Blutspur durch Thüringen – 25 Jahre Verlag Kirchschlager

Wer sich für Kriminalistik und Kriminalgeschichte interessiert, ist beim Verlag Kirchschlager stets an der richtigen Adresse. Bereits seit 25 Jahren bringt der Historiker und Verleger Michael Kirchschlager Sachbücher über diese Themen heraus. Autoren der Bücher sind u. a. Kommissare und Kriminaltechniker, die über ihre Fälle und über ihre Arbeit berichten.

Zum 25-jährigen Jubiläum erschien nun der Sammelband „Blutspur durch Thüringen – Berichte, Bilder, Dokumente“, der Fälle aus dem Zeitraum von 1884 bis 2020 beinhaltet. Wie auch alle anderen Bücher des Verlags, so ist auch die Jubiläumsausgabe ungemein informativ, die einzelnen Beiträge sind sehr spannend geschrieben und beinhalten zudem eine wahre Lebendigkeit, was u. a. daran liegt, dass, wie oben bereits bemerkt, aus erster Hand berichtet wird. Es geht u. a. über Raubmord, Mord aus Liebe, um Erpressung und über einen angedrohten Amoklauf. Kommissarin Kerstin Kämmerer schildert im letztgenannten Fall sehr genau, wie die Ermittlungen abliefen, sodass der Leser einen überaus interessanten Einblick in die Polizeiarbeit erhält. Doch auch die Berichte der Kommissare Wolfgang Tanner, Lutz Harder, Frank Richter und Lothar Schirmer stehen dem in nichts nach. Lothar Schirmer berichtet dabei auf packende Weise über den Fall eines desertierten russischen Soldaten in der ehemaligen DDR, wobei er die Zusammenarbeit zwischen dem russischen Militär und der Polizei bei den Ermittlungen und der Verfolgungsjagd genauestens schildert.

In dem Sammelband vertreten ist auch Gerichtsreporterin Sieglinde Schwarzer, die gleich neun Berichte abgeliefert hat. Der Kriminalhistoriker Wolfgang Krüger schildert in seinen Beiträgen Fälle aus den Jahren 1884 bis 1941, die mit dem Tode bestraft wurden. Vom Archivar Frank Esche stammen drei Berichte aus den Jahren 1925 bis 1951, die von Giftmord, einem Fall, in dem der Angeklagte frei gesprochen wurde, und einem Mord an einer Geliebten handeln. Sowohl Woflgang Krüger als auch Frank Esche führten für ihre Beiträge aufwendige Recherchen durch, was sich auch in den Texten bemerkbar macht. Denn der Leser erfährt nicht nur, wie die jeweiligen Fälle aufgeklärt wurden, sondern auch wie die damaligen Lebensumstände waren und welche sozialen und psychologischen Aspekte zu den Taten geführt haben. Vom Verleger Michael Kirchschlager stammen zwei Beiträge über einen brutalen Mord an einem Ehemann sowie über einen Fall, in dem es um Mord und gleichzeitige Brandstiftung geht. Der erste Fall stammt aus dem Jahr 1925, der zweite aus dem Jahr 1960, wobei beide Fälle nicht nur packend geschrieben sind, sondern genauso spannende Informationen über die jeweiligen gesellschaftlichen Hintergründe bieten. Zudem beinhaltet der Band auch den Augenzeugenbericht des „Helden von Gera“, der überaus mutig drei junge Menschen vor einem schrecklichen Verbrechen geschützt hat.

„Blutspur durch Thüringen“ ist durch die Vielzahl an Beiträgen ein großartiges Sachbuch, das die Polizeiarbeit aus der Sicht unterschiedlicher Akteure betrachtet und zusätzlich einen hochinteressanten Blick auf die Historie wirft. Dadurch deckt das Buch so ziemlich jedes Thema in Sachen Kriminalistik ab und schafft einen spannenden und informationsreichen Ein- und Überblick in die Ermittlungsarbeit und in die Kriminalgeschichte. Zurecht ein Jubiläumsband.

Blutspur durch Thüringen. Berichte – Bilder – Dokumente. 1884 – 2020. Verlag Kirchschlager 2020, 274 Seiten, 14,95 Euro, ISBN: 978-3-934277-88-5

 

FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

Schwestern der Nacht – Ein Meilenstein des Kriminalromans

Cover der deutschen Übersetzung im Unions Verlag

Die Autorin Masako Togawa (1931 – 2016) verfasste seit den 60er Jahren 20 Romane, wurde jedoch erst Mitte der 80er Jahre auch in Deutschland bekannt. Bevor sie als freie Schriftstellerin tätig war, arbeitete sie als Sängerin in einem Nachtclub. Gleich für ihren ersten Roman „Der Hauptschlüssel“ erhielt sie den Edogawo-Ranpo-Preis. Doch erst ihr zweiter Roman „Schwestern der Nacht“ (1963) wurde zu einem Bestseller, wodurch sie auch international bekannt wurde.

„Schwestern der Nacht“ zählt in Japan inzwischen zum Meilenstein der Kriminalliteratur. Nicht nur, da der Roman unglaublich spannend ist, sondern da Masako Togawa mit sämtlichen bisherigen Konventionen brach. Wie Thomas Wörtche in seinem Nachwort bemerkt, ahmten bis dahin japanische Krimiautoren ihre westlichen Kollegen nach. Masako Togawa aber ging einen anderen Weg. Sie schrieb einen Roman über das Nachtleben in Tokio, ein Thema, bei dem sie sich durch ihre Arbeit als Nachtclubsängerin bestens auskannte. Zudem schrieb sie als Frau offen über Sexualität, was damals in Japan eine Sensation war.

Masako Togawa (1931 – 2016)
                   

In „Schwestern der Nacht“ geht es um den Ingenieur Ichiro Honda, der unter der Woche von seiner Frau getrennt in einem Hotel lebt. Nachts macht er sich auf die Suche nach weiblichen Bekanntschaften, in der Hoffnung, mit ihnen im Bett zu landen. Minutiös führt Ichiro darüber Tagebuch, in dem er die Frauen als Opfer bezeichnet. Eines Tages jedoch wird eine der Frauen, mit denen er geschlafen hat, ermordet. Dann eine weitere …

Mehr möchte ich hier nicht verraten. „Schwestern der Nacht“ hat mich regelrecht umgehauen. Der Roman ist sowohl Krimi als auch Großstadtroman in einem. Die Autorin schildert verlorene Existenzen, Nachtschwärmer und auch einige Aspekte des Rotlichtmilieus. Hinzu kommt, wie oben bereits bemerkt, die überaus spannende Handlung. „Schwestern der Nacht“ ist erstklassig konzipiert – und die Pointe ist dermaßen grandios, dass es einem den Atem raubt.

Kinoplakat von „The Hunter’s Diary“ (1964)

Der Roman wurde ein Jahr nach Veröffentlichung unter dem Titel „The Hunter’s Diary“ verfilmt. Angeblich gab es Mitte der 90er Jahre ein US-amerikanisches Remake mit dem Titel „The Lady Killer“. Dabei handelt es sich jedoch um keinen Kino-, sondern um einen TV-Film. In der japanischen Fassung spielte übrigens Masako Togawa selbst mit.

Einziges Manko der deutschen Übersetzung ist, dass sie nicht aus dem Japanischen stammt, sondern die englische Übersetzung ins Deutsche übertragen wurde. Interessanterweise steht aber unterhalb des Klappentextes „aus dem Japanischen“. Die Übersetzerin hat Germanistik und Anglistik studiert, hat jedoch mit Japan nichts am Hut.

Der Roman selbst aber besitzt eine unglaubliche Wucht und hält einen noch Tage nach dem Lesen gefangen.

BUtterfield 8 – John O’Haras New York-Roman

Gloria Wanderous ist das, was man schlechthin als leichtes Mädchen bezeichnet. Sie geht mit so ziemlich jedem ins Bett, macht sich über nichts und niemanden Gedanken, sondern möchte vor allem eines haben: Spaß. Doch dann begegnet sie in einer Kneipe den fast 20 Jahre älteren Weston Liggett und verliebt sich in ihn. Liggett aber möchte nur eines: mit ihr ins Bett.

John O’Hara (1905 – 1970) sorgte mit seinem zweiten Roman „BUtterfield 8“ (der zweite Großbuchstabe ist von O’Hara so gewollt und bezieht sich auf die Telefonnummern der Upper Eastside), der 1935 erschien, für einen riesigen Skandal. Keiner vor ihm hatte so freimütig über Sex geschrieben wie er. Hinzu kommt eine gelegentlich recht derbe Sprache, die sogar Krimiautoren wie Jim Thomson u. Co. blass aussehen lässt.

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„BUtterfield 8“ ist jedoch keineswegs ein Schmuddelroman (auch wenn er von den damaligen Kritikern als schmutzig bezeichnet wurde), sondern O’Haras Abrechnung mit New York, wo er selbst lebte. Dahingehend erinnern manche Absätze, in denen er das Treiben in der Großstadt beschreibt, an John Don Passos‘ Meisterwerk „Manhattan Transfer“. In seinem zweiten Roman ist jeder sich selbst am nächsten. Sogar Glorias bester Freund Eddie, der ihr zum ersten Mal begegnet, als er als Türsteher in einem Bordell arbeitet. Zwischen beiden existiert eine Art Hassliebe, wobei Gloria Angst hat, Eddie zu zerstören, wenn sie mit ihm eine richtige Beziehung beginnen würde. Und Eddie möchte ihr im Grunde auch nicht näher kommen, da er bereits eine richtige Freundin hat.

Da Gloria auf niemanden Rücksicht nimmt – nicht einmal auf sich selbst – wirft sie sich ins New Yorker Nachtleben, wo sie von einer Kneipe zur nächsten tingelt, Drogen nimmt und jede Menge Alkohol trinkt. Doch dann, wie bereits erwähnt, trifft sie auf Weston Liggett, einem widerlichen Kerl, der mit seiner Frau nicht mehr klar kommt, doch in Erklärungsnot gerät, da Gloria den Pelzmantel seiner Frau hat mitgehen lassen.

Die Suche nach Gloria und Glorias ausschweifendes Leben machen die Geschichte zu einem wirbelnden Großstadtroman, der in den USA zu den wichtigsten Romanen der Moderne zählt. Als Leser ist man mitten drin in der Hektik, der atemlosen Vergnügungssucht und der sich daraus ergebenden Dramatik. An wenigen Stellen geraten die Schilderungen zu ausschweifenden Ausführungen, doch so als hätte O’Hara dies selbst bemerkt, hüpft er mit einem Satz zurück in die rasante Handlung – und schon ist man wieder inmitten des turbulenten Nachtlebens.

1960 wurde der Roman mit Elizabeth Taylor verfilmt, erhielt jedoch (trotz diverser Oscarnominierungen) schlechte Kritiken. John O’Haras zweiter Roman jedoch ist nicht nur großartig, frech und witzig, sondern absolut zeitlos.

Der rote Apfel – Psychothriller von Mi-Ae Seo

Lieber spät als nie, könnte man sagen. Mi-Ae Seos Roman „Der rote Apfel“ (Originaltitel lautet „The good Girl“) erschien in Südkorea bereits 2010. Zehn Jahre später kommt nun die deutsche Übersetzung – und man staune, nicht etwa aus dem Englischen, wie manche deutsche Verlage das gerne tun, sondern tatsächlich aus dem Koreanischen. Übersetzt wurde der Roman von Ki-Hyang Lee.

Die Autorin Mi-Ae Seo (geb. 1965) ist in Korea kein unbeschriebenes Blatt. Ihre Thriller landen stets auf den Bestsellerlisten. Genauso erfolgreich verfasst sie Drehbücher, wie z.B. zu der mehrfach ausgezeichneten Krimikomödie „Happy Killers“ (2010). Ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman handelt von der Kriminalpsychologin Sonkyong, die eines Tages einen sonderbaren Auftrag erhält. Der Serienkiller Lee Byong-Do, den die Todesstrafe erwartet, möchte ausgerechnet mit ihr über seine Straftaten reden. Die Polizei erhofft sich dadurch, weitere bisher ungeklärte Mordfälle lösen zu können.

Sonkyong, die Lee Byong-Do zuvor noch nie begegnet ist, willigt ein. Doch Lee Byong-Do verlangt von ihr, dass sie bei jedem Treffen einen großen Apfel mitbringen solle, sonst würde er nicht reden. Zugleich gerät Songkyongs Privatleben völlig durcheinander, da Hayong, die Tochter ihres Mannes, nach einem Brand zu ihnen zieht. Doch mit Hayong scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen.

Man kann den Roman mit zwei Wörtern sofort auf den Punkt bringen: extrem spannend. Mi-Ae Seo entwickelt in „Der rote Apfel“ eine solche Dichte, dass einem buchstäblich der Atem wegbleibt. Auch wenn der Verlauf der Handlung stellenweise vorhersehbar ist, so bleibt die Geschichte aufgrund der Figuren und ihres jeweiligen Verhaltens überaus aufreibend.

Gut, manchmal lässt sich Sonkyongs Verhalten nicht wirklich nachvollziehen. Als Kriminalpsychologin wirkt sie doch eher unerfahren und alles andere wie eine Expertin. Doch andererseits macht genau das die Spannung des Romans aus. Denn immer wieder ertappt man sich dabei, dass man über Sonkyong einfach nur den Kopf schüttelt. Sehr gut fädelt Mi-Ae Seo dabei das soziale Verhältnis zwischen Mann und Frau in den Roman ein, wobei sie hierbei auf ironische Weise veranschaulicht: trotz Emanzipation ist das Patriarchat keineswegs abgeschafft. Interessanterweise macht sich dies ausgerechnet im Privatleben Sonkyongs bemerkbar und nicht in ihrem Berufsleben, was zwischen den Zeilen durchaus satirische Züge aufweist.

Im Groben und Ganzen ist „Der rote Apfel“ ein echter Thriller-Genuss. Während koreanische Filme immer noch Hochsaison feiern, schaut es bei der Literatur leider mehr als nur mager aus. Eher tröpfchenweise werden koreanische Romane ins Deutsche übersetzt. Man kann nur hoffen, dass sich das bald ändern wird. Denn Mi-Ae Seos Roman zeigt, dass es hier noch viel zu entdecken gibt.

Mi-Ae Seo. Der rote Apfel. Heyne Verlag 2020, 12.99 Euro, 349 Seiten

Auf Messers Schneide – William Somerset Maughams großartiger Roman

Cover der deutschen Übersetzung im DIogenes Verlag

„Auf Messers Schneide“, erschienen 1944, gehört mit Sicherheit zu den besten Romanen William S. Maughams. Es ist zum einen ein Roman über die Gesellschaft der 20er Jahre, zum anderen eine Satire über die High Society und drittens ein Roman über die Suche nach dem Sinn des Lebens, in dem Maugham selbst als Figur an dem Geschehen teilnimmt.

Es geht um Larry Darrell, der nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben ist. Dafür löst er die Verlobung mit Isabel Bradley, mit der er seit Kindertagen befreundet ist. Seine Suche führt Larry von Chicago nach Paris und vor dort bis nach Indien. Im Laufe der Jahre begegnet Maugham Larry immer mal wieder, wobei Larry stets von seinen Fortschritten bei seiner Selbstfindung erzählt.

Cover der 1944 erschienenen Originalausgabe

Verwoben ist diese Geschichte mit den Schicksalen vieler weiterer Figuren, vor allem mit der oben genannten Isabel, die in Larry weiterhin verliebt ist, selbst dann, als sie den Banker Gray Maturin heiratet, der später während der Wirtschaftskrise so gut wie alles verliert. Isabels Onkel Elliot Tempelton ist die wohl schillernste Figur in dem Roman. Ein Snob wie er im Buche steht, ist er dennoch stets hilfsbereit und gutmütig. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als zu den Partys der Schönen und Reichen eingeladen zu werden, und wird er einmal nicht eingeladen, dann bricht für ihn im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zusammen. Ebenfalls verbunden mit Larrys Suche nach Sinn ist Sophie McDonald. Beide kennen sich ebenfalls seit der Kindheit, doch Sophies Schicksal meint es alles andere als gut mit ihr.

Gene Tierney und Tyrone Power in der Verfilmung von 1946; © Warner Bros.

„Auf Messers Schneide“ ist ein groß angelegter und großartiger Roman, ein Roman, bei dem man möchte, dass er nie aufhört. Äußerst gelungen stellt Maugham Larry Darrell dem materialistischen Ansichten von Isabel und Onkel Elliot gegenüber, die Larrys Einstellung überhaupt nicht nachvollziehen können. Für sie zählt nur die soziale Stellung und das damit verbundene Vermögen. Leute, die nicht arbeiten, können sie sich überhaupt nicht vorstellen – der Witz hierbei ist natürlich, dass weder Isabel noch Onkel Elliot einer Arbeit nachgehen.

Daher macht Larry seine Freunde regelrecht sprachlos, als er eines Tages sagt, dass er einfach nur vor sich hinleben möchte und schauen, was passiert. Aus diesem Vor-sich-Hinleben entwickelt sich jedoch nach und nach seine Suche. Während Isabel Larry schlicht und ergreifend für verrückt hält, ist ihr Onkel froh, dass Larry weg ist.

Bill Murray als Larry Darrell in der Verfilmung von 1984; © Columbia Pictures

Äußerst unterhaltsam wirft Maugham dadurch einen satirischen Blick auf den Kapitalsimus, dessen Verehrer er letztendlich als hohl und oberflächlich entlarvt. Mithilfe eines subtilen, doch zugleich humorvollen Spottes macht Maugham sich über das Verhalten besonders der Amerikaner lustig.

Maughams angenehmer Schreibstil sowie die gewitzten Dialoge machen den Roman zu einem wahren Fest. So gelingt es ihm auch in den Kapiteln, in denen Maugham mit Larry über den Sinn des Lebens diskutiert und über Larrys Erfahrungen in Indien spricht, eine sanfte Leichtigkeit zu schaffen, die dennoch eine ungeheure, komplexe Tiefe in sich trägt. Kurz und knapp: „Auf Messers Schneide“ wird zurecht als William S. Maughams Meisterwerk bezeichnet.

Der Roman wurde 1946 mit Tyrone Power als Larry und Gene Tierney als Isabel großartig verfilmt. Edmund Gouldings Adaption orientiert sich beinahe wortwörtlich an dem Roman und Tyrone Power spielt Larry Darrell wirklich einzigartig, so als wäre die Figur aus dem Buch auf die Leinwand gehüpft.

1984 folgte dann das katatsrophale Remake mit Bill Murray als Larry. Der Film floppte damals (zurecht), selbst Regisseur John Byrum hält den Film bis heute für einen „großen Fehler“.

Emil bei den Wikingern – Ein neues Abenteuer mit dem Drachen Emil

„Fauch, schmauch, Drachenzahn!“ Der kleine Drache Emil ist wieder unterwegs. In seinem fünften Abenteuer geht es zu den Wikingern. Denn der böse König Ragnar hält Emils Vater, den Seedrachen Kreator, gefangen. Auf dem Weg, ihn zu befreien, begegnet Emil u. a. einem Bergtroll, wilden Berserkern und stößt sogar mit Thor zusammen.

Michael Kirchschlager versteht es in seinem neuen Kinderbuch über den liebenswerten Drachen Emil, nicht nur spannende Geschichten zu erzählen, sondern dabei auch auf geradezu spielerische Weise interessante Einblicke in die damalige Zeit der Wikinger zu geben. Man erfährt unglaublich viel über die damalige Vorstellungswelt der Nordmänner, über die Lebensweise und über deren Mythologien.

In einer geradezu schwungvollen Art gerät Emil von einem Abenteuer ins nächste. Die einzelnen Figuren, wie etwa der Steinmetz Ole Worm oder die Dichterin Brunhilda, sind äußerst liebevoll charakterisiert. Gleiches gilt für den bösen König Ragnar oder auch den Bergtroll Jöta, dessen Nasenloch Emil für eine Höhle hält. Die wunderbaren Zeichnungen von Steffen Grosser lassen die Abenteuer noch lebendiger erscheinen. Und mit viel Witz und Spannung ist „Emil bei den Wikingern“ nicht nur für Kinder ein echter Lesespaß, sondern genauso für Erwachsene.

Michael Kirchschlager. Emil bei den Wikingern. Mit Zeichnungen von Steffen Grosser. Verlag Kirchschlager 2019, 57 Seiten, 12,80 Euro, ISBN: 978-3-934277-84-7

Schöne Frauen leben gefährlich – 15 Porträts bekannter Frauen von Heidi Zengerling

„It’s a man’s man’s man’s world“ lautet der Titel des bekannten Songs von James Brown. Das dem nicht ganz so ist, veranschaulicht die Autorin Heidi Zengerling in ihrem neuen Buch „Schöne Frauen leben gefährlich“. Darin skizziert sie 15 Frauenporträts, deren historische Spannweite von der Renaissance bis in unsere Zeit reicht.

Das Buch ist nicht nur äußerst informativ, sondern zugleich sehr unterhaltsam. In einem flüssigen, ja überaus lebendigen Schreibstil schildert Heidi Zengerling die Lebenswege von Parisina, Lucrezia Borgia, Charlotte Corday, der Kaiserin Sisi, Bettina von Arnim, Lola Montez oder auch Mata Hari, alles in allem also Frauen, die in die Geschichte eingegangen sind. Gewürzt sind die hervorragend recherchierten Porträts mit vielen Anekdoten, welche einem die Persönlichkeiten auf spannende Weise näher bringen.

So erfährt man über Lucrezia Borgia z.B., dass sie eigentlich nicht die böse Giftmischerin war, wie es gemeinhin behauptet wird, dass Mata Hari sich vor ihrer Hinrichtung noch die Nase puderte und auch von der geheimen Tatöwierung auf Sisis Oberarm. Die 15 Porträts zeigen starke Frauen, die teilweise die Politik beeinflusst oder für mehr Rechte gekämpft haben oder auch wegen ihres einzigartigen Lebensstils aufgefallen sind und deswegen als „Skandalnudel“ bezeichnet wurden. Teils tragisch, teils witzig, aber auf jeden Fall immer wieder verblüffend wirken die Lebenswege der 15 Perösnlichkeiten, die in die Geschichte eingegangen sind.

„Schöne Frauen leben gefährlich“ ist ein äußerst kurzweiliges und spannendes Buch, das einen dazu verleitet, sich gerne mehr mit den einzelnen Frauenschicksalen zu beschäftigen. Zudem beinhaltet das Buch zahlreiche Abbildungen, mit denen die literarischen Porträts ergänzt werden. All das macht das Buch von Heidi Zengerling schlicht und ergreifend großartig.

Heidi Zengerling. Schöne Frauen leben gefährlich. Verlag Kirchschlager 2019, 221 Seiten, 13,95 Euro, ISBN: 978-3-934277-80-9

„Netzwerk“- Ein SF-Thriller von Robert Charles Wilson

Wenn man sich die Kritiken im Netz über „Netzwerk“ durchliest, so scheint es, dass Robert Charles Wilsons SF-Roman schlicht und ergreifend langweilig sei. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. „Netzwerk“ ist faszinierend und spannend von der ersten Seite an und noch dazu unglaublich gut geschrieben. Es geht um Adam Fisk, der eines Tages beschließt, sich einen teleodynmanischen Test zu unterziehen, um zu schauen, ob er mit seinen sozialen Eigenschaften einer bestimmten Affinität angehört. Diese Affinitäten sind soziale Gebilde, die aus Menschen mit übereinstimmenden Handlungsmustern bestehen.

Die Mitglieder einer Affinität unterstützen sich gegenseitig, was dazu führt, dass sie sich z.B. auch gegenseitig bei der Jobsuche helfen und sich gegenseitig finanziell absichern. Für Außenstehende besitzen diese neuartigen Gruppierungen daher eine Art Sektencharakter. Für einige Zeit läuft für Fisk alles gut. Doch nach und nach kommt die durch die Affinitäten geschaffene heile Welt ins Schwanken. Denn zwischen den Gruppen entsteht mehr und mehr ein Kampf um die Vorherrschaft.

Wie bereits erwähnt ist „Netzwerk“ von Anfang an faszinierend und spannend. Dies liegt daran, dass Wilson wie immer minutiös auf die sozialen Auswirkungen eingeht. Hier in diesem Fall beschreibt er eine Gesellschaft, die versucht, sich durch koordinierte Verhaltensmuster zu optimieren, um auf diese Weise Konflikte zu beseitigen und Wohlstand zu schaffen. Aber das Projekt ist durch Machtbesessenheit und Neid in Gefahr, was gerade die Aspekte auslöst, die man durch diese gesellschaftliche Innovation beseitigen wollte.

Wilsons Ideen erscheinen durchaus logisch und sind im Grunde genommen eine gedankliche Weiterentwicklung heutiger gesellschaftlicher Netzwerke. Auch das spezielle Merkmal, Leute radikal auszuschließen, die nicht zu einem Netzwerk gehören, berücksichtigt Wilson. Er veranschaulicht dies am Neid der Leute, die durch die Tests durchgefallen sind oder diesen Gruppen von Anfang an misstrauisch gegenüberstehen.

Nach seinem kongenialen Roman „Spin“ hat Wilson in der Tat ein paar Romane geschaffen, durch die man sich eher quälen musste. „Netzwerk“ jedoch zeigt den Autor wieder in Höchstform. Wer unter Science Fiction nur technische Innovationen und dergleichen versteht, wird sicherlich enttäuscht sein, denn darum geht es Wilson gar nicht. Was er mit „Netzwerk“ abgeliefert hat, ist eine spannende und faszinierende Mischung aus gesellschaftlicher Analyse und Thriller. Und innerhalb dieses Rahmens macht Wilson all das richtig, was Dave Eggers mit seinem Langweiler „The Circle“ falsch gemacht hat. Kurz: wirklich lesenswert.

Ruhestörung – Richard Yates‘ Roman über Alkoholsucht

Cover der Übersetzung im Verlag DVA

Richard Yates‘ Werk wurde erst nach seinem Tod Wiederentdeckt. Er war vor allem für seinen Debutroman „Zeiten des Aufruhrs“ (1961) bekannt, den er selbst für seinen besten Roman hielt. Später sollte er in einem Interview sogar sagen, dass es schlimm sei, wenn man seinen besten Roman gleich am Anfang schreibt.

In der Tat reichen seine nachfolgenden Romane nicht mehr ganz an den Klassiker heran. Allerdings gelang ihm 1976 mit „Easter Parade“ nochmals ein genialer Wurf. Ein Jahr davor erschien mit „Ruhestörung“ ein Roman, der eher wie eine Art Flickwerk aus verschiedenen Ansätzen wirkt. Es geht um den Verkäufer von Werbeanzeigen John C. Wilder, der sein Leben so richtig satt hat. Am liebsten würde er Filme produzieren, doch stattdessen versinkt er immer mehr im Alltagstrott. Hinzu kommt seine Alkoholsucht, die er nicht mehr im Griff hat. Sein Freund, der Anwalt Paul Borg, liefert ihn, als John während eines Alkoholexzesses durchdreht, in eine Nervenheilanstalt ein.

Doch hilft dies nicht. John kommt von seiner Alkoholsucht einfach nicht los. Eines Tages begegnet er Pamela Hendricks, die sich genauso wie er für das Filmgeschäft interessiert. Beide beginnen eine Affäre und fahren schließlich gemeinsam nach Hollywood, um ihrer vermeintlichen Berufung nachzugehen. Doch die nächste Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten …

Cover der amerikanischen Erstausgabe

„Ruhestörung“ beginnt recht vielversprechend, doch dann wird man plötzlich von einer Art Kurzversion von Ken Keseys Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ überrascht. Später, als John auf Pamela trifft, wirkt die Handlung wie eine Art Kurzversion von Sinclair Lewis‘ „Babbitt“. Wie George Babbitt, so gerät John Wilder in eine Gruppe Bohemians. Was für ihn zunächst wie ein Weg in die Freiheit vorkommt, wird für ihn zu einer einzigen Enttäuschung.

In seinem Roman wirft Yates zwar erneut in seiner für ihn typischen bitter-satirischen Weise einen Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft, doch wirkt dieser hier nicht wirklich überzeugend. Vielleicht liegt dies daran, dass sich Yates geradezu offen an den beiden oben genannten Romanen von Kesey und Sinclair bedient beziehungsweise ihnen zu ähnlich wird. Das Thema der Alkoholsucht schwingt zwar immer mit, doch gerät es nicht wirklich ins Zentrum der Handlung, so wie man es sich eigentlich erwartet hätte. Hätte Yates den Roman wie sein Debut konzipiert, wäre es sicherlich grandios geworden. So aber wird man nicht wirklich schlau daraus, da man sich ständig fragt, was Yates einem eigentlich sagen möchte.

Andererseits ist es auch wieder durchaus gelungen, wie Yates den amerikanischen Traum durch den Kakao zieht. John und Pamela gehen äußerst naiv an ihr Werk, um ins Big Business der Filmwelt einzusteigen, doch werden ihre Träume durch die bittere Realität, die in diesem Geschäft nun einmal herrscht, nach und nach zerstört. Dennoch fehlt es dem Roman an Kraft, die Figuren erlangen keine richtige Tiefe. Die ganze Handlung, wie bereits erwähnt, wirkt eher zusammengeschustert als fließend.

Auch die damaligen Kritiken fielen negativ aus. Man erkannte in dem Roman nichts mehr von dem Autor von „Zeiten des Aufruhrs“. Erst mit „Easter Parade“ sollte er wieder ein weiteres Meisterwerk schaffen.