Der rote Apfel – Psychothriller von Mi-Ae Seo

Lieber spät als nie, könnte man sagen. Mi-Ae Seos Roman „Der rote Apfel“ (Originaltitel lautet „The good Girl“) erschien in Südkorea bereits 2010. Zehn Jahre später kommt nun die deutsche Übersetzung – und man staune, nicht etwa aus dem Englischen, wie manche deutsche Verlage das gerne tun, sondern tatsächlich aus dem Koreanischen. Übersetzt wurde der Roman von Ki-Hyang Lee.

Die Autorin Mi-Ae Seo (geb. 1965) ist in Korea kein unbeschriebenes Blatt. Ihre Thriller landen stets auf den Bestsellerlisten. Genauso erfolgreich verfasst sie Drehbücher, wie z.B. zu der mehrfach ausgezeichneten Krimikomödie „Happy Killers“ (2010). Ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman handelt von der Kriminalpsychologin Sonkyong, die eines Tages einen sonderbaren Auftrag erhält. Der Serienkiller Lee Byong-Do, den die Todesstrafe erwartet, möchte ausgerechnet mit ihr über seine Straftaten reden. Die Polizei erhofft sich dadurch, weitere bisher ungeklärte Mordfälle lösen zu können.

Sonkyong, die Lee Byong-Do zuvor noch nie begegnet ist, willigt ein. Doch Lee Byong-Do verlangt von ihr, dass sie bei jedem Treffen einen großen Apfel mitbringen solle, sonst würde er nicht reden. Zugleich gerät Songkyongs Privatleben völlig durcheinander, da Hayong, die Tochter ihres Mannes, nach einem Brand zu ihnen zieht. Doch mit Hayong scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen.

Man kann den Roman mit zwei Wörtern sofort auf den Punkt bringen: extrem spannend. Mi-Ae Seo entwickelt in „Der rote Apfel“ eine solche Dichte, dass einem buchstäblich der Atem wegbleibt. Auch wenn der Verlauf der Handlung stellenweise vorhersehbar ist, so bleibt die Geschichte aufgrund der Figuren und ihres jeweiligen Verhaltens überaus aufreibend.

Gut, manchmal lässt sich Sonkyongs Verhalten nicht wirklich nachvollziehen. Als Kriminalpsychologin wirkt sie doch eher unerfahren und alles andere wie eine Expertin. Doch andererseits macht genau das die Spannung des Romans aus. Denn immer wieder ertappt man sich dabei, dass man über Sonkyong einfach nur den Kopf schüttelt. Sehr gut fädelt Mi-Ae Seo dabei das soziale Verhältnis zwischen Mann und Frau in den Roman ein, wobei sie hierbei auf ironische Weise veranschaulicht: trotz Emanzipation ist das Patriarchat keineswegs abgeschafft. Interessanterweise macht sich dies ausgerechnet im Privatleben Sonkyongs bemerkbar und nicht in ihrem Berufsleben, was zwischen den Zeilen durchaus satirische Züge aufweist.

Im Groben und Ganzen ist „Der rote Apfel“ ein echter Thriller-Genuss. Während koreanische Filme immer noch Hochsaison feiern, schaut es bei der Literatur leider mehr als nur mager aus. Eher tröpfchenweise werden koreanische Romane ins Deutsche übersetzt. Man kann nur hoffen, dass sich das bald ändern wird. Denn Mi-Ae Seos Roman zeigt, dass es hier noch viel zu entdecken gibt.

Mi-Ae Seo. Der rote Apfel. Heyne Verlag 2020, 12.99 Euro, 349 Seiten

Horror de Luxe: The Cell (2000)

Catherine Deane (Jennifer Lopez) in Carls Unterbewusstsein; „The Cell“ (2000); © New Line Cinema

Viele Kritiker trauten ihren Augen nicht, als „The Cell“ in die Kinos kam. Man hatte einen üblichen Thriller um einen Serienmörder erwartet. Doch niemand hatte damals mit Tarsem Singhs ästhetischen Albtraumbilderrausch gerechnet.

Die Polizei ist hinter dem Serienmörder Carl Starghner her, der Frauen entführt und sie in eine Zelle aus Glas steckt, in dem seine Opfer qualvoll ertrinken. Kürzlich hat der Täter erneut zugeschlagen. Doch dieses Mal verläuft alles anders: Carl wird geschnappt. Doch liegt dieser im Koma. Um dennoch sein letztes Opfer retten zu können, begibt sich die Psychologin Catherine Deane mithilfe einer neuartigen Maschine in seine Gedankenwelt …

Tarsem Singh, der sich seit „The Cell“ nur noch Tarsem nennt, zog bei seinem Debut alle Register. Der Film ist ein wahrer düster-ästhetischer Augenschmaus, der zugleich oder gerade deswegen überaus beklemmend wirkt. Tarsem lässt es nicht bei dem üblichen Fangspiel zwischen Mörder und Polizisten, sondern es geht ihm um die Frage, wie jemand zu solch einem grausamen Mörder wird. Als Catherine bemerkt, dass sie durch diese Erkenntnis das letzte Opfer finden kann, versucht sie, auf Carls Kindheitserinnerungen einzuwirken.

Carl Starghner bleibt dadurch nicht plakativ, sondern erhält wie alle anderen Figuren eine für dieses Genre überaus komplexe Tiefe. Für die Szenen, die im Unterbewusstsein Carls spielen, ließ sich Tarsem von verschiedenen Künstlern und Kunstwerken inspirieren. Aber auch das Spiel mit Filmzitaten bleibt nicht aus, hierbei vor allem auf den Mystery-Thriller „Paperhouse“ (1988) von Bernard Rose.

Dabei ist „The Cell“ keineswegs der erste Film, der sich mit dem Thema Bewusstseinverschmelzung beschäftigt. Bereits 1984 schuf Regisseur Joseph Ruben mit „Dreamscape“ einen Film, in dem es um ein ähnliches Projekt wie in „The Cell“ geht. Im Gegensatz zu Tarsems Werk, knüpft „Dreamscape“ jedoch eher an Action und dem einen oder anderen Gag an.

Carl (Vincent D’Onofrio) ist König in seinem albtraumhaften Reich; „The Cell“ (2000); © New Line Cinema

„The Cell“ ist ein Film, dem man sich nicht entziehen kann. Die Geschehnisse und die bis ins kleinste Detail ausgefeilte Ästhetik wirken wie ein Strudel, der einen nicht mehr loslässt. Auf diese Weise zählt „The Cell“ sicherlich zu den außergewöhnlichsten Psycho-Thrillern überhaupt.

The Cell. Regie: Tarsen Singh, Drehbuch: Mark Protosevich, Produktion: Julio Caro, Eric McLeod, Darsteller: Jennifer Lopez, Vince Vaughn, Vincent D’Onofrio, Jake Weber. USA 2000

 

FuBs Klassikbox: Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden (1966)

Liselotte Pulver als Agda Kjerulf in der Komödie „Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden“ (1966); © Alive

Heinz Rühmann und Liselotte Pulver galten eigentlich als Publikumsmagnet. Doch bei „Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden“ ging dieses Mal die Rechnung nicht auf. Der Krimikomödie nach einem Theaterstück von Curt Goetz war kein Erfolg beschieden.

Die hübsche Agda Kjerulf wird beschuldigt ihren Mann, den erfolglosen Künstler Hilmar Kjerulf, bei einem Bootsausflug ermordet zu haben. Bei der Gerichtsverhandlung wird sie von dem mysteriösen Anwalt Peer Bille verteidigt, der überaus sprachgewandt sämtliche Anschuldigen ad absurdum führt. Dennoch verhält sich Agda weiterhin überaus verdächtig …

Auch wenn der Film damals floppte, so wird er heute als Komödienklassiker bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht einmal um die erste Verfilmung des Theaterstücks von Curt Goetz. Bereits 1930 wurde „Hokuspokus“ zum ersten Mal verfilmt (im selben Jahr erfolgte eine englischsprachige Verfilmung mit Lawrence Olivier), ein Remake folgte 1953. Alle Produktionen feierten große Erfolge, wie gesagt mit Ausnahme der Version mit Heinz Rühmann und Liselotte Pulver.

Möglicherweise lag dies an den surreal angehauchten Kulissen, die dem Film einen leicht psychedelischen Touch verliehen. Für die Kulissen, die für einen deutschen Film einzigartig sind, wurde „Hokuspokus“ damals übrigens ausgezeichnet. Damalige Kritiker bemängelten jedoch an dem Film eine eher schwunglose Inszenierung. Gut, der Film kommt nicht gleich in die Gänge, doch ab dem Moment, da Peer Bille alias Heinz Rühmann auftritt, entwickelt sich der Film zu einem wunderbaren, ja grandiosen und überaus witzigen Schlagabtausch zwischen den Anwälten, dem Richter, den Zeugen und nicht zuletzt der Witwe.

Doch auch schon davor hat der Film einige spaßige Momente zu bieten, besonders dann, wenn der Kunsthändler Amundsen das Haus der Witwe betritt und hofft, das Geschäft seines Lebens zu machen. Denn seitdem der Mord an Hilmar Kjerulf bekannt ist, reißen sich die Kunstsammler um seine Gemälde.

Titelsequenz von „Hokuspokus“, der bereits auf die leicht psychedelische Machart des Films hinweist; © Alive

Da ich den Film bisher nicht kannte, war „Hokuspokus“ für mich eine wahre Entdeckung. Die Pointen sitzen, der Sprachwitz ist einfach herrlich und die Schauspieler sind erstklassig. Nicht nur Rühmann und Lilo zeigen hier ihr Können, sondern auch die Nebendarsteller bereichern den Film ungemein, allen voran Joachim Teege als Munio Eunanio, Besitzer eines Waschsalons, dessen Darbietung fast schon einem eigenen Auftritt im Kabarett gleichkommt. Kurz: „Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden“ ist eine absolut geniale Komödie.

Hokuspokus oder Wie lasse ich meinen Mann verschwinden. Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius, Produktion: Hans Domnick, Darsteller: Heinz Rühmann, Liselotte Pulver, Richard Münch, Fritz Tillmann, Klaus Miedel, Joachim Teege. Deutschland 1966

Behind the Story: Gracia Hosokawa – Vorbild für Mariko Toda in „Shogun“

Yoko Shimada als Mariko Toda in „Shogun“ (1980). Die Figur Mariko Toda ist an Gracia Hokosawa angelehnt, die bis heute in Japan verehrt wird. © CBS/Paramount

James Clavells Roman „Shogun“ (1975) gilt längst als Meisterwerk. Nicht weniger die gleichnamige TV-Serie, die wir zuletzt hier auf FuB besprochen haben. Die Geschichte um den Navigator John Blackthorne, den es während eines Sturms nach Japan verschlägt, wo er zunächst gefangengenommen, doch dann bis zum Samurai aufsteigt basiert auf historischen Tatsachen.

Clavell verband dabei die Geschichte des Navigators William Adams (1564 – 1620) mit der Geschichte der Hofdame Garasha (Gracia) Hosokawa (1563 – 1600). Ob sich beide auch in der Realität begegnet sind, muss offen bleiben, sicher ist jedoch, dass beide Zeitgenossen waren. Beide sind in Japan noch immer bekannt. William Adams‘ Haus steht noch immer, früher wurde sogar ein Stadtteil Tokios nach ihm benannt. Eine weitaus größere Bedeutung aber für die japanische (Pop-)Kultur hat Gracia Hosokawa.

Bis heute wird sie in Japan verehrt, ihr Grab wird immer noch gepflegt und nicht wenige Cosplayer verkleiden sich als Gracia Hosokawa. Doch was ist so besonders an dieser Frau? Ich denke, dass es vor allem mit ihrem überaus tragischen Schicksal zusammenhängt und nicht weniger, dass sie überaus hübsch gewesen sein soll.

Gracia Hokosawa auf einem alten Gemälde

Geboren wurde Gracia Hosokawa als Tamako Akechi. Bereits mit 16 Jahren heiratete sie den Samurai Tadaoki Hosokawa. Ihr Vater war der berühmte Feldherr Mitsushide Akechi. Aus welchem Grund auch immer tötete Mitsushide den Fürsten Oda Nobunaga, bei dem er als Samurai diente. Die Konsequenz, er musste Seppuku (Selbstmord) begehen. Seine Tat färbte sich auch auf seine Tochter ab. Von nun an wurde sie als „Tochter des Verräters Akachi“ bezeichnet. Um sie vor den Gefolksleuten Nobunagas zu schützen, führte sie ihr Mann Tadaoki in die Berge der Halbinsel Tango, die heute zur Präfektur Kyoto gehört, wo sie sich mehrere Jahre versteckt hielt. Noch heute ziert ein Denkmal den Ort, an dem Gracia sich so lange verborgen halten musste.

Später aber erlangte Tadaoki die Erlaubnis, seine Frau in den Palast nach Osaka zu führen. Dort aber wurde sie erneut gefangengehalten. In dieser Zeit konvertierte sie zum Christentum. Sie war sehr gebildet und soll angeblich Latein und Portugisisch gekonnt haben. Doch geriet sie mitten hinein in den Konflikt zwischen den Fürsten Tokugawa und Ishida, die um die Vorherrschaft in Japan kämpften. Ishida zog mit seiner Armee auf Osaka zu, um die Bewohner des Schlosses und damit Gracia Hosokawa als Geiseln zu nehmen. Ihr Mann hatte ihr zuvor gesagt, sie müsse Selbsmord begehen, falls diese Situation eintreten sollte.

Da Gracia jedoch inzwischen Christin geworden war, galt für sie Seppuko als Todsünde. Daher bat sie den Samurai Ogasawara, der zugleich ihr Vertrauter war, sie zu töten. Vor ihrem Tod verfasste sie ein Haiku, in dem sie das Leben und den Tod mit dem Blühen und Vergehen der Blumen verglich. Dieses Gedicht ist bis heute überliefert und wurde sogar in die Außenmauer der  St. Maria’s Kathedrale in Osaka eingemeißelt. Und das ist auch der Grund, weswegen in allen Darstellungen Gracia Hosokawas Blumen eine Rolle spielen. Angeblich handelt es sich bei den dargestellten Blumen um weißen Lotus, der für Würde und Reinheit steht.

Wie gesagt, wird Gracia Hosokawa bis heute verehrt und Cosplayer in Japan verkleiden sich gerne als die berühmte Hofdame. In der Stadt Kameoka findet jährlich das Kameoka Festvial statt, in dem Gracia Hosokawa und ihrer tragischen Geschichte gedacht wird. Die Teilnehmer des Umzugs sind alle in historische Gewänder gekleidet, in einer Sänfte wird eine als Gracia Hokosawa verkleidete Darstellerin durch die Stadt getragen. Den Abschluss des Festivals bildet ein Theaterstück, bei dem die Geschichte der Hofdame nacherzählt wird. Gracia Hokosawa findet sich jedoch auch als Figur in Mangas, Filmen, Romanen und sogar in Computerspielen wieder. Interessanterweise gelangte bereits im Laufe des 17. Jahrhunderts Gracia Hokosawas  tragische Geschichte bis nach Europa, wo sogar ein Theaterstück über sie verfasst wurde. Eine der bekanntesten Bewunderer im Europa des 19. Jahrhunderts soll übrigens Kaiserin Sissi gewesen sein, die das Leben der Hofdame sehr bewegt hat.

Während ich über die Hofdame Gracia Hokosawa recherchierte, wurde mir mehr und mehr bewusst, was für eine beeindruckende und mutige Frau sie gewesen sein muss. Sie wurde nur 37 Jahre alt, im Grunde genommen aber ist sie unsterblich, was die anhaltende Begeisterung und Verehrung in Japan bezeugt.

The 80s: Shogun (1980)

Blackthorne (Richard Chamberlain) und Marika (Yoko Shimada) am Hof des Fürsten; „Shogun“ (1980); © CBS/Paramount

James Clavell (1924 – 1994) lieferte die literarische Vorlage für die längst zum Klassiker gewordene TV-Serie „Shogun“. Der Roman erschien 1975 und wurde wie alle seine Bücher (z.B. Noble House Hong Kong – 1988 verfilmt mit Pierce Brosnan) zu einem Bestseller. Die TV-Serie führte sozusagen dazu, dass auch die Leute den Namen James Clavell kannten, die keine Bücher lesen.

„Shogun“ war damals eine echte Sensation und hat auch heute nichts von seinem Reiz verloren. Als ich kürzlich die Serie nochmals gesehen habe, war ich erstaunt, an wie viele Szenen ich mich noch erinnern konnte. Von Serie zu sprechen, ist eigentlich nicht ganz richtig. Denn im Grunde genommen handelt es sich um einen mehr als zehnstündigen Spielfilm.

Es geht um den englischen Navigator John Blackthorne, dessen Schiff im Jahr 1600 vor der Küste Japans auf Grund läuft. Blackthorne und seine Mannschaft werden sofort gefangengenommen. Kurz darauf aber wird Blackthorne frei gelassen und an den Hof des Fürsten Yoshi Toranaga gebracht, wo er zum Samurai aufsteigt. Doch Blackthornes Beziehung zu der hübschen Mariko ist vielen ein Dorn im Auge. Währenddessen werden die Anzeichen für einen neuen Krieg zwischen den Feudalherren immer deutlicher.

Sowohl Roman als auch Serie basieren auf historischen Tatsachen. William Adams (1564 – 1620), wie die Hauptfigur ebenfalls Navigator, kam im Jahr 1600  nach Japan, wo er als erster Nicht-Japaner zum Samurai ernannt wurde.

Toshiro Mifune als Fürst Toranaga; „Shogun“ (1980); © CBS/Paramount

Eigentlich hätte Sean Connery die Hauptfigur John Blackthorne spielen sollen, sagte jedoch ab, da er nicht nach Japan wollte. Stattdessen wurde Richard Chamberlain engagiert, den Clavell erst nicht mochte, der dann aber über seine Darstellung Blackthornes überaus begeistert war. Der japanische Schauspieler Toshiro Mifune, der bis dahin vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Akira Kurosawa bekannt gewesen war, erlangte durch seine Rolle des Fürsten Toranaga internationale Bekanntheit. Mariko wird von Yoko Shimada gespielt, die in „Crying Freeman“ (1995) Marc Dacascos‘ Gegenspielerin war, ansonsten war ihre weitere Karriere, trotz ihrer sehr guten Englischkenntnisse, auf Japan beschränkt. Für ihre Rolle der Dame Mariko wurde sie 1980 mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Richard Chamberlain erhielt ebenfalls einen Golden Globe für die beste männliche Hauptrolle.

„Shogun“ verbindet alles, was einen erstklassigen Film ausmacht: Spannung, Action, eine komplexe Handlung und eine unglaubliche Tiefe der Charaktere. Unerreicht finde ich, ist die zarte und dennoch überaus dramatische Liebesbeziehung zwischen Blackthorne und Marika.

Das Besondere an der Serie ist nicht nur, dass sie an Originalschauplätzen in Japan gedreht wurde, sondern dass die japanischen Dialoge nicht übersetzt wurden und es auch keine Untertitel gibt. Auf diese Weise wollte Regisseur Jerry London die außergewöhnliche Situation, in der sich Blackhtorne befindet, so darstellen, dass sich der Zuschauer besser in die Hauptfigur hineinversetzen kann, was tatsächlich funktioniert. Zugleich zeigt der Film, wie Blackthorne nach und nach die japanische Sprache und die Kultur lernt. Heutige Serien würden sich besonders für diese Aspekt nur wenig Zeit lassen. „Shogun“ jedoch geht hierbei auf fast minutiöse Weise vor, wobei auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Keine andere Serie befasste sich so sehr mit der japanischen Geschichte und der damaligen Kultur wie eben „Shogun“. Die Serie kratzt nicht einfach an der Oberfläche, sondern taucht tief in die Gedankenwelt und kulturellen Merkmale ein, was „Shogun“ für jeden, der an Japan und dessen Geschichte interessiert ist, zur Pflicht macht. Interessanterweise floppte die Serie ausgerechnet in Japan. Dort interessierte man sich damals nicht so sehr für das Thema, ganz im Gegenteil zu Europa und den USA, wo die Serie Kultstatus erreichte.

Shogu. Regie: Jerry London, Drehbuch: Eric Bercovici, Produktion: James Clavell, Eric Bercovici, Darsteller: Richard Chamberlain, Toshiro Mifune, Yoko Shimada, John Rhys-Davis. USA/Japan 1980

FuBs Klassikbox: Die Piratenkönigin (1951)

Gleich am Anfang feuern die Kanonen; „Die Piratenkönigin“ (1951); © 20th Century Fox

So ziemlich alles, was Regisseur Jacques Tourneur anpackte, wurde zum Klassiker. Egal, ob es sich um den Noir-Thriller „Blondes Gift“ handelt oder die Horrorfilme „Katzenmenschen“, „Ich folgte einem Zombie“ und „Night of the Demon“, die Filme entwickelten sich nicht nur zu Kassenschlagern, sondern gingen in die Filmgeschichte ein. Doch war Tourneur nicht nur im Thriller- und Horrorgenre beheimatet, sondern drehte auch Western und den Abenteuerfilm „Die Piratenkönigin“ (Anne of the Indies). Mit letzterem setzte er ebenfalls einen Meilenstein im Filmschaffen.

Denn „Die Piratenkönigin“ ist einer der ersten Abenteuer- bzw. Piratenfilme, in der eine Frau die Hauptrolle hat. Schauspielerin Jean Peters spielt Anne Providence, Kapitänin eines Piratenschiffs, das von der englischen Flotte gejagt wird. Eines Tages versenken Anne und ihre Mannschaft ein englisches Kriegsschiff. Mit an Bord ist der Franzose Pierre LaRochelle, der als Gefangener nach Großbritannien gebracht werden sollte. Anne, die Gefallen an La Rochelle findet, setzt ihn als Ersten Maat ein – obwohl ihr Arzt sie vor dem Mann warnt. Doch das Schicksal nimmt seinen genauso abenteuerlichen wie dramatischen Lauf …

Kanonendonner, wilde Gefechte und jede Menge Seemannsflüche, „Die Piratenkönigin“ zählt zu den aufregendsten Piratenfilmen Hollywoods. Jede Menge Action, eine überaus spannende Handlung und eine wunderbare Vielfalt an rauen Gesellen machen Tourneurs Seeabenteuer zu einem echten Filmereignis, bei dem sich die dramatischen und aufregenden Ereignisse die Klinke in die Hand geben, sodass der Film alles kennt, außer einer ruhigen Minute.

Anne Providence (Jean Peters) baum Hauen und Stechen; „Die Piratenkönigin“ (1951); © 20th Century Fox

Bereits 1947 begannen die ersten Drehbuchentwürfe, die auf einer Erzählung von Herbert Sass basiert. Sass selbst sollte ein Skript entwerfen, doch landete dieses erst einmal in der Schublade. Erst wenige Jahre später wurde das Projekt wieder aufgenommen, doch Sass‘ Konzept, das sich stark an der tatsächlichen Geschichte von Anne Bonny orientierte, wurde so sehr verändert, dass außer dem Vornamen der Piratenkapitänin nichts mehr übrig blieb. 1951 kam der Film schließlich in die Kinos und machte Jean Peters endgültig zum Star.

Wie vorhin erwähnt, lehnt sich die Figur Anne Providence an der tatsächlichen Piratenkapitänin Anne Bonny (1698 – 1782) an, die damals die Meere unsicher gemacht hatte und zusammen mit ihrer „Kollegin“ Mary Read für jede Menge Angst und Schrecken sorgte. Sie wurde gefangengenommen und entkam nur knapp dem Galgen. Später heiratete sie und lebte in einer Stadt in South Carolina.

1995 versuchte man eine Art Remake unter dem Titel „Die Piratenbraut“, doch heißt hier die Kapitänin Morgan Adams. Während Tourneurs Film zum Kassenschlager wurde, entwickelte sich „Die Piratenbraut“ zum größten Flop der Filmgeschichte.

Die Piratenkönigin (OT: Anne of the Indies). Regie: Jacques Tourneur, Drehbuch: Arthur Caesar, Philip Dunne, Produktion: George Jessel, Darsteller: Jean Peters, Louis Jordan, Thomas Gomez, Herbert Marshall. USA 1951

8 – Horror aus Südafrika

Mit „8“ liefert der südafrikanische Regisseur Harold Holscher sein Debüt ab: ein Horrorfilm, der südafrikanische Folklore mit modernen Gruselelementen vermischt. Das Symbol 8 verweist dabei auf den Berührungspunkt zwischen der übernatürlichen und der hiesigen Welt.

Die Handlung spielt 1977. Will, seine Frau Sarah und die Adoptivtochter Mary ziehen in ein altes Farmhaus, das früher Wills Vater gehört hat. In der Nähe treibt sich der einsame Schwarze Lazarus herum, der einen schweren Ledersack mit sich herumträgt. Da Lazarus früher für Wills Vater gearbeitet hat, lässt Will ihn in der Scheune wohnen. Doch als sich mehr und mehr unheimliche Dinge ereignen, möchte Sarah, dass Lazarus wieder verschwindet. Auch der in der Nähe lebende Medizinmann Obara warnt Will vor Lazarus …

Harold Holschers Debüt steckt voller Geheimnisse und dies im doppelten Sinn. Denn zum einen ist „8“ eine durch und durch geheimnisvolle, düstere Geschichte, zum anderen lässt der Regisseur viele Aspekte offen, sodass man als Zuschauer durchaus ins Rätseln kommt, was mit dieser oder jener Szene gemeint ist. Wer sich mit afrikanischer Folklore auskennt, wird wahrscheinlich mehr in mancher unklaren Szene erkennen. Andererseits aber ist dies natürlich auch ein Anreiz dafür, sich selbst näher mit den Mythen und Legenden Südafrikas zu beschäftigen.

Was interessant ist, ist, dass Harold Holscher gleich zu Anfang Larry Fessendens Meisterwerk „Wendigo“ (2001) zitiert. Die Anfahrt zur Farm ähnelt recht stark der Anfahrt zu dem leer stehenden Haus in eben jenem Film des New Yorker Independent-Regisseurs, sodass man meint, dass Holscher sich weiter an Fessendens Stil orientierten wird.

Doch weit gefehlt. Angekommen beim Farmhaus nimmt es Holscher mit den Horrorfilmen der 70er Jahre auf, weswegen ja auch die Handlung im Jahr 1977 spielt. Erst nach und nach schleichen sich die folkloristischen Elemente in die Handlung ein. Aufgrund eben dieser Elemente wirkt „8“ stets faszinierend, wobei jedoch eher selten richtige Spannung aufkommt. Die einzelnen, wenigen unheimlichen Szenen sind sehr sorgfältig konzipiert und orientieren sich dabei sehr schön an klassischen Gruselelementen. Dies ist vor allem Kameramann David Pienaar zu verdanken, dessen wunderbare Bildkompositionen den Film immer wieder zu einem Augenschmaus machen.

Das Problem des Films sind jedoch vor allem seine Figuren. Will, Sarah und Mary bleiben allesamt eher unscharf. Vor allem bei Will weiß man nicht recht, was er auf der Farm eigentlich möchte. Denn angeblich ist er, laut einer Bemerkung Sarahs, Buchhalter. Möchte er die Farm übernehmen? Das Haus einfach nur herrichten, um es nachher zu verkaufen? Dass Sarah ihm keine richtige Hilfe ist, wird immer deutlicher. Denn sie ist die einzige, die spürt, dass mit dem Ort und mit Lazarus etwas nicht stimmt.

Im Hinblick auf das Unheimliche wirkt der Schwarze Wanderer keineswegs bedrohlich oder unsympathisch. Im Gegenteil, ausgerechnet der von allen anderen Figuren als unheimlich und böse bezeichnete Mann ist die Figur, in die man sich am ehesten hineinversetzen kann. Sein Schicksal macht ihn zu einer durch und durch tragischen Figur, mit der man eher Mitleid hat, als dass man sich vor ihr gruselt.

Harold Holscher beweist in „8“, trotz der genannten Schwächen, dass er auf jeden Fall etwas kann. Man darf daher gespannt auf seinen nächsten Film sein.

„8“. Regie u. Drehbuch: Harold Holscher, Produktion: Jac Williams, Darsteller: Tshamano Sebe, Inge Beckmann, Garth Breytenbach, Keita Luna, Chris April. Südafrika 2019.

FuBs Klassikbox: Todsünde (1945)

Ellen (Gene Tierney) offenbart ihre psychopathischen Anlagen; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Ein Film Noir in Farbe? 1945 bewies Regisseur John M. Stahl, dass dies durchaus funktionieren kann, und schuf dabei zugleich einen der Klassiker dieses Genres. Ausgezeichnet mit dem Oscar für die Beste Kamera, waren die Kritiker dennoch nicht ganz von „Leave her to Heaven“ überzeugt. Aber wie so oft änderte sich diese Meinung mit der Zeit. Heute zählt das Werk zu den außergewöhnlichsten Filmen jener Ära.

„Todsünde“ basiert auf dem damaligen Bestseller von Ben Ames Williams. Es geht um den Schriftsteller Richard Harland, der während einer Zugfahrt Ellen Berent kennenlernt. Schnell entwickelt sich aus der Bekanntschaft eine Liebesbeziehung. Doch nach der Hochzeit stellt Richard mehr und mehr fest, dass etwas mit Ellen nicht stimmt …

Ellens Blick verrät: mit ihr stimmt etwas nicht; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Gene Tierney galt damals als eine der schönsten Frauen. Ein Jahr nachdem sie in dem Thriller „Laura“ die Titelfigur gespielt hatte, stellte sie in „Todsünde“ eine Psychopathin erster Güte dar. Ellen entpuppt sich mehr und mehr als kontrollsüchtig. Niemand darf Richard nahe kommen, nicht einmal ihre Familie. Dass sich ihre Halbschwester Ruth mit Richard gut versteht, bringt sie in Weißglut. Und dann ist da noch Richards behinderter Bruder, der ihr im Weg steht.

John M. Stahl kreierte in „Todsünde“ Szenen, die unter die Haut gehen. Einer der Höhepunkte, bei denen Ellens Boshaftigkeit zur Geltung kommt, ist die beklemmende Szene, in der Ellen gefühllos beobachtet, wie Richards Bruder im See ertrinkt. Man fühlt sich an die Rückblende in „Freitag, der 13.“ (1980) erinnert, in der Jason als Kind dasselbe Schicksal ereilt. Möglich, dass sich Regisseur Sean S. Cunningham von der Szene in „Todsünde“ inspirieren ließ.

Ziemlich gewagt für die damalige Zeit ist auch die Szene, in der Ellen in Richards Bett kriecht, um ihn „in Stimmung“ zu bringen. Sie reibt sich an ihn und bläst ihm sanft ins Gesicht, während ihre eine Hand angedeutet (d.h. außerhalb des Bildes) zwischen seinen Beinen ruht. In dem Moment, in dem Richard auf ihr Spiel reagiert, wird die Situation durch seinen Bruder unterbrochen, der gegen die Wand klopft. Enttäuscht steht Ellen wieder auf.

Bei „Leave her to Heaven“ darf die Farbgebung keineswegs unerwähnt bleiben. Es handelt sich nicht einfach um einen gewöhnlichen Farbfilm. Kameramann Leon Shamroy setzte Beleuchtung und Farbe so ein, dass die Szenen teilweise fast schon surreal wirken. Das farbliche Scheinwerferlicht schafft beinahe traumartige, geheimnisvolle Hintergründe, eine Methode, die der berühmte italienische Horrorregisseur Mario Bava 20 Jahre später wieder aufnehmen sollte.

Die spezielle Farbgebung des Films erinnert teilweise an die späteren Filme Mario Bavas; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Selbst die Musik wirkt ungeheuer modern. Von Anfang an deutet Filmkomponist Alfred Newman durch tiefe, eindringliche Tonfolgen die düstere Bedrohung an, die sich im Laufe des Films zunehmend verdichtet und schafft dabei eine Musik, die auch in heutigen Thrillern ohne weiteres verwendet werden könnte. Bei der angedeuteten Sexszene sowie bei der Szene, in der Richards Bruder ertrinkt, bleibt die Musik ganz weg, wodurch das Geschehen noch intensiver wirkt. Die damaligen Zuschauer müssen wie gebannt auf die Leinwand gestarrt haben.

Wie auch in „Laura“, so spielt in „Todsünde“ Vincent Price eine Nebenrolle. War er in „Laura“ ein schlaksiger Freund der Familie, der als einer der Verdächtigen galt, so spielt er hier einen Staatsanwalt, der sich an Richard rächen möchte, da dieser ihm seine Verlobte (Ellen) weggenommen hat.

Kurz und knapp: „Todsünde“ ist ein teils subtiler, teils beklemmender Thriller, der auch heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.

Todsünde (OT: Leave her to Heaven); Regie: John M. Stahl, Drehbuch: Jo Swerling, Produktion: William H. Bacher, Darsteller: Gene Tierney, Cornel Wilde, Jeanne Crain, Vincent Price. USA 1945

Horror de Luxe: Tormented – Der Turm der schreienden Frauen (1960)

Was alles so geschehen kann, wenn ein Mann vom „sexiest ghost“ verfolgt wird, zeigt uns Regisseur Bert I. Gordon in seinem Film „Tormented“. Gordon ist in Deutschland so gut wie unbekannt, in den USA dagegen zählt er neben Roger Corman und William Castle zu den bekanntesten Trash-Ikonen, der für viele seiner Filme auch die Spezialeffekte entwickelte.

In „Tormented“ geht es um den Jazzmusiker Tom Stewart, der auf der Insel Cape Cod lebt und kurz vor seiner Heirat mit Meg Hubbard steht. Doch Tom hat es nicht so mit der Treue. Heimlich trifft er sich mit Vi Mason. Als sich beide auf dem alten Leuchtturm treffen, der demnächst abgerissen werden soll, möchte Tom die heimliche Beziehung beenden. Noch während der Auseinandersetzung gibt ein Teil des Geländers nach und Vi stürzt in die Tiefe. Und damit fängt die Geschichte eigentlich erst an. Denn Tom wird von da an vom Geist Vis, dem oben genannten sexiest ghost, wie es damals im Trailer hieß, verfolgt.

Tom Stewart (Richard Carlson) in der Zwickmühle; „Tormented“ (1960)

„Tormented“ ist ein kurzweiliger und durchaus spannender Horrorfilm, dem man sicherlich ansieht, dass nicht viel Geld für die Produktion vorhanden war, der jedoch das Beste daraus macht. Die Effekte sind witzig in Szene gesetzt, von einer Geisterhand, die Tom den Ehering stielt, bis zu dem Geist mit wehendem Gewand ist alles vorhanden. Wirklich gut wird Tom Stewart von Richard Carlson dargestellt, der selbst Regisseur und Produzent gewesen war. Er zeigt Tom als einen Mann, der zunehmend von Schuldgefühlen geplagt wird und der bald nicht mehr weiß, ob er deshalb unter Wahnvorstellungen leidet oder ob er es mit tatsächlichem Spuk zu tun hat.

Vi (Juli Reding) lässt das Spuken nicht; „Tormented“ (1960)

Gordon mischt dabei recht schön modernen Grusel mit klassischem Geisterspuk. Das zusätzliche Thema der Schuld verleiht „Tormented“ eine gewisse Tiefe, was dazu führt, dass der Film durchaus aus Gordons übrigem Werk hervorsticht, in dem es meistens um die Flucht vor riesigen Monstern geht – wie z.B. in „The Cyclops“ (1957) oder in „Attack of the Puppet People“ (1958). Natürlich ist der Film kein Meisterwerk, aber ihm gelingt eine recht schöne, teils subtile Spukatmosphäre, die unter anderem durch den alten Leuchtturm aufrechterhalten wird, der stets wie ein Symbol des Unheils und des Geheimnisvollen wirkt. Das einzige Manko, den Film gibt es zurzeit in keiner guten Bildqualität. Aber vielleicht findet sich ja einmal ein Restaurator, der sich dem annimmt.

Auf Messers Schneide – William Somerset Maughams großartiger Roman

Cover der deutschen Übersetzung im DIogenes Verlag

„Auf Messers Schneide“, erschienen 1944, gehört mit Sicherheit zu den besten Romanen William S. Maughams. Es ist zum einen ein Roman über die Gesellschaft der 20er Jahre, zum anderen eine Satire über die High Society und drittens ein Roman über die Suche nach dem Sinn des Lebens, in dem Maugham selbst als Figur an dem Geschehen teilnimmt.

Es geht um Larry Darrell, der nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben ist. Dafür löst er die Verlobung mit Isabel Bradley, mit der er seit Kindertagen befreundet ist. Seine Suche führt Larry von Chicago nach Paris und vor dort bis nach Indien. Im Laufe der Jahre begegnet Maugham Larry immer mal wieder, wobei Larry stets von seinen Fortschritten bei seiner Selbstfindung erzählt.

Cover der 1944 erschienenen Originalausgabe

Verwoben ist diese Geschichte mit den Schicksalen vieler weiterer Figuren, vor allem mit der oben genannten Isabel, die in Larry weiterhin verliebt ist, selbst dann, als sie den Banker Gray Maturin heiratet, der später während der Wirtschaftskrise so gut wie alles verliert. Isabels Onkel Elliot Tempelton ist die wohl schillernste Figur in dem Roman. Ein Snob wie er im Buche steht, ist er dennoch stets hilfsbereit und gutmütig. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als zu den Partys der Schönen und Reichen eingeladen zu werden, und wird er einmal nicht eingeladen, dann bricht für ihn im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zusammen. Ebenfalls verbunden mit Larrys Suche nach Sinn ist Sophie McDonald. Beide kennen sich ebenfalls seit der Kindheit, doch Sophies Schicksal meint es alles andere als gut mit ihr.

Gene Tierney und Tyrone Power in der Verfilmung von 1946; © Warner Bros.

„Auf Messers Schneide“ ist ein groß angelegter und großartiger Roman, ein Roman, bei dem man möchte, dass er nie aufhört. Äußerst gelungen stellt Maugham Larry Darrell dem materialistischen Ansichten von Isabel und Onkel Elliot gegenüber, die Larrys Einstellung überhaupt nicht nachvollziehen können. Für sie zählt nur die soziale Stellung und das damit verbundene Vermögen. Leute, die nicht arbeiten, können sie sich überhaupt nicht vorstellen – der Witz hierbei ist natürlich, dass weder Isabel noch Onkel Elliot einer Arbeit nachgehen.

Daher macht Larry seine Freunde regelrecht sprachlos, als er eines Tages sagt, dass er einfach nur vor sich hinleben möchte und schauen, was passiert. Aus diesem Vor-sich-Hinleben entwickelt sich jedoch nach und nach seine Suche. Während Isabel Larry schlicht und ergreifend für verrückt hält, ist ihr Onkel froh, dass Larry weg ist.

Bill Murray als Larry Darrell in der Verfilmung von 1984; © Columbia Pictures

Äußerst unterhaltsam wirft Maugham dadurch einen satirischen Blick auf den Kapitalsimus, dessen Verehrer er letztendlich als hohl und oberflächlich entlarvt. Mithilfe eines subtilen, doch zugleich humorvollen Spottes macht Maugham sich über das Verhalten besonders der Amerikaner lustig.

Maughams angenehmer Schreibstil sowie die gewitzten Dialoge machen den Roman zu einem wahren Fest. So gelingt es ihm auch in den Kapiteln, in denen Maugham mit Larry über den Sinn des Lebens diskutiert und über Larrys Erfahrungen in Indien spricht, eine sanfte Leichtigkeit zu schaffen, die dennoch eine ungeheure, komplexe Tiefe in sich trägt. Kurz und knapp: „Auf Messers Schneide“ wird zurecht als William S. Maughams Meisterwerk bezeichnet.

Der Roman wurde 1946 mit Tyrone Power als Larry und Gene Tierney als Isabel großartig verfilmt. Edmund Gouldings Adaption orientiert sich beinahe wortwörtlich an dem Roman und Tyrone Power spielt Larry Darrell wirklich einzigartig, so als wäre die Figur aus dem Buch auf die Leinwand gehüpft.

1984 folgte dann das katatsrophale Remake mit Bill Murray als Larry. Der Film floppte damals (zurecht), selbst Regisseur John Byrum hält den Film bis heute für einen „großen Fehler“.