Fahrenheit 451 oder eine Neuverfilmung, die Angst vor zu harscher Kritik hat

Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt. Ray Bradburys Klassiker über eine Welt, in der Bücher und daher auch das Lesen verboten sind, wirkt heute aktueller als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im Jahr 1953. Daher war es kein Wunder, dass sich ein Regisseur erneut an den Stoff wagte – die Erstverfilmung von Francois Truffaut stammt aus dem Jahr 1966. Das Resultat aber fällt mau aus.

Der mehrfach für den Goldenen Löwen nominierte Regisseur Ramin Bahrani arbeitete bereits seit 2016 an dem Drehbuch der Neuadaption von Bradburys SF-Roman „Fahrenheit 451“. Nachdem der Film 2018 beim Filmfestival in Cannes seine Premiere feierte, wurde er danach auf DVD vermarktet.

Man hatte viel erwartet. Vielleicht ein wenig zu viel. Denn das, was Bahrani abliefert, ist ganz und gar lauwarm. Michael Shannon mimt mal wieder den Bösewicht und wie immer geht er hervorragend in dieser Rolle auf. Auch Michael B. Jordan, der den Film mitproduzierte, wirkt in seiner Rolle ganz passabel. Das Problem des Films liegt daher ganz woanders. Nämlich darin, dass sich Ramin Bahrani nicht traut, eine vehemente Kritik an der heutigen Gesellschaft und der Zunahme an totalitären Staaten zu schaffen.

Nein, er reißt die jeweiligen Themen wie Fake News, Trumpismus, zunehmenden Lesefrust und die Zunahme der staatlichen Kontrolle nur vorsichtig an. Die Folge ist natürlich, dass der Film in seiner Gesellschaftskritik so harmlos ist wie ein Katzenbaby. Auch der Versuch, Bradburys Roman in unsere Zeit zu verfrachten, gelingt daher nicht wirklich. In Ansätzen nicht schlecht, weiß Bahrani dennoch nicht, wie er sich verhalten soll. In wenigen Szenen geht er direkt auf die Vorlage ein, nur um sich danach jeweils wieder schnell zu entfernen, so als fürchtete er sich davor, sich die Finger zu verbrennen.

Schade, denn einen Film, der die Kritik an unserer Gesellschaft direkt auf den Punkt bringt, hätte es gebraucht. Doch so kommt lediglich heraus, dass die USA seit Trump einem zunehmden Idiotismus anheimfallen, während es in Kanada zum Glück noch immer gebildete Leute gibt. Nun ja, für diese ironische und satirisch zugespitzte Schlussfolgerung hätte es diesen Film nicht gebraucht.

Sonderausgabe 4: Phantastische Pole

Sonderausgabe 4 ist erschienen! :) Darin beschäftigen wir uns mit phantastischen Filmen, die an Nord- und Südpol spielen. Der Download ist wie immer gratis. Wir wünschen euch viel Spaß beim lesen!

Hier der Link zum Download: PhantastsichePole

Sonderausgabe 3: „Das Ding“ mal drei – Sozialer Wandel im Film

Die dritte Sonderausgabe von FILM und BUCH beschäftigt sich mit dem Thema Sozialer Wandel im Film. Am Beispiel des SF-Klassikers „Das Ding aus einer anderen Welt“ aus dem Jahr 1951 und dessen beiden Remakes von 1982 und 2011 untersucht der Beitrag, auf welche Weise die Gesellschaft in den drei Filmen jeweils dargestellt wird. Wie sieht es z.B. aus mit der Rolle der Frau oder mit sozialen Ängsten? Zwischen den drei Filmen liegt jeweils eine Zeitspanne von ca. 30 Jahren. Daher erscheinen gerade „Das Ding“ und seine beiden Nachfolger überaus geeignet, um sozialen Wandel im Film zu untersuchen.

Achtung: Der Text ist urheberrechtlich geschützt und zudem mit vielen wichtigen und bekannten sozial- und kulturwissenschaftlichen Organisationen verlinkt.

Hier könnt ihr Sonderausgabe 3 gratis downloaden: Das Ding mal drei

The 80s: Quiet Earth (1986)

quietearthDurch ein irrsinniges Experiment gerät die Erde aus ihrem Raum-Zeit-Kontinuum, was zur Folge hat, dass alle Lebewesen verschwunden sind. Nur ein einziger Mensch ist noch am Leben. Er irrt durch eine leere Welt, um vielleicht doch noch auf andere Menschen zu treffen …

Im Grunde genommen gibt es nur wenige SF-Filme, die wirklich SF sind und in denen die Bezeichnung SF nicht als bloße Legitimation für Herumgeballere und Herumgejage herhalten muss. Zu diesen wenigen Perlen ist ohne weiteres Geoff Murphys „The Quiet Earth“ zu zählen. Der Stoff lehnt sich an klassische SF-Geschichten an, in denen nach einer globalen Katastrophe nur mehr ein einziger Mensch ums Überleben kämpft. Als Beispiele seien hier die Romane „Ich bin Legende“ von Richard Matheson und „Die purpurne Wolke“ von M.P. Shiel genannt.

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Der Wissenschaftler Zac Hobson auf der Suche nach Überlebenden. „Quiet Earth“ (1986). Copyright: Sunfilm Entertainment.

In „The Quiet Earth“ wacht der Wissenschaftler Zac Hobson auf und stellt fest, dass es außer ihm keine anderen Menschen mehr gibt. Sein Erstaunen wandelt sich nach und nach in pure Verzweiflung. Schließlich flieht er in eine Art Wahnsinn. Als er durch Zufall auf eine Frau trifft, die wie er auf der Suche nach anderen Menschen ist, keimen in ihm Schuldgefühle auf, da er selbst an jenem bizarren Experiment beteiligt gewesen ist, durch das die Welt zu einem „stillen“ Planeten geworden ist. Aber auch soziobiologische Aspekte mischen sich gekonnt in die Geschichte, als beide auf einen dritten Überlebenden treffen. Von nun an spielt zwischen dem Wissenschaftler und dem anderen Mann der Kampf um die Frau zur Arterhaltung eine größere Rolle als die Suche nach einer Lösung eines noch viel schwerwiegenderen Problems: Das Raum-Zeit-Kontinuum ist durch das Experiment äußerst instabil geworden und droht jeden Augenblick zu kollabieren.

„The Quiet Earth“, der zu den erfolgreichsten Filmen aus Neuseeland zählt, ist ein SF-Film abseits des Hollywood-Klischees. Die Suche des letzten Menschen nach weiteren Überlebenden und sein Versuch, sich in dieser trostlosen Situation zurechtzufinden, sind sehr realistisch und einfühlsam erzählt. Hinzu kommt ein kongenialer Soundtrack, der das kosmische Ausmaß dieser Katastrophe unterstreicht.

The Quiet Earth, Regie: Geoff Murphy, Produktion: Sam Pillsbury, Don Reynolds, Darsteller: Bruno Lawrence, Alison Routledge, Pete Smith. Neuseeland 1986, 91 Min.

Dark City – Axel Proyas‘ Meisterwerk

darkcityManche Filme floppen an der Kinokasse, erreichen jedoch in ihrer Zweitverwertung als Video oder DVD einen geheimen Kultstatus. Dieses Schicksal teilt auch „Dark City“ des bekannten Regisseurs Alex Proyas. Proyas, der erst dieses Jahr mit „Gods of Egypt“ für Diskussionsstoff sorgte, schuf mit seinem Film über das Geheimnis einer namenlosen Stadt ein recht düsteres und fast schon eigenwilliges Werk, das mehrfach ausgezeichnet wurde.

„Dark City“ handelt von John Murdoch, der von seltsamen Fremden durch eine stets stockdunkle Stadt gejagt wird. Da er nicht schlafen kann, ist er der einzige, der mitbekommt, wie die Stadt sich über Nacht verändert, wie Personen andere Rollen zugesprochen bekommen und dass es sich bei alldem (für alle Spoiler-Hysteriker: hierbei handelt es sich nicht um einen solchen) um eine Art Experiment handelt, das von außerirdischen Intelligenzen durchgeführt wird. Murdoch versucht daher mit allen Mitteln, das Experiment zu stoppen …

Es ist daher nicht zu viel verraten, dass diese Stadt auf einer Art Meteoriten errichtet wurde. Proyas verrät dies bereits in der Anfangssequenz. Dem Zuschauer stellt sich natürlich die Frage, wie der restliche Film aufgebaut ist, wenn die eigentliche Pointe bereits zu Beginn präsentiert wird. Der Plan aber geht auf. Denn was dann folgt sind einmalige Spezialeffekte, welche die grandiosen Veränderungen der Stadt in Szene setzen. Sogar in Actionsequenzen treten die Transformationen wundervoll in Aktion.

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Punkt Mitternacht beginnt die Stadt, sich zu verändern. (Szenenfoto aus „Dark City“; Copyright: New Line Cinema).

Zudem ergibt sich die Spannung auch vielmehr daraus, ob es Murdoch gelingt, die Herrschaft der Außerirdischen über die entführten Menschen und damit das Experiment zu stoppen. Der Look der 30er passt sehr gut zu der kafkaesken Atmosphäre, da beides zu einem expressionistischen Ganzen führt. Damit verweist Proyas zugleich auf die Ursprünge des phantastischen Films.

Die Stadt selbst präsentiert sich als etwas Fremdes, Unnahbares und Unerklärliches. So erscheint die Stadt als etwas, das eine eigene Existenz besitzt, als etwas Lebendiges und keineswegs mehr als ein Konstrukt, das von Menschen oder überhaupt von intelligenten Wesen erschaffen wurde.

„Dark City“ gehört sicherlich zu den interessantesten Produktionen der 90er Jahre. Sein besonderer Stil, die gelungenen Effekte als auch die Handlung lassen den Film nicht altern, sondern liefern immer wieder einen Grund dafür, sich „Dark City“ noch einmal anzusehen.

Dark City, Regie, Drehbuch u. Produktion: Alex Proyas, Darsteller: Rufus Sewell, Kiefer Sutherland, Jennifer Connelly, William Hurt. Australien/USA 1998, 102 Min.

The 80s: Nummer 5 lebt! (1986)

nummer5Eigentlich sind ja die Roboter (fast) immer die Bösen. Man denke nur an „Terminator“, „M.A.R.K. 13“ oder „Death Machine“. John Badham geht in seiner SF-Komödie „Short Curcuit“ einen etwas anderen Weg. Denn was zunächst als böse oder besser gefährlich erscheint, ist es nicht.

Der Film erzählt die Geschichte des Roboters S.A.I.N.T. 5, der durch einen Blitzschlag plötzlich lebendig wird. Eigentlich wurde er zusammen mit vier anderen Maschinen von dem Rüstungskonzern Nova Robotics entwickelt, und zwar als Waffe für zukünftige Kriege. Doch bei der Vorstellung der neuen Entwicklung zieht ein Gewitter auf und ein Blitz trifft den Stromverteiler, an den Nummer 5 gerade angeschlossen ist. Nachdem der Roboter durch den Stromschlag ein eigenes Bewusstsein erlangt hat, verlässt er das Firmengelände. Zum Schrecken der Entwickler und Militärs, die glauben, dass Nummer 5 alles um sich herum pulverisieren wird …

„Nummer 5 lebt!“ ist eine nette und durch und durch witzige Komödie, die es schafft, schwere Fragestellungen einfach und unterhaltsam umzusetzen. Schließlich geht es um nicht weniger als um die Grundfragen unserer Existenz: Was ist Leben? Was ist Bewusstsein? Badham beschäftigt sich mit diesen Fragen innerhalb einer fast 90 Minuten dauernden Verfolgungsjagd. Denn Nummer 5 ist ständig auf der Flucht vor General Schroeder, der den Roboter ohne wenn und aber außer Gefecht setzen möchte. Während Firmenchef Marner nur Angst davor hat, Geld zu verlieren, wollen sich seine beiden Mitarbeiter Newton Crosby und Ben Jabituya davon überzeugen, dass Nummer 5 tatsächlich lebt.

Die einzelnen Situationen sprühen nur so vor lauter Sprachwitz, hierbei ist vor allem der indische Programmierer Jabituya der Renner, der sämtliche Redewendungen durcheinander bringt. Aber auch die Dialoge zwischen Schroeder und Marner haben etwas für sich, zum Klassiker wurde der Gag, wieso niemand Marner darüber informiert habe, weswegen die Hubis nun Helis heißen würden.

Schutz findet Nummer 5 eigentlich nur bei der Tierliebhaberin Stephanie Speck, die den Roboter zunächst für einen Außerirdischen hält. Hierbei macht sich der Film indirekt lustig über die damalige Esoterikwelle. Vor allem aber ist „Nummer 5“ eine Satire auf Militär und Wirtschaft, die er gehörig durch den Kakao zieht. G. W. Bailey, der vor allem durch die „Police Academy“-Filme bekannt ist,  geht regelrecht auf in der Rolle des schreiwütigen Generals, der nur ans Zerstören denkt.

„Nummer 5 lebt!“ gelingt es, tiefgründig zu sein, ohne aber schwer zu wirken. Die Leichtigkeit, mit der diese oben genannten Thematiken abgehandelt werden, ist ein wahres Kunststück und verblüfft immer wieder aufs Neue. Der Erfolg des Films führte klarerweise zu einem Sequel. Doch „Nummer 5 gibt nicht auf“ war weit weniger erfolgreich, als die Produzenten gedacht hatten. Vor wenigen Jahren kamen allerdings Gerüchte auf, dass ein Remake geplant sei. Anscheinend aber wurde die Produktion wieder auf Eis gelegt.

Nummer 5 lebt! (OT: Short Circuit), Regie: John Badham, Drehbuch: Brent Meddock, S. S. Wilson, Produktion: David Foster, Darsteller: Ally Sheedy, Steve Guttenberg, Fisher Stevens, G. W. Bailey, Austin Pendleton. USA 1986, 94 Min.

The 80s: Dune (1984)

duneBereits 1976 war eine Verfilmung von Frank Herberts SF-Roman „Der Wüstenplanet“ geplant. Die Produktion des Surrealisten Alejandro Jodorowsky kam jedoch nicht zustande, es kam lediglich zu Skizzen von H. R. Giger, der in das Projekt mit eingebunden war. Erst Anfang der 80er Jahre wurde das Projekt wieder aufgegriffen. Dieses Mal aber nicht von Jodorowsky, sondern von David Lynch. Das Ergebnis seiner Arbeit war bzw. ist ein bildgewaltiger SF-Film, der jedoch an den Kinokassen floppte.

Schuld an dem Flop war sicherlich die doch recht verworrene Inszenierung. Man merkt, dass sich Lynch, der auch das Drehbuch verfasste, mit der Umsetzung des Stoffes schwer tat. Die Geschichte um den Wüstenplaneten ist nun einmal komplex, es grenzt daher fast schon an ein Wunder, dass es überhaupt zu einer Verfilmung kam. Möchte man die Handlung kurz zusammenfassen, so geht es um Paul Atreides, der im Jahr 10191 zusammen mit seinem Vater auf den Wüstenplaneten kommt, um diesen als Lehen zu übernehmen. Der Planet ist von macht- und wirtschaftlicher Bedeutung, da auf ihm das Spice abgebaut wird, das notwendig für die Raumfahrt ist. Doch diverse Intrigen führen dazu, dass Pauls Vater ermordet wird und Paul selbst zusammen mit seiner Mutter fliehen muss.

Wie oben bereits bemerkt, ist der Film ein bildgewaltiger und überaus kunstvoll inszenierter SF-Film. Allerdings kann man sich „Dune“ nicht einfach mal so anschauen. Man muss sich für den Film Zeit nehmen und die Handlung konzentriert verfolgen, ansonsten verliert man recht schnell den Überblick und steht vor einem doch ziemlich wirren Durcheinander von Adelshäusern und intriganten Figuren, die alle vor allem eines wollen: die Kontrolle über das Spice.

„Dune“ ist kein Film, der versucht, aus einer literarischen Vorlage einen oberflächlichen Actionfilm zu machen. Nein, Lynch hat sich intensiv mit dem Werk beschäftigt, und versucht, diesem irgendwie gerecht zu werden. So ist der Film vor allem ein spannendes Drama, dessen Reiz in den wunderbaren Kulissen und Kostümen besteht. Im Laufe des Films konzentriert sich die Handlung verstärkt auf die Entwicklung der Figur Paul Atreides, der sich von einem behüteten Jüngling zu einem Rebellenanführer entwickelt. Hier wird die Handlung klarer und eindeutiger, der Film gewinnt enorm an Spannung.

Aber was wäre „Dune“ ohne die Sandwürmer? Eigentlich sind diese die Stars des Films. Einfach kolossal in Szene gesetzt, brechen diese Biester aus dem Boden und verschlingen dabei ganze Erntestationen. Aber auch dabei löst sich der Film nicht von dem eigentlichen Drama, sondern umgibt die Spezialeffekte und Actionsequenzen mit einer mystischen Aura, die nochmals von der teils psychedlischen Musik Brian Enos unterstrichen wird.

Das Drama im Film wurde später zu einem Drama um den Film. Denn nach der Kinoversion folgte die dreistündige TV-Version, mit der Lynch nichts mehr zu tun haben wollte, weswegen auch sein Name nicht mehr im Vorspann erwähnt wird. Einen Director’s Cut durfte Lynch nicht durchführen. In der TV-Version fehlen ein paar Szenen aus der Kinoversion, auch wurde der Prolog verändert. Fast 10 Minuten ergeht sich die TV-Version in einer Bildergeschichte, die erklärt, wie die politische Situation, die im Film dargestellt wird, zustande gekommen ist. Allerdings spielen manche der im Prolog genannten Konflikte für die eigentliche Geschichte überhaupt keine Rolle. David Lynch bezeichnete später „Dune“ als einen Fehler. Möglicherweise hat er sich inzwischen von dem Film so sehr distanziert, dass es nie zu einem Directors Cut kommen wird. „Dune“ ist dennoch ein außergewöhnlicher SF-Film, den jeder einmal gesehen haben sollte.

Dune. Regie u. Drehbuch: David Lynch, Produktion: Dino de Laurentis, Darsteller: Kyle McLachlan, Francesca Annis, Jürgen Prochnow, Kenneth McMillan, Sting, Max von Sydow, Patrick Stewart, Brad Dourif. USA 1984, 136 Min.