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Archive for Oktober 2013

Der französische Filmemacher Jacques Tourneur (1904-1977) zählt heute zu einem der wegweisendsten Regisseure. So wohlmeinend war die Kritik ihm gegenüber nicht immer, wurden doch vor allem seine Horrorfilme als Schund bezeichnet. „Stumpfsinnig“ und „abstoßend“ lauteten manche Bewertungen. Heute zählen speziell diese Filme zu den Klassikern der Filmgeschichte. Ihm gelang in seinen Werken eine unglaubliche Ästhetik, die eine noch lang nachhallende Wirkung erzielt. Ob es sich um die berühmte Schwimmbadszene in „Cat People“ handelt, um die Einstellung des Zombies im Maisfeld in „I walked with a Zombie“ oder um den heranschwebenden Dämon in „Night of the Demon“, Tourneur arbeitete mit Licht und Schatten wie ein Künstler. Seine Inszenierungen sind geradezu elegant und blieben nicht ohne Einfluss.

Nachdem sein eigenwilliger Stil bei manchen Hollywoodproduzenten nicht auf Gegenliebe stieß, landete Tourneur zunächst im B-Sektor der Traumfrabrik, was bedeutete, dass er Trashfilme drehte. Trash ist jedoch keineswegs Trash im eigentlichen Sinne. Trash ist wahre Filmkunst. Durch sein Können bereicherte Tourneur dieses Genre. Bis heute ist er vor allem für seine Horrorfilme bekannt. Was jedoch nicht heißt, dass Tourneur nur Horrorfilme drehte. Er schuf auch diverse Western, Krimis und Thriller wie z.B. „Out of the Past“ (Goldenes Gift) oder den Abenteuerfilm „City under the Sea (Stadt unter dem Meer). Auch für die Stevenson-Adaption „The Comedy of Terrors“ (Ruhe Sanft GmbH) zeigte er sich verantwortlich.

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Cat People (1942)

Sein Horror-Debut „Cat People“ (1942) wurde zu einem enormen Erfolg. Es geht um die Modedesignerin Irene Dubrovna, die Angst vor sexuellen Beziehungen hat. Ihre Furcht besteht darin, dass sie glaubt, sich in eine Raubkatze zu verwandeln, wenn sie sich einem Mann hingibt. Dies führt zu Problemen, als sie den Ingenieur Oliver Reed kennenlernt und sich in ihn verliebt. Beide heiraten. Doch aufgrund Ihrer Sex-Phobie geht die Beziehung langsam in die Brüche. Als ihr Mann fremd geht, wird Irene rasend vor eifersucht und verwandelt sich tatsächlich in einen Panther.

Wie schon erwähnt ist die Schwimmbadszene, in der Alice Moore (Reeds Geliebte) sich vor einer schattenhaften Riesenkatze in das Schwimmbecken rettet, legendär und wird bis heute immer wieder zitiert. Sogar der moderne koreanische Horrorklassiker „Memento Mori“ (1999) greift in einer Szene auf dieses Kunststück zurück. „Cat People“ ist ein gelungenes Stück voller Andeutungen. Das Remake aus dem Jahr 1982 reicht nicht (trotz der Musik von David Bowie) an die Ästhetik heran.

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I walked with a Zombie (1943)

„I walked with a Zombie“ (1943) erzählt von der Krankenschwester Betsy, die eine Stelle auf der westindischen Insel Sankt Sebastian annimmt, um sich dort in einer Villa um Mrs Holland zu kümmern, die Frau des Plantagenbesitzers Paul Holland. Der Zustand von Mrs Holland ist sonderbar. Sie scheint in einer Art Wachkoma gefangen zu sein, wandelt nachts aber durch das Haus. Da bekommt Betsy mit, dass eine Frau, die eine ähnliche Krankheit hatte, von einem Voodoo-Priester geheilt worden ist. Daher besucht sie zusammen mit Mrs Holland ein Voodoo-Ritual und löst dadurch eine Katastrophe aus.

Der Film besticht durch eine dichte, spannende Story und eine wunderbare Gruselästhetik. Die Darstellungen des Voodoo-Rituals wirken reportageartig, was sie durchaus realistisch wirken lässt. Dies führt dazu, dass die unheimliche Bedrohung, die von dem Priester ausgeht, eine große Intensivität annimmt. Auch hier bleibt Vieles bei Andeutungen. Doch genau das macht den Reiz aus, da er Platz für die Phantasie der Zuschauer schafft und den Film zu einem wahren Schauererlebnis werden lässt.

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Night of the Demon (1957)

„Night of the Demon“ (1957) ist eine Adaption einer Kurzgeschichte von M. R. James, dem berühmten englischen Autor von Geistergeschichten. Es geht um den Parapsychologen John Holden, der nach England reist, um dort an einer Konferenz teilzunehmen. Als ein Kollege von ihm tot aufgefunden wird, der ihm zuvor von einem sonderbaren Mann namens Julian Karswell berichtet hat, beschließt Holden, diesen Karswell aufzusuchen. Karswell hat anscheinend durch alte Schriften die Macht, einen Dämon hervorzurufen. Holden glaubt ihm nicht. Doch nach und nach wird er Zeuge seltsamer und unheimlicher Zwischenfälle.

Mit Sicherheit gehört dieser Film ebenfalls zu den besten Horrorfilmen, die jemals gedreht wurden. Das liegt nicht nur an der äußerst originell umgesetzten Story, sondern auch an den überdurchschnittlichen Spezialeffekten. Das Auftreten des Dämons ist grandios und wirkt auch heute noch genauso unheimlich wie überraschend. Tourneur vermischt in diesem Film Thriller mit Horror. Martin Scorsese zählt „Night of the Demon“ zu den 10 unheimlichsten Filmen. Dem kann man nur beipflichten. Im Gegensatz zu den anderen beiden Filmen, wurde „Night of the Demon“ in Deutschland bisher leider nicht auf DVD veröffentlicht.

 

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Das 18. Busan International Film Festival ist zuende. Kim Ki-Duk ging mit seinem Erotikdrama Moebius leer aus. Auch die teure Comicadaption Snowpiercer erhielt keinen Preis. Interessant für den deutschsprachigen Raum dürfte sein, dass die schweizerische Produktion Vaters Garten des Regisseurs Peter Liechti den Busan Cinephile Award erhalten hat. Nominierte deutsche Produktionen dagegen mussten ohne Preis wieder die Heimreise antreten.

Insgesamt waren auf dem 18. Filmfestival 32 Länder mit ihren Produktionen vertreten. Es gab 299 Vorstellungen, davon 94 Weltpremieren. Dieses Jahr wurden 217.865 Tickets verkauft, ein Minus gegenüber dem vergangenen Jahr, in dem 221.002 verkaufte Tickets gezählt wurden.

Busan Filfestival2

Im Folgenden die Liste der Gewinner:

New Currents Awards

Pascha (Ahn Seonkyoung; Südkorea)

Remote Control (Byamba Sakhya; Mongolei/Deutschland)

Sonje Award (Kurzfilme)

A Lady Caddy who never saw a hole in one (Yosep Angginoen; Indonesien)

In the Summer (Son Tae-Gyum; Südkorea)

BIFF Mecenat Award (Dokumentarfilme)

Streetside (Daniel Ziv; Indonesien)

Non-fiction Diary Jung Yoonsuk; Südkorea)

Busan Bank Award (Zuschauerpreis)

Home (Maximilian Hult; Schweden/Island)

KNN Movie Award (Zuschauerpreis)

0 Minutes (Lee Yong-Seung; Südkorea)

FIPRESCI Award (International Federation of Film Critics Award)

10 Minutes (Lee Yong-Seung; Südkorea)

NETPAC Award (Network for the Promotion of Asian Cinema Award)

Shuttlecock (Lee Yubin; Südkorea)

Busan Cinephile Award

Vaters Garten (Peter Liechti; Schweiz)

Citizen Reviewers‘ Award

Hang Gong-Ju (Lee Su-Jin; Südkorea) und Shuttlecock (Lee Yubin; Südkorea)

CGV Movie Collage Award

Han Gong-Ju (Lee Su-Jin; Südkorea)

Busan Filfestival
 

 

 

 

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Seit Donnerstag, dem 3. Oktober, findet das 18. Busan International Film Festival statt. Wie jedes Jahr so geben sich auch dieses Mal Regisseure aus (fast) allen Nationen die Klinke in die Hand. Mit großer Spannung wird der neue Film des koreanischen Skandalregisseurs Kim Ki-Duk erwartet. „Moebius“, so der Titel seines bizarren Erotikdramas, wurde in Korea verboten. Auf dem Festival darf nur eine um zwei Minuten gekürzte Fassung gezeigt werden.

biff

Auch dieses Mal gibt es wieder einzelne Sektionen, die sich u. a. mit dem modernen koreanischen Film auseinandersetzen und sich mit dem aktuellen asiatischen Kino beschäftigen. Allerdings beschränkt sich das Festival keineswegs nur auf das Kino Asiens. Vertreten sind genauso europäische Produktionen wie Produktionen aus den USA und Kanada. Das Programm Midnight Passion zeigt neue Horror- und Thrillerproduktionen. In der sog. Gala Presentation wird u. a. die international besetzte koreanische Produktion „Snowpiercer“ gezeigt (von dem bereits jetzt die koreanische Presse befürchtet, dass er seine Kosten bei weitem nicht einfahren wird). Interessant werden sicherlich die Reaktionen zu dem koreanischen Thriller „The Terror Live“ sein, einer bitterbösen Abrechnung auf die aktuelle Politik in Südkorea.

Das Festival endet am 12. OKtober. An diesem Tag wird ebenfalls die Preisverleihung stattfinden.

Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Festivals: http://www.biff.kr/structure/eng/default.asp

 

 

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Erinnerungen
Der marxistisch orientierte Marburger Hochschullehrer Wolfgang Abendroth wies seine Studenten jahrzehntelang auf einen besonderen Widerspruch im Zusammenhang mit der deutschen Novemberrevolution hin: einerseits erklärte sich das damalige Zentralorgan der damaligen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der mehrmals täglich erscheinende „Vorwärts“, im politischen Teil vorn für die Ablösung des Acient Régime auch in Deutschland. Andererseits fanden sich bei den Kleinanzeigen hinten Reklame für die Freikorps als jene konterrevolutionären Kräfte, die die Revolution nicht nur wie die Pest haßten. Sondern strategisch gewaltsam gegen sie arbeiteten.

Eine weitere Facette dieses nicht nur den „Vorwärts“, sondern die politische Führung der bald Mehrheitssozialdemokratie genannten kennzeichnenden geschichtlichen Widerspruch hat Wolf Abenderoth nach seiner Entpflichtung 1979 als historisch aufklärender zorniger Alter so benannt (1):

„Am 13. Januar 1919 hat – nie darf es vergessen werden – Artur Zickler im „Vorwärts“, damals der wichtigsten Tageszeitung jener Mehrheitssozialdemokraten, die sich ihrer während des Krieges mit Hilfe der kaiserlichen Regierung und ihrer Behörden bemächtigt hatten, geschrieben: „Vielhundert Tote in einer Reih – Proletarier! Karl, Rosa, Radek und Kumpanei – es ist keiner dabei, es ist keiner dabei! Proletarier!“ Die Freikorps, von einem „Rat der Volksbeauftragten“ und ihrem militärischen Verantwortlichen Gustav Noske herbeigerufen, um die Berliner Arbeiter „zur Ordnung“ zu bringen, haben diesen Wink in der Weise verstanden, wie es zu erwarten war. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet.“ (2)

November 1918
Es mag sein, daß Alfred Döblin (1887-1957) als Autor der ´klassischen Moderne´ in Deutschland noch immer und trotz Rainer Werner Faßbenders Biberkopf-Serie schon wieder unterschätzt wird. Döblins 1939 begonnene und 1950 beendete Romantrilogie jedenfalls ist bis heute alles andere als breit rezipiert, mehr noch: weder in den schulischen Textkanon des Literaturunterrichts eingegangen noch von jenen Professionellen gelesen, bei denen es am ehesten erwartbar wäre: umso wichtiger, daß mit der vierbändigen Dünndruckausgabe der Romantrilogie im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) eine gediegen edierte und kommentierte Textausgabe von November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen vorhanden ist (3). Dabei wirkt der hier besonders interessierende letzte Teil der 1950 abgeschlossenen Monumentaltrilogie im Vergleich mit dem ersten, noch im antifaschistischen deutsch(sprachig)em Exil (4) entstandenen Text so entpolitisiert wie jenseitsorientiert: stand zunächst die erkenntnisleitende Frage nach den gesellschaftlich-geschichtlichen Ursachen faschistischer Machtmachtübergabe, Machtübernahme und Machtausübung seit 1933 (5) im Mittelpunkt, so kommt knapp ein Dutzend Jahre später die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung 1918/19 als rational unerklärliches und mythisch verklärtes Phänomen in der personalen Sphäre daher.

AlfredDöblinCover

dtv-Titelblatt
(Archiv des Autors)

Dieser, der sowohl politikhistorisch als auch literarästhetisch schwächlichste Teil von November 1918 wurde als Geschichte zwischen Himmel und Hölle nach dem Roman von ALFRED DÖBLIN für die Bühne bearbeitet von ALICE BUDDENBERG und NINA STEINHILDER in den Kammerspielern des Theaters der Bundestadt Bonn am 2. Oktober 2013 welturaufgeführt.

Eindrückliches
Erfreuliches auf den ersten Blick. Die Kammerspiele als Teil des Stadttheaters Bonn, im Zentrum Bad Godesbergs gelegen, fußläufig zur U-Bahn. Das Gebäude trotz seiner äußerlichen Hülle herinnen ansprechend freundlich, hell angestrichen, großzügig begehbar.

Das Sekundärpersonal des Theaters an Kasse, Garderobe und Theke freundlich gegenüber dem Premierenpublikum, das ausnahmslos pünktlich erscheint und neugierig wirkt. Die etwa 460 Plätze ausverkauft und außer wenigen Einzelplätzen vollbesetzt. Das Gesamtprogrammheft zur neuen Spielzeit 1913/14 rechtzeitig verschickt, formal optisch ansprechend gestaltet wie inhaltlich informativ und anregend; auch die Pressekarte wurde rechtzeitig verschickt und kam einen Tag vor der Veranstaltung selbst an.
Es war als sollte das Bundesstadttheater nun neu aufschwingen. Faktische Hauptstadt des neuen ganzdeutschen Staatsgebildes war Bonn nur bis Herbst 1998. Dr. Manfred Beilharz, 1992/97 Intendant am Schauspiel Bonn und nach Selbstdarstellung ein Schüler Brechts, verließ Bonn rechtzeitig. Ihm folgte als neuer (und zugleich erster General-) Intendant des Theaters Bonn im Herbst 1997 jemand, der Theater als „Abendunterhaltung“ (Bertolt Brecht) verkaufen konnte: Klaus Weise. Seit August 2013 amtiert Dr. Bernhard Helmich als neuer Generalintendant des Bonner Theaters.Ticket

Und doch irritierte mich als ich, zeitig zur Weltpremiere am 2. Oktober 2013 angereist, ins  erste Programmheft der neuen Spielzeit sah, so manches, das mich an zwei Grundeinsichten erinnerte: daß erstens nicht alles, was glänzt, goldig sein muß. Und daß zweitens gut gemeint das Gegenteil von gut sein kann. Auf den ersten Blick referiert die neue Bonner Dramaturgin in ihrer fünfseitigen Einführung die Formalstruktur von Döblins Romantrilogie richtig. Und verweist auf Schwächen speziell des dritten, „800 Seiten starken letzten Bandes von Döblin Werk, der noch einmal in die Zeit um 1918/19 zurückkehrt, als für einen Augenblick sovieles möglich schien“ als „Grundlage des theatralen Epos, das Hausregisseurin Alice Buddeberg mit ihrem achtköpfigen Bonner Spielensemble entwickelt hat.“ (6)

KarlundRosaCover

Theater Bonn, Spielzeit 13/14. Schauspiel. Programmheft Nr. 1:
Karl+Rosa (Broschüre, 40 p. [und] 12 Szenenphotos).


Was dann zur „Geschichte über das Sterben“ erklärt wird und zur „eigentlichen Schlacht“, die „im Innern des Menschen tobt“, ist gewiß kein „Holzweg der Holzwege“ (Joseph Dietzgen). Aber doch Ausdruck von als Stärke ausgegebener Schwäche von Karl und Rosa als theatrales Inszenierungsprojekt.

Sieht man von Rosas ergreifenden Büffelhaut-Text aus der Breslauer Haft Ende 1917 ab, entsprechen weitere Programmhefttexte und -zitationen der ideologischen Sicht der neuen Bonner Dramaturgin: anstatt bekannte Existentialisten wie Albert Camus oder Walter Benjamins Angelus Novus oder mehr oder weniger bedeutsame Wochenblattintellektuelle wie Rüdiger Safranski oder Walter Jens auf entsprechender Abstraktionshöhe zu bemühen – wäre es besser gewesen, die Mühen Ebenen abzuschreiten, genauer: sowohl eine der wenigen bedeutsamen Rezensionen der Romantrilogie (7) als auch eine neuere Studie (8) zu ihr produktiv zu nutzen.

So gesehen, wurde für dieses Programmheft nicht schlampig – sondern gar nicht recherchiert.

Weltpremiere
Unmittelbar während des höflichen Klatschens wurden auf dem Weg zur U-Bahn Stichworte ins noch analoge Diktiergerät gesprochen. Einige folgen, stichwortig notiert: 125´ teils verkopfertes Sprechtheater; wenig gelunge Slaps, mehr aufgesetzter Klamauk. – Die Rosarolla einzig alleinbesetzt. Rosa als zerrissene Person vorn, Karl als Schreihals blaß hinten. Triadisches Handlungsfeld verklammert durch persönlichkeitsgestörte Rosa. – Rosas Breslauer Haftpsychose manisch-depressiv verfestigt, schizoide Schübe. Doppelte Thematisierung Tod vor Augen und Vergeblichkeit linkspolitischen Kampfs. – Bloße Oberfläche Rosa-Karl-Konflikt. Machtmensch Lenin als hinterbühniger Politdaimon. Rosa als kritische Theoretikerin völlig unbegriffen. – Schluß mit Alles-nur-Theater-Spiel abspannendem Mikro-Teufel: peinlicher Premierengag.

Plakat

Werbepostkarte des Stadttheaters Bonn (Archiv des Autors

Von allen Einzelheiten abgezogen lassen sich drei Kernkritikpunkte zu Dramaturgie und Inszenierung kurzfassen:
-Was ich von dieser Weltpremiere als gut zweistündige Aufführung ohne Pause sah kam als sprechtheatrige Zumutung daher. Und war geeignet, eine allgemeine Errungenschaft jedes Theaters, den „Genuß, Menschen handelnd zu sehen“, (9) zu hintertreiben.
-Noch ärger als schon in der Romanvorlage wurde enthistorisiert. Daß ein unterbelichteter Karl Liebknecht und eine nachhaltig persönlichkeitsgestörte Rosa Luxemburg sich im Januar 1919 in Berlin in wechselnden illegalen Quartieren versteckt hielten blieb ebenso draußen vor wie die Bedrohung durch die konterrevolutionär-gewaltsame Soldateska der Noskegarde.
-Als stärkste Verkehrung empfand ich die Verhöhnung Rosa Luxemburgs als Theoretikerin. In dieser Dimension wirkte das Bühnenstück in seiner offenen Verachtung der Marxistin und ihrer theoretischen Leistungen, etwa der in der Breslauer Haft 1916 erarbeiteten Junius-Broschüre zur Deutung der imperialistischen Ursachen des Ersten Weltkriegs, (10) theoriefeindlich und antiaufklärerisch in seiner Mißachtung jedes aufklärerischen Impetus: „Wer verändern will, muß Bescheid um das Verändernde wissen. Der Nutzwert […] besteht eben darin, das Eingreifen in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erleichtern.“ (11) Die daraus folgende Plakatierung der Vergeblichkeit allen theoriegeleiteten praktischen Veränderungshandelns ist offen reaktionär und political theatre at its worst.

Ausblick
Wie an der Bonner Weltpremiere vom 2. Oktober 2013 verdeutlicht – neue Besen müssen nicht immer gut kehren. Sondern hinterlassen nicht selten zunächst Kehricht. So gesehen, kann´s für die neue Hausregisseurin am Theater Bonn nach ihrem Karl+Rosa-Projekt nur besser werden bei den im Programmheft angekündigten beiden Inszenierungen von Shakespeares Königsdramen und ihrer geplanten Dramatisierung von Heinrich Bölls bedeutendem Zeitroman Ansichten eines Clowns. (12)

Anhang
„KARL UND ROSA EINE GESCHICHTE ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE
Uraufführung nach dem Roman von Alfred Döblin
Für die Bühne bearbeitet von Alice Buddeberg und Nina Steinhilber

Werbebild

Deutschland im Herbst 1918: Es ist das Ende des ersten Weltkriegs, das Land befindet sich im Umbruch. Während viele Tausende auf einem Trümmerfeld nach Orientierung suchen und nach einem Weg zurück ins Leben, kämpft im Breslauer Gefängnis eine Frau gegen die Einsamkeit der Haft und die erzwungene Tatenlosigkeit: Rosa Luxemburg, Ikone der deutschen Arbeiterbewegung, fiebert sich ihren toten Geliebten Hannes herbei. Mit ihm stürzt sie sich in imaginäre Gespräche von politischer Klarsicht und poetischer Raserei, lässt ihn Besitz ergreifen von ihren Träumen und Gedanken. Hannes wird zum geisterhaften Begleiter auf ihrer Reise in den Tod.

Doch zunächst überschlagen sich die Ereignisse: Gerade aus der Haft zurückgekehrt, ruft der linksrevolutionäre Sozialdemokrat Karl Liebknecht am 9. November in Berlin die freie sozialistische Republik aus. Kurz darauf lässt auch Rosa Luxemburg das Gefängnis hinter sich. Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. ≫Karl und Rosa, zwei Schmetterlinge, flattern an≪ – bereit, die gemeinsam initiierte Revolution des Proletariats zum Erfolg zu führen.

Der jüdische Arzt und Schriftsteller, Sozialist und spätere Katholik Alfred Döblin hat den Protagonisten der Revolution, die keine werden durften, ein Denkmal gesetzt – und eine Sprache gefunden, die die Tragik der Ereignisse um KARL UND ROSA mit einem ironischen Blick auf die politischen Wirren der Zeit verbindet. Nach über 60 Jahren kommt der letzte Band seines großen Erzählwerks November 1918 erstmals auf die Bühne. KARL UND ROSA ist intimes Kammerspiel, große Tragödie und surreales Feuerwerk, ein reicher Stoff für dieneue Bonner Hausregisseurin Alice Buddeberg, die seit ihrem Regiestudium in Hamburg regelmäßig am Schauspielhaus Hamburg und am Schauspiel Frankfurt inszeniert und für ihre prägnanten, poetischenKlassikerinszenierungen 2011 mit dem ≫Kurt-Hübner-Preis≪ ausgezeichnet wurde. Ausgehend von Döblins Roman erzählt sie die Geschichte Rosa Luxemburgs als Geschichte einer schmerzhaften Emanzipation, voller Widerspruche und Wechselwirkungen zwischen politischer und privater Identität, revolutionärer Idee und Sehnsucht nach persönlichem Glück – als Geschichte zwischen Himmel und Hölle. Wo das Paradies für den Menschen verloren ist, bleibt der wütende Traum von einer besseren Welt.

Besetzung
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Martina Küster
Musik: Stefan Paul Goetsch
Dramaturgie: Nina Steinhilber
Sophie Basse Rosa Luxemburg
Alois Reinhardt Hannes / Satan
Julia Keiling Tanja / Hilde
Sören Wunderlich Friedrich Becker u.a.
Glenn Goltz Karl Liebknecht / Der Direktor
Johanna Falckner Sonja Liebknecht / Lucie
Benjamin Berger Heinz Riedel / Jäger Runge
Daniel Breitfelder Johannes Maus / Erwin“

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom 1971, Promotion 1976, Habilitation 1988) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktionsleier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Herausgeber Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Herausgeber des Netzmagazins rechtskultur.de. 2011 erschien als bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net

1 Richard Albrecht, ´… denkt immer an den ´mittleren Funktionär´: Wolfgang Abendroth (2. Mai 1906 bis 15. September 1985); in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 40 (2004) 4: 465-487, hier Anhang: 483-487; das Abendrothporträt steht (ohne den hier zitierten Anhang) kostenfrei im Netz http://www.grin.com/de/e-book/109653/denkt-immer-an-den-mittlerenfunktionaer-wolfgang-abendroth-2
2 Richard Albrecht, Die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Mörderkarriere eines Konterrevolutionärs http://www.trend.infopartisan.net/trd1111/t551111.html
3 Das dreiteilige „Erzählwerk“ besteht aus Bürger und Soldaten 1918 (I: 1939), den beiden Teilen Verratenes Volk und Heimkehr der Fronttruppen (II/1 und II/2: 1949) und Karl und Rosa (III: 1950).
4 Richard Albrecht, Exil-Forschung. Studien zur deutschsprachigen Emigration nach 1933. Frankfurt/Main: Lang 1988, 376 p.
5 Richard Albrecht, Machtübergabe, Machtübernahme und Machausübung im Spiegel des ersten antifaschistischen Exilromans 1933; in: Michigan Germanic Studies, 11 (1985) 1: 16-33.
6 Dieser theatralen Binnensicht des Karl+Rosa-Projekts entspricht die Darstellung der acht Schauspieler/innen und ihrer sechzehn Rollen mit dem Vorrang der Darsteller/innen und nicht ihrer Rollen (im Anhang dokumentiert). Das kann auch als Verkehrung gewertet werden.
7 Hans Mayer, Eine deutsche Revolution. Also keine; in: Der Spiegel, 33/1978; 14.81978: 124-128; kostenlose Netzversion http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html
8 Ulrich Kittstein, Zwischen Revolution, Gewalt und göttlicher Gnade. Alfred Döblins Romantrilogie November 1918 (1939-50); in: ders.; Regine Zeller (Hg.), „Friede, Freiheit, Brot!“ Romane zur deutschen Novemberrevolution. Amsterdam; New York: Rodopi, 2009: 308-324.
9 Bertolt Brecht, Über die Popularität des Kriminalromans [1938]; in: ders., werkausgabe edition suhrkamp, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967, Band 19: 450-457, hier 453.
10 Richard Albrecht, Karl Liebknecht und Genossen. Die „Ausrottung der Armenier“ während des Ersten Weltkrieges und die deutsche politische Linke: in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 41 (2005) 3, 310-328, hier 320-322.
11 Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse [1927]; zitiert nach ders., Essays. Nachwort Karsten Witte. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1977: 77.
12 Richard Albrecht, Heinrich Bölls Erzählung Keine Träne um Schmeck und ihr soziologisches Umfeld; in: soziologie heute, 5 (2012) 23: 32-34.

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