FuBs Fundgrube: „Was am Ende bleibt“ von Paula Fox

Cover der im dtv-Verlag 2011 erschienenen Übersetzung in der Jubiläumsedition

Bis vor kurzem war mir der Name Paula Fox völlig unbekannt. „Was am Ende bleibt“ erstand ich antiquarisch –  und daher ist der Roman auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir Bücher vorstellen, die wir auf Bücherflohmärkten oder in Antiquariaten entdeckt haben.

Das Lesen hat sich wirklich gelohnt. „Was am Ende bleibt“ ist nicht nur ein beeindruckender Roman über eine kaputte Ehe, sondern zugleich eine gewitzte Satire über die amerikanische Gesellschaft. Es geht um Otto und Sophie Bentwood, beide Anfang/Mitte vierzig, kinderlos und wohlhabend. In ihrer Ehe kriselt es. Dies wird beiden erst so richtig bewusst, als zwei Dinge geschehen: zum einen wird Sophie von einer streunenden Katze gebissen und zum anderen verliert Otto, der als Anwalt arbeitet, seinen langjährigen Geschäftspartner.

Während Otto sich verkampft an der Alltagsroutine festklammert, denkt Sophie immer mehr über ihr Leben nach. Eine Affäre mit einem von Ottos Klienten hat sie ihm bis heute verschwiegen. Beide kleben dennoch aneinander, da sie trotz allem nicht anders können. Der Sinn in ihrem Leben ist beiden abhandengekommen, doch wenn sie sich trennen würden, würden beide einfach in ein schwarzes Loch fallen.

Cover der amerikanischen Ausgabe

Wie ich inzwischen weiß, gehört Paula Fox (1923 – 2017) zu den wichtigsten amerikanischen Autoren und ihr Roman „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Trotz der damals guten Kritiken geriet Paula Fox in Vergessenheit, bis sie (ähnlich wie Richard Yates) Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. „Was am Ende bleibt“ ist ein dichter, düsterer und dennoch aufgrund der ironischen Seitenhiebe witziger Roman. Die Dialoge sind geradezu perfekt konzipiert, parallel zur Ehekrise scheint sich eine gesellschaftliche Krise immer mehr zu offenbaren.

Diese skizziert Paula Fox wie nebenbei. Leute kippen ihren Müll auf die Straße, werfen Steine in Fenster oder zertrümmern die Inneneinrichtung eines Hauses. Der moralische Verfall könnte genauso gut auf heute zutreffen. Diese beklemmenden Ereignisse, die einfach und ohne Erklärung geschehen, lassen die Welt und das Leben der Bentwoods geradezu trostlos erscheinen. An Hoffnung wagt keiner zu denken.

Zuletzt erschien „Was am Ende bleibt“ 2011 im dtv-Verlag, elf Jahre davor im C.H. Beck-Verlag. Leider wurde der Roman seitdem bei dtv nicht nochmals aufgelegt (im Beck-Verlag gibt es die Übersetzung weiterhin). Für mich ist „Was am Ende bleibt“ einer der besten Romane, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es lohnt sich, immer mal wieder auf eine literarische Entdeckungsreise zu gehen.

Paula Fox. Was am Ende bleibt. dtv-Verlag 2011, 201 Seiten.

FuBs Klassikbox: Wer den Wind sät (1960)

Anwalt Drummond (Spencer Tracy) und Matthew Brady (Frederic March) vor Gericht; „Inherit the Wind“ (1960); © MGM

Eigentlich hätte der Film heute gedreht werden müssen, passt er doch hervorragend in unsere Zeit. „Wer den Wind sät“ basiert zum einen auf einem Theaterstück von Jerome Lawrence und Robert E. Lee, zum anderen auf einem tatsächlichen Gerichtsfall aus dem Jahr 1925, dem sog. Affenprozess, in dem ein Lehrer angeklagt wurde, da er seinen Schülern die Entwicklungstheorie Charles Darwins beigebracht hat. Stanley Kramer führte Regie.

Der Film handelt von Bertram T. Cates, der in dem kleinen Ort Hillsboro als Lehrer tätig ist. Er wird kurzerhand angeklagt, da er im Biologieunterricht seinen Schülern beigebracht hat, dass der Mensch vom Affen abstammt. In Hillboro jedoch denken die Leute anders, sie sind fest davon überzeugt, dass Gott den Menschen erschaffen hat und die Entwicklungstheorie Teufelszeug ist. Die Bewohner ändern kein bisschen ihre Meinung, obwohl ganz Amerika sich lustig über sie macht.

Daher wird Henry Drummond als Bertrams Anwalt engagiert, um ihn zu verteidigen. Als Ankläger kommt Matthew Harrison Brady nach Hillboro, ein erzkonservativer Mann, der nicht nur nichts anderes als seine eigene Meinung gelten lässt, sondern auch streng nach dem Wort der Bibel lebt. Was sich aus dieser Ausgangssituation ergibt, ist der wohl spannendste und großartigste Schlagabtausch der Filmgeschichte.

„Wer den Wind sät“ erhielt damals nicht nur den Silbernen Bären, sondern auch den Publikumspreis bei der Berlinale und war für vier Oscars nominiert. Der Film ist das, was man anspruchsvolles Unterhaltungskino bezeichnet und präsentiert zugleich Schauspielkunst und fein geschliffene Dialoge in höchster Perfektion. Es geht nicht nur um die Gegenüberstellung zwischen Religion und Wissenschaft, sondern auch um die Dummheit der Menschen.

In dieser Hinsicht ist „Wer den Wind sät“ nicht nur ein faszinierender Gerichtsfilm, sondern zugleich eine hervorragende Satire, macht er sich doch auf köstliche Weise lustig über Kleingeistigkeit und Intoleranz, also genau diese zwei Aspekte, die heute leider vielerorts Gang und Gäbe sind.

Heute scheitert eine Diskussion in vielen Fällen daran, da die jeweiligen Gegenseiten überhaupt nicht mehr gewillt sind, dem jeweils anderen zuzuhören, sondern es wird „gecancelt“, aus Angst, sich anderen Argumenten stellen zu müssen.  Genau das zeigt bereits „Wer den Wind sät“, indem die intoleranten Ankläger keine Argumentation zulassen, damit bloß nicht das eigene kleine Weltbild in Gefahr gerät. Dennoch versucht Drummond, den Lehrer weiter zu verteidigen.

„Wer den Wind sät“ ist ein schlicht und ergreifend großartiger Film, der Vieles vorwegnimmt, was heute leider allzu aktuell ist. Vielleicht aber ist er auch deshalb aktuell, da sich die Menschen im Grunde genommen nie geändert haben.

Wer den Wind sät (OT: Inherit the Wind). Regie u. Produktion: Stanley Kramer, Darsteller: Spencer Tracy, Frederic March, Gene Kelly, Dick York, Donna Anderson. USA 1960

 

Der rote Apfel – Psychothriller von Mi-Ae Seo

Lieber spät als nie, könnte man sagen. Mi-Ae Seos Roman „Der rote Apfel“ (Originaltitel lautet „The good Girl“) erschien in Südkorea bereits 2010. Zehn Jahre später kommt nun die deutsche Übersetzung – und man staune, nicht etwa aus dem Englischen, wie manche deutsche Verlage das gerne tun, sondern tatsächlich aus dem Koreanischen. Übersetzt wurde der Roman von Ki-Hyang Lee.

Die Autorin Mi-Ae Seo (geb. 1965) ist in Korea kein unbeschriebenes Blatt. Ihre Thriller landen stets auf den Bestsellerlisten. Genauso erfolgreich verfasst sie Drehbücher, wie z.B. zu der mehrfach ausgezeichneten Krimikomödie „Happy Killers“ (2010). Ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman handelt von der Kriminalpsychologin Sonkyong, die eines Tages einen sonderbaren Auftrag erhält. Der Serienkiller Lee Byong-Do, den die Todesstrafe erwartet, möchte ausgerechnet mit ihr über seine Straftaten reden. Die Polizei erhofft sich dadurch, weitere bisher ungeklärte Mordfälle lösen zu können.

Sonkyong, die Lee Byong-Do zuvor noch nie begegnet ist, willigt ein. Doch Lee Byong-Do verlangt von ihr, dass sie bei jedem Treffen einen großen Apfel mitbringen solle, sonst würde er nicht reden. Zugleich gerät Songkyongs Privatleben völlig durcheinander, da Hayong, die Tochter ihres Mannes, nach einem Brand zu ihnen zieht. Doch mit Hayong scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen.

Man kann den Roman mit zwei Wörtern sofort auf den Punkt bringen: extrem spannend. Mi-Ae Seo entwickelt in „Der rote Apfel“ eine solche Dichte, dass einem buchstäblich der Atem wegbleibt. Auch wenn der Verlauf der Handlung stellenweise vorhersehbar ist, so bleibt die Geschichte aufgrund der Figuren und ihres jeweiligen Verhaltens überaus aufreibend.

Gut, manchmal lässt sich Sonkyongs Verhalten nicht wirklich nachvollziehen. Als Kriminalpsychologin wirkt sie doch eher unerfahren und alles andere wie eine Expertin. Doch andererseits macht genau das die Spannung des Romans aus. Denn immer wieder ertappt man sich dabei, dass man über Sonkyong einfach nur den Kopf schüttelt. Sehr gut fädelt Mi-Ae Seo dabei das soziale Verhältnis zwischen Mann und Frau in den Roman ein, wobei sie hierbei auf ironische Weise veranschaulicht: trotz Emanzipation ist das Patriarchat keineswegs abgeschafft. Interessanterweise macht sich dies ausgerechnet im Privatleben Sonkyongs bemerkbar und nicht in ihrem Berufsleben, was zwischen den Zeilen durchaus satirische Züge aufweist.

Im Groben und Ganzen ist „Der rote Apfel“ ein echter Thriller-Genuss. Während koreanische Filme immer noch Hochsaison feiern, schaut es bei der Literatur leider mehr als nur mager aus. Eher tröpfchenweise werden koreanische Romane ins Deutsche übersetzt. Man kann nur hoffen, dass sich das bald ändern wird. Denn Mi-Ae Seos Roman zeigt, dass es hier noch viel zu entdecken gibt.

Mi-Ae Seo. Der rote Apfel. Heyne Verlag 2020, 12.99 Euro, 349 Seiten

Horror de Luxe: The Cell (2000)

Catherine Deane (Jennifer Lopez) in Carls Unterbewusstsein; „The Cell“ (2000); © New Line Cinema

Viele Kritiker trauten ihren Augen nicht, als „The Cell“ in die Kinos kam. Man hatte einen üblichen Thriller um einen Serienmörder erwartet. Doch niemand hatte damals mit Tarsem Singhs ästhetischen Albtraumbilderrausch gerechnet.

Die Polizei ist hinter dem Serienmörder Carl Starghner her, der Frauen entführt und sie in eine Zelle aus Glas steckt, in dem seine Opfer qualvoll ertrinken. Kürzlich hat der Täter erneut zugeschlagen. Doch dieses Mal verläuft alles anders: Carl wird geschnappt. Doch liegt dieser im Koma. Um dennoch sein letztes Opfer retten zu können, begibt sich die Psychologin Catherine Deane mithilfe einer neuartigen Maschine in seine Gedankenwelt …

Tarsem Singh, der sich seit „The Cell“ nur noch Tarsem nennt, zog bei seinem Debut alle Register. Der Film ist ein wahrer düster-ästhetischer Augenschmaus, der zugleich oder gerade deswegen überaus beklemmend wirkt. Tarsem lässt es nicht bei dem üblichen Fangspiel zwischen Mörder und Polizisten, sondern es geht ihm um die Frage, wie jemand zu solch einem grausamen Mörder wird. Als Catherine bemerkt, dass sie durch diese Erkenntnis das letzte Opfer finden kann, versucht sie, auf Carls Kindheitserinnerungen einzuwirken.

Carl Starghner bleibt dadurch nicht plakativ, sondern erhält wie alle anderen Figuren eine für dieses Genre überaus komplexe Tiefe. Für die Szenen, die im Unterbewusstsein Carls spielen, ließ sich Tarsem von verschiedenen Künstlern und Kunstwerken inspirieren. Aber auch das Spiel mit Filmzitaten bleibt nicht aus, hierbei vor allem auf den Mystery-Thriller „Paperhouse“ (1988) von Bernard Rose.

Dabei ist „The Cell“ keineswegs der erste Film, der sich mit dem Thema Bewusstseinverschmelzung beschäftigt. Bereits 1984 schuf Regisseur Joseph Ruben mit „Dreamscape“ einen Film, in dem es um ein ähnliches Projekt wie in „The Cell“ geht. Im Gegensatz zu Tarsems Werk, knüpft „Dreamscape“ jedoch eher an Action und dem einen oder anderen Gag an.

Carl (Vincent D’Onofrio) ist König in seinem albtraumhaften Reich; „The Cell“ (2000); © New Line Cinema

„The Cell“ ist ein Film, dem man sich nicht entziehen kann. Die Geschehnisse und die bis ins kleinste Detail ausgefeilte Ästhetik wirken wie ein Strudel, der einen nicht mehr loslässt. Auf diese Weise zählt „The Cell“ sicherlich zu den außergewöhnlichsten Psycho-Thrillern überhaupt.

The Cell. Regie: Tarsen Singh, Drehbuch: Mark Protosevich, Produktion: Julio Caro, Eric McLeod, Darsteller: Jennifer Lopez, Vince Vaughn, Vincent D’Onofrio, Jake Weber. USA 2000

 

FuBs Klassikbox: Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden (1966)

Liselotte Pulver als Agda Kjerulf in der Komödie „Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden“ (1966); © Alive

Heinz Rühmann und Liselotte Pulver galten eigentlich als Publikumsmagnet. Doch bei „Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden“ ging dieses Mal die Rechnung nicht auf. Der Krimikomödie nach einem Theaterstück von Curt Goetz war kein Erfolg beschieden.

Die hübsche Agda Kjerulf wird beschuldigt ihren Mann, den erfolglosen Künstler Hilmar Kjerulf, bei einem Bootsausflug ermordet zu haben. Bei der Gerichtsverhandlung wird sie von dem mysteriösen Anwalt Peer Bille verteidigt, der überaus sprachgewandt sämtliche Anschuldigen ad absurdum führt. Dennoch verhält sich Agda weiterhin überaus verdächtig …

Auch wenn der Film damals floppte, so wird er heute als Komödienklassiker bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht einmal um die erste Verfilmung des Theaterstücks von Curt Goetz. Bereits 1930 wurde „Hokuspokus“ zum ersten Mal verfilmt (im selben Jahr erfolgte eine englischsprachige Verfilmung mit Lawrence Olivier), ein Remake folgte 1953. Alle Produktionen feierten große Erfolge, wie gesagt mit Ausnahme der Version mit Heinz Rühmann und Liselotte Pulver.

Möglicherweise lag dies an den surreal angehauchten Kulissen, die dem Film einen leicht psychedelischen Touch verliehen. Für die Kulissen, die für einen deutschen Film einzigartig sind, wurde „Hokuspokus“ damals übrigens ausgezeichnet. Damalige Kritiker bemängelten jedoch an dem Film eine eher schwunglose Inszenierung. Gut, der Film kommt nicht gleich in die Gänge, doch ab dem Moment, da Peer Bille alias Heinz Rühmann auftritt, entwickelt sich der Film zu einem wunderbaren, ja grandiosen und überaus witzigen Schlagabtausch zwischen den Anwälten, dem Richter, den Zeugen und nicht zuletzt der Witwe.

Doch auch schon davor hat der Film einige spaßige Momente zu bieten, besonders dann, wenn der Kunsthändler Amundsen das Haus der Witwe betritt und hofft, das Geschäft seines Lebens zu machen. Denn seitdem der Mord an Hilmar Kjerulf bekannt ist, reißen sich die Kunstsammler um seine Gemälde.

Titelsequenz von „Hokuspokus“, der bereits auf die leicht psychedelische Machart des Films hinweist; © Alive

Da ich den Film bisher nicht kannte, war „Hokuspokus“ für mich eine wahre Entdeckung. Die Pointen sitzen, der Sprachwitz ist einfach herrlich und die Schauspieler sind erstklassig. Nicht nur Rühmann und Lilo zeigen hier ihr Können, sondern auch die Nebendarsteller bereichern den Film ungemein, allen voran Joachim Teege als Munio Eunanio, Besitzer eines Waschsalons, dessen Darbietung fast schon einem eigenen Auftritt im Kabarett gleichkommt. Kurz: „Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden“ ist eine absolut geniale Komödie.

Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden. Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius, Produktion: Hans Domnick, Darsteller: Heinz Rühmann, Liselotte Pulver, Richard Münch, Fritz Tillmann, Klaus Miedel, Joachim Teege. Deutschland 1966