbst etwas mit den Morden zu tun haben könnte.

Diese Befürchtung wird dadurch untermauert, da Yoshioka auf einmal von einer seltsamen Frau in Rot verfolgt wird. Yoshioka ist eine gebrochene Figur, die es in dem düstergrauen Tokio nicht länger aushält. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin möchte er daher nicht nur die japanische Hauptstadt,  sondern Japan ganz verlassen.

Wie gesagt, funktionieren Kurosawas Filme stets als Horrorfilm, als auch als Sozialdrama. Speziell in „Retribution“ gelingt es dem Regisseur hervorragend, beide Aspekte fießend miteinander zu verbinden. Er zeigt ein düsteres, trostloses Japan, in dem eine kalte Anonymität herrscht. Leere Straßen, verlassene Häuser, Fassaden, von denen der Putz abfällt, Wohnungen, die keine Heimeligkeit vermitteln, sondern Hoffnungslosigkeit und Verfall.

Yoshioka und seine Lebensgefährtin planen, ihr Leben zu ändern; „Retribution“ (2006); © Sakebi Film Partners

All dies dient Kurosawa dazu, die negativen Seiten der Moderne hervorzuheben, wobei er sich hierbei mit Hirokazu Koreeda deutlich überschneidet: Vereinzelung, Orientierungslosigkeit, Egoismus und damit verbundene soziale Kälte. Die Frage, die man sich dabei stellt, lautet, ob das Grauen nicht eher die moderne Gesellschaft selbst ist und weniger der Geist der Vergangenheit, der den Stadtteil, in dem Yoshioka wohnt, heimsucht.

Obwohl viele Kritiker „Retribution“ weniger gelungen halten, als Kurosawas andere Filme (wie z.B. „Cure“ oder „Real“), zeigt er dennoch Kurosawas Filmkunst in überaus ausgeprägter Form. Gut, über das Ende lässt sich sicherlich streiten, doch insgesamt ist es ein hervorragender Film, dem man durchaus mehr Beachtung wünscht.

Retribution. Regie u. Drehbuch: Kiyoshi Kurosawa, Produktion: Takashige Ichise, Darsteller: Koji Yakusho, Manami Konishi, Tsuyoshi Ihara, Joe Odagiri, Ryo Kase, Riona Hazuki. Japan 2006, 104 Min.