FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

Schwestern der Nacht – Ein Meilenstein des Kriminalromans

Cover der deutschen Übersetzung im Unions Verlag

Die Autorin Masako Togawa (1931 – 2016) verfasste seit den 60er Jahren 20 Romane, wurde jedoch erst Mitte der 80er Jahre auch in Deutschland bekannt. Bevor sie als freie Schriftstellerin tätig war, arbeitete sie als Sängerin in einem Nachtclub. Gleich für ihren ersten Roman „Der Hauptschlüssel“ erhielt sie den Edogawo-Ranpo-Preis. Doch erst ihr zweiter Roman „Schwestern der Nacht“ (1963) wurde zu einem Bestseller, wodurch sie auch international bekannt wurde.

„Schwestern der Nacht“ zählt in Japan inzwischen zum Meilenstein der Kriminalliteratur. Nicht nur, da der Roman unglaublich spannend ist, sondern da Masako Togawa mit sämtlichen bisherigen Konventionen brach. Wie Thomas Wörtche in seinem Nachwort bemerkt, ahmten bis dahin japanische Krimiautoren ihre westlichen Kollegen nach. Masako Togawa aber ging einen anderen Weg. Sie schrieb einen Roman über das Nachtleben in Tokio, ein Thema, bei dem sie sich durch ihre Arbeit als Nachtclubsängerin bestens auskannte. Zudem schrieb sie als Frau offen über Sexualität, was damals in Japan eine Sensation war.

Masako Togawa (1931 – 2016)
                   

In „Schwestern der Nacht“ geht es um den Ingenieur Ichiro Honda, der unter der Woche von seiner Frau getrennt in einem Hotel lebt. Nachts macht er sich auf die Suche nach weiblichen Bekanntschaften, in der Hoffnung, mit ihnen im Bett zu landen. Minutiös führt Ichiro darüber Tagebuch, in dem er die Frauen als Opfer bezeichnet. Eines Tages jedoch wird eine der Frauen, mit denen er geschlafen hat, ermordet. Dann eine weitere …

Mehr möchte ich hier nicht verraten. „Schwestern der Nacht“ hat mich regelrecht umgehauen. Der Roman ist sowohl Krimi als auch Großstadtroman in einem. Die Autorin schildert verlorene Existenzen, Nachtschwärmer und auch einige Aspekte des Rotlichtmilieus. Hinzu kommt, wie oben bereits bemerkt, die überaus spannende Handlung. „Schwestern der Nacht“ ist erstklassig konzipiert – und die Pointe ist dermaßen grandios, dass es einem den Atem raubt.

Kinoplakat von „The Hunter’s Diary“ (1964)

Der Roman wurde ein Jahr nach Veröffentlichung unter dem Titel „The Hunter’s Diary“ verfilmt. Angeblich gab es Mitte der 90er Jahre ein US-amerikanisches Remake mit dem Titel „The Lady Killer“. Dabei handelt es sich jedoch um keinen Kino-, sondern um einen TV-Film. In der japanischen Fassung spielte übrigens Masako Togawa selbst mit.

Einziges Manko der deutschen Übersetzung ist, dass sie nicht aus dem Japanischen stammt, sondern die englische Übersetzung ins Deutsche übertragen wurde. Interessanterweise steht aber unterhalb des Klappentextes „aus dem Japanischen“. Die Übersetzerin hat Germanistik und Anglistik studiert, hat jedoch mit Japan nichts am Hut.

Der Roman selbst aber besitzt eine unglaubliche Wucht und hält einen noch Tage nach dem Lesen gefangen.

BUtterfield 8 – John O’Haras New York-Roman

Gloria Wanderous ist das, was man schlechthin als leichtes Mädchen bezeichnet. Sie geht mit so ziemlich jedem ins Bett, macht sich über nichts und niemanden Gedanken, sondern möchte vor allem eines haben: Spaß. Doch dann begegnet sie in einer Kneipe den fast 20 Jahre älteren Weston Liggett und verliebt sich in ihn. Liggett aber möchte nur eines: mit ihr ins Bett.

John O’Hara (1905 – 1970) sorgte mit seinem zweiten Roman „BUtterfield 8“ (der zweite Großbuchstabe ist von O’Hara so gewollt und bezieht sich auf die Telefonnummern der Upper Eastside), der 1935 erschien, für einen riesigen Skandal. Keiner vor ihm hatte so freimütig über Sex geschrieben wie er. Hinzu kommt eine gelegentlich recht derbe Sprache, die sogar Krimiautoren wie Jim Thomson u. Co. blass aussehen lässt.

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„BUtterfield 8“ ist jedoch keineswegs ein Schmuddelroman (auch wenn er von den damaligen Kritikern als schmutzig bezeichnet wurde), sondern O’Haras Abrechnung mit New York, wo er selbst lebte. Dahingehend erinnern manche Absätze, in denen er das Treiben in der Großstadt beschreibt, an John Don Passos‘ Meisterwerk „Manhattan Transfer“. In seinem zweiten Roman ist jeder sich selbst am nächsten. Sogar Glorias bester Freund Eddie, der ihr zum ersten Mal begegnet, als er als Türsteher in einem Bordell arbeitet. Zwischen beiden existiert eine Art Hassliebe, wobei Gloria Angst hat, Eddie zu zerstören, wenn sie mit ihm eine richtige Beziehung beginnen würde. Und Eddie möchte ihr im Grunde auch nicht näher kommen, da er bereits eine richtige Freundin hat.

Da Gloria auf niemanden Rücksicht nimmt – nicht einmal auf sich selbst – wirft sie sich ins New Yorker Nachtleben, wo sie von einer Kneipe zur nächsten tingelt, Drogen nimmt und jede Menge Alkohol trinkt. Doch dann, wie bereits erwähnt, trifft sie auf Weston Liggett, einem widerlichen Kerl, der mit seiner Frau nicht mehr klar kommt, doch in Erklärungsnot gerät, da Gloria den Pelzmantel seiner Frau hat mitgehen lassen.

Die Suche nach Gloria und Glorias ausschweifendes Leben machen die Geschichte zu einem wirbelnden Großstadtroman, der in den USA zu den wichtigsten Romanen der Moderne zählt. Als Leser ist man mitten drin in der Hektik, der atemlosen Vergnügungssucht und der sich daraus ergebenden Dramatik. An wenigen Stellen geraten die Schilderungen zu ausschweifenden Ausführungen, doch so als hätte O’Hara dies selbst bemerkt, hüpft er mit einem Satz zurück in die rasante Handlung – und schon ist man wieder inmitten des turbulenten Nachtlebens.

1960 wurde der Roman mit Elizabeth Taylor verfilmt, erhielt jedoch (trotz diverser Oscarnominierungen) schlechte Kritiken. John O’Haras zweiter Roman jedoch ist nicht nur großartig, frech und witzig, sondern absolut zeitlos.

Erschienen: „Dunkle Legende“ – Ein neuer Fall für Susan Gant

Mit „Dunkle Legende“ ist nun der fünfte Roman um Chefinspector Susan Gant erschienen. Susan Gant leitet die kleine Polizeistation in dem kanadischen Ort Altamont, eine halbe Stunde von Quebec entfernt und direkt am Rand des riesigen Grand Jardin Nationalparks gelegen. In allen Romanen verbindet Carl Denning auf erstklassige Weise Krimi mit Horror. Auch der fünfte Fall hat es in sich und präsentiert eine überaus interessante Geschichte mit dichter Spannung und Grusel.

Es geht darum, dass eines Tages am Ufer des Madawaskasees mitten im kanadischen Grand Jardin Nationalpark vier brutal ermordete Studenten gefunden werden. Es gibt keinen einzigen Hinweis auf den Täter. Der Ort jedoch ist Chefinspector Susan Gant in schlechter Erinnerung, denn vor sieben Jahren brachte sich dort eine junge Frau namens Violet Goglin um. Der Grund dafür konnte nie geklärt werden. Violets Vater verfiel damals dem Wahnsinn. Seltsamerweise beschäftigte sich einer der getöteten Studenten mit diesem rätselhaften Fall. Susan Gant und ihr Team versuchen verzweifelt, die Ermittlungen voranzutreiben. Doch währenddessen geschehen zwei weitere Morde. Es kommt zu immer unheimlicheren Zwischenfällen. Hat der damalige Selbstmord etwas mit den grauenvollen Ereignissen zu tun? Je mehr Susan Gant dem Fall nachgeht, desto tiefer gerät sie in einen entsetzlichen Albtraum …

„Dunkle Legende“ beinhaltet das, was der Titel verspricht: eine düstere, teils beklemmende Atmosphäre mit vielen unheimlichen Momenten. Wie auch in den anderen Romanen Dennings, so schreitet auch hier die Handlung rasant voran. Dabei bleiben die Geschichte oder die Figuren keineswegs oberflächlich, sondern dem Autor gelingt es parallel zum Spannungsaufbau sich eigehend mit seinen Figuren zu beschäftigen.

Und genau das macht „Dunkle Legende“ aus. Zum einen ist da die spannende und dichte Handlung, zum anderen die überaus lebendigen Figuren, die einen dazu bringen, das eBook nicht mehr wegzulegen. Allen voran natürlich Susan Gant, die wieder vollkommen überzeugt, zum anderen auch Inspector Wyman aus Quebec, der ja bereits in „Wenn es Nacht wird“ vorkam.

Ich persönlich finde, dass die Susan Gant-Romane von Mal zu Mal besser werden. Sie werden komplexer und damit noch interessanter. Und nicht zuletzt dadurch noch spannender. „Dunkle Legende“ hat mir von der ersten bis zur letzten Seite absolut gefallen. Ein toller Horrorthriller.

FuBs Fundgrube: „Was am Ende bleibt“ von Paula Fox

Cover der im dtv-Verlag 2011 erschienenen Übersetzung in der Jubiläumsedition

Bis vor kurzem war mir der Name Paula Fox völlig unbekannt. „Was am Ende bleibt“ erstand ich antiquarisch –  und daher ist der Roman auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir Bücher vorstellen, die wir auf Bücherflohmärkten oder in Antiquariaten entdeckt haben.

Das Lesen hat sich wirklich gelohnt. „Was am Ende bleibt“ ist nicht nur ein beeindruckender Roman über eine kaputte Ehe, sondern zugleich eine gewitzte Satire über die amerikanische Gesellschaft. Es geht um Otto und Sophie Bentwood, beide Anfang/Mitte vierzig, kinderlos und wohlhabend. In ihrer Ehe kriselt es. Dies wird beiden erst so richtig bewusst, als zwei Dinge geschehen: zum einen wird Sophie von einer streunenden Katze gebissen und zum anderen verliert Otto, der als Anwalt arbeitet, seinen langjährigen Geschäftspartner.

Während Otto sich verkampft an der Alltagsroutine festklammert, denkt Sophie immer mehr über ihr Leben nach. Eine Affäre mit einem von Ottos Klienten hat sie ihm bis heute verschwiegen. Beide kleben dennoch aneinander, da sie trotz allem nicht anders können. Der Sinn in ihrem Leben ist beiden abhandengekommen, doch wenn sie sich trennen würden, würden beide einfach in ein schwarzes Loch fallen.

Cover der amerikanischen Ausgabe

Wie ich inzwischen weiß, gehört Paula Fox (1923 – 2017) zu den wichtigsten amerikanischen Autoren und ihr Roman „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Trotz der damals guten Kritiken geriet Paula Fox in Vergessenheit, bis sie (ähnlich wie Richard Yates) Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. „Was am Ende bleibt“ ist ein dichter, düsterer und dennoch aufgrund der ironischen Seitenhiebe witziger Roman. Die Dialoge sind geradezu perfekt konzipiert, parallel zur Ehekrise scheint sich eine gesellschaftliche Krise immer mehr zu offenbaren.

Diese skizziert Paula Fox wie nebenbei. Leute kippen ihren Müll auf die Straße, werfen Steine in Fenster oder zertrümmern die Inneneinrichtung eines Hauses. Der moralische Verfall könnte genauso gut auf heute zutreffen. Diese beklemmenden Ereignisse, die einfach und ohne Erklärung geschehen, lassen die Welt und das Leben der Bentwoods geradezu trostlos erscheinen. An Hoffnung wagt keiner zu denken.

Zuletzt erschien „Was am Ende bleibt“ 2011 im dtv-Verlag, elf Jahre davor im C.H. Beck-Verlag. Leider wurde der Roman seitdem bei dtv nicht nochmals aufgelegt (im Beck-Verlag gibt es die Übersetzung weiterhin). Für mich ist „Was am Ende bleibt“ einer der besten Romane, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es lohnt sich, immer mal wieder auf eine literarische Entdeckungsreise zu gehen.

Paula Fox. Was am Ende bleibt. dtv-Verlag 2011, 201 Seiten.

Auf Messers Schneide – William Somerset Maughams großartiger Roman

Cover der deutschen Übersetzung im DIogenes Verlag

„Auf Messers Schneide“, erschienen 1944, gehört mit Sicherheit zu den besten Romanen William S. Maughams. Es ist zum einen ein Roman über die Gesellschaft der 20er Jahre, zum anderen eine Satire über die High Society und drittens ein Roman über die Suche nach dem Sinn des Lebens, in dem Maugham selbst als Figur an dem Geschehen teilnimmt.

Es geht um Larry Darrell, der nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben ist. Dafür löst er die Verlobung mit Isabel Bradley, mit der er seit Kindertagen befreundet ist. Seine Suche führt Larry von Chicago nach Paris und vor dort bis nach Indien. Im Laufe der Jahre begegnet Maugham Larry immer mal wieder, wobei Larry stets von seinen Fortschritten bei seiner Selbstfindung erzählt.

Cover der 1944 erschienenen Originalausgabe

Verwoben ist diese Geschichte mit den Schicksalen vieler weiterer Figuren, vor allem mit der oben genannten Isabel, die in Larry weiterhin verliebt ist, selbst dann, als sie den Banker Gray Maturin heiratet, der später während der Wirtschaftskrise so gut wie alles verliert. Isabels Onkel Elliot Tempelton ist die wohl schillernste Figur in dem Roman. Ein Snob wie er im Buche steht, ist er dennoch stets hilfsbereit und gutmütig. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als zu den Partys der Schönen und Reichen eingeladen zu werden, und wird er einmal nicht eingeladen, dann bricht für ihn im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zusammen. Ebenfalls verbunden mit Larrys Suche nach Sinn ist Sophie McDonald. Beide kennen sich ebenfalls seit der Kindheit, doch Sophies Schicksal meint es alles andere als gut mit ihr.

Gene Tierney und Tyrone Power in der Verfilmung von 1946; © Warner Bros.

„Auf Messers Schneide“ ist ein groß angelegter und großartiger Roman, ein Roman, bei dem man möchte, dass er nie aufhört. Äußerst gelungen stellt Maugham Larry Darrell dem materialistischen Ansichten von Isabel und Onkel Elliot gegenüber, die Larrys Einstellung überhaupt nicht nachvollziehen können. Für sie zählt nur die soziale Stellung und das damit verbundene Vermögen. Leute, die nicht arbeiten, können sie sich überhaupt nicht vorstellen – der Witz hierbei ist natürlich, dass weder Isabel noch Onkel Elliot einer Arbeit nachgehen.

Daher macht Larry seine Freunde regelrecht sprachlos, als er eines Tages sagt, dass er einfach nur vor sich hinleben möchte und schauen, was passiert. Aus diesem Vor-sich-Hinleben entwickelt sich jedoch nach und nach seine Suche. Während Isabel Larry schlicht und ergreifend für verrückt hält, ist ihr Onkel froh, dass Larry weg ist.

Bill Murray als Larry Darrell in der Verfilmung von 1984; © Columbia Pictures

Äußerst unterhaltsam wirft Maugham dadurch einen satirischen Blick auf den Kapitalsimus, dessen Verehrer er letztendlich als hohl und oberflächlich entlarvt. Mithilfe eines subtilen, doch zugleich humorvollen Spottes macht Maugham sich über das Verhalten besonders der Amerikaner lustig.

Maughams angenehmer Schreibstil sowie die gewitzten Dialoge machen den Roman zu einem wahren Fest. So gelingt es ihm auch in den Kapiteln, in denen Maugham mit Larry über den Sinn des Lebens diskutiert und über Larrys Erfahrungen in Indien spricht, eine sanfte Leichtigkeit zu schaffen, die dennoch eine ungeheure, komplexe Tiefe in sich trägt. Kurz und knapp: „Auf Messers Schneide“ wird zurecht als William S. Maughams Meisterwerk bezeichnet.

Der Roman wurde 1946 mit Tyrone Power als Larry und Gene Tierney als Isabel großartig verfilmt. Edmund Gouldings Adaption orientiert sich beinahe wortwörtlich an dem Roman und Tyrone Power spielt Larry Darrell wirklich einzigartig, so als wäre die Figur aus dem Buch auf die Leinwand gehüpft.

1984 folgte dann das katatsrophale Remake mit Bill Murray als Larry. Der Film floppte damals (zurecht), selbst Regisseur John Byrum hält den Film bis heute für einen „großen Fehler“.

Erschienen: Prähuman 21 – Großalarm in Tokio

Nein, Band 20 war nicht der letzte Band der Serie „Prähuman“, wie manche vielleicht geglaubt haben. Mit Band 21 geht es mit den Abenteuern des beliebten Teams um den Grenzwissenschaftler Frederic Tubb weiter. Mit von der Partie sind wie immer Maki Asakawa, Hans Schmeißer und John Arnold.

Dieses Mal ist, wie der Titel bereits verrät, Tokio der Schauplatz der Handlung. Band 21 schließt sich dadurch direkt an das Ende von Band 20 an, in dem Tubb plötzlich eine SMS seiner seit Jahren verschwundenen Frau Kathrin erhält. Demnach hält sich Kathrin Jarvis anscheinend in Tokio auf. Doch kaum sind Tubb und sein Team in Japans Hauptstadt angekommen, geschehen auch schon die sonderbarsten Dinge.

Eigenartige Signale hallen durch die Häuserschluchten. Menschen werden von Wahnvorstellungen heimgesucht. Eine Reihe eigenartiger Beben erschüttern immer wieder die Stadt. Niemand kennt die Ursachen für diese merkwürdigen Zwischenfälle. Während Tubb nach seiner Frau sucht, bringt ein weiteres Ereignis Chaos und Zerstörung – und in Tokio herrscht plötzlich Großalarm …

Band 21 liefert erneut eine spannende, gewitzte und originelle Handlung, die einen nicht mehr losläßt. Der Band beginnt wie ein Thriller, um dann umzuschwenken in eine rasante SF-Geschichte. Mehr soll nicht gesagt werden, da dies sonst zu viel verraten würde. Verraten aber werden darf, dass in „Großalarm in Tokio“ Maki Asakawas Eltern auftreten, was Carl Denning mit viel Humor und überaus liebevoll in Szene gesetzt hat. Miyu und Hiroku Asakawa sind dermaßen sympathisch, dass man die beiden gerne in weiteren Bänden erleben möchte. Gut, über Makis Freundin Yuna hätte man gerne mehr erfahren, aber vielleicht kommt das ja noch in den folgenden Bänden.

Ingesamt ist Band 21 wieder völlig anders als die vorherigen Bände, was ja zum Markenzeichen der „Prähuman“-Reihe ist. Carl Denning zeigt sich hier eindeutig mal wieder als Meister seines Fachs, denn es ist erstaunlich, dass es innerhalb einer so großen Anzahl von Abenteuern bisher zu keinen Wiederholungen gekommen ist. Kurz: „Großalarm in Tokio“ liefert erneut beste „Prähuman“-Unterhaltung und macht von der ersten bis zur letzten Seite Spaß.

FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

Maurice – Eine bisher unbekannte Erzählung von Mary Shelley

Im Frühling 1820 schrieb Mary Shelley die Erzählung „Maurice“ als Geburtstagsgeschenk für Laurette, der elfjährigen Tochter von Margeret Mason. Mrs. Mason war zusammen mit ihrem Liebhaber, dem Dichter und Privatgelehrten George William Tighe, nach Pisa gezogen, wo sie Mary und Percey Shelley begegneten und sich schnell anfreundeten.

„Maurice“ galt bis Ende der 1990er als verschollen. Doch 1997 entdeckten die Nachfahren Laurettes im Familienarchiv das rund 40 Seiten umfassende Manuskript, das ein Jahr später von der University of Chicago Press veröffentlicht wurde.

Der englische Titel lautet „Maurice or The Fisher’s Cot“ und handelt von einem Jungen, der wegen seines brutalen Vaters von Zuhause geflohen ist und schließlich bei einem alten Fischer ein neues Heim gefunden hat. Eines Tages aber stirbt der Fischer und der Junge namens Maurice darf nur noch eine Woche lang in der Hütte, die ihm alles bedeutet, leben. Eines Tages besucht ihn ein fremder Mann, der sein Schicksal auf sonderbare Weise verändern soll.

Die Erzählung „Maurice“, die nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt (übersetzt von Alexander Pechmann), ist eine wunderschöne, sanfte Geschichte über Trennung und Verlust, aber auch darüber, die Hoffnung nie aufzugeben. Der Logbuch-Verlag hat die Geschichte zusammen mit Mary Shelleys Essay „Über Geister“ in seiner bekannten Pressendruck-Reihe veröffentlicht. Allerdings ist die Ausgabe auf wenige hundert Stück limitiert. Das kleine, feine Heft mit zwei Illustrationen von Erik Krick gibt es direkt beim Verlag: https://www.logbuchladen.de/#press

Die zehnte Muse – Phantastisches aus dem Schwarzwald

Mit „Die zehnte Muse“ legt der Autor und Übersetzer Alexander Pechmann nun bereits seinen dritten Roman vor. Es geht um die Geschichten zweier Männer, die auf eine mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden sind.

Zum einen ist da Algernon Blackwood, der als 16-jähriger Junge nach Königsfeld im Schwarzwald kommt, um dort das Internat zu besuchen. Zum anderen um den Maler Paul Severin, dessen Schicksal ihn von Karlsruhe bis nach Paris bringt. Beide haben dieselbe rätselhafte Frau namens Talitha getroffen, die ihr Leben für immer prägen sollte. Und dennoch: konnte es sich tatsächlich um dieselbe Person gehandelt haben?

Wie auch bei seinen beiden vorangegangenen Romanen „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ überzeugt „Die zehnte Muse“ schon allein durch die sorgfältig recherchierten Hintergründe. Pechmann verbindet in der Geschichte die Biografie des berühmten Horrorautors Algernon Blackwoods (1869 – 1951), der für längere Zeit tatsächlich in Königsfeld gelebt hat, mit den unheimlichen Legenden des Schwarzwaldes. Das Ergebnis lässt sich mehr als nur sehen. Das Buchcover ist Programm: denn „Die zehnte Muse“ ist ein recht düsterer und nicht weniger geheimnisvoller Roman, bei dem der Leser wie bei einem Krimi stets am miträtseln ist, was nun die Lösung des Mysteriums ist.

Die Verbindung der sonderbaren Erlebnisse von Blackwood und Severin verweben sich zu einem dichten Ganzen, in dem das Tragische zugleich einen mysteriösen Schatten wirft und das Unheimliche sich wie ein kalter Hauch über die einzelnen Zeilen legt. Wie immer besticht der Autor durch einen erstklassigen Schreibstil, der einen von Anfang an durch das Buch gleiten lässt. Kurz: ein genauso faszinierender wie düster-geheimnisvoller Roman.

Alexander Pechmann. Die zehnte Muse. Steidl Verlag 2020, 175 Seiten, 18,00 Euro, ISBN: 978-3-95829-715-9