FuBs Jukebox: En Davy – Zwischen Pop und Disco der 70er Jahre

En Davy lautet der Künstlername der philipinischen Sängerin Enry David. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren Hit „You set my Heart on Fire“ aus dem Jahr 1974, der u. a. in Schweden zwei Wochen lang in den Charts platziert gewesen war. Nicht weniger bekannt ist sie als Mitglied der Les Humphries Singers, bei denen sie von Gründung Ende der 60er Jahre bis Anfang der 70er Jahre gewesen war – teilweise zusammen mit ihrer Schwester Myrna. Gleich beim ersten Hit der Les Humphries Singers „To my Fathers House“ (1969) übernahm sie den Sologesang.

Plattencover von En Davys einzigem Hit

Parallel zu ihrer Arbeit bei den Les Humphries Singers und auch danach versuchte sie sich zusammen mit ihren beiden Schwestern Myrna und July und später auch solo im Pop-Business: als Enry & Myrna und als Enry & July (unter dem Namen Big Secret). Trotz Auftritte in TV-Shows wurde aus dem ganz großen Erfolg leider nichts. Es erschienen von ihr im Laufe der 70er Jahre lediglich vereinzelte Singles, jedoch kein richtiges Album. Jedenfalls konnte ich bei meinen Recherchen keines finden.

Zusammen mit ihrer Schwester Myrna sang sie den Ohrwurm „Your Time, My Time“

En Davys Stil ist schwer auf einen Punkt zu bringen. Sie war im Glampoprock genauso zuhause wie im Disco-Bereich. „Ride, Captain, Ride“ (1974) ist eine Mischung aus Schlager und Pop, ebenso ihr Song „Si, Si, Si, Senorita“ (1971). Im Gegensatz dazu ist „Desert Train“, der sich auf der B-Seite von „Ride, Captain, Ride“ befindet, eher eine Mischung aus Pop und Rock. Der Song „It’s on my mind“ kann durchaus als Vertreter des Glamrocks bezeichnet werden.

Ein echter Ohrwurm ist „Your Time, My Time“ aus dem Jahr 1971 (zusammen mit „Si, Si, Si, Senorita“ veröffentlicht). Dieser wunderbare Pop-Song lässt einen nicht mehr los, auch vom Text ist das melancholisch-schwungvolle Lied genial. Es ist rätselhaft, dass dieser Song nie gecovert wurde.

Am Ende ihrer Karriere versuchte sich En Davy mit Disco-Musik

Gecovert wurde allerdings ihr oben erwähnter Hit „You set my heart on fire“. Sängerin Tina Charles machte daraus noch im selben Jahr einen weltweiten Erfolg. Als Produzent war übrigens Frank Dostal tätig, der mitbegründer der „Rattles“.

Zusammen mit Achim Reichel versuchte sich En Davy Mitte der 70er Jahre im Disco-Fieber. Heraus kamen dabei zwei Songs: „Okay, I am k.o.“ und „Going, Going, Gone“. Beide erschienen 1976 auf einer Single, inwieweit diese Erfolg hatte, darüber gibt es leider keinerlei Informationen. Danach wurde es still um En Davy. Mitte der 90er Jahre war sie nochmals bei den Les Humphries Singers dabei, danach jedoch trat sie nicht mehr auf.

Ihre Songs, die sie alleine oder zusammen mit ihren Schwestern Myrna und July herausbrachte, gerieten leider fast völlig in Vergessenheit. Doch es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen und sie sich anzuhören (auf YouTube kann man dies tun). Es sind schnelle, witzige Songs, die gute Laune machen und die man sich immer wieder anhören kann, ohne dass sie langweilig werden.

Da fliegen mir doch die Bandagen weg: Die Mumie (2017)

Tom Cruise in „Die Mumie“ – oder müsste es nicht eher heißen Die Mumie in „Tom Cruise“? Denn bei der Sichtung fällt unangenehm auf, dass es kaum eine Szene gibt, in der Cruise nicht zu sehen ist. Fast schon plakativ lässt Regisseur Alex Kurtzman seinen Hauptdarsteller auch dann in Szene treten, wenn er eigentlich überflüssig ist. Vielleicht aber lag es auch an Tom Cruise, der bei diesem verkorksten Mumien-Neustart nur mitmachen wollte, wenn nicht auch den üblichen Leuten in der letzten Reihe klar wird, dass Cruise der Star ist.

Da bekommt sogar die Mumie (Sofia Boutella) einen Schreikrampf; „Die Mumie“ (2017); © Universal

So gesehen wird die Mumie zur Nebensache, denn das Hauptthema ist Tom Cruise. Schade eigentlich, denn Sofia Boutella als Mumie ist recht gut eingewickelt und kommt dabei böse-sinnlich herüber. Sehr schön auch die Schriftzeichen, die ihr Gesicht prägen. Alles in allem hätte es vielleicht ein gewitztes Filmabenteuer werden können, wenn da eben nicht … Aber das wisst ihr ja schon.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Grund, weswegen „Die Mumie“ nicht wirklich der Knaller ist, der „Die Mumie“ von 1999 noch gewesen war. Und zwar liegt dies an der Einfallslosigkeit, in der sich die Geschichte suhlt. Hier ist nichts originell, sondern wirkt völlig lieblos, ja beinahe wie hingerotzt, nach dem Motto, es werden schon genug Leute ins Kino gehen. Und die Macher hatten Recht: denn trotz miserabler Kritiken wurde Kurtzmans Film ein enormer Erfolg.

Das Problem ist sicherlich auch, dass man niemanden, der bei Michael Bay in die Lehre (oder soll man sagen in die Leere?) gegangen ist, einen Horror-Fantasy-Film drehen lassen sollte (oder überhaupt einen Film :D ). Denn dabei kommt nicht viel heraus. In der Tat schien Kurtzman selbst von dem Film nicht angetan gewesen zu sein, wirkt dieser doch völlig seelenlos – also eigentlich genauso wie Michael Bays Filme. Dass man von Actionfilmen keine Tiefe erwarten muss, ist klar, doch dass nicht einmal irgendwelche Themen angesprochen und verfolgt werden, ist doch wirklich erbärmlich. Auch die unbeholfenen Anspielungen auf Universal-Konkurrent Hammer Film laufen völlig ins Leere.

Auf diese Weise funktioniert dann auch nicht der Gag mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die von Russel Crowe gespielte Figur wirkt in dem Film genauso aufgesetzt wie alles andere. Man bleibt eben fantasielos – und dass es dafür auch noch drei Drehbuchautoren gebraucht hat, ist mehr als nur ein Armutszeugnis.

Ein Glück, dass Universal dieses Format nicht auch bei seinem nächsten Dark Universe-Ableger „Der Unsichtbare“ angewendet hat. Dieser ist zwar auch kein Knüller, aber auf jeden Fall um ein Vielfaches besser.

Die Mumie. Regie u. Produktion: Alex Kurtzman, Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman, Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russel Crowe. USA 2017

Sanditon – Jane Austens unvollendeter Roman als großartige TV-Serie

Jane Austen begann ihren Roman „Sanditon“ im Januar 1817, um nur drei Monate später mit dem Schreiben aufzuhören. Austen-Experten meinen, dass sie aufgrund ihrer schweren Krankheit (Austen starb im Juli desselben Jahres) nicht mehr hatte weiter daran arbeiten können.

Charlotte Heywood (Rose Williams) kommt nach Sanditon;
„Sanditon“ (2019); © BBC

Der unvollendete Roman über einen kleinen Ort, den Thomas Parker in einen modernen Ferienort verwandeln möchte, regte bereits viele Schriftsteller dazu an, ihn auf ihre Weise weiter zu schreiben. So auch den Drehbuchautor Andrew Davies. Heraus kam eine achtteilige Miniserie, die Kritiker begeisterte, Jane Austen-Fans jedoch teils verstörte.

Grund dafür sind die vielen Nacktszenen zu Beginn der Serie sowie das Austen untypische Ende. Dieses verleitete manchen Zuschauer zu der Spekulation, dass die BBC, die die Serie produzierte, eine zweite Staffel plane. Von den Machern selbst gibt es in dieser Hinsicht bisher keine Kommentare.

Doch unabhängig davon schuf Andrew Davies eine von Anfang bis Ende witzige und spannende Serie, von der lediglich der Anfang an Austens Romanwrackment angelehnt ist. Der Rest orientiert sich zwar am Stil Austens, ist jedoch alleinige Erfindung des Autors. Davies macht allerdings seine Arbeit so gut, dass man den Schnitt zwischen Austens Werk und Davies Einfallsreichtum kaum merkt. Nur hier und da, wenn es z. B. plötzlich um eine Entführung geht oder um eine Verfolgungsjagd mit zwei Kutschen ist klar, dass hierbei Jane Austen nicht Pate gestanden hatte.

Charlotte Heywood (Rose Williams) und Sidney Parker (Theo James); Sanditon (2019); © BBC

Gewitzte und schwungvolle Dialoge beherrschen die Serie, die von sehr guten Schauspielern getragen wird. Zudem überzeugen die einzelnen Episoden durch eine hervorragende Kameraarbeit und nicht zuletzt durch die tollen Kostüme. Machte sich Jane Austen stets darüber lustig, dass es ihren adeligen Zeitgenossen nur ums Geld geht, so macht Andrew Davies dieses Thema zur Grundlage seines Drehbuchs. Um die alte Lady Denham scharen sich ihre Verwandten, die hoffen, ihr Erbe antreten zu können. Dabei versuchen sie, sich gegenseitig auszustechen. Dem gegenüber steht die Hauptfigur Charlotte Heywood, die aus ärmeren Verhältnissen kommt und von Thomas Parker und dessen Frau nach Sanditon eingeladen wurde. Ihr geht es nicht ums Geld, sondern ihr liegt daran, dass es mit Toms Plänen vorangeht, wobei sie immer wieder mit der einen oder anderen Idee aufwartet.

Die Vielzahl an originellen Figuren, die Konflikte, in die Charlotte immer wieder gerät, und nicht zuletzt die internen Intrigen in der Denham-Familie machen die Serie zu einer äußerst kurzweiligen und spaßigen Unterhaltung. Kurz: eine der besten Austen-Adaptionen der letzten Jahre.

Sandition. (8 Episoden). Darsteller: Rose Williams, Theo James, Anne Reid, Chris Marshall, Jack Fox, Charlotte Spencer. England 2019

Influencer – Eine erstklassige Analyse über ein Krisen-Phänomen

Der freie Journalist Ole Nymoen und der YouTuber und Kritiker Wolfgang M. Schmitt betreiben seit längerer Zeit den Kanal „Wohlstand für alle“, auf dem sie auf präzise wie unterhaltsame Weise Entwicklungen und Phänomene in der Wirtschaft darstellen und analysieren. Nun haben beide ein Sachbuch über Influencer verfasst, in dem sie dieses umstrittene Phänomen auf hervorragende Weise untersuchen.

Dabei verorten sie die Anfänge des Phänomens in den 90er Jahren, in dem Filme mehr und mehr Produktplacing betrieben, um die Produktionen zu finanzieren. In zehn Kapiteln geht es dann durch die bizarre, teils dekadente Welt der Influencer. Dabei gehen sie nicht nur auf einzelne Fälle ein, sondern sehen in ihrer Analyse stets den Zusammenhang mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.

So sehen die Konzerne und Werbefirmen Influencer als eine Art Heilsbringer, die den Kapitalismus aus seiner derzeitigen Krise führen könnten. In diesem Sinne nutzen sie diesen medialen Hype gnadenlos aus, denn durch die Influencer erreichen sie weitaus mehr Menschen als durch Anzeigen in der Zeitung oder durch Werbeclips im Fernsehen.

Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt untersuchen Infuencer jedoch nicht nur auf einer soziologischen und wirtschaftwissenschaftlichen Ebene, sondern auch aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive. Dabei stellen sie sich u. a. die Frage, was für Inhalte die Influencer in ihren Beiträgen auf YouTube und Instagram präsentieren und kommen dabei auf das Ergebnis, dass hier eine völlige Inhaltsleere gezeigt wird, eine radikale Oberflächlichkeit, in der es um nichts anderes als ums Shoppen geht. Man fühlt sich bei diesem Phänomen an John Carpenters SF-Film „Sie leben“ erinnert, wo die versteckten Botschaften stets „Konsumieren“ lauten. Denn nicht anders verhält es sich bei den Influencern, die ihren Zuschauern stets weismachen, dass man nichts anderes tun soll, als Geld ausgeben. Das Problem: viele, sogar sehr viele ihrer Follower richten sich nach diesem Motto, wobei es ihnen anscheinend auch nichts ausmacht, dass es in den Beiträgen ansonsten um nichts anderes geht. Sie machen sich sozusagen freiwillig zu Konsumopfern und sehen allein darin den Sinn ihres Lebens.

Der Indie-Regisseur Larry Fessenden sah vor wenigen Jahren in der zunehmenden Inhaltsleere der Blockbuster eine gesellschaftliche Krise aufkommen. Man könnte sagen, diese wird durch das Phänomen Influencer noch deutlicher. Ole Nymoens und Wolfgang M. Schmitts Buch „Influencer – Die Ideologie der Werbekörper“ ist ein Buch, dem man sich nicht entziehen kann. Auf überaus kompetente Weise liefern beide Autoren nicht nur eine Vielzahl an spannenden Informationen über dieses Phänomen, sondern überbringen diese zugleich in einer überaus unterhaltsamen Weise, wobei sie hier und da mit geradezu köstlichen ironischen Bemerkungen aufwarten. Kurz: ein Buch, das einen regelrecht umhaut.

Ole Nymoen/Wolfgang M. Schmitt: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper. Suhrkamp Verlag 2021, 192 Seiten, 15 Euro

 

J-Pop: „Eternal“ – Scandal läuten ihr 15-jähriges Jubiläum ein

Die Girl-Rock-Band „Scandal“ feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. 2006 tourten sie als Indie-Band durch Japan, heute zählen sie zu den erfolgreichsten japanischen Rockbands. Nicht nur das, denn nach Jahren im Mainstream haben sie sich inzwischen wieder dem Indie-Sektor zugewandt, indem sie vergangenes Jahr ihr eigenes Label Her gegründet haben.

Scandal „Eternal“; © Her

Vor wenigen Wochen erschien ihr neuester Song „Eternal“. Nein, es handelt sich hierbei nicht um ein Liebeslied, sondern um einen tiefgründigen Text über das Leben. Die Drummerin Rina Suzuki, die den Text verfasst hat, schrieb dazu, dass sie dabei zwei Dinge zum Ausdruck bringen wollte: zum einen ist es ein Nachdenken über die bisherige Bandgeschichte, zum anderen über die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat. Diese gelten nicht nur für die Band, sondern für das Leben an und für sich. Es sei wichtig, jeden Moment mit allen Sinnen zu erleben und nicht mit seinen Gedanken und Sorgen ständig in der Zukunft zu verharren. Die positiven Augenblicke, auch wenn sie nur kurze Zeit anhalten, soll man für immer in seinem Herzen behalten.

Rinas Text ist überaus poetisch und gleicht in dieser Hinsicht beinahe schon den wundervollen Texten ihrer Bandkollegin Tomomi Ogawa. Es handelt sich um sehr schöne, melancholische Gedanken, die von der Musik, die wie fast immer von der Gitarristin Mami Sasazaki komponiert wurde, auf eine sehr feinfühlige Weise umrahmt wird. Die Mischung aus Pop und Rock geht bei „Eternal“ auf großartige Weise auf.

Für August ist das Jubiläumskonzert in Osaka geplant, woher die vier Damen stammen. Danach soll es auf Welttournee gehen. Diese wurde ja vergangenes Jahr auf dieses Jahr verschoben. Es bleibt abzuwarten, ob die Tour tatsächlich stattfinden kann. Auf jeden Fall kann man den vier Musikerinnen schon jetzt für ihr 15-jähriges Jubiläum gratulieren.

Tür auf, Tür zu: Du hättest gehen sollen (2020)

Eine Spiegelszene darf natürlich auch nicht fehlen; „Du hättest gehen sollen“ (2020); © Universal

Nach „Echoes“ (1999) legt Regisseur und Drehbuchautor David Koepp mit „Du hättest gehen sollen“ nun seinen zweiten Geisterhausfilm vor, kommt dabei jedoch über das Mittelmaß nicht wirklich hinaus. Im Grunde genommen geht es darum, dass ständig Türen geöffnet und geschlossen werden, die zu weiteren sonderbaren Räumen führen.

In diesem Sinne hat es Koepp tatsächlich geschafft, einen Gruselfilm zu drehen, bei dem der Konflikt des Ehepaars Conroy weitaus interessanter ist als das Gruseldrumherum. Es geht um Theo und Susanna Conroy, die zusammen mit ihrer Tochter nach Wales fahren, um dort in einem einsam gelegenen Haus Urlaub zu machen. Allerdings geschehen dort unheimliche Dinge, die das Ehepaar mehr und mehr psychisch belasten.

Hinzu kommt, dass Theo eifersüchtig auf seine Frau ist, die als Schauspielerin meistens unterwegs ist. Theo selbst umgibt jedoch auch ein Geheimnis. Und dieses Geheimnis macht die Sache schon ein wenig unlogisch, da man sich fragt, weswegen Susanna ihn deswegen trotzdem geheiratet hat. Diese Frage ergibt sich daraus, da sie im Film einfach nicht beantwortet wird.

Ist das Spiel von Kevin Bacon und Amanda Seyfried als sich streitende Eheleute recht gelungen und ist auch die Optik und Farbgebung wirklich gut, so kommt die Handlung selbst, wie gesagt, nicht über den üblichen Durchschnitt hinaus. David Koepp ergibt sich der Unorginalität, indem er seinem Film den üblichen 08/15-Spuk verleiht, ja sogar ein wenig darunter liegt. Zwar ist „Du hättest gehen sollen“ durchaus unterhaltsam, doch eben nur das und nicht mehr. Gänge und Räume und das ständige Öffnen und Schließen von Türen reicht nun einmal nicht aus, um etwas Großes zu schaffen.

Zwischendurch versucht Koepp, sich an klassischen englischen Gespenstergeschichten zu orientieren, was jedoch nur kurz gelingt. Danach schert er wieder ein in den üblichen Trott. Auf diese Weise wirkt schließlich auch das Finale einfach nur banal.

Du hättest gehen sollen (OT: You should have left). Regie, Drehbuch: David Koepp, Produktion: Kevin Bacon, Darsteller: Kevin Bacon, Amanda Seyfried, Avery Essex. USA 2020

Tenet – Zwischen Science Fiction- und Agentenfilm

Der Protagonist (John David Washington) und sein Mitstreiter (Robert Pattinson) vor einem Rätsel; „Tenet“ (2020); © Warner

Bei Zeitreisefilmen denkt man als erstes an den Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1960) nach dem Roman von H. G. Wells. Dass das Thema allerdings auch anders bearbeitet werden kann, zeigt Regisseur Christopher Nolan in seinem SF-Thriller „Tenet“ (2020).

Es geht um einen Protagonisten, der die Welt vor der kompletten Vernichtung retten soll. Denn der russische Oligarch Andrei Saltor ist im Besitz einer Maschine, die das Zeitgefüge verändern kann.

In „Tenet“ herrscht ein solches Durcheinander, dass man sich zunächst wundert, ob Nolan selbst noch wusste, was gerade geschieht. Doch ist dieses Chaos keineswegs negativ gemeint, denn was Nolan dabei entwirft, ist ein absolutes Highlight des Filmschaffens. Die Bilder gehen gleichzeitig vor und zurück, entwickeln einen wahren Rausch von Bewegungen, wobei Nolan gleichzeitig auf die Grundidee des Kinos verweist: eben bewegte Bilder. Nolan schafft aus dieser Grundidee einen gewitzten und überaus unterhaltsamen Film, der sich frech an James Bond anlehnt und dies mit einer fast schon klassisch anmutenden SF-Geschichte verbindet.

Auch wenn die Action im Vordergrund steht, so lässt Nolan die Handlung sich nicht auf eine 08/15-Weise entwickeln. So kommt es während der Geschichte immer wieder zu auffallenden Lücken, die im Laufe des Films jedoch nach und nach gefüllt werden. Dies gilt ebenfalls für die Figuren, deren Hintergrund zunächst unklar ist, deren Funktion und Beziehungen untereinander jedoch auf geradezu elegante Weise gelöst werden. Dadurch ergibt sich eine interessante Komplexität, die schließlich in einem absolut chaosartigen Finale gipfelt. In diesem Sinne definiert Nolan das Thema Zeitreise neu, indem er unterschiedliche Zeitstränge miteinander verknüpft und diese aus der jeweils entgegengesetzten Perspektive ablaufen lässt, was zu einer Vielzahl origineller Effekte und Zwischenfälle führt.

„Tenet“ gehört, was die Machart betrifft, mit Sicherheit zu den besten Filmen der letzten Jahre. Und die Frage, die sich am Ende stellt, lautet, ob man so etwas überhaupt noch toppen kann.

Tenet. Regie, Drehbuch, Produkion: Christopher Nolan; Darsteller: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debizki, Kenneth Branagh. USA 2020

FuBs Fundgrube: „Kontrolle“ von Robert Charles Wilson

Cover der im Heyne-Verlag erschienenen Übersetzung

Robert Charles Wilson zählt zu den bekanntesten SF-Autoren. Sein Roman „Kontrolle“ (OT: „Burning Paradise“) hat vor allem in Deutschland die Gemüter gespalten. In den USA sah es da anders aus, wo sein Roman mehr positive als negative Kritiken erhielt.

„Kontrolle“ hat mich irgendwie an die Romane von John Christopher erinnert, in denen es gelegentlich darum geht, wie die Protagonisten durch eine durch eine Katastrophe veränderte und zerstörte Gesellschaft wandern (z.B. „Inseln ohne Meer“, „Die dreibeinigen Monster“). Etwas in dieser Art geschieht auch in Wilsons „Kontrolle“. Es geht darum, dass die Menschheit von einer außerirdischen Intelligenz beherrscht wird, die dafür sorgt, dass Großkonflikte wie Kriege nicht mehr stattfinden. So hat es seit dem Ersten Weltkrieg keine weiteren weltweiten Konflikte mehr gegeben. Doch macht sich plötzlich eine bedrohliche Veränderung bemerkbar. Denn sog. Simulakren (Außerirdische, die sich als Menschen tarnen) tauchen auf, die Jagd auf Wissenschaftler machen, welche versuchen, das Geheimnis der fremdartigen Intelligenz zu lösen.

„Kontrolle“ ist ein Roman, der einen wunderbar unterhält. Dabei muss betont werden, dass bereits von Anfang an klar ist, dass diese außerirdische Intelligenz die Erde beherrscht. In diesem Sinn berschreibt Wilson von der ersten Seite an eine Alternativwelt, in der es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben hat und in der bestimmte Erfindungen wie Computer über ein bestimmtes Entwicklungslevel nicht hinausgekommen sind. Im Kern aber geht es um eine Gruppe Jugendlicher, die vor den Außerirdischen fliehen und dabei quer durch die USA reisen.

Mit Sicherheit hätte Wilson mehr aus seiner Idee machen können, besonders im Hinblick auf die veränderte Weltgeschichte. Aus diesem Grund liest sich der Roman dann auch wie eine Mischung aus SF und Roadtrip, wobei die Jugendlichen immer wieder in gefährliche Situationen geraten. Erst ab der zweiten Hälfte des Romans werden die SF-Elemte deutlicher, wobei es auch zu der einen und anderen überraschenden Wendung kommt.

Ob Wilson mit „Kontrolle“ einen Jugendroman vorlegen wollte, ist schwer zu beurteilen. Teils scheint es so, teils ist der Roman dann doch eher für ein älteres Lesepublikum. Wie gesagt, erinnert der Roman an die Werke John Christophers, daher wäre es durchaus möglich, dass dies Wilsons Hommage an diesen großartigen SF-Schriftsteller darstellt.

In Deutschland erlebte der Roman leider keine zweite Auflage (er erschien 2017, – in den USA bereits 2013) und ist nur noch antiquarisch zu erhalten. „Kontrolle“ ist mit Sicherheit nicht Wilsons bester Roman, dennoch ist er recht spannend und überaus flüssig zu lesen.

Robert Charles Wilson. Kontrolle. Heyne Verlag 2017, 398 Seiten

Erschienen: „Unheil“ von Carl Denning

Mit „Unheil“ legt der bekannte Horrorautor Carl Denning seinen elften Roman vor. Nach fünf Susan Gant-Romanen, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen (ein sechster Roman ist in Planung), handelt „Unheil“ von der Psychologiedozentin Natasha Wharton, deren Tochter vor vier Monaten spurlos verschwunden ist.

Natasha lebt in San Francisco. Ihr Ex-Freund Jo Doyle, ein ehemaliger Police Detective, wurde in einem Hotelzimmer brutal ermordet. Einen Tag zuvor hatte er versucht, sie zu kontaktieren. An der Wand des Hotelzimmers wurde ein sonderbares, mit Blut gezeichnetes Symbol hinterlassen. Natasha, die sich als Dozentin vor allem mit Sekten und Okkultismus befasst, soll der Polizei dabei helfen, die Bedeutung des Symbols aufzudecken, da alles wie ein Ritualmord wirkt. Aber Natasha hat noch einen anderen Grund, um auf eigene Faust zu ermitteln. Hatte Jo etwas über das Schicksal ihrer Tochter herausbekommen? Wieso hält die Polizei seit einem Jahr die Akten eines Falls unter Verschluss, bei dem eine Schülerin auf merkwürdige Weise ums Leben kam? Und was hat es mit den anderen grausamen Morden auf sich, die sich in San Francisco ereignen?

„Unheil“ ist ein sehr spannender und dichter Roman, den man sofort in einem Stück durchliest. In diesem Sinne steht er Dennings Susan Gant-Romanen in nichts nach. Denning kreiert eine recht düstere und beklemmende Atmosphäre, in der Natasha Wharton versucht herauszufinden, wieso Jo sie hatte treffen wollen. Davor hatten sie sich ein Jahr nicht mehr gesehen. Jo litt unter einem Trauma, das letztendlich zum Bruch der Beziehung führte. Ihre Suche nach Antworten führt sie mehr und mehr in einen regelrechten Albtraum.

Wie immer versteht es Denning tadellos, Spannung aufzubauen. Beinahe wie in einem Film entfaltet sich dabei die Handlung, wobei die Hauptfigur Natasha Wharton überaus lebendig und vielschichtig wirkt. Ja, man glaubt regelrecht, sie vor sich stehen zu sehen und erlebt daher den spannenden Verlauf der Geschichte intensiv mit. Das Großartige bei Dennings Romanen ist, wie es ihm stets gelingt, das Grauen in den Alltag einfließen zu lassen. Genau das gelingt ihm in seinem neuen Roman auf wunderbare Weise.

„Unheil“ gehört für mich zu Carl Dennings besten Romanen. Ein toller Horrorthriller, der einen regelrecht mitreißt. Nach „Dunkle Legende“ (dem fünften Susan Gant-Roman) ist „Unheil“ eine weitere Steigerung in seinem Schaffen. Ein tolles und packendes Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.

Die 90er: Exotica (1994)

Christina (Mia Kirshner) erzählt ihr Geheimnis; „Exotica“ (1994); © Miramax

„Exotica“ zählt bis heute zum erfolgreichsten Film des Regisseurs Atom Egoyan. Wahrscheinlich liegt dies an der damaligen Marketingstrategie von Miramax, die den Film als Erotikthriller bewarb. Allerdings handelt es sich doch eher um ein Drama und weniger um einen Thriller.

Es geht um den Steuerprüfer Francis, der jeden zweiten Abend das Striplokal Exotica besucht, um dort die Tänzerin Christina zu treffen. Nach und nach offenbaren sich die Zusammenhänge zwischen den einzelnen, teils zwielichtigen Figuren.

Nicht nur für den Regisseur wurde „Exotica“ zum Durchbruch, sonderen ebenso für Hauptdarsteller Bruce Greenwood, der dadurch international bekannt wurde. Bei den Filmfestspielen in Cannes war der Film für die Goldene Palme nominiert, auf weiteren Filmfestivals wurde „Exotica“ mit Preisen überhäuft.

„Exotica“ ist in der Tat ein Meisterwerk, was nicht allein an der exzellenten Kameraführung liegt. Egoyan gelingt es, eine dichte, sinnliche Atmosphäre voller Geheimnisse zu kreieren, die geradezu hypnotisierend wirkt. Er erschafft dabei ein sonderbares Beziehungsgeflecht zwischen Figuren, die sich besser nie über den Weg gelaufen wären. Daraus ergibt sich nicht nur eine tiefe Tragik, sondern zugleich eine elektrisierende Spannung, die durch die sinnlichen Anspielungen noch intensiviert wird.

Doch wie gesagt, handelt es sich bei „Exotica“ nicht wirklich um einen Thriller, auch wenn er ansatzweise mit Elementen des Krimis und eben des Thrillers arbeitet. Egoyan geht es allein um die Figuren und darum, wie sich nach und nach das Labyrinth aus eigenartigen Beziehungen entwirrt. All dies geschieht auf eine äußerst kunstvolle Weise, wobei die Farbgebung, die noch einen Hauch der 80er Jahre vermittelt, einen traumartigen Rahmen schafft, so als befände man sich in Ansätzen in einer Folge der Serie Twilight Zone (witzigerweise hatte Atom Egoyan tatsächlich eine Folge der in den 80er Jahren reanimierten Serie gedreht).

„Exotica“ ist ein ruhiger Film und dennoch scheint es im Hinblick auf Konflikte regelrecht, wenn auch auf subtile Weise, zu brodeln. Man folgt wie gebannt den Figuren und fragt sich dabei, auf welche Auflösung die Geschichte hinsteuert. Dabei ist der Film dermaßen vielschichtig und voller Symbole und Themen, dass „Exotica“ allein schon dadurch fasziniert.

Exotica. Regie, Drehbuch, Produktion: Atom Egoyan, Darsteller: Bruce Greenwood, Mia Kirshner, Elias Koteas, Sarah Polley. Kanada 1994