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Posts Tagged ‘Beat Generation’

Die 60er Jahre begannen mit einem Paukenschlag und endeten mit einem Paukenschlag. Am Anfang stand Hitchcock, der mit einem bis dahin noch nie da gewesenen Thriller die Zuschauer in Panik versetzte, am Ende mit „Nacht der lebenden Toten“ ein Low-Budget-Horrorfilm, der das US-amerikanische Kino komplett verändern sollte. Zwischendrin schuf David Lean seine legendären Leinwandepen, zeigte der Italo-Western, wie schmutzig Cowboys wirklich waren, und kreierte Roger Corman mit den berühmten Poe-Adaptionen seine erfolgreichsten Filme. Spätestens „Planet der Affen“ (1968) zeigte, dass die sozialen Bewegungen auch im Kino angekommen waren, während in Deutschland Winnetou und Old Shatterhand in die Kinogeschichte eingingen, nicht zu vergessen auch der berühmte Satz „Hier spricht Edgar Wallace“, der eine Hochphase deutscher Trash-Kunst einleitete. European Trash ist überhaupt das Stichwort, denn während die Hammer Studios in England weiterhin auf einer Erfolgswelle schwammen, kam es auf dem Festland zu den einzigartigen Koproduktionen zwischen Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien, die geradezu in Farbe schwelgten und Hammer als auch den American International Pictures nicht nur Konkurrenz machten, sondern diese auch beeinflussten.

Psycho“ (1960) ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor wenigen Jahren entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über den Inhalt von „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Und die Frage, die man sich seitdem stellt, lautet nicht, ob man Janet Leighs Brüste sieht oder das Messer tatsächlich in den (Puppen-)Körper dringt, sondern, ob die Schauspielerin blinzelt oder nicht, nachdem die Kamera sich langsam von ihrem Schreck erstarrten Gesicht entfernt. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, denn Leigh blinzelt zwar nicht, bewegt aber zweimal hintereinander kaum merkbar ihre Augen, da sie nun einmal krampfhaft versucht, nicht zu blinzeln.

„Psycho“ gilt als Begründer des modernen Horrorfilms, bevor neun Jahre später Romeros „Nacht der lebenden Toten“ für eine erneute Wende sorgte. Interessant ist, dass sich „Psycho“ dennoch auf eine geradezu klassische, ja man möchte fast schon sagen traditionelle Erzählweise konzentriert, wenn es darum geht, das Motel zu verorten. Dieses befindet sich nämlich auf einer kaum mehr befahrenen Landstraße, praktisch irgendwo im Nirgendwo. Wie es sich später herausstellt, sind bereits vor dem berühmten Mord mehrere Personen in dieser Gegend spurlos verschwunden. Was natürlich fehlt, sind irgendwelche Gerüchte, doch ansonsten kommt man mit diesen Merkmalen den Aspekten der klassischen Geisterhausgeschichte sehr nahe. Hier vor allem den Geschichten von Ambrose Bierce (1842 – 1914), der mehrfach über einsam gelegene Häuser in den USA schrieb.

So gesehen haben wir hier die moderne Variante eines Spukhauses vor uns, in dem kein Gespenst für Furore sorgt, sondern Norman Bates für Gänsehaut sorgt. Ende der 90er versuchte sich Hollywood an einem Remake und scheiterte dabei kläglich. Es ist immer die Frage, inwieweit es für einen Regisseur sinnvoll ist, sich ausgerechnet an einem Klassiker zu versuchen. Das Ergebnis von 1998 war jedenfalls ein durchschnittlicher Slasher, der all das falsch machte, was Hitchcock richtig gemacht hat.

1966 spielte der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni mit der Wahrnehmung der Zuschauer. In seinem Meisterwerk „Blow Up“ geht es um den Fotografen Thomas, der bei einem seiner Shootings in einem Park ein Liebespaar fotografiert. Als er das Foto vergrößert, sieht er aus einem Gebüsch eine Hand mit einer Pistole ragen. Ein anderes Foto zeigt die Leiche des Liebhabers. Hat also Thomas einen geplanten Mord fotografiert?

„Blow Up“ wurde zu dem Film der Beat Generation und der damit einhergehenden sozialen Veränderungen. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, mit dem sich Roger Corman in seinen Poe-Filmen beschäftigte, ist in „Blow Up“ längst ausgefochten. Thomas macht nur das, was ihm Spaß macht. Er pfeift auf althergebrachte Konventionen und sucht seine Erfüllung im schnellen Sex und der freien Kunst.

Doch die Fotos, die er im Park aufgenommen hat, bringen ihn zum Nachdenken und auch zum Überdenken seiner eigenen Tätigkeit. Im Zentrum des Films steht ein Spiel mit der Wahrnehmung. Zeigen uns Fotos die tatsächliche Realität oder reimen wir uns beim Betrachten der Aufnahmen bloß etwas zusammen? Welche Interpretation ist die richtige bzw. gibt es überhaupt eine Interpretation, die völlige Gültigkeit besitzt?

Wie bereits Hitchcock mit „Das Fenster zum Hof“, so stellt auch Anonioni in „Blow Up“ zentrale Fragen im Hinblick auf die Theorie des Films. Denn was ist Kino anderes als eine visuelle Manipulation? Oder ist Kino Wirklichkeit? Gibt es so etwas wie eine objektive Wahrnehmung? All diese recht schweren und bis heute noch immer diskutierten Fragen setzt Anontioni spielerisch in seinem Klassiker um. Dario Argento machte sich einen zusätzlichen Spaß daraus, indem er den Hauptdarsteller David Hemmings für seinen Thriller „Profondo Rosso“ (1975) engagierte, der sich mit ganz ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt.

„Blow Up“ zählt zu Michelangelo Antonionis einzigem erfolgreichen Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde und bei den Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis gewann.

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Jack Kerouac (1922 – 1969) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Beat Generation. Mit seinem Roman „On the Road“ verfasste er einen seiner größten Erfolge und wurde zum gefeierten literarischen Star. Die Geschichte von Jack Duluoz und seines Freundes Cody, die quer durch die USA reisen, sich um nichts großartig kümmern, sondern im Grunde genommen eine Dauerparty feiern, schrieb Kerouac zwar bereits 1951, wurde aber erst 1957 veröffentlicht.

Der Ruhm aber fraß Kerouac regelrecht auf. Drogen und Alkohol trieben ihn in eine Krise, hinzu kam die ständige Belestigung von Fans, die sogar in sein Haus eindrangen, um mit ihm eine Party zu feiern.

Um diese Phase seines Lebens zu verarbeiten, verfasste Jack Kerouac 1961 den Roman „Big Sur“, wie „On the Road“ ein autobiographisch geprägter Roman, in dem Jack Duluoz, der inzwischen ein gefeierter Autor ist, vor seinen Fans in eine Ferienhütte flieht. Völlig abgeschieden von der Öffentlichkeit verbringt er dort drei Wochen, bevor er wieder zurück nach San Francisco kehrt.

Eigentlich hofft Jack, sich in der Einsamkeit von dem ganzen Rummel um seine Person erholen zu können. Nachdem er jedoch wieder bei seinen Freunden ist und er erneut mit dem Trinken beginnt, kommt es zum psychischen Zusammenbruch …

Jack Kerouac (1956)

Wenn man will, könnte man „Big Sur“ als die direkte Fortsetzung von „On the Road“ betrachten. Während der erste Roman allerdings von einer nicht versiegenden Lebensfreude und einem wahren Lebensrausch erfüllt ist, so schleichen sich in „Big Sur“ mehr und mehr düstere Töne ein. Wie auch „On the Road“, so verfasste Kerouac „Big Sur“ ebenfalls in einem rasenden Schreibstil, nur dass er dieses Mal sein Alter Ego Jack Duluoz in einen psychischen Abgrund reißt.

Jack kann einfach nicht mehr aufhören mit dem Trinken. Er nimmt keine Nahrung mehr auf, sondern frönt ständig nur dem Alkohol. Wenn kein Wein oder Schnaps in der Nähe ist, beginnen bei ihm sofort die Entzugserscheinungen. Jack Kerouac blickt in „Big Sur“ hinter die Fassade seines eigenen Ruhms, beschreibt beinahe minutiös seinen psychsichen Verfall. Der Roman treibt den Leser genauso mit sich wie „On the Road“, doch herrschen in der Quasi-Fortsetzung eher finstere Farben, eine unheimliche Ernücherung macht sich breit, der Figur Jack wird auf einmal klar, dass er nie an die Konsequenzen seines Dauer-Spaßes gedacht hat.

„Big Sur“ ist ein düsterer Sprachrausch. Jack Kerouacs atemloser Schreibstil lässt den Leser in geradezu rasendem Tempo durch die Geschichte gleiten, die tragisch, aber nicht ohne Witz, auf eine unaufhaltbare Katastrophe zusteuert. Es macht den Eindruck, als würde Jack mit hundertachtzig Sachen auf eine Mauer zu rasen. Ein toller Roman, der noch lange in einem nachhallt.

Jack Kerouac. Big Sur – Die Zerstörung. Festa Verlag 2017, 320 Seiten, 16,80 Euro, ISBN: 978-3-86552-504-8

 

 

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