FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

FuBs Klassikbox: Ich beichte (1953)

Michael Logan (Montgomery Clift) im inneren Konflikt; „I Confess“ (1953); © Warner Bros.

Spannend, spannender, am spannendsten. „I Confess“, Hitchcocks vorletzter Schwarzweißfilm, sollte man nur genießen, wenn man Beruhigungstropfen in der Nähe stehen hat. Für viele Kritiker zählt der Film, der in Deutschland auch unter dem Titel „Zum Schweigen verurteilt“ bekannt ist, zu den besten Arbeiten des Meisterregisseurs.

Die Handlung spielt in Quebec. Eines nachts wird der junge Priester Michael Logan von Otto Keller aufgesucht, der im Pfarrhaus als Hausmeister angestellt ist und bei dem Anwalt Villette als Gärtner arbeitet. Otto möchte beichten. Bei der Beichte erzählt er Logan etwas Ungeheuerliches: er habe vorhin Villette ermordet. Was Otto nicht erwähnt, ist, dass er als Priester verkleidet die Kanzlei aufgesucht hat. Als die Polizei erste Zeugen vernimmt, fällt der Verdacht auf Pfarrer Logan. Besonders verdächtig ist, dass er sich am Morgen nach der Tat mit einer Frau vor dem Haus des Anwalts getroffen hat. Denn auch Ruth Grandfort hätte einen guten Grund gehabt, den Anwalt zu töten.

Logan kann sich nicht gegen den Verdacht wehren, da er an das Beichtgeheimnis gebunden ist. Die Polizei nimmt ihn immer mehr in die Mangel. Schließlich droht ihm sogar die Todesstrafe, während Otto das Geschehen mit zunehmender Schadenfreude beobachtet.

Wie schon gesagt, wenn man sich diesen Film anschaut, sollte man darauf achten, dass einem der Puls nicht bis hoch zur Decke springt. Doch gehört „I Confess“ nicht nur zu den spannendsten Filmen Hitchcocks, sondern weist zudem noch eine erstklassige Optik auf, die teilweise an den deutschen Expressionismus erinnert. Zugleich ist „Ich beichte“ einer der düstersten und ernstesten Filme Hitchcocks. Es geht um Menschen, die in ihrer Existenz völlig an den Rand gedrängt werden und keinen Ausweg mehr finden, was dazu führt, dass sich mit den Krimielementen noch ein meisterhaft in Szene gesetztes Drama verbindet.

Bootsfahrt ins Unglück: Ruth Grandfort (Anne Baxter) zusammen mit ihrem früheren Freund Michael Logan (Montgomery Clift); „I Confess“ (1953); © Warner Bros.

Hervorragend gespielt wird Otto Keller vom deutschen Schauspieler O. E. Hasse, der der Rolle eine großartige Mischung aus Verzweiflung und Wahnsinn verleiht. Wie ein bösartiger Dämon schwirrt er ständig um Michael Logan (gespielt von Montgomery Clift) herum, ohne dass dieser sich wehren kann. Es ist einfach großartig, welche Kraft Montgomery Clift der Rolle verleiht, die man ihm in jeder einzelnen Sekunde abnimmt. Eisern hält er sich an die Regel des Gelübdes und ist sogar bereit, dafür zu sterben. Gleichzeitig zeigt er geradezu vollendet den inneren Konflikt, in dem er sich befindet und wie er manchmal kurz davor steht, das Geheimnis, an das er gebunden ist, doch zu brechen.

„I Confess“ gehört zu den packendsten und aufwühlensten Filmen, die ich kenne. Eine großartige Mischung aus düsterem Drama und Krimi, die einen vollkommen mitreißt. Damals waren viele Kritiker über den Film eher weniger begeistert. Erst nach und nach wurde die absolute Meisterschaft, die „Ich beichte“ in sich trägt, erkannt.

Ich beichte (AT: Zum Scheigen verdammt/OT: I Confess). Regie u.  Produktion: Alfred Hitchcock, Drehbuch: George Tabori, Darsteller: Montgomery Clift, Anne Baxter, O. E. Hasse, Karl Malden. USA 1953. 91 Min.

Wenn es Nacht wird – Ein neuer Fall für Susan Gant

„Wenn es Nacht wird“ ist der vierte Roman mit Chefinspector Susan Gant. Und in Sachen Spannung steht er den vorangegangenen Horrorthrillern „Monster“, „Boten des Schreckens“ und „Menschenfresser“ in nichts nach.

„Wenn es Nacht wird“ beginnt in einer stürmischen Winternacht, in der ein Truckfahrer am Rand eines einsamen Highways die verstümmelte Leiche einer Frau findet. Der Zwischenfall ereignet sich in der Nähe von Nemaska, einem Ort weit im Norden Kanadas.  – Altamont, drei Jahre später. Eine Frau verschwindet spurlos. In derselben Nacht wird eine Studentin und ihr Freund in Wald brutal ermordet. Die Suchaktion liefert keinen Aufschluss über den Verbleib der Vermissten. Auch der Doppelmord gibt Susan Gant Rätsel auf. Der Mann wurde erstochen, die Studentin allerdings wurde wie von einer Bestie regelrecht zerfleischt. Hinzu kommt ein weiterer, rätselhafter Zwischenfall: auf dem Friedhof hat jemand versucht, drei Gräber zu öffnen.

Was haben die unheimlichen Ereignisse in Altamont mit der Toten in Nemaska zu tun? Susan Gant ermittelt auf Hochtouren. Sicher ist nur, dass sich die jeweiligen Zwischenfälle nachts ereignen. Doch bald steht Susan Gant dem Grauen selbst gegenüber …

„Wenn es Nacht wird“ verbindet erneut auf erstklassige Weise Krimi mit Horror. Wie immer bei den Romanen von Carl Denning rast die Handlung regelrecht voran, sodass man, selbst wenn man eigentlich schon schlafen gehen sollte, mit dem Lesen einfach nicht aufhören kann. Das führt dazu, dass man den Roman (immerhin ca. 320 Seiten) fast in einem Rutsch durchliest.

Es ist einfach wundervoll, wie Carl Denning die Handlung sich entwickeln lässt. Wie z.B. aus einem kleinen Zwischenfall nach und nach ein regelrechter Albtraum entsteht. Carl Denning ist in dieser Hinsicht geradezu ein Meister, einerseits subtil, andererseits mit voller Wucht lässt er das Grauen seinen unheimlichen Lauf nehmen. Aber der Roman lebt nicht allein von der Spannung und den unheimlichen Momenten, sondern ebenso von den überaus lebendigen Figuren, allen voran natürlich Susan Gant, die für mich zu den faszinierendsten Figuren überhaupt gehört. Kurz und knapp: ein toller Horrorroman, der Spannung mit einer interessanten Handlung verbindet. Einziger Wermutstropfen ist, dass es den Roman nur als eBook gibt. Gerne würde ich mal alle Susan Gant-Romane auch als Taschenbuch lesen. Dennoch ein echtes und vor allem spannendes Lesevergnügen.

Die 90er: Twin Peaks – Fire walk with me (1992)

Lüften Laura Palmer (Sheryl Lee) und Specialagent Cooper (Kyle McLachlan) das Geheimnis? „Twin Peaks – Fire walk with me“ (1992); © Mk2; Arthouse

Trotz des Erfolgs der TV-Serie „Twin Peaks“ (1991 – 1992). floppte der Spielfilm, den David Lynch nachschob. Bei den damaligen Filmfestspielen in Cannes wurde „Twin Peaks – Fire walk with me“ von Kritikern ausgebuht. Aber nicht nur die schlechten Kritiken verhagelten David Lynch den gewünschten Erfolg, sondern auch die Fans der Serie, da für sie der Spielfilm nicht im Einklang mit dieser stand.

In der Tat ging bereits bei der Produktion vieles durcheinander, da manche Schauspieler der Serie nicht mitspielen wollten. Kyle McLachlan sagte zunächst ab, um später dann doch wieder zuzusagen. Das Drehbuch wurde also nochmals schnell umgeschrieben, um doch noch Platz für Specialagent Cooper zu schaffen.

„Twin Peaks – Fire walk with me“, der damals in den deutschen Kinos unter dem Titel „Twin Peaks – Der Film“ lief, ist das Prequel zur Serie, in dem erzählt wird, wie es zu dem Mord an Laura Palmer, der wohl berühmtesten Toten der Film- und TV-Geschichte, kam. Beschäftigt sich die erste halbe Stunde mit einem mysteriösen Kriminalfall, der in der Serie immer mal wieder angesprochen wurde: dem Mord an Teresa Banks, so kann der restliche Film als eine Mischung aus Drama und Mystery-Thriller bezeichnet werden. Hier geht es konkret um Laura Palmas zwielichtiges Leben, ihre Drogenabhängigkeit und ihre heimliche Tätigkeit als Prostituierte.

Zuschauer, die die Serie nicht kennen, werden die Handlung des Films wahrscheinlich nicht wirklich nachvollziehen können, zu stark konzentriert sich Lynch hier auf Aspekte der beiden vorangegangenen Staffeln. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, einen von der Serie relativ unabhängigen Film zu schaffen, so aber verliert er sich in Anspielungen, ohne dabei etwas konkret Neues zu liefern.

Waren die damaligen Kritiken durch die Bank weg vernichtend, so bewerten heutige Filmexperten „Twin Peaks – Fire walk with me“ als kleines Meisterwerk. Dies ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber was stimmt, ist, dass der Film weitaus besser ist als die damaligen Kritiker behaupteten. Vor allem das Spiel mit den subtilen, surrealen Aspekten, die auf ein kosmisches Grauen hinweisen, die aber gleichzeitig Merkmale von Laura Palmers psychischen Zustand sein könnten, ist sehr gut umgesetzt.

Auf diese Weise kann man David Lynch‘ Film auf zwei Arten sehen: als das Drama um eine junge Frau, die von ihrem Vater missbraucht wird und sich in Drogen flüchtet, oder als mysteriösen Thriller, in dem es um eine junge Frau geht, die von einem unheimlichen Dämon heimgesucht wird. Beide Ebenen verschmelzen zu einer einzigen und geben dadurch den Themen Unsicherheit, Angst und zerstörte Familienverhältnisse einen doppelten Boden.

Im Gegensatz zur USA, Deutschland (wo auch schon die Serie einen eher geringen Erfolg erzielt hatte) und anderen westlichen Ländern, geriet der Film in Japan zu einem Überraschungserfolg. „Twin Peaks“ wurde vor allem von Frauen gesehen, die von der Figur Laura Palmer bestürzt und zugleich begeistert waren, sahen sie doch darin ein Symbol für die damals aufkommende neue Emanzipationsbewegung.

Das Mörderhotel – Zwischen Roman und Thriller

Mit „Das Mörderhotel“ versuchte sich Wolfgang Hohlbein am Genre des historischen Kriminalromans. Basierend auf der wahren Geschichte von Herman Webster Mudgett (1861 – 1896), der sich als Dr. Henry Howard Holmes ausgab und als einer der ersten Serienmörder der USA gilt, schuf er einen Wälzer von über 800 Seiten.

Mudgett bzw. Dr. Holmes erbaute für seine Untaten in Chicago ein riesiges Hotel, das mit Geheimgängen und Geheimräumen, einer Folterkammer, einem Säurebad und desgleichen mehr ausgestattet war. Bei der Suche nach seinen Opfern kam ihm die Weltausstellung zugute, da diese viele junge, alleinstehende Frauen nach Chicago lockte, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Manche von ihnen mieteten in dem Horrorhotel ein Zimmer – und von da an verlor sich ihre Spur. Heute wird angenommen, dass Mudgett etwa 200 Morde verübt hat. Schließlich wurde er 1894 gefasst und zwei Jahre später hingerichtet.

Hohlbeins Roman besitzt zwei Handlungsstränge, von denen einer die Geschichte Mudgetts, angefangen von seiner Kindheit, erzählt, der andere Mudgetts Umtriebe kurz vor seiner Verhaftung nachgeht. Zwar lässt der Autor dabei sämtliche historisch verbürgten Figuren auftauchen, doch die eigentliche Handlung entspringt dann doch eher der Fantasie des Autors, obwohl sie sich natürlich (jedenfalls im allgemeinen) ebenfalls auf wahre Begebenheiten bezieht.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: für eine solche Geschichte ist der Roman schlicht und ergreifend zu lang. Zwar ist der Aufbau mit den beiden Handlungssträngen recht gut gelungen, doch gibt der Roman als Ganzes für diesen Umfang nicht viel her. 400 Seiten weniger, und es wäre ein wirklich gelungenes Buch geworden. So aber ziehen sich einige Szenen unnötig in die Länge, ja manchmal scheint es, Hohlbein versuche lediglich, Seiten zu füllen. Und für einen solchen umfangreichen Roman wirken die Figuren dann doch eher oberflächlich, sie lassen sich nicht wirklich greifen, was dazu führt, dass sie einem dann auch eher egal sind.

Das ist wirklich schade, denn Hohlbein schreibt in einem sehr flüssigen Stil, der dazu führt, dass man durch den Roman regelrecht gleitet, auch dann, wenn seitenlang wenig oder gar nichts passiert. Zwischendurch schimmert ein wenig schwarzer Humor hindurch, besonders in einem der letzten Episoden des Romans, in dem Hohlbein Mudgett als Jack the Ripper agieren lässt. Doch auch hier erscheint der Roman letztendlich als viel zu lang.

Wenige Jahre zuvor erschien das Sachbuch „Der Teufel von Chicago“ des Journalisten Erik Larson. Im Gegensatz zu Hohlbein, gelingt es Larson auf knapp 400 Seiten eine spannende, erstklassige Reportage zu verfassen. Schade, dass sich Wolfgang Hohlbein nicht an diesem Umfang orientiert hat.

Erschienen: Hexensabbat – Der neue Horrorroman von Carl Denning

Carl Denning ist immer eine gute Adresse, wenn es um das Thema Gruseln geht. Seine Romane (erscheinen bisher nur als eBook) sind nicht nur spannend von der ersten bis zur letzten Seite, sondern sorgen auch für jede Menge Gänsehaut. Nicht anders verhält es sich mit seinem neuesten Streich „Hexensabbat“.

Bei den älteren Bewohnern der kleinen Küstenstadt Leonardtown löst der Name Moll Dyer noch immer Furcht und Schrecken aus. Und das, obwohl sie seit fast 400 Jahren tot ist. Der Legende nach soll Moll Dyer eine Hexe gewesen und Ursache für eine Anzahl sonderbarer Todesfälle gewesen sein.

Laura und ihre Freunde stehen kurz vor ihrem Highschool-Abschluss. Als sie eines Tages von der unheimlichen Legende hören, bringt sie das auf eine spontane Idee: sie wollen mit Moll Dyer bei einer Seance Kontakt aufnehmen. Zunächst tut sich nichts. Doch dann leidet Lauras Freundin Jennifer plötzlich unter einer unerklärlichen Krankheit. Kurz darauf wird ein Mann tot in seinem Auto gefunden. Unzählige Raben suchen die Stadt heim. Doch es kommt noch schlimmer. Viel schlimmer …

Nach drei Romanen um Chiefinpector Susan Gant („Monster“, „Boten des Schreckens“ und „Menschenfresser“), die es mit unheimlichen Fällen in der Nähe von Quebec zu tun hat und die sich auf Anhieb in die Herzen vieler Leser katapultiert hat, ist „Hexensabbat“ nun ein Roman ohne Gant. Dies macht den neuen Roman von Carl Denning allerdings keineswegs weniger spannend. „Hexensabbat“ zieht den Leser gleich von der ersten Zeile in seinen Bann. Denn die Geschichte beginnt praktisch mitten im Geschehen, als Laura und ihre Freunde ein altes, halb zerfallenes Haus aufsuchen, um darin eine Seance abzuhalten.

Was zunächst wie ein obskurer Spaß erscheint, erhält jedoch schnell einen unheimlichen Charakter, als es Jennifer kurz darauf von Mal zu Mal schlechter geht. Alles weist zunächst auf eine Grippe hin, doch werden die Symptome immer seltsamer und auch schlimmer. Nebenher ereignen sich weitere sonderbare Zwischenfälle, welche die örtliche Polizei vor ein Rätsel stellen. So wird z. B. ein Auto am Strand gefunden, das von der Klippe gestürzt ist und dessen Fahrer keine Augen mehr hat.

Wenn man behauptet, die Handlung rast voran, dann ist das keineswegs übertrieben. Hinzu kommt, dass Carl Denning wie immer die Fähigkeit besitzt, dabei keineswegs oberflächlich zu bleiben. Er gibt den jeweiligen Figuren eine komplexe Tiefe, wodurch eine solche Lebendigkeit entsteht, dass man glaubt, selbst mitten im Geschehen zu sein. All das macht „Hexensabbat“ zu einem echten Gruselerlebnis und steht Dennings übrigen Romanen in nichts nach. Zum Schluss bleibt nur zu hoffen, dass der Autor recht schnell einen neuen Horrorthriller schreibt. Denn seine Romane machen regelrecht süchtig.

FuBs Fundgrube: „Hüter der Finsternis“ von Anthony O’Neill

Es gibt tatsächlich Bücher, die einen ärgern. Und das, obwohl man sie für wenig Geld am Bücherflohmarkt erstanden hat. So erging es jedenfalls mir, als ich den Roman „Der Hüter der Finsternis“ des australischen Autors Anthony O’Neill für gerade mal einen Euro gekauft habe.

Davor hatte ich noch nie etwas über den Autor gehört. Inzwischen weiß ich, dass er vor zwei Jahren einen SF-Roman veröffentlicht hat, sein Debut aber (aus dem Jahr 2003) war der oben genannte Roman, eine Mischung aus historischem Roman und Thriller. So steht es jedenfalls auf dem Klappentext. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Edinburgh. Eine Reihe brutaler Morde sucht die Stadt heim, die Polizei ist ratlos, Augenzeugen wollen ein Ungeheuer gesehen haben, das nachts durch die Straßen streift. Neben Inspektor Groves machen sich auch der Philosophieprofessor McKnight und sein Freund Canavan auf die Suche nach dem Mörder.

Eine junge Frau namens Evelyn rückt mehr und mehr ins Zentrum der Ermittlungen. Alles schön und gut, doch hapert es in O’Neills Debut an allen Ecken und Enden. Kurz, man fragt sich, wieso der Roman auf diese Weise veröffentlicht und nie überarbeitet wurde, denn Handlungslogik schaut anders aus. Vor allem zum Schluss schustert O’Neill alle möglichen Ideen krampfhaft zu einer einzigen zusammen, was dazu führt, dass der Roman weg vom Thriller hin zum wirren Fantasy-Abenteuer führt. Der Übergang von einem Genre zum anderen hätte durchaus überraschend sein können, doch O’Neill macht dadurch alles noch schlimmer. Denn das, was der Autor dem Leser präsentiert, hat einfach weder Hand von Fuß.

Stutzig wird man bereits bei so manchen Figuren, die mit Tamtam eingeführt werden, nur um sie dann einfach links liegen zu lassen. Unnötige Szenen ziehen manche Kapitel in die Länge, ohne dass sie eine bestimmte Funktion erfüllen, die Hauptfiguren wirken zum großen Teil wenig überzeugend, was sich besonders bei Groves bemerkbar macht. Zum Teil sind die Dialoge einfach nur nervig, da sie die Handlung nicht weiterbringen, sondern dazu führen, dass diese auf der Stelle tritt. Das Resultat: das Finale des Ganzen ist dermaßen dämlich, dass man nur noch den Kopf schüttelt.

Nach dem Lesen habe ich viel über den Roman nachgedacht, eben weil er dermaßen schlecht konzipiert ist. O’Neill schreibt in der Schlussbemerkung, dass ihm vor allem Robert Louis Stevenson beeinflusst habe. Ich persönlich meine, dass sich Anthony O’Neill an den Romanen James P. Blaylocks orientiert hat, der als eines seiner Vorbilder übrigens auch Stevenson nennt und vor allem in den 1990er Jahren mit „Homunculus“ oder „Land der Träume“ großen Erfolg hatte. Der Unterschied zwischen Blaylock und O’Neill ist aber, dass Blaylock hervorragend konzipierte Romane auf den Leser losließ, während O’Neills angebliche Mischung aus historischem Roman und Thriller völlig daneben geht.

Man kann sich also wirklich über Bücher ärgern, selbst dann, wenn man sie für wenig Geld erstanden hat. „Hüter der Finsternis“ ist 2006 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und inzwischen nur mehr antiquarisch erhältlich.

FuBs Klassikbox: Die Nacht hat tausend Augen (1948)

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Für Edward G. Robinson war dieser Film nur eine kleine Randnotiz in seiner Autobiographie wert: er finde „Die Nacht hat tausend Augen“ äußerst misslungen und habe nur wegen des Geldes mitgespielt. Seine Einstellung ist wirklich erstaunlich, handelt es sich bei „The Night has a thousand Eyes“ um einen der wohl faszinierendsten, unheimlichsten und spannendsten Noir-Filme.

„Der Tod kommt um 11“ lautete der deutsche Alternativtitel und lag dabei gar nicht mal so falsch. Es geht nämlich um Jean Courtland, die um 11 Uhr nachts sterben soll. Ihr Tod wurde ihr durch den sonderbaren John Triton vorausgesagt. Triton verdiente in frühen Jahren sein Geld auf Jahrmärkten als vermeintlicher Wahrsager. Bei einer Vorstellung jedoch sah er einen Todesfall voraus. Von da an wird er immer wieder von Visionen heimgesucht, die kurz darauf schreckliche Wirklichkeit werden. So prophezeit er auch den Tod Jeans, mit der er auf eigenartige Weise verbunden ist. Während Triton versucht, Jeans Schicksal aufzuhalten, setzt die Polizei alles daran, ihn hinter Gitter zu bringen, da sie ihn für einen gemeingefährlichen Scharlatan hält.

John Farrow, der durch John Waynes einzigen 3D-Film „Man nannte mich Hondo“ (1953), bei dem er Regie führte, praktisch in die Filmgeschichte einging, war auch für die Adaption des gleichnamigen Romans von Cornell Woolrich verantwortlich. Woolrich‘ Erzählungen und Romane waren immer wieder für Hollywood interessant, man denke nur an Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954), dennoch starb der Autor völlig verarmt. „Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man heute als Mystery-Thriller bezeichnen würde.

Von Anfang an herrscht eine düster-unheimliche Atmosphäre, die sich dadurch zunehmend verstärkt, da John Farrow mit den Aspekten des Phantastischen regelrecht spielt. Während die Handlung durchaus realistisch bleibt, schleichen sich dennoch immer wieder rätselhafte Ereignisse ein, die eben mit einer herkömmlichen Rationalität nicht zu erklären sind. John Triton, Jean Courtland und alle anderen, die in diesen Fall involviert sind, scheinen regelrecht von einer unheimlichen, ja unerklärlichen Bedrohung umgeben zu sein.

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Fast schon wie bei Lovecraft verweist „Die Nacht hat tausend Augen“ dabei auf eine Welt jenseits unseres Verstandes, die sich hinter der Fassade verbirgt, die unseren Alltag definiert. Natürlich kommen keine Monster vor, doch geht es eben um eine Art kosmisches Grauen, wie Lovecraft dies bezeichnen würde, und wahrscheinlich hätte er dem Film 100 Punkte verliehen. Man würde sicherlich zu weit greifen, wenn man in „Die Nacht hat tausend Augen“ erste Ansätze von Clive Barkers „Lords of Illusions“ (1995) sehen würde, doch würde es andererseits auch nicht wundern, wenn Barker sich von diesem Film hat auf irgendeine Weise inspirieren lassen.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist jedenfalls ein spannender, nein, ein hochspannender Thriller, der die Mystery-Elemente bis zuletzt auskostet, wobei das Tempo des Films sich von Szene zu Szene erhöht. Möglich, dass Edward G. Robinson, der ja vor allem in reinen Gangsterfilmen beheimatet war, die übersinnlichen Aspekte des Films für störend hielt, was ihn letztendlich zu seiner oben erwähnten Aussage geführt hat. Ihm zur Seite stand Gail Russell, die schon eher im Mystery-Genre erprobt war, hatte sie doch bereits in dem Gruselkrimi „Der unheimliche Gast“ (1944) mitgewirkt.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man als vergessene Perle des Film Noir bezeichnen könnte. Kurz: ein großartiger Film.

Die Nacht hat tausend Augen (OT: The Night has a thousand Eyes). Regie: John Farrow, Drehbuch: Jonathan Latimer, Produktion: Endre Bohem, Darsteller: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan. USA 1948, 81 Min.

 

The 80s: Das fliegende Auge (1982)

Szene aus „Das fliegende Auge“ (USA 1982); © Sony Pictures/Columbia Pictures

Die Frage lautet, welcher Film aus den 80er Jahren denn kein Klassiker ist? Einen Film aus diesem Jahrzehnt zu finden, der nicht auf irgendeine Weise prägend gewesen wäre, ist fast unmöglich. Egal ob Mainstream, Arthouse oder Trash, die 80er Jahre beeinflussen bis heute die Art und Weise und den Stil des Filmemachens.

Hierbei natürlich auch das Actiongenre. 1982 drehte John Badham den Thriller „Das fliegende Auge“, dessen Titel im Original „Blue Thunder“ lautet, und landete damit einen Riesenerfolg. Das Drehbuch stammte von Dan O’Bannon, der unter anderem auch das Drehbuch für den SF-Klassiker „Alien“ verfasst hat. In der Hauptrolle brilliert Roy Scheider, der durch Spielbergs „Der weisse Hai“ einen deutlichen Karriereschub erfuhr.

Gleich zu Anfang wird erwähnt, dass alle technischen Aspekte, die in dem Film vorkommen, tatsächlich existieren. Und dennoch wirkte die Thematik damals noch wie Science Fiction – jedenfalls für mich, als ich den Film damals gesehen hab. Heute dagagen wirkt der Film auf berunruhigende Weise real, da sich immer mehr Staaten in Überwachungsstaaten transformieren.

Kinoplakat von „Das fliegende Auge“

Und da wären wir auch schon mitten in der Handlung. Es geht nämlich um den Polizisten Frank Murphy, der als Helikopterpilot die Straßen Los Angeles‘ von oben überwacht. Eines Tages erhält die Polizeizentrale einen neuen Helikopter, den sie testen soll. Die Maschine besitzt nicht nur hochempfindliche Mikrophone, um Gespräche abzuhören, sondern kann auch mithilfe von Spezialkameras durch Wände filmen. Und: der Helikopter ist mit mehreren Waffen ausgestattet.

Murphy kommt bei einem dieser Probeflüge einer Staatsverschwörung namens „Thor“ auf die Spur. Im spanischen Viertel von Los Angeles soll eine Revolte angezettelt werden, um den Helikopter als Probeversuch einsetzen zu können …

Um es gleich zu sagen: „Das fliegende Auge“ ist unglaublich spannend inszeniert. Das erste Viertel des Films zeigt Murphy bei seinem Arbeitsalltag, während er über die Stadt hinwegfliegt und dabei seinen Kollegen bei der Verbrecherjagd hilft. Schon allein diese Szenen sind genial gefilmt und besitzen eine überaus dichte Atmosphäre.

Als dann auch noch der neue Helikopter Blue Thunder ins Spiel kommt, entwickelt sich der Film zu einem echten Actionhighlight. Etwas mehr als 20 Minuten dauert dann auch der packende Showdown, in dem Murphy mit Blue Thunder zwischen den Hochhäusern herumsaust, während er von zwei Kampfjets verfolgt wird.

Wie bereits erwähnt, sind die Action und die Spannung hochgradig gut inszeniert. Nicht weniger großartig ist die eingewebte Kritik an der Überwachungstechnik und das rücksichtslose Vorgehen seitens der Politik (heute müsste man diverse Konzerne hinzuzählen), diese auf eine Weise einzusetzen, um damit auch unbescholtene Bürger zu kontrollieren. Wie oben bereits erwähnt, ist speziell dieser Aspekt des Films heute noch aktueller als damals und sorgt dabei für ein ungutes Gefühl. Denn das, was damals noch eher wie ein düsterer Blick in eine noch düsterere Zukunft gewirkt hat, ist heute düstere Realität.

Das fliegende Auge (OT: Blue Thunder). Regie: John Badham, Drehbuch: Dan O’Bannon, Don Jakoby, Produktion: Gordon Carroll, Darsteller: Roy Scheider, Warren Oates, Candy Clark, Daniel Stern, Malcom McDowell. USA 1982, 105 Min.

Elizabeth Harvest – Ein Film für fünf Minuten auf eineinhalb Stunden

Besser wäre es gewesen, wenn Sebastian Gutierrez daraus einen Kurzfilm gemacht hätte. Denn schon nach wenigen Minuten weiß man, was hinter dem ganzen Getue steckt. Um die Zuschauer irgendwie weiter bei Laune zu halten, gibt Gutierrez, der u. a. die Drehbücher zu „Snakes on a Plane“ oder dem Remake des Thai-Horrorfilms „The Eye“ schrieb, daher sein Mystery-Thema schnell wieder auf und sattelt um auf Gefangene-Frau-versucht-zu-entkommen.

Doch hilft dies nicht viel. Der Film, der bereits am Anfang seine eigentliche Pointe verrät, läuft uninspiriert weiter. Eine Wendung folgt der nächsten, was aber keineswegs neuen Schwung in die Geschichte bringen würde, sondern fast schon verzweifelt und gegen Ende hin auch irgendwie albern wirkt.

Es geht um Elizabeth, die in das riesige Haus ihres Ehemanns Henry zieht. Sie darf alles tun, außer eines: Sie darf nicht einen bestimmten Raum im Keller betreten. Natürlich macht sie dies dennoch, als Henry nicht da ist. Die Konsequenz davon kann man sich denken. Und wenn man auch die Nobelpreisurkunde, die gleich anfangs in die Kamera gehalten wird, genauer betrachtet, so ist eigentlich alles klar.

Nun ja, das mit der „verbotenen Tür“ hatten wir schon mal. 1948 handelte es sich um den Film „Das Geheimnis hinter der Tür“ von Fritz Lang, einem, wie man heute sagen würde, Romance-Thriller, der nicht wirklich in die Gänge kommt. Um die Filmkritiker zu beruhigen, zitiert Gutierrez dann auch brav Langs Film, auch wenn die Handlungen der beiden Filme nur im Grundgerüst etwas miteinander zu tun haben.

Doch viel kommt bei Sebastian Gutierrez dabei nicht heraus. Wirklich gut spielt eigentlich nur Ciarán Hinds, der hier Elizabeths Ehemann Henry verkörpert. Es macht Spaß, sein Spiel zu beobachten. Die anderen Schauspieler jedoch erliegen dem Durchschnitt. Und der Film? Dieser ist schnell wieder vergessen.

Elizabeth Harvest. Regie u. Drehbuch: Sebastian Gutierrez, Darsteller: Ciarán Hinds, Abbey Lee, Dylan Baker, Matthew Beard. USA 2018, 105 Min.