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Archive for the ‘Buchrezension’ Category

Auf die Idee zu ihrem berühmten Roman „Meine Cousine Rachel“ (1951) kam Daphne du Maurier durch ein Gemälde, das Rachel Carew (1669 – 1705) darstellte, die zweite Frau eines damaligen Politikers und Großgrundbesitzers. Der Roman wurde sogleich zum Bestseller, ein Jahr später bereits verfilmt und in diesem Jahr erneut für die Kinoleinwand adaptiert.

Wie auch „Rebecca“ (1938), so handelt es sich bei „Meine Cousine Rachel“ um eine Mischung aus Krimi und Mystery, wobei die Handlung im 17. oder 18. Jahrhundert spielt. Seit dem Tod von Philips Eltern, kümmert sich um ihn sein zwanzig Jahre älterer Cousin Ambrose. Ambrose ist ein reicher Großgrundbesitzer und Philip soll einmal das Gut erben. Beide sind unverheiratet und können mit Frauen im Grunde genommen nichts anfangen. Das ändert sich jedoch, als Ambrose in Italien, wohin er auf Anraten seines Arztes reist, um dadurch seine rheumatischen Beschwerden zu kurieren, eine Frau namens Rachel kennenlernt, halb Italieniern, halb Engländerin, die er kurz darauf heiratet.

Herrschen zuhause in England zunächst Überraschung und helle Freude darüber, dass Ambrose unerwartet geheiratet hat, so nimmt die Sache eine sonderbare Wendung, als Philip ein Schreiben von Ambrose erhält, in dem steht, dass er so schnell wie möglich nach Florenz kommen solle, da er schwer erkrankt sei. Doch bei seiner Ankunft ist Ambrose bereits tot und seine Frau spurlos verschwunden.

Kaum ist Philip, der noch ein Jahr warten muss, bis er sein Erbe antreten kann, wieder zurück in Cornwall, als Rachel vor seiner Tür steht. Diese entpuppt sich als eine hübsche, liebevolle Frau, die sozusagen Leben in die Bude bringt, was dazu führt, dass Philip ihr vollkommen verfällt. Doch irgendetwas scheint mit Rachel nicht zu stimmen. Führt sie etwa eine Art Doppelleben?

Daphne du Maurier (ca. 1930)

Mit Rachel schuf Daphne du Maurier eine der mit Sicherheit geheimnisvollsten Figuren der Weltliteratur. Der ganze Roman hat im Grunde genommen nur das eine Thema: Wer ist diese Rachel überhaupt? Ist sie tatsächlich diese liebevolle und zugleich sinnliche Frau, die Philip in ihr sieht und die ihn in einen regelrechten Liebeswahn stürzt, oder ist alles bloß Fassade und sie ist in Wirklichkeit eine Betrügerin?

Das Rätsel und der Versuch, dieses aufzudecken, machen diesen Roman zu einem mysteriösen Psychothriller, der nichts zu wünschen übrig lässt. Gleich zu Beginn, wenn Philip sich die Frage stellt, wer Rachel nun eigentlich wirklich ist, herrscht diese düstere, geheimnisvolle Aura, die den gesamten Roman durchzieht.

Philip, der vollkommen unerfahren ist, weiß selbst nicht, wie ihm geschieht. Sicher ist nur, dass er Rachel nicht mehr weggehen lassen möchte, trotz dieser sonderbaren Briefe, die Ambrose in Büchern und Kleidungsstücken versteckt hat.

Besonders die zweite Hälfte des Romans reißt einen regelrecht mit, sodass man mit dem Lesen einfach nicht mehr aufhören kann. Ähnlich wie die „Überfrau“ Rebecca, so ist auch Rachel schwer zu greifen und zu begreifen. Das macht sie zu einer überaus rätselhaften Gestalt, die nicht weniger unheimliche Züge aufweist und von der man nicht sagen kann, ob sich Philip hier einen Engel oder ein Monster ins Haus geladen hat. Dies macht „Meine Cousine Rachel“ zu einem absolut fesselnden Roman, der in einem noch lange nachwirkt.

Daphne du Maurier. Meine Cousine Rachel. Insel Verlag 2017, 416 Seiten, 12,00 Euro, ISBN: 978-3-458-36197-8

 

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1927 wurden die beiden italienischen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti zum Tode verurteilt, da sie sieben Jahre zuvor einen Raubmord begangen haben sollen. Im Laufe des Prozesses aber stellte sich dieser Prozess als eine bloße Farce heraus, denn hinter dem Gericht standen niemand anderer als Banker und Großindustrielle, die den diversen sozialistischen Bewegungen, die sich in den USA formierten, einen Denkzettel verpassen wollten.

Diesen Justizskandal verarbeitete der bekannte Romancier Upton Sinclair in seinem 1928 erschienenen Roman „Boston“. Vierzig Jahre vor Truman Capotes „Kaltblütig“ schuf Sinclair damit einen dokumentarischen Roman, der es in sich hat.

In einer Mischung aus Familienroman und Justizdrama erzählt Sinclair die Geschichte der Wittwe Cornelia Thornwell, die ihre Familie plötzlich satt hat. Eines Tages beschließt sie, das Haus ihres verstorbenen Mannes, dem Großindustriellen Josiah Thornwell, zu verlassen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Dadurch verschlägt es sie in eine Arbeitersiedlung in Plymouth, wo sie als Untermieterin bei einer italienischen Familie lebt. Ebenfalls zu Gast ist dort der Intellektuelle Bartolomeo Vancetti, der mit aller Leidenschaft den sozialistischen und anarchistischen Ideen nachgeht. Nachdem Cornelia einen Arbeiteraufstand miterlebt hat, beschließt sie, sich ebenfalls für Vancettis Sache einzusetzen.

Ihr zu Hilfe kommt ihre Enkelin Betty, die ebenfalls gegen die Macht der Konzerne und Banken und gegen die soziale Ungerechtigkeit kämpfen möchte. Eines Tages kommt es zu einem brutalen Raubüberfall auf einen Geldtransporter, und kurzerhand werden Vancetti und sein Freund Sacco als Hauptverdächtige ins Gefängnis gesteckt, obwohl beide unschuldig sind. Für die Beteilgten ist klar, dass es hier nur darum geht, den sozialen Bewegungen Einhalt zu gebieten. Währenddessen setzen Cornelia und Betty alles daran, um Vancetti und Sacco zu helfen.

Erstaunlicherweise beginnt der Roman wie eine Gesellschaftssatire. Ähnlich wie Edith Wharton, so macht sich auch Upton Sinclair mit beißendem Witz über die Upper Class lustig, indem er die Thornwells als eine Familie aus habgierigen und geldgeilen Egoisten darstellt, die sich um das Erbe streiten. Das Vergnügen jedoch hat schnell ein Ende, als sich der Roman plötzlich in eine Art US-amerikanische Version von Emile Zolas „Germinal“ verwandelt, nur um dann erneut umzuschlagen und seine eigene Richtung findet.

Auch hier bleibt es zunächst bei satirischen Elemten, wenn es um die Darstellung der Industriellen und Banker geht, besonders grandios sind die Reaktionen von Deborah und Rupert Alvin auf das Verhalten ihrer Tochter Betty geschildert, die sich den sozialistischen Ideen anschließt und sogar für ein Jahr nach Ungarn und Russland reist, um dort den armen Leuten zu helfen.

Währenddessen aber entwickelt sich bereits das Drama um Vancetti und Sacco. Und hier beginnt der Roman überaus aufwühlend und nicht weniger packend zu werden. Sinclair konzentriert sich nicht nur auf das eigentliche Drama, sondern nutzt dies für einen radikalen Rundumschlag, der seinesgleichen sucht. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern seziert den Ablauf des Prozesses als eine Reihe von unerhörten Einflussnahmen seitens der Banken und der Industrie, deren Akteure über Leichen gehen, um an der Macht zu bleiben.

Die Macht der Konzerne, die Upton Sinclair beschreibt, ist überaus erschreckend und hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Man denke nur an die Bankenkrise im Jahr 2008. Trotz seiner durchweg spannenden Handlung besitzt der Roman auch so seine unverkennbaren Längen. Manchmal schießt Sinclair dadurch über das Ziel hinaus, doch wenn er sich wieder gefasst hat, dann reißt einen die tragische und aufregende Geschichte wieder voll und ganz mit.

Upton Sinclair. Boston. Manesse Verlag 2017, 1025 Seiten, 42,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2380-2

 

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Nach dem Erfolg von „Girl on the Train“ musste natürlich so schnell wie möglich ein weiteres Buch der Autorin her. Das Ergebnis trägt den Titel „Into the Water“ und handelt von dem kleinen Ort Beckford, in dem immer wieder Frauen Selbstmord begehen, indem sie sich von einer hohen Klippe in den Fluss stürzen. So auch Julias Schwester Nel, die in Beckford lebte, um dort den rätselhaften Fällen nachzugehen und daraus ein Buch zu machen.

Als Julia nach Beckford kommt, um die Leiche zu identifizieren und an der Trauerfeier teilzunehmen, versucht sie zugleich herauszubekommen, wieso sich Nel umgebracht hat. War es tatsächlich Selbstmord? Wurde sie Opfer eines angeblichen Fluches? Oder wurde sie von der Klippe gestoßen? All diese Fragen beschäftigen auch die Polizei, denn bevor Nel umgekommen ist, starb auch eine Schülerin auf ominöse Weise im Fluss.

Wie bereits „Girl on the Train“, so ist auch „Into the Water“ aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, wobei sich die persönliche Tagebuchform abwechselt mit einem allgemeinen Erzählstil. Schon allein durch den ständigen Wechsel der Perspektiven, durch Rückblenden und durch das Einweben des unvollständigen Manuskripts von Nel über das Geheimnis des Drowning Pool erschafft Paula Hawkins eine intensive Dichte, die den Leser schnell in ihren Bann zieht.

Alles dreht sich um das Geheimnis der Frauen von Beckford, um die Frage, weswegen manche von ihnen im Drowning Pool ertranken. Nel kommt dabei auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses, und nach und nach stellt sich heraus, dass Beckford an mehr als nur einem tragischen Schicksal leidet.

Man könnte fast meinen, als habe Paula Hawkins sich an dem Grundkonzept des J-Horror orieniert, als sie „Into the Water“ konzipierte. Denn das grundlegende Thema ist so gut wie identisch: die Verhinderung von Emanzipation seitens patriarchaler Strukturen. Zwar schlägt die Autorin von Anfang an tatsächlich Töne des Mytischen und Mysteriösen an, letztendlich aber entwickelt sich die Story dann doch in eine andere Richtung.

Dennoch bleibt das Rätselhafte und latent Unheimliche stets präsent: eine alte Frau, die mit den Toten kommunizieren kann, Julia, die ständig glaubt, dass ihre Schwester in ihrem Haus umgeht, der allgemeine Glaube an eine Art Fluch, der über dem kleinen Ort liegt. Im Gegensatz zu „Girl on the Train“ verzichtet Hawkins hier auf eine satirische Sichtweise. Vielmehr gestaltet sie die Geschichte als eine Art düsteres Drama, in das Julia unvermittelt hineingezogen wird.

Während man bei den entlarvenden Seitenhieben auf das Spießertum der Vorstadtbewohner immer wieder mal schmunzeln musste, so bleibt Paula Hawkins in ihrem neuen Roman ungewöhnlich ernst. Sie konzentriert sich voll und ganz auf die Trauer und den Schmerz der Figuren, verbindet diesen aber gekonnt mit einer durchgängig spannenden Handlung. Ähnlich wie Agatha Christie, so präsentiert auch Paula Hawkins eine ganze Reihe von verdächtigen Personen, um nach und nach deren Geheimnisse zu lüften. All dies macht ihren zweiten Thriller durchaus lesenswert.

Paula Hawkins. Into the Water. Blanvalet 2017, 476 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-7645-0523-3

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Hätte sich nicht Bessie Hodgson auf solch energische Weise um das literarische Erbe ihres viel zu früh verstorbenen Ehemanns gekümmert, so wäre William Hope Hodgson wahrscheinlich heute völlig unbekannt. So aber erleben seine spannenden und überaus unheimlichen Geschichten und Romane vor allem im englischsprachigen Raum immer wieder Neuauflagen.

In einer deutschen Übersetzung erschien zuletzt der Roman „Das Haus an der Grenze“ im Festa Verlag. Nun erschien dort ein weiteres Buch, das sämtliche Carnacki-Erzählungen enthält. „Carnacki, der Geisterdetektiv“ lautet der Titel. William Hope Hodgson (1877 – 1918) verfasste insgesamt neun Geschichten um den Experten des Übernatürlichen, von denen zwei erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

Man könnte Carnacki als eine Art Sherlock Holmes bezeichnen. Doch während sein berühmter Kollege knifflige Kriminalfälle löst, hat es Carnacki in der Regel mit außergewöhnlichen Phänomenen zu tun. Hodgson, der sich selbst für paranormale Erscheinungen interessierte, schuf mit seinen Carnacki-Erzählungen extrem spannende und nicht weniger unheimliche Werke, in denen es um bizarre Heimsuchungen, hinterlistige Fallen und Bedrohungen aus anderen Dimensionen geht.

William Hope Hodgson (1877 – 1918)

Es ist daher kein Wunder, dass Howard Philip Lovecraft die Romane und Erzählungen Hodgsons sehr schätzte und sie jedem ans Herz legte, der sich mit phantastischer Literatur beschäftigt. Carnacki hat es mit einer unheimlichen Attacke aus dem Nichts zu tun, bei dem ein außergewöhnlicher Dolch eine Rolle spielt, mit seltsamen Klopfgeräuschen in seinem eigenen Haus, mit einem Zimmer, aus dem so intensive Pfeiftöne klingen, dass die Bewohner des Hauses es kaum noch ertragen, mit Blut, das von der Decke tropft, mit einem schrecklichen Geisterpferd, das die weiblichen Mitglieder einer alten Familie bedroht, mit einem Gespensterschiff und mit unheimlichen Schweinewesen, die einen Mann plagen.

Es ist schwer zu sagen, welche der Geschichten in diesem Band einem am meisten begeistert, denn alle neun Erzählungen bieten nicht nur erstklassige Spannung, sondern auch echtes Gänsehautvergnügen. An bestimmten Abenden lädt Carnacki seine vier Freunde ein, um ihnen von seinem neuesten Fall zu erzählen. Was stets wie der Beginn einer klassischen Geistergeschichte beginnt, entwickelt sich schnell in eine dichte Mischung aus Mystery, Horror und Spukgeschichte, die in einem rasenden Tempo voranschreitet und dabei den Leser ganz und gar in seinen Bann zieht.

Hat man mit einer Geschichte begonnen, so ist es unmöglich, zwischendrin eine Pause einzulegen. Man möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht und vor allem, was hinter den gespenstischen Erscheinungen steckt. Auf eine unglaublich intensive Weise gelingt es Hodgson, die jeweiligen Fälle des Geisterdetektivs zu schildern, dass man sich regelrecht am Buch festklammert. Wer Hodgson nicht liest, ist selbst schuld. Ihm entgeht ein wahres Leseerlebnis und ein echter Leckerbissen unheimlicher Literatur.

Außer den neun Carnacki-Erzählungen enthält der Band auch einen Artikel Lovecrafts über Hodgson sowie ein Essay von Mark Valentine, das sich mit Leben und Werk William Hope Hodgsons auseinandersetzt.

William Hope Hodgson. Carnacki, der Geisterdetektiv. Festa Verlag 2017, 335 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-86552-435-5

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Das Autorenduo Douglas Preston und Lincoln Child haben ihren neuesten Roman auf vielfachen Wunsch geschrieben. Dies vermerken beide jedenfalls im Nachwort. Viele Leser wollten eine Fortsetzung des Romans „Ice Ship“ haben, der vor mehreren Jahren veröffentlicht wurde. „Ice Limit“ ist sozusagen das Sequel.

Es geht um ein außerirdisches Wesen, das am Grund des Pazifiks haust und für Ärger sorgt. Geschlüpft ist es aus einem Meteoriten, der bei einer Schiffskatastrophe ins Meer geplumpts ist. Der Agent Gideon Crew muss zusammen mit einem Team aus Wissenschaftlern versuchen, dem Wesen den Garaus zu machen.

Was Preston und Child mit ihrem neuen Roman bieten, ist ein für ihre Fans zugeschnittener Thriller. Dabei gingen sie jedoch eher halbherzig vor. Irgendwie schienen beide so ihre Schwierigkeiten mit dem Stoff gehabt zu haben, denn der Roman plätschert zunächst vor sich hin, ohne wirklich spannend zu werden. Wie immer allerdings fasziniert die exakte Recherche der beiden. In dieser Hinsicht haben sie nichts verlernt.

Was sie jedoch verlernt haben, ist, einen durchweg packenden Thriller zu schreiben. Das Thema muss Preston und Child selbst irgendwie gelangweilt haben, denn der Roman fängt damit an, dass man ein Alien im Pazifik entdeckt habe, die erstaunte Reaktion der Figuren allerdings bleibt aus. Auf diese Weise hätte es genauso gut heißen können, dass der Zug Verspätung hat. So etwas lähmt natürlich die Spannung erheblich. Und man fragt sich, ob das Autorenduo doch noch zu seiner früheren Stärke findet.

Leider aber bleiben zunächst wirkliche Höhepunkte aus. Zwar nimmt die Spannung bei der ersten Begegnung mit dem Ungeheuer deutlich zu, allerdings nur, um danach wieder abzuflachen. Der Grund, die Szenen wiederholen sich teilweise. Hinzu kommen diverse Logikfehler, die den beiden Autoren eigentlich hätten selbst auffallen müssen.

Zum Beispiel befindet sich das Schiff an einer Stelle des Ozeans, der mit einem Helikopter nicht mehr erreicht werden kann, nur um mehrere Seiten danach von einem Helikopter erreicht zu werden. An einer anderen Stelle betrinkt sich einer der wissenschaftlichen Assistenten, um dann mit einem U-Boot abzuhauen. Gideon Crews kongeniale Schlussfolgerung lautet, dass der Mann betrunken gewesen sein muss.

Erst gegen Ende hin nimmt dann der Roman wirklich Fahrt auf und wird zu einem furiosen Action-Horror-Seitenfetzer. Hier schimmert dann die frühere Stärke der beiden Autoren durch. An die früheren Romane der beiden Autoren allerdings reicht „Ice Limit“ nicht heran.

Douglas Preston/Lincoln Child. Ice Limit. Knaur Verlag 2017, 400 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-426-51498-6

 

 

 

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Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön … – Das denken auch die Passagiere der Fähre Baltic Charisma, die an Bord vor allem zwei Dinge wollen: Alkohol und Sex. Denn dafür ist die Autofähre berühmt wie berüchtigt. Auf jeder Reise finden dort ausufernde Partys statt, es kommt zu Schlägereien und so ziemlich jeder benimmt sich daneben. Ebenfalls bekannt ist, dass die Passagiere in der Hauptsache aus einfachen Leuten und Proleten bestehen. Alle anderen, die etwas auf sich halten, nehmen lieber ein anderes Schiff. Doch bei der jetzigen Fahrt läuft alles anders. Denn zwei Vampire haben sich an Bord geschlichen, die mit den alkoholisierten Passagieren kurzen Prozess machen.

Was Mats Strandbergs erster Horrorroman vor allem ist, ist eine gelungene Satire. Strandberg lässt kein gutes Haar an seinen Landsleuten, die sich durch die Bank weg daneben benehmen. Es wird nur noch gekotzt, gepöbelt, gesoffen und gerammelt, sodass einer der Mitarbeiter bemerkt, dass sich bei jeder Fahrt fast alle Passagiere an Bord in Urmenschen verwandeln. Am gelungensten hierbei sind die Beschreibungen des ehemaligen Schlagerstars Dan Appelgreen, der nun als Witzfigur für die Abendunterhaltung herhalten muss, indem er Karaokewettbewerbe moderiert. In den jeweiligen Kapiteln zeigt sich der Autor in Bestform, da er mit einem Wisch jeweils eine große Bandbreite an Kritik und Spott loswerden kann.

Strandberg erweist sich dabei als ein minutiöser Beobachter, was wirklich beachtlich ist. Fast scheint es so, als würde er das beschreiben, was er selbst einmal auf einer Fähre erlebt hat. Das Verhalten und die jeweiligen Reaktionen der Figuren sind hervorragend geschildert, sodass es beinahe wirkt, als würde man einer Dokumentation über den Alltag auf einer Fähre beiwohnen. Hier überzeugt Mats Strandberg auf ganzer Linie und dies ist es auch, was den Roman spannend und interessant macht.

Neben der köstlichen Satire tritt allerdings auch eine vehemente Gesellschaftskritik zutage. Der Autor nimmt das Leben auf der Fähre als eine Art Sinnbild für den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft. Was er dabei sieht, sind zerborchene Existenzen, kaputte Familien, Gewalt, Roheit – eine Gesellschaft, die sich praktisch selbst zerstört, wie es in dem Roman interessanterweise mehrmals heißt.

Doch dann kommt der Dämpfer. Denn diese durchaus düstere, dennoch immer wieder witzige Satire, verbunden mit einem treffsicheren Spott, würzt Strandberg mit der Handlung eines Horrorromans. Nach und nach werden die Passagiere Opfer zweier Vampire, bevor sie sich selbst in Vampire verwandeln. Was zunächst ebenfalls seinen Witz hat (Grusel sucht man in dem Roman vergeblich), wird jedoch in der zweiten Hälfte des Romans zu einer Art bloßen Aneinanderreihung an blutigen Geschehnissen, die zunehmend langweilen, da sie alle exakt nach dem gleichen Muster ablaufen.

Ein wenig mehr Einfallsreichtum hätten den Horrormomenten durchaus gut getan, so aber präsentiert Strandberg lediglich einen uninspirierten Hollywood-Vampirismus, indem sich die Verwandlungen genauso ereignen wie in Zombie- oder eben Vampirfilmen. Zwar schimmern auch in der zweiten Romanhälfte immer mal wieder satirische Aspekte hindurch, besonders wenn es um den ehemaligen Schlagerstar geht, doch helfen diese nicht, um den Roman zurück in sein ursprüngliches Fahrwasser zu bringen.

Aus diesem Grund hat Mats Strandberg zwar eine geniale und lesenswerte Satire geschaffen, als Horrorautor aber muss er eindeutig noch üben.

Mats Strandberg. Die Überfahrt. Fischer/TOR 2017, 506 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-596-29599-9

 

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„Die neunte Stadt“ heißt der Debutroman von J. Patrick Black, mit knapp 800 Seiten ein echter Wälzer. Wie bei vielen Erstlingen, so scheint es auch hier, als habe Black so ziemlich alles, was er an SF gelesen und gesehen hat, auf die eine oder andere Weise in den Roman hineingezwängt. Das Ergebnis ist folglich ein umfangreiches Werk, das zwar voller Ideen steckt, das aber zugleich stets an andere Romane und Filme erinnert.

So umfangreich „Die neunte Stadt“ ist, so kurz lässt sich die Handlung schildern: es geht darum, dass die Menschen sich auf eine außerirdische Invasion vorbereiten, nachdem sie bereits vor mehreren hundert Jahren von Aliens heimgesucht wurden.

Black schreibt den Roman aus der Perspektive von sieben Protagonisten in Gegenwartsform, was anscheinend einen neuen Trend darstellt, der z. B. bereits von Paula Hawkins in „Girl on the Train“ und auch von Mats Strandberg in „Die Überfahrt“ Verwendung findet. Black wendet diesen Stil für eine detaillierte Beschreibung einer zukünftigen Gesellschaft mit all ihren verschiedenen Facetten an, die alles daran setzt, um sich gegen die erneute außerirdische Invasion zu verteidigen.

Die Menschen haben dabei von den Außerirdischen in Sachen kriegerische Auseinandersetzung gelernt, denn durch sie sind sie in den Besitz geistiger Fähigkeiten gekommen, mit deren Hilfe effizienter gegen die Invasoren vorgegangen werden kann. Intersssant hierbei ist, dass Black die Geschehnisse ausschließlich aus der Perspektive von jungen Menschen, wie etwa der Nomadin Naomi oder dem Jungen Jax, der eine Ausbildung in einer Militärakademie absolviert, erzählt. Dies lässt in einem die Frage entstehen, ob „Die neunte Stadt“ nicht eigentlich als Jugendbuch gedacht war, beeinflusst etwa durch „Die Tribute von Panem“ und ähnlichen Romanen, obwohl die jeweiligen Handlungen natürlich nichts miteinander zu tun haben.

Wie dem auch sei, der Roman macht trotz der vielen „geborgten“ Ideen (wie z.B. der riesigen Kampfmaschinen, die man nicht nur in Hollywood, sondern auch bei Alfred Döblins „Berge, Meere und Giganten“ findet) Spaß und ist flüssig zu lesen. Positiv zu bewerten ist ebenfalls, dass Black versucht, jeder Figur eine individuelle Stimme zu geben, was den Roman zusätzlich interessant und vielfältig macht.

„Die neunte Stadt“ wird durch das gewitzte Ideensammelsurium zu einem Lesevergnügen mit Quasi-Déjà-vu-Erlebnissen. Black setzt an den Anfang nicht den obligatorischen großen Knall, sondern nimmt sich im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, um die Handlung langsam zu entwickelt und die Spannung zu steigern, wobei er im Laufe der Geschehnisse auch mit Action und dem einen oder anderen Gag nicht geizt. Kurz: spannende Unterhaltung zwischen SF und Fantasy.

J. Patrick Black. Die neunte Stadt. Heyne Verlag 2017, 792 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 978-3-453-31788-8

 

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