Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Thriller’

Tobe Hooper meinte immer, dass es sich bei „Texas Chainsaw Massacre“ eigentlich um eine Komödie handelte. Tatsächlich findet man in dem Horrorfilm eine ganze Reihe von schwarzhumorigen Gags, die jedoch den damaligen Kritikern nicht auffielen. Die meisten von ihnen fanden den Film damals „abscheulich“. Heute ist „Blutgericht in Texas“, so der deutsche Verleihtitel, nicht nur ein Klassiker des Horrorgenres, sondern überhaupt ein Klassiker des US-amerikanischen Kinos.

Der Witz an dem Film ist, dass er zwar äußerst brutal tut, in Wirklichkeit aber kaum etwas Brutales geschieht. Die Montage des Films ist dermaßen genial, dass sich das Grauen mehr in der Vorstellung der Zuschauer abspielt, als auf der Leinwand. Zusammen mit „Nacht der lebenden Toten“ (1969) und „Last House on the Left“ (1973) zählt „Texas Chainsaw Massacre“ (1974) zu denjenigen Filmen, welche nicht nur den postmodernen Horrorfilm einläuteten, sondern überhaupt die postmoderne Phase im US-amerikanischen Film vorbereiteten.

Beeinflusst von den Protesbewegungen gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassismus und gegen sexuelle Ungleichheit setzte Hooper diese Kritik in seinem Film fort, in dem er die USA nicht mehr als Idealbild stilisierte, sondern als ein Ort der Verunsicherung, der Unsicherheit und der sozialen Konflikte. Er zeigte eine degenerierte Familie, lieferte aber für diesen Zustand eine damals unerhörte Erklärung: denn Schuld für das Verhalten von Leatherface und Co. ist die Modernisierung, die die USA angeblich voranbringen soll.

„Texas Chainsaw Massacre“ wurde ein riesiger Erfolg, von dem die Macher jedoch nicht viel mitbekamen, da die Verleihfirma sie mit obskuren Verträgen übers Ohr haute. An den Stil und die Ästhetik, kurz an die Meisterklasse seines Debuts, sollte Hooper nicht mehr herankommen. Er gehört zu den Regisseuren, die ihren besten Film gleich am Anfang ihrer Karriere drehten.

Steven Spielberg engagierte ihn für die Dreharbeiten zu „Poltergeist“, doch ist eindeutig, dass Spielberg stets das Zepter in der Hand behielt und den Namen Hooper nur als Marketing-Gag gebrauchte. Zwar schuf Hooper in den 80er Jahren mit dem Remake „Invasion vom Mars“ (1986) und „Lifeforce“(1985) zwei Klassiker des Trash-Films und vor allem zwei Klassiker der legendären Cannon-Produktionsfirma, doch brachte dies seine Karriere nicht wesentlich weiter.

Im Laufe der Zeit verlegte er sich daher auf TV- und Low-Budget-Filme, wobei er aber auch als Produzent tätig war. Nun starb der Erfinder von Leatherface im Alter von 75 Jahren.

 

Advertisements

Read Full Post »

Mit dem Anime „Perfect Blue“ kreierte Regisseur Satoshi Kon einen Klassiker des japanischen Zeichentrickfilms. Mit einer Mischung aus Horror, Krimi und Thriller gelingt es ihm, eine durchweg spannende Geschichte zu erzählen – und dies auf sehr hohem Niveau.

„Perfect Blue“ handelt von der Sängerin Mima, die ihre Popband CHAM verlässt, um Schauspielerin zu werden. Der Karrierewechsel führt zugleich zu einer Imageveränderung. Galt sie zunächst noch als unschuldiges Popsternchen, so verschafft ihr die Schauspielkarriere den Charakter eines Vamps. Doch dieser Wandel führt zu merkwürdigen und bedrohlichen Zwischenfällen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Mima kommt auf die Spur einer sonderbaren Internetseite, die jemand in ihrem Namen gestaltet. Eine brutale Mordserie, deren Opfer mit Mima in Beziehung standen, bringt sie an den Rand eines psychischen Zusammenbruchs. Bald scheinen Realität und Illusion zu verschwimmen.

Mit „Perfect Blue“ wandelt Satoshi Kon in den Spuren von Alfred Hitchcock und Brian De Palma. Wie auch diese beiden Regisseure, entpuppt sich Kon als Perfektionist, was den Aufbau von Spannung und die Darstellung des Grauens anbelangt. Auf diese Weise wird der Film keine Minute langweilig. Kon lässt es bis zum Finale offen, welchen geheimnisvollen Hintergrund die Morde und Drohungen haben. Haben wir es hier mit einem irre gewordenen Stalker zu tun? Oder stellt sich Mima vielleicht alles nur vor?

Diese Gegenüberstellung von Schein und Sein führt Kon parallel zu einer kritischen Betrachtung der Film- und Medienbranche aus. Hierbei betrachtet er vor allem die Marketing-Methoden im Showbusiness, in denen die Person gleichzeitig das zu verkaufende Produkt darstellt. Auf diese Weise wird der Mensch Mima der in den Medien wahrgenommenen Rolle, die Mima in der Öffentlickeit spielt bzw. zu spielen hat, entgegengesetzt. Kon veranschaulicht, wie schwer es für sie ist, ihr privates Leben vom öffentlichen Rummel abzukapseln, was dazu führt, dass der Erfolg gleichzeitig zu einer Art Fluch wird.

Dabei behandelt „Perfect Blue“ diese Sequenzen jedoch nicht wie ein Psychodrama, sondern gliedert diese kritischen Aspekte kunstvoll in den Thriller ein. So liefert dies zugleich eine weitere Möglichkeit: Führt der zunehmende Druck zu einer Art gespaltener Persönlichkeit? Wie gesagt, eine Lösung findet sich erst im Finale des Films. Bis dahin bleiben 78 Minuten überaus spannende und beklemmende Unterhaltung.

Perfect Blue. Regie: Satoshi Kon, Drehbuch: Sadayoki Murai, Produktion: Takeshi Washitani. Japan 1998, 81 Min.

Read Full Post »

Die 60er Jahre begannen mit einem Paukenschlag und endeten mit einem Paukenschlag. Am Anfang stand Hitchcock, der mit einem bis dahin noch nie da gewesenen Thriller die Zuschauer in Panik versetzte, am Ende mit „Nacht der lebenden Toten“ ein Low-Budget-Horrorfilm, der das US-amerikanische Kino komplett verändern sollte. Zwischendrin schuf David Lean seine legendären Leinwandepen, zeigte der Italo-Western, wie schmutzig Cowboys wirklich waren, und kreierte Roger Corman mit den berühmten Poe-Adaptionen seine erfolgreichsten Filme. Spätestens „Planet der Affen“ (1968) zeigte, dass die sozialen Bewegungen auch im Kino angekommen waren, während in Deutschland Winnetou und Old Shatterhand in die Kinogeschichte eingingen, nicht zu vergessen auch der berühmte Satz „Hier spricht Edgar Wallace“, der eine Hochphase deutscher Trash-Kunst einleitete. European Trash ist überhaupt das Stichwort, denn während die Hammer Studios in England weiterhin auf einer Erfolgswelle schwammen, kam es auf dem Festland zu den einzigartigen Koproduktionen zwischen Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien, die geradezu in Farbe schwelgten und Hammer als auch den American International Pictures nicht nur Konkurrenz machten, sondern diese auch beeinflussten.

Psycho“ (1960) ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor wenigen Jahren entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über den Inhalt von „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Und die Frage, die man sich seitdem stellt, lautet nicht, ob man Janet Leighs Brüste sieht oder das Messer tatsächlich in den (Puppen-)Körper dringt, sondern, ob die Schauspielerin blinzelt oder nicht, nachdem die Kamera sich langsam von ihrem Schreck erstarrten Gesicht entfernt. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, denn Leigh blinzelt zwar nicht, bewegt aber zweimal hintereinander kaum merkbar ihre Augen, da sie nun einmal krampfhaft versucht, nicht zu blinzeln.

„Psycho“ gilt als Begründer des modernen Horrorfilms, bevor neun Jahre später Romeros „Nacht der lebenden Toten“ für eine erneute Wende sorgte. Interessant ist, dass sich „Psycho“ dennoch auf eine geradezu klassische, ja man möchte fast schon sagen traditionelle Erzählweise konzentriert, wenn es darum geht, das Motel zu verorten. Dieses befindet sich nämlich auf einer kaum mehr befahrenen Landstraße, praktisch irgendwo im Nirgendwo. Wie es sich später herausstellt, sind bereits vor dem berühmten Mord mehrere Personen in dieser Gegend spurlos verschwunden. Was natürlich fehlt, sind irgendwelche Gerüchte, doch ansonsten kommt man mit diesen Merkmalen den Aspekten der klassischen Geisterhausgeschichte sehr nahe. Hier vor allem den Geschichten von Ambrose Bierce (1842 – 1914), der mehrfach über einsam gelegene Häuser in den USA schrieb.

So gesehen haben wir hier die moderne Variante eines Spukhauses vor uns, in dem kein Gespenst für Furore sorgt, sondern Norman Bates für Gänsehaut sorgt. Ende der 90er versuchte sich Hollywood an einem Remake und scheiterte dabei kläglich. Es ist immer die Frage, inwieweit es für einen Regisseur sinnvoll ist, sich ausgerechnet an einem Klassiker zu versuchen. Das Ergebnis von 1998 war jedenfalls ein durchschnittlicher Slasher, der all das falsch machte, was Hitchcock richtig gemacht hat.

1966 spielte der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni mit der Wahrnehmung der Zuschauer. In seinem Meisterwerk „Blow Up“ geht es um den Fotografen Thomas, der bei einem seiner Shootings in einem Park ein Liebespaar fotografiert. Als er das Foto vergrößert, sieht er aus einem Gebüsch eine Hand mit einer Pistole ragen. Ein anderes Foto zeigt die Leiche des Liebhabers. Hat also Thomas einen geplanten Mord fotografiert?

„Blow Up“ wurde zu dem Film der Beat Generation und der damit einhergehenden sozialen Veränderungen. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, mit dem sich Roger Corman in seinen Poe-Filmen beschäftigte, ist in „Blow Up“ längst ausgefochten. Thomas macht nur das, was ihm Spaß macht. Er pfeift auf althergebrachte Konventionen und sucht seine Erfüllung im schnellen Sex und der freien Kunst.

Doch die Fotos, die er im Park aufgenommen hat, bringen ihn zum Nachdenken und auch zum Überdenken seiner eigenen Tätigkeit. Im Zentrum des Films steht ein Spiel mit der Wahrnehmung. Zeigen uns Fotos die tatsächliche Realität oder reimen wir uns beim Betrachten der Aufnahmen bloß etwas zusammen? Welche Interpretation ist die richtige bzw. gibt es überhaupt eine Interpretation, die völlige Gültigkeit besitzt?

Wie bereits Hitchcock mit „Das Fenster zum Hof“, so stellt auch Anonioni in „Blow Up“ zentrale Fragen im Hinblick auf die Theorie des Films. Denn was ist Kino anderes als eine visuelle Manipulation? Oder ist Kino Wirklichkeit? Gibt es so etwas wie eine objektive Wahrnehmung? All diese recht schweren und bis heute noch immer diskutierten Fragen setzt Anontioni spielerisch in seinem Klassiker um. Dario Argento machte sich einen zusätzlichen Spaß daraus, indem er den Hauptdarsteller David Hemmings für seinen Thriller „Profondo Rosso“ (1975) engagierte, der sich mit ganz ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt.

„Blow Up“ zählt zu Michelangelo Antonionis einzigem erfolgreichen Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde und bei den Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis gewann.

Read Full Post »

Die große Zeit der italienischen Horrorfilme ist leider längst vorbei. Selbst Dario Argento ist von einer gewissen ästhetischen Müdigkeit befallen. Vielleicht aus dem Grund hatten Indie-Produzent Dean Zanuck (Enkel des legendären Filmproduzenten Darryl F. Zanuck) und Regisseur Eric Dennis Howell die Idee, eine kleine Hommage an diese wundervolle Kinozeit zu schaffen.

Titel des gemeinsamen Filmes lautet „Voice from the Stone“ und spielt in einem einsam gelegenen Haus in der Toskana. Dorthin verschlägt es das Kindermädchen Verena, die sich um einen stummen Jungen kümmern soll und ihn, wenn möglich, wieder zum Sprechen bringen. Jakob, der durch den Tod seiner Mutter einen Schock erlitt, ist fest davon überzeugt, dass seine Mutter durch die Wand seines Kinderzimmers mit ihm spricht. Verena will ihm diese Wahnvorstellung austreiben, doch dabei wird sie selbst immer stärker in die unheimliche Atmosphäre hineingezogen, die im und um das Haus lastet …

„Voice from the Stone“ ist in erster Linie ein überaus ruhiger Film, der sich vor allem Mühe gibt, den richtigen Ton zu treffen. Denn die Schaffung einer mysteriösen, durchaus unheimlichen Atmosphäre steht hier eindeutig im Vordergrund. Dabei orientieren sich Zanuck und Howell sehr genau an den damaligen Horrorfilmen von Mario Bava, Luigi Cozzi oder Antonio Margheriti.

Egal ob es sich um die düsteren Aussenansichten des Schlosses handelt oder um die teils leeren Innenräume des Gebäudes, hier spiegelt sich beinahe identisch die damalige Low-Budget-Ästhetik wider, die bis heute so viele Herzen höher schlagen lässt. Die Story selbst ist gar nicht mal schlecht, orientiert sich aber zu sehr an Henry James‘ berühmter Novelle „Das Drehen der Schraube“, auch wenn „Voice from the Stone“ eine Adaption eines italienischen Mystery-Thrillers ist.

Sowohl bei Henry James als auch in Howells Film kommt eine Erzieherin in ein einsam gelegenes Haus, in dem sich kleine Kinder äußerst seltsam benehmen und behaupten, von Geistern heimgesucht zu werden. Während es bei „Voice from the Stone“ ein Geist ist, so sind es bei James gleich zwei, aber die Überschneidungen sind eindeutig. In dieser Hinsicht fehlt es dem Film an Originalität. Schön ist allerdings, dass Howell und Zanuck versuchen, eine klassische Geistergeschichte zu erzählen.

Das ist ihnen auch gelungen, auch wenn die Hauptdarstellerin Emilia Clarke in ihrer Rolle als Kindermädchen nicht wirklich überzeugt. Man nimmt ihr die Rolle einfach nicht ab, ihr Spiel beschränkt sich in aller erster Linie auf eine irgendwie unbeholfene Mimik, stellenweise hat man das Gefühl, einer Schauspielstudentin beim Üben zuzusehen.

Was den Film aber dennoch interessant macht, ist seine sorgfältig konzipierte Optik, die viel zu der oben beschriebenen Atmosphäre beiträgt. Die Meister des italienischen Horrorkinos hätten sich daran sicherlich erfreut, auch wenn sie die Handlung spannender und dramatischer gestaltet hätten.

Voice from the Stone. Regie: Eric Dennis Howell, Drehbuch: Andrew Shaw, Produktion: Dean Zanuck, Darsteller: Emilia Clarke, Marton Csokas, Edward Dring. USA/Italien 2016, 94 Min.

Read Full Post »

Der gewöhnliche Alltag mit all seinen Problemen, verbunden mit Horroraspekten. Der Trend, der sich heutzutage in einer Art eigenem Subgenre abzeichnet, ist keinesfalls eine neue Idee, sondern reicht zurück bis zu Herk Harveys Klassiker „Tanz der toten Seelen“ aus dem Jahr 1962. Davon beeinflusst war sicherlich auch die koreanische Regisseurin Lee Soo-Youn, als sie 2003 ihren Film „The Uninvited“ drehte.

„The Uninvited“ (eigentlich „Ein Tisch mit vier Gästen“) ist kein Remake des gleichnamigen Horror-Klassikers aus den 40er Jahren, sondern erzählt die Geschichte des Innenarchitekten Jeong, der bei einem Unfall nur knapp dem Tod entkommt. Von da an wird er von sonderbaren und unheimlichen Visionen geplagt, die sich verstärken, als er die mysteriöse Yeon kennenlernt …

Yeon verzweifelt an sich selbst und ihren unheimlichen Fährigkeiten; „The Uninvited“ (2003); Copyright: e-m-s

Der Film, zugleich ein Beitrag des koreanischen Autorenfilms, besticht durch eine Mischung aus Psychogramm, Thriller und Horrorfilm. Sehr gekonnt vermischt die Regisseurin Lee Soo-Youn alle drei Genres miteinander, sodass dadurch ein recht beklemmendes Mystery-Drama entsteht. Lee Soo-Youns Film ist, wie so viele koreanische Horrorfilme, äußerst düster, nicht weniger geheimnisvoll und deckt die Schattenseiten des modernen Großstadtlebens auf.

Fotomodel und mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin Jun Ji-Hyun spielt Yeon, eine Art weibliche Verkörperung des Todes, als eine depressive und psychisch labile Frau, die zusätzlich unter ihrer Einsamkeit leidet. Nicht nur ihr Mann macht sie kaputt, sondern ebenso ihre soziale Umwelt, mit der sie im Grunde genommen nichts zu tun haben möchte. Sie wird von ihren Mitmenschen gemieden, da ihre Art nicht der Norm entspricht. Unfreiwillig konfrontiert Yeon den Innenarchitekten Jeong sowie andere Personen mit verdrängter und längst vergessen geglaubter Schuld, durch die in der Vergangenheit jemand zu Tode gekommen ist. Eine Fähigkeit, an der sie selbst verzweifelt.

„The Uninvited“ ist anspruchsvolles koreanisches Horrorkino, verpackt in eine überaus düstere und kalte Atmosphäre. Lee Soo-Youn kreiert in ihrem Film eine Ästhetik des Grauens in dunklen, hoffnungslos erscheinenden Bildern, die den Menschen in einer extrem negativen Weise darstellen. Es ist ein sehr kunstvoller Film, der zwar aufgrund seiner Zelebrierung der Trostlosigkeit ein gewisses Durchhaltevermögen abverlangt, aber aufgrund seiner Dramaturgie und seiner tollen Schauspieler überaus sehenswert ist.

The Uninvited, Regie u. Drehbuch: Lee Soo-Youn, Produktion: Lee Kang-Bok, Darsteller: Park Shin-Yang, Jun Ji-Hyun, Südkorea 2003, 121 Min.

 

Read Full Post »

Nach dem Erfolg von „Girl on the Train“ musste natürlich so schnell wie möglich ein weiteres Buch der Autorin her. Das Ergebnis trägt den Titel „Into the Water“ und handelt von dem kleinen Ort Beckford, in dem immer wieder Frauen Selbstmord begehen, indem sie sich von einer hohen Klippe in den Fluss stürzen. So auch Julias Schwester Nel, die in Beckford lebte, um dort den rätselhaften Fällen nachzugehen und daraus ein Buch zu machen.

Als Julia nach Beckford kommt, um die Leiche zu identifizieren und an der Trauerfeier teilzunehmen, versucht sie zugleich herauszubekommen, wieso sich Nel umgebracht hat. War es tatsächlich Selbstmord? Wurde sie Opfer eines angeblichen Fluches? Oder wurde sie von der Klippe gestoßen? All diese Fragen beschäftigen auch die Polizei, denn bevor Nel umgekommen ist, starb auch eine Schülerin auf ominöse Weise im Fluss.

Wie bereits „Girl on the Train“, so ist auch „Into the Water“ aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, wobei sich die persönliche Tagebuchform abwechselt mit einem allgemeinen Erzählstil. Schon allein durch den ständigen Wechsel der Perspektiven, durch Rückblenden und durch das Einweben des unvollständigen Manuskripts von Nel über das Geheimnis des Drowning Pool erschafft Paula Hawkins eine intensive Dichte, die den Leser schnell in ihren Bann zieht.

Alles dreht sich um das Geheimnis der Frauen von Beckford, um die Frage, weswegen manche von ihnen im Drowning Pool ertranken. Nel kommt dabei auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses, und nach und nach stellt sich heraus, dass Beckford an mehr als nur einem tragischen Schicksal leidet.

Man könnte fast meinen, als habe Paula Hawkins sich an dem Grundkonzept des J-Horror orieniert, als sie „Into the Water“ konzipierte. Denn das grundlegende Thema ist so gut wie identisch: die Verhinderung von Emanzipation seitens patriarchaler Strukturen. Zwar schlägt die Autorin von Anfang an tatsächlich Töne des Mytischen und Mysteriösen an, letztendlich aber entwickelt sich die Story dann doch in eine andere Richtung.

Dennoch bleibt das Rätselhafte und latent Unheimliche stets präsent: eine alte Frau, die mit den Toten kommunizieren kann, Julia, die ständig glaubt, dass ihre Schwester in ihrem Haus umgeht, der allgemeine Glaube an eine Art Fluch, der über dem kleinen Ort liegt. Im Gegensatz zu „Girl on the Train“ verzichtet Hawkins hier auf eine satirische Sichtweise. Vielmehr gestaltet sie die Geschichte als eine Art düsteres Drama, in das Julia unvermittelt hineingezogen wird.

Während man bei den entlarvenden Seitenhieben auf das Spießertum der Vorstadtbewohner immer wieder mal schmunzeln musste, so bleibt Paula Hawkins in ihrem neuen Roman ungewöhnlich ernst. Sie konzentriert sich voll und ganz auf die Trauer und den Schmerz der Figuren, verbindet diesen aber gekonnt mit einer durchgängig spannenden Handlung. Ähnlich wie Agatha Christie, so präsentiert auch Paula Hawkins eine ganze Reihe von verdächtigen Personen, um nach und nach deren Geheimnisse zu lüften. All dies macht ihren zweiten Thriller durchaus lesenswert.

Paula Hawkins. Into the Water. Blanvalet 2017, 476 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-7645-0523-3

Read Full Post »

Obwohl der Film damals die Zuschauer maßlos entsetzte, floppte „The Wicker Man“ an den Kinokassen. Bis heute gilt Robin Harrys‘ Werk als nicht nur bahnbrechend, sondern als einer der verstörendsten Horrorfilme überhaupt. Viele Regisseure inspiriert dieser Film bis heute, vor allem Eli Roth, der seine eigenen Produktionen im Stil von „The Wicker Man“ sieht.

Doch um was geht es überhaupt in diesem sonderbaren, überaus beklemmenden Film? „The Wicker Man“ handelt von einem verschwundenen Mädchen. Inspektor Neil Howie hat den Auftrag, zu ergründen, was mit dem Mädchen geschehen ist. Die Suche führt ihn letztendlich auf die Insel Summerisle, die von einem eigenartigen Kult beherrscht wird. Die Bewohner glauben nicht an Gott, sondern an diverse Naturgötter, die sie in verschiedenen Ritualen verehren. Doch da vergangenes Jahr die Ernte überaus schlecht ausfiel, sehen sich die Bewohner dazu gezwungen, dieses Mal ihren stärksten Zauber durchzuführen. Dieser gelingt jedoch nur durch ein Menschenopfer …

Die Grundidee des Films basiert auf Caesars „Gallischen Krieg“, in dem er an einer Stelle von einer riesigen, aus Weiden geflochtenen Figur berichtet, in die Menschen eingepfercht wurden, um sie daraufhin zu verbrennen. Ob dies tatsächlich stimmt oder es sich um eine Art von antiker Propaganda handelt, darüber sind sich Historiker bis heute uneins. Jedenfalls war damit die Idee zu „The Wicker Man“ geboren.

Eigentlich sollte der Film  auf den Roman „Ritual“ von David Pinner basieren. Doch Robin Harrys und Drehbuchautor Anthony Shaffer veränderten den Stoff so stark, dass von der ursprünglichen Geschichte kaum noch etwas übrig blieb. Nur der Grundkonflikt blieb gleich, indem ein religiöser Polizeibeamter auf eine Sekte trifft, die die Natur anbetet.

Der Star des Films: die unheimliche Wicker Man-Figur; „The Wicker Man“ (1974); Copyright: Studiocanal

Man merkt, dass speziell bei den Szenen, in denen es um die Diskussion zwischen Neil Howie (gespielt von Edward Woodward) und dem Sektenführer Lord Summerisle (gespielt von Christopher Lee) Jacques Tourneurs Klassiker „Night of the Demon“ (1956) Pate gestanden hat. Während es bei Tourneur um die Gegenüberstellung von rationalem Wissen und Aberglauben ging, so geht es in den entsprechenden Szenen bei Robin Harrys um die Frage, was nun eigentlich der wahre Glaube ist.

Auf diese Weise treffen in „The Wicker Man“ zwei Extreme aufeinander: der Polizeibeamte, der neben seinem Glauben keinen anderen Glauben gelten lassen möchte, und Lord Summerisle, der nicht weniger von seiner Naturreligion überzeugt ist. Dass es dadurch zu keiner Einigung kommen kann, sondern sich der Konflikt dadurch nur verschärft, liegt quasi auf der Hand.

Doch „The Wicker Man“ geht noch einen originellen Schritt weiter. Die Bewohner der Insel nutzen die moralischen und religiösen Einstellungen Howies aus, um mit ihm ein bösartiges Spiel zu treiben. Und genau hier kommen die beklemmenden und bedrohlichen Aspekte des Films ins Spiel, die „The Wicker Man“ bis heute so einzigartig machen.

Alternatives Kinoplakat von „The Wicker Man“

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal des Films: er ist nicht nur als Mystery-Thriller und Horrorfilm konzipiert worden, sondern ebenso als Musical. Besonders einprägend ist hierbei der „Wicker Man Song“. Die Musical-Sequenzen und die damit verbundene alternative Lebensführung legt nahe, dass hier die Hippie-Bewegung aufs Korn genommen werden sollte. In dieser Hinsicht war der Film seiner Zeit voraus, denn die satirische Sichtweise auf die Hippies nahm das Horrorgenre erst ab Anfang der 80er Jahre vor (wie z.B. in „Poltergeist“).

Wie gesagt, floppte „The Wicker Man“ und dies war natürlich schlecht für die Produktionsfirma, die kurz vor dem bankrott stand. Wahrscheinlich ging die Rechnung nicht auf, da der Film sich in keine vorgefertigte Schablone stecken lässt. Er hält sich nicht an Genrevorgaben, sondern rührt alles durcheinander. Was damals die Kinogänger abschreckte (die Zuschauer, die den Film sahen, erschreckte er), gilt heute als einer der wichtigsten Filme der britischen Filmgeschichte, da er in England genau den Schnitt zwischen den Filmen von Hammer und den postmodernen Horrorfilmen markiert und dadurch zugleich das postmoderne Kino im allgemeinen einläutet.

Aus heutiger Sicht könnte man „The Wicker Man“ in die Protestfilme der 70er Jahre einordnen, also vor allem Filme wie „Texas Chainsaw Massacre“ oder „Last House on the Left“, die die konservativen Moralvorstellungen hinterfragten. „The Wicker Man“ geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er Menschen zeigt, die sich gegen die staatlichen Behörden wenden.

Doch ganz egal, wie man den Film sehen möchte und vor allem was man in dem Film sehen möchte, „The Wicker Man“ ist ein Film, der einen nicht mehr loslässt, über den man immer weiter nachdenken muss und der einen mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Kurz: einzigartig.

The Wicker Man. Regie: Robin Hardy, Drehbuch: Anthony Shaffer, Produktion: Peter Snell, Darsteller: Edward Woodward, Christopher Lee, Ingrid Pitt, Britt Ekland. England 1974, 89 Min.

 

Read Full Post »

Older Posts »