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Gerne verfilmt Hollywood Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Und je dramatischer, umso besser. Mit „The Finest Hours“ fanden die Walt Disney Studios, die weiterhin mit aller Kraft versuchen, von dem Trickfilm-Image wegzukommen, eine Geschichte, die an Dramatik kaum zu überbieten ist, deren Umsetzung stellenweise jedoch in Kitsch abdriftet.

1952 kommt es vor der Küste Neuenglands zu einem der schlimmsten Stürme überhaupt. Der Öltanker SS Pendleton wird dabei in zwei Teile gerissen. Während der vordere Teil untergeht, kann sich der hintere Teil dank einer Luftblase noch einige Zeit über Wasser halten. Zur Rettung der Mannschaft wird ein Boot der Küstenwache hinausgeschickt. Doch die Retter haben selbst mit dem Unwetter zu kämpfen …

Regisseur Craig Gillespie beginnt den Film überaus ruhig, indem er Captain Kirk-Darsteller Chris Pine in der Rolle eines der Mitarbeiter der Küstenwache zeigt, wie dieser kurz vor einem Date mit einer hübschen Telefonistin steht. Leider nimmt sich Gillespie für die Zweisamkeit ein wenig zu viel Zeit, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als immer wieder Actionsequenzen zwischenzuschneiden, die den parallel verlaufenden Überlebenskampf der restlichen Besatzung des Öltankers schildern, damit der Zuschauer nicht das Interesse an dem Film verliert. Möglicherweise fand Gillespie diese Darstellungsweise originell, da der Film nicht wie üblich mit einem Paukenschlag beginnt.

Doch führt dies dazu, dass es bei „The Finest Hours“ genau dadurch hapert. Denn ohne die ruhige, später leicht in den Kitsch abtriftende Liebesgeschichte, hätte Gillespie einen Film geschaffen, der an purer Dramatik und aufreibender Action nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. Die lebensgefährliche Fahrt zu dem auseinenander gebrochenen Öltanker, die eine Handvoll Mitarbeiter der Küstenwache unternimmt, ist kolossal in Szene gesetzt. Nicht nur hohe Wellen bedrohen das kleine Rettungsschiff, auch der Kompass wird über Bord gespühlt, sodass Bernie Webber (Chris Pine) von da an lediglich nach Gehör steuert, um die gefährlichen Felsen zu umschiffen. Eine überaus waghalsige Situation, die grandios umgesetzt wurde.

Parallel dazu wird der Kampf ums Überleben auf dem Öltanker immer intensiver. Der Besatzung bleiben nur noch wenige Stunden, denn die Pumpen funktionieren nicht mehr. Der Maschinist muss sich immer neue Hilfsmittel einfallen lassen, um ein sofortiges Sinken zu verhindern. All dies fängt Gillespie in wunderbaren, düsteren und hektischen Bildern ein.

Die dritte Erzählebene, die sich Webbers neuer Freundin widmet, wirkt dabei fast schon überflüssig. Es scheint beinahe so, als habe man mit dem Dampfhammer noch eine Heldin in die Geschichte einfügen wollen, in der, historisch bedingt, die Männerrollen überwiegen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Film genau an den Stellen, die den Kampf zwischen Emanzipation und Patriachat skizzieren, immer wieder abschmiert, da diese Szenen zu konstruiert und teilweise verkrampft wirken.

Insgesamt aber ist der Seerettungsfilm packend inszeniert und Pines Darstellung eines eher schüchternen Mannes, der als einziger den Mut findet, alles auf eine Karte zu setzen, durchaus sehenswert.

The Finest Hours. Regie: Craig Gillespie, Drehbuch: Scott Silver, Paul Tamasy, Eric Johnson, Produktion: Dorothy Aufiero, Darsteller: Chris Pine, Casey Affleck, Ben Foster, Eric Bana, Holliday Grainger. USA 2016, 117 Min.

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Incarnate

„Incarnate“ von Regisseur Brad Payton wurde bereits 2013 gedreht, doch erst 2016 veröffentlicht. Anscheinend waren die Produzenten alles andere als zufrieden mit dem Film, doch nachdem Payton mit „San Andreas“ einen Kassenschlager abgeliefert hatte, wollte man dann wohl doch auf der Welle des Erfolgs aufspringen.

Normalerweise heißt es also nichts Gutes, wenn ein Film zurückgehalten wird. Doch bei „Incarnate“ wundert man sich, dass den Film dieses Schicksal ereilt hat. Denn der Exorzismus-Film ist pure Unterhaltung und ein Fest für alle Horror-Trash-Fans.

Dr. Seth Ember besitzt eine sonderbare Gabe: er kann in das Bewusstsein seiner Mitmenschen eintauchen. Diese Fähigkeit macht er sich zunutze, um dadurch Besessene von ihren dämonischen Plagegeistern zu befreien. Eines Tages erhält er den Auftrag, einen von einem Dämon heimgesuchten Jungen zu „behandeln“. Nach dem obligatorischen Zögern, nimmt er den Auftrag an. Doch schon bald bemerkt er, dass sein Gegner nicht nur böse, sondern auch ziemlich heimtückisch ist …

Brad Paytons Exorzismus-Variante ist durchaus originell, auch wenn der Film nicht gerade das Rad neu erfindet. Ihm gelingt es aber, was so vielen Teufelsfilmen neueren Datums nicht fertig bringen: eine durchweg spannende, Action reiche und witzige Handlung zu kreieren, die nur eines will: den Zuschauer unterhalten. Und dies schafft „Incarnate“ auf allen Ebenen.

Payton drückt bei der Handlung voll aufs Tempo, wobei er von Anfang an zeigt, dass er diese mit einem gewissen Augenzwinkern vorantreibt. So beginnt der Anfang beinahe in Form eines koreanischen Horrorfilms, nur um dann den Charakter einer Quasi-Comic-Verfilmung anzunehmen. Aber auch da bleibt Payton nicht stehen, sondern füllt seinen Film mit sämtlichen Aspekten des Teufelsfilms, sodass – fast wie nebenbei – „Incarnate“ wie ein Überblick über die Figurenkonstellationen und typischen Merkmale des Exorizismus-Genres wirkt.

Gewürzt ist dieses Unterhaltsungsknallbonon mit netten, fast schon klassisch anmutenden Schockeffekten. Aber auch die Handlung selbst ist durchaus interessant, wartet Payton doch mit gewitzten Wendungen auf. Die gelungene Optik rundet das Ganze vortrefflich ab. „Incarnate“ ist somit eine überaus positive Überraschung innerhalb des Horrorgenres, ein Film, der sich selbst nicht wirklich ernst nimmt, dennoch spannend ist und vor allem richtig gut unterhält.

Incarnate. Regie: Brad Payton, Drehbuch: Ronnie Christensen, Produktion: Jason Blum, Darsteller: Aaron Eckhart, Carice van Houten, Catalina Santino, Moreno, David Mazouz. USA 2013/2016, 91 Min.

Jack Kerouac (1922 – 1969) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Beat Generation. Mit seinem Roman „On the Road“ verfasste er einen seiner größten Erfolge und wurde zum gefeierten literarischen Star. Die Geschichte von Jack Duluoz und seines Freundes Cody, die quer durch die USA reisen, sich um nichts großartig kümmern, sondern im Grunde genommen eine Dauerparty feiern, schrieb Kerouac zwar bereits 1951, wurde aber erst 1957 veröffentlicht.

Der Ruhm aber fraß Kerouac regelrecht auf. Drogen und Alkohol trieben ihn in eine Krise, hinzu kam die ständige Belestigung von Fans, die sogar in sein Haus eindrangen, um mit ihm eine Party zu feiern.

Um diese Phase seines Lebens zu verarbeiten, verfasste Jack Kerouac 1961 den Roman „Big Sur“, wie „On the Road“ ein autobiographisch geprägter Roman, in dem Jack Duluoz, der inzwischen ein gefeierter Autor ist, vor seinen Fans in eine Ferienhütte flieht. Völlig abgeschieden von der Öffentlichkeit verbringt er dort drei Wochen, bevor er wieder zurück nach San Francisco kehrt.

Eigentlich hofft Jack, sich in der Einsamkeit von dem ganzen Rummel um seine Person erholen zu können. Nachdem er jedoch wieder bei seinen Freunden ist und er erneut mit dem Trinken beginnt, kommt es zum psychischen Zusammenbruch …

Jack Kerouac (1956)

Wenn man will, könnte man „Big Sur“ als die direkte Fortsetzung von „On the Road“ betrachten. Während der erste Roman allerdings von einer nicht versiegenden Lebensfreude und einem wahren Lebensrausch erfüllt ist, so schleichen sich in „Big Sur“ mehr und mehr düstere Töne ein. Wie auch „On the Road“, so verfasste Kerouac „Big Sur“ ebenfalls in einem rasenden Schreibstil, nur dass er dieses Mal sein Alter Ego Jack Duluoz in einen psychischen Abgrund reißt.

Jack kann einfach nicht mehr aufhören mit dem Trinken. Er nimmt keine Nahrung mehr auf, sondern frönt ständig nur dem Alkohol. Wenn kein Wein oder Schnaps in der Nähe ist, beginnen bei ihm sofort die Entzugserscheinungen. Jack Kerouac blickt in „Big Sur“ hinter die Fassade seines eigenen Ruhms, beschreibt beinahe minutiös seinen psychsichen Verfall. Der Roman treibt den Leser genauso mit sich wie „On the Road“, doch herrschen in der Quasi-Fortsetzung eher finstere Farben, eine unheimliche Ernücherung macht sich breit, der Figur Jack wird auf einmal klar, dass er nie an die Konsequenzen seines Dauer-Spaßes gedacht hat.

„Big Sur“ ist ein düsterer Sprachrausch. Jack Kerouacs atemloser Schreibstil lässt den Leser in geradezu rasendem Tempo durch die Geschichte gleiten, die tragisch, aber nicht ohne Witz, auf eine unaufhaltbare Katastrophe zusteuert. Es macht den Eindruck, als würde Jack mit hundertachtzig Sachen auf eine Mauer zu rasen. Ein toller Roman, der noch lange in einem nachhallt.

Jack Kerouac. Big Sur – Die Zerstörung. Festa Verlag 2017, 320 Seiten, 16,80 Euro, ISBN: 978-3-86552-504-8

 

 

Cover eine Ausgabe von 1893

Als Thomas Hardys Roman „Tess of the d’Urbervilles“ 1891 erschien löste er einen Skandal aus. Vor allem männliche Leser betrachteten den Roman als einen Angriff auf die vorherrschenden Moralvorstellungen. Der Unterttitel lautete „A pure Woman“ (eine reine Frau). Doch gerade an dieser Bezeichnung regten sich die damaligen Gemüter auf. Die Frage lautete, wie Hardy seine Heldin oder vielleicht besser Antiheldin als „rein“ bezeichnen kann, wenn sie doch vorehelichen Geschlechtsverkehr hat, ein uneheliches Kind zur Welt bringt und später einen Mann ermordet?

Tess Durbeyfield ist im Grunde genommen ein Opfer. Das Leben bei ihren Eltern in dem Dorf Marlott ändert sich praktisch von einer Sekunde auf die andere, als ihr Vater erfährt, dass er ein Nachfahre des ehemaligen Rittergeschlechts d’Uberville ist. Schnell versucht ihre Mutter, Mittel zu finden, um diese Erkenntnis finanziell auszunutzen. Tess wird kurzerhand in einen Nachbarort geschickt, wo angeblich weitere Nachfahren dieser Familie leben, welche jedoch im Gegensatz zu Tess’ Familie Gutsbesitzer sind. Sie begegnet Alec d’Urberville, einem niederträchtigen Lebemann, der ihre Unerfahrenheit ausnutzt. Tess stürzt dadurch in eine tiefe Krise, aus der sie sich nur langsam erholt. Auf einem Bauernhof versucht sie als Milchmagd ihre Vergangenheit zu vergessen.

Thomas Hardy (1840 – 1928)

Doch die Begegnung mit Angel Clare, der auf demselben Hof sein Wissen über landwirtschaftliche Methoden erweitern will, um später einmal einen eigenen Bauerhnhof zu führen, konfrontiert sie erneut mit ihrem „unmoralischen“ Erlebnis. Die Liebesbeziehung zwischen Tess und Angel wird durch einen weiteren Aspekt bedroht. Alec, der sich inzwischen zu einem religiösen Fanatiker verwandelt hat, hat Tess aufgespürt und stellt ihr erneut nach.

Hardys Roman über eine Frau, deren Leben durch die patriarchalen Moralvorstellungen der viktorianischen Gesellschaft quasi zur Hölle gemacht wird, liest sich auch heute noch packend und ergreifend. Der Autor liefert dem Leser eine Fülle an lebendigen Charakteren, die man selbst nach Beendigung des Buches nicht so schnell vergisst. Sensationell ist hierbei, wie Hardy im Laufe des Romans Tess’ Charakter von einem unerfahrenen Mädchen zu einer geplagten Frau transformiert. Während damalige (männliche) Leser Tess mit Verachtung gestraft haben, hat man heute mit der Figur Mitleid.

Illustration aus der Erstausgabe von „Tess“

Hardy zeigt, dass Frauen in der damaligen Gesellschaft den Ansichten über Moral und Anstand, welche nicht von Frauen, sondern von Männern geprägt wurden, völlig ausgeliefert waren. Während für Männer moralische Regeln weniger streng ausgelegt wurden, waren Frauen auf der Stelle gebrandmarkt, wenn sie sich nicht an die herrschende Moral hielten. Diese zu Gunsten der Männer ausgelegten Bestimmungen prangert Hardy in „Tess“ entschieden an. Laut Dorothee Birke, welche das Nachwort zur 2013 im DTV-Verlag erschienen Übersetzung verfasste, soll Thomas Hardy von seinen weiblichen Lesern viele Dankesbriefe und Zustimmung erhalten haben.

„Tess“ ist jedoch alles andere als eine trockene Abhandlung über Moralvorstellungen. Der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Ansichten prägt vielmehr den Ablauf der Handlung sowie das Verhalten der Figuren, sodass eine mitreißende Dramatik entsteht. „Tess“ wird dadurch zu einem spannenden Roman über eine Frau, die nicht so leben darf wie sie möchte.

Die „Sasori“-Quadrologie machte Schauspielerin und Sängerin Meiko Kaji zu einer der berühmtesten Trash-Ikonen der Filmgeschichte. Diese Woche wurde sie 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass und als ein kleiner Zusatz zu dem vorangegangenen Beitrag über die Hintergründe dieser einzigartigen Filmreihe, möchte ich im folgenden auf die jeweiligen Inhalte der vier Filme eingehen.

Sasori – Prisoner 701 (1972)

Sasori, deren eigentlicher Name Nami Mitsushima lautet, wird von ihrem Freund, einem Drogenfahnder, hintergangen und ins Gefängnis geworfen. Dieses wird im Film als der „härteste Knast Japans“ bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein Frauengefängnis, dessen Insassen von den Wärtern brutal misshandelt werden. Auch Sasori muss diverse Qualen über sich ergehen lassen. Doch zugleich sinnt sie auf Rache und führt diese schließlich radikal durch. „Sasori“ ist nichts für schwache Nerven. Zugleich aber ist der erste Teil der Quadrologie eine Überraschung in jeder Hinsicht. Denn das durch Roger Corman ausgelöste Knastfrauen-Genre erfährt hier einen Übergang ins Surreale, sodass der Film weit über das Erotik-Thriller-Genre hinausreicht. Regisseur Shun’ya Ito liefert Bilder, die irgendwo zwischen Traum und Albtraum liegen. Hierbei ist besonders die Szene zu erwähnen, in der die Hintergründe von Sasori geschildert werden. Dies geschieht in Form eines Theaterstücks, die Kulissen werden mithilfe einer drehbaren Bühne verändert. Die Farbgebung, die von sattem Rot bis zu grünen und violetten Tönen reichen, lassen Itos Vorbild Mario Bava erahnen.

„Sasori“ platzte regelrecht hinein in die damalige Emanzipationsbewegung in Japan. Einerseits ein Skandalfilm, andererseits ein Kunstfilm, der von Kritikern hoch gelobt wurde, setzte der Film den Grundstein für weiterer „Sasori“-Filme als auch für die parallel produzierten „Lady Snowblood“-Filme, in denen Meiko Kaji ebenfalls die Titelrolle innehatte und deren Handlungen in der Meiji-Ära (1868-1912) angesiedelt ist.

Sasori – Jailhouse 41 (1972)

„Sasori – The Scorpion“ folgten drei weitere Produktionen. Die erste Fortsetzung trägt den Titel „Sasori – Jailhouse 41“. Er handelt von einem Fluchtversuch mehrerer Frauen, die in ihrer Gefängniskleidung durch Japan irren, auf der Suche nach Freiheit und Geborgenheit. Jede der Frauen ist Opfer ungerechter sozialer Umstände. Diese Umstände trieben sie letztendlich zu den Straftaten, die sie ins Gefängnis brachten. Die Hintergrundgeschichten der einzelnen Frauen werden in einem endrucksvollen, surrealen Zwischenspiel dargestellt, welches man beinahe als ein Enka-Musikvideo bezeichnen könnte. Natürlich ist Sasori bei dem Fluchtversuch mit von der Partie. Doch sie wird von den anderen als Außenseiterin betrachtet und weiterhin schikaniert. Die Sticheleien und Peinigungen führen Sasori dazu, sich bei den anderen Flüchtlingen zu rächen. Regisseur Ito steigert in diesem Film die surrealen Elemente so stark, dass Teil Zwei der Sasori-Reihe den Kunstgehalt seines Vorgängers um das Vielfache übersteigert. Schon allein die mehrere Minuten andauernde Anfangssequenz, in der Sasori einen Löffel zu einem Messer schleift, spricht für sich und ist in ihrer Zusammensetzung ein unglaubliches Meisterstück. Interessant ist hierbei auch die offene Kritik an Japans Gräueltaten während des Zweiten Weltkriegs. Japaner tun sich bis heute schwer, ihrer Geschichte objektiv ins Auge zu sehen. Diese Kritik, in welcher ein nationalistischer Weltkriegsveteran ins Lächerliche gezogen wird, muss wie ein Schlag in die Magengrube gewirkt haben. Hier macht sich die Beziehung zwischen Trash und Sozialkritik explizit bemerkbar.

Sasori – Den of the Beast (1973)

Der dritte Teil der Reihe lautet „Sasori – Den of the Beast“. In diesem Film befindet sich Sasori zwar in Freiheit, ist aber ständig auf der Flucht vor der Polizei. Auch hier ist die Anfangssequenz einzigartig. Sasori wird in der U-Bahn verhaftet. Einer der Polizisten kettet sie an Handschellen. Sasori jedoch schlägt ihm kurzerhand den Arm ab und flieht. Es geht um die Fluchtsequenz, welche ebenfalls einen surrealen Charakter aufweist. Denn mehrere Minuten lang rennt Sasori durch Tokios Straßen, während der abgetrennte Arm von ihr baumelt. Die erstaunten Blicke der Passanten lassen darauf schließen, dass diese nicht auf die Dreharbeiten aufmerksam gemacht worden waren. Der restliche Film lässt an Trash-Elementen nichts aus. Er wird zu einer Achterbahnfahrt durch das gesamte Trash-Genre. Dabei scheut er sich auch nicht, die Zuschauer durch eine Inzest-Beziehung zu schockieren. Sasori wird hier zum Zentrum, welches alle Elemente zusammenhält und ihnen einen Sinn verleiht. Höhepunkt dabei ist ihre Flucht durch das Kanalsystem, während die Polizei Öl hinunterschüttet und es anzündet. Wiederum wird hier, typisch für die 70er Jahre, die Moral auf den Kopf gestellt. Der fast schon fanatische Polizeiinspektor, der Sasori unbedingt fangen möchte, um sich an ihr zu rächen, stellt im symbolischen Sinne die Frage dar, was eigentlich gut und was böse ist. Gibt es diese Unterteilung überhaupt? Sasori, als verbitterte gesellschaftliche Außenseiterin, weist in ihrer Symbolik auf das Schicksal von Individuen hin, welche sich der genormten Gesellschaft nicht anpassen wollen. Sie werden zu Geächteten, da schon allein ihre Existenz die Gesellschaft als solche in Gefahr bringen könnte. Mit Existenz ist hier gemeint, die konservativen Elemente, welche die japanische Gesellschaft prägen und welche das Patriarchat aufrecht erhalten.

„Den of the Beast“ war Itos letzter Film der Sasori-Reihe. Er hielt mit Teil Drei die Geschichte der einsamen Rächerin für beendet. Die Produzenten sahen dies jedoch anders und finanzierten einen vierten Teil.

Sasori – Grudge Song (1973)

„Sasori – Grudge Song“ lautet der Titel des letzten Teiles, in dem Meiko Kaji als Sasori in Erscheinung tritt. Regie führte Yasuharu Hasabe. Man merkt sogleich den handwerklichen Unterschied zwischen Hasabe und Ito. „Grudge Song“ fehlen fast völlig die surrealen Elemente. Erst im Finale des Films scheint sich Hasabe auf Itos Kunst zu besinnen und kehrt ansatzweise in dessen Fußstapfen zurück. Der größte Teil des Films ist jedoch eher ein Drama, in welchem zwei Außenseiter versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, dabei jedoch zum Scheitern verurteilt sind. Sasori kommt zurück ins Gefängnis. Polizeiinspektor Kudomo will sich persönlich an ihr rächen, in dem er sie in eine einsame Gegend entführt, in welcher ein Galgen errichtet wurde. Ab hier setzt die intensive Farbgebung ein, geht „Grudge Song“ über ins Surreale. Dieser Aspekt setzt sich am Ende des Films fort, in dem Sasoris Exfreund im Boden verschwindet. Der restliche Film spielt auf  sozialen Bewegungen der 70er Jahre an. Mit Gewalt als letztem Mittel, versucht sich Sasori Gehör zu verschaffen. Allerdings vergeblich. Die konservativen Elemente der Gesellschaft scheinen zu siegen.

Sasori (2008)

Im Jahr 2008 produzierten die Toei-Studios ein Remake des Klassikers „Sasori – Prisoner 701“, allerdings ohne Meiko Kaji. Die Rolle der Sasori übernahm das Fotomodell Miki Mizuno. Das Remake reicht nicht einmal ansatzweise an die Ästhetik des Originalfilms heran. Der Hong Kong-Regisseur Joe Ma schuf aus dem verstörenden und zugleich kunstvollen Film einen plumpen Action-Film, der wenig Originelles bietet, sich dafür in Blut und leichten Sexeinlagen ergeht. Hierbei verbindet Ma die Charaktere von Sasori und Lady Snowblood in der Weise, dass Sasori im Remake von einem alten Kampfmeister trainiert wird. Es ist wirklich schade, dass bei der Neuverfilmung kein Wert auf Qualität gelegt wurde.

Meiko Kaji als Sasori; „Scorpion“ (1972); Copyright: Rapid Eye Movies

Die Protestbewegungen der 1970er Jahre machten auch nicht vor Japan halt. Ähnlich wie in den USA und Europa gründeten sich in dem Inselstaat Studentenbewegungen, die gegen Vietnam, gegen die Regierung und gegen sexuelle Ungleichheit demonstrierten. Besonders der letzt genannte Punkt führte Anfang der 70er Jahre zur sog. „Lib-Bewegung“, einer Gruppe von Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften. Zwar gab es seit 1947 ein Gesetz, das die Gleichstellung zwischen Mann und Frau regelte, doch in der Realität sah dies nun einmal anders aus. Frauen erhielten schlecht bezahlte Jobs, wurden aus nichtigen Gründen entlassen und mussten sich dem in Japan herrschenden Patriarchat unterordnen. Die sozialen Bewegungen aus den westlichen Ländern lieferten sozusagen die Initialzündung, um auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

Meiko Kaji als Lady Snowblood; „Lady Snowblood“ (1973); Copyright: Rapid Eye Movies

In den USA waren es vor allem Horrorfilme, welche die Gesellschaftskritik aufnahmen und auf überzogene Weise wiedergaben. In Japan nahm das Trash-Genre die Kritik der Protestbewegungen auf. Das Ergebnis ist etwas anders als in den westlichen Ländern und doch wieder ähnlich. Man stelle sich eine Frau als Hauptfigur eines japanischen Filmes zu Beginn der 70er Jahre vor. Thomas Venker schreibt in seinem Booklet zu „Lady Snowblood“, dass diese Idee genauso viel Aufsehen erregte wie 1969 Romeros „Night of the Living Dead“, in dem ein schwarzer Schauspieler die Hauptrolle übernahm. Es galt bis dahin als ein Ding der Unmöglichkeit und wurde schlicht und ergreifend als Provokation betrachtet.

Kinoplakat zu „Sasori – Prisoner 701“ aus dem Jahr 1972

Damit war „Sasori – Der Skorpion“ geboren. Sasori bedeutet in der Tat Skorpion. Der Name passt, denn die Frau, um die es geht und die in Gefängniszelle 701 auf Rache sinnt, ist alles andere als eine feine Dame. Sie wurde von ihrem Freund, einem Drogenfahnder, hintergangen und ins Gefängnis geworfen, in den, wie es heißt, „härtesten Knast Japans“. Dort muss sie die schlimmsten Demütigungen über sich ergehen lassen, bis sie endlich die Möglichkeit zur Rache bekommt. Regisseur Shun’ya Ito griff in seinem Debüt somit die Kritik der Protestbewegungen auf. In „Sasori“ rächt sich eine Frau an der Männerwelt. Das Patriarchat wird in Frage gestellt und ordentlich durchgeschüttelt, bis auch der letzte Peiniger seine Strafe erhalten hat. Als schwarz gekleidete Siegerin schreitet Sasori (mit „bürgerlichem Namen“ Nami Mitsushima) von dannen, aber nicht ohne vor dem Fade Out einen ironischen Blick zurück in die Kamera bzw. auf den Zuschauer zu werfen.

Szene aus „Scorpion – Prisoner 701“; Copyright: Rapid Eye Movies

Gerne wird „Sasori“ schlicht zu den „Frauengefängnisfilmen“ gezählt. Doch wird diese Kategorisierung diesem Film nicht gerecht. In der Regel sind die sog. „Knastjulenfilme“ eher den reinen Erotikfilmen zuzurechnen. Auch die Machart dieser Filme ist im Vergleich zu „Sasori“ einfach und teils amateurhaft. „Sasori“ hingegen weist einen sehr hohen Kunstgehalt auf. Teilweise dem Expressionismus verschrieben, reicht die Produktion ins Surreale und überschreitet damit die Grenzen zwischen Thriller und Horror. Lässt man sich auf diesen Film ein, so wird man von einem vortrefflichen Spiel origineller Kameraperspektiven überrascht. Die Farbgebung erinnert teilweise an die Filme Mario Bavas. Die für die Rückblenden arrangierten Kulissen funktionieren wie auf einer Theaterbühne. Natürlich steht die Gewalt im Vordergrund und wird teils bis an die Grenze des Erträglichen gesteigert. Das muss sein, da nur so die pervertierten Gefängniswerter charakterisiert werden können und somit die Männlichkeit und damit das Patriarchat in Frage gestellt wird. Genau hier kommen die Aspekte der Frauenbewegung zum Tragen. Es ist also eine Mischung aus Kunst oder auch Arthouse und Exploitation, was sich hier dem Zuschauer bietet. Klaumeister Quentin Tarantino bediente sich bei diesem Film unerbittlich für „Kill Bill“. Man muss ihm allerdings zugute halten, dass er auf die Originalfilme hinwies.

Sasori (Meiko Kaji) sinnt auf Rache; „Scorpion – Prisoner 701“; Copyright: Rapid Eye Movies

Die japanische Enka-Sängerin Meiko Kaji passte mit ihrem melancholischen Gesichtsausdruck und ihren stechenden Augen hervorragend in die Rolle. Sie zählt zu den bekanntesten Exploitation-Darstellerinnen der 70er Jahre. Ihre filmische Karriere begann mit den „Stray Cat Rock“-Filmen, in denen es um verfeindete Mädchenbanden geht. Als Meiko Kaji angeboten wurde, in den damals aufkommenden Pink-Movies, japanischen Softpornos, mitzuspielen, lehnte sie ab. Trash-Fans sind ihr für diese Entscheidung wahrscheinlich ewig dankbar. Denn kurz darauf wurde sie von Ito für die Rolle der Sasori gecastet. 1973 spielte sie Lady Snowblood in dem gleichnamigen Film, in dem es ebenfalls um eine Frau geht, die rächend durch die Lande zieht, allerdings hundert Jahre vor Sasori. Auch dieser Film steht im Zeichen der Frauenbewegungen der 70er Jahre. Ende der 70er Jahre kehrte Meiko Kaji dem Trash-Genre und damit der Filmindustrie den Rücken. Ihre Fernsehauftritte sind sehr rar. Gelegentlich erscheint sie in japanischen TV-Serien. Diese Woche feierte sie ihren 70. Geburtstag.

Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Version des Artikels „Sasori – Zwischen Kunst und Provokation“, erschienen 2012 im e-Magazin FILM und BUCH.