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Archive for August 2013

Anyeong Bada 2

Eine Riesenfrau sucht in dem Clip „Agma“ der Indie-Band Anyeong Bada eine Stadt heim.

Das koreanische Kino tut sich schwer mit Science Fiction. Anfang 2000 wurden gerade einmal drei Filme produziert, die jedoch ohne großen Widerhall verschwanden. Ganz anders sieht es im Bereich der Musikvideos aus. Dort werden SF-Elemente immer wieder gerne aufgegriffen. Besonders narrative Videoclips übernehmen Konzepte des Science Fiction-Genres. Manchmal kitschig, manchmal witzig, selten aber düster kreieren die Videos phantastische Welten und liefern dabei einen Einblick auf eine surreal gestaltete Zukunft.

anyeong Bada 1

Gekonnt orientiert sich der Clip an Comickunst und 50er Jahre Trash.

Die Indie-Band Anyeong Bada (auf Deutsch in etwa: Hallo Meer), erzählt z.B. in ihrem Video Agma (Teufel) die Geschichte einer Riesenfrau, die eine Stadt heimsucht. Dort macht sie aus den Hochhäusern Kleinholz, bis sie endlich die Band entdeckt und sie als Zutat für ihr Abendessen mit nachhause nimmt. Schön wird dabei eine Mischung aus klassischem 50er Jahre Trash, Comic-Adaption und Mockumantary präsentiert. Viele Details fallen bei der ersten Sichtung gar nicht auf. Man muss genau aufpassen und gelegentlich auch das Bild anhalten, um in den Genuss der Ideenvielfalt zu kommen. Auch dass die Monsterfrau eine Mutation darstellt, die durch radioaktive Strahlung hervorgerufen wurde, wird erst klar, nachdem man den Clip mehrmals angesehen und somit die atomare Wüste bemerkt hat, die die Stadt umgibt.

Dal Shabet mit violetten Perücken. Eine Anspielung auf die TV-Serie UFO.

Die Girl-Group Dal Shabet deren Mitglieder in ihrem aktuellen Song nichts anderes einfällt, als über ihre Beine zu singen (Schau auf meine Beine, so die Übersetzung des Titels), machten in ihrem Debüt Pink Rocket Anspielungen auf Klassiker des SF-Genres. So finden sich darin u. a. Verweise auf Planet der Affen und auf die TV-Serie UFO. Besonders das UFO-Zitat ist nett in Szene gesetzt, tragen die Sängerinnen doch bei einem der Dance Shots violette Perücken. Bis heute ist  nicht geklärt, wieso die Frauen in der Mondstation der Fernsehserie violettfarbene Haare haben. In dem Clip von Dal Shabet kommen die Perücken ebenfalls nur in den Shots zur Verwendung, die in einer Mondstation spielen.

Die Boy-Band B.A.P. entwrift in ihrem Debüt Warrior ein recht düsteres Zukunftsbild. Verfall, soziale Konflikte und Zerstörungswut prägen die skizzierte Gesellschaft. Im Grunde genommen besteht der Clip nur aus Dance Shots, die in einer finsteren Kulisse, die Ähnlichkeiten mit einem schmuddeligen Hinterhof besitzt, spielen. Es sind jedoch gerade die Kulissen, die einen futuristischen Charakter aufweisen. Das Bild ähnelt einer Dystopie wie Carpenters Klapperschlange. Eine soziale Ordnung gibt es nicht, es gilt das Gesetz des Stärkeren. Der Clip gehört vor allem wegen seiner gelungenen Choreographie zu den besten K-Pop-Clips der letzten Zeit.

Das Video „Warrior“ der Boy-Group B.A.P. skizziert eine verrohte Gesellschaft, in der das Gesetz des Stärkeren gilt.

Die Girl-Group Stellar wird zwar generell als eine der schlechtesten K-Pop-Gruppen überhaupt bezeichnet, unternimmt in ihren Clips jedoch immer wieder Ausflüge in die Science Fiction. Bereits ihr Debüt mit dem Titel Rocket Girl ist eine interessant gefilmte SF-Story, in der es darum geht, dass die Macht in den Händen eines Konzerns liegt. Dieser kontrolliert und manipuliert die Gesellschaft. Eine Gruppe Rebellinnen (d.h. die MItglieder von Stellar) macht sich auf, um die Macht des Konzerns zu brechen. Dabei machen sie regen Gebrauch von bizarren Laserwaffen. Am Ende tragen sie natürlich den Sieg davon. Das Video nutzt gekonnt Stadtarchitektur aus, um eine Atmopshäre der Zukunft zu schaffen. Die Aspekte der Überwachung und Kontrolle sind zwar nur skizzenhaft, dennoch sehr gut umgesetzt. Auch die Handlung an sich ist, trotz ihrer Einfachheit, interessant in Szene gesetzt.

Totale Überwachung und Widerstand sind die Themen des Videoclips „Rocket Girl“ der Gruppe Stellar.

Das zweite Video von Stellar ist nicht weniger der Science Fiction zuzuordnen. Die Handlung unterscheidet sich aber grundlegend von derjenigen des Debüts. Es geht um eine junge Frau, die von ihrem Freund verlassen wird. Wenige Tage später erhält sie ein Paket, in dem sich ein humanoider Roboter befindet. Dieser ist eigentlich darauf programmiert, den Haushalt in Ordnung zu halten. Doch verliebt sich die Frau in ihn und unternimmt mit ihrem neuen „Freund“ lange Spaziergänge. Eines Tages kommt es zu einem Unfall, bei dem der Roboter zunächst außer Gefecht gesetzt wird. Als er wieder zu sich kommt, ist er endlich fähig, menschliche Gefühle zu erwidern. Der Clip ist zwar unerhört kitschig, schafft es aber andererseits die Geschichte spannend zu erzählen. Trotz Kitsch, gelingt es dem Regisseur die Geschichte an sich relativ nüchtern zu visualisieren, was das Video sehenswert macht. Auch die Einfälle sind recht nett und hätten durchaus Potential für einen Spielfilm.

stellar1

Ein Roboter als Freund. Eine SF-Lovestory in Form eines Videoclips.

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herr felde1Herr Felde betreibt ein kleines Schuhreparaturgeschäft in Villingen im Schwarzwald. Doch kommen zu ihm keineswegs nur Leute, die ihre alten Schuhe ausgebessert haben wollen. Herr Felde repariert und flickt Dinge aller Art. Er ist eine Art Alleskönner, was seine Kunden zu schätzen wissen.

Der Dokumentarfilm „Herr Felde und der Wert der Dinge“ zeigt im Stil des Direct Cinema den Alltag Herrn Feldes in seinem Laden. Die Kunden, die zu ihm kommen, stammen aus den unterschiedlichsten Milieus und Kulturen. Der kleine Laden wird dadurch zu einem Mikrokosmos, in dem Herr Felde das Zentrum bildet. Regisseur Klaus Peter Karger, der bereits mit seinem Dokumentarfilm über das Schwenninger Moos viele Zuschauer gewinnen konnte, konnte mit seinem Film über Herrn Felde einen noch größeren Erfolg verbuchen. Die Dokumentation ist sehr liebevoll und durchaus witzig umgesetzt, was nichtzuletzt an dem Hauptprotagonisten selbst liegt. Herr Felde ist kein gebürtiger Villinger, sondern stammt eigentlich aus Kirgisien. In den 90er Jahren kam er nach Deutschland, wo er schließlich im Schwarzwald seinen kleinen Laden eröffnete. Der Film erzählt daher auch Herrn Feldes Biographie und liefert nebenbei Informationen über das Leben der Russlanddeutschen.

Was etwas stört, sind die Off-Kommentare des Regisseurs. Doch gibt es davon zum Glück sehr wenig. Besser wäre es jedenfalls gewesen, den Film ganz ohne die Erklärungen auskommen zu lassen und die Bilder für sich sprechen zu lassen. Schon allein dadurch ergeben sich verschiedene Sichtweisen. Zum einen zeigt Klaus Peter Karger den Alltag in dem Laden und damit den Mikrokosmos, der sich um Herrn Felde zusammenfügt. Zum anderen zeigt der Film ein Bild von Russlanddeutschen, das frei ist von jeglichen Vorurteilen. Und drittens präsentiert der Regisseur mit seinen Protagonisten einen Menschen, der der Wegwerfgesellschaft entgegensteht. Herr Felde macht darauf aufmerksam, dass auch kaputte Dinge noch immer einen Wert besitzen. Und diesen versucht er, durch seine Arbeit zu erhalten.  – Eine sehr sehenswerte Dokumentation.

Herr Felde und der Wert der Dinge. Deutschland 2011. 55 Min. Karger Film Kultur und Video

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ewige nachtfahrtDavid Lynch gilt als einer der interessantesten und innovativsten Regisseure unserer Zeit. Seine verstörenden Inszenierungen und seine Vorliebe dafür, den Alltag ins Surreale übergleiten zu lassen, zeichnen fast alle seine Werke aus. Bei ihm ist Film noch immer Kunst, auch wenn das übrige Hollywood mit Kunst nicht mehr viel zu tun hat. Schon sein erster Film „Eraserhead“ ist quasi Programm für viele seiner späteren Filme.

Ein Werk, in dem sich Lynchs Hang zum Surrealen erneut verdichtet, ist „Lost Highway“ aus dem Jahr 1997. Hauke Haselhorst hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Narration des Films mithilfe semiotischer Methoden zu analysieren. Als Grundlage dient ihm dabei Joseph Campbells Abhandlung über den Monomythos, der im Laufe des 20. Jahrhunderts das Drehbuchschreiben Hollywoods stark beeinflusst hat. Campbell geht es darum, zu zeigen, dass sämtliche Mythen der Welt dieselbe Grundstruktur aufweisen: Angefangen vom Aufbruch des durch einen Boten animierten Helden, zum Überschreiten der Schwelle, wodurch der Held in eine andere Welt gerät, bis hin zur erfolgreichen Rückkehr des Helden. Diese grundlegende Narration ist verbunden mit zentralen Figuren (sog. Archetypen), die, nach Campbell, ebenfalls in sämtlichen Legenden, Mythen usw. vorkommen und sich ebenfalls in zahlreichen Hollywoodfilmen wiederfinden. Christopher Vogler hat in seinem erfolgreichen Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ diese Beziehungen zwischen Campbells Theorie und dem Aufbau eines Drehbuchs aufgegriffen und ausgearbeitet.

Der Autor Haselhorst nimmt Campbells und Voglers Annahmen als Grundlage für seine Analyse, indem er untersucht, ob sich „Lost Highway“ in diese „Schablone“ einordnen lässt oder ob Lynchs Film sich völlig anders verhält. Dabei geht der Autor sehr genau vor, untersucht die komplette Narration und deren Figuren auf Hinweise nach Grundstrukturen und Archetypen. Die Analyse ist durchaus interessant zu lesen, da sie einen recht genauen Einblick in die „Textstruktur“ eines Films liefert. Trotz seines akribischen Vorgehens, stellt Haselhorst seltsamerweise keine Verbindung zwischen dem „Mystery-Man“ und dessen Vorbild in Herk Harveys „Carnival of Souls“ her. Insgesamt aber ist „Die ewige Nachtfahrt“ ein gut zu lesendes Buch, das nicht nur für Filmanalytiker, sondern auch David Lynch-Fans von Interesse sein dürfte.

Hauke Haselhorst: Die ewige Nachtfahrt. Mythologische Archetypen und ihre Repräsentationen im Film „Lost Highway“ von David Lynch. Transcript Verlag 2013, 348 Seiten, 36,80€, ISBN: 978-3-8376-2079-5.

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