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Archive for September 2013

song for you

Die Sendung „Song for You“ sorgt bei Zuschauern und Kritikern für gemischte Gefühle.

Song-Contests gibt es zurzeit wie Sand am Meer. Auch in Südkorea konkurrieren die TV-Sender mit diversen Casting-Shows, denen jedoch langsam aber sicher die Puste ausgeht. Ging man anfangs durchaus engagiert und motiviert an das Konzept heran, so macht sich nun eine breite Lustlosigkeit bemerkbar. Genau in diese Phase der Konzepthinterfragung strahlte der koreanische Sender SBS eine dreiteilige Sendung aus, in der es um ein Casting etwas anderer Art geht. Es handelt sich um eine Mischung aus typisch koreanischer TV-Unterhaltungssendung, Casting-Show und Reportage. Das Konzept: innerhalb von 100 Tagen soll ein Chor zusammengestellt werden, der in Polen an dem diesjährigen internationalen Chorfestival teilnehmen soll.

Das Besondere daran ist, dass hier keine Durchschnittskandidaten ausgewählt werden. Der Sender engagierte zwei der bekanntesten koreanischen Sänger, die an der Sung-Ji Highschool das Casting durchführen und aus den begabtesten Schülern einen Chor zusammenstellen sollen. Die Sängerin Ohm Jong-Hoa und der Sänger Im Seung-Chol haben es jedoch keineswegs mit einer normalen Schule und normalen Schülern zu tun. Die Sung-Ji Highschool ist eine der berüchtigsten Schulen in ganz Südkorea. Bei den Schülern handelt es sich um schwerst erziehbare Kinder, die zum großen Teil bereits kriminell geworden sind. Die Sung-Ji Highschool ist ihre letzte Chance, um doch irgendwie zu einem Schulabschluss zu kommen.

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Sängerin Ohm Jong-Hoa schockiert über das Verhalten der Schüler.

Dementsprechend schwer haben es die beiden Mentoren, den Schülern Disziplin beizubringen, sind diese es doch gewohnt, in die Schule zu kommen, wann sie Lust haben. Im Gegensatz zu Ohm Jong-Hoa hat es allerdings Im Seung-Chol etwas leichter. Er selbst war früher ein Problemkind und landete mehrmals im Gefängnis. Er weiß, wie man mit diesen Kindern umgehen muss, um sie zu motivieren und ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, sich Mühe zu geben. Seine Kollegin ist in dieser Hinsicht regelrecht überfordert.

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Die Schüler bei einer der Chorproben.

Die Mischung aus Unterhaltung und Reportage hat es in sich. Sie ist gewöhnungsbedürftig und eckt gezielt an. Kein Wunder also, dass die Kritik gegenüber SBS laut wurde. Dem Sender wird vorgeworfen, den Schulalltag an der Sung-Ji Highschool zu beschönigen. Halbkriminelle werden als „eigentlich ganz nette Typen“ charakterisiert. Kurz: die Sendung wurde für teilweise unmoralisch empfunden. Aber genau das ist es, was der Sender wollte. Keine Show, die nach dem typischen Schema F abläuft, sondern ein Konzept, das die Zuschauer zum Nachdenken bringt. Dabei kritisiert die Show indirekt das Schulsystem und die Art, wie mit Problemkindern umgegangen wird. Es zeigt die Hilflosigkeit der Lehrer und Pädagogen. Und es zeigt, dass man mit einem gezielten Engangement auch „solche“ Kinder dazu animieren kann, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, etwas, was die Schule nicht verfolgt.

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Ein erfolgreich absolvierter TV-Auftritt des Chors. Nächste Station internationales Chorfestival in Polen.

Man kann „Song for You“ natürlich vorwerfen, dass hier rein plakativ vorgegangen wird. Denn die Sendung selbst hinterfragt nicht, wodurch die Kinder zu „Problemfällen“ geworden sind. Sie verweist nicht bzw. kaum auf soziale Hintergründe. Sie stellt einfach dar, ohne aber zu verurteilen. So z.B. einen Schüler, der aus seiner ursprünglichen Schule geworfen wurde, da er einen Mitschüler krankenhausreif geschlagen hat. Schüler, die rauchen und sich betrinken, die das Geld ihrer Eltern gestohlen haben. Aber auch Schüler, die an anderen Schulen ständig gemoppt wurden oder die ihre Freundin oder Freund verloren haben, da diese/dieser Selbstmord begangen hat. Die Sendung stilisiert die Protagonisten zu tragischen Figuren. Das ist es, was den Kritikern aufstößt. Doch die Schicksale sind, rein objektiv betrachtet, tragisch. Sie verweisen auf problematische soziale Umfelder und verfehlte Sozialisationen. Sie zeigen Kinder, die schon jetzt als ausgetsossen gelten und es sehr schwer haben werden, zurück in die Gesellschaft zu finden. Es sind sog. Verlierertypen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Auf solche Weise charakterisierte Protagonisten werden normalerweise nur in Problemsendungen oder Polizeireports gezeigt. Dass man sie in einer Unterhaltungssendung präsentiert, ist für viele Zuschauer und Kritiker fast schon ein Skandal.

All das macht „Song for You“ zu einem der interessantesten und spannendsten TV-Projekte innerhalb der derzeitgen koreanischen TV-Landschaft. Es ist gut, dass es unter den Fernsehleuten noch Produzenten gibt, die aufrütteln wollen. Ob der Chor in Polen Erfolg haben wird, wird sich bald zeigen. Doch egal ob Erfolg oder Misserfolg, eines ist auf alle Fälle gewiss: „Song for You“ hat schon jetzt Fernsehgeschichte geschrieben.

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Sänger Um Seung-Chol zusammen mit seinem Chor. (Copyright: SBS)

Nachtrag: Inzwischen ist die Sensation komplett. Der Chor kam beim internationalen Chorfestival auf den zweiten Platz.

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„Killer Toon“ – Kinoplakat

Seit fast drei Jahren herrscht in den südkoreanischen Horrorfilmproduktionsstätten so etwas wie Lustlosigkeit und Einfallslosigkeit. Filme wie „White“ (2011), „Cat“ (2011) oder der groß angekündigte „Sector 7“ gehören eigentlich in die Kategorie Filme, die keiner braucht. Schlecht gemacht, motivationslos gefilmt und konfuse Storys, die sich ein oder mehrere Drehbuchautoren verzweifelt aus der Nase gezogen haben. Ein kleiner Lichtblick war 2011 zumindest „Ghastly“, der es jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht bis nach Deutschland geschafft hat. Überhaupt sucht man zurzeit deutsche Veröffentlichungen aktueller koreanischer Horrorfilme beinahe vergeblich. Anders sieht es bei koreanischen Thrillern aus, die durch ihre hervorragende Machart glänzen.

Anfang 2013 wurde erneut ein Horrorfilm groß angekündigt. Die koreanische Werbetrommel wurde kräftig gerührt, um auf einen Film mit dem Titel „Web Toon“ aufmerksam zu machen. Kurzfristig wurde der Film jedoch in „Killer Toon“ umbenannt. Da die ästhetische Talfahrt des koreanischen Horrorfilms nicht zu übersehen ist, erfolgte unsere Sichtung daher mit äußerst gemischten Gefühlen. Doch dieses Mal waren wir umso mehr erstaunt, einen qualitativ erstklassigen Film zu sehen, der zusätzlich eine in sich geschlossene, intelligent konstruierte Handlung aufweist.

„Killer Toon“ – alternatives Kinoplakat

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine sonderbare Mordserie sucht Seoul heim. Die Morde gleichen den blutrünstigen Zeichnungen eines Internet-Comics (Web Toon), die von der Künstlerin Kang Ji-Yoon geschaffen wurden. Der Polizist Lee Ki-Cheol sucht nach einer Verbindung zwischen der Frau und den Opfern und kommt dabei einem unheimlichen Geheimnis auf die Spur.

„Killer Toon“ ist in Form eines Episodenfilms erzählt, dessen einzelne Geschichten jedoch eng miteinander in Verbindung stehen. Aus den einzelnen Bausteinen ergibt sich letzten Endes eine komplette, in sich geschlossene und durchaus interessante Story, in der beinahe jegliche Logikfehler ausgemerzt wurden. Man hat sich redlich Mühe gegeben, um dem Publikum nichts Halbgegorenes aufzutischen. Durch die einzelnen Comiczeichnungen, die wie eine Rahmengeschichte sämtliche Episoden zusammenhalten, erinnert „Killer Toon“ ganz entfernt an den Film „Creepshow“. Zum Glück aber kopierte Regisseur Kim Yong-Gyun nicht den Klassiker aus den 80er Jahren, sondern liefert eine düstere, teils ironische Gruselgeschichte ab, die mit den Aspekten urbaner Legenden hantiert.

Zusammen mit dem Horrorthriller „Doctor“, der die diesjährige koreanische Horrorsaison eröffnete, haben wir dieses Jahr bereits einen zweiten hervorragend gemachten Horrorfilm. Man stellt sich die Frage, aus welchem Grund in den letzten paar Jahren hauptsächlich Mist produziert wurde. Koreas Horrorfilmer können es noch immer. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Filme im kommenden Jahr entwickeln werden. „Killer Toon“ zählte dieses Jahr zu den erfolgreichsten koreanischen Filmen. Im Sommer erreichte er Platz 2, gleich hinter „World War Z“. Vielleicht spornt dies ja Koreas Filmemacher dazu an, weiter an der Qualität ihrer Storys zu arbeiten.

killer toon screenshot

Durch die Verbindung von Comickunst und Horrorästhetik ist „Killer Toon“ ein Lichtblick in der derztigen koreanischen Horrorfilmflaute.

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Der neue Horror-Thriller von Max Pechmann (Autor von Der Andere) ist jetzt im Sieben Verlag erschienen.

Ein echter Schocker, den ich in dieser Art nicht erwartet hatte und nicht für zarte Gemüter geeignet ist. Der Roman bietet horrormäßige, packende und blutige Unterhaltung der Extraklasse. (Lesewelt)

Dem Autor ist es sehr gut gelungen die düstere Stimmung von KOR einzufangen. Ich habe mehr als einmal ein leises Kribbeln der Angst beim Lesen gespürt. (Leseleidenschaft)

KOR

KOR – eine verlassene Forschungsstation mitten in der Antarktis. Die Besatzung verschwand vor einem Jahr spurlos. Der rätselhafte Vorfall konnte bisher nicht geklärt werden. Während eines schweren Polarsturms empfängt das Forschungsschiff Aurora einen mysteriösen Funkspruch. Sein Ursprung: KOR. Kurz darauf erhält der CIA-Agent John Arnold den Auftrag, ein Team aus Soldaten und Wissenschaftlern zusammenzustellen, um die geheimnisvolle Station aufzusuchen. Zu den Teammitgliedern zählen auch der bekannte Grenzwissenschaftler Jake Kruger und dessen Mitarbeiterin Yui Okada. Doch der Auftrag erweist sich als alles andere als ein gemütlicher Ausflug. Auf KOR gehen unheimliche Dinge vor. Und schon bald gibt es einen ersten Todesfall …

Max Pechmann: KOR. Sieben Verlag 2013. S. 228. Erschienen als Taschenbuch und als eBook.

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keine wahlJa, es gibt sie noch, die linken Lieder, die Arbeiter- und Streiklieder. Und sie entstehen in akuten Klassenauseinandersetzungen, die auch Künstlern Parteilichkeit abfordern, immer wieder neu.

Einer dieser Künstler, die mutig, engagiert und auch weiterhin unbeirrt politisch Partei für die organisierte Arbeiterbewegung nehmen, war und ist seit mehr als vier Jahrzehnten der Mannheimer Liedermacher Schlauch (Bernd Köhler). Das zeigen seine CD “Keine Wahl” mit neu arrangierten Liedern aus Arbeitskämpfen der Jahre 1971 bis 2013 und sein gleichnamiges Lieder- und Geschichtenbuch.

Bernd Köhler und ewo2: Keine Wahl lieder, gesänge und balladen aus Arbeitskämpfen (1971-2013), jump up [Bremen] 30, 15 € (plus Versand)
Bernd Köhler: Keine Wahl. Lieder, Balladen und Gesänge aus Arbeitskämpfen Mannheim 2013, 160 S., 12 € (plus Versand).

Die CD enthält dreizehn neu eingespielte Lieder, das Buch vierzehn Lieder (mit Notationen). Sie entstanden im Zusammenhang mit Arbeitskämpfen der letzten vierzig Jahre, beispielsweise der Stahlwerkersong für die Stahlarbeiterdemonstration in Bonn 1983, Weit droben im Land für den Programma-Streik in Gerstetten 1985, Keine Wahl für den Erhalt der Hattinger Hütte 1987 und Keine Chance – Résitance für den Streik um die Erhaltung der Arbeitplätze bei Alstom Mannheim 2006. Hinzu kommen Impressionen wie Wenn die Stadt erwacht, gesellschaftliche Analysen wie das Lied von der Macht und politische Mutmacher wie Mitten in einer Maschinenfabrik.

Die neuen Arrangements wurden gemeinsam mit Hans Reffert, Jan Lindqvist, Christiane Schmied, Laurent Leroi und Adax Dörsam erarbeitet. Sie kommen meist mit Geräuschteppichen und Chorgesängen daher und sind gefälliger, durch Mandolinen- und Akkordeonpassagen auch volkstümlicher, als die vorausgehenden Originale. Und damit sowohl weniger aggressiv als auch weniger authentisch als Schlauchs Liveauftritte und ihre Ersteinspielungen. Darüber hinaus werden an manchen Stellen klare Aussagen und deftige Worte musikalisch-ironisch gebrochen.

Möglicherweise deshalb sprach die Schallplattenkritik diesen “fein gesponnenen Arrangements bis hin zu leicht wagnernder Rock-Ästektik” (so die Begründung)Bernd Köhler & ewo2 ihren Preis der deutschen Schallplattenkritik 3/2013 zu. Für mich war Schlauch schon früher und ohne “radiotauglich” zu sein preiswürdig …

Wie man die CD Begleitband sorgfältig hören sollte – so sollte man auch den Begleitband lesen und betrachten. Im Buch wird deutlich, dass Bernd Köhlers Lieder, Balladen und Gesänge mit, aus und in den großen altbundesdeutschen Arbeitskämpfen, vor allem von der IG-Metall getragen, entstanden sind: in Tarifrunden und Streiks für höhere Löhne der 1970er Jahre, zur Einführung der 35-Stunden-Woche, zum Erhaltung von Arbeitsplätzen an den Stahlstandorten in den 1980er Jahren und zuletzt bei Umstrukturierungen von Großbetrieben. Im Buch kommen auch Weggenossen zu Wort, etwa Karl Maier und Otto König als Funktionäre der IG Metall, Betriebsräte und Aktivisten von Streiks, Künstlerfreunde wie Hans Reffert, Rüdiger Bischoff, Willi Hölzel († 2012), Blandine Bonjour, Joana und Christiane Schmied (und viele mehr). Sie veranschaulichen „Haltungen, Zielen, Erfolgen aber auch Niederlagen und wie sie verarbeitet wurden.”

Im Buch Keine Wahl stellt sich Bernd Köhler auch als Revuemacher und Grafiker vor, der sich besonders nach der Umbruchzeit der 1990er Jahre der russischen Avantgarde, vor allem Majakowski und El Lissitzky, verpflichtet fühlt. Diese Entwicklung veranschaulichen Gestaltung des Begleitbuches, Farbwahl, Typografie und Symbolik.

Vor allem ist und bleibt Bernd Köhler ein die Augen offenhaltender, engagierter, dialektisch geschulter Gesellschaftskritiker und als Künstler ein kompromissloser Kämpfer für die Interessen der arbeitenden Klassen und der kämpfenden Solidarität mit national und international Unterdrückten.

Bernd Köhlers CD und das Begleitbuch möchte ich unbedingt – auch und gerade den Verzagten – empfehlen.

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