Der Uhrmacher in der Filigree Street – Roman von Natasha Pulley

Rezension von Alexander Pechmann

Natasha Pulley, Jahrgang 1988, veröffentlichte 2015 ihren ersten Roman Der Uhrmacher in der Filigree Street, der im englischen Sprachraum auf Anhieb erfolgreich war und mehrere Literaturpreise einheimste. Nun liegt das Buch in der eleganten Übersetzung von Jochen Schwarzer vor und wird zweifellos auch hierzulande viele Leser finden.

Die Geschichte spielt überwiegend in London, zwischen November 1883 und Oktober 1884, mit ein paar kurzen Ausflügen nach Oxford und Japan. Thaniel Steepleton, ein junger Angestellter im Innenministerium, findet in seiner Wohnung das Geschenk eines Unbekannten – eine kostbare Taschenuhr. Diese Uhr rettet ihm das Leben, als sie ihn mit einem Alarmsignal vor einer Zeitbombe irischer Unabhängigkeitskämpfer warnt. Die Polizei geht davon aus, dass der Zeitzünder der Bombe und die Taschenuhr vom selben Uhrmacher stammen, dem Japaner Keito Mori, der in seinem Laden phantastische Automaten und komplexe Uhrwerke herstellt. Steepleton versucht im Auftrag des Innenministeriums Mori auf die Schliche zu kommen, hält ihn jedoch für unschuldig und freundet sich immer mehr mit ihm an.

Der exzentrische Japaner scheint über die Gabe des zweiten Gesichts zu verfügen und behauptet, sich an zukünftige Ereignisse erinnern zu können. Dies weckt wiederum das Interesse der Physikerin Grace Carew, die sich in Steepleton verliebt und ihn zu einer Heirat drängt, um ihrem konservativen Elternhaus zu entrinnen. Die Lage spitzt sich zu, als eine weitere Bombe zur Erstaufführung der Operette The Mikado von Gilbert und Sullivan zu explodieren droht und Mori erneut den Verdacht auf sich zieht.

Natasha Pulleys Debüt ist eine originelle Mischung aus historischem Roman und Steampunk-Fantasy, wobei die historischen Details gut recherchiert sind und die phantastischen Elemente nie so grell hervortreten, dass sie unglaubwürdig würden. Im Gedächtnis bleiben – neben einem ulkigen Oktopus-Roboter – vor allem die liebenswürdig gezeichneten Hauptfiguren, die freilich in ihrer viktorianischen Umgebung ziemlich modern und kaum viktorianisch wirken. Sie sind dementsprechend Außenseiter in ihrer Zeit und Welt. Historische Fragen, wieder Konflikt zwischen Tradition und Moderne in Japan oder der Kampf um Frauenrechte in England, werden nur oberflächlich berührt. Da das Ganze mit reichlich Ironie gewürzt ist, bietet das Buch jedoch ein hohes Maß an Lesespaß. Der Schluss macht den Eindruck, als hätte Pulley ihre Romanfiguren nur ungern allein zurückgelassen – und in England ist natürlich längst eine Fortsetzung erschienen. Die Autorin ist auf jeden Fall eine Bereicherung für die phantastische Literatur und man spürt auf jeder Seite, wie viel Spaß ihr das Schreiben macht.

Natasha Pulley. Der Uhrmacher in der Filigree Street. Roman, Hardcover, 448 Seiten, Hobbit-Presse/ Klett-Cotta, Stuttgart 2021

Wahre Kriminalfälle: Frank Esches „Thüringer Mord-Pitaval Band 3“

Der Archivar und Autor Frank Esche legt nun den dritten Band seiner Reihe „Thüringer Mord-Pitaval“ im Verlag Kirchschlager vor. Band 3 umfasst die Jahre 1915 – 1960. Somit reichen die Fälle von der Weimarer Republik bis in die DDR. Das Buch beinhaltet 20 Kriminalfälle, in denen es um Mord und Raubmord geht. In einem Fall war ein Polizist Mittäter, bei einem anderen handelte es sich bei der Täterin um eine geisteskranke Frau. Bei einem weiteren Mord aus dem Jahr 1920, bei dem der Journalist Ernst Schott erschossen wurde, wurden die Ermittlungen einfach eingestellt.

Frank Esche gelingt es erneut, die Kriminalfälle so zu schildern, dass daraus gleichzeitig ein genaues Bild der jeweiligen sozialen Umstände entsteht. Dadurch bleiben seine spannenden Schilderung alles andere als oberflächlich. Denn Esche untersucht, was für ein Mensch der jeweilige Täter gewesen ist, was ihn zu der Tat getrieben hat. Daraus ergeben sich interessante Einblicke in damalige Lebensumstände und Biografien, die überaus lebendige Einblicke in den Alltag vermitteln.

Frank Esche suchte in verschiedenen Archiven nach den jeweiligen Einzelheiten der Taten und setzte sie wie ein Puzzle zusammen. Zusätzlich wertete er Gerichtsakten aus, aus denen er gelegentlich zitiert, wodurch beim Leser der Eindruck entsteht, als würde er selbst als Beobachter am Prozess teilnehmen. Zu manchen Fällen fand Frank Esche Polizeifotos und Porträtaufnahmen der Täter bzw. Opfer, die ebenfalls in dem Band enthalten sind. Erneut ist dadurch Frank Esche ein Buch gelungen, das auf einzigartige Weise alte Kriminalfälle ans Licht bringt. – Sehr zu empfehlen.

Frank Esche. Thüringer Mord-Pitaval Band 3. Verlag Kirchschlager 2021, 278 Seiten, 12,95 Euro

FuBs Fundgrube: „Bevor es dunkel wird“ von Stephanie Merritt

Es ist immer wieder spannend, (mir) unbekannte Autorinnen und Autoren zu entdecken. Gut, manchmal macht man dabei einen Griff ins Klo, aber manchmal landet man auch einen echten Glückstreffer. So z.B. bei dem Mystery-Thriller „Bevor es dunkel wird“ (OT: While you sleep) von Stephanie Merritt. Merritt ist Journalistin, die sowohl für englische als auch für deutsche Tageszeitungen schreibt, wobei sie in England anscheinend auch ein gefragter Gast bei Diskussionsrunden ist, besonders dann, wenn es um kulturelle Themen geht.

Mir persönlich war die Autorin bisher völlig unbekannt. Die Handlung des Romans fand ich jedoch recht interessant, besonders, da ich ein Sammler von Geisterhausromanen und -filmen bin. Und ja, bei „Bevor es dunkel wird“ handelt es sich um einen solchen Roman. Wer allerdings auf Seiten voller Spuk und Geister und rasselnder Ketten hofft, wird hier kaum fündig werden, denn Merritt setzt die Stilmittel größtenteils recht subtil ein.

Es geht um die Malerin Zoe, die sich von ihrem Mann eine Auszeit gönnt und aus diesem Grund nach Schottland reist, um dort in einem Ferienhaus ein paar Wochen zu leben. Um das Haus allerdings ranken sich so manche Gerüchte und nicht jeder in dem Dorf, in dessen Nähe das einsame Haus steht, ist begeistert davon, dass Zoe nun darin wohnt. Zoe selbst bemerkt bereits in der ersten Nacht, dass etwas mit dem Gebäude nicht stimmt. Und so macht sie sich auf die Suche nach den Ursachen für den Spuk …

Stephanie Merritt schuf mit ihrem Thriller einen sehr unterhaltsamen Roman, der von der ersten Seite an Freude bereitet. Da ich das Buch antiquarisch erstanden habe, habe ich mich umso mehr darüber gefreut, einen solchen Treffer gelandet zu haben. Die Spukbeschreibungen sind recht gelungen, besonders schön finde ich, dass Merritt sich dabei zum großen Teil auf klassische Gespenstergeschichten bezieht – schon allein die schattenhafte Gestalt im Moor ist ein gelungenes Beispiel dafür.

Die Grundidee ist dabei recht interessant. Leider aber lässt Stephanie Merritt schon recht schnell Zoe eine Erklärung für den Spuk finden, sodass es im restlichen Roman um die Frage geht, wer die frühere Bewohnerin des Hauses gewesen ist (kein Spoiler) und welches Schicksal sie erleidet hat (auch kein Spoiler). Denn über beides schweigen die Dorfbewohner beharrlich.

Alles in allem ist „Bevor es dunkel wird“ ein Roman, der absolut unterhält und dahingehend großen Spaß macht, besonders dann, wenn es draußen regnet oder gewittert.

Stephanie Merritt. Bevor es dunkel wird. Blanvalet 2018, 480 Seiten

FuBs Fundgrube: Der vierbändige Öland-Thriller von Johan Theorin

Wow!, kann man da nur noch sagen. Was der schwedische Krimiautor Johan Theorin da geschrieben hat, ist alle erste Sahne. Angesiedelt auf der Insel Öland, geht es in seinen vier Thrillern um vier unheimliche Fälle, in denen der ehemalige Seeman Gerlof eine zentrale Rolle spielt. Theorin hat selbst familiäre Beziehungen zu Öland, da seine Großeltern dort leben. Sie erzählten ihm alte Geschichten über diese Region, die er teilweise in seine Romane einfließen ließ.

Die vier Öland-Thriller richten sich nach den vier Jahreszeiten. So spielt der erste Roman „Öland“ im Herbst, der zweite Roman „Nebelsturm“ im Winter, der dritte Roman „Blutstein“ im Frühling und der letzte Roman „Inselgrab“ im Sommer. In „Öland“ verschwand vor fast 20 Jahren ein kleiner Junge spurlos im Nebel. Nun erhält Gerlof, der im Altersheim lebt, plötzlich eine Sandale zugeschickt, die dem Jungen, seinem Enkel, gehörte. Gerlofs Tochter Julia hat seit dem Verschwinden ihres Sohns ihr Leben nicht mehr richtig im Griff. Doch zusammen mit ihrem Vater versucht sie, den Fall zu lösen. Und schon gibt es erste Gerüchte: Nils Kant habe mit dem Verschwinden des Jungen zu tun. Doch Nils war damals bereits seit Jahren tot …

In „Öland“ vermischt Theorin Spukandeutungen mit einer spannenden Kriminalgeschichte. Verbunden ist dies mit einer düsteren Familiengeschichte. Wirklich großartig.

Noch besser ist „Nebelsturm“, in dem der Autor alle Register zieht. Eigentlich ist dies der beste Roman der Reihe. Es geht um einen alten Leuchtturmwärterhof, auf dem es spuken soll. Doch Joakim und seine Frau halten nichts davon. Aber dann passieren seltsame Dinge auf dem Hof …

Großartig. Einfach großartig. Mehr kann man nicht dazu sagen. Theorin hat mit „Nebelsturm“ einen der besten Mystery-Thriller geschrieben, die es gibt. Unheimliche Szenen verbinden sich mit kriminellen Machenschaften. Den Roman liest man in einem Rutsch durch und möchte ihn danach gleich nochmals lesen. Hinzu kommt eine wunderbare Sprache, die den Roman zu einem literarischen Krimi macht.

Die Euphorie erhält leider in „Blutstein“ einen Dämpfer. Hier geht es um Per Mörner, dessen Vater ermordet wird. Sein Vater war in der Pornobranche tätig. Per, der seinen Vater kaum gekannt hat, versucht, den Grund für den Mord zu finden.

Irgendwie tat sich Theorin selbst mit dem Thema schwer. Der Roman kommt nicht wirklich in die Gänge und das Einweben von Elfenglauben und dem Glauben an Trolle führt ebenfalls zu nichts. Wie immer sind die Figuren sehr komplex und gut durchdacht, doch die Geschichte selbst ist ziemlich öde – und das Finale wirkt dann wie aus der Nase gezogen.

Doch Johan Theorin hat sich nach diesem Durchhänger schnell wieder gefasst und sich auf seine egentlichen Stärken konzentriert. Mit „Inselgrab“ zeigt er nochmals, was einen erstklassigen Mystery-Thriller ausmacht. Vor der Küste Ölands treibt ein Schiff voller Leichen. Der alte Seemann Gerlof ist wieder voll in Aktion. Er weiß, dass jemand zurückgekehrt ist, um sich zu rächen …

Wieder präsentiert Theorin einen spannenden Krimi, der aus verschiedenen Perspektiven den düsteren Fall schildert. Zwar weiß man von Anfang an, wer der Mörder ist, doch geht es Theorin gar nicht um die Suche nach dem Täter, sondern darum, aus welchem Grund sich „Der Heimkehrer“ rächen möchte. Wie auch bei „Öland“ und „Nebelsturm“ gleitet man über die Seiten nur so hinweg und wundert sich, dass man schon nach kurzer Zeit die knapp 500 Seiten durchgelesen hat.

Alles in allem ist das „Öland-Quartett“ erstklassige Kriminalliteratur, die sicherlich nicht nur Krimifans in ihren Bann schlägt. Bis auf „Blutstein“ haben mir die Romane sehr gut gefallen und mich regelrecht gepackt. Die Romane kann man durchaus auch einzeln lesen, wenn man allerdings die Reihenfolge einhält, so kommt man in den Genuss der Entwicklung der Figur von Gerlof. Hier und da verzettelt sich Theorin: Gerlofs Ärztin Wahlberg ist im letzten Band ein Arzt mit demselben Nachnamen und aus dem Hof mit den beiden Leuchttürmen aus „Nebelsturm“ wird in „Inselgrab“ ein Hof mit nur einem Leuchtturm. Aber das sind Kleinigkeiten, die wohl nur auffallen, wenn man alle vier Romane direkt nacheinander liest. Insgesamt sind die vier Öland-Thriller eine klare Leseempfehlung.

Zwischen märchenhaft und kitschig: „Der Wald der verlorenen Schatten“ von Danbi Eo

Danbi Eo ist in Südkorea eine Art Tausendsassa: sie ist als Schauspielerin tätig, schreibt Drehbücher und Theaterstücke, zeichnet Web-Toons und hat 2018 auch noch ihren ersten Roman veröffentlicht. Nun ist ihr Roman „Der Wald der verlorenen Schatten“ (Originaltitel heißt übersetzt „Mondfinsternis“) auch ins Deutsche übertragen worden. So richtig gefallen will einem die Geschichte allerdings nicht.

Das Hauptproblem an Danbi Eos Romandebut ist, dass die Hauptfigur Heoju beinahe den gesamten Roman über unsympathisch wirkt. Zwar kommt Heoju dann doch zur Einsicht, dass ihr Verhalten falsch ist, doch ist da der Roman so gut wie zu ende. Ein zweites Problem ist, dass man sich stellenweise durch die Geschichte quälen muss. Das liegt an der eintönigen Erzählweise der Autorin. Auf diese Art wirken auch Stellen, die spannend sein sollen, eher ermüdend. Das ist eindeutig schade, denn aus dem Einfallsreichtum hätte die Autorin durchaus mehr herausholen können.

So beginnt der Roman recht vielversprechend: Heoju hat ihren Job als Busticketverkäuferin verloren und soeben ein Vorstellungsgespräch vermasselt. Hinzu kommt, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat und sie die Miete nicht mehr zahlen kann. Da erhält sie die SMS eines Dorfvorstehers, der ihr darin mitteilt, dass ihre Großmutter gestorben sei und sie rasch nach Dogi kommen soll, um an der Beerdigung teilzunehmen.

Kaum ist sie dort, erfährt sie sonderbare Geschichten über den Wald, der sich um Dogi herum erstreckt: früher seien dort Menschen spurlos verschwunden. Durch Zufall gerät Heoju selbst in den Wald, woraufhin ihr Schatten verschwindet. Heoju hat nur wenige Tage Zeit, ihren Schatten wiederzufinden, sonst muss sie für immer im Wald leben. Ihr zur Seite steht dabei Muyeong, einer der Waldbewohner.

Die Grundidee ist durchaus nett, auch einzelne Ideen sind recht schön (witzig sind die sich ständig streitenden Geisterflammen), dennoch kommt beim Lesen aus den oben genannten Gründen keine Hochstimmung auf. Bildlich gesprochen, wirkt der Roman wie ein schöner, bunter Luftballon, aus dem die Luft entweicht. Man kann sich nur wiederholen: Danbi Eo hat ihre eigenen Ideen leider nicht genutzt, um damit eine packende oder bewegende Geschichte zu schreiben. Statt bewegend wird es gegen Ende eher kitschig.

Was an dem Buch allerdings wirklich ärgert, hat nichts mit dem Roman an sich zu tun, sondern mit dem schlampigen Lektorat. Fehler über Fehler häufen sich in dem Text (besonders das erste Viertel ist davon betroffen), sodass man zu dem Schluss kommen muss, dass vor dem Druck das Manuskript nicht nochmals durchgegangen wurde. Ein voller Kontrast zum schönen Layout.

Danbi Eo. Der Wald der verlorenen Schatten. Golkonda Verlag 2020, 247 Seiten, 18 Euro

Influencer – Eine erstklassige Analyse über ein Krisen-Phänomen

Der freie Journalist Ole Nymoen und der YouTuber und Kritiker Wolfgang M. Schmitt betreiben seit längerer Zeit den Kanal „Wohlstand für alle“, auf dem sie auf präzise wie unterhaltsame Weise Entwicklungen und Phänomene in der Wirtschaft darstellen und analysieren. Nun haben beide ein Sachbuch über Influencer verfasst, in dem sie dieses umstrittene Phänomen auf hervorragende Weise untersuchen.

Dabei verorten sie die Anfänge des Phänomens in den 90er Jahren, in dem Filme mehr und mehr Produktplacing betrieben, um die Produktionen zu finanzieren. In zehn Kapiteln geht es dann durch die bizarre, teils dekadente Welt der Influencer. Dabei gehen sie nicht nur auf einzelne Fälle ein, sondern sehen in ihrer Analyse stets den Zusammenhang mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.

So sehen die Konzerne und Werbefirmen Influencer als eine Art Heilsbringer, die den Kapitalismus aus seiner derzeitigen Krise führen könnten. In diesem Sinne nutzen sie diesen medialen Hype gnadenlos aus, denn durch die Influencer erreichen sie weitaus mehr Menschen als durch Anzeigen in der Zeitung oder durch Werbeclips im Fernsehen.

Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt untersuchen Infuencer jedoch nicht nur auf einer soziologischen und wirtschaftwissenschaftlichen Ebene, sondern auch aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive. Dabei stellen sie sich u. a. die Frage, was für Inhalte die Influencer in ihren Beiträgen auf YouTube und Instagram präsentieren und kommen dabei auf das Ergebnis, dass hier eine völlige Inhaltsleere gezeigt wird, eine radikale Oberflächlichkeit, in der es um nichts anderes als ums Shoppen geht. Man fühlt sich bei diesem Phänomen an John Carpenters SF-Film „Sie leben“ erinnert, wo die versteckten Botschaften stets „Konsumieren“ lauten. Denn nicht anders verhält es sich bei den Influencern, die ihren Zuschauern stets weismachen, dass man nichts anderes tun soll, als Geld ausgeben. Das Problem: viele, sogar sehr viele ihrer Follower richten sich nach diesem Motto, wobei es ihnen anscheinend auch nichts ausmacht, dass es in den Beiträgen ansonsten um nichts anderes geht. Sie machen sich sozusagen freiwillig zu Konsumopfern und sehen allein darin den Sinn ihres Lebens.

Der Indie-Regisseur Larry Fessenden sah vor wenigen Jahren in der zunehmenden Inhaltsleere der Blockbuster eine gesellschaftliche Krise aufkommen. Man könnte sagen, diese wird durch das Phänomen Influencer noch deutlicher. Ole Nymoens und Wolfgang M. Schmitts Buch „Influencer – Die Ideologie der Werbekörper“ ist ein Buch, dem man sich nicht entziehen kann. Auf überaus kompetente Weise liefern beide Autoren nicht nur eine Vielzahl an spannenden Informationen über dieses Phänomen, sondern überbringen diese zugleich in einer überaus unterhaltsamen Weise, wobei sie hier und da mit geradezu köstlichen ironischen Bemerkungen aufwarten. Kurz: ein Buch, das einen regelrecht umhaut.

Ole Nymoen/Wolfgang M. Schmitt: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper. Suhrkamp Verlag 2021, 192 Seiten, 15 Euro

 

FuBs Leseecke: Eine strahlende Zukunft

Cover der deutschen Übersetzung bei BTB

Richard Yates (1926 – 1992) betonte stets, dass sein erster Roman zugleich sein bester gewesen sei. Gemeint ist „Zeiten des Aufruhrs“, der inzwischen als der Klassiker der modernen amerikanischen Literatur gilt. Wenn man seine übrigen Romane kennt, muss man ihm leider zustimmen. Denn keiner seiner folgenden Bücher reicht im Hinblick auf Intensität und Dramatik an sein Debut aus dem Jahr 1961 heran.

Yates selbst konnte kaum von seinen Romanen leben, da der große Erfolg ausblieb. Schließlich geriet er fast in Vergessenheit, bis er Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. Richard Yates litt teilweise unter schweren psychischen Problemen und war Alkoholiker. Nur mit Unterstützung von Freunden konnte er sich mehr schlecht als recht über Wasser halten. Erst 1984 gelang ihm mit seinem vorletzten Roman „Eine strahlende Zukunft“ (Young Hearts Crying) ein großer Wurf. Groß im doppelten Sinn, handelt es sich doch auch um seinen umfangreichsten Roman.

Es geht um Michael und Lucy Davenport, die sich auf einer Party kennenlernen, heiraten und große Pläne Schmieden. Denn Michael besitzt als Dichter großes Ansehen. Das Problem jedoch ist, dass er vom Schreiben nicht leben kann. Lucy erstickt immer mehr in ihrer Rolle als Hausfrau. Sie möchte sich endlich selbstverwirklichen. Die Ehe hält den Konflikt nicht stand. Nach ihrer Scheidung zieht Michael weg, um sich irgendwie durchs Leben zu schlagen, doch sein zunehmender Alkoholismus zerstört fast alle seine Pläne. Schließlich wird er sogar in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Lucy dagegen versucht sich euphorisch in verschiedenen Metiers wie Schauspielerei und Malerei, doch findet sie auf keinem ihrer Wege so etwas wie Erfüllung.

Cover der Originalausgabe aus dem Jahr 1984

Wie gesagt ist „Eine strahlende Zukunft“ mit seinen 490 Seiten Yates‘ umfangreichster Roman. Und seit „Zeiten des Aufruhrs“ ist es zugleich sein bester. Noch einmal gelingt es ihm, den Konflikt zweier Eheleute packend, einfühlsam und überaus tragisch darzustellen. Dabei verarbeitet Yates seine eigene Erfahrungen und seine eigene Vergangenheit, wodurch man den Roman als eine Art Rückschau auf sein Leben betrachten kann.

Die groß angelegte Geschichte reicht vom Ende der 40er Jahre bis Mitte der 70er Jahre. Großartig verwebt der Autor darin die gesellschaftlichen Veränderungen, die innerhalb der 30 Jahre vonstatten gegangen sind. Während Lucy den sozialen Wandel akzeptiert, tut sich Michael schwer, diesen Wandel zu verstehen. Obwohl er von einer (unglücklichen) Affäre in die nächste stolpert, hält er nach außen hin konservative Werte hoch. Als dann Ende der 60er Jahre die Hippie-Bewegung ihre Hochphase erreicht, muss er jedoch mitten hinein in den „Sommer der Liebe“, als sich sämtliche Hippies in San Francisco versammeln. Denn seine Tochter befindet sich ebenfalls dort, doch scheint es ihr alles andere als gut zu gehen.

Die Spannung des Romans ergibt sich u. a. auch daraus, ob Michael und Lucy vielleicht doch wieder zusammenfinden werden. Stets hofft man es und fiebert daher den weiteren Geschehnissen entgegen. In der Grundstruktur hat mich der Roman daher ein klein wenig an Edith Whartons wundervollen Roman „Traumtänzer“ erinnert, in dem es ebenfalls um ein Ehepaar geht, das sich zwar nicht scheiden lässt, dennoch eigene Wege geht und dabei versucht, glücklich zu werden. Möglich, dass Yates sich von diesem Roman hat inspirieren lassen. Auf jeden Fall gehört „Eine strahlende Zukunft“ zu den besten Romane, die ich gelesen habe und mit Sicherheit nochmals lesen werde.

Richard Yates. Eine strahlende Zukunft. BTB 2014, 492 Seiten

Blutspur durch Thüringen – 25 Jahre Verlag Kirchschlager

Wer sich für Kriminalistik und Kriminalgeschichte interessiert, ist beim Verlag Kirchschlager stets an der richtigen Adresse. Bereits seit 25 Jahren bringt der Historiker und Verleger Michael Kirchschlager Sachbücher über diese Themen heraus. Autoren der Bücher sind u. a. Kommissare und Kriminaltechniker, die über ihre Fälle und über ihre Arbeit berichten.

Zum 25-jährigen Jubiläum erschien nun der Sammelband „Blutspur durch Thüringen – Berichte, Bilder, Dokumente“, der Fälle aus dem Zeitraum von 1884 bis 2020 beinhaltet. Wie auch alle anderen Bücher des Verlags, so ist auch die Jubiläumsausgabe ungemein informativ, die einzelnen Beiträge sind sehr spannend geschrieben und beinhalten zudem eine wahre Lebendigkeit, was u. a. daran liegt, dass, wie oben bereits bemerkt, aus erster Hand berichtet wird. Es geht u. a. über Raubmord, Mord aus Liebe, um Erpressung und über einen angedrohten Amoklauf. Kommissarin Kerstin Kämmerer schildert im letztgenannten Fall sehr genau, wie die Ermittlungen abliefen, sodass der Leser einen überaus interessanten Einblick in die Polizeiarbeit erhält. Doch auch die Berichte der Kommissare Wolfgang Tanner, Lutz Harder, Frank Richter und Lothar Schirmer stehen dem in nichts nach. Lothar Schirmer berichtet dabei auf packende Weise über den Fall eines desertierten russischen Soldaten in der ehemaligen DDR, wobei er die Zusammenarbeit zwischen dem russischen Militär und der Polizei bei den Ermittlungen und der Verfolgungsjagd genauestens schildert.

In dem Sammelband vertreten ist auch Gerichtsreporterin Sieglinde Schwarzer, die gleich neun Berichte abgeliefert hat. Der Kriminalhistoriker Wolfgang Krüger schildert in seinen Beiträgen Fälle aus den Jahren 1884 bis 1941, die mit dem Tode bestraft wurden. Vom Archivar Frank Esche stammen drei Berichte aus den Jahren 1925 bis 1951, die von Giftmord, einem Fall, in dem der Angeklagte frei gesprochen wurde, und einem Mord an einer Geliebten handeln. Sowohl Woflgang Krüger als auch Frank Esche führten für ihre Beiträge aufwendige Recherchen durch, was sich auch in den Texten bemerkbar macht. Denn der Leser erfährt nicht nur, wie die jeweiligen Fälle aufgeklärt wurden, sondern auch wie die damaligen Lebensumstände waren und welche sozialen und psychologischen Aspekte zu den Taten geführt haben. Vom Verleger Michael Kirchschlager stammen zwei Beiträge über einen brutalen Mord an einem Ehemann sowie über einen Fall, in dem es um Mord und gleichzeitige Brandstiftung geht. Der erste Fall stammt aus dem Jahr 1925, der zweite aus dem Jahr 1960, wobei beide Fälle nicht nur packend geschrieben sind, sondern genauso spannende Informationen über die jeweiligen gesellschaftlichen Hintergründe bieten. Zudem beinhaltet der Band auch den Augenzeugenbericht des „Helden von Gera“, der überaus mutig drei junge Menschen vor einem schrecklichen Verbrechen geschützt hat.

„Blutspur durch Thüringen“ ist durch die Vielzahl an Beiträgen ein großartiges Sachbuch, das die Polizeiarbeit aus der Sicht unterschiedlicher Akteure betrachtet und zusätzlich einen hochinteressanten Blick auf die Historie wirft. Dadurch deckt das Buch so ziemlich jedes Thema in Sachen Kriminalistik ab und schafft einen spannenden und informationsreichen Ein- und Überblick in die Ermittlungsarbeit und in die Kriminalgeschichte. Zurecht ein Jubiläumsband.

Blutspur durch Thüringen. Berichte – Bilder – Dokumente. 1884 – 2020. Verlag Kirchschlager 2020, 274 Seiten, 14,95 Euro, ISBN: 978-3-934277-88-5

 

FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

Schwestern der Nacht – Ein Meilenstein des Kriminalromans

Cover der deutschen Übersetzung im Unions Verlag

Die Autorin Masako Togawa (1931 – 2016) verfasste seit den 60er Jahren 20 Romane, wurde jedoch erst Mitte der 80er Jahre auch in Deutschland bekannt. Bevor sie als freie Schriftstellerin tätig war, arbeitete sie als Sängerin in einem Nachtclub. Gleich für ihren ersten Roman „Der Hauptschlüssel“ erhielt sie den Edogawo-Ranpo-Preis. Doch erst ihr zweiter Roman „Schwestern der Nacht“ (1963) wurde zu einem Bestseller, wodurch sie auch international bekannt wurde.

„Schwestern der Nacht“ zählt in Japan inzwischen zum Meilenstein der Kriminalliteratur. Nicht nur, da der Roman unglaublich spannend ist, sondern da Masako Togawa mit sämtlichen bisherigen Konventionen brach. Wie Thomas Wörtche in seinem Nachwort bemerkt, ahmten bis dahin japanische Krimiautoren ihre westlichen Kollegen nach. Masako Togawa aber ging einen anderen Weg. Sie schrieb einen Roman über das Nachtleben in Tokio, ein Thema, bei dem sie sich durch ihre Arbeit als Nachtclubsängerin bestens auskannte. Zudem schrieb sie als Frau offen über Sexualität, was damals in Japan eine Sensation war.

Masako Togawa (1931 – 2016)
                   

In „Schwestern der Nacht“ geht es um den Ingenieur Ichiro Honda, der unter der Woche von seiner Frau getrennt in einem Hotel lebt. Nachts macht er sich auf die Suche nach weiblichen Bekanntschaften, in der Hoffnung, mit ihnen im Bett zu landen. Minutiös führt Ichiro darüber Tagebuch, in dem er die Frauen als Opfer bezeichnet. Eines Tages jedoch wird eine der Frauen, mit denen er geschlafen hat, ermordet. Dann eine weitere …

Mehr möchte ich hier nicht verraten. „Schwestern der Nacht“ hat mich regelrecht umgehauen. Der Roman ist sowohl Krimi als auch Großstadtroman in einem. Die Autorin schildert verlorene Existenzen, Nachtschwärmer und auch einige Aspekte des Rotlichtmilieus. Hinzu kommt, wie oben bereits bemerkt, die überaus spannende Handlung. „Schwestern der Nacht“ ist erstklassig konzipiert – und die Pointe ist dermaßen grandios, dass es einem den Atem raubt.

Kinoplakat von „The Hunter’s Diary“ (1964)

Der Roman wurde ein Jahr nach Veröffentlichung unter dem Titel „The Hunter’s Diary“ verfilmt. Angeblich gab es Mitte der 90er Jahre ein US-amerikanisches Remake mit dem Titel „The Lady Killer“. Dabei handelt es sich jedoch um keinen Kino-, sondern um einen TV-Film. In der japanischen Fassung spielte übrigens Masako Togawa selbst mit.

Einziges Manko der deutschen Übersetzung ist, dass sie nicht aus dem Japanischen stammt, sondern die englische Übersetzung ins Deutsche übertragen wurde. Interessanterweise steht aber unterhalb des Klappentextes „aus dem Japanischen“. Die Übersetzerin hat Germanistik und Anglistik studiert, hat jedoch mit Japan nichts am Hut.

Der Roman selbst aber besitzt eine unglaubliche Wucht und hält einen noch Tage nach dem Lesen gefangen.