Emil bei den Wikingern – Ein neues Abenteuer mit dem Drachen Emil

„Fauch, schmauch, Drachenzahn!“ Der kleine Drache Emil ist wieder unterwegs. In seinem fünften Abenteuer geht es zu den Wikingern. Denn der böse König Ragnar hält Emils Vater, den Seedrachen Kreator, gefangen. Auf dem Weg, ihn zu befreien, begegnet Emil u. a. einem Bergtroll, wilden Berserkern und stößt sogar mit Thor zusammen.

Michael Kirchschlager versteht es in seinem neuen Kinderbuch über den liebenswerten Drachen Emil, nicht nur spannende Geschichten zu erzählen, sondern dabei auch auf geradezu spielerische Weise interessante Einblicke in die damalige Zeit der Wikinger zu geben. Man erfährt unglaublich viel über die damalige Vorstellungswelt der Nordmänner, über die Lebensweise und über deren Mythologien.

In einer geradezu schwungvollen Art gerät Emil von einem Abenteuer ins nächste. Die einzelnen Figuren, wie etwa der Steinmetz Ole Worm oder die Dichterin Brunhilda, sind äußerst liebevoll charakterisiert. Gleiches gilt für den bösen König Ragnar oder auch den Bergtroll Jöta, dessen Nasenloch Emil für eine Höhle hält. Die wunderbaren Zeichnungen von Steffen Grosser lassen die Abenteuer noch lebendiger erscheinen. Und mit viel Witz und Spannung ist „Emil bei den Wikingern“ nicht nur für Kinder ein echter Lesespaß, sondern genauso für Erwachsene.

Michael Kirchschlager. Emil bei den Wikingern. Mit Zeichnungen von Steffen Grosser. Verlag Kirchschlager 2019, 57 Seiten, 12,80 Euro, ISBN: 978-3-934277-84-7

Der Regisseur Lovecrafts – Zum Tod von Stuart Gordon

Jeffrey Combs in seiner bekanntesten Rolle als Herbert West; „Re-Animator“ (1985); © Laser Paradise

Stuart Gordon wandte sich dem Theater zu, da er keinen Platz in den Filmkursen der Universität von Wisconsin erhielt. Bekannt wurde Gordon durch seine Organic Theater Company, die er 1969 zusammen mit seiner Frau gründete. Sowohl klassische als auch moderne Stücke gehörten und gehören zum Repertoire der Kompanie. 2011 erregte das Ensemble durch das „Re-Animator“-Musical Aufsehen, das mehrfach vor vollem Haus aufgeführt und mit dem Saturn Award ausgezeichnet wurde.

Zum Film gelangte Stuart Gordon 1985. Sein Freund Brian Yuzna engagierte ihn als Regisseur für den inzwischen zum Klassiker gewordenen „Re-Animator“. Die Machart der Lovecraft-Adaption sollte nicht nur wegweisend für das Horrorgenre sein, sondern auch den weiteren Stil von Gordon bestimmen: eine Mischung aus skurrilen Ideen, erstaunlichen Effekten und schwarzem Humor. Der grandiose Erfolg seines Debuts führte 1986 zu einer weiteren Adaption einer Lovecraft-Erzählung mit dem Titel „From Beyond“.

Doch auch Misserfolge änderten nichts an der Zusammenarbeit zwischen Stuart Gordon und Brian Yuzna. Im Gegenteil, denn nach dem Flop „Dolls“ (1987), in dem sechs Menschen während eines Gewittersturms in einem verlassenen Haus Schutz suchen, nicht ahnend, dass dort unheimliche Puppen ihr Unwesen treiben, drehten beide ihre einzige gemeinsame Großproduktion mit dem Titel „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“ (1989) und landeten mit der Walt Dinsey-Produktion einen Megaerfolg.

Dennoch hielt es weder Stuart Gordon noch Brian Yuzna in der Welt der großen Studios. Zwar produzierte Gordon noch das Sequel „Liebling, jetzt haben wir ein Riesenbaby“ (1992) und führte Regie bei dem SF-Film „Fortress“ (1992), doch wandte er sich danach wieder den Lovecraft-Themen zu.

1995 drehte er daher „Castle Freak“, nach der Kurzgeschichte „Der Außenseiter“ von Lovecraft. Erneut spielte Jeffrey Combs die Hauptrolle. Auch wenn der Film nur im Ansatz Lovecrafts Idee wiedergibt, so gehört der Film zu den besten Werken Stuart Gordons, vermischt er darin doch gekonnt klassischen Grusel mit modernem Horror, wobei natürlich die unvergessliche Ganzkörpermaske des Castle Freaks (gespielt von Jonathan Fuller) eindeutig hervorsticht.

Im Jahr 2001 verfilmte Stuart Gordon Lovecrafts Roman „Schatten über Innsmouth“ unter dem Titel „Dagon“. Zwar vermengt Gordon den Roman mit den typischen Merkmalen des Teeny-Horrors, dennoch ist der Film eine Art Verneigung vor dem Meister der amerikanischen Horrorliteratur, indem sich Gordon stärker auf Lovecrafts Gesamtwertk bezieht als in seinen früheren Filmen

Stuart Gordon (1947 – 2020) wird für immer als der Regisseur in Erinnerung bleiben, der die Ideen H. P. Lovecrafts am eindrucksvollsten auf die Leinwand brachte. Nicht nur das, denn sein Stil prägt bis heute viele Regisseure.

Die 90er: Die Mumie (1999)

Rick O’Connell (Brendan Fraser) und Evelyn Carnahan (Rachel Weisz) in Bedrängnis; „Die Mumie“ (1999); © Universal Pictures

Auf den Erfolg von Stephen Sommers Abenteuer-Horror-Film „The Mummy“ hatte wohl niemand gewettet. Bis heute gilt er als einer der größten Überraschungshits der 90er Jahre. Bei Kosten von 80 Millionen Dollar spielte er weit über 400 Millionen Dollar ein.

Der Film ist ein Remake des Universal-Horrorklassikers „Die Mumie“ (1932) mit Boris Karloff. Während Karloff noch mit Baumwolle umwickelt wurde, damit er als Mumie durchging, besorgen dies bei Arnold Vosloo CGI-Effekte. Stephen Sommers, der Trash-Freunden durch den Film „Octalus“ bestens bekannt ist, behielt die grundlegende Handlung bei, doch statt Karl Freunds draculaartige Geschichte zu übernehmen, machte er daraus einen klassisch anmutenden Abenteuerfilm mit viel Klamauk und diversen Horrorelementen. Die Mischung passte und sorgte dafür, dass die Produzenten vor Freude in die Hände klatschten.

Es geht um den Hohepriester Imhotep und dessen heimliche Liebesbeziehung zur Mätresse des Pharaos. Als beide in flagranti erwischt werden, wird Anck-Su-Namun von den Wachen ermordet und Imhotep lebendig in einen Sarkophag eingeschlossen, nicht ohne ihn zuvor mit einem Fluch belegt zu haben. Im Jahr 1923 kommen der Abenteurer Rick O’Connell, die Ägyptologin Evelyn Carnahan sowie ihr Bruder Jonathan auf die Spur einer geheimnisvollen Grabstätte, in der ein sagenhafter Schatz vermutet wird. Bei der Suche danach erwecken sie Imhotep zum Leben, der in Evelyn seine einstige Geliebte sieht …

„Die Mumie“ ist zwar keineswegs gruselig, dafür aber sorgt Sommers, der auch das Drehbuch verfasste, für viel großangelegte Action. Der Film kennt nur wenige ruhige Momente, in den meisten Szenen wird geschrien, gerannt und gekämpft, wobei Sommers gekonnt immer wieder klassische Horrorelemente einwebt. Da in den 90er Jahren immer mehr CGI angewandt wurde, so strotzt auch „Die Mumie“ vor lauter Computereffekten, die jedoch keineswegs so aufdringlich sind wie in den beiden Fortsetzungen. Immer wieder lässt Sommers auch Puppen oder als Mumien verkleidete Stuntmen in Aktion treten, was dem Film zusätzlich seine klassisch anmutende Note verleiht.

Insgesamt ist „Die Mumie“ ein Riesenspaß. Die beiden Sequels (Sommers führte auch bei „Die Mumie kehrt zurück“ Regie) reichen allerdings an das Remake nicht mehr heran.

Die Klunkerecke: The Amityville Horror (1979)

Das berühmte Spukhaus wartet auf seine neuen Bewohner; „The Amityville Horror“ (1979); © MGM

Bis heute zählt das Haus in Amityville zu den bekanntesten Spukhäusern der USA. Ob es dort tatsächlich umgeht, ist eine andere Frage. Die derzeitigen Bewohner beschweren sich weniger über Spukerscheinungen als viel mehr über die vielen lästigen Touristen, die das Haus aufsuchen.

1974 tötete dort Ronald DeFeo seine Eltern und seine vier Geschwister. Der Fall gilt bis heute als ungeklärt und noch immer gehen (Hobby-)Journalisten und Ermittler der Sache nach. DeFeo selbst, der für seine Tat eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erhalten hat, machte immer wieder andere Aussagen über die Schreckensnacht in dem Haus. Behauptete er zunächst, dass ihn Stimmen dazu gebracht hätten, sagte er später aus, dass seine Mutter für die Morde verantwortlich sei.

Etwa ein Jahr später zog die Familie Lutz in das Haus ein, nur um es wenige Wochen später wieder zu verlassen, mit der Behauptung, dass es dort spuke. In Interviews erzählten sie von den unheimlichen Vorkommnissen in dem Haus. Skeptiker nehmen bis heute an, dass das Ehepaar sich beim Kauf des Hauses finanziell übernommen habe und daher die Geschichte mit dem Spuk erfand.

Wie dem auch sei, für Hollywood war der Stoff ein gefundenes Fressen, besonders da zuvor das Buch „The Amityville Horror“ der Journalistin Jay Anson ein wahrer Bestseller geworden war. Die auf Trash- und Horrorfilme spezialisierte Firma American International Pictures erstand die Rechte und drehte mit James Brolin, Margot Kidder und Rod Steiger in den Hauptrollen einen Film, der bis heute in die Riege der erfolgreichsten Horrorfilme gehört. Die Produktionskosten betrugen 4,7 Millionen Dollar, die Einnahmen lagen bei über 86 Millionen Dollar.

Der Film erzählt im Grunde genommen das nach, was die Familie Lutz an unheimlichen Vorkommnissen geschildert hat. Kaum sind George und Kathleen Lutz mit ihren Kindern in das Haus eingezogen, ereignen sich schon die seltsamsten Dinge. Tochter Amy behauptet, dass in dem Haus ein Mädchen wohne, George verhält sich von Tag zu Tag eigenartiger und aggressiver. Jede Nacht um genau 3:15 Uhr wacht er auf – der Zeitpunkt der Morde.

George (James Brolin) und Kathleen (Margot Kidder) vor ihrem neuen Haus; „The Amityville Horror“ (1979); © MGM

„The Amityville Horror“ ist ein hervorragend gespielter und spannender Gruselfilm, der sich zum einen an den klassischen Spukhausgeschichten orientiert, andererseits die durch „Der Exorzist“ (1973) eingeleitete Okkult-Welle aufgreift. Dadurch entsteht eine recht dichte und bedrohliche Atmosphäre, die den ganzen Film über anhält. Die seit 2015 erhältliche ungeschnittene 114-Minuten-Fassung weist ein paar unglückliche Schnitte auf, sodass man hin und wieder ein bisschen verwirrt dem Geschehen folgt, doch die ursprüngliche Kinofassung hat bis heute nichts von ihrer Beklemmung und ihrem Grusel verloren.

Der Film brachte es auf 12 Sequels und einem Prequel sowie einem Remake. Von den Sequels sind jedoch gerade mal Teil 2 und Teil 3 ansehbar, danach werden die Filme von Mal zu Mal schlechter. Das Remake besitzt zwar nicht den Charme des Originals, ist aber dennoch ein recht netter und spannender Horrorfilm.

FuBs Klassikbox: Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

Logan 5 (Michael York) und Jessica 6 (Jenny Agutter) auf der Flucht; „Logan’s Run“; © MGM

Eigentlich sollte der Roman „Logan’s Run“ bereits 1969 verfilmt werden. George Pal, der mit Filmen wie „Wenn Welten zusammenstoßen“ (1951) und „Die Zeitmaschine“ (1960) nicht nur extrem erfolgreiche Filme produziert hatte, sondern dadurch auch in die Filmgeschichte einging, hatte die Rechte des Romans der beiden Autoren William F. Nolan und George Clayton Johnson erworben. Allerdings zerstritt er sich mit diversen Drehbuchautoren, die alle die Story anders konzipieren wollten als Pal, sodass das Projekt letztendlich zu den Akten gelegt wurde.

Jahre später erwarb die Produktionsfirma MGM die Rechte, um von der Science Fiction-Welle weiter profitieren zu können. Obwohl sich Roman und Film sehr unterscheiden, ist das Grundthema einer ewig jungen Gesellschaft gleich. Regie führte Michael Anderson, der ein Jahr zuvor mit „Doc Savage – Der Mann aus Bronze“ einen solchen Flop hinlegte, dass sich der oben erwähnte George Pal, der den Film produziert hatte, nach und nach aus dem Filmgeschäft zurückzog.

„Logan’s Run“ oder „Flucht ins 23. Jahrhundert“, wie der deutsche Titel lautet, war ein enormer Erfolg. Bei Kosten von neun Millionen Dollar spielte er 25 Millionen Dollar ein, trotz schlechter Filmkritiken. Die Handlung spielt im Jahr 2274. Nach einer globalen Seuche, welche ein Großteil der Menschheit vernichtet hat, leben die übrigen Menschen in einer mit Glaskuppeln überdachten Stadt. Für alle Belange des Lebens ist bestens gesorgt. Allerdings dürfen die Einwohner nicht älter als 30 Jahre werden. Um dies zu kontrollieren, wird jedem Menschen eine Lebensuhr implantiert, die anfängt zu blinken, wenn die Zeit abgelaufen ist.

Diese Menschen kommen zur „Erneuerung“ ins sog. Karussell, wo sie während eines Rituals getötet werden. Menschen, die sich diesem Ritual entziehen, werden als Läufer bezeichnet und von den sog. Sandmännern gejagt und getötet. Logan 5 ist ein solcher Sandmann. Ebenso sein Freund Francis 7. Doch als Logan 5 eines Tages ein kreuzförmiges Symbol findet, das der Großcomputer, der die Stadt und das Leben darin steuert, als ein Hinweis auf einen Ort namens Zuflucht identifiziert, gibt er Logan 5 den Auftrag, nach diesem Ort zu suchen. Dabei muss er sich als Läufer tarnen, was wiederum die Sandmänner auf ihn hetzt. Zusammen mit Jessica 6, die Mitglied einer geheimen Gruppe von Läufern ist, versucht Logan 5 nicht nur Die Zuflucht zu finden, sondern auch vor den Sandmännern, allen voran Francis 7, zu entkommen.

Das Ritual der Erneuerung beginnt; „Logan’s Run“ (1976); © MGM

Damals wurde „Logan’s Run“ wegen seiner erstklassigen Kulissen gelobt – sogar die ärgsten Kritiker konnten nicht anders, als diese positiv zu beurteilen. Die Kritiken bezogen sich daher auf den Umstand, dass die Handlung auf Kosten der Action und der Spezialeffekte zu oberflächlich bleibt.

Dennoch greift der Film ein Thema auf, das heute nicht weniger aktuell ist wie damals. Es geht darum, den Tod aus der Gesellschaft auszublenden und darum, ewig jung zu bleiben. Die beiden Autoren Nolan und Johnson betrachteten ihre Idee als eine Art Satire auf die Hippie-Bewegung, die Ende der 60er Jahre voll im Gange war. Der Film geht in dieser Hinsicht einen Schritt weiter, indem er – in Ansätzen – auf das Thema Schönheits-OPs verweist, mit dem sich die Bewohner der Stadt ein anderes Aussehen verschaffen können.

Cover der im Heyne Verlag 1977 erschienenen Übersetzung

Dadurch wirkt der Film nicht weniger aktuell als damals, versuchen doch auch heute mehr und mehr Menschen, sich durch solche OPs zu verändern oder auch zu „verjüngen“. Jugendlichkeit ist sozusagen zum Zwang geworden, der nicht nur von der Werbung propagiert wird, sondern z.B. auch die Voraussetzung für eine erfolgreiche Stellensuche ist. In diesem Sinne ist auch die Gesellschaft in der Zukunftsstadt keineswegs frei, sondern unterliegt einem Zwang, der sogar zu einer Beschränkung ihrer Lebenszeit führt.

„Logan’s Run“ wird damit zum typischen Vertreter der sozialkritischen SF der 70er Jahre und ist aufgrund seines stylischen Designs zugleich ziemlich untypisch dafür. Der Film scheint selbst aus einer eher späteren Zeit zu stammen und man muss sich jedes Mal vergegenwärtigen, dass er im Jahr 1976 produziert wurde. Das macht „Flucht ins 23. Jahrhundert“ zu einem der faszinierendsten Filme der 70er Jahre.

Durch den Erfolg des Films motiviert, schrieben Nolan und Johnson zwei Fortsetzungsromane. Seit dem Jahr 2000 ist immer wieder von einem Remake die Rede, bisher wurde das Projekt jedoch nicht weiterverfolgt.

FuBs Fundgrube: „Die Gespenstertruhe“

Die Anthologie „Die Gespenstertruhe“ zählt bis heute zu den besten Sammlungen klassischer Gruselgeschichten. Herausgegeben hat das Buch Martin Gregor-Dellin, das 1967 zum ersten Mal im Nymphenburger Verlag erschienen ist.

Obwohl ich Anthologien von Gespenstergeschichten sammle, war mir anfangs speziell dieses Buch völlig unbekannt. Durch Zufall und über Umwege stieß ich darauf, als mir in einem Antiquariat der zweite Band über den Weg lief. Dieser, ebenfalls von Martin Gregor-Dellin herausgegebene Band trägt den Titel „Die schwarze Kammer“ und stammt aus dem Jahr 1972. Dieser ist zwar nicht so gut wie „Die Gespenstertruhe“, dennoch sehr lesenswert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf dem Buchumschlag von „Die schwarze Kammer“ wird der erste Band beworben, den ich mir natürlich dann auch antiquarisch besorgt habe. Die Frage ist nun, was „Die Gespenstertruhe“ so unvortrefflich macht. Die Antwort lautet: weil sich in dem Buch wirklich alle bekannten, klassischen Gespenstergeschichten die Klinke in die Hand geben. Daniel Dafoes „Die Erscheinung der Mrs. Veal“ macht gleich den Anfang – und ich finde, diese Geschichte muss einfach am Anfang stehen, da sie wie ein Opener für alle anderen Geschichten wirkt. Auch Bulwer-Lyttons Spukhausgeschichte „Das verfluchte Haus in der Oxfordstreet“ fehlt hier ebenso wenig wie Alxandre Dumas‘ „Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett“.

Der Band beinhaltet des weiteren die berühmten Geistergeschichten von Charles Dickens, Honoré de Balzac, Heinrich von Kleist, M. R. James, Heinrich Heine, Oscar Wilde, Mark Twain Edgar Allan Poe usw. – also wirklich keine der bekannten Spukgeschichten fehlt hier. Des weiteren hat Gregor-Dellin auch unheimliche Geschichten von Agatha Christie („Die letzte Sitzung“) und Truman Capote („Miriam“) mit aufgenommen. Ebenso wenig fehlt der Blick auf die klassischen asiatischen Geistergeschichten, von denen mit Pu Ssung-Ling und Ueda Akinari die wohl bekanntesten Vertreter vorhanden sind.

Wie oben bereits erwähnt, erschien 1972 der zweite Band. Noch im selben Jahr wurden beide Bände zusammengefügt und unter dem Titel „Das Gespenst im Aktenschrank“ im dtv-Verlag veröffentlicht. Es gibt auch noch einen „heimlichen“ dritten Band, der 1974 mit dem Titel „Das Wachsfigurenkabinett“ erst im Nymphenburger Verlag erschienen ist und 1979 erneut im dtv-Verlag. Dabei handelt es sich jedoch weniger um Gespenstergeschichten, sondern allgemein um unheimliche Erzählungen, wobei sowohl klassische als auch moderne Autoren vertreten sind. Doch sowohl der zweite als auch der dritte Band kommen an die Großartigkeit der „Gespenstertruhe“ nicht heran. Diese ist und bleibt einzigartig.

Die Gespenstertruhe. Geistergeschichten aus aller Welt. Hrsg. Martin Gregor-Dellin. Nymphenburger Verlag 1967, 464 Seiten.

 

Schöne Frauen leben gefährlich – 15 Porträts bekannter Frauen von Heidi Zengerling

„It’s a man’s man’s man’s world“ lautet der Titel des bekannten Songs von James Brown. Das dem nicht ganz so ist, veranschaulicht die Autorin Heidi Zengerling in ihrem neuen Buch „Schöne Frauen leben gefährlich“. Darin skizziert sie 15 Frauenporträts, deren historische Spannweite von der Renaissance bis in unsere Zeit reicht.

Das Buch ist nicht nur äußerst informativ, sondern zugleich sehr unterhaltsam. In einem flüssigen, ja überaus lebendigen Schreibstil schildert Heidi Zengerling die Lebenswege von Parisina, Lucrezia Borgia, Charlotte Corday, der Kaiserin Sisi, Bettina von Arnim, Lola Montez oder auch Mata Hari, alles in allem also Frauen, die in die Geschichte eingegangen sind. Gewürzt sind die hervorragend recherchierten Porträts mit vielen Anekdoten, welche einem die Persönlichkeiten auf spannende Weise näher bringen.

So erfährt man über Lucrezia Borgia z.B., dass sie eigentlich nicht die böse Giftmischerin war, wie es gemeinhin behauptet wird, dass Mata Hari sich vor ihrer Hinrichtung noch die Nase puderte und auch von der geheimen Tatöwierung auf Sisis Oberarm. Die 15 Porträts zeigen starke Frauen, die teilweise die Politik beeinflusst oder für mehr Rechte gekämpft haben oder auch wegen ihres einzigartigen Lebensstils aufgefallen sind und deswegen als „Skandalnudel“ bezeichnet wurden. Teils tragisch, teils witzig, aber auf jeden Fall immer wieder verblüffend wirken die Lebenswege der 15 Perösnlichkeiten, die in die Geschichte eingegangen sind.

„Schöne Frauen leben gefährlich“ ist ein äußerst kurzweiliges und spannendes Buch, das einen dazu verleitet, sich gerne mehr mit den einzelnen Frauenschicksalen zu beschäftigen. Zudem beinhaltet das Buch zahlreiche Abbildungen, mit denen die literarischen Porträts ergänzt werden. All das macht das Buch von Heidi Zengerling schlicht und ergreifend großartig.

Heidi Zengerling. Schöne Frauen leben gefährlich. Verlag Kirchschlager 2019, 221 Seiten, 13,95 Euro, ISBN: 978-3-934277-80-9