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Archive for April 2013

kultu wissen narration

Die Erzählforschung bzw. Narratologie ist eine transdisziplinäre Forschungsrichtung, die sich mit der Untersuchung von Erzählungen jeglicher Art beschäftigt. Sie ist daher notwendig für die Film- und Medienanalyse, aber auch die Sozialwissenschaften betrachten die Narratologie als wichtig, besonders wenn es um die Auswertung von Texten geht.

In diesem Sinne macht es die Erzählforschung den übrigen Kulturwissenschaften vor, deren Vertreter sich nur ungern mit Soziologen und anderen „Nicht-Kulturwissenschaftlern“ einlassen (siehe z.B. unseren Artikel über das Problem der Filmanalyse in Deutschland). Besonders im Zeitalter des Internets kommt der Narratologie eine wesentliche Bedeutung zu. Durch diverse soziale Netzwerke wandern „Ich-Erzählungen“, in denen die jeweiligen User etwas über sich preisgeben (gewollt oder ungewollt). Aber was wird überhaupt erzählt? Und wie wird erzählt? Aufgrund ihres interdisziplinären Ausrichtung ist es der Erzählforschung möglich, hier Licht ins Dunkel zu bringen. Durch ihre Verbindung mit der Psychologie oder – wie bereits erwähnt – der Soziologie, ist es durch bestimmte Methoden möglich, das Verhalten von Akteuren in einem virtuellen Raum zu erforschen.

Alexandra Strohmaier hat es sich in ihrem Buch „Kultur – Wissen – Narration“ zur Aufgabe gemacht, eine Art Rundumblick über das Gebiet der Narratologie zu wagen. Herausgekommen ist dabei ein Sammelband, der anhand zahlreicher Artikel veranschaulicht, auf welchem methodischen Stand sich die Erzählforschung befindet und mit welchen anderen Disziplinen interessante und durchaus bereichernde Informationen gewonnen werden können. So sind hier nicht allein Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft vertreten. Der Blick reicht viel weiter, bis hin zu Kombinationen zwischen Narratologie und Physik. In diesem Sinne liefert der Band in der Tat originelle Perspektiven, die dazu anregen,  sich mit bestimmten Themen weiter zu beschäftigen. Doch gerade bei einer solch interessanten Vielfalt, hätte es eines Vorworts oder einer Einleitung bedurft, die nochmals einen Blick auf den derzeitigen Stand der Erzählforschung wirft. Leider bleibt Alexandra Strohmaier diesen schuldig. Das überaus kurze Vorwort stellt lediglich die verschiedenen Artikel vor. Trotzdem liefert „Kultur – Wissen – Narration“ einen hoch interessanten, vielfältigen und lehrreichen Einblick in eine faszinierende und überaus notwendige Disziplin.

Alexandra Strohmaier (Hg). Kultur – Wissen – Narration. Perspektiven transdisziplinärer Erzählforschung für die Kulturwissenschaften. Transcript Verlag 2013, 538 Seiten, ISBN: 978-3-8376-1650-7, 39,80€

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berlin file

The Berlin File ist ein erstklassiger Agententhriller aus Südkorea.

Kaum ist das Feuer in dem fulminanten Blockbuster The Tower gelöscht, schon liefert Südkoreas Filmindustrie den nächsten Kassenschlager. The Berlin File ist die erste koreanische Produktion, die fast vollständig in Europa gedreht wurde. Hauptschauplatz ist, wie der Titel bereits verrät, Berlin. Dort drehte Regisseur Ryoo Seung-Wan am Brandenburger Tor und weiteren Originalschauplätzen. Die Besetzung ist dementsprechend international. Neben den koreanischen Stars treten sowohl deutsche als auch amerikanische Schauspieler auf.

Der Film handelt von Jong-Seung, einem nordkoreanischen Spion, der plötzlich zwischen die Fronten gerät. Schuld daran ist zum einen ein missglücktes Waffengeschäft, durch das südkoreanische Agenten auf seine Spur kommen, und zum anderen ein nordkoreanischer Botschaftsmitarbeiter, der versucht, überzulaufen. Anscheinend ist Jong-Seungs Frau, die Agentin Jung-Hee, ebenfalls in den geplanten Seitenwechsel verwickelt. Die Regierung in Nordkorea bekommt davon mit und schickt daraufhin einen weiteren Agenten nach Berlin, der für „klare Verhältnisse“ sorgen soll…

Ryoo Seung-Wan gelingt mit seinem selbst produzierten Agententhriller ein spannendes und actionreiches Spektakel. Die Geschichte ist konsequent erzählt, wenn sie auch hin und wieder aufgrund der Vielzahl an Geheimdiensten etwas wirr wird. Doch Ryoo behält stets die Kontrolle und verliert sich nicht in einem Kuddelmuddel. Dabei zitiert er gerne klassische Agententhriller wie etwa Der Spion, der aus der Kälte kam. Als kleiner Gag überrreicht ein südkoreanischer Agent einem Mitarbeiter des CIA dann auch ein Buch von John Le Carre. Viel verdankt der Film natürlich den Originalschauplätzen, die der Handlung die notwendige Atmosphäre verleiht. Die Actionszenen sind erstklassig choreographiert. Einer der Höhepunkt hierbei ist der Sturz Jong-Seungs durch ein Glasdach. Aber auch die Dramatik kommt in diesem Film keineswegs zu kurz. Ha Jong-Woo spielt die Rolle des gegenüber seiner Frau hin- und hergerissenen Agenten Jong-Seung ungeheuer gut.  Er hat die Pflicht, gegen sie vorzugehen, zugleich kann er sich nicht dazu überwinden. Jung-Hee, gespielt von „Sassy Girl“ Jeon Ji-Hyeon, ist ebenfalls gekennzeichnet durch einen gebrochenen Charakter, da sie immer wieder Aufträge bekommt, mit anderen Männern ins Bett zu gehen, um an wichgtige Informationen zu gelangen. Beide Schauspieler wirken in ihren Rollen absolut überzeugend, sodass der Film keineswegs oberflächliches Popkornkino ist, sondern eine dramatische Tiefe erhält, die in vielen Hollywood-Filmen fehlt.

The Berlin File (Originaltitel: Berlin), Regie, Drehbuch, Produktion: Ryoo Seung-Wan, Darsteller: Ha Jung-Woo, Jeon Ji-Hyeon, Han Suk-Kyu, Ryoo Seung-Bum, John Keogh. Südkorea 2013. Laufzeit: 120 Min.

 

 

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In Deutschland ist Sarban (1910 – 1989) völlig unbekannt. Zwar erschienen Anfang 2000 seine beiden berühmtesten Romane auf Deutsch, doch verhallten diese Veröffentlichungen ohne weiteres Echo. Im englischsprachigen Raum dagegen ist Sarban ein Klassiker der phantastischen Literatur. Sein Roman The Sound of his Horn (1952) zählte damals zu den Bestsellern. Nicht weniger unheimlich und verstörend ist sein zweites Meisterwerk The Doll Maker (1953).

sarban

Sarban (1910 – 1989)

Sarban hieß mit bürgerlichem Namen John William Wall. Er studierte Englisch und Arabistik, bevor er in den diplomatischen Dienst eintrat. Aufgrund seiner Arabischkenntnisse wurde er in den Nahen Osten versetzt, wo er u. a. in Beirut und Casablanca tätig gewesen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er zurück nach England, um als Dozent tätig zu sein.

the sound of his horn

The Sound of his Horn (1952)

The Sound of his Horn (auf Deutsch 2003 unter dem Titel Hörnerschall erschienen) ist ein Alternativweltroman, der 102 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg spielt. Die Nazis haben den Krieg gewonnen und beherrschen einen Großteil der Welt. In regelmäßigen Abständen werden Menschenjagden veranstaltet. Der Engländer Alan Querdillon gehört zu ihren Gefangenen und nimmt an einer solchen Jagd Teil. Der Roman ist erschreckend und faszinierend zugleich. So züchten die Nazionalsozialisten Menschen, indem sie diese gezielt genmanipulieren. Zugleich ähnelt der Plot vielen anderen Alternativweltromanen der damaligen Zeit in dem Sinne, da der Ich-Erzähler, in diesem Fall Alan Querdillon, nach einem langen, tiefen Schlaf in jener Welt des Schreckens aufwacht. Sarban schafft allerdings keine Parabel, sondern eine Mischung aus Science Fiction und Abenteuer, mit der er geschickt den Wahnsinn des Faschismus verurteilt.

the dollmaker

The Doll Maker (1953)

The Doll Maker (auf Deutsch 2004 unter dem Titel Der Puppenmacher als Teil eines Sammelbandes erschienen) spielt in einem einsam gelegenen Schulinternat für Mädchen. Es grenzt an das Anwesen Brackenbine. Mitten in einem kleinen Wald steht dort ein altes Haus, in dem Mrs. Sterne zusammen mit ihrem Sohn Niall wohnt. Clare soll von Mrs. Sterne Nachhilfeunterricht in Latein bekommen, da ihre eigentliche Lehrerin unter sonderbaren Umständen gestorben ist. Bei ihren Besuchen in Brackenbine gerät Clare immer mehr in den Bann von Niall. Dieser besitzt eine hervorragende Begabung: er stellt lebensechte Puppen her. Clare jedoch kommt nach und nach hinter das Geheimnis seiner Puppen und versucht, seinem unheimlichen Schaffen eine Ende zu setzen. Im Gegensatz zu The Sound of his Horn arbeitet Sarban hier mit eher subtilen Mitteln. Das Grauen wird stets angedeutet, jedoch nie offensichtlich. Mit dieser Methode gelingen ihm großartige Szenen, wie etwa die, in der Clare einer bizarren Puppenparade beiwohnt. Die Rätsel um die sonderbaren Todesfälle anderer Mädchen und junger Frauen verleihen dem Geschehen einen äußerst düster-mysteriösen Rahmen.

Sarban schuf Meisterwerke der phantastischen Literatur. Auf Englisch ist inzwischen ein Band mit Kurzgeschichten erschienen sowie ein weiterer Band mit Erzählungen und Novellen. Es scheint beinahe so, als hätte man im englischsprachigen Raum diesen wunderbaren Schriftsteller wiederentdeckt. Ob diese neue Begeisterung an seinem Werk auch in Deutschland ihren Widerhall finden wird? Wohl eher kaum. Man wird höchstwahrscheinlich bzw. leider vergeblich auf eine Übersetzung dieser Bände warten.

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Die Film- und Medienanalyse in Deutschland hat eindeutig ein Problem. Sie teilt sich auf in eine sozialwissenschaftliche und eine geistes- bzw. kulturwissenschaftliche Disziplin. Während in Frankreich und den agelsächsischen Ländern diese Kluft so gut wie nicht existiert, scheinen die Experten in Deutschland der Meinung zu sein, dass es eine solche Kluft unbedingt geben muss. So genau weiß eigentlich niemand, aus welchem Grund es diese Aufteilung gibt (nicht einmal die Betroffenen selbt). Sicher ist nur, dass beide Lager zum großen Teil miteinander verfeindet sind.

Soziologie und Kulturwissenschaft stehen sich feindlich gegenüber.

Anscheinend gleicht es in Deutschland eine Frage der Ehre, ob man soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse betreibt. Hierbei begehen besonders die Vertreter der Kulturwissenschaft den Fehler, dass sie Kultur abgrenzen von allem, was irgendwie nach Sozialwissenschaft riecht. Eine solche Perspektive ist lächerlich. Denn anscheinend haben jene Vertreter nicht verstanden, was Kultur eigentlich ist, und noch weniger kapiert, dass Kultur ohne menschliches Handeln überhaupt nicht existieren würde. Die Frage ist daher, ob eine kulturwissenschaftliche Analyse, welche die sozialwissenschaftlichen Aspekte verneint, überhaupt zu brauchbaren Erkenntnissen kommen kann. Die Antwort dürfte ein klipp und klares Nein sein.

Dieses Problem haben wir uns keineswegs aus den Fingern gesaugt. Durch Mail-Wechsel mit verschiedenen Professoren wurde uns zum Teil direkt mitgeteilt, dass er oder sie Kulturwissenschaftler/in ist und von den sozialwissenschaftlichen Aspekten nichts wissen würde. Man könnte auch sagen: ehrliche Antworten.

So lange es aber diesen Konflikt zwischen beiden Disziplinen gibt, darf man nicht darauf hoffen, Forschungsergebnisse zu erhalten, welche die internationale Filmwissenschaft bereichern könnten. Da hilft weder Arroganz noch Wut auf den Anderen. Das Einzige, das helfen würde, wäre ein Blick über den Tellerrand.

 

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Dieser Ausstellungskatalog ist so gewichtig wie gut gestaltet. Er wiegt mehr als tausend Gramm. Und kann damit auch nicht als Maxi-Büchersendung für 1.65 € postversandt werden.

Der Katalog ist der Begleitband zur Ilse Häfner-Mode Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg (Schleswig-Holstein, meerumschlungen). Das Haus wurde nach viermonatiger Umbauzeit und Komplettschließung mit dieser Ausstellung Ende Februar 2013 wiedereröffnet. Präsentiert werden bis Mai 2013 mehr als hundert Werke der Künstlerin, darunter mehr als dreißig, zumeist privater, Leihgaben.

Zur Eröffnung erinnerte Museumsleiter Dr. Christian Walda daran, daß sein Haus seit Bestehen des Museums den Auftrag wahrnimmt, Werke von Künstler(inne)n zu zeigen, die in der faschistischen Nazizeit 1933/45 als Juden verfolgt wurden und deren Werke (zu) oft „vergessen“ wurden. Dagegen arbeitet das Jüdische Museum zur Rehabilitierung im Sinne kunstgeschichtlicher Erinnerung.

Diesem Anliegen dient auch die aktuelle Wechselausstellung mit Werken von Ilse Häfner-Mode: Ilse Mode (1902-1973) gehörte zu einer, auch gelegentlich „verschollen“ genannten, Generation von Künstlern des 20. Jahrhunderts, die in unruhigen Verhältnissen lebten und nachhaltige Erschütterungen erfuhren durch zwei Weltkriege, zahlreiche gesellschaftliche Umbrüche; die aber auch kulturell geprägt wurden durch die künstlerische Aufbruchsstimmung der „goldenen Zwanziger“ in der Weimarer Republik[1].

Ilse wuchs in Berlin auf, studierte dort an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. 1927/32 erste Ausstellungen. 1928 Heirat des Malers Herbert Häfner[2]. Ab 1933 keine Ausstellungen mehr. Vielmehr Verfolgung durch die Nazi, die auch ihren „jüdisch versippten“ Mann 1937 aus der „Reichskammer für Bildende Künste“ ausschlossen und ihn bedrängen, sich scheiden zu lassen. Häfner gibt dem nicht nach, wird 1940 zur Wehrmacht eingezogen und dort bald wegen „Wehrunwürdigkeit“ entlassen. Ilse Häfner-Mode wird 1938 ihr neunjähriger Sohn Thomas weggenommen. Herbert und Ilse trennen sich, bleiben aber verheiratet. Thomas kommt zu Ilses jüngerem Bruder Heinz Mode, dem späteren Professor für Orientalische Archäologie in Halle (1948-1978)[3], der Thomas ins damals britische Ceylon in Sicherheit bringt.

Während des Zweiten Weltkriegs leben Ilse und Herbert getrennt voneinander in Bösingsfeld/Lippe und in Leopoldshöhe (Ostwestfalen) jeweils unauffällig bei Verwandten. Im September 1944 wird Ilse von der Gestapo festgenommen und ins KZ-Außen- und Arbeitslager Elben bei Kassel „verbracht“. Im Gegensatz zu vielen anderen kann Ilse überleben.

Nach Kriegende wird die Häfner-Ehe im September 1946 „in gegenseitigem Einvernehmen“ geschieden. 1948 kommt Thomas zur Mutter zurück und beginnt im Winter 1949/50 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf zu studieren.

Ab 1950 geht es für Ilse Häfner-Mode künstlerisch wieder aufwärts. Es gibt wieder Ausstellungen in der Schweiz und im Westfälischen Landesmuseum, zuletzt vor allem in Düsseldorf. Dort lebt die Künstlerin, wie ihr Sohn Thomas, seit 1955. Sie arbeitet dort auch als Porträtmalerin für Prominente. Als „ihre“ Themen werden „vorzugsweise Menschen in Gruppen und Bewegung, der Karneval, Feste und erotische Aquarelle“ genannt. Mitte März 1973 stirbt Ilse Häfner-Mode siebzigjährig.

Ilse Häfner-Mode, Selbstbildnis mit Pfeife (1949; Katalog: 6)
[Öl: 49 x 58 cm]

 Dies alles und noch viel mehr dokumentiert der Ausstellungskatalog auf den ersten hundertzwanzig Seiten durch knapp siebzig Bilder der Malerin aus gut vierzig Jahren ihrer künstlerischen Arbeit. Diese wird im Zusammenhang von Leben und Werk erinnert von Alexander Pechstein („Ilse Häfner-Mode – Die Freundin meiner Mutter“) und kenntnisreich ausgeführt in einem großen Essay von Ditmar Schmetz  („Ilse Häfner-Mode – Bilder im Lebens- und Liebesreigen“) sowie in einer gehaltvollen Marginalie von Christian Walda („Ilse Häfner-Mode – Ein Künstlerkarriere mit Hindernissen“).

Die Ilse Häfner-Mode gewidmete Hauptausstellung wird durch eine zweite – und wenn man so will – Begleitausstellung von Werken Thomas Häfners (1920-1985) ergänzt. Thomas kam mit Hilfe seines damals forschungsreisenden Onkels Heinz Mode (1913-1992) auf der Flucht vor den Nazis als Neunjähriger 1938 nach Ceylon. Und überlebte dort. Es waren dies lange Jahre der Trennung des auf- und heranwachsenden Jungen von der Mutter und Verlust von Heimat zugleich. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland studierte er an der Düsseldorfer Kunstakademie und gehörte zur 1956 gegründeten Düsseldorfer Künstlergruppe der Jungen Realisten[4], die die abstrakte Gegenstandslosigkeit des damals dominierenden Nachkriegs-mainstream angriff. Thomas Häfner entwickelte in den 1950er und 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Maler selbständige Stilelemente und eine farbige Bildersprache, die auch surrealistische Elemente der Zwischenkriegsperiode einvernahm. Mit „seinen“ Themen um Weiblichkeit und Sexualität, Zeit- und Religionskritik, Phantastik und Tod gilt Häfner bis heute als radikaler phantastischer Realist, der in enger Beziehung zur Maler-Mutter stand und doch formal wie inhaltlich wie ihr ästhetischer Widerpart erscheint.

Thomas Häfner, Selbstbildnis (1962; Katalog: 124)

Dem Maler Thomas Häfner, noch lebenden Zeitgenossen der damaligen Düsseldorfer Kunstszene als trinkfest-streitbarer „Tommie“ erinnerlich, ist der zweite Teil des Katalogs gewidmet: wenn ich mich nicht verzählt habe enthält der Band Abbildungen von dreiunddreißig (zum Teil zu stark verkleinerten) Bildern und von neunzehn Objekten sowie zwei Zeichnungen. Ditmar Schmetz, dem Häfners „Bilder und Skulpturen“ als „ein Juwel in der Kunst des 20. Jahrhunderts“ gelten, gibt eine materialreiche Einführung in Leben und Werk des Künstlers, der über den „kleinen Kreis der Kenner“ (Bertolt Brecht) hinaus eher unbekannt sein dürfte und der auch im Kunstmarkt[5] des gegenwärtigen Ganzdeutschland im untersten Preissegment nistet[6] – im Gegensatz zur anglophonen Welt, in der der Künstler seit Jahren als „phantastischer Realist“[7] netzöffentlich ausgelobt wird (und im bekanntesten Netzlexikon inzwischen einen artists-stub-Eintrag[8] erhielt).

Anlaßentspechend geht Schmetz´ bebildeter Essay aus von Äußerungen des „anerkannten Malers“ Thomas Häfner über seine Mutter, die posthume Ausstellungen in Lippstadt (1983) und in Düsseldorf (1995) erfuhr. (Die Kataloge lagen mir nicht vor.) Geschildert wird dann Häfners eigene künstlerische Entwicklung, unter anderem als Schüler seines Vaters und später als Meisterschüler von Otto Pankok (1893-1966), in Form einer tour d´horizon durch Häfners Werk:

“Thomas Häfner, »The painter of dreams«, malt seine Bilder aus der Tiefe des Unbewussten wie im Traum. Ohne Vorentwurf fügt er assoziativ die Szenen schöpferisch aneinander und führt sie – auch in ihren Gegensätzlichkeiten – zur Synthesen […] Die mythologische Welt […] faszinierte ihn ebenso wie die Erkenntnisse der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts […] Thomas Häfner greift gerne auf ikonographische Modelle aus der Geschichte der bildenden Kunst in seinen Bildern zurück […] Insbesondere im Spätmittelalter häuften sich in der Kunst Darstellungen zu diesem Thema. Die berühmtesten Bearbeitungen sind das Triptychon von Hieronymus Bosch und der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald um 1500 […] In einem ersten Bild aus dem Jahre 1956 malte Häfner hauptsächlich die Versuchungen durch Lebensfreuden, die der Satan dem asketisch lebenden Antonius vorspiegelt. Es sind z. B. sexuelle Freuden und Reichtum, dörfliche Feste, Familienglück. In überwiegend surrealistischer Darstellung sind in diesem Bild die sexuellen Freuden Mittelpunkt. Die gemalten Schmetterlinge stehen in der Mythologie für Psyche und Amor.“

Thomas Häfner, Elefant im Zauberwald (1948/49; Katalog: 126)

Auf dieser Folie deutet Schmetz auch zwei Ölbilder Häfners – die größer reproduzierte Zeitreise einer alten Dame (1975) und das zu klein reproduzierte Spätbild Clown, Frau und Tod (1981) als Bestandteile eines „einzigartigen Werks.“ Exkursen zum „zeichnerischen und druckgraphischen Werk“ Häfners folgen Erinnerungen an das 1975 in der Altstadt, Kapuzinergasse 20, von Mouche und Thomas Häfner eröffnete „Schmuck- und Kleinantiquitätengeschäft“ Sphinx, das „finanziellen Gewinn brachte: „Häfner malte nur noch einige wenige Bilder. Er fand in der Herstellung von Schmuck ein weiteres künstlerisches Betätigungsfeld. Seine in Silber gegossenen Schmuckstücke sind von hoher künstlerischer Qualität.“ Schmetz´ Essay, dem achtundzwanzig größere Farbrepros angehängt sind, endet mit dieser Generaleinschätzung des Künstlers Thomas Häfner, der am 30. Januar 1985 in seinem Düsseldorfer Atelier suizidal endete:

„Thomas Häfner ist mit seinen Bildern und Skulpturen ein Juwel in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst in ihrer gestalterischen Kraft und in ihrer existenziellen Aussage bleibt aktuell und bedeutsam für das Leben der Menschen auch in der gegenwärtigen und in der zukünftigen Zeit.“

Soweit wichtige Hinweise des Kunstkenners. Dem hier nicht widersprochen werden soll. Als Kunstfreund erkenne ich auch in den Abbildungen zum Werk Thomas Häfners Stetigkeit und Entwicklung zugleich. Diese widersprüchliche Einheit verdeutlichen beispielsweise das frühe Aquarell des jungen Kunststudenten Elefant im Zauberwald und das reife Ölbild des Künstlers Menschen in der Stadt. Beide Bilder lassen sich, wie die Ölbilder Zeitreise einer alten Dame (1975) und Clown, Frau und Tod (1981) auch als farbige Anspielungen, Verwirr- und Versteckspiele mit so eigenem wie selbstbewußten Duktus lesen. Und nicht selten verbirgt sich der keck einmontierte Maler(kopf) ganz klein irgendwo inmitten farbenfroh gemalter phantastischer Märchenwelten mit ihren Fabelwesen …

Thomas Häfner, Menschen in der Stadt (1973; Katalog 149) [Öl, 96 x79 cm]

Häfner5

Ilse Häfner-Mode. Bilder im Lebens- und Liebereigen. Jüdisches Museum in Rendsburg 24. Februar bis 26. Mai 2013. Hg. Christian Walda. Schleswig: Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, 2013, 197 p.; 21 x 30 cm; ISBN 978-3-9815806-0-0, 15 €.


[1] René König, Zur Soziologie der Zwanziger Jahre oder Epilog zu zwei Revolutionen, die niemals stattgefunden haben, und was draus für unsere Gegenwart resultiert [1961]; wieder in ders., Soziologie in Deutschland. Begründer / Verächter / Verfechter. München: Hanser, 1987: 230-257 [und] 466-468; Peter Gay, Weimar Culture. The outsider as insider. London: Secker & Warburg, 1968, xv/205 p.; dt.spr. Ausgabe udT. Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit, 1918-1933. Aus dem Amerikanischen Helmut Lindemann. Einleitung Karl Dietrich Bracher. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1970, 256 p.

[8] http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Häfner

 Richard Albrecht ist „gelernter“ Journalist, extern provomierter und habilitierter Sozialwissenschaftler und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als Freier Autor & Editor in Bad Münstereifel. Bio-Bibliographie des Autors -> http://wissenschaftsakademie.net

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Fachliteratur. Viele Leute, die diesen Begriff hören, denken an trockene Texte, die kein Mensch versteht – vielleicht auch gar nicht verstehen will, da der Text den Leser eher dazu bringt, einzuschlafen. Vor allem Artikel und Bücher aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften neigen dazu, tatsächlich trocken und langatmig zu sein. In diesen Fächern scheint es eine ungeschriebene Regel zu sein, dass nur trockene, völlig humorlose Texte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln können. Wehe es kommt jemand auf die Idee, ironisch zu werden oder den ein oder anderen Gag einzufügen. Dieser Autor wird verachtet und nicht ernst genommen. Wahrscheinlich werden seine Theorien dennoch von dem ein oder anderen Kollegen stillschweigend geklaut und als eigene Gedankenkonstruktion „verkauft“, doch dann natürlich wieder in jenem erschreckend trockenen, völlig uninteressanten Stil.

Die Situation lässt sich gut auf den Leser von Fachtexten übertragen.

Die Menge an Texten, die in den oben genannten Bereichen produziert wird, ist enorm, und nur die wenigsten werden überhaupt wahrgenommen. Es ist tragisch, dass es gerade langweilige Texte sind, welche rezipiert und zitiert werden. Die gelungenen Texte dagegen, also die Artikel und Bücher, die mit einem gewissen Schwung wissenschaftliche Probleme bearbeiten, werden stillschweigend unter den Teppich gekehrt. Aber wieso ist das so? Aus welchem Grund muss wissenschaftliche Fachliteratur langweilig und humorlos sein? Paul Feyerabend stellte einmal die Frage, ob eine wissenschaftliche Theorie sich verändern würde, wenn man sie mit Gitarrengeklimper untermalte. Seine ironische Bemerkung lässt sich genauso gut auf die Frage übertragen, ob wissenschaftliche Fachtexte anders wären, wenn sie unterhalten würden.

Wenn jemand der Meinung ist, dass Fachliteratur Erkenntnisse vermitteln, aber nicht unterhalten soll, so liegt er sicherlich falsch. Gerade Fachliteratur sollte zusätzlich den Leser unterhalten. Viele, ja sehr viele Texte, die im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich veröffentlicht werden, sind vollkommen überflüssig. Sie liefern keine neuen Erkenntnisse, sondern fassen Bisheriges zusammen, nur um am Ende  – als einer Art Pointe – ein oder zwei Sätze eigener Gedanken hinzuzufügen. Dies ist so, da Originalität in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht gefragt ist. Da dies so ist, so sollte die Ansammlung an unorigineller Fachliteratur doch bitte mindestens unterhaltsam sein, damit man sich nachher nicht zu sehr darüber ärgert, einen weiteren dieser Texte gelesen zu haben. Der Inhalt wissenschaftlicher Texte ändert sich nicht dadurch, da jemand diesen mit einem gewissen Witz bearbeitet. Im Gegenteil, die Leser werden dadurch noch mehr angeregt, über das Geschriebene nachzudenken. Wieso also keine Texte verfassen, die in einem netten Plauderton Annahmen, Theorien und historische Fakten abarbeiten? Die Theorien, Annahmen und Fakten ändern sich dadurch nicht, sie werden nur lesbarer gemacht. Sie kommen den Lesern und den Studenten, die sich damit herumquälen müssen, entgegen. Fachliteraur könnte also durchaus unterhaltsam sein. Es ist jedoch zu befürchten, dass es lange dauern wird, bis es soweit ist.

 

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