Twin Peaks (2017)

Mit der Fortsetzung von „Twin Peaks“ verblüffte David Lynch so ziemlich jeden Filmkritiker. Als die ersten beiden Episoden der 18-teiligen Serie in Cannes als Spielfilm gezeigt wurden, führte dies zu lang anhaltendem stehenden Applaus. Der Meister war wieder zurück und er zeigte nicht nur, was Filmkunst ist, sondern dass man diese auch mit einem TV-Format verbinden kann.

Noch komplexer als die Originalserie aus den Jahren 1991 und 1992, führt David Lynch die Serie nach 25 Jahren fort. Nicht nur in unserer Realität, sondern auch in der Twin Peaks-Handlung sind seit dem rätselhaften Mord an Laura Palmer 25 Jahre vergangen. Und es geschehen erneut seltsame Dinge. Denn zwei Coopers sind aus der ominösen Zwischenwelt zurückgekehrt. Während der eine von Bob besessen ist, kann sich der andere an nichts erinnern und wird von allen als Versicherungsvertreter Dougy Jones gehalten. Zugleich findet die Polizei in Twin Peaks die fehlende Seite aus Laura Palmers Tagebuch, was dazu führt, dass sie den alten Fall wieder aufrollt.

Viele Zuschauer gaben nach Episode 8 „Gotta Light?“ auf, die Serie weiterzuverfolgen. Der Grund: hier greift David Lynch so richtig in die Vollen und präsentiert eine der wohl bizarrsten TV-Episoden überhaupt. Eine Andernanderreihung sonderbarer Geschehnisse, die zugleich als  Experimentalfilm konzipiert sind und teilweise an Lynch‘ „Earaserhead“ erinnern. Kurz: surreal und bizarr auf höchster filmkünstlerischer Ebene.

David Lynch liefert alles andere ab als eine flache, austauschbare TV-Serie. Da er und Mark Frost die 18-teilige Serie auch selbst produzierten, hatten sie absolut freie Hand und diese künstlerische Freiheit schöpften sie auch mit allen Mitteln aus. Schon allein die Tatsache, dass, wenn man alle 18 Teile aneinanderfügt, einen 18-stündigen Spielfilm vor sich hat, zeigt, dass Lynch keine normale Serie abliefern wollte.

Wie auch in der Originalserie, so bewegt sich die neue Staffel zwischen Kriminal- und Horrorfilm, Familiendrama und Experimentalfilm hin und her. Dieses Mal spielt die Handlung nicht nur in Twin Peaks, sondern ebenso in Las Vegas, South Dakota, Philadelphia und New Mexico. Doch sämtliche wirr erscheinenden Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt. Bespickt mit skurrilen Figuren, eigenwilligen Gags und auch immer wieder einer brutalen Ernsthaftigkeit wird nicht nur dem Geheimnis um Laura Palmer, sondern auch um Cooper und der mysteriösen Zwischenwelt auf die Spur gekommen.

Man sollte die ersten beiden Staffeln und auch den Spielfilm „Twin Peaks – Fire walk with me“ vorher gesehen haben, damit man den Geschehnissen in der dritten Staffel auch wirklich folgen kann. Denn viele Anspielungen finden sich in winzigen Details. Die Optik ist wie immer erstklassig, manchmal verwendet Lynch eine starre Kamera und lässt den Zuschauer einfach einen Raum oder einen Menschen mehrere Sekunden lang beobachten, bevor es dann an anderer Stelle wieder weitergeht. Diese Eigenwilligkeit, diese Liebe zum Detail und dieses Sich-Zeit-lassen steht im vollen Kontrast zu den raschen Szenenabfolgen anderer oder eher typischer TV-Serien. Lynch macht es klar und deutlich: er möchte, dass sich der Zuschauer mit seinem Werk auseinandersetzt und es nicht einfach bloß konsumiert.

Auch in der neuen Serie um Twin Peaks lässt David Lynch den Zuschauern viel Raum für Spekulationen. Man sollte auch Spaß am Analysieren von Bildern und Filmen überhaupt haben, um in den vollen Genuss dieser Serie zu kommen. Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, so lässt sich einfach sagen, dass die dritte Staffel von „Twin Peaks“ so ziemlich alles schlägt, was jahrelang über die Bildschirme geflimmert ist. Für 2020 ist eine vierte Staffel geplant.

Das Mörderhotel – Zwischen Roman und Thriller

Mit „Das Mörderhotel“ versuchte sich Wolfgang Hohlbein am Genre des historischen Kriminalromans. Basierend auf der wahren Geschichte von Herman Webster Mudgett (1861 – 1896), der sich als Dr. Henry Howard Holmes ausgab und als einer der ersten Serienmörder der USA gilt, schuf er einen Wälzer von über 800 Seiten.

Mudgett bzw. Dr. Holmes erbaute für seine Untaten in Chicago ein riesiges Hotel, das mit Geheimgängen und Geheimräumen, einer Folterkammer, einem Säurebad und desgleichen mehr ausgestattet war. Bei der Suche nach seinen Opfern kam ihm die Weltausstellung zugute, da diese viele junge, alleinstehende Frauen nach Chicago lockte, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Manche von ihnen mieteten in dem Horrorhotel ein Zimmer – und von da an verlor sich ihre Spur. Heute wird angenommen, dass Mudgett etwa 200 Morde verübt hat. Schließlich wurde er 1894 gefasst und zwei Jahre später hingerichtet.

Hohlbeins Roman besitzt zwei Handlungsstränge, von denen einer die Geschichte Mudgetts, angefangen von seiner Kindheit, erzählt, der andere Mudgetts Umtriebe kurz vor seiner Verhaftung nachgeht. Zwar lässt der Autor dabei sämtliche historisch verbürgten Figuren auftauchen, doch die eigentliche Handlung entspringt dann doch eher der Fantasie des Autors, obwohl sie sich natürlich (jedenfalls im allgemeinen) ebenfalls auf wahre Begebenheiten bezieht.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: für eine solche Geschichte ist der Roman schlicht und ergreifend zu lang. Zwar ist der Aufbau mit den beiden Handlungssträngen recht gut gelungen, doch gibt der Roman als Ganzes für diesen Umfang nicht viel her. 400 Seiten weniger, und es wäre ein wirklich gelungenes Buch geworden. So aber ziehen sich einige Szenen unnötig in die Länge, ja manchmal scheint es, Hohlbein versuche lediglich, Seiten zu füllen. Und für einen solchen umfangreichen Roman wirken die Figuren dann doch eher oberflächlich, sie lassen sich nicht wirklich greifen, was dazu führt, dass sie einem dann auch eher egal sind.

Das ist wirklich schade, denn Hohlbein schreibt in einem sehr flüssigen Stil, der dazu führt, dass man durch den Roman regelrecht gleitet, auch dann, wenn seitenlang wenig oder gar nichts passiert. Zwischendurch schimmert ein wenig schwarzer Humor hindurch, besonders in einem der letzten Episoden des Romans, in dem Hohlbein Mudgett als Jack the Ripper agieren lässt. Doch auch hier erscheint der Roman letztendlich als viel zu lang.

Wenige Jahre zuvor erschien das Sachbuch „Der Teufel von Chicago“ des Journalisten Erik Larson. Im Gegensatz zu Hohlbein, gelingt es Larson auf knapp 400 Seiten eine spannende, erstklassige Reportage zu verfassen. Schade, dass sich Wolfgang Hohlbein nicht an diesem Umfang orientiert hat.

Die Klunkerecke: Die Totenliste (1963)

John Hustons Mystery-Thriller „Die Totenliste“ aus dem Jahr 1963 ist ein Who’s-done-it im doppelten Sinn. Zum einen ist „The List of Adrian Messenger“ ein recht origineller und spannender Krimi, zum anderen ein vergnügliches Ratespiel für die Zuschauer.

Huston kam nämlich auf die Idee, seinen Film voll mit Hollywoodstars zu packen und im wahrsten Sinne des Wortes zu verpacken. Denn Frank Sinatra, Burt Lancaster, Robert Mitchum, Kirk Douglas und Tony Curtis agieren nicht als für alle erkennbare Darsteller, sondern tragen dicke Latexmasken, was dazu führt, dass man neben dem Miträtseln im Hinblick auf den Kriminalfall zugleich ständig am überlegen ist, wer sich hinter welcher Maske verbirgt.

Anthony Gathryn (George C. Scott) versucht, hinter das Geheimnis zu kommen. „Die Totenliste“ (1963); © Universal Pictures

In dem Film geht es um eine sonderbare Mordserie. Alle Opfer stehen auf einer Liste, doch sonst scheinen sie nichts miteinander zu tun zu haben. Dem Schriftsteller Adrian Messenger ist diese Liste in die Hände gefallen und er bittet seinen Freund, den ehemaligen Agenten Anthony Gathryn, zu ergründen, um was für Personen es sich auf dieser Liste handelt. Kurz darauf aber stirbt Messenger bei einem Flugzeugabsturz. Gathryn geht dem Fall nach und kommt dabei tatsächlich auf eine sonderbare Spur …

Wer verbirgt sich hinter dieser Maske? „Die Totenliste“ (1963); © Universal Pictures

„Die Totenliste“ ist ein wahres Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer. Denn auch der Mörder ist nicht nur maskiert, sondern erscheint immer wieder in anderen Masken. Aber wer ist nun dieser Mörder und wieso bringt er ausgerechnet diese Leute auf der Liste um? Gathryn bekommt nach und nach heraus, dass auch die Opfer keineswegs ohne dunkles Geheimnis sind. Man muss wirklich sagen, „Die Totenliste“ ist ein absolut außergewöhnlicher Film. Anscheinend war er nicht so erfolgreich in den Kinos, wie man sich aufgrund des Staraufgebots erhofft hatte – den drei Millionen Dollar Produktionskosten standen Einnahmen von knapp zwei Millionen gegenüber. Doch heute zählt das American Film Institute „Die Totenliste“ zu den zehn besten Mystery-Krimis, die jemals gedreht wurden.

Erst am Ende des Films übrigens wird nicht nur das Rätsel gelöst, sondern ziehen die Schauspieler auch ihre Masken ab. Ein wirklich gelungener Filmspaß.

Die Totenliste (OT: The List of Adrian Messenger). Regie: John Huston, Drehbuch: Anthony Veiller, Produktion: Edward Lewis, Darsteller: Kirk Douglas, George C. Scott, Robert Mitchum, Tony Curtis, Frank Sinatra, Dana Wynter, Burt Lancaster. USA 1963, 98 Min.

Die Nebelkrähe – Auf Spurensuche im London der 20er Jahre

Nach seinem erfolgreichen Debut „Sieben Lichter“, in dem es um einen recht sonderbaren Kriminalfall auf hoher See geht, erscheint mit „Die Nebelkrähe“ nun der zweite Roman von Alexander Pechmann.

Es geht um den jungen Kriegsveteranen und Mathematikstudenten Peter Vane, der von einer sonderbaren Stimme heimgesucht wird, die ihm immer wieder den Namen Liliy zuflüstert. Seit dem spurlosen Verschwinden seines Kameraden Finley, lässt Vane eine Sache nicht mehr los: Wer ist das junge Mädchen auf dem Foto, das ihm Finley geschenkt hat? Vane, der nicht an das Übernatürliche glaubt, begibt sich auf der Suche nach Antworten in sonderbare spirtitistische Kreise …

Wer bereits „Sieben Lichter“ verschlungen hat, der wird bei „Die Nebelkrähe“ noch mehr begeistert sein. Dies liegt nicht nur an dem wunderbaren Schreibstil, sondern auch an der Geschichte selbst, die mysteriös, spannend und zugleich mit einem herrlichen Witz garniert ist. Sofort zieht einem die Geschichte um Peter Vane in den Bann. Unvermittelt gerät er an Personen, die alle irgendetwas mit Oscar Wilde zu tun haben. Doch sind es Betrüger? Halten Vane alle zum Narren? Oder ist alles echt, was er erlebt?

Der Roman lässt den Leser miträtseln, was den Unterhaltungswert von „Die Nebelkrähe“ noch zusätzlich steigert. Hinzu kommt, dass es alle Personen, die in dem Roman auftreten, tatsächlich gelebt haben. Angefangen von Dorothy Wilde bis hin zu einer Opium süchtigen Prinzessin – und nicht zu vergessen den außergewöhnlichen Papagei. All das macht den neuen Roman von Alexander Pechmann zu einem echten Lesevergnügen. Kurz: Eine gelungene Mischung aus Mystery, Krimi und historischem Roman.

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe. Steidl Verlag 2019, 173 Seiten, 18,00 Euro

 

Monteperdido – Ein Roman oder doch eher ein Drehbuch?

„Monteperdido“ lautet der Debutroman des spanischen Drehbuchautors Augustin Martinez. Und dass Martinez Drehbuchautor ist, merkt man seinem Erstling an. Denn ständig „schneidet“ er zwischen unterschiedlichen Szenen hin und her, was wirkt, als habe er ein abgelehntes Drehbuch in einen Roman umgemünzt.

In „Monteperdido“ geht es um zwei verschwundene Mädchen. Nach fünf Jahren wird eines davon schwer verletzt aus einem Autowrack geborgen. Wer der Fahrer war, bleibt zunächst unklar. Und wo sich das andere Mädchen befindet, darauf gibt es ebenfalls keine Antwort. Kommissarin Sara Campos erhält daher den Auftrag, der Dorfpolizei unter die Arme zu greifen, um den rätselhaften Fall zu lösen.

Das Problem an „Monteperdido“ ist oben bereits angesprochen: der drehbuchartige Stil des Romans. Dieser führt dazu, dass man immer wieder aus der Geschichte geschleudert wird, da plötzlich ein harter Schnitt zu einer völlig anderen Szene führt. Im Film mag dies gut funktionieren, als Roman jedoch eben nicht. Denn auf diese Weise bleibt man vor den Ereignissen stehen und wird nicht in die Handlung hineingezogen.

Zwar ist der Roman durchaus spannend, aber Krimi-Fans werden schon allzu früh herausbekommen, wer der Täter ist. Da nutzt Martinez‘ Versuch auch nichts, allerhand Verdächtige zu präsentieren, die es dann sowieso nicht gewesen sind. Dass man den Roman auch wirklich zu ende liest, hängt dann auch eher damit zusammen, dass man wissen möchte, was mit den beiden Mädchen nun eigentlich passiert ist und weniger damit, wer nun der Täter ist.

Mit „Monteperdido“ erfindet Augustin Martinez das Krimigenre keineswegs neu – nur für den Fall, dass er dies mit seinem Schreibstil vorgehabt hat. Die Figur Sara Campos wirkt dabei wenig durchdacht, was dazu führt, dass Martinez ungefähr in der Mitte des Romans etwas zu viele Seiten braucht, um die Figur wieder dorthin zu bekommen, wo er sie eigentlich haben möchte. Möglich, dass Martinez gute Drehbücher schreibt. Nach dem Lesen des Buches bleibt allerdings nicht viel hängen.

Augustin Martinez. Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen. Fischer Verlag 2018, 495 Seiten, 10,99 Euro

FuBs Fundgrube: Die Weisheit der Knochen

In unserer Reihe FuBs Fundgrube stellen wir Bücher vor, die nur noch antiquarisch zu finden sind.

Es gibt Bücher, bei denen das Cover so abschreckend wirkt, dass man sie eigentlich gar nicht lesen möchte. Doch zeigt sich bei Christopher Hydes Thriller „Die Weisheit des Todes“, der 2009 im Heyne Verlag erschienen ist und inzwischen leider nur mehr antiquarisch zu haben ist, dass man Bücher nicht nach ihrem Cover beurteilen sollte.

„Die Weisheit des Todes“ (Originaltitel: „Wisdom of the Bones“) ist ein unglaublich beeindruckender Thriller, der in Dallas im Jahr 1963 spielt. Präsident Kennedy wird ermordet. Während die Polizei alles daran setzt, den Täter zu finden, geht in der Stadt ein Serienmörder um, zu dessen Opfern ausschließlich schwarze Mädchen zählen. Ray Duval versucht als einziger, den Mörder zu fassen …

Christopher Hyde, von Beruf Journalist, versteht es geradezu meisterhaft, Fakten mit Fiktion zu verbinden. Angeblich basiert der Roman auf einer wahren Begebenheit, doch mehr erfährt man im Nachwort dazu leider nicht. Wichtiger aber ist sowieso der Roman selbst, und der haut einen regelrecht um.

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite beschreibt Hyde den verzweifelten Versuch eines Polizeibeamten, der in all der Hektik, die nach der Ermordung Kennedys die ganze Stadt erfasst, einen Mörder sucht, für den sich ansonsten niemand interessiert. Denn farbige Opfer sind den weißen Polizisten so gut wie egal, Rassismus wird groß geschrieben. Ray Duval lässt trotzdem nicht locker und kommt dabei den Kennedy-Ermittlern immer wieder in die Quere.

Äußerst gelungen an dem Roman ist, dass Hyde in den Szenen, in denen Duval in die mit dem Kennedymord verbundenen Ereignisse tappt, zu denen es die bekannten Filmaufnahmen und Fotos gibt, diese minutiös beschreibt, was nicht ohne schwarzen Humor und böser Ironie geschieht. So findet Duval z.B., als Kennedy ins Krankenhaus gebracht wird, mitten auf dem Flur eine Patronenhülse. Doch anstatt diese dem FBI zu übergeben, steckt er sich diese gedankenverloren in die Manteltasche. – In dieser Hinsicht nicht unerwähnt bleiben darf, wie großartig Christopher Hyde recherchiert hat. Bis zum I-Tüpfelchen genau beschreibt der Autor den damaligen Alltag, die Gebrauchsgegenstände sowie die damalige Polizeiarbeit.

„Die Weisheit des Todes“ ist von Anfang bis Ende ein großartiger Roman, eigentlich einer der besten Thriller, die ich jemals gelesen habe. Leider ist da eben dieses überaus dämliche Cover, das den Eindruck vermittelt, als habe der Grafikdesigner nur halbherzig seine Arbeit erledigt. Im Grunde genommen wirkt es wie selbst gebastelt, bestenfalls wie das Cover eines drittklassigen Heftromans. Schade, dass damals der Heyne Verlag nicht etwas in Auftrag gegeben hat, was dem Roman gerecht wird.

Die himmlische Tafel – Donald Ray Pollocks USA-Satire

Die himmlische Tafel von Donald Ray Pollock erhielt 2017 den Deutschen Krimi Preis. Etwas, das durchaus stutzig macht, ist doch Pollocks Roman eigentlich kein Krimi, sondern viel eher eine bitterböse Abrechnung auf den aktuellen Zustand der USA.

Zwar verlegt Pollock die Handlung ins Jahr 1917, doch sein Spott richtet sich eindeutig auf die Trump-Ära. Es geht um die drei Brüder Cane, Chimney und Cob, die sich auf eine Irrfahrt durch die USA begeben, nachdem ihr streng religiöser Vater gestorben ist. Das einzige Buch, das sie kennen, ist der Schundroman „Bloody Bill Buckett“ über einen kriminellen Revolverhelden, den sich die drei als Vorbild nehmen. Und so reiten sie schießend und raubend durch die USA, um sich ihren Traum zu verwirklichen: ein angenehmes Leben in Kanada zu führen …

Während sich die erste Hälfte des Romans doch eher zieht, ist die zweite Hälfte dafür umso witziger und spannender. Zwar bleibt auch hier die Frage bestehen, aus welchem Grund der Roman in Deutschland als Krimi bewertet wurde, doch tut das eigentlich nichts weiter zur Sache. Pollock konzentriert sich in Die himmlische Tafel nicht allein auf die Jewett-Brüder, auf die hinterhältige Kopfgeldjäger und andere Leute, die sich die Belohnung erhoffen, Jagd machen. Er liefert vielmehr ein Allgemeinbild der USA ab, ein satirisches Bild, in dem er keinen einzigen seiner Protagonisten gut wegkommen lässt.

Für Pollock besteht die USA in der Hauptsache aus degenerierten Vollidioten, die nur dem Geld hinterherlaufen, keine Bildung haben und sich im wahrsten Sinne des Wortes im Dreck suhlen. Wie gesagt, verlegt er seine Geschichte in das Jahr 1917, kurz nachdem die USA in den Ersten Weltkrieg eingetreten ist, doch hält er damit der Gegenwart einen Spiegel vor.

Denn ausgerechnet die Jewett-Bande möchte sich bessern und ein normales Leben führen, während um sie herum die Gesellschaft moralisch auseinanderbricht. Sie reiten durch einen gesellschaftlichen Scherbenhaufen, in dem jeder nur noch an sich selbst denkt. Pollock beschreibt, was passiert, wenn in einer Gesellschaft vollkommener Idiotismus herrscht. Und im Grunde genommen scheinen wir ja wirklich im Zeitalter des Idiotismus zu leben. Pollock hat mit Die himmlische Tafel dieser traurigen Tatsache ein Denkmal errichtet. Kein Krimi, aber ein überaus lesenswerter Roman.