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Archive for Februar 2015

Das Wort Remake geistert seit den vergangenen zehn Jahren verstärkt durch die Szene der Filmkritik. In der Tat werden seit Beginn des neuen Jahrtausends mehr Remakes produziert als in früheren Jahren. Dennoch ist das Remake an und für sich kein Phänomen unserer Gegenwart.

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Robocop (1987)

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Robocop (2014)

Remakes sind Neuverfilmungen bereits produzierter Filme. So exakt diese Defintion auch ist, so schwer tut es sich die Film- und Medienwissenschaft damit, Remakes von anderen Kategorien zu unterscheiden. Viele Artikel, Bücher und Dissertationen gehen auf dieses Thema ein, ohne jedoch zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Denn so klar in den meisten Fällen Remakes als solche zu erkennen sind, so unklar ist es, ob ein Remake nicht auch eine Adaption, ein Sequel/Prequel oder eine Transformation in ein anderes Medium sein kann. In allen Fällen hat man es mit der Bearbeitung ein und desselben „Textes“ zu tun, und nichts anderes unternimmt ja ein Remake.

Vereinzelte Artikel über Remakes erschienen bereits in den 1970er Jahren, als ebenfalls ein hohes Aufkommen von Remakes zu erkennen war. Doch erst ab Mitte/Ende der 90er Jahre wurde die Remakeforschung ins Leben gerufen. Ziel dieser Forschung ist es, das Wesen der Remakes zu ergründen. Fragen wie „Wieso werden Remakes produziert?“ oder „Was unterscheidet ein Remake vom Original?“ stehen dabei im Mittelpunkt. So unterschiedlich manche Forscher das Wesen von Remakes betrachten, so einig sind sie sich in der These, dass Remakes nicht allein aufgrund kommerzieller Hintergedanken produziert werden. Diese These löste verschiedene Theorien aus, die von der Psychoanalyse bis hin zur Soziologie reichen. Die psychoanalytische Richtung sieht in einem Remake eine Art Oedipus-Komplex, die Soziologie die Übertragung eines vorhandenen Textes in ein neues soziokulturelles Umfeld.

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Invasion der Körperfresser (1957)

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Invasion der Körperfresser (1978)

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Invasion (2007)

Legt man den Fokus nur auf die ökonomischen Gründe, so zeigt sich etwas durchaus Interessantes: Remakes tauchen verstärkt immer dann auf, wenn es zu einer Absatzkrise im Filmgeschäft kommt. So produzierte die Filmindustrie in den 1930er Jahren aufgrund der Wirtschaftskrise mehr Remakes als vor der Krise. Anfang der 50er Jahre, in denen das Kino gegen seinen neuen Konkurrenten, das Fernsehen, kämpfte und es dabei zu deutlichen Umsatzrückgängen kam, erhöhten sich ebenfalls die Remakeproduktionen. Ende der 70er, Anfang der 80er, als das Kino gegenüber der Videokassette zunehmend an Marktmacht verlor, kam es wiederum zu einer hohen Anzahl von Remakes. Und seit der Hollywoodkrise in den 90er Jahren ist wiederum ein extrem hohes Aufkommen von Remakes zu verzeichnen.

Die jetzige Krise unterscheidet sich jedoch von den anderen Krisen dadurch, dass sie nicht nur wirtschaftlich bedingt ist, sondern viel eher ein Hinweis auf eine Schaffenskrise darstellt. Darauf verweisen z.B. die beiden Regisseure Paul Schrader (2001 in einem Spiegel-Interview) und Larry Fessenden (2013 in einem Interview mit FILM und BUCH). Da die Anzahl von Remakes noch immer sehr hoch ist (parallel dazu steigt auch die Anzahl der Sequels/Prequels), ist daraus zu schließen, dass vor allem die Schaffenskrise noch immer nicht überwunden ist.

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The Ring (2002)

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Ring (1998)

Eine Besonderheit ist seit ca. 2001, dass Hollywood häufig japanische und koreanische Erfolgsfilme neuverfilmt (bis dahin konzentrierte sich das internationale Remake auf französische Kassenerfolge). „The Ring“ zählt bis heute zu den erfolgreichsten Remakes, die jemals produziert wurden. Kosten von 40 Millionen Dollar stehen einem Umsatz von fast 250 Millionen Dollar gegenüber. Kein Wunder also, dass dies eine Welle von weiteren J- und K-Horror-Remakes nach sich zog. Doch verhält es sich seit wenigen Jahren auch umgekehrt. Denn gelegentlich produzieren koreanische Filmstudios Remakes von Hollywoodfilmen.

Aber schon zu Beginn des Kinos, also am Ende des 19. Jahrhunderts, gab es Remakes. Zum einem lag dies daran, wie die Filmhistorikerin Jennifer Forrester bemerkt, dass sich das Filmmaterial schnell abnutze, sodass dieselben Filme neu produziert werden mussten. Zum anderen gab es zu Beginn des Filmbusiness‘ noch kein Copyright auf Filme, sodass Klauen, d.h. die Verfilmung desselben Stoffes durch eine andere Produktionsfirma, keine Straftat war. Dies änderte sich erst ab ca. 1910, als Filme nach und nach als geistiges Eigentum betrachtet wurden.

Im Vergleich zu der Produktion eines Filmes, der auf einem neuen Drehbuch basiert, sind die Kosten für ein Remake wesentlich geringer. Es müssen z.B. keine Adaptionsrechte mehr bezahlt werden. Auch hält sich das Risiko eines Misserfolgs in Grenzen, da Remakes auf den Bekanntheitsgrad des jeweiligen Originalfilms setzen. In mageren Zeiten oder eben in Zeiten von „Schreibblockaden“ und Risikominimierung eignet sich das Remake besonders gut, um kostengünstig Produkte herzustellen. Das Phänomen Remake wird daher weiterhin ein fester und vor allem immer wiederkehrender Bestandteil der Filmgeschichte sein.

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dercircleAutor und Drehbuchschreiber Dave Eggers knöpft sich in seinem neuesten Roman „Der Circle“ Facebook und Co vor. Es geht um die Gefahr, die von Unternehmen ausgehen, die versuchen, sämtliche Daten ihrer Kunden zu sammeln und auszuwerten.

In Eggers Buch heißt der Konzern Circle und bietet in immer kürzeren Abständen vollendetere Programme an, die dazu dienen, die komplette Menschheit zu überwachen. Was als positiver Grundgedanke begann, nämlich negative Aspekte der Gesellschaft wie Kriminalität oder Korruption einzudämmen, wird zu einem immer größer werdenderen Wahn, der immer mehr Circle-Benutzer ansteckt. Der Circle nutzt dabei die Sensationsgier seiner User aus. Mae Holland, die mithilfe ihrer Freundin eine Stelle beim Circle erhält, vollführt innerhalb kurzer Zeit eine rasante Karriere. Sie wird praktisch zum Aushängeschild der Firma und diese macht sich diesen Umstand strategisch zunutze.

„Der Circle“ hätte ein recht guter Roman werden können. Leider aber fährt Eggers am Ziel, nämlich seine Leser zu unterhalten, gekonnt vorbei. Ein solches Thema schreit danach, entweder als Thriller oder aber als Satire bearbeitet zu werden. In der Tat enthält „Der Circle“ mehrere satirische Einschübe, in denen sowohl die Unternehmer, als auch die Mitarbeiter und nichtzuletzt die User durch den Kakao gezogen werden. Leider aber füllen diese im Verhältnis zum Umfang des Romans nur wenige Seiten. Denn in der Hauptsache konzentriert sich Eggers auf seine Hauptfigur Mae und beschreibt ihre Anfänge bei der Firma, ihren Büroalltag und ihre Gespräche mit ihren Eltern und ihren Kollegen. Und damit hat es sich im Großen und Ganzen auch schon. Andre Bazin erwähnte in seinem Buch „Was ist Kino?“ einen Regisseur, der nichts lieber machen würde, als einen Film über einen Mann zu drehen, in dessen Leben überhaupt nichts passiert. Ich weiß nicht, ob jener Regisseur seinen Traum verwirklicht hat. Wenn nicht, dann hat es Eggers für ihn in Form eines Romans getan.

Es geschieht zum großen Teil nicht viel. Und wenn, dann wiederholen sich die Situationen ständig, dass man ab einem gewissen Punkt fast schon keine Lust mehr hat, das Buch weiterzulesen. Erst gegen Ende gewinnt die Story etwas an Fahrt, doch da ist man mit dem Buch sowieso schon beinahe fertig. Ein zweiter Aspekt macht Eggers Roman geradezu steril. „Der Circle“ ist von Anfang bis Ende strikt durchkonzipiert. Eggers überlässt nichts dem Zufall, fügt keine überraschenden Wendungen ein, sondern schreibt so, als würde er sich verkrampft an seine eigenen Schreibratgeber halten – und zwar nicht nur für Roman-, sondern auch für Drehbuchautoren. Eggers Roman wirkt dadurch lieblos, nicht aus dem Bauch heraus geschrieben, sondern stets darauf bedacht, die vorgegebene Form zu bewahren. Was Maes Exfreund Mercer gegenüber Mae meint, nämlich dass sie langweilig sei, lässt sich mühelos auf das ganze Buch übertragen.

Dave Eggers: Der Circle. Kiepenheuer & Witsch 2014, 560 Seiten, 22,29€

 

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André Bazin

André Bazin (1918-1958) gilt in Frankreich als der Filmtheoretiker schlechthin. Er gründete die berühmte Zeitschrift Cahiers du cinéma, in deren Redaktion sich so bekannte Regisseure wie Jean-Luc Godard, Éric Rohmer und Claude Chabrol die Klinke in die Hand gaben. Nicht zuletzt gehörte auch Bazins Ziehsohn Francoise Truffaut zu den Autoren des Magazins, das Kino als Kunst betrachtete und anfangs gerne über Hollywood als Produzent von Massenware schimpfte. Später, als Anfang der 60er Jahre die Nouvelle Vague bis nach Hollywood schwappte, änderte sich dies natürlich. Denn der moderne französische Film gilt seitdem als Ursprung für das moderne/postmoderne US-amerikanische Kino.

André Bazin beschäftigte sich mit der Frage, was Film eigentlich ausmacht. Was ist Film bzw. was ist Kino? Im Gegensatz zu Kracauer sah er Film nicht als Mittel, um Realität festzuhalten. Im Gegenteil, bereits in seinen Artikeln über Dokumentarfilme weist er darauf hin, dass Filme fast immer gestellte Situationen präsentieren. Bazin zeigte auf, dass bereits in der Stummfilmzeit Dokumentarfilme keine Realität ablichteten, sondern die Realität subjektiv verändert wurde, zum Teil um dadurch eine gewisse Dramatik ins Spiel zu bringen. Ganz ähnlich, wenn nicht genau so wie in heutigen Dokus, in denen sich angeblich reale Zwischenfälle oder Ereignisse als konstruiert herausstellen.

Kino ist also vor allem eine subjektive Erfahrung, sowohl auf Seiten des Filmschaffenden, als auch auf Seiten des Zuschauers. In seinen diversen Artikeln, die zwischen den Jahren 1958 und 1962 in dem vierbändigen Werk „Was ist Film?“ zusammengefasst wurden, versucht Bazin, sich dem eigentlichen Wesen des Films zu nähern. Dabei erweist er sich als wahrer Ästhet, als „Poet des Kinos“, wie manche Kritiker damals sagten. In seinen Texten zeigt sich eine wahre Liebe, ja Leidenschaft gegenüber den bewegten Bildern. Und das, was Bazin zu sagen hatte, hat bis heute durchaus Gültigkeit.

Sein Artikel über die „Erotik im Film“ dürfte Vertretern der Gender Studies Schluckauf bescheren. Denn Bazin hält die Erotik im Film für unabdingbar. Film und Erotik gehörten für ihn einfach zusammen, geben dem Film fast schon so etwas wie einen grundlegenden Sinn. Es wäre durchaus interessant, was Bazin zur heutigen Überflutung von erotischen Aspekten beim Film sagen würde.

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Originalcover des dritten Bandes von Bazins vierbändigem Werk „Was ist Kino?“.

Nicht weniger interessant sind seine Abhandlungen über den Neorealismus und über die Frage, was der Unterschied zwischen Theater und Film ist. Im Neorealismus sah er eine Möglichkeit, Film als wahre Kunst zu präsentieren, wobei er hier jedoch manchen Regisseuren vorwarf, sich nicht an die Regeln des neorealistischen Stils zu halten. Heute findet sich dieser übrigens (zum großen Teil) in den sogenannten „Lost Footage“-Filmen wieder.

Neben seinen Artikeln verfasste Bazin auch noch unzählige Filmrezensionen, in denen er zum Teil die Filme, auf die er Bezug nimmt, stark kritisierte. Man wünscht sich nichts anderes, als dass heutige Filmkritiker ebenfalls diese Leidenschaft am Film vermitteln würden. Doch heutige Rezensionen sind allzu oberflächlich und erreichen schon gar nicht diese ästhetische Wucht seiner Texte.

Wer André Bazins Abhandlungen liest, wird beginnen, Kino mit anderen Augen zu sehen, wird zunächst einmal Film als eine Form der Kunst betrachten, egal, ob es sich um Autorenfilme, Dokus oder visuell überfrachteten Mainstream handelt. Ähnlich das Buch im Zeitalter des eBooks so wird auch Film im Zeitalter von VoD zu einem Wegwerfprodukt, wobei sich hierbei einmal mehr zeigt, dass Georg Simmel mit seiner „Tragödie der Kultur“ (1911) fast schon die Rolle eines Visionärs zukommt. Mit Bazin kann man sich die Lust am Film und am ästhtetischen Erleben des Visuellen erhalten. Bazins Meinungen sind daher heute wichtiger denn je. Leider starb Bazin viel zu früh. Es wäre durchaus interessant gewesen, was er über die drastischen Veränderungen gesagt hätte, die sich in den 60ern und 70er Jahren im Film gezeigt haben.

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