Confessions – Geständnisse: Zwischen Sozialkritik und optischem Rausch

„Confessions“ (2010) ist die Adaption des gleichnamigen Thrillers der Autorin Kanae Minato. Minatos Romandebut aus dem Jahr 2008 ist ein regelrechter Pageturner, dessen spannende und provokative Handlung einen nicht mehr loslässt. Die Verfilmung steht dem Buch in nichts nach.

Normalerweise reichen die filmischen Adaptionen nicht wirklich an die jeweiligen Romanvorlagen heran. Manche Verfilmungen wirken sogar eher wie ein Handlungsgerüst, dem es an der Fülle der Vorlage fehlt. Regisseur Tetsuya Nakashima jedoch ist hier eine Ausnahme. Er brachte das Kunststück fertig, die Adaption genauso gut werden zu lassen wie Minatos Roman.

Die Komplexität der Geschichte lässt sich nicht einfach visuell umsetzen. So musste Nakashima ebenfalls passen und verwendete als Hilfsmittel jede Menge unterschiedliche Erzählstimmen, die als Voice Over zusätzliche Informationen zu den Bildern liefern, eine Methode, bei der sich Hitchcock sicherlich vor Ärger im Grab umdrehen würde, da der Meister der Kinokunst strikt gegen dieses Mittel war. Interessanterweise aber stört dieses viele Erzählen nicht. Denn Nakashima verwebt die Stimmen mit der unglaublichen Montage des Films zu einem kunstvollen Ganzen.

Wahrscheinlich war dies auch ein Grund dafür, weswegen „Confessions“ 2011 für den Oscar als Bester ausländischer Film nominiert gewesen war. Denn der Film als solcher ist in der Tat ein Kunstwerk. Die unzähligen Momentaufnahmen erinnern dabei ein bisschen an Baz Luhrmanns Erzählmethode. Doch kopiert Nakashima den australischen Regisseur nicht. Er schafft einen ganz eigenen Stil, der „Confessions“ zu einem Werk der dunklen Poetik werden lässt.

Yuko Moriguchi (Takako Matsu) vor ihrer Klasse; „Confessions“ (2010), © Rapid Eye Movies

Es geht darin um eine Lehrerin, deren Tochter von zwei Schülerin ihrer Klasse ermordet wurde. An ihrem letzten Schultag vor den Ferien erzählt Yuko Moriguchi ihren Schülern darüber, ohne aber die Namen der beiden Mörder zu nennen. Stattdessen verwendet sie die Bezeichnung Schüler A und Schüler B. Jeder in der Klasse aber weiß natürlich, wer gemeint ist. Mit ihrer Aktion löst Yuko Moriguchi eine bizarre und grausame Folge von Ereignissen aus, durch die ganze Familien zerstört werden.

Sowohl Kanae Minatos Roman als auch Nakashimas Verfilmung stellen das moderne japanische Rechtssystem in Frage, doch lässt sich die Thematik ohne weiteres auch auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragen. Denn in bestimmten Fällen greift das Rechtssystem nicht und die Täter kommen ungeschoren davon. Minato kritisiert aufs heftigste diesen Sachverhalt. Auch der Film greift diese Kritik auf und bringt sie auf den Punkt: minderjährige Straftäter können nicht bestraft werden. Doch weder Minato noch Nakashimas Adaption nehmen hierbei eine Rolle als Moralapostel ein. Beide bleiben nüchtern und objektiv und beschreiben eine Gesellschaft, deren moraliche Werte sich zunehmend auflösen.

Originalkinoplakat von „Confessions“

Es ist natürlich harter Tobak, was die Geschichte beinhaltet. Nakashima jedoch macht aus dieser traurigen Realität ein bis ins Surreale hinein reichendes Drama, das mit einem unvergleichlichen Soundtrack unterlegt ist. Im gesamten Film herrscht keine einzige Sekunde lang Stille. Ein musikalisches Thema folgt dem nächsten, wechselt sich ab oder geht über in einen melancholisch-düsteren Song, der den Bildern noch größeres Gewicht verleiht.

Wenn man „Confessions“ mit einem einzigen Satz beschreiben müsste, so müsste man sagen: Der Film ist eine echte Wucht. „Confessions“ ist ein optischer Rausch, der aber die eigentliche gesellschaftliche Kritik nicht aus den Augen verliert, sondern diese gekonnt in seine Ästhetik integriert. Nakashimas Adaption zählt bis heute zu den zehn erfolgreichsten japanischen Filmen überhaupt. Und das zurecht.

Geständnisse (OT: Confessions/Kokuhaku). Regie u.  Drehbuch: Tetsuya Nakashima, Darsteller: Takako Matsu, Masaki Okada, Yoshino Kimura, Yukito Nishii, Ai Hashimoto, Mana Ashida. Japan 2010, 103 Min.

 

 

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Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ – Ein Abenteuer- oder ein Kriegsroman?

Erste deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag aus dem Jahr 1956

Der französische Schriftsteller Pierre Boulle (1912 – 1994) ist auch den Leuten bekannt, die noch nie eines seiner Bücher gelesen haben. Denn sein Roman „Planet der Affen“ (1963) wird immer wieder gerne für die Leinwand adaptiert. Sein erster großer Roman aber war „Die Brücke am Kwai“ (1952), den 1957 David Lean verfilmte.

In dem Roman geht es um eine Einheit britischer Soldaten, die von den Japanern gefangen wurden und nun in den thailändischen Dschungel gebracht werden, um dort eine Brücke über den Fluss Kwai zu bauen, die Thailand mit Burma verbinden soll. Angeführt werden die britischen Soldaten von Oberst Nicholson, einem Mann, der voll und ganz auf die englischen Tugenden setzt. Auf diese Weise bringt er den japanischen Oberst Saito, einem jähzornigen Alkoholiker, mehr und mehr in Rage. Doch mit der Zeit macht Nicholson sich das Bauvorhaben der Japaner zu seinem eigenen, persönlichen Projekt. Was er nicht weiß, ist, dass britische Agenten, die zuvor in Indien stationiert waren, die Brücke sprengen sollen …

„Die Brücke am Kwai“ ist ein durch und durch spannender Roman. Boulle erlebte die japanische Kriegsgefangenschaft ab 1942 am eigenen Leib, konnte aber 1944 fliehen. Anfang der 50er Jahre schließlich begann er, diese Erfahrungen in Form eines Romans umzusetzen, wobei er sich im Hinblick auf den Bau der Brücke auf eine reale Begebenheit bezog.

Und dennoch, obwohl Boulle diese schlimme Zeit selbst erfahren hat, bleibt sein Roman überraschend oberflächlich. Hätte ich über Pierre Boulles Biografie vorab nichts gewusst, so hätte ich nicht vermutet, dass der Autor das Leben in einem solchen Gefangenenlager selbst durchgemacht hat. Alles wirkt doch recht skizziert. Bis auf Oberst Nicholson und seinen Gegenspieler Saito wirken die übrigen Figuren relativ grob gezeichnet. So auch die drei Agenten Joyce, Shears und Warden, obwohl Boulle zu allen dreien – vor allem zu Joyce – eine Hintergrundgeschichte liefert.

Während des Lesens habe ich mich ständig gefragt, über was Boulle eigentlich schreibt. Ich meine damit nicht die Handlung, sondern das zugrunde liegende Thema. Dabei kam mir der Roman in dieser Hinsicht überraschend leer vor. Wie bereits bemerkt, wirkt alles doch recht oberflächlich und diese Oberflächlichkeit setzte sich auch im Thema fort, da – meiner Meinung nach – der Roman kein wirkliches Thema liefert. Es geht weder um den Alltag in einem japanischen Gefangenenlager, da der Roman in dieser Hinsicht kaum historische bzw. (aus Boulles Sicht) autobiographische Informationen liefert, und es geht nicht um den soziokulturellen Gegensatz zwischen Japanern und Briten, da dieser ebenfalls nur knapp skizziert wird.

Erste englische Ausgabe aus dem Jahr 1954

Dies hat mich dann doch gewundert, da ich mir in dieser Hinsicht etwas ganz anderes vorgestellt habe. Längere Zeit davor habe ich Laurens van der Posts Roman „Das Schwert und die Puppe“ gelesen, in dem van der Post ebenfalls seine Erlebnisse in einem japanischen Gefangenenlager verarbeitet hat. Van der Post verlieh seinem Roman durch die Figur Jacques Celliers einen fast mystischen Touch (in der Verfilmung grandios dargestellt von David Bowie).

Doch Pierre Boulles „Die Brücke am Kwai“ wirkt gegenüber van der Posts Roman eher wie ein typischer Abenteuerroman aus der damaligen Zeit, mit den typischen (aus heutiger Sicht rassistischen) Bemerkungen. Obwohl mir der Roman wirklich gut gefallen hat, wurde ich letztendlich nicht wirklich schlau daraus. Denn im Gegensatz dazu besitzt sein Roman „Planet der Affen“ eine ungeheure Tiefe und steckt so voller verschiedener (philosophischer, soziologischer, politischer usw.) Themen, dass man sich immer wieder gerne damit beschäftigt.

Hotel Savoy – Eine literarische Begegnung mit Joseph Roth

Cover der Erstausgabe von 1924

Joseph Roth (1894 – 1939), über den der rasende Reporter Egon Erwin Kisch bemerkte, er saufe wie ein Loch, verfasste mit „Hotel Savoy“ (1924) nicht nur einen Heimkehrerroman, sondern zugleich eine Mischung aus Satire und melancholischer Betrachtung, in die sich das Geheimnisvolle auf subtile Weise einschleicht.

Es geht um Gabriel Dan, der aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt, aber auf seinem Weg nachhause im Hotel Savoy strandet – wie viele andere, für die das Hotel als Sprungbrett in ein besseres Leben dienen soll. Doch zwischen dem Traum von einem schönen Leben in Paris und der ernüchternden Realität liegen Welten.

So auch für Dan, der zwar mit Phöbus Böhlaug einen reichen Onkel in der Stadt hat, doch von ihm keine finanzielle Unterstützung erhält, da der Geschäftsmann überaus geizig ist. Stattdessen hängt ihm sein Neffe Alexander ständig an den Fersen, da dieser unbedingt ins Hotel ziehen will, um dadurch der Nachtclubtänzerin Stasia nahe sein zu können.

Viele der Hotelbewohner können ihre Mieten nicht zahlen. Und alle haben immer Angst vor dem Tag, an dem der Direktor Kaleguropulos erscheinen soll, um sich die Zimmer anzusehen und ausstehende Mieten zu kassieren. Aber der sonderbare Grieche erscheint nie und bisher gesehen hat ihn auch niemand.

Joseph Roth (1926)

Joseph Roth erzählt über die Geschehnisse in dem Hotel auf eine melancholische, manchmal auch tragikomische Weise. In seinem Roman treffen die unterschiedlichsten Lebenswege aufeinander, wobei Roth das Hotel zugleich als ein sozialkritisches Symbol verwendet. Denn die einzelnen Stockwerke spiegeln gleichzeitig den sozialen Status der Bewohner wider. In den unteren Stockwerken leben die Reichen mit all ihren Privilegien. Je höher man kommt, desto ärmer werden dessen Bewohner. Dan lebt in einem der oberen Stockwerke, genau über ihm hat die Tänzerin Stasia ihr Zimmer. Und alle warten auf den amerikanischen Millionär Henry Bloomfield, der auf Besuch kommen soll – manche setzen ihre ganze Hoffnung darauf, da sie glauben, durch seinen Besuch werde alles besser. Doch als dieser erscheint, gerät die Situation im Hotel völlig außer Kontrolle.

Das Hotel Savoy gab und gibt es tatsächlich. Roth hat diesem Hotel, das in der Stadt Lodz steht, mit seinem Roman quasi ein literarisches Denkmal gesetzt. Mit einer unglaublichen Lebendigkeit schildert Roth das Leben in und um das Hotel, beschreibt tragische wie skurrile Figuren und erzeugt dabei eine faszinierende Spannung, die einen in den Roman regelrecht hineinzieht. Um es auf den Punkt zu bringen: „Hotel Savoy“ ist ein echter Lesegenuss. Mit Sicherheit werde ich das Buch noch einmal lesen.

J-Pop: Niemand weiß was oder Das Kuriosum um Scandal weitet sich aus

Scandal „Platform Syndrome“; © Epic Records

In dem vorangegangenen J-Pop-Beitrag haben wir über das Verschwinden der Videoclips der Girl-Rockband Scandal berichtet. Was sich zunächst nur auf Youtube und auf Musikvideos bezogen hat, hat nun ein weitaus größeres Ausmaß angenommen.

Wie das internationale Scandal-Fanforum mitteilt, sind nun auch alle Songs der Band von sämtlichen Streaming-Diensten gelöscht worden. Dieser radikale Löschvorgang betrifft nur Scandal und ist wahrscheinlich einzigartig in der bisherigen Geschichte des J-Pop. Im Gegensatz dazu werden die CDs weiterhin international verkauft.

Ironisch könnte man natürlich sagen, hier möchte wohl jemand kein Geld mehr verdienen. Aber die Sache ist doch recht eigenartig. Vor allem, da bisher weder seitens des Managements noch seitens der Band irgendwelche Statements gemacht wurden. Für uns von FuB schaut dies jedoch nach einem ziemlich heftigen Rechtsstreit aus, der da hinter den Kulissen im Gange ist.

Auf jeden Fall trifft dies die Band auf unschöne Weise, da sie kurz vor ihren Tourneen durch Asien und die USA stehen. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Fall weiterentwickelt und ob demnächst doch Informationen über die Ursachen der Löschvorgänge bekannt gegeben werden.

 

J-Pop: Keine Videoclips mehr – Die Girl-Rockband Scandal verschreckt ihre Fans

Scandal „Platform Syndrome“; © Epic Records

Eine ziemlich seltsame Sache vollzog sich in den vergangenen Tagen bei der japanischen Girl-Rockband Scandal. Denn auf einmal wurden bis auf zwei Videoclips alle anderen Videos für das Ausland gesperrt. Weder auf der Homepage der Band noch auf ihrer Facebook-Seite gibt es einen Kommentar dazu. Die Fans macht dies jedenfall ratlos.

Was der Grund für diese Aktion auch immer sein mag, die Sperrung ereignet sich im wohl schlechtesten Augenblick. Im Sommer beginnt die Asien-Tour und im Herbst startet die Tour der Band durch die USA. Eventuell treten sie auch mal wieder in Europa auf.

Möglich wäre es, dass es bei den Videos um irgendwelche Rechtsstreitigkeiten geht. Betroffen sind interessanterweise nur die Clips, die sich auf der offiziellen Youtube-Seite der Band befinden. Clips, die von Fans hochgeladen wurden, können weiterhin gesichtet werden.

Überhaupt tut sich die Band schwer, wenn es um Gerüchte oder – wie gerade jetzt – um Ereignisse geht, welche durchaus einer Erklärung ihren Fans gegenüber bedurften. Nur immer auf die neuesten Konzerte und diverse Merchandizingprodukte hinzuweisen wirkt dann doch zu oberflächlich und fast schon lieblos. Wobei die Bandmitglieder selbst wahrscheinlich nichts dafür können, sondern eher das Management, dem wohl Geld wichtiger ist als eine funktionierende Kommunikation mit den Fans und eine Einbeziehung der Fans.

So wurde bis heute nicht auf die Gerüchte eingegangen, die besagen, dass es innerhalb der Band Streitigkeiten gebe und die Bassistin Tomomi Ogawa vor habe, aus der Band auszusteigen. Mindestens auf eine solche Gerüchtewelle hätte das Management (evtl. mit einem Dementi) reagieren müssen. Denn bei dem Auftritt der Band bei der Japan Jam 2018 merkte man eindeutig, dass es zwischen den Mitgliedern etwas kriselt. Und nun eben die Sache mit der Sperrung der Videoclips. Dem Image der Band tut das sicherlich nicht gut, denn ihre Fans werden schlicht und ergreifend alleine gelassen.

FuBs Klassikbox: Erdbeben (1974)

Normalerweise geht man nicht ins Kino, um Nasenbluten zu bekommen. Aber genau das geschah anno 1974, als der Katastrophenfilm „Earthquake“ in die Kinos kam. Für den Film entwickelten die Macher ein spezielles Soundsystem, welches das Dröhnen und Grollen des Erdbebens effektvoll herüberbringen sollte. Die Schwingungen, die diese Geräuschkulisse verursachte, löste jedoch bei vielen Zuschauern das oben genannte Symptom aus.

Also wurde am Sound gebastelt, damit die Schwingungen nicht ganz so extrem waren. Manche Kinos setzten weitere Gimmicks ein, so z.B. wackelten die Sitze bei den jeweiligen Katastrophenszenen. All das führte zu einem bis dahin noch nie dagewesenen Filmerlebnis. Bis heute zählt „Earthquake“ zu den bekanntesten und erfolgreichsten Katastrophenfilmen.

Es geht dabei um „The Big One“, das heißt um das in Los Angeles erwartete Mega-Erdbeben, das zur Zerstörung der ganzen Stadt führen könnte. Bauingenieur Stewart Graff steht kurz vor dem Ziel seiner Karriere: Präsident eines angesehenen, international agierenden Architekturbüros zu werden. Doch hat er Probleme mit seiner alkoholkranken Frau und dummerweise ist diese zugleich die Tochter seines Chefs.

Geschickt fedelt der Film dabei die nahende Katastrophe ein. Gleich beim Beginn des Films, als Graff mit seiner Frau fast schon im Tennessee Williamsschen Sinne streitet, kommt es zu den ersten, wenn auch leichten Erdstößen. Während der Alltag seinen Lauf nimmt, werden die Beben von Mal zu Mal stärker, bis schließlich die Katastrophe hereinbricht.

„Earthquake“ kann es auch heute noch mit aktuellen Katastrophenfilmen aufnehmen. Die Spezialeffekte (alles handgemacht) sind heute nicht weniger beeindruckend als damals. Einstürzende Hochhäuser und Brücken – alles sieht unglaublich echt aus. Auch dann, wenn die Handlung in der zerstörten Stadt weitergeht, wirken die Kulissen bedrückend, ja geradezu bedrohlich.

Regisseur Mark Robson spielte jedoch nicht nur die Spezialeffekte als Trumpfkarten aus, sondern geizte auch nicht bei der Besetzung. Charlton Heston als Architekt Graff und Ava Gardner als seine eifersüchtige Ehefrau verleihen dem Film noch ein zusätzliches Niveau. Selbst bei den Nebenrollen überließ Robson nichts dem Zufall. Ex-Bonanza-Chef Lorne Greene als Graffs Chef, Shaft-Darsteller Richard Roundtree als Stuntman oder Blacksploitation-Ikone Victoria Principal als dessen Freundin überzeugen auf ganzer Linie. Als kleiner Gag spielte auch Walter Matthau als Betrunkener in einer Bar mit. Im Nachspann ließ er sich allerdings Walter Matuschanskayasky nennen.

Der Erfolg des Films war enorm: Einem Budget von sieben Millionen Dollar standen Einnahmen von 85 Millionen Dollar gegenüber. Das Drehbuch verfasste „Der Pate“-Autor Mario Puzo. Allerdings erwies sich die von ihm gestaltete Handlung als zu komplex, sodass George Fox das Drehbuch nochmals umschrieb. Dennoch erweist sich die Handlung gegenüber anderen Katastrophenfilmen schon allein aufgrund der vielschichtigen Figuren als differenzierter und interessanter. Eben ein Klassiker der Filmgeschichte.

Erdbeben (Earthquake). Regie u. Produktion: Mark Robson, Drehbuch: Mario Puzo, George Fox, Darsteller: Charlton Heston, Ava Gardner, Lorne Greene, Genevieve Bujold, Richard Roundtree, Barry Sullivan, Victoria Principal. USA 1974, 117 Min. 

 

 

Main Street – Der berühmte Roman von Sinclair Lewis

„Main Street“, erschienen 1920, war nicht nur einer der erfolgreichsten Romane von Sinclair Lewis, sondern zugleich der Roman, für den er 1930 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In „Main Street“ geht es um Gegensätze, die unweigerlich aufeinanderprallen, als die Weltverbesserin Carol Kennicott von New York in das Provinznest Gopher Prairie zieht.

Ursache ihres Umzugs ist ihre Heirat mit dem Arzt Will Kennicott, der in dem Ort wohnt und arbeitet. Carol, die Soziologie studiert und sich dabei mit dem gesellschaftlichen Wandel im ländlichen Raum beschäftigt hat, sieht nun ihre Chance gekommen, selbst eine Art soziologisches Experiment durchzuführen: nämlich einen Wertewandel bei den Bewohnern Gopher Prairies herbeizurufen. Allerdings hat sie dabei nicht mit der sozialen Realität gerechnet, denn die Landbewohner lassen sich nicht gerne verändern …

Mit „Main Street“ gelang Sinclair Lewis eine hervorragende Satire auf die US-amerikanische Gesellschaft. Während es Lewis in seinem späteren Roman „Babbit“ um die US-amerikanische Mittelschicht ging, so liegt in „Main Street“ der Fokus auf den sozialen Gegensatz zwischen Stadt und Land, wobei er hier nicht nur das Verhalten und die Sichtweisen der Landbevölkerung durch den Kakao zieht, sondern eigentlich die gesamte USA im Blickfeld hat.

Als kleine Hintergrundinformation sei erwähnt, dass in den 20er Jahren die Soziologie in den USA zunehmend an Popularität gewann. So ist es nicht verwunderlich, dass Carol ausgerechnet dieses Fach studiert. Zugleich gibt dies Sinclair Lewis die Möglichkeit, sich auch über die damaligen Sozialwissenschaftler und deren Theorien lustig zu machen, wobei seine ironische Betrachtungsweise nichts von ihrer Aktualität verloren hat, bestehen doch vor allem in der Soziologie immer wieder große Diskrepanzen zwischen Theorie und Realität.

Carol erweist sich jedoch nicht nur als idealistische Weltverbesserin, denn mit ihrem modernen Verhalten durchbricht sie die gesellschaftlichen Hierarchien, die (damals) auf dem Land noch immer galten: so freundet sie sich zum Beispiel mit den Dienstboten an, von denen einer Kommunist ist, was in dem kleinen, republikanisch geprägten Ort für mehr als nur Staunen sorgt. Auf diese Weise veranschaulicht Lewis sehr gewitzt, dass die freie und offene Gesellschaft, für die die USA als Idealbild stand und für manche noch immer steht, im Grunde genommen eigentlich gar nicht so frei und offen war bzw. ist.

„Main Street“ ist ein sehr witziger und flotter Roman, der unglaublich gut unterhält. Lewis beweist sich darin nicht nur als grandioser Satiriker, sondern zugleich als ein minutiöser Beobachter menschlichen Verhaltens, was den Roman überaus beeindruckend macht. „Main Street“ ist genauso aktuell wie damals, man möchte schon fast sagen aktueller. Denn, was Sinclair Lewis beschreibt, findet sich fast eins zu eins in der Trump-Ära wieder.

Sinclair Lewis. Main Street. Manesse Verlag 2018, 1002 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2384-0