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Posts Tagged ‘Krimi’

Auf die Idee zu ihrem berühmten Roman „Meine Cousine Rachel“ (1951) kam Daphne du Maurier durch ein Gemälde, das Rachel Carew (1669 – 1705) darstellte, die zweite Frau eines damaligen Politikers und Großgrundbesitzers. Der Roman wurde sogleich zum Bestseller, ein Jahr später bereits verfilmt und in diesem Jahr erneut für die Kinoleinwand adaptiert.

Wie auch „Rebecca“ (1938), so handelt es sich bei „Meine Cousine Rachel“ um eine Mischung aus Krimi und Mystery, wobei die Handlung im 17. oder 18. Jahrhundert spielt. Seit dem Tod von Philips Eltern, kümmert sich um ihn sein zwanzig Jahre älterer Cousin Ambrose. Ambrose ist ein reicher Großgrundbesitzer und Philip soll einmal das Gut erben. Beide sind unverheiratet und können mit Frauen im Grunde genommen nichts anfangen. Das ändert sich jedoch, als Ambrose in Italien, wohin er auf Anraten seines Arztes reist, um dadurch seine rheumatischen Beschwerden zu kurieren, eine Frau namens Rachel kennenlernt, halb Italieniern, halb Engländerin, die er kurz darauf heiratet.

Herrschen zuhause in England zunächst Überraschung und helle Freude darüber, dass Ambrose unerwartet geheiratet hat, so nimmt die Sache eine sonderbare Wendung, als Philip ein Schreiben von Ambrose erhält, in dem steht, dass er so schnell wie möglich nach Florenz kommen solle, da er schwer erkrankt sei. Doch bei seiner Ankunft ist Ambrose bereits tot und seine Frau spurlos verschwunden.

Kaum ist Philip, der noch ein Jahr warten muss, bis er sein Erbe antreten kann, wieder zurück in Cornwall, als Rachel vor seiner Tür steht. Diese entpuppt sich als eine hübsche, liebevolle Frau, die sozusagen Leben in die Bude bringt, was dazu führt, dass Philip ihr vollkommen verfällt. Doch irgendetwas scheint mit Rachel nicht zu stimmen. Führt sie etwa eine Art Doppelleben?

Daphne du Maurier (ca. 1930)

Mit Rachel schuf Daphne du Maurier eine der mit Sicherheit geheimnisvollsten Figuren der Weltliteratur. Der ganze Roman hat im Grunde genommen nur das eine Thema: Wer ist diese Rachel überhaupt? Ist sie tatsächlich diese liebevolle und zugleich sinnliche Frau, die Philip in ihr sieht und die ihn in einen regelrechten Liebeswahn stürzt, oder ist alles bloß Fassade und sie ist in Wirklichkeit eine Betrügerin?

Das Rätsel und der Versuch, dieses aufzudecken, machen diesen Roman zu einem mysteriösen Psychothriller, der nichts zu wünschen übrig lässt. Gleich zu Beginn, wenn Philip sich die Frage stellt, wer Rachel nun eigentlich wirklich ist, herrscht diese düstere, geheimnisvolle Aura, die den gesamten Roman durchzieht.

Philip, der vollkommen unerfahren ist, weiß selbst nicht, wie ihm geschieht. Sicher ist nur, dass er Rachel nicht mehr weggehen lassen möchte, trotz dieser sonderbaren Briefe, die Ambrose in Büchern und Kleidungsstücken versteckt hat.

Besonders die zweite Hälfte des Romans reißt einen regelrecht mit, sodass man mit dem Lesen einfach nicht mehr aufhören kann. Ähnlich wie die „Überfrau“ Rebecca, so ist auch Rachel schwer zu greifen und zu begreifen. Das macht sie zu einer überaus rätselhaften Gestalt, die nicht weniger unheimliche Züge aufweist und von der man nicht sagen kann, ob sich Philip hier einen Engel oder ein Monster ins Haus geladen hat. Dies macht „Meine Cousine Rachel“ zu einem absolut fesselnden Roman, der in einem noch lange nachwirkt.

Daphne du Maurier. Meine Cousine Rachel. Insel Verlag 2017, 416 Seiten, 12,00 Euro, ISBN: 978-3-458-36197-8

 

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Mit dem Anime „Perfect Blue“ kreierte Regisseur Satoshi Kon einen Klassiker des japanischen Zeichentrickfilms. Mit einer Mischung aus Horror, Krimi und Thriller gelingt es ihm, eine durchweg spannende Geschichte zu erzählen – und dies auf sehr hohem Niveau.

„Perfect Blue“ handelt von der Sängerin Mima, die ihre Popband CHAM verlässt, um Schauspielerin zu werden. Der Karrierewechsel führt zugleich zu einer Imageveränderung. Galt sie zunächst noch als unschuldiges Popsternchen, so verschafft ihr die Schauspielkarriere den Charakter eines Vamps. Doch dieser Wandel führt zu merkwürdigen und bedrohlichen Zwischenfällen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Mima kommt auf die Spur einer sonderbaren Internetseite, die jemand in ihrem Namen gestaltet. Eine brutale Mordserie, deren Opfer mit Mima in Beziehung standen, bringt sie an den Rand eines psychischen Zusammenbruchs. Bald scheinen Realität und Illusion zu verschwimmen.

Mit „Perfect Blue“ wandelt Satoshi Kon in den Spuren von Alfred Hitchcock und Brian De Palma. Wie auch diese beiden Regisseure, entpuppt sich Kon als Perfektionist, was den Aufbau von Spannung und die Darstellung des Grauens anbelangt. Auf diese Weise wird der Film keine Minute langweilig. Kon lässt es bis zum Finale offen, welchen geheimnisvollen Hintergrund die Morde und Drohungen haben. Haben wir es hier mit einem irre gewordenen Stalker zu tun? Oder stellt sich Mima vielleicht alles nur vor?

Diese Gegenüberstellung von Schein und Sein führt Kon parallel zu einer kritischen Betrachtung der Film- und Medienbranche aus. Hierbei betrachtet er vor allem die Marketing-Methoden im Showbusiness, in denen die Person gleichzeitig das zu verkaufende Produkt darstellt. Auf diese Weise wird der Mensch Mima der in den Medien wahrgenommenen Rolle, die Mima in der Öffentlickeit spielt bzw. zu spielen hat, entgegengesetzt. Kon veranschaulicht, wie schwer es für sie ist, ihr privates Leben vom öffentlichen Rummel abzukapseln, was dazu führt, dass der Erfolg gleichzeitig zu einer Art Fluch wird.

Dabei behandelt „Perfect Blue“ diese Sequenzen jedoch nicht wie ein Psychodrama, sondern gliedert diese kritischen Aspekte kunstvoll in den Thriller ein. So liefert dies zugleich eine weitere Möglichkeit: Führt der zunehmende Druck zu einer Art gespaltener Persönlichkeit? Wie gesagt, eine Lösung findet sich erst im Finale des Films. Bis dahin bleiben 78 Minuten überaus spannende und beklemmende Unterhaltung.

Perfect Blue. Regie: Satoshi Kon, Drehbuch: Sadayoki Murai, Produktion: Takeshi Washitani. Japan 1998, 81 Min.

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Die 60er Jahre begannen mit einem Paukenschlag und endeten mit einem Paukenschlag. Am Anfang stand Hitchcock, der mit einem bis dahin noch nie da gewesenen Thriller die Zuschauer in Panik versetzte, am Ende mit „Nacht der lebenden Toten“ ein Low-Budget-Horrorfilm, der das US-amerikanische Kino komplett verändern sollte. Zwischendrin schuf David Lean seine legendären Leinwandepen, zeigte der Italo-Western, wie schmutzig Cowboys wirklich waren, und kreierte Roger Corman mit den berühmten Poe-Adaptionen seine erfolgreichsten Filme. Spätestens „Planet der Affen“ (1968) zeigte, dass die sozialen Bewegungen auch im Kino angekommen waren, während in Deutschland Winnetou und Old Shatterhand in die Kinogeschichte eingingen, nicht zu vergessen auch der berühmte Satz „Hier spricht Edgar Wallace“, der eine Hochphase deutscher Trash-Kunst einleitete. European Trash ist überhaupt das Stichwort, denn während die Hammer Studios in England weiterhin auf einer Erfolgswelle schwammen, kam es auf dem Festland zu den einzigartigen Koproduktionen zwischen Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien, die geradezu in Farbe schwelgten und Hammer als auch den American International Pictures nicht nur Konkurrenz machten, sondern diese auch beeinflussten.

Psycho“ (1960) ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor wenigen Jahren entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über den Inhalt von „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Und die Frage, die man sich seitdem stellt, lautet nicht, ob man Janet Leighs Brüste sieht oder das Messer tatsächlich in den (Puppen-)Körper dringt, sondern, ob die Schauspielerin blinzelt oder nicht, nachdem die Kamera sich langsam von ihrem Schreck erstarrten Gesicht entfernt. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, denn Leigh blinzelt zwar nicht, bewegt aber zweimal hintereinander kaum merkbar ihre Augen, da sie nun einmal krampfhaft versucht, nicht zu blinzeln.

„Psycho“ gilt als Begründer des modernen Horrorfilms, bevor neun Jahre später Romeros „Nacht der lebenden Toten“ für eine erneute Wende sorgte. Interessant ist, dass sich „Psycho“ dennoch auf eine geradezu klassische, ja man möchte fast schon sagen traditionelle Erzählweise konzentriert, wenn es darum geht, das Motel zu verorten. Dieses befindet sich nämlich auf einer kaum mehr befahrenen Landstraße, praktisch irgendwo im Nirgendwo. Wie es sich später herausstellt, sind bereits vor dem berühmten Mord mehrere Personen in dieser Gegend spurlos verschwunden. Was natürlich fehlt, sind irgendwelche Gerüchte, doch ansonsten kommt man mit diesen Merkmalen den Aspekten der klassischen Geisterhausgeschichte sehr nahe. Hier vor allem den Geschichten von Ambrose Bierce (1842 – 1914), der mehrfach über einsam gelegene Häuser in den USA schrieb.

So gesehen haben wir hier die moderne Variante eines Spukhauses vor uns, in dem kein Gespenst für Furore sorgt, sondern Norman Bates für Gänsehaut sorgt. Ende der 90er versuchte sich Hollywood an einem Remake und scheiterte dabei kläglich. Es ist immer die Frage, inwieweit es für einen Regisseur sinnvoll ist, sich ausgerechnet an einem Klassiker zu versuchen. Das Ergebnis von 1998 war jedenfalls ein durchschnittlicher Slasher, der all das falsch machte, was Hitchcock richtig gemacht hat.

1966 spielte der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni mit der Wahrnehmung der Zuschauer. In seinem Meisterwerk „Blow Up“ geht es um den Fotografen Thomas, der bei einem seiner Shootings in einem Park ein Liebespaar fotografiert. Als er das Foto vergrößert, sieht er aus einem Gebüsch eine Hand mit einer Pistole ragen. Ein anderes Foto zeigt die Leiche des Liebhabers. Hat also Thomas einen geplanten Mord fotografiert?

„Blow Up“ wurde zu dem Film der Beat Generation und der damit einhergehenden sozialen Veränderungen. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, mit dem sich Roger Corman in seinen Poe-Filmen beschäftigte, ist in „Blow Up“ längst ausgefochten. Thomas macht nur das, was ihm Spaß macht. Er pfeift auf althergebrachte Konventionen und sucht seine Erfüllung im schnellen Sex und der freien Kunst.

Doch die Fotos, die er im Park aufgenommen hat, bringen ihn zum Nachdenken und auch zum Überdenken seiner eigenen Tätigkeit. Im Zentrum des Films steht ein Spiel mit der Wahrnehmung. Zeigen uns Fotos die tatsächliche Realität oder reimen wir uns beim Betrachten der Aufnahmen bloß etwas zusammen? Welche Interpretation ist die richtige bzw. gibt es überhaupt eine Interpretation, die völlige Gültigkeit besitzt?

Wie bereits Hitchcock mit „Das Fenster zum Hof“, so stellt auch Anonioni in „Blow Up“ zentrale Fragen im Hinblick auf die Theorie des Films. Denn was ist Kino anderes als eine visuelle Manipulation? Oder ist Kino Wirklichkeit? Gibt es so etwas wie eine objektive Wahrnehmung? All diese recht schweren und bis heute noch immer diskutierten Fragen setzt Anontioni spielerisch in seinem Klassiker um. Dario Argento machte sich einen zusätzlichen Spaß daraus, indem er den Hauptdarsteller David Hemmings für seinen Thriller „Profondo Rosso“ (1975) engagierte, der sich mit ganz ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt.

„Blow Up“ zählt zu Michelangelo Antonionis einzigem erfolgreichen Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde und bei den Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis gewann.

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Nach dem Erfolg von „Girl on the Train“ musste natürlich so schnell wie möglich ein weiteres Buch der Autorin her. Das Ergebnis trägt den Titel „Into the Water“ und handelt von dem kleinen Ort Beckford, in dem immer wieder Frauen Selbstmord begehen, indem sie sich von einer hohen Klippe in den Fluss stürzen. So auch Julias Schwester Nel, die in Beckford lebte, um dort den rätselhaften Fällen nachzugehen und daraus ein Buch zu machen.

Als Julia nach Beckford kommt, um die Leiche zu identifizieren und an der Trauerfeier teilzunehmen, versucht sie zugleich herauszubekommen, wieso sich Nel umgebracht hat. War es tatsächlich Selbstmord? Wurde sie Opfer eines angeblichen Fluches? Oder wurde sie von der Klippe gestoßen? All diese Fragen beschäftigen auch die Polizei, denn bevor Nel umgekommen ist, starb auch eine Schülerin auf ominöse Weise im Fluss.

Wie bereits „Girl on the Train“, so ist auch „Into the Water“ aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, wobei sich die persönliche Tagebuchform abwechselt mit einem allgemeinen Erzählstil. Schon allein durch den ständigen Wechsel der Perspektiven, durch Rückblenden und durch das Einweben des unvollständigen Manuskripts von Nel über das Geheimnis des Drowning Pool erschafft Paula Hawkins eine intensive Dichte, die den Leser schnell in ihren Bann zieht.

Alles dreht sich um das Geheimnis der Frauen von Beckford, um die Frage, weswegen manche von ihnen im Drowning Pool ertranken. Nel kommt dabei auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses, und nach und nach stellt sich heraus, dass Beckford an mehr als nur einem tragischen Schicksal leidet.

Man könnte fast meinen, als habe Paula Hawkins sich an dem Grundkonzept des J-Horror orieniert, als sie „Into the Water“ konzipierte. Denn das grundlegende Thema ist so gut wie identisch: die Verhinderung von Emanzipation seitens patriarchaler Strukturen. Zwar schlägt die Autorin von Anfang an tatsächlich Töne des Mytischen und Mysteriösen an, letztendlich aber entwickelt sich die Story dann doch in eine andere Richtung.

Dennoch bleibt das Rätselhafte und latent Unheimliche stets präsent: eine alte Frau, die mit den Toten kommunizieren kann, Julia, die ständig glaubt, dass ihre Schwester in ihrem Haus umgeht, der allgemeine Glaube an eine Art Fluch, der über dem kleinen Ort liegt. Im Gegensatz zu „Girl on the Train“ verzichtet Hawkins hier auf eine satirische Sichtweise. Vielmehr gestaltet sie die Geschichte als eine Art düsteres Drama, in das Julia unvermittelt hineingezogen wird.

Während man bei den entlarvenden Seitenhieben auf das Spießertum der Vorstadtbewohner immer wieder mal schmunzeln musste, so bleibt Paula Hawkins in ihrem neuen Roman ungewöhnlich ernst. Sie konzentriert sich voll und ganz auf die Trauer und den Schmerz der Figuren, verbindet diesen aber gekonnt mit einer durchgängig spannenden Handlung. Ähnlich wie Agatha Christie, so präsentiert auch Paula Hawkins eine ganze Reihe von verdächtigen Personen, um nach und nach deren Geheimnisse zu lüften. All dies macht ihren zweiten Thriller durchaus lesenswert.

Paula Hawkins. Into the Water. Blanvalet 2017, 476 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-7645-0523-3

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„Girl on the Train“ löste im gewissen Sinne einen weltweiten Hype aus. Es sind gelegentlich die leisen Romane, die gehörig Staub aufwirbeln. So auch der Roman „Girl on the Train“ von Paula Hawkins, die damit zwar nicht ihr Debut feiert, aber ihren ersten Thriller. Zuvor verfasste sie unter Pseudonym mehrere Liebesromane.

In „Girl on the Train“ geht es um die alkoholkranke Rachel, die täglich mit dem Zug nach London und zurück pendelt. Die Strecke führt an einem Haus vorbei, vor dem der Zug aufgrund eines Signals jedesmal hält. Dadurch erhält Rachel Einblick in das Leben des Ehepaars, das in diesem Haus wohnt und in dessen Nähe sie früher selbst gelebt hat. Für Rachel strahlen der Mann und die Frau das perfekte Glück aus. Doch eines Tages ist die Frau auf einmal verschwunden und für Rachel beginnt ein wahrer Albtraum.

Man kann „Girl on the Train“ auf verschiedene Arten Lesen: als Thriller, als Kriminalroman, als Frauenroman oder auch als Satire. Egal, mit welchem dieser Merkmale man vorlieb nehmen möchte, man kommt stets voll auf seine Kosten. Gewürzt ist der Roman mit einer Prise Patricia Highsmith und auch ein wenig Shirley Jackson. Und vom Schreibstil her ist „Girl on the Train“ einfach nur hervorragend.

Hawkins wählte eine Art von Tagebuchstil, in dem die Gedanken der jeweiligen Figuren sich mit einer Geschichte vermischen, die wie eine Studie über eine vereinsamte Frau beginnt, um sich schlagartig in einen überaus spannenden Thriller zu verwandeln. Dieser Stil kommt nicht nur der Spannung zugute, denn der Autorin gelingt dadurch zugleich ein fast schon minutiöser Blick hinter die Fassaden der Vorortshäuser, in denen vor allem junge Ehepaare wohnen.

Und genau in diesem Blick liegt eine weitere grandiose Stärke des Romans, denn wie mit einem Seziermesser nimmt Hawkins den Alltag der Bewohner auseinander und entlarvt dabei eine ungeheure Spießigkeit, kalten Egoismus und Scheinheiligkeit. All dies aus der Perspektive von Rachel, die mit ihrem eigenen Leben nicht klar kommt, die unter ihrer Alkoholsucht leidet und die daher von niemandem ernst genommen wird.

Gut, als Agatha Christie-Fan weiß man zwar schon bald, wie der Hase läuft, doch macht dies den Roman keineswegs weniger spannend. Dazu tragen auch die unterschiedlichen Konflikte bei, mit denen Hawkins ihren Roman anreichert, angefangen von Rachels Verhalten gegenüber ihrem Exmann und dessen jetziger Frau bis hin zu den Kriminalbeamten, die Rachel nicht ernst nehmen wollen, da sie eben alkoholkrank ist.

„Girl on the Train“ hat es wirklich verdient, ein Bestseller zu werden. Selten fühlt man sich bei einem Roman so gut unterhalten und wird zugleich mit einer solch intensiven Handlung konfrontiert wie hier.

Paula Hawkins. Girl on the Train. Blanvalet Verlag 2015, 463 Seiten, 9,99 Euro, ISBN: 978-3-7341-0051-2

 

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Am Gardasee geht ein Serienmörder um, der es auf junge Männer abgesehen hat. Was die Ermittlungen so schwierig macht, ist, dass bisher keine einzige Leiche gefunden wurde. Eines Tages erhält der Dokumentarfilmer Luca Spinelli überraschenden Besuch von Kommissar Vianelli, der ihn bittet, bei den Ermittlungen zu helfen. Der Grund, Luca kennt sich in dieser Gegend aus wie kein anderer und besitzt aufgrund seiner Arbeit als Filmemacher Kontakte zu vielen Bewohnern des Gardasees. Luca kommt tatsächlich bei seinen Filmaufnahmen auf eine erste Spur des unheimlichen Mörders …

Regionalkrimis sind seit längerer Zeit äußerst beliebt. So groß die Vielfalt an Tatorten, so groß ist allerdings auch der Unterschied der Qualität der Romane. Alessandro Montanos Debut „Die Toten vom Gardasee“ gehört hierbei eindeutig zu den besseren Romanen. Nicht nur, weil Montano beweist, dass er hervorragend schreiben kann. Sein erster Roman besticht auch durch einen dichten Spannungsaufbau.

Der Mörder bleibt unsichtbar, das einzige, was Luca und das Team um Kommissar Vianelli herausbekommen, sind Andeutungen über die Gräueltaten, die der Serientäter begeht. Diese vergebliche Suche nach einer konkreten Spur, die die Arbeit der Polizei bestimmt, ist es, was den genau recherchierten Roman so faszinierend macht. Man fragt sich natürlich beim Lesen ständig, wie die Figuren endlich auf eine heiße Spur stoßen könnten. Und dies scheint sich Montano selbst gefragt zu haben, denn die ersten brauchbaren Hinweise stammen schließlich von einer Hellseherin. Genau an dieser Stelle schwächelt der ansonsten durchweg spannende Roman. Da die Hellseherin eigentlich ziemlich alles weiß, wieso kennt sie dann nicht den Namen des Mörders?

Montano wollte wohl einen kleinen Schwenk in den Mystery-Bereich wagen, um dadurch die Atmosphäre dichter und beklemmender zu gestalten. Das hätte nicht sein müssen, da die Geschichte um einen seit Jahrzehnten umgehenden Serienmörder auch so eindeutig ihren Reiz besitzt. So gelingt es Montano vor allem sehr gut, die persönlichen Konflike Lucas in den Fall mit einzubeziehen, was die Geschichte zusätzlich interessant macht.

Dass Alessandro Montano selbst mehrere Jahre am Gardasee verbracht hat, merkt man den exakten Beschreibungen der Orte an. Daraus ergibt sich eine spannende Gegenüberstellung zwischen sonnenverwöhntem Urlaubsort und dem düster-unheimlichen Fall, der sich dort abspielt.

Doch, „Die Toten vom Gardasee“ kann man als eine feine Entdeckung betrachten. Und man beendet den Roman mit dem Wunsch, bald mehr von dem Autor lesen zu dürfen.

Alessandro Montano. Die Toten vom Gardasee. Emons: Verlag 2017, 272 Seiten, 11,90 Euro, ISBN: 978-3-7408-0070-3

 

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tenlittleindiansAgatha Christies Roman „Zehn kleine Negerlein“ (1939) zählt zu ihren erfolgreichsten Romanen und wurde mehrfach verfilmt. Während die erste Adaption aus dem Jahr 1945, die unter dem Titel „And then were None“ in die Kinos kam, stark auf Atmosphäre setzt, versucht sich die Version aus dem Jahr 1965 mehr in Sachen Action. Die dritte Adaption aus dem Jahr 1974 ist ein Remake des Films von 1965.

Während der Roman auf einer Insel vor England spielt (der Handlungsort wurde von der ersten Adaption übernommen), spielt „Ten little Indians“ auf einem einsam gelegenen Schloss in den Alpen. Die Version aus dem Jahr 1974 verlegt den Ort in ein mitten in der iranischen Wüste gelegenes Luxushotel. Handelt es sich bei den ersten beiden Adaptionen um Schwarzweißfilme, so ist „And then were None“ aus den 70ern die erste Farbversion der Geschichte.

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Die geladenen Gäste in „Das letzte Wochenende“ (1945)

Die Grundhandlung ist in allen drei Filmen dieselbe: Zehn Gäste werden eingeladen, das Wochenende an einem abgelegenen Ort zu verbringen. Niemand kennt den Gastgeber, der sich U. N. Owen nennt. Nach einem köstlichen Dinner erklingt auf einmal eine Stimme, die alle zehn Gäste bezichtigt, jeweils ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Als kurz darauf einer der Gäste stirbt und alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt sind, spitzt sich die Situation von Minute zu Minute zu.

Agatha Christies Roman ist ein echter Pageturner und man könnte ohne weiteres behaupten, dass sie mit ihrer Idee die Grundstruktur des Slasher vorweggenommen hat. René Clair, der Regie bei der ersten Adaption führte, hält sich sehr genau an den Roman. Sein Film wurde später beim Filmfest von Locarno als bester Film ausgezeichnet. Mit Witz und einer zugleich beklämmenden Atmosphäre weiß Clair, den Zuschauer bestens zu unterhalten.

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Die geladenen Gäste in „Das Geheimnis im blauen Schloss“ (1965)

Wie oben bereits erwähnt, setzte „Ten little Indians“ mehr auf Action. Regie führte George Pollock, der bereits die bekannten Miss Marple-Filme in Szene gesetzt hatte. Das Drehbuch stammte von Peter Welbeck, ein Pseudonym des Regisseurs und Produzenten Harry Alan Towers, der vor allem im Trash- und Thrillergenre beheimatet war. Neben den Fu Man Chu-Filmen, war er auch für mehrere der Edgar Wallace-Filme verantwortlich. In Deutschland lief der Film unter dem Titel „Das Geheimnis im blauen Schloss“ in den Kinos und reihte sich dadurch nahtlos in die Titel seiner sonstigen Filme ein. Mario Adorf spielt darin den zwielichtigen Diener Joseph Grohmann. Ebenfalls mit von der Partie sind Bond-Girl und Trash-Ikone Shirley Eaton sowie Daliah Lavi, die u. a. in dem Mario Bava-Film „Der Dämon und die Jungfrau“ mitgewirkt hat. Der Film ist überaus rasant inszeniert und hält sich in gewisser Weise an die Regel Roger Cormans, dass in jeder Szene etwas passieren muss. Hinzu kommen die genial-schrillen Schreie Dalia Lavis, die auch heute noch Glas zerspringen lassen.

tenlittleindians6Harry Alan Towers fiel anscheinend nichts mehr ein, als er auf die Idee kam, seinen Erfolg aus dem Jahr 1965 im Jahr 1974 einfach nochmals zu verfilmen. Dabei gab er sich nicht einmal die Mühe, Dialoge neu zu schreiben, sondern übernahm das vorherige Drehbuch in großen Teilen. Das einzige, was sich änderte, war das Set und die Stars. Michel Piccoli, Gerd Fröbe, Oliver Reed und Elke Sommer sind mit von der Partie sowie Towers‘ Frau Maria Rohm, die immer wieder in den von ihm produzierten Filmen mitspielte –  hier ist sie als Hotelangestellte Elsa Martino zu sehen. War „Das Geheimnis im blauen Schloss“ noch kurzweilige Unterhaltung, so wirkt „Ein Unbekannter rechnet ab“ (so der deutsche Titel) eher lustlos und aufgesetzt. Schuld daran war wohl Regisseur Peter Collinson, der sich mit allen und jedem stritt und eine ziemliche Zicke gewesen sein muss. Gut an dem Film sind lediglich die Schauspieler, die versuchen zu retten, was zu retten ist. Ansonsten aber zählt der Film eher zur Kategorie der überflüssigen Produktionen.

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Die geladenen Gäste in „Ein Unbekannter rechnet ab“ (1974)

Neben diesen drei Kinofilmen gab es immer wieder TV-Filme, die sich auf den Roman von Agatha Christie beziehen. Die Queen of Crime hatte übrigens Probleme in den USA wegen des Titels „Ten little Indians“ und wegen des Namens der Insel, der Nigger Island lautet. Mit dem Buchtitel befürchtete man, die indianische Bevölkerung zu beleidigen und Nigger Island wurde als zu rassistisch eingestuft. Daher wählte man für die US-Ausgabe den Titel „And then were None“. In der deutschen Übersetzung gibt es ebenfalls eine Anmerkung zum Namen der Insel, indem beteuert wird, dass hinter dem Namen keine rassistischen Absichten liegen. Übrigens: Wer den Roman noch nicht kennt, sollte ihn unbedingt einmal lesen.

 

 

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