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Archive for Mai 2016

hausers gedächtnisCurt Siodmak (1902 – 2000) war nicht nur ein bekannter Drehbuchautor, sondern schrieb auch mehrere erfolgreiche SF-Romane. Sein berühmtester Roman ist sicherlich „Donovans Gehirn“ (1942), in dem ein Wissenschaftler ein Gehirn künstlich am Leben erhält. 1968 wandte er sich erneut dem Thema Bewusstsein und Bewusstseinstransfer zu. Dieses Mal in dem Roman „Hauser’s Memory“, der 1974 unter dem Titel „Hausers Gedächtnis“ auf Deutsch erschienen ist.

Es geht darin um Professor Patrick Cory, der zusammen mit seinem Assistenten Hillel Mondoro neuartige wissenschaftliche Experimente durchführt. Beide versuchen, die Erinnerungen eines Lebewesens auf ein anderes zu übertragen. Dies durch die Injizierung von RNS. Bei Tieren zeigt die Übertragung gewisse Erfolge. So benehmen sich Ratten wie Hamster, nachdem sie deren RNS gespritzt bekamen, oder Mäuse wie Katzen. Eines Tages erhält Cory Besuch von einem CIA-Agenten. Der Geheimdienst, der Corys Forschungen heimlich mitverfolgt hat, möchte, dass er sein Experiment an einem Menschen durchführt. Es geht dabei um das Gedächtnis eines im Sterben liegenden deutschen Wissenschaftlers namens Hauser, der kürzlich über die DDR in die BRD geflohen ist und dabei angeschossen wurde. Cory soll versuchen, die RNS des Mannes auf einen anderen Menschen zu übertragen, um dadurch an die Erinnerungen des Wissenschaftlers zu kommen. Nach langem Zögern obsiegt bei Cory der Forscherdrang. Er möchte sich selbst die RNS injizieren. Doch sein Assistent kommt ihm zuvor …

Die Konsequenz des Versuchs besteht in einer Flucht vor Agenten, Geheimpolizei und anderen mysteriösen Gestalten. Denn alle wollen Hausers Gedächtnis in ihren Besitz bekommen. Zunächst äußerst sich die Übertragung der RNS nur in seltsamen Stimmungsschwankungen Hillels. Auf einmal kann er deutsche Bücher lesen. Plötzlich aber befindet er sich auf einer Reise, die ihn über Dänemark nach Deutschland, von dort in die DDR und schließlich in die CSSR führt. Denn Hauser hegt weiter einen geheimen Plan.

Möchte man den Roman mit nur einem einzigen Wort bewerten, so würde dies schlicht und ergreifend „Wow!“ lauten. „Hausers Gedächtnis“ ist ein hammermäßiger SF-Thriller, der einem den Atem raubt. Hat man einmal mit dem Lesen begonnen, so kommt man von der Story nicht mehr los. Siodmak braucht keine lange Einführung. Der Roman beginnt gleich an der Stelle, an der Cory Besuch von einem CIA-Agenten erhält. Von da an hetzt die Handlung von einer spannenden Situation zur nächsten. Halb Agententhriller, halb SF-Roman reißt er den Leser mit. Man könnte sagen, Curt Siodmak in Höchstform.

Doch ist „Hausers Gedächtnis“ nicht nur ein spannender Unterhaltungsroman. Siodmaks Kritik an der deutschen Gesellschaft ist direkt und hart. Noch immer leben versteckt ehemalige Nazis in Berlin, die darauf hoffen, dass das Großdeutsche Reich doch noch Wirklichkeit wird. Sehr genau beschreibt Siodmak den Alltag in der DDR. Nicht weniger interessant sind seine Beschreibungen von Prag. „Hausers Gedächtnis“ ist damit ein Roman aus der Hochzeit des Kalten Krieges, der hier als Rahmen für einen rasanten Thriller dient. Gut, die Hintergrundgeschichte erinnert ein wenig an Algis Budrys Roman „Who?“(1958), in dem ein Wissenschaftler nach einem schweren Unfall von den Sowjets behandelt und als eine Art Cyborg wieder in den Westen geschickt wird. Während Budrys Roman allerdings eher wie ein Drama wirkt, drückt Siodmak voll aufs Gaspedal. Obwohl „Donovans Gehirn“ 1953 verfilmt wurde, gab es zu „Hausers Gedächtnis“ keine filmische Adaption. Schade, denn es wäre daraus sicherlich ein genialer Actionfilm geworden.

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belowIn Darren Aronofskys Werk nimmt „Below“ (2002) nicht gerade den ersten Platz ein. Viele wissen nicht einmal, dass Aronofsky, der sich vor allem durch das optisch-geniale Drogendrama „Requiem for a Dream“ (2000) einen Namen gemacht hat, seine Hände im Spiel hatte. In der Tat aber schrieb er nicht nur das Drehbuch, sondern produzierte den Film auch mit. Die Regie überließ er dem Action- und SF-Regisseur David Twohy, der vor allem durch die „Riddick“-Filme bekannt wurde.

Aber auch innerhalb des Horrorgenres fristet „Below“ eine Art Schattendasein, auch wenn er, was eher selten geschiet, im Fernsehen gezeigt wird. Vielleicht liegt dies daran, da der Film sich mehr auf die Tragik des Krieges konzentriert, als auf Schock- und Gruselmomente. Wie dem auch sei, „Below“ ist ein verkanntes Meisterwerk des unheimlichen Films.

Es geht um die Besatzung eines US-amerikanischen U-Boots, das drei Überlebende eines versenkten Schiffes aufnimmt. Doch kaum ist die Rettungsaktion beendet, als die Tiger Shark von einem deutschen Zerstörer gejagt wird, was dazu führt, dass Lieutenant Commander Brice das U-Boot immer tiefer in die Abgründe des Meeres steuert. Allerdings findet die Besatzung dort keineswegs den erhofften Schutz. Denn auf dem U-Boot gehen merkwürdige Dinge vor.

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Odell (Matthew Davis) und Stumbo (Jason Flemyng) gehen den merkwürdigen Geräuschen nach. „Below“ (2002). Copyright: Studio Canal.

„Below“ ist von Anfang an ein überaus spannender Film, der es sogar schafft, die Spannung nicht nur von Mal zu Mal zu erhöhen, sondern bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Dies liegt vor allem daran, da Twohy und Aronowsky es schaffen, die Tragik des Krieges hervorragend mit den unheimlichen Zwischenfällen, die an Bord geschehen, zu verbinden. Beginnt der Film zunächst wie ein Kriegsfilm, so ändert sich der Fokus nach und nach und konzentriert sich schließlich auf die merkwürdigen Klopfgeräusche und gespenstischen Geschehnisse, mit denen es die Besatzung zu tun hat. Dabei aber verlässt die Geschichte nie das Geschehen des Krieges, vielmehr wird dieses zu einem Rahmen, innerhalb dessen sich dann die übernatürlichen Aspekte bewegen. Twohy und Aronofsky bleiben bei allen Geschehnissen realistisch. Es kommt zu keinen Übertreibungen, welche die dichte und düstere Atmosphäre des Films stören könnten. Vielmehr wirken die unerklärlichen Zwischenfälle durchaus realistisch, wie Beispiele für parapsychologische Phänomene.

Die Phänome und das gleichzeitige Drama, das durch den Zweiten Weltkrieg definiert wird, gehen nicht außereinander, sondern sind Teil desselben Geschehens. So kommt es nicht zu parallel verlaufenden Storyelmenten, die wie zusammengeklebt wirken, sondern zu fließenden Übergängen, die sich gegenseitig beeinflussen. Interessanterweise spielte Jason Flemyng, der hier (wie immer) in einer Nebenrolle zu sehen ist, im selben Jahr in dem Kriegshorrorfilm „The Bunker“ mit. Auch dieser Film funktioniert auf dieselbe Weise wie „Below“, indem er das tatsächliche Kriegsgeschehen mit einer unheimlichen Gespenstergeschichte würzt. Ob Regisseur Bob Green mit Twohy und Aronofsky in Kontakt stand, ist allerdings nicht bekannt.

„Below“ ist auf jeden Fall ein wunderbarer Gruselfilm, bei dem es schade wäre, wenn er ganz in Vergessenheit geraten würde.

 

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scarecrowHerbstzeit ist Halloweenzeit und das bedeutet, dass auch die ein oder andere Vogelscheuche ihr Unwesen treibt. So auch in dem TV-Film „Scarecrow“, in dem ein Lehrer zusammen mit einer Handvoll Schüler zu einer Farm fährt, um dort die alte Vogelscheuche abzuholen, die für das 100. Vogelscheuchenfest gebraucht wird. Allerdings ranken sich allerhand unheimliche Gerüchte über eben jene Vogelscheuche. Und kaum sind Lehrer und Schüler bei der Farm angekommen, als es auch schon zu unheimlichen und tödlichen Zwischenfällen kommt.

„Scarecrow“ ist sicherlich kein Film, der sich durch Schauspielkunst und hervorragende Dialoge von anderen Filmen dieser Art abhebt. Dennoch weiß das TV-Filmchen durchaus zu gefallen. Regisseur  Sheldon Wilson  gelingt es, eine dichte und spannende Geschichte aus dem Ärmel zu schütteln, wobei die Kulissen wirklich gut gewählt wurden. Die alte Scheune, die weiten Felder und der einsame Wald sind gut fotografiert, sodass eine angenehm, gruselige Grundstimmung entsteht. Auch die starre Vogelscheuche, die mitten auf dem Feld steht, besitzt einen netten Halloween-Charme. Wenn diese aber lebendig wird, dann beinahe nur mithilfe von CGI. Dennoch gelingen auch hier immer wieder gute Aufnahmen, so z.B. wenn die Vogelscheuche im Hintergrund zu sehen ist. Einen Pluspunkt erhält hierbei die Szene, in welcher das Strohmonster durch ein kaputtes Fenster direkt in die Kamera starrt.

Fast den gesamten Film über wird gerannt, geschrien und hin und wieder einer der Schüler von der Vogelscheuche erwischt. Schön hierbei ist, dass man mehr auf Andeutungen setzt, was dem Film einen leicht klassischen Touch verleiht. Doch sind auch die Konsequenzen der Untaten der Vogelscheuche nicht zu verachten. Die Maskenbildner haben hier gute Arbeit geleistet.

Für einen TV-Film ist „Scarecrow“ daher über dem Durchschnitt. Der Film wird keine Minute langweilig, die 90 Minuten sind voll gepackt mit guter Unterhaltung. Für einen leichten Grusel zwischendurch ist der Film allemal geeignet.

Scarecrow, Regie u. Produktion: Sheldon Wilson , Drehbuch: Rick Sulvalle,  Darsteller: Lacey Chabert, Robert Dunne, Richard Harmon, USA/Kanada 2013, Laufzeit: 90 Min.

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zwielicht sieben„Zwielicht“ lautet das von Michael Schmidt herausgegebene Magazin, das nun bereits sieben Bände vorzuweisen hat – Band acht wird in Kürze erscheinen (Band sieben gab Michael Schmidt zusammen mit Achim Hildebrand heraus). Wie in jeder Ausgabe, so beinhaltet auch diese eine Mischung aus Kurzgeschichten, Erzählungen und Fachartikeln. Doch anders als in den früheren Ausgaben, findet der Leser hier nicht nur deutschsprachige Autoren vertreten. So ist mit Alyssa Wong eine bekannte US-amerikanische Autorin mit von der Partie und aus England stammt die stark von M. R. James beeinflusste Autorin Sheila Hodgon (1921-2002). Es gehört zur Tradition jeder Ausgabe, dass eine bisher noch nicht ins Deutsche übersetzte Geschichte von Algernon Blackwood mit aufgenommen wird. Die Auswahl traf dieses Mal die Erzählung „Der Preis von Wiggins‘ Orgie“, einer Geschichte, die für Blackwoods unterschwelliges, doch zugleich eindringliches Grauen eher untypisch ist und den Meister des Unheimlichen aus einer anderen Perspektive zeigt.

Die Geschichten der deutschsprachigen Autoren haben beinahe alle eines gemeinsam: sie zeigen einen teils bizarren, teils schwarzen Humor, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt. Besonders gelingt dies der Geschichte „Eins, zwei, drei – Turnschuh“ von Dominik Grittner, die von einem Schüler erzählt, der am liebsten ein Superheld mit drei Superkräften gewesen wäre. Dummerweise hat er darüber einen Schulaufsatz geschrieben. Und alle fragen sich nun, was wohl die dritte Supereigenschaft von Super Stevie ist, über die er sich beharrlich aussschweigt, bis … Es soll natürlich nichts verraten werden. Aber der Gag hat gesessen und mir einen lauten Lacher entlockt.

Ellen Norton berichtet in „Der Knochen“, wie der Knochen des Opas der Ich-Erzäherin plötzlich aus dem Grab schnellt und von da an für Chaos sorgt. Michael Tillmanns Kurzgeschichte „Ein so guter Mensch, man könnte kotzen …“ fand ich zunächst wenig überzeugend, da irgendwie kitschig, bis es aber zum Wendepunkt kam und die Story dadurch eine andere Dimension erhielt. Weniger mit schwarzem Humor versehen ist die Geschichte „Gulag“ von Christian Weis, in der es um einen aus einem russischen Gefangenenlager heimgekehrten Mann geht, der sich äußerst seltsam verhält. Die Geschichte ist zwar vorhersehbar, überzeugt aber dennoch durch eine düstere Atmosphäre. Bettina Ferbus beschreibt in „Radio 4“ eine etwas andere Zombiefizierung, die durchaus gelungen, da durchaus sozialkritisch ist. Daniel Huster schließlich beschreibt in „Flesh Drive USB“ einen unheimlichen Konflikt, in dem eine Frau hinter das Geheimnis ihres zweiten Mannes kommt. Eine sehr eindringliche und überaus spannende Geschichte.

Den Abschluss liefern Artikel über Bradbury, Sheila Hodgon und über Vampire. Besonders interessant ist der Text von Eric Hantsch über Martin Luserke, einem deutschen Schriftsteller und Pädagogen.

Alles in allem besteht auch die siebte Ausgabe des Magazins „Zwielicht“ aus einer ausgewogenen und durchweg unterhaltsamen Auswahl an unheimlichen Geschichten. Eine klare Leseempfehlung.

Michael Schmidt/Achim Hildebrand: Zwielicht 7. Saphir im Stahl 2015, 368 Seiten, 12,95 Euro, ISBN: 978-3-943948-48-6

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finalcutEin frisch verliebtes Paar geht ins Kino, um sich in der Mitternachtsvorstellung „The Hills have Eyes 2“ anzusehen. Doch mitten drin bricht der Film auf einmal ab. Der Horror auf der Leinwand geht in die Realität über, denn ohne Vorwarnung befinden sich beide in den Händen eines Wahnsinnigen.

Regisseur Phil Hawking ist eigentlich Werbefilmer. Mit „Final Cut“ legt er nun seinen ersten, selbst produzierten Film vor, in dem niemand anderer als Horrorikone Robert Englund die Rolle von Stuart übernimmt, einem Filmvorführer, dessen Job aufgrund einer technischen Umrüstung gekündigt wurde. Von nun an soll er sich um die Ticketverkäufe, das Popkorn und die Sauberkeit der Kinosäle kümmern. Stuart, der den Verlust seines geliebten Berufs nicht verkraftet, sinnt auf Rache. Und da kommen ihm Martin und Allie gerade recht. Wenn man so will, sind beide Zufallsopfer, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten.

Nun gut, jetzt könnte man meinen, der restliche Film verlaufe nach dem 08/15-Prinzip. Doch genau hier kommt die große und überaus angenehme Überraschung. Phil Hawking versucht sich in Originalität, und das macht „Final Cut“ zu einem Film, der witzig, schnell und vor allem extrem fies ist. Bereits der Prolog des Films, in dem die sich verändernde Lebenslage Stuarts dargestellt wird, ist gut gemacht. Ohne Dialoge, nur in einer kurzen Aneinanderreihung einzelner Situationen, zeigt der Film den sozialen Abstieg des früheren Filmvorführers. Im übrigen Film präsentiert Stuart seinen Hang zur Kreativität. Denn schon immer mal wollte er einen Film drehen. Mit Martin und Allie hat er bereits seine beiden Hauptdarsteller gefunden. Die Überwachungskameras dienen ihm zur Aufnahme der einzelnen Szenen.

Wenn der Vertrieb damit wirbt, dass es sich bei „Final Cut“ um einen Film im Stil von „Im Augenblick der Angst“ handelt, dann ist dies ein wenig hoch gegriffen, vor allem, da der spanische Horrorklassiker aus dem Jahr 1987 eine andere Thematik aufgreift. Was aber stimmt ist, dass beide in einem Kino spielen. Wobei bei „Final Cut“ das Wörtchen spielen durchaus betont wird. Denn das Spiel, das sich Stuart ausgedacht hat, ist überaus gemein. Phil Hawking macht sich hierbei einen doppelten Spaß. Denn er überlässt es dem Zuschauer, ob er nun auf der Seite Stuarts steht oder auf der Seite seiner beiden Opfer. In der Tat erhält der Film durch die jeweilige Perspektive eine völlig andere Aura, was „Final Cut“ überaus interessant macht. So liefert der Film nicht nur für Fans von Robert Englund eine gelungene Unterhaltung. Denn bei Phil Hawkings Erstling handelt es sich im Groben und Ganzen um einen gut gemachten Thriller, der hoffentlich die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

Final Cut – Die letzte Vorstellung (The last Showing), Regie, Drehbuch u. Produktion: Phil Hawking, Darsteller: Robert Englund, Finn Jones, Emily Berrington. Großbritannien 2014, Laufzeit: 85 Min.

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Originalplakat von „Spirit’s Homecoming“ (2016).

Regisseur Choe Jung-Rae fand für sein Projekt, das sich mit dem Schicksal der koreanischen „Comfort Women“ (Trostfrauen) im Zweiten Weltkrieg beschäftigt, keinen Produzenten und erst recht keinen Verleih. Das Drehbuch wurde mit Kommentaren wie „So etwas möchte niemand sehen“ abgelehnt. Choe machte aus der Not eine Tugend und versuchte, die Gelder für den Film durch Crowdfunding zu sammeln. Der Plan ging auf. Er erreichte dadurch über 75000 Geldgeber, die mit ihren jeweiligen Beträgen, dem Film zur Realisation verhalfen.

Dann war da noch die Sache mit den Kinos. Kaum eines der koreanischen Lichtspielhäuser wollte den fertigen Film aufführen. Was folgte, war eine Petition der Geldgeber, welche dazu führte, dass „Spirit’s Homecoming“ in mehreren Kinos anlief. Das Resultat: Der Film legte den bisher erfolgreichsten Wochenstart hin und machte bisher (Anfang März war Premiere) einen Umsatz von umgerechnet über 21 Millionen Dollar.

Doch um was genau geht es in Choes Film? „Spirit’s Homecoming“ erzählt die Geschichte zweier Freundinnen während des Zweiten Weltkriegs. Jung-Min ist 14 Jahre alt, Young-Hee 16. Beide werden von japanischen Soldaten entführt und in ein Militärlager gebracht, wo sie von nun an als „Comfort Women“ tätig sein müssen, als Prostituierte, die von den japanischen Soldaten auf sadistische Weise misshandelt werden.

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Jung-Min (Kang Ha-Na) wird von japanischen Soldaten abgeführt.

Der Film verlangt dem Zuschauer einiges ab. Manche der Szenen, in denen die Mädchen von den Soldaten gequält werden, sind an der Grenze des Ertragbaren. Choe zeigt die reinste Hölle, in der sich die Mädchen befinden. Sie sind der Willkür und der Brutalität der Männer vollkommen ausgeliefert. In engen, schmutzigen Räumen, vor denen die Soldaten in Warteschlangen stehen, warten sie auf den nächsten Peiniger. Aus den anderen Räumen dringen entsetzliches Kreischen und Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Die Mädchen, die in Wahnsinn verfallen oder körperlich zugrunde gehen, werden hingerichtet. In den wenigen Stunden, die die Mädchen für sich haben, sitzen sie zusammen in einer Wiese, machen Späße wie ganz normale Schülerinnen, ihre Gesichter aber mit Platzwunden und Blutergüßen übersät.

Damit der Zuschauer zwischendurch durchatmen kann, entwarf Choe eine Rahmenhandlung, in der eine junge Schamanin eine alte Frau trifft, die früher das Schicksal einer Trostfrau erleiden musste. Diese Handlung spielt im Jahr 1991. Sie zeigt den Alltag der Frau sowie die Tätigkeit der Schamanin, wodurch der Film einen leicht poetischen Touch erhält. Natürlich spielt hier auch der Kontrast zwischen Alptraum und friedvollem Leben eine Rolle. Die Schamanin, die merkt, dass die Frau ihre Vergangenheit immer noch quält, versucht, ihr dabei zu helfen, sie von ihrem Schmerz und ihrem Verlust zu befreien. Das klingt kitschig, ist es aber nicht. Denn Choes nüchterne Art des Erzählens ist frei von jeglichem Hang zum Kitsch.

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Die Mädchen, für die die japanischen Soldaten keine Verwendung mehr haben, werden erschossen.

Diese Nüchternheit prägt auch den Alptraum, den die Mädchen durchleben müssen. Choe ist weit davon entfernt, die japanischen Soldaten als böse hinzustellen. Wie auch die Mädchen, so sind auch sie Opfer des Krieges, verstört und vollkommen verroht. Der Regisseur hatte Schwierigkeiten, Schauspieler zu finden, die die Rollen der Japaner übernehmen wollten. So engagierte er Laiendarsteller, die über drei Jahre hinweg ihre Rollen und Dialoge probten. Ihre Schauspielkunst ist fast schon besser als die der Profis. Das gilt ebenso für die meisten der anderen Darsteller. Da das Geld für Stars fehlte, castete Choe hauptsächlich unbekannte Darsteller. Nicht weniger überzeugend wie die Schauspieler, welche die Rollen der japanischen Soldaten übernommen haben, sind die jungen Darstellerinnen, welche die Comfort Women spielen. Sie spielen ihre Rollen mit so viel Hingabe, dass es nicht erstaunlich wäre, wenn es dafür einen der vielen koreanischen Filmpreise geben würde. Übrigens verzichteten alle auf Gagen, sondern wirkten quasi ehrenamtlich mit.

Neben den Darstellern prägt auch Choes sorgfältige Kameraführung „Spirit’s Homecoming“. Er schafft dadurch zum einen Bilder voller Posesie und Frieden, zum anderen Bilder, die grauenvoller nicht sein können. Während die Misshandlungsszenen dunkel und voller Schatten sind, so sind die Szenen der Rahmenhandlung in einem überaus hellen Licht gehalten, ja wirken teilweise sogar überbelichtet. Gelegntlich nutzt er Zeitlupe, um die Geschehnisse noch eindringlicher wirken zu lassen. Höhepunkt ist hierbei eine Splitscreen, in der in sechs Rahmen die parallel verlaufenden Gräueltaten zu sehen sind, sodass dem Zuschauer keine Möglichkeit bleibt, dem Entsetzen zu entkommen.

„Spirit’s Homecoming“ ist ein Film, der gedreht werden musste. Dass er auch politischen Sprengstoff mit sich führt, zeigt die Tatsache, dass die japanische Regierung die Aufführung des Films verhindern wollte. Der Grund, Japan versucht noch immer, die Schicksale der Trostfrauen herunterzuspielen oder die grauenvollen Berichte sogar als Lügen abzutun. Eine konkrete historische Untersuchung der Comfort Women ist so gut wie unmöglich, da die japanische Regierung die Akten darüber entweder vernichtet hat oder noch immer unter striktem Verschluss hält. Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus. „Spirit’s Homecoming“ hat auf jeden Fall schon jetzt seinen Platz in der (Film-)Geschichte Südkoreas gefunden.

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