FuBs Fundgrube: „Gezeiten des Winters“ von James P. Blaylock

Autoren haben manchmal auch so ihre Tiefs. Ganz besonders trifft dies auf den amerikanischen Fantasy-Schriftsteller James P. Blaylock zu, der mit seinem Roman „Land der Träume“ Mitte der 80er Jahre international bekannt wurde. Auch seine darauf folgenden Romane wie „Homunculus“, „Die letzte Münze“ oder „Brunnenkinder“ bieten wunderbare Geschichten und witzige Charaktere.

1997 geschrieben, 2003 ins Deutsche übersetzt

Doch Ende der 90er Jahre hatte es ihn irgendwie geritten einen wirklich schlechten Roman abzuliefern. „Gezeiten des Winters“ ist ein Roman, bei dem man sich ständig fragt, wie ein so guter Autor einen so schlecht konzipierten Roman schreiben kann. Möglicherweise handelt es sich auch um ein Frühwerk, das er erst aufgrund seines Erfolges veröffentlichen konnte. Auf jeden Fall greift man sich immer wieder an den Kopf und denkt sich, was soll das alles?

Es geht um den Surfer Dave, der vor 15 Jahren ein 13-jähriges Mädchen vor dem Ertrinken gerettet hat. Ihre Zwillingsschwester starb jedoch bei der Rettungsaktion. Seitdem ist Daves Leben nicht mehr das, was es einmal war. Zurzeit fertigt er Kulissen für ein kleines Theater an. Als Anne, das von ihm gerettete Mädchen als junge Frau in den Ort zurückkehrt, wo das Unglück geschah, scheint auch ihre verstorbene Schwester Elinor aus dem Reich der Toten zurückgekehrt zu sein …

Klingt ja alles ganz nett. Doch Blaylock strotzt in diesem Roman nur so vor Ungereimtheiten. Das Theater wird von dem bösen Edmund geleitet, der alle Mitarbeiter nicht leiden kann und ständig etwas Gemeines im Schilde führt, um sie zu vertreiben. Da stellt man sich doch die Frage, wieso er dann überhaupt die Leitung des Theaters übernommen hat. Außerdem liest er in seiner Freizeit Bücher über schwarze Magie, was einmal erwähnt wird, danach aber keine große Rolle mehr spielt und überhaupt eine völlig überflüssige Idee ist.

Selbst die Begegnung von Anne und Dave nach 15 Jahren wirkt in dem Roman unrealistisch, was das Verhalten der jeweiligen Figuren betrifft. Ach ja, Edmund wird als jemand in den Roman eingeführt, der über den Highway fährt, um einsame Tramperinnen aufzugabeln und sie zu missbrauchen. Aber dieser Aspekt taucht danach überhaupt nicht mehr auf, so als habe Blaylock dies inzwischen wieder vergessen.

Angeblich soll es sich bei „Gezeiten des Winters“ um einen unheimlichen Roman handeln. Der Spuk Elinors jedoch taucht wie nebenbei immer wieder kurz auf, um viele Seiten lang dann keine Rolle mehr zu spielen. Stattdessen konzentriert sich der Roman an dem Konflikt zwischen Edmund und Dave bzw. den anderen Mitarbeitern, wobei Edmunds Bruder sowie sein Vater natürlich nicht glauben, dass Ed wirklich so gemein und böse ist.

Nein, dieser Roman ist, wenn man es genau nimmt, eine Beinahe-Katastrophe. Beinahe, da allein der schöne Schreibstil einen weiterlesen lässt sowie die wirklich guten Dialoge. Die Geschichte an sich jedoch ist völlig unlogisch und – auch wenn ich mich wiederhole – dermaßen schlecht umgesetzt bzw. konzipiert, dass es eigentlich nur noch ärgert.

Übrigens wurde nach diesem Roman nichts mehr von Blaylock ins Deutsche übersetzt, was schade ist, denn seine Fantasyromane sind trotz dieses Patzers lesenswert.

Die Gesandten – Henry James‘ Roman über Liebe contra Tradition

Beim dritten Mal hab ich es geschafft: Henry James‘ Roman „Die Gesandten“ auf einem Rutsch durchgelesen. Um es vorweg zu nehmen: für dieses Buch, das Henry James selbst für sein bestes hielt, braucht man viel Geduld und Muse. Man muss sich regelrecht die Zeit dafür nehmen, denn einfach so nebenher, dafür ist „Die Gesandten“ nicht gedacht.

Cover der Neuübersetzung im DTV-Verlag

Im Grunde genommen ist die Handlung recht einfach: Chad, der Sohn einer Industriellenfamilie, soll zurück in die USA kehren, um dort in der Firma mitzuarbeiten. Chad aber genießt lieber das Leben in Paris. Daher wird der Freund der Familie Lewis Strether nach Paris geschickt, um Chad zur Rückkehr zu bewegen. Doch wie immer kommt alles anders. Denn Strether beginnt selbst, das Leben in Frankreich zu genießen. Außerdem ist da noch die überaus attraktive Madame de Vionnet, mit der Chad ein Verhältnis hat …

Während des Lesens habe ich mich immer wieder gefragt, wieso dieser Roman nie verfilmt wurde. Die Geschichte schreit richtiggehend danach. Tatsächlich gab es in den 70ern eine Adaption fürs Fernsehen, doch als großer Kostümfilm fürs Kino wurde der Roman nie umgesetzt. Schade, denn „Die Gesandten“ ist eine wunderbare Geschichte, die einem durchaus mitfiebern lässt: wird Chad nun nachhause kommen oder doch lieber bei Madame de Vionnet bleiben?

Hierbei sei erwähnt, dass Madame de Vionnet wahrscheinlich zu den sinnlichsten Figuren der Literatur zählt. Durch ihre Attraktivität zieht sie die Aufmerksamkeit aller auf sich. Chads Familie jedoch ist sie ein Dorn im Auge. Denn Madame de Vionnet verkörpert das genaue Gegenteil der Prüderie der amerikanischen Provinz, aus der die Newsomes stammen. Sie lebt von ihrem Mann getrennt, eine Scheidung ist nicht möglich, doch lebt sie trotzdem ihr eigenes freies Leben, was auch (sexuelle) Beziehungen mit anderen Männern einbezieht. Strether ist zunächst ebenfalls eher skeptisch gegenüber dieser Frau, doch nach und nach findet er sie mehr und mehr „fabelhaft“ wie er später betont.

Aus dieser Konstellation spinnt Henry James eine Geschichte über Gegensätze: Moderne/Tradition, freie Lebensformen/strenge moralische Regeln, USA/Europa. Diese Themen durchziehen sein Werk von Anfang an, doch so ausgefeilt wie in „Die Gesandten“ erschienen sie zuvor noch nie.

Der Grund, weswegen man sich trotz der feinen Ironie und des immer wieder aufblitzenden Humors Zeit für den Roman nehmen muss, ist folgender: der Roman ist in extrem verschachtelten Sätzen verfasst, was das Lesen vor allem zu Beginn schwer macht. Hat man sich aber an den Rhythmus der Sprache und der Sätze gewöhnt, gleitet man durch den feinsinnigen Roman mit seinen diversen subtilen Anspielungen. Ebenfalls Geduld benötigt man für die durchaus langen Passagen, in denen Strether seine Erlebnisse reflektiert. Doch genau hier muss man aufpassen, denn Henry James nutzt diese Passagen, um die minutiöse Veränderung von Strether aufzuzeigen. Das macht zu einem sehr anspruchsvollen, aber dennoch unterhaltsamen Lesevergnügen.

Schade ist allerdings das Ende (und irgendwie auch nicht richtig nachzuvollziehen), wenn man Strethers neuen Blick auf die Welt und die Dinge berücksichtigt. Ja, das Ende lässt einen irgendwie ratlos zurück. Vielleicht wollte Henry James auch nicht zu sehr die Seite der Moralisten vergrämen. Wie dem auch sei, die Lektüre hat sich allemal gelohnt.

Henry James. Die Gesandten. DTV 2017, 704 Seiten

J-Pop: Vereinzelung als Kunst betrachtet – Die Videoclips von Shinichi Osawa

Shinichi Osawa verbindet in seinen Kompositionen unterschiedliche Musikstile, die von elektronischer Musik bis zu Jazz reichen. U. a. ist Osawa bekannt durch sein Musikprojekt Mondo Grosso. Seine teils melancholischen Songs handeln von Einsamkeit, zerbrochenen Beziehungen und dem sich nicht Zurechtfinden in einer modernen Lebenswelt.

Vereinsamt innerhalb der Gesellschaft; Szene aus „Our Song“; © avex/Shinichi Osawa 2019

Diese Aspekte visualisiert Osawa in seinen Videoclips auf sehr ästhetische Weise. Eines der besten Beispiele dafür ist „Our Song“, in dem es um eine zu ende gegangene Beziehung geht. Das dazugehörende Video handelt vom Alltag einer allein lebenden Frau. Ihre Einsamkeit spiegelt sich in der trostlosen Architektur ihrer Wohnung und nicht weniger in dem alten Treppenhaus wider. Im Laufe des Clips sieht man die Frau auf den Weg zur Arbeit, bei ihrer Arbeit im CD-Laden und später in einer Disco.

Um die Einsamkeit der Figur zu verdeutlichen spielt der Clip mit Gegensätzen, indem er die einsame Frau in bestimmten Situationen glücklichen Paaren gegenüberstellt. Diese Gegenüberstellung kumuliert schließlich in der Disco-Sequenz, in der sich alle amüsieren, während die Frau unbemerkt am Tresen sitzt. Wirklich einprägend ist der Schluss des Clips, in dem die Frau, nachdem sie in ihre Wohnung zurückgekehrt ist, in die Kamera sieht, wobei ihre Miene von seelischem Schmerz verzerrt ist.

Vereinsamter Blick in den Spiegel – Szene aus „Our Song“; ©avex/Shinichi Osawa 2019

Nicht weniger interessant ist hierbei der Clip „Stranger“. Der Song handelt von einem Menschen, der sich im Alltag einfach nicht mehr zurechtfindet und sich dabei selbst verloren hat. Im Video ist eine Frau zu sehen, die alleine in einer hellen Wohnung lebt und der es anscheinend recht gut geht. Doch in einer wunderbaren Einstellung sitzt sie alleine am Fenster, hinter ihr erstreckt sich eine Großstadt bis zum Horizont. Ein großartiges Symbol dafür, dass die Frau am sozialen Leben nicht mehr teilnimmt. Auf einer zweiten Erzählebene ist dieselbe Frau in einer Fantasieumgebung zu sehen, was die Verwirrung und Verlorenheit der Figur darstellt. Im Höhepunkt des Clips reichen sich beide Frauen über die Welten hinweg die Hände, ein Versuch, die Verwirrung und die Verlorenheit zu überwinden. Aber gelingt es auch? Das Ende lässt der Clip offen.

In „Labyrinth“, einem weiteren Song von Mondo Grosso bzw. Shinichi Osawa, geht es erneut um eine verlorene Liebe. Der Clip ist in Form eines One-Takes gedreht. Der Regisseur jedoch verwendet dieselbe Methode wie Hitchcock in „The Rope“, in dem er die Kamera auf dunkle Stellen zugleiten lässt, um dann einen heimlichen Schnitt einzufügen. Der Clip erzählt keine eigentliche Geschichte, sondern ist ein sog. Dance-Shot. Die Geschichte spielt sich mehr oder weniger im Hintergrund ab. Wie in „Our Song“ spielt der Clip mit Gegenüberstellungen, nur hier in Form von Mensch contra Lebensraum. Es ist eine Tänzerin in einem rot-orangenen Kostüm zu sehen, die in engen Hochhausschluchten tanzt.

Gegenüberstellung Einsamkeit/Stadt; Szene aus „Stranger“; ©avex/Shinichi Osawa 2022

Schon allein die farbliche Gegenüberstellungen ist großartig, die dunklen, trostlos wirkenden Hochhäuser, die engen Geschäfte und mitten drin die auffällig kostümierte Tänzerin. Die Kamera folgt ihr durch enge Geschäfte, wobei kaum jemand auf sie achtet. Dabei zeigt sie jedoch, dass sie auf das Verhalten der Menschen pfeift und sich durch nichts einengen bzw. kleinkriegen lässt. Sozusagen gewinnt die Figur ihrer Einsamkeit etwas Positives ab bzw. macht daraus etwas (für sie) Positives. Am Ende befindet sie sich auf einem weiten Platz, doch ist sie dort völlig alleine. Zwar ist sie dem engen Labyrinth entronnen, jedoch hat dies nichts an ihrem Leben verändert. Ein durchaus ironischer Schluss, wenn man dabei das Mode-Thema Achtsamkeit berücksichtigt, das ja parallel zu den zunehmenden Individualisierungserscheinungen auftritt. Die Schlussfolgerung des Clips: die sog. Achtsamkeit (im Sinne der Laber-Coaches) ändert im Grunde genommen nichts.

Vereinzelung als Kunst betrachtet, so könnte man Osawas Videos auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die Videos greifen die negativen Aspekte der Moderne bzw. der Postmoderne auf, indem sie einzelne Menschen zeigen, die so gut wie keinen Kontakt zu anderen Menschen mehr haben. Es ist das, was der Soziologe Richard Sennett als Endphase der Individualisierung bezeichnet, in der jeder nur noch für sich selbst lebt. Dies macht Shinichi Osawas Videos überaus interessant und durchaus einzigartig.

Eingeengt, dennoch Raum für Individuelles; Szene aus „Labyrinth“; ©avex/Shinichi Osawa 2017

The green Knight

Der Film „The green Knight“ basiert auf dem Roman „Sir Gawain und der grüne Ritter“, der etwa 1400 erschienen und dessen Autor bis heute unbekannt ist. Angelehnt an der Artus-Sage, wird darin die Geschichte des Neffen des sagenumwobenen Königs geschildert, der auszieht, um sich seinem Schicksal zu stellen.

Regisseur David Lowery schuf aus diesem Stoff einen der wohl kunstvollsten Filme der letzten Jahre. Er erzählt quasi die Geschichte eines Antihelden, der sich trotz seiner Ängste und Schwächen auf den Weg macht, um sich als ehrenhafter Ritter zu beweisen. Ritter allerdings ist Sir Gawain noch nicht, als er an einem Weihnachtsabend dem grünen Ritter zum ersten Mal begegnet. Der mysteriöse Fremde tritt an den Hof Artus‘, um jemandem zum Duell zu fordern. Die einzige Bedingung lautet: die Wunde, die ihm (dem grünen Ritter) zugefügt wird, wird er in einem Jahr seinem Gegner zufügen.

Gawain schlägt dem Ritter den Kopf ab. Um seine Tugenden als angehender Ritter zu bewahren, muss er die Abmachung einhalten. Daher bricht Gawain auf eine Reise durch England auf, um nach dem grünen Ritter zu suchen.

„The green Knight“ ist Filmkunst pur. David Lowery schafft wunderbare surreale Bilder und verbindet diese mit der abergläubigen Symbolik des Mittelalters. Wie nebenbei lässt er dabei auch die Figuren der Artuslegende auftreten – neben König Artus und den Rittern der Tafelrunde auch die Hexe Morgana. Gespielt wird Gawain von Dev Patel, der der Figur eine ungeheure Emotionalität verleiht, wodurch er eine fast schon direkte Nähe zum Zuschauer kreiert. Gawain ist alles andere als ein Held. Er trinkt viel und mit seiner Tapferkeit und Kampfkunst ist es nicht weit her. Gerade deswegen ist er den gefährlichen Situationen, in die er gerät, kaum gewachsen. Lowery schafft dafür wundervolle Bilder, von denen sicherlich am beeindruckendsten die Wanderschaft der Riesen ist. Gedreht wurde der Film übrigens in denselben Burgen wie „Excalibur“ (1981), der David Lowery für sein eigenes Werk stark inspirierte.

Nightmare Alley

Der Roman „Nightmare Alley“ des Autors William Lindsay Gresham (1909 – 1962) zählt zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. Bereits 1947 wurde die düstere Geschichte um den betrügerischen Hellseher Stanton Carlile zum ersten Mal verfilmt. Damals mit Tyrone Power, der endlich mal nicht den Helden spielen wollte, in der Hauptrolle. Der Film floppte an den Kinokassen. Heute zählt er zu den besten Werken des Film Noir.

2021 versuchte sich Guillermo del Toro an dem Stoff. Mit seiner Version von „Nightmare Alley“ schuf er einen aufwendig inszenierten Thriller und zugleich eine tiefe Verbeugung vor dem Film Noir. Del Toro hält sich zwar nicht ganz an den Roman und lässt auch manche Teile aus bzw. ändert sie um, doch ist dabei immer noch Greshams Werk genau zu erkennen. Von Anfang an wird der Film von einer düster-rauen Atmosphäre getragen, wie der Roman präsentiert del Toro gescheiterte Existenzen. Stan Carlile aber möchte es anders machen. Er sieht im Showgeschäft seine Chance.

Zusammen mit der Schaustellerin Molly verlässt er den Jahrmarkt, um durch vermeintliches Hellsehen den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zunächst geht seine Rechnung auf. Doch zunehmend lässt er sich mit den falschen Leuten ein …

Was del Toro mit seiner Adaption von „Nightmare Alley“ schuf, ist ein wahres Meisterwerk der Filmkunst. Hier ist endlich Kino wieder Kino und keine bloße Abfolge nichtssagender Szenen. Wundervolle Farben, erstklassige Kulissen, großartige Optik. Die Frage ist, was an del Toros neuestem Film eigentlich nicht erstklassig ist. „Nightmare Alley“ schwelgt geradezu im Cineastischen, lässt das klassische Kino wieder auferstehen und damit das Herz von Filmliebhabern höher schlagen.

Nightmare Alley (1947)

Großartige Schauspieler verkörpern dabei die düsteren Figuren. Gut, manche Szenen werden besser verständlich, wenn man den Roman bereits kennt. So etwa die Beziehung zwischen Zeena und Stan und wieso sie nichts dagegen hat, wenn Stan auf einmal mit Molly durchbrennen möchte. Doch fällt dies nicht zu sehr ins Gewicht. Auch wenn ich mich jetzt wiederhole: „Nightmare Alley“ ist endlich richtiges Kino.

Erschienen: Prähuman Band 25

„Nicht von dieser Welt“ lautet der Titel des 25. Bands der beliebten eBook-Reihe „Prähuman“. Zugleich ist es mit knapp über 200 Seiten die bisher umfangreichste Folge der Serie. Carl Dennings Fantasie kennt anscheinend keine Grenzen. Denn auch dieser Band ist voller skurriler Ideen, dabei überaus spannend und absolut unterhaltsam.

Es geht um sonderbare Felstürme, die auf einmal vor den Küsten der USA, Japans und anderer Länder erscheinen. Damit einher gehen verstörende Ereignisse vor sich: Häuser und ganze Stadtteile verschwinden. Menschen lösen sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf. Frederic Tubb und sein Team gehen der Sache nach und stoßen dabei auf eine schockierende Erkenntnis: bei den Felstürmen handelt es sich um gigantische Maschinen. Aber das ist noch nicht alles. Denn es gibt noch eine weitaus größere Gefahr, die die gesamte Menschheit bedroht …

Band 25 spielt in New York, in Tokio und Yokohama sowie in London. Wie immer schreibt Carl Denning auf eine Weise, dass man das Geschehen und die Figuren regelrecht vor sich sieht. Interessant hierbei ist vor allem Kathrin Jarvis, Frederic Tubbs Frau, die hier einen durchaus zwiespältigen Charakter aufweist. Als ehemalige Agentin der Einheit, einer gefährlichen und nicht weniger rätselhaften Geheimorganisation, kann man ihr irgendwie nicht richtig trauen. Das wurde bereits in Band 24 von Denning großartig beschrieben. Hier jedoch erhält Kathrin zusätzlich einen leicht bedrohlichen Zug, der stets zwischen den Zeilen mitschwingt.

Neben den skurrilen Ideen, mit denen der Band aufwartet, kommt in „Nicht von dieser Welt“ auch der für die Serie typische Humor nicht zu kurz. Die Gags sind super platziert und verfehlen nie ihre Wirkung. Gelegentlich ertappt man sich dabei sogar beim lauten Auflachen. Gleichzeitig entwickelt Denning die Geschichte um das Geheimnis der prähumanen Hyperzivilisation auf originelle Weise weiter, sodass sie dadurch neue und nicht weniger spannende Facetten erhält. Kurz und knapp: Prähuman Band 25 ist ein echtes Unterhaltungsfeuerwerk, das von der ersten bis zur letzten Seite Spaß macht.

Deephaven – Der amerikanische Klassiker in deutscher Erstübersetzung

Sarah Orne Jewett (1849 – 1909) zählt in den USA neben Edith Wharton zu den wichtigsten Autorinnen. Gleich ihr erster Roman „Deephaven“ (1877) wurde ein Erfolg. Nun ist der Roman zum ersten Mal auf Deutsch erschienen.

Die beiden Freundinnen Kate und Helen besuchen im Sommer 1877 den kleinen Küstenort Deephaven, um dort das Haus von Kates verstorbener Großmutter zu hüten. Während ihres Aufenthalts begegnen sie verschiedenen, teils verschrobenen Bewohnern und hören allerhand Geschichten über den Ort. Seeleute erzählen ihnen wie es früher in Deephaven zuging, eine alte verarmte Frau wähnt sich noch immer als vornehme Dame, die zu allen möglichen Bällen eingeladen wird, und dann ist da auch noch die Frau des Leuchtturmwärters, die täglich von ihrem Zuhause an Land rudert und die beiden Freundinnen zum Tee einlädt.

Mit „Deephaven“ schuf Sarah Orne Jewett nicht nur einen zeitlosen Klassiker der amerikanischen Literatur, sondern zugleich einen überaus kurzweiligen, netten und liebevollen Roman über die Bewohner der Küstenregion. Die Geschichten, welche die Menschen den beiden Freundinnen erzählen, sind teils witzig, teils tragisch und stets untermalt von einer leichten Melancholie. Denn Deephaven ist längst nicht mehr die Hafenstadt, die sie einmal gewesen war.

Sarah Orne Jewett

Sarah Orne Jewett verwob in ihrem Roman ihre eigenen Erlebnisse und die tatsächlichen Geschichten der Leute, die sie bei ihren Reisen erfahren hat. Dadurch wirkt der Roman überaus lebendig, sodass man als Leser glaubt, selbst in Deephaven zu sein. Hinzu kommt ein schwungvoller Schreibstil, der einen sofort von der ersten Zeile an mitnimmt.

„Deephaven“ zählt für mich zu den besten Romanen, die ich seit langem gelesen habe. Da der Roman bisher nie auf Deutsch erschienen war, kann man ihn ohne weiteres als eine wahre Entdeckung bezeichnen.

Sarah Orne Jewett: Deephaven. (Übersetzung: Alexander Pechmann). Mare Verlag 2022, 208 Seiten, 28,00 Euro

Chaos Walking – Originelle Idee normal umgesetzt

In der Hoffnung, auf den Erfolg von „Hunger Games“ aufzuspringen, suchten die Produzenten verzweifelt nach einem neuen Stoff, den man als Mehrteiler verkaufen konnte. Die Wahl fiel schließlich auf die „New World“-Trilogie des Autors Patrick Ness, in der es um die Besiedlung eines Planeten geht, auf dem die Gedanken der Männer sichtbar werden.

In der kleinen Siedlung Prentisstown gibt es keine Frauen. Angeblich wurden sie bei einem Angriff der Ureinwohner des Planeten ermordet. Eines Tages stürzt in der Nähe der Siedlung ein Raumschiff ab. Viola hat den Absturz als einzige überlebt. Doch kaum wird sie von den Siedlern entdeckt, fordert der fanatische Pfarrer diese auf, Viola umzubringen. Zusammen mit Todd, der mehr und mehr die Geschichte mit den ermordeten Frauen hinterfragt, flieht sie.

Die Idee der sichtbaren Gedanken ist durchaus originell. Und anfangs wird dieses Konzept recht gewitzt umgesetzt. Das Durcheinander von gesprochenen und gedanklichen Stimmen ergibt innerhalb des Films einen spannenden Rhythmus, der zuerst völlig chaotisch (der Filmtitel lässt grüßen) wirkt und in den ersten Minuten beinahe überfordert. Leider aber verpasst es Regisseur Doug Liman, diese Idee auszubauen bzw. ihr neue, überraschende Elemente hinzuzufügen, sodass das Konzept auf einer einzigen Ebene hängen bleibt.

Überhaupt ist dies das Problem des ganzen Films. Ihm gelingt es nicht, etwas aus der grundlegenden Idee zu machen, sondern verliert sich in einer gewöhnlichen Geschichte, die dem Hollywood-Einerlei entspricht. Schlecht besetzt ist hierbei Mads Mikkelsen, der die ganze Zeit über gelangweilt wirkt und so zurückhaltend spielt, dass man ihn beinahe nicht wahrnimmt – und dies, obwohl er den Bösewicht mimt. Im Gegensatz zu ihm spielen Tom Holland und Daisy Ridley ihre Rollen großartig und ergänzen sich dabei auf eine wunderbar-gewitzte Weise.

„Chaos Walking“ rettet dies leider nicht. Der Film ist, wie bereits bemerkt, trotz der Gedanken-Idee so gewöhnlich, dass er relativ schnell wieder in Vergessenheit geraten wird. Nichts war es also mit einer weiteren Trilogie. Da der Film seine Kosten nicht einmal ansatzweise einspielte, wurde er von der Produktionsfirma bereits zu den Akten gelegt.

Happy Hour – Der fünfstündige Spielfilm aus Japan

Regisseur Ryusuke Hamaguchi ist zurzeit mit seinem neuesten Film „Drive my Car“ in aller Munde. Die mehrfach preisgekrönte Produktion erhielt kürzlich den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film. 2015 erregte Ryusuke Hamaguchi bereits Aufsehen durch sein Drama „Happy Hour“. Dies nicht nur aus dem Grund, da der Spielfilm über fünf Stunden lang ist, sondern vor allem durch seine minutiöse Betrachtung der japanischen Gesellschaft.

Fumi, Sakurako, Jun und Akari bei einem ihrer Ausflüge; „Happy Hour“ (2015), © Icarus Films

Die Geschichte ist im Grunde genommen recht einfach erzählt: es geht um die vier Freundinnen Fumi, Sakurako, Jun und Akari. Fumi arbeitet als Kuratorin in einem Kunstzentrum, Sakurako ist Hausfrau, Jun arbeitet in einer Schnellküche und Akari ist als Krankenschwester tätig. Eines Tages erzählt Jun, dass sie sich von ihrem Mann scheiden lassen möchte. Dies löst bei den Freundinnen unterschiedliche Reaktionen aus. Zugleich aber beginnen sie über ihr eigenes Leben nachzudenken und darüber, ob sie wirklich glücklich sind.

Ryusuke Hamaguchi nimmt dies als Auslöser dafür, die durch Traditionen geprägten Beziehungen sowie die Stellung von Mann und Frau in der japanischen Gesellschaft zu analysieren. Auf eine überaus detaillierte Weise zeigt der Regisseur den Alltag der vier Frauen, ohne langatmig zu werden. Im Gegenteil, die Handlung ist aufgrund ihrer zahlreichen Konflikte sehr dicht, das Geschehen entfaltet sich mehr und mehr, wobei es teilweise auch zu durchaus überraschenden Wendungen kommt.

Juns Erwähnung ihrer Scheidung hat letztendlich negative Auswirkungen auf die Beziehungen der anderen Frauen. Vor allem Fumi und Sakurako fühlen sich in ihren Rollen als Ehefrau von Mal zu Mal unwohler und versuchen, aus ihren Rollen auszubrechen. Vor allem in Fumis Beziehung führt dies zu einem tragischen Ereignis. Zugleich stellt Juns Äußerung die Freundschaft der vier Frauen mehr und mehr auf die Probe.

Die Tragik ergibt sich allerdings auch daraus, da den Männern aufgrund des traditionellen und soziokulturellen Rahmens, in dem sie aufgewachsen sind, keineswegs bewusst ist, dass sie ihre Frauen unglücklich machen. So sagt z.B. Sakurakos Mann, dass er gar nicht weiß, wie er anders handeln könne. Daher ist „Happy Hours“ zwar ein Frauenfilm, aber keineswegs ein feministischer Film, da er versucht, beide Seiten zu verstehen.

Doch unabhängig von dem sozialkritischen Inhalt, besticht der Film zusätzlich durch eine erstklassige Optik sowie einer ungeheuer guten Montage. Zwischendurch lässt Hamaguchi immer mal wieder eine leichte Ironie erkennen sowie einen sehr schwarzen Humor, der in den Bildkompositionen mit eingewoben ist. Apropos Bildkomposition: Ryusuke Hamaguchi überlässt nichts dem Zufall. Die einzelnen Szenen sind nicht nur sehr sorgfältig, sondern regelrecht perfekt konzipiert. Ob es nun Personen sind, die an einem Tisch sitzen, oder Menschen, die an einer Ampel warten – jeder einzelne Aspekt hat seinen Sinn und beinhaltet eine Symbolik, die so ausgeprägt ist, dass der Film und die Figuren eine immense Tiefe erhalten.

In Locarno wurden die vier Hauptdarstellerinnen (alle sind Laienschauspielerinnen) mit dem Leopard ausgezeichnet. Zurecht, denn was Maiko Mihara, Hazuki Kikuchi, Rira Kawamura und Sachie Tanake zeigen, ist allerhöchste Schauspielkunst. Sie spielen so, als wären sie selbst die Figuren und dies mit einer Natürlichkeit, die erstaunt. Doch auch die Nebendarsteller wirken sehr überzeugend, auch hier handelt es sich um Laienschauspieler, die Hamaguchi während eines Schauspiel-Workshops kennengelernt hat.

Filmkritiker überboten sich mit Lobeshymnen, manche meinten, „Happy Hour“ sei der beste japanische Film seit der Jahrtausendwende. „Happy Hour“ ist auf jeden Fall ein hervorragender Spielfilm, der, ähnlich wie „Tokyo Story“ (1953), das Zeug hat, ein Klassiker zu werden.

Natürlich braucht man aufgrund der Spieldauer von fünf Stunden (der Film ist in drei Filme unterteilt) einen langen Atem. Aber es lohnt sich allemal.

Zurzeit gibt es „Happy Hour“ in der Arte-Mediathek zu sehen.