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Archive for Mai 2014

Nachdem im vergangenen Jahr Südkoreas Filmindustrie K-Horror mit ein paar bemerkenswerten Filmen reanimierte („Killer Toon“ und der schwarzhumorige Thriller „Doctor“ gehören zu den besten Filmen, die das Genre bisher hervorgebracht hat), waren wir natürlich gespannt, wie es dieses Jahr damit weitgehen würde. Anfang Mai war es dann endlich soweit. Auf dem Jeonju International Film Festival hatte „A Touch of Unseen“ seine Weltpremiere.

A Touch of Unseen

A Touch of Unseen (Gwi-Jeob, 2014). Offizielles Kinoplakat.

Der Originaltitel lautet „Gwi-Jeob“, was in etwa „Von einem Geist besessen“ bedeutet. Regie führte Lee Hyeon-Cheol, der mit dieser Produktion sein Debut feiert. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern, die von einem Geist heimgesucht werden. Die Heimsuchung erfolgt jedoch auf eine sehr heimtückische Weise. Denn der Geist vergewaltigt die Frauen, während sie schlafen. Um allem noch einen Hauch von Suspense zu verleihen, würzt Lee seinen Erstling mit einem Stalker, welcher die jüngere Schwester verfolgt.

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A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Für Lees Debut stand nicht viel Geld zur Verfügung. Um genau zu sein, das Budget war so niedrig, dass nicht einmal Geld für genügend Scheinwerferlicht vorhanden war. Die Wohnungen der beiden Schwestern gleichen sich so sehr, dass man geneigt ist, zu vermuten, die Szenen seien in ein und derselben Wohnung gedreht worden. Doch Lee macht aus der Not eine Tugend. Das geringe Budget, das unweigerlich mit einer geringen Ausstattung verbunden ist, benutzt der junge Regisseur, um sozialkritische Statements einzuweben. Die Wände der Wohnungen sind kahl und vermitteln dadurch eine deprimierende Leere. Die kleinen Esstische wirken wenig einladend. Lee skizziert damit eine soziale Kälte, die sich bis hinein in die Privatleben der Individuen erstreckt. Auch die überlange Liebesszene zwischen der jüngeren Schwester und ihres damaligen Freundes und jetzigen Stalkers wirkt alles andere als erotisch. Vielmehr zeigt sich auch hier eine soziale Kälte, eine vollkommene Lieblosigkeit. Die Protagonisten wirken völlig verloren. Eine auf diese Weise kreierte Sozialkritik hat es im bisherigen modernen koreanischen Kino noch nicht gegeben. Es scheint fast so, als habe sich Lee Hyeon-Cheol an den düsteren skandinavischen Thrillern orientiert.

Stellenweise erscheint die Optik des Films ein wenig unbeholfen. In manchen Szenen klammert sich Lee an die Kameraarbeit des Thrillers „Hide and Seek“, der vergangenes Jahr für eine sensationelle Überraschung sorgte. Gleichzeitig schimmert die Atmosphäre der Horrorfilme der 70er Jahre durch, in denen es nicht selten um Besessenheit ging. Dies spiegelt sich auch in der Filmmusik wider. Es ist kaum zu glauben, doch „A  Touch of Unseen“ dürfte der erste koreanische Horrorfilm sein, in dem psychedelische Musik verwendet wurde. Der Soundtrack ist überaus interessant und versetzt den Zuschauer beinahe in Trance.

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A Touch of Unseen (Szenenfoto)

Die Frage, die man sich nun stellen kann, lautet, aus welchem Grund man eine Low Budget-Produktion für die „Saison-Eröffung“ ins Rennen schickte. Der Grund dürfte folgender sein: vergangenes Jahr waren es vor allem Low Budget-Produktionen, die für viel Diskussionen sorgten und überraschende Erfolge einfuhren. Neben „Hide and Seek“ war „The Terror Live“ ein grandioser Wurf eines Regieneulings. Wahrscheinlich wollte man auf diesen Erfolgen aufbauen. Doch kann man jetzt schon sagen, dass „A Touch of Unseen“ ein solcher Erfolg nicht vergönnt sein wird. Dafür geschieht zu wenig, dafür ist der Film zu ruhig und dafür ist Lees Arbeit zum Großteil zu TV-lastig.

Dennoch ist dieser Film sehenswert und wird einen gewissen, wenn auch kleinen, Erfolg für sich verbuchen können.

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Bereits am 14. Mai fand das 50. Paeckchang Artist Festival statt, bei dem die besten Produktionen und Schauspieler aus Film und Fernsehen ausgezeichnet werden. Für ein Jubiläum hätte man sich mehr erwartet. Die Veranstaltung ging zügig voran, ohne aber nennenswerte Höhepunkte zu liefern. Möglicherweise wurde aber auch das Programm aufgrund des tragischen Seeunglücks vor der Küste Mokpos zurückgefahren.

Die stets etwas wirre Preisvergabe hatte auch dieses Mal Auszeichnungen zu vergeben, deren Sinn nicht ganz nachvollziehbar ist. So erhielten nicht die Kostümdesignerinnen die Preise für die besten Kostüme, sondern die in einem Drama am besten angezogene Schauspielerin. Zumindest Schauspielerin Jun Ji-Hyun wies darauf hin, dass den Preis eigentlich die Designerinnen erhalten sollten und sie daher den Preis für sie in Empfang nimmt. – Bleibt zu hoffen, dass die Veranstalter nächstes Jahr umdenken und den Preis wirklich an die Kostümdesignerinnen vergeben werden.

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„Secret Love Affair“ erhielt u. a. den Preis für die beste Hauptdarstellerin und das beste Skript.

Jun Ji-Hyun erhielt dann auch gleich mehrere Preise, unter anderem als beste Darstellerin im TV. Weitere Preise erhielt die leicht skandalös angehauchte TV-Serie „Secret Love Affair“, in der es um eine Liebesbeziehung zwischen einer älteren Frau und einem 20 Jahre jüngeren Mann geht. Das sehr erotisch angehauchte  Drama hat die Auszeichnungen durchaus verdient. Düstere, satte Farben, sehr gute Schauspieler und eine stets knisternde erotische Atmosphäre beherrschten die Serie auf fast perfekte Weise.

Als bester Spielfilm wurde – wie nicht anders erwartet – Koreas derzeitiges Aushängeschild „Snowpiercer“ ausgezeichnet. Bong Joon-Hu erhielt den Preis als bester Regisseur. Leider gingen Thriller wie „Hide and Seek“ und „The Terror Live“ leer aus.

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AlrauneHanns Heinz Ewers (1871-1943) war das, was man als Skandalautor bezeichnen könnte. Nicht selten wurden seine Werke für pornographisch gehalten, gingen sie doch ziemlich direkt auf erotische Sachverhalte ein (denselben Vorwurf musste sich bekanntlich Emile Zola gefallen lassen). 1911 veröffentlichte Ewers mit Alraune seinen bekanntesten Roman. Es geht darin um eine künstlich gezeugte Frau, die eine unwiderstehliche sinnliche Ausstrahlung sowohl auf Männer als auch auf Frauen ausübt und jeden, der mit ihr schlafen möchte, ins Verderben zieht.

Ewers‘ Roman wurde bereits mehrmals verfilmt. Marc Gruppe und Stephan Bosenius haben sich nun an eine Hörspieladaption gewagt, die versucht, der Mischung aus Drama, Schauerroman und Erotikthriller gerecht zu werden. Die Geschichte spielt im Jahr 1905. Eine Gruppe recht verdorbener Menschen, darunter auch Mediziner, kommen auf die bizarre Idee, eine Prostituierte mit dem Samen eines kürzlich gehängten Lustmörders zu befruchten. Das Experiment gelingt. Das auf diese Weise geborene Kind erhält den Namen Alraune ten Brinken. Bereits im Kindesalter stiftet sie ihre Spielkameradinnen zu bösartigen Streichen an. Als sie schließlich 20 ist, verfallen ihr sowohl Männer als auch Frauen. So auch Frank Braun, der als Vormund Alraunes im Testament seines Onkels bestimmt wurde.

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Hanns Heinz Ewers

Wer die Reihe „Gruselkabinett“ bereits kennt, wird bei Alraune sicherlich sehr überrascht sein. Die beiden Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius wagen sich diesmal über die bisherigen Darstellungen sinnlicher Anspielungen weit hinaus. Das Ergebnis, um dies vorweg zu nehmen, ist absolut grandios. Wir erleben hier ein dichtes, geradezu rasantes Hörspiel, das den Hörer keine Sekunde lang zur Ruhe kommen lässt. Wahnsinn, Begierde und Sadomasochismus treiben in dem Stück die Dramatik im wahrsten Sinne des Wortes auf den Höhepunkt. Der pädophile Geheimrat Jakob ten Brinken beginnt sich, vor Alraune zu erniedrigen, nur um in ihrer Nähe sein zu können. Die beiden lesbischen Freundinnen Frieda und Olga buhlen um Alraunes Aufmerksamkeit und Frank Braun gibt sich mit Alraune diversen SM-Spielchen hin. Hinzu kommt ein akustisch in Szene gesetzter „Handjob“, der wohl bisher einzigartig in der Geschichte des Labels Titania Medien sein dürfte.

Alraune ist dennoch alles andere als triviale oder rein auf Erotik fokussierte Unterhaltung. Der Hörer darf sich auf ein anspruchsvolles und niveauvolles Hörspiel freuen. Die Dialoge sind wundervoll und wie immer von erstklassigen Schauspielern vorgetragen. Die Musik unterstreicht hervorragend die zunehmende Dramatik des Geschehens. Marc Gruppe und Stephan Bosenius gelingt mit dem Stück Alraune, das man ohne Weiteres als Meisterstück bezeichnen kann, eine perfekte Mischung aus klassischer Schauergeschichte und modernem Erotikthriller. Kurz: ein Garant für einen weiteren Hörspielpreis.

Alraune. Buch: Marc Gruppe (nach Hanns Heinz Ewers), Produktion: Marc Gruppe und Stephan Bosenius, Sprecher: Johannes Raspe, Hans Bayer, Sabine Bohlmann, Liane Rudolph, Gabrielle Pietermann, Wolfgang Welter, Bene Gutjan, Jaqueline Belle u. a., Titania Medien 2014, Laufzeit: 89 Minuten.

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Seit diesem Jahr geistert ein neues Wort durch die Medien. Gemeint ist die Abkürzung Cli-Fi, die für die Bezeichnung climate fiction steht. Angeblich stammt dieser Begriff von dem Umweltaktivisten Dan Bloom. Sicher ist nur, dass nun auch zunehmend Filmkritiker diesen Begriff verwenden, um auf eine Reihe von Filmen hinzuweisen, die sich mit demselben Thema auseinandersetzen: der zunehmenden Umweltzerstörung durch den Menschen und deren (für den Menschen) katastrophalen Folgen.

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Kinoplakat zu Godzilla (2014)

In diesem Jahr gehen gleich drei Filme an den Start, die auf Umweltprobleme aufmerksam machen wollen. Godzilla, Into the Storm und die koreanische Produktion Snowpiercer. Allen drei gemeinsam ist, dass sie das Verhalten des Menschen für die in den Filmen dargestellten Katastrophen verantwortlich machen. Ob die Umweltzerstörung durch Radioaktivität oder Tsunamis verursacht wird oder durch den Treibhauseffekt – die Menschheit bekommt die Konsequenzen im Kino radikal zu spüren. Der von Indie-Regisseur Gareth Edwards reanimierte Godzilla trampelt auf San Francisco herum, in Into the Storm sind es Super-Tornados, die eine Stadt heimsuchen, und in Snowpiercer hat sich die Erde in eine Eiswelt verwandelt, durch die der Snowpiercer seine Runden zieht. Snowpiercer geht hier einen Schritt weiter als die anderen beiden Filme. Denn er versteht sich in erster Linie als gesellschaftskritisch.

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Kinoplakat zu „Into the Storm“ (2014)

Nimmt man Darren Aronofskys Bibel-Katastrophen-Film Noah mit auf, so sind es in diesem Jahr bereits vier Filme, die sich mit dem Thema Umweltkatastrophe auseinandersetzen. Man darf jedoch keine zu hohen Erwartungen an die „Botschaften“ dieser Big-Budgets richten. Die Kritik schwingt zwischen den Szenen und Sequenzen mit. Eine in den Vordergrund gestellte Kritik am menschlichen Handeln gegenüber der Umwelt hätte fatale Folgen für das Geschäft. Zuschauer von Blockbustern möchten in aller erster Linie unterhalten werden, nicht aber mit ihren Alltagsproblemen und Öko-Botschaften konfrontiert werden. Wiederum eine Ausnahme ist Snowpiercer, der die Kritik an die erste Stelle setzt, was damit zu tun hat, dass koreanische Filme (auch wenn es sich um Actionfilme handelt) direkte Kritik an Gesellschaft und Politik üben. Eine Folge der Diktatur, die in Südkorea bis zum Ende der 80er Jahre herrschte und in der Kritik mit dem Tode bestraft wurde.

220px-Frogsfilmposter 220px-WorldcollideDoch kommen wir zurück auf die Bezeichnung Cli-Fi. Setzt sich dieser Begriff durch, so gibt es bald tatsächlich ein neues Subgenre, in das nicht nur die aktuellen Katastrophen-SF-Fantasy-Filme gestopft werden können, sondern auch ältere Produktionen ein neues Zuhause finden. Ein Beispiel wäre Emmerichs The Day after Tomorrow. Aber auch Trash-Filme wie Frogs oder Die Prophezeiung würden unter diesen Begriff fallen. Beide Produktionen stammen aus den 70er Jahren. Nicht weniger der SF-Klassiker Silent Running, der ebenfalls aus den 70er Jahren stammt. Die 50er Jahre wären mit Filmen wie When Worlds Collide dabei. Kurz: man findet eine große Anzahl an Produktionen, die genau in dieses Schema passen. Ein Schema, das bisher jedoch ohne Namen geblieben ist. Die Bezeichnung Cli-Fi könnte hierbei durchaus als nützliche Kategorie dienen. Man darf also gespannt sein, ob sich dieser Begriff durchsetzen wird.

 

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2 Jahre FILM und BUCHUnd schon wieder ist ein Jahr um. Für uns heißt das: zwei Jahre FILM und BUCH. 2010 erblickte das erste e-Magazin das Licht der Welt. Seitdem sind es sieben Ausgaben geworden. Ausgabe 8 ist gerade in Vorbereitung. Interessant ist hierbei, dass Ausgabe 7 und Ausgabe 3 die bisher erfolgreichsten e-Magazine sind. Das Schlusslicht bildet Ausgabe 4.

Seit Sommer 2013 haben wir begonnen, Interviews mit interessanten Regisseuren, Verlegern und Autoren zu führen. Dabei gelang es uns, mit so bekannten Regisseuren wie Larry Fessenden (der führende Indie-Regisseur in den USA), Sebastian Niemann (Regisseur von u. a. „Das Jesus Video“) und Ivan Zuccon (der zurzeit bekannteste italienische Horrorregisseur) in Kontakt zu kommen. Alle drei übrigens unwahrscheinlich nette Menschen. Innerhalb der literarischen Branche konnten wir bisher Interviews mit dem Bestsellerautor Andreas Eschbach, dem Verleger Michael Kirchschlager und den Hörspiel-Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius führen.

Zurzeit planen wir, auch japanische und koreanische Filmemacher zu kontaktieren, was sich aber bisher als eher schwierig erwies. Dennoch arbeiten wir weiter daran, denn besonders der koreanische Filmmarkt hat weltweit eine einzigartige Entwicklung durchgemacht, die keineswegs zum Erliegen gekommen ist.

Das Magazin-Blog war übrigens zunächst nur für das e-Magazin gedacht. Da wir aber merkten, dass es zu den unterschiedlichen Themen noch vieles mehr gibt, beschlossen wir, das Blog als eine Ergänzung zum Magazin zu führen. So werden hier mehrmals im Monat neue Artikel, Essays und Rezensionen veröffentlicht (ingesamt befinden sich bisher 120 Texte online). Den Schwerpunkt koreanische Popkultur werden wir weiterhin beibehalten. Inzwischen interessieren sich in Deutschland mehr und mehr Leute für koreanische Filme und K-Pop. Daher werden wir weiterhin versuchen, über die aktuellen Strömungen innerhalb der koreanischen Popkultur zu berichten.

Wir möchten die Chance auch nutzen, um uns bei allen Lesern zu bedanken, die auf unser Blog kommen und unser kostenloses e-Magazin herunterladen (das übrigens nicht nur hier erscheint, sondern auch auf beam-ebooks und auf zulu-ebooks). Wir hoffen, euch weiterhin spannende und interessante Artikel liefern zu können und wünschen euch weiterhin viel Spaß mit FILM und BUCH.

 

 

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aufdenspurendesdrittenmannesFilmbücher gibt es viele. Doch nur wenige dieser Werke können von sich behaupten, zugleich die Funktion eines Stadtführers zu übernehmen. Wie dies funktionieren kann, macht der Autor Alexander Glück vor – und zwar in seinem Buch über die Hintergründe zu dem Filmklassiker „Der dritte Mann“.

Glück erzählt darin die Hintergründe der Produktionsgeschichte, erwähnt diverse Fehler, die sich in den Film eingeschlichen haben, und erzählt von der Erfolgsgeschichte der unverkennbaren Filmmusik. Zusätzlich berichtet er über die Geschichte der Kanalisation Wiens, dem eigentlichen „Star“ des Films von Carol Reed. Auch die Kurzbiographien der einzelnen Schauspieler und Produzenten werden erwähnt. Was dieses Buch zu einem Stadtführer macht, ist, dass der Autor auf die einzelnen Schauplätze des Films und dabei zugleich auf die jeweiligen historischen Hintergründe eingeht. Fotos von Willfried Gredler-Oxenbauer veranschaulichen Glücks Text, indem sie die Originalschauplätze sowie Wiens Kanalisation zeigen.

Man muss betonen, dass dieses Buch sich vor allem als Stadtführer versteht. Wer darin konkrete Informationen über den „Dritten Mann“ erfahren möchte (wie z.B. in einem Buch über Filmgeschichte), wird wahrscheinlich eher enttäuscht sein. Die recherchierten Hintergründe bleiben dann doch sehr oberflächlich und würden auch in das Booklet einer DVD passen. Wer aber das Buch für seinen nächsten Wienurlaub verwenden möchte, hat mit Alexander Glücks Filmstadtführer einen kurzweiligen und durchaus originellen „Wegweiser“ zur Hand, der dazu dient, Wien einmal aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten. Die kurzen Hintergrundberichte zur Produktion des Films lassen sich dann entweder auf der Reise nach Wien oder in einem Wiener Kaffeehaus lesen.

Auf den Spuren des Dritten Mannes in Wien. Autor: Alexander Glück. Verlag: Pichler Verlag 2014, 80 Seiten,14,99€, ISBN: 978-3-85431-664-0

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Als Lost Footage werden Filme bezeichnet, die vorgeben, Aufnahmen von Personen zu sein, die während ihrer Dreharbeiten spurlos verschwunden oder auf sonderbare Art ums Leben gekommen sind. Viele Zuschauer meinten, dass „Blair Witch Project“ in dieser Hinsicht das Rad neu erfunden hätte. Dem ist nicht so. Bereits Ende der 70er Jahre verwendete Ruggero Deodato diese Stilelemente für seinen Kannibalenfilm „Cannibal Holocaust“. Zudem existierten bereits früher Filme, deren Dramaturgie sich an der Art und Weise von Reportagen orientierte. Als Beispiel sei hier George R. Romeros Klassiker „Night of the Living Dead“ genannt.

Blair_Witch_Project„Blair Witch Project“ befreite allerdings die Handlung von allen mithilfe eines Drehbuchs skizzierten dramaturgischen Elementen und ließ nur noch mehr Improvisation zu. Gleichzeitig kam dem Film die Digitalisierung beim Filmdreh zugute. Digitalkameras führen zu einer deutlichen Senkung der Produktionskosten, da man kein physisches Filmmaterial mehr benötigt und verpatzte Szenen daher keine enormen Zusatzkosten verursachen. Zuschauer reagieren auf improvisierte Szenen, in denen unbekannte Schauspieler agieren, anders als bei einem Spielfilm. Die Rezipienten stellen sich unweigerlich die Frage: Ist das echt? Wichtig hierbei ist natürlich ein passendes Marketing. Ein Film, der sich als Reportage bzw. als Lost Footage verkaufen möchte, muss so tun, als wäre er Teil unserer Realität. Bei „Blair Witch“ geschah dies bekanntermaßen durch Gerüchte, die gezielt in Foren verbreitet und auf einer extra gestalteten Homepage gesammelt wurden. Somit war das Marketing auf einen einfachen psychologischen Reiz ausgelegt: auf die Anstachelung der Neugierde. – Verbunden natürlich mit der gezielten Aufrechterhaltung von Ungewissheit, was die Echtheit des eigentlichen Filmmaterials beinhaltet.

Der Erfolg des Films führte innerhalb kürzester Zeit zu einer Unzahl an weiteren Filmen dieser Art. Dabei erweist sich das Subgenre Lost Footage zwar Genre übergreifend, doch beziehen sich die meisten Produktionen auf das Horrorgenre. Dies hat wiederum Kostengründe. Denn nichts ist so günstig wie einen Horrorfilm zu drehen. Auch die großen Studios versuchten, auf den Zug aufzuspringen und brachten mit Special Effects überfrachtete Produktionen auf den Markt.

Das Konzept, unbekannte Schauspieler für einen quasi-dokumentarischen Film zu verwenden, ist nichts Neues. Man könnte sogar soweit gehen, Lost Footage als eine Art Reanimierung des italienischen Neorealismus zu bezeichnen. Auch damals wurde gezielt mit Laiendarstellern gearbeitet. Das Ziel des Films war es, die Realität so exakt wie möglich wiederzugeben. Manche der damaligen Regisseure vergaßen dabei, eine Geschichte zu erzählen. Der Filmkritiker André Bazin erwähnte z.B. einen Regisseur, dessen größter Wunsch es war, einen Film über einen Menschen zu drehen, der nichts erlebt. In dieser Hinsicht kommen die Lost Footage-Filme dem Konzept des Neorealismus ziemlich nahe. Sie versuchen, ein genaues Abbild der Realität zu schaffen, und einen Großteil des Films geschieht absolut nichts. Auch wenn dies ironisch klingt, so trifft dies dennoch auf die meisten Lost Footage-Filme zu.

Die Vielzahl der Filme, die innerhalb dieses Subgenres produziert werden, bedeutete jedoch auch eine Große Differenz in der Qualität der Produktionen. Billig muss nicht bedeuten, dass ein Film schlecht ist. Aber es heißt auch, dass nicht jeder, der weiß, wie man eine digitale Handkamera bedient, ein guter Regisseur ist. Im folgenden sollen ein paar bekannte und weniger bekannte Lost Footage-Filme als Beispiele aufgeführt werden:

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St. Francis Experiment (2000) des Regisseurs Fred Nicolaou ist ein Film, in dem so gut wie nichts passiert. Eine Gruppe Wissenschaftler möchte eine Nacht in einem Geisterhaus verbringen, um Beweise für die angeblichen Spukphänomene zu sammeln. Der Film besteht in der Hauptsache aus albernem Herumrennen und langweiligen Dialogen. Der Film führte dazu, dass Nicolaou wieder zu dem zurückkehrte, was er wirklich kann: der Tätigkeit als Filmeditor.

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Paranormal Activity (2007) stammte aus der Feder des Regisseurs Oren Pali. Mit zwei völlig unbekannten Schauspielern drehte er eine Geschichte über Spukphänomene in einem Haus. Das von den Phänomenen geplagte Ehepaar möchte die Ereignisse dokumentieren. In dem sehr erfolgreichen Film passiert nicht sonderlich viel. Dennoch sorgte er beim Publikum für reichlich Gänsehaut. Der Film ist durchaus interessant und er zeigt vor allem, dass keine gigantischen Budgets notwendig sind, um die Leute ins Kino zu locken.

Rec

Die spanische Produktion Rec aus demselben Jahr steht dem Film Oren Palis in nichts nach. Regisseur Paco Plaza gelingt es, mit einer Mischung aus postmodernen und Urängsten den Zuschauern Furcht einzujagen. Die Angst vor der Dunkelheit mischt sich mit der Aversion vor dem Fremden, auch wenn dieser der eigene Nachbar ist. Die Geschichte zweier TV-Reporter, die bei einem Feuerwehreinsatz in einem Haus eingeschlossen werden, über das auf einmal Quarantäne verhängt wird, dürfte zum Besten zählen, was der moderne spanische Horrorfilm bisher auf die Beine gestellt hat. Produziert hat diesen Film (wie soll es anders sein) Julio Fernandez, der mit Filmax die größte spanische Produktionsfirma innehat und eine Art Quasimonopol betreibt. Leider ging die mit Brian Yuzna ins Leben gerufene Produktionsfirma Fantastic Factory bereits nach einer Handvoll Filme baden. Dennoch ist und bleibt Spanien die größte europäische Produktionsstätte für Horrorfilme.

Cloverfield

Mit Cloverfield (2008) nahm sich das Big Budget-Kino dem Lost Footage-Thema an. Die Geschichte über ein riesiges Monster, das New York heimsucht, ist durchaus unterhaltsam und ein Großteil der Effekte sehr gelungen. Die Story jedoch oder besser das Handeln der Figuren ist sicherlich unlogisch. So stellt sich die Frage, wieso einer der Protagonisten auch in höchster Gefahr einfach die Kamera laufen lässt. Bespickt ist der Film mit einer herben Kritik an der US-Regierung und Anspielungen auf die japanischen Monsterfilme. Die Optik aber ist dann doch zu sehr auf das Effekt-Kino konzipiert, sodass die Mokumentary zum großen Teil nicht funktioniert. Eine objektive Kamera hätte es auch getan.

TrollHunter

Troll Hunter (2010), eine norwegische Produktion, spielt mit dem Gedanken, dass in den Wäldern Norwegens tatsächlich Trolle hausen. Eine Gruppe junger Leute machen Jagd auf diese Fabelwesen, was heißt, sie versuchen Filmaufnahmen von ihnen zu machen. – Mit seiner Länge von weit über 90 Minuten ist der Film eindeutig zu lang, was dazu führt, dass die Handlung gedehnt und im wahrsten Sinne des Wortes langatmig wird. Die Effekte und die Geräusche sind trotzdem hervorragend inszeniert. Auch der ein oder andere Gag ist gut plaziert. Insgesamt aber hätten 70 Minuten dem Film besser getan.

Auch Südkorea versuchte sich in dem Lost Footage-Subgenre. Eine der ersten Produktionen stammte aus dem Jahr 2010 und trug den Titel Haunted House Project. Leider ist der Film alles andere als originell. Er ist sogar beinahe so schlecht wie das oben erwähnte „St. Francis Experiment“. Es war ein Versuch, der dann im Jahr 2013 eine überaus geniale Umsetzung erfuhr.

Unheimliche Geräusche

Gemeint ist der TV-Film  Guashin sori zatgi (auf Deutsch in etwa „Auf der Suche nach unheimlichen Geräuschen“). Diese 50 minütige Produktion beginnt völlig harmlos, um sich dann mehr und mehr in einen wahren Albtraum hineinzusteigern. Die Schlussszene ist an Unheimlichem kaum zu überbieten. Es geht um ein Fernsehteam, das in einem alten Bauernhaus Aufnahmen von Spukgeräuschen machen soll. Das Team verbringt eine Nacht darin und nimmt tatsächlich sonderbare Geräusche auf. Es ist schade, dass dieser Film wahrscheinlich nie in Deutschland erscheinen wird. Hier waren wirkliche Könner am Werk.

cult

Auch Japan produzierte Lost Footage-Filme. Neben dem international bekannten Noroi , der zwar durchaus witzig ist, jedoch als gefakte Dokumentation überhaupt nicht funktioniert, war es 2013 der Film Cult, der die Gemüter – diesmal auf sehr negative Weise – berührte. Es geht um eine Gruppe sogenannter Idols, die als TV-Event bei einem Exorzismus dabei sein sollen. Dummerweise fährt der Dämon in eine der drei jungen Frauen. Der Film präsentiert J-Horror auf dem bisherigen Tiefststand. Nicht nur die Dramaturgie ist schlecht. Die Optik, die Effekte, einfach alles vermitteln den Eindruck, ein Amateur habe diesen Film in seinem Hobbykeller gedreht. Doch weit gefehlt. Hinter diesem Machwerk steht niemand anderer als Koji Shiraishi, der 2007 mit „Carved“ einen hervorragenden Film abgeliefert hatte. Was den guten Mann dazu bewegt hat, einen dermaßen schlechten Film zu drehen, sei einmal dahingestellt. Sicher ist nur, dass „Cult“ ziemlich viele Zuschauer verärgert hat.

The Borderlands

The Borderlands (2013) schließlich erregte bei Filmkritikern großes Aufsehen. Das Fangoria Magazin hält Elliot Goldners Debüt sogar für einen der besten Lost Footage-Filme der letzten Jahre. Die englische Produktion handelt von einer Kirche, in der sonderbare Dinge vor sich gehen. Ein vom Vatikan gesandtes Team soll den Fall untersuchen. Den Enthusiasmus können wir nicht nachvollziehen. Der Film ist zwar gut gemacht, doch ist er alles andere als originell. Möchte man die Handlung literarisch verorten, so vollzieht Goldner eine Mischung aus M. R. James und H. P. Lovecraft. Zudem hätte der Film besser ohne subjektive Kameras funktioniert.

Man sieht, dass sich innerhalb des Subgenres Lost Footage Filme unterschiedlichster Qualität versammeln. Dabei zeigt sich auch, dass nicht alles, was billig ist, billig ist. Ob dies nun das Budget oder im übertragenen Sinne die Handlung betrifft. Schon allein aufgrund des Vorteils einer geringen Finanzierung wird sich dieses Subgenre auch für zukünftige Regisseure als Sprungbrett für eine spätere Karriere erweisen. Junge Filmemacher haben dadurch die Möglichkeit, auf diese kostengünstige Weise ihr Können zeigen. Und wenn ein Film dann auch gut wird, haben auch die Zuschauer etwas davon.

 

 

 

 

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