Der Uhrmacher in der Filigree Street – Roman von Natasha Pulley

Rezension von Alexander Pechmann

Natasha Pulley, Jahrgang 1988, veröffentlichte 2015 ihren ersten Roman Der Uhrmacher in der Filigree Street, der im englischen Sprachraum auf Anhieb erfolgreich war und mehrere Literaturpreise einheimste. Nun liegt das Buch in der eleganten Übersetzung von Jochen Schwarzer vor und wird zweifellos auch hierzulande viele Leser finden.

Die Geschichte spielt überwiegend in London, zwischen November 1883 und Oktober 1884, mit ein paar kurzen Ausflügen nach Oxford und Japan. Thaniel Steepleton, ein junger Angestellter im Innenministerium, findet in seiner Wohnung das Geschenk eines Unbekannten – eine kostbare Taschenuhr. Diese Uhr rettet ihm das Leben, als sie ihn mit einem Alarmsignal vor einer Zeitbombe irischer Unabhängigkeitskämpfer warnt. Die Polizei geht davon aus, dass der Zeitzünder der Bombe und die Taschenuhr vom selben Uhrmacher stammen, dem Japaner Keito Mori, der in seinem Laden phantastische Automaten und komplexe Uhrwerke herstellt. Steepleton versucht im Auftrag des Innenministeriums Mori auf die Schliche zu kommen, hält ihn jedoch für unschuldig und freundet sich immer mehr mit ihm an.

Der exzentrische Japaner scheint über die Gabe des zweiten Gesichts zu verfügen und behauptet, sich an zukünftige Ereignisse erinnern zu können. Dies weckt wiederum das Interesse der Physikerin Grace Carew, die sich in Steepleton verliebt und ihn zu einer Heirat drängt, um ihrem konservativen Elternhaus zu entrinnen. Die Lage spitzt sich zu, als eine weitere Bombe zur Erstaufführung der Operette The Mikado von Gilbert und Sullivan zu explodieren droht und Mori erneut den Verdacht auf sich zieht.

Natasha Pulleys Debüt ist eine originelle Mischung aus historischem Roman und Steampunk-Fantasy, wobei die historischen Details gut recherchiert sind und die phantastischen Elemente nie so grell hervortreten, dass sie unglaubwürdig würden. Im Gedächtnis bleiben – neben einem ulkigen Oktopus-Roboter – vor allem die liebenswürdig gezeichneten Hauptfiguren, die freilich in ihrer viktorianischen Umgebung ziemlich modern und kaum viktorianisch wirken. Sie sind dementsprechend Außenseiter in ihrer Zeit und Welt. Historische Fragen, wieder Konflikt zwischen Tradition und Moderne in Japan oder der Kampf um Frauenrechte in England, werden nur oberflächlich berührt. Da das Ganze mit reichlich Ironie gewürzt ist, bietet das Buch jedoch ein hohes Maß an Lesespaß. Der Schluss macht den Eindruck, als hätte Pulley ihre Romanfiguren nur ungern allein zurückgelassen – und in England ist natürlich längst eine Fortsetzung erschienen. Die Autorin ist auf jeden Fall eine Bereicherung für die phantastische Literatur und man spürt auf jeder Seite, wie viel Spaß ihr das Schreiben macht.

Natasha Pulley. Der Uhrmacher in der Filigree Street. Roman, Hardcover, 448 Seiten, Hobbit-Presse/ Klett-Cotta, Stuttgart 2021

Die Durrells – Eine der besten TV-Serien seit Jahren

Die Geschichte der Familie Durrell, die Mitte der 30er Jahre nach Korfu auswanderte, wurde bereits 1987 als TV-Miniserie verfilmt, geriet jedoch wieder in Vergessenheit. Nicht weniger der TV-Film, der 2007 produziert wurde. 2016 nahm sich Drehbuchautor Simon Nye den Erinnerungen des berühmten Zoologen und Naturschützers Gerald Durrells an und schuf damit eine der wohl besten TV-Serien seit langem.

Die Durrells; TV-Serie (2016 – 2020); © ITV

Die Familie Durrell bestanden aus der Mutter Louisa und ihren vier Kindern Gerry, Larry, Margo und Leslie. Louisas Mann starb 1928 an einem Gehirntumor. Aus finanziellen Gründen zog die Familie 1935 nach Korfu, wo sie bis 1939 lebte. Aus politischen Gründen mussten sie 1939 die Insel wieder verlassen und zogen zurück nach Bournemouth. Über die Zeit auf Korfu schrieb Gerald Durrell 1956 das Buch „Meine Familie und andere Tiere“, das sich schnell zu einem Bestseller entwickelte und heute als Klassiker der englischen Literatur gilt.

Simon Nye gelang das Glanzstück, sich sehr genau an die Vorlage zu halten, wobei er auch die Erlebnisse einfließen ließ, die Gerald Durrell in den beiden nachfolgenden Büchern („Vögel, Tiere und Verwandte“ (1969) und „Der Garten der Götter“ (1978)) beschreibt. Hinzu kommt, dass Nye diese witzig-skurrilen Geschichten verbindet mit den Biografien der einzelnen Familienmitglieder – Lawrence Durrell wurde zu einem berühmten Schriftsteller, der u. a. für den Literaturnobelpreis nominiert gewesen war.

Natürlich erfindet Simon Nye das eine oder andere dazu, doch fällt dies kaum auf. Im Gegenteil, seine Gags ergänzen die sowieso schon witzige Geschichte auf hochgradige Weise. Wie etwa in der Szene, in der Larry der Feuerwehr von Korfu beitritt. Zwischen den Zeilen (wie im Buch) schwingt stets eine sanfte Melancholie mit, da es in den Episoden letztendlich auch um Vergänglichkeit geht.

Insgesamt wurden aus der Verfilmung der Geschichte der Durrells vier Staffeln, von denen alle bespickt sind von einem herrlichen Humor. Hinzu kommen jede Menge skurriler Figuren, mit denen es die Durrells während ihres Aufenthalts auf Korfu zu tun haben, wodurch jede Menge Situationskomik entsteht (eines der besten Beispiele ist Henry Miller, der stets nackt vor seiner Schreibmaschine sitzt). Nicht weniger witzig ist der stete Konflikt zwischen dem angehenden Schriftsteller Larry und den übrigen Familienmitgliedern, die mit seiner Belesenheit nicht wirklich mithalten können.

Klarerweise spricht die Verfilmung auch aufgrund der damaligen politischen Entwicklungen ernste Themen an, doch verliert sich die Serie dabei nicht in moralische Konflikte (wie dies gerne in US-TV-Serien gemacht wird). Nein, bei allem Ernst sowie zwischenmenschlichen Konflikten bleibt die Serie hell und leicht und verbreitet dabei einen solchen Optimismus, dass dieser auf einen überschwappt.

Maßgebend für das Gelingen der Serie sind natürlich auch die Schauspieler, die hier erstklassige Arbeit abliefern. Sie spielen die Figuren nicht nur, nein, sie werden regelrecht zu den Durrells. Um es auf den Punkt zu bringen: eine großartige TV-Serie, die sicherlich schnell zum Klassiker werden wird.

Eindeutig einfallslos: Don’t let go (2019)

Nach der Totalkatastrophe „Rings“ (2017) wollte es Regisseur und Drehbuchautor Jacob Aaron Estes der Welt anscheinend nochmals zeigen. Sein Film „Don’t let go“ ist für ein solches Vorhaben allerdings ziemlich ungeeignet.

Es geht um den Polizisten Jack Radcliff, dessen Familie (das heißt eigentlich Verwandte) ermordet werden. Der Fall lässt ihn keine Ruhe. Plötzlich erhält er einen Anruf seiner Nichte Ashley. Was zunächst wie eine Spukstory klingt, ist es nicht, denn Ashley ruft ihn aus der Vergangenheit an, wenige Tage bevor sie zusammen mit ihren Eltern ermordet werden würde. Jack und Ashley versuchen auf diese Weise, den Mord zu verhindern.

Das Problem an der Mischung aus Krimi und Science Fiction ist, dass Jacob Aaron Estes absolut nichts Originelles eingefallen ist. Daher läuft die Handlung genau so vor sich hin wie es der Zuschauer erwartet. Dasselbe gilt für die Auflösung des Falls, der vor allem für Liebhaber von Polizeifilmen alles andere als verblüffend ist.

Der Film unterhält zwar auf gewisse Weise, doch kratzt er zugleich stets durch die x-mal durchgekaute Kriminalgeschichte am Rand der Langeweile. Estes liefert einfach nichts Neues, da hilft auch nicht das ständige Telefonieren Jacks mit seiner in der Vergangenheit lebenden Nichte.

Alles in allem ein doch eher enttäuschender Film, in dem eigentlich nur die Schauspieler wirklich gut sind.

Don’t let go. Regie u. Drehbuch: Jacob Aaron Estes, Produktion: Jason Blum, Darsteller: David Oyelowo, Storm Reid, Mykelti Williamson, Alfred Molina. USA 2019

Wahre Kriminalfälle: Frank Esches „Thüringer Mord-Pitaval Band 3“

Der Archivar und Autor Frank Esche legt nun den dritten Band seiner Reihe „Thüringer Mord-Pitaval“ im Verlag Kirchschlager vor. Band 3 umfasst die Jahre 1915 – 1960. Somit reichen die Fälle von der Weimarer Republik bis in die DDR. Das Buch beinhaltet 20 Kriminalfälle, in denen es um Mord und Raubmord geht. In einem Fall war ein Polizist Mittäter, bei einem anderen handelte es sich bei der Täterin um eine geisteskranke Frau. Bei einem weiteren Mord aus dem Jahr 1920, bei dem der Journalist Ernst Schott erschossen wurde, wurden die Ermittlungen einfach eingestellt.

Frank Esche gelingt es erneut, die Kriminalfälle so zu schildern, dass daraus gleichzeitig ein genaues Bild der jeweiligen sozialen Umstände entsteht. Dadurch bleiben seine spannenden Schilderung alles andere als oberflächlich. Denn Esche untersucht, was für ein Mensch der jeweilige Täter gewesen ist, was ihn zu der Tat getrieben hat. Daraus ergeben sich interessante Einblicke in damalige Lebensumstände und Biografien, die überaus lebendige Einblicke in den Alltag vermitteln.

Frank Esche suchte in verschiedenen Archiven nach den jeweiligen Einzelheiten der Taten und setzte sie wie ein Puzzle zusammen. Zusätzlich wertete er Gerichtsakten aus, aus denen er gelegentlich zitiert, wodurch beim Leser der Eindruck entsteht, als würde er selbst als Beobachter am Prozess teilnehmen. Zu manchen Fällen fand Frank Esche Polizeifotos und Porträtaufnahmen der Täter bzw. Opfer, die ebenfalls in dem Band enthalten sind. Erneut ist dadurch Frank Esche ein Buch gelungen, das auf einzigartige Weise alte Kriminalfälle ans Licht bringt. – Sehr zu empfehlen.

Frank Esche. Thüringer Mord-Pitaval Band 3. Verlag Kirchschlager 2021, 278 Seiten, 12,95 Euro

FuBs Fundgrube: „Bevor es dunkel wird“ von Stephanie Merritt

Es ist immer wieder spannend, (mir) unbekannte Autorinnen und Autoren zu entdecken. Gut, manchmal macht man dabei einen Griff ins Klo, aber manchmal landet man auch einen echten Glückstreffer. So z.B. bei dem Mystery-Thriller „Bevor es dunkel wird“ (OT: While you sleep) von Stephanie Merritt. Merritt ist Journalistin, die sowohl für englische als auch für deutsche Tageszeitungen schreibt, wobei sie in England anscheinend auch ein gefragter Gast bei Diskussionsrunden ist, besonders dann, wenn es um kulturelle Themen geht.

Mir persönlich war die Autorin bisher völlig unbekannt. Die Handlung des Romans fand ich jedoch recht interessant, besonders, da ich ein Sammler von Geisterhausromanen und -filmen bin. Und ja, bei „Bevor es dunkel wird“ handelt es sich um einen solchen Roman. Wer allerdings auf Seiten voller Spuk und Geister und rasselnder Ketten hofft, wird hier kaum fündig werden, denn Merritt setzt die Stilmittel größtenteils recht subtil ein.

Es geht um die Malerin Zoe, die sich von ihrem Mann eine Auszeit gönnt und aus diesem Grund nach Schottland reist, um dort in einem Ferienhaus ein paar Wochen zu leben. Um das Haus allerdings ranken sich so manche Gerüchte und nicht jeder in dem Dorf, in dessen Nähe das einsame Haus steht, ist begeistert davon, dass Zoe nun darin wohnt. Zoe selbst bemerkt bereits in der ersten Nacht, dass etwas mit dem Gebäude nicht stimmt. Und so macht sie sich auf die Suche nach den Ursachen für den Spuk …

Stephanie Merritt schuf mit ihrem Thriller einen sehr unterhaltsamen Roman, der von der ersten Seite an Freude bereitet. Da ich das Buch antiquarisch erstanden habe, habe ich mich umso mehr darüber gefreut, einen solchen Treffer gelandet zu haben. Die Spukbeschreibungen sind recht gelungen, besonders schön finde ich, dass Merritt sich dabei zum großen Teil auf klassische Gespenstergeschichten bezieht – schon allein die schattenhafte Gestalt im Moor ist ein gelungenes Beispiel dafür.

Die Grundidee ist dabei recht interessant. Leider aber lässt Stephanie Merritt schon recht schnell Zoe eine Erklärung für den Spuk finden, sodass es im restlichen Roman um die Frage geht, wer die frühere Bewohnerin des Hauses gewesen ist (kein Spoiler) und welches Schicksal sie erleidet hat (auch kein Spoiler). Denn über beides schweigen die Dorfbewohner beharrlich.

Alles in allem ist „Bevor es dunkel wird“ ein Roman, der absolut unterhält und dahingehend großen Spaß macht, besonders dann, wenn es draußen regnet oder gewittert.

Stephanie Merritt. Bevor es dunkel wird. Blanvalet 2018, 480 Seiten

Erschienen: Prähuman Band 24

Noch ein Band, dann feiert die beliebte Serie „Prähuman“ ein Jubiläum. Wie kaum einem anderen Autor gelingt es Carl Denning, jeden Band anders wirken zu lassen, sodass die Serie weit davon entfernt ist, sich in Wiederholungen zu verlieren. Das beweist der bekannte Autor in dem eben erschienenen Band 24 mit dem Titel „Gefahr aus dem Nichts“.

Die LOGE existiert nicht mehr. Ausgerechnet da kommt eine seltsame und gefährliche Droge in Umlauf. Ihr Name: U-Topia. Ihre Einnahme führt zu schweren Halluzinationen und Wahnsinn. Wer steckt hinter ihrer Verbreitung? Inspector McIntire und John Arnold, der ehemalige Leiter der LOGE, suchen fieberhaft nach Antworten. Doch der rätselhafte Fall nimmt mehr und mehr bizarrere und bedrohlichere Formen an. Denn hinter U-Topia steckt viel mehr, als alle auch nur ahnen. Das bekommt besonders Maki Asakawa zu spüren, als sie in Tokio einer geheimnisvollen Spur nachgeht, die auf den unglaublichen Ursprung der Droge verweist. Einer Spur, die sie in ihre eigene Vergangenheit führt – und in die von Frederic Tubb, dessen seit Jahren vermisste Frau plötzlich zurückgekehrt ist …

Band 24 schließt beinahe direkt an Band 23 an. Doch war „Stoppt die Maschine!“ ein wahrer SF-Action-Kracher, so gestaltet Denning „Gefahr aus dem Nichts“ als eine Mischung aus Thriller und Science Fiction. Der Band ist zudem düsterer als die übrigen Bände, geht es doch u.a., wie in der Inhaltsangabe erwähnt, um Maki Asakawas Vergangenheit. Während sie versucht, ein Geheimnis zu lüften, das vor Jahren dazu geführt hat, dass sie Japan verlassen hat, versuchen John Arnold und Inspektor McIntire hinter das Geheimnis der sonderbaren Droge U-Topia zu kommen. Der dritte damit verbundene Handlungsstrang beschäftigt sich mit Frederic Tubb. Hierbei hält der Band eine wirkliche Überraschung parat, die die Leser der Serie mit Sicherheit verblüffen wird.

Obwohl Band 24 weniger Action aufweist wie die vorangegangenen Bände, so steckt „Gefahr aus dem Nichts“ dennoch voller skurriler Ideen, bei denen man sich gelegentlich fragt: wie kommt der Autor nur darauf? Und trotz seiner eher düsteren Töne, kommt der spezielle Humor der Serie keineswegs zu kurz. Die Handlung ist wie immer sehr spannend und dicht und rast im Grunde genommen atemlos voran. Band 24, der in Kambodscha 1971 beginnt, unterhält von Anfang bis Ende durchgehend gut – und das Schöne ist, dass seit Band 23 auch der Umfang größer geworden ist.

„Gefahr aus dem Nichts“ bezieht sich gelegentlich auf vorangegangene Bände, doch lässt sich die Handlung durchaus auch ohne deren Kenntnis verfolgen. – Man darf gespannt sein, was sich Carl Denning für Band 25 – dem Jubiläumsband – ausdenken wird. Ich freue mich jedenfalls schon darauf.

The Movies – Die Geschichte Hollywoods

Filmgeschichte im Schnelldurchlauf, das präsentiert die TV-Serie „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“, die u. a. von Tom Hanks produziert wurde. Positiv zu bewerten ist, dass endlich jemand auf die Idee gekommen ist, die Geschichte Hollywoods in einer sehr unterhaltsamen und interessanten Doku-Reihe darzustellen. Allerdings nimmt sich die Serie nicht die komplette Geschichte des Films vor, sondern lässt leider die Stummfilmzeit aus. Auf diese Weise beginnt die Doku mit „The Jazz Singer“, dem ersten Tonfilm.

Cover zur Doku-Reihe „The Movies“

Danach geht es Schlag auf Schlag. Von den 30ern bis ins Jahr 2018 geht die Reise, wobei sich kurze Filmausschnitte mit kurzen Interviewsequenzen stetig abwechseln. Das alles ist, wie gesagt, sehr interessant und die Serie bemüht sich, die sozialen Zusammenhänge zu berücksichtigen. Doch das Tempo ist dermaßen rasant, dass es einem manchmal einfach zu schnell geht.

Wer sich eine hintergründige Arte-Dokumentation erhofft, ist bei „The Movies“ sicherlich fehl am Platz. Denn hier werden vor allem kurze Statements zu den Filmen abgegeben (von Schauspieler X war dies die beste Darstellung; der Film war ein riesen Erfolg usw.), doch mehr eigentlich nicht. Auf manche Filme geht die Doku etwas genauer ein und präsentiert dabei auch die wesentlichen Fakten, allerdings alles eher schlagwortartig.

„The Movies“ berücksichtigt dabei fast alle Genres, leider aber lässt er dabei das Horrorgenre beinahe ganz unter den Tisch fallen, was schade ist, da dieses Genre vor allem in den 70ern wesentlich zur Veränderung der Darstellungsweisen beigetragen hat. Stattdessen nimmt sich die Doku-Reihe gelegentlich das SF-Genre vor, wobei es dieses in den jeweiligen sozialen und politischen Zusammenhang stellt.

Das alles ist, wie jetzt schon ein paar mal bemerkt, sehr interessant und gut gemacht (faszinierend an der sechsteiligen Doku sind vor allem die Unmengen an Filmausschnitten – der Schneideraum muss regelrecht geglüht haben), doch bleibt bei all den Fakten, die einem dabei um die Ohren gehauen werden, eher oberflächlich.

Daher ist die Serie vor allem für Leute geeignet, die sich einen einfachen Überblick über die Geschichte des Hollywoodkinos machen wollen. Alle anderen werden sicherlich auch ihren Spaß an der Serie haben, aber ein wenig enttäuscht sein, da die Serie nicht wirklich in die Tiefe geht.

Sinnliche Vampire: Carmilla (2019)

Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ (erschienen 1871) zählt zu den Klassikern der unheimlichen Literatur und der Vampirgeschichten im Speziellen. Die angedeutete lesbische Beziehung zwischen der Vampirin Carmilla und ihrem Opfer Lara macht den Stoff für Regisseure bis heute interessant. 2019 nahm sich Regisseurin Emily Harris der Novelle an und schuf einen wunderschönen, dichten und durchaus sinnlichen Horrorfilm.

Laura (Hannah Rae) und Carmilla (Devrim Lingnau) finden zueinander; „Carmilla“ (2019); © Film Movement

Wer sich spritzende Blutfontänen erhofft, ist bei Emily Harris‘ Verfilmung fehl am Platz. Wer jedoch subtilen Grusel und das zwischen den Zeilen lauernde Grauen schätzt, der ist hier genau richtig. Denn Harris zeigt keine Vampire mit spitzen Eckzähnen, sondern beschreibt, wie das Unheimliche nach und nach in das Haus eines Arztes Einzug hält. Vor allem von dem Grauen betroffen ist Laura, deren Mutter gestorben ist und die nun von der strengen Miss Fontaine erzogen wird. So gut wie alles ist Laura verboten, erst recht darf sie nichts über sexuelle Themen erfahren. Heimlich aber stielt sie sich immer ein anatomisches Buch ihres Vaters aus dem Bücherschrank.

Als in unmittelbarer Nähe des Hauses eine Kutsche verunglückt, wird die verletzte Carmilla ins Haus gebracht. Carmilla kann sich nicht erinnern, woher sie stammt oder wer ihre Eltern sind. Daher soll sie so lange bleiben, bis der Fall geklärt ist. Währenddessen aber freundet sich Laura mit Carmilla immer mehr an. Die Freundschaft geht rasch über in eine sinnliche Beziehung.

Harris orientiert sich bei ihrer Adaption teilweise an den Arbeiten der beiden Indie-Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead, die mit ihren eigenwilligen Horrorfilmen (wie z.B. „Spring“) immer wieder Aufsehen erregen. Zugleich aber lässt sie sich in der Bildgestaltung durch Gemälde aus dem 19. Jahrhundert inspirieren, was dem gesamten Film eine wunderschöne Optik verleiht, die geprägt ist von einer grandiosen, düsteren Farbgebung und einer exzellenten Beleuchtung.

Innerhalb dieses ästhetischen Rahmens nimmt die düster-unheimliche Geschichte ihren Lauf. Wie bereits bemerkt, lebt Harris‘ Verfilmung der berühmten Novelle von Andeutungen, die so geschickt in die Handlung eingewebt sind, dass dadurch eine stete unterschwellige Bedrohung entsteht.

Aufgrund dieser wundervollen Machart, die fast ganz auf die herkömmlichen Vampir- und Horroreffekte verzichtet, wirkt der Film zwar auf eine leise, trotzdem durchaus beeindruckende Weise. Dies macht „Carmilla“ meiner Meinung nach zur bisher besten Adaption der Novelle, vor allem auch deswegen, da sich der Film (im Gegensatz zu anderen Verfilmungen des Klassikers) recht genau an die literarische Vorlage hält.

Carmilla. Regie u. Drehbuch: Emily Harris, Produktion: Lizzie Brown, Darsteller: Hannah Rae, Jessica Raine, Devrim Lingnau, Tobias Menzies, Lorna Gayle. England 2019

FuBs Fundgrube: Der vierbändige Öland-Thriller von Johan Theorin

Wow!, kann man da nur noch sagen. Was der schwedische Krimiautor Johan Theorin da geschrieben hat, ist alle erste Sahne. Angesiedelt auf der Insel Öland, geht es in seinen vier Thrillern um vier unheimliche Fälle, in denen der ehemalige Seeman Gerlof eine zentrale Rolle spielt. Theorin hat selbst familiäre Beziehungen zu Öland, da seine Großeltern dort leben. Sie erzählten ihm alte Geschichten über diese Region, die er teilweise in seine Romane einfließen ließ.

Die vier Öland-Thriller richten sich nach den vier Jahreszeiten. So spielt der erste Roman „Öland“ im Herbst, der zweite Roman „Nebelsturm“ im Winter, der dritte Roman „Blutstein“ im Frühling und der letzte Roman „Inselgrab“ im Sommer. In „Öland“ verschwand vor fast 20 Jahren ein kleiner Junge spurlos im Nebel. Nun erhält Gerlof, der im Altersheim lebt, plötzlich eine Sandale zugeschickt, die dem Jungen, seinem Enkel, gehörte. Gerlofs Tochter Julia hat seit dem Verschwinden ihres Sohns ihr Leben nicht mehr richtig im Griff. Doch zusammen mit ihrem Vater versucht sie, den Fall zu lösen. Und schon gibt es erste Gerüchte: Nils Kant habe mit dem Verschwinden des Jungen zu tun. Doch Nils war damals bereits seit Jahren tot …

In „Öland“ vermischt Theorin Spukandeutungen mit einer spannenden Kriminalgeschichte. Verbunden ist dies mit einer düsteren Familiengeschichte. Wirklich großartig.

Noch besser ist „Nebelsturm“, in dem der Autor alle Register zieht. Eigentlich ist dies der beste Roman der Reihe. Es geht um einen alten Leuchtturmwärterhof, auf dem es spuken soll. Doch Joakim und seine Frau halten nichts davon. Aber dann passieren seltsame Dinge auf dem Hof …

Großartig. Einfach großartig. Mehr kann man nicht dazu sagen. Theorin hat mit „Nebelsturm“ einen der besten Mystery-Thriller geschrieben, die es gibt. Unheimliche Szenen verbinden sich mit kriminellen Machenschaften. Den Roman liest man in einem Rutsch durch und möchte ihn danach gleich nochmals lesen. Hinzu kommt eine wunderbare Sprache, die den Roman zu einem literarischen Krimi macht.

Die Euphorie erhält leider in „Blutstein“ einen Dämpfer. Hier geht es um Per Mörner, dessen Vater ermordet wird. Sein Vater war in der Pornobranche tätig. Per, der seinen Vater kaum gekannt hat, versucht, den Grund für den Mord zu finden.

Irgendwie tat sich Theorin selbst mit dem Thema schwer. Der Roman kommt nicht wirklich in die Gänge und das Einweben von Elfenglauben und dem Glauben an Trolle führt ebenfalls zu nichts. Wie immer sind die Figuren sehr komplex und gut durchdacht, doch die Geschichte selbst ist ziemlich öde – und das Finale wirkt dann wie aus der Nase gezogen.

Doch Johan Theorin hat sich nach diesem Durchhänger schnell wieder gefasst und sich auf seine egentlichen Stärken konzentriert. Mit „Inselgrab“ zeigt er nochmals, was einen erstklassigen Mystery-Thriller ausmacht. Vor der Küste Ölands treibt ein Schiff voller Leichen. Der alte Seemann Gerlof ist wieder voll in Aktion. Er weiß, dass jemand zurückgekehrt ist, um sich zu rächen …

Wieder präsentiert Theorin einen spannenden Krimi, der aus verschiedenen Perspektiven den düsteren Fall schildert. Zwar weiß man von Anfang an, wer der Mörder ist, doch geht es Theorin gar nicht um die Suche nach dem Täter, sondern darum, aus welchem Grund sich „Der Heimkehrer“ rächen möchte. Wie auch bei „Öland“ und „Nebelsturm“ gleitet man über die Seiten nur so hinweg und wundert sich, dass man schon nach kurzer Zeit die knapp 500 Seiten durchgelesen hat.

Alles in allem ist das „Öland-Quartett“ erstklassige Kriminalliteratur, die sicherlich nicht nur Krimifans in ihren Bann schlägt. Bis auf „Blutstein“ haben mir die Romane sehr gut gefallen und mich regelrecht gepackt. Die Romane kann man durchaus auch einzeln lesen, wenn man allerdings die Reihenfolge einhält, so kommt man in den Genuss der Entwicklung der Figur von Gerlof. Hier und da verzettelt sich Theorin: Gerlofs Ärztin Wahlberg ist im letzten Band ein Arzt mit demselben Nachnamen und aus dem Hof mit den beiden Leuchttürmen aus „Nebelsturm“ wird in „Inselgrab“ ein Hof mit nur einem Leuchtturm. Aber das sind Kleinigkeiten, die wohl nur auffallen, wenn man alle vier Romane direkt nacheinander liest. Insgesamt sind die vier Öland-Thriller eine klare Leseempfehlung.

J-Pop: Scandals „Ivory“ – Der Song mit der Badewanne

Manchmal ist es auch eine Badewanne, die zum Komponieren anregt. So erging es jedenfalls Mami Sasazaki, die Gitarristin der Girl-Rockband „Scandal“. In einem Interview berichtete sie, dass sie während des Lockdowns viel über sich selbst und ihre Ängste nachgedacht habe, unter denen sie immer wieder leidet. Dann, während sie in der Badewanne saß, war ihr dadurch plötzlich die Idee zu dem Song „Ivory“ gekommen.

Scandal „Ivory“ (Szene aus dem Videoclip); © Her

Bei Scandal (die Band feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Jubiläum) sind im Grunde genommen alle Songs hervorragend. Noch großartiger aber ist die Band, wie ich finde, bei ihren ruhigeren Liedern. Dies zeigt sich einmal mehr bei „Ivory“, der nicht nur von Mami Sasazaki komponiert wurde, sondern bei dem sie auch den Gesang übernahm.

„Ivory“ handelt davon, dass es ein rein glückliches Leben nicht gibt. Doch soll man sich nicht von den Sorgen überrennen lassen, sondern das Leben so akzeptieren wie es nun einmal ist. Erst dadurch wird einem bewusst, wie schön das Leben ist – daher auch der Titel.

Für Mami Sasazaki ist der Song sehr persönlich. Wie sie in dem oben erwähnten Interview sagte, ist „Ivory“ eine Art Nachdenken über sich selbst. Für sie stellt der Song eine Möglichkeit dar, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Der Song ist sehr schön geworden und schließt sich im Hinblick auf seinen Inhalt an die Vorgängersingle „Eternal“ an.

Wie die Bandleaderin Haruna Ono berichtete, hat die Band während des Lockdowns mehrere Lieder geschrieben, von denen viele persönliche Erfahrungen verarbeiten. Man darf also (hoffentlich) auf ein neues Album gespannt sein. Die neue Single macht jedenfall neugierig darauf.