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Archive for Januar 2018

Mit der Ermittlerin Reiko Himekawa schuf der Thrillerautor Tetsuya Honda eine der erfolgreichsten Krimiserien in Japan. Fünf Romane sind bisher erschienen, einer davon wurde für das Kino adaptiert und sogar eine TV-Serie wurde nach der Vorlage Hondas produziert. Ins Englische bzw. ins Deutsche wurden bisher leider nur die beiden ersten Romane übersetzt.

Gleich in ihrem ersten Fall geht es für Reiko Himekawa ans Eingemachte. Nicht nur muss sie sich gegenüber ihren männlichen Kollegen behaupten, sondern auch noch den Neid der anderen ertragen, da sie es als Frau mit nur 28 Jahren bereits zur Kriminalpolizei geschafft hat. Doch ist dies nur der Rahmen, denn eigentich geht es um eine überaus grausame Mordserie. Verstümmelte Leichen werden gefunden, eingewickelt in blaue Planen. Nach und nach kommen Reiko und ihr Team einem unheimlichen Mörder auf die Spur.

Der Roman ist durchaus spannend, vor allem aber sehr unterhaltsam. Die dichte Handlung schreitet schnell voran, Hondas hervorragende Recherche über den Polizeialltag würzen das Ganze auch mit einem gewissen Realismus. Hinzu kommen ein paar typische japanische Gags. Doch hapert es dann doch ein wenig an den Figuren. Denn der Autor zeigt diese gerne in einem völlig überdrehten Zustand.

Dies macht sich in negativer Weise vor allem bei Reikos Gegenspieler Katsumata bemerkbar, der aufgrund seines einseitigen und überaus aggressiven und hasserfüllten Charakters wie eine Mangafigur wirkt. Erst am Ende erhält Katsumata eine interessante Vielschichtigkeit, doch da ist eben der Roman aus und Hondas Bemühung bringt nicht mehr viel.

Reiko selbst ist eine von Selbstzweifeln beherrschte Frau, die versucht, ihre Vergangenheit zu bewältigen, was ihr allerdings überaus schwer fällt. Bei ihrem Team ist sie zwar sehr beliebt, doch alle anderen stehen ihr eher abneigend gegenüber. Obwohl es Honda ganz klar um Emanzipation innerhalb eines von strengen Traditionen bestimmten Patriarchats geht, so bleibt der Autor dann doch eher skizzenhaft, wenn er sich in manchen Situationen mit diesem Thema direkt beschäftigt. Viel eher stützt er sich auf Wiederholungen, indem immer wieder betont wird, dass Reiko mit 28 Jahren das geschafft hat, wovon ihre männlichen Kollegen nur träumen.

Der Fall selbst entwickelt sich wie in einem typischen Polizeikrimi. In dieser Hinsicht erfindet Honda das Rad wirklich nicht neu. Trotzdem macht es Spaß, der Handlung zu folgen. Was jedoch stört, sind die teils willkürlich wirkenden Figurenwechsel. Folgt der Leser zunächst Reiko, so wird wie aus heiterem Himmel zu ihrem Kollegen Otsuka oder ihrem Gegenspieler Katsumata „umgeschnitten“, beinahe so, als habe Honda bei bestimmten Situationen erst einmal nicht weiter gewusst. Im Laufe des Romans aber findet Honda einen passenden Rhythmus, sodass die späteren Wechsel einer gewissen Handlungslogik folgen.

Leider wurde der Roman nicht aus dem Japanischen übersetzt, sondern die englischsprachige Übersetzung quasi nochmals übersetzt, was Verlage dann gerne machen, wenn sie Zeit und Geld sparen wollen. Doch auf diese Weise schleichen sich dann auch peinliche Fehler ein. So z.B., wenn die Polizisten ihre Vorgesetzten mit Sir ansprechen. Man kann nur hoffen, dass sich dies bei den nächsten Romanen ändert und diese aus dem Japanischen direkt übersetzt werden – doch wird es wohl eher bei der Hoffnung bleiben. Insgesamt aber ist Hondas erster Roman „Blutroter Tod“ kurzweilige Krimikost, die aufgrund ihres Unterhaltungswerts Lust macht auf den zweiten Roman.

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Nach dem Erfolg von „Die Frau in Schwarz“ hatte man gehofft, dass Hammer Films wieder zu ihrem ursprünglichen Stil zurückgefunden haben. Doch konnten die folgenden Produktionen nicht mehr an die klassische Machart und die schaurig-schöne Eleganz heranreichen. So versuchte nun die Produktionsfirma Number 9 Films, diesem Stil wieder gerecht zu werden. Und dies mit Bravour.

Der Film spielt im Jahr 1880 und handelt von Inspector John Kildare, der einen brutalen Mörder dingfest machen soll, der in dem Londoner Stadtteil Limehouse sein Unwesen treibt. Unter den Bewohnern wird der unheimliche Mörder als der Limehouse Golem bezeichnet. Wie es scheint, wählt er seine Opfer willkürlich aus und hinterlässt an den Tatorten rätselhafte Botschaften. Der Fall erweist sich als überaus verstrickt. Es gibt mehrere Verdächtige, unter ihnen die Sängerin Elizabeth Cree, die ihren Mann vergiftet hat. Mehr und mehr steigert sich Kildare in den Fall hinein …

Regisseur Juan Carlos Medina schuf mit „The Limehouse Golem“ – seinem zweiten Spielfilm – einen stark atmosphärischen Horrorthriller, der sich an den klassischen englischen Horrorfilmen wie etwa die späte Hammer-Produktion „Hands of the Ripper“ (1971) orientiert. Als Grundlage diente der Roman „The Limehouse Golem“ des englischen Schriftstellers Peter Ackroyd aus dem Jahr 1994.

Interessanterweise war es ausgerechnet Jane Goldman, die das Drehbuch für „The Limehouse Golem“ verfasst hat, hatte sie doch auch das Drehbuch für „Die Frau in Schwarz“ geschrieben und dadurch Hammer Films in gewissem Sinne reanimiert. Es wirkt daher beinahe so, als hätten Hammer kein Interesse an diesem Stoff gezeigt. Dabei hätte er so gut in das Portfolio von Hammer gepasst. Dies schon allein wegen der wunderbaren Ausstattung, die der Film aufweist.

Er schwelgt beinahe in seinen Kulissen, die das England des 19. Jahrhunderts wieder auferstehen lassen, gibt sich zudem ziemlich düster und lässt auch hin und wieder seine Anerkennung gegenüber Horrorfilmmeister Mario Bava hindurchschimmern, besonders dann, wenn es um die Beleuchtung und die Farbgebung geht.

Die Story selbst ist intelligent erzählt, lässt den Zuschauer mitraten, wer denn nun der Mörder ist, und sorgt am Ende auch noch für eine regelrechte Überraschung. Somit kombiniert der Film das typische „Who’s done it?“ mit den Merkmalen des englischen Horrorkinos der 60er und 70er Jahre, was, aufgrund der sorgfältigen Produktion, überaus gut gelingt.

„The Limehouse Golem“ bietet auf diese Weise eine schön-schaurige Unterhaltung, die vor allem Fans der Hammer Film-Ära erfreuen wird.

The Limehouse Golem. Regie: Juan Carlos Medina, Drehbuch: Jane Goldman, Produktion: Elizabeth Karlson, Stephen Wolley, Darsteller: Bill Nighy, Olivia Cooke, Douglas Booth, Daniel Mays. England 2017, 105 Min.

 

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Larry (Tyrone Power) und Isabel (Gene Tierney) kurz vor ihrer Trennung; „Auf Messers Schneide“ (1946); © 20th Century Fox

Mit FuBs Klassikbox starten wir in diesem Jahr eine neue Reihe. Wir wollen darin alte bzw. ältere Filme vorstellen, die zu den Filmklassikern zählen, auch wenn manche davon teilweise wieder in Vergessenheit geraten sind. Ein solcher Film ist „Auf Messers Schneide“ aus dem Jahr 1946. Die Adaption des gleichnamigen Romans von William Somerset Maugham war 1947 für vier Oscars nominiert, unter anderem in der Kategorie Bester Film. Vor allem in Deutschland aber kennt diesen tollen Film kaum jemand mehr.

Es geht um Larry Darrel, der als gebrochener Mann aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt und nach dem Sinn des Lebens sucht. Da er aus diesem Grund sein bisheriges Leben nicht weiterführen kann, löst der die Verlobung mit Isabel Bradley auf. Auch schlägt er ein Jobangebot ihres Vaters aus. Stattdessen zieht er zunächst nach Paris, wo er zunächst ein Leben in der Boheme führt, bevor er erneut wegzieht und in einer abgelegenen Kohlenmiene arbeitet. Schließlich fasst er den Entschluss, nach Indien zu reisen, um dort in einem Kloster wieder zu sich zu kommen.

Mit einem neuen Lebensgefühl kehrt er in die USA zurück, wo Isabel bereits verheiratet ist, doch Larry immer noch liebt. Aus diesem Grund versucht sie, seine Beziehung zu einer anderen Frau zu zerstören.

„Auf Messers Schneide“ war die erste ernste und komplexe Rolle des damaligen Stars Tyrone Power, der vor dem Zweiten Weltkrieg nur in Mantel und Degen-Filmen mitgewirkt hatte. Die Rolle des Larry Darnel scheint ihm wie auf den Leib geschrieben. Denn Power geht in dieser vielschichtigen Figur vollkommen auf. Seine Verzweiflung, sein sehnlicher Wunsch, endlich von seinen Schuldgefühlen erlöst zu werden und einen Sinn in dem Ganzen zu finden, zeigt sich in seiner Haltung, seiner Gestik und Mimik und nicht zuletzt auch in seinem stets in eine ungewisse Ferne gerichteten Blick.

Larry (Tyrone Power) an der Wende seines Lebens; „Auf Messers Schneide“ (1946); © 20th Century Fox

Dem gegenüber stellt Regisseur Edmund Goulding die Oberflächlichkeit und den Materialismus der High Society, wunderbar gebündelt in der zynischen Figur von Isabels Vater, für den es außer Geld nichts anderes gibt. Daher versteht dieser Larrys Verhalten am wenigsten. Aber auch Isabel steht eher hilflos dem veränderten Larry gegenüber. Statt auf ihn zu warten, beschließt sie lieber, sich der Tradition zu fügen und einen anderen Mann zu heiraten.

Doch wird das Leben ihrer Familie nicht weniger von Schicksalsschlägen heimgesucht. Vielleicht liegt auch darin ein zusätzlicher Grund, weswegen Isabel versucht, Larrys Leben zu zerstören. Kann sie nicht glücklich sein, so will sie auch nicht, dass er sein Glück findet – mit schrecklichen Konsequenzen.

„Auf Messers Schneide“ ist ein Film, der einen von der ersten Minute an packt. Die dichte, tragische und konfliktreiche Handlung reißt einen regelrecht mit, sodass die über zwei Stunden Spieldauer wie im Nu vergehen. Fast schon unerbittlich nimmt das Drama seinen Lauf. Manchmal scheint es beinahe so, als haben die Menschen um ihn herum insgeheim eine Wette abgeschlossen, wann Larry doch noch zusammenbricht. Denn das, was Isabel mit seiner neuen Freundin Sophie aufführt, ist wirklich hart.

Natürlich ist das überaus tolle Gelingen des Films auch den erstklassigen Schauspielern zu verdanken. Neben Tyrone Power spielen Noir-Ikone Gene Tierney in der Rolle der Isabel und der auf zynische und eitle Rollen spezialisierte Clifford Webb (als Isabels Vater) mit. Regisseur Edmund Goulding erlaubte sich den Spaß, Sommerset-Maugham als Figur ebenfalls in dem Film auftreten zu lassen, gespielt von Herbert Marshall. Ein Witz, der sich aus der Romanvorlage ergibt, in der der berühmte Schriftsteller behauptet, Larry Darnell auf einem Ozeandampfer tatsächlich begegnet zu sein.

1984 wurde ein gleichnamiges Remake produziert, das jedoch – auch aufgrund seiner absoluten Fehlbesetzung (Bill Murray als Larry Darnell) – nicht einmal die Hälfte seiner Produktionskosten wieder einspielte. Auch von der Kritik wurde der Film damals regelrecht in der Luft zerrissen. Ganz anders der Originalfilm, bei dem sich die damaligen Kritiker mit Lob überschlugen.

Auf Messers Schneide (The Razor’s Edge). Regie: Edmund Goulding, Drehbuch: Lamar Trotti, Produktion: Darryl F. Zanuck, Darsteller: Tyrone Power, Gene Tierney, Clifford Webb, Herbert Marshall, Ann Baxter. USA 1946, 145 Min.

 

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Park Jae-Jin als die Schülerin Hyo-Shin in „Memento Mori“ (1999); © e-m-s

„Ich würde für dich sterben!“ Dieser Ausbruch von Leidenschaft findet im Finale eines der bekanntesten koreanischen Horrorfilme statt. Titel: Memento Mori. Produktionsjahr 1999. Der Film erregte dazumal großes Aufsehen. Nicht nur national, sondern auch international wurde er mit diversen Nominierungen beehrt. Hinzu kam ein weiterer Aspekt, der Memento Mori zu einem außergewöhnlichen Werk werden ließ. Wie kein anderer Film zuvor sprachen die beiden Regisseure Kim Tae-Yong und Min Kyu-Dong das Thema Homosexualität an. Dies anscheinend auf eine so direkte Weise, dass die koreanische Zensurbehörde die Produktionsfirma dazu aufforderte, ganze zwanzig Minuten herauszuschneiden. Was soll’s, dachten sich die beiden und kamen der Aufforderung nach. Fünf Jahre später wurden diese Szenen dem fertigen Film wieder hinzugefügt. Aber dabei blieb es nicht. Denn der Director’s Cut, der zum fünfjährigen Jubiläum (leider nur in Korea) erschien, besitzt eine Länge von sage und schreibe drei Stunden.

Doch um was geht es überhaupt in Memento Mori und in welchem Zusammenhang steht dieser Film eigentlich?

Kinoplakat von „Memento Mori“

Memento Mori erzählt die tragische Liebesbeziehung zwischen den beiden Schülerinnen Hyo-Shin und Min-Ah. Während sowohl Lehrer als auch Schüler Min-Ah aufgrund ihrer Leistungen als Schnellläuferin gleichermaßen respektieren, wird Hyo-Shin zur Außenseiterin abgestempelt. Grund ist, dass ihre lesbischen Neigungen offensichtlich sind. Zugleich benimmt sie sich seltsam und besitzt eine düstere Aura. Die heimliche Beziehung zwischen ihr und Min-Ah halten beide in einem gemeinsamen Tagebuch fest. Doch Min-Ah beginnt plötzlich, sich von ihrer Freundin zu distanzieren. Erst zu spät merkt sie, welche leidenschaftlichen Gefühle Hyo-Shin für sie empfindet. Hyo-Shin hält den Schmerz der Trennung nicht aus und bringt sich um. Von da an geschehen unheimliche Dinge in der Schule, auf der zudem ein Fluch lasten soll. Denn bereits zuvor starben dort sechs Mädchen auf seltsame Weise.

Min-Ah (Gong Hyo-Jin) und Hyo-Shin (Park Jae-Jin) verstecken sich; „Memento Mori“ (1999); © e-m-s

Wer der Inhaltsangabe folgt und sich fragt, ob Memento Mori nicht eher ein Drama als ein Horrorfilm ist, steht nicht alleine da. Denn Kim Tae-Yong und Min Kyu-Dong hatten während der Schreibphase ein Drama im Sinn, in dem die unheimlichen Momente eine sehr geringe Rolle spielen sollten. Doch ihr eigentlicher Plan ging nicht auf. Nachdem die Produzenten das Skript gelesen hatten, lautete es: mehr Horror, weniger Drama, sonst könnt ihr die Tür von außen zumachen. Also schrieben beide das Drehbuch um und wurstelten in das Liebesdrama eine Gruselgeschichte ein. Übrigens stellte dies die erste Regiearbeit der beiden dar. Die Produzenten waren allerdings noch immer nicht ganz zufrieden. Der Titel musste leicht geändert werden. Doch dieser war schnell gefunden: Yeogo Geodam 2: Memento Mori. Wahrscheinlich wird sich der ein oder andere Leser jetzt fragen: Teil 2? Hab ich gerade etwas verpasst? Die Antwort darauf setzt Memento Mori in einen größeren Zusammenhang, bei dem auch ein winziger historischer Einblick in die Filmindustrie Südkoreas nicht fehlen darf.

„Shiri“ (1999) ist der erste koreanische Blockbuster

Fasst man die Geschichte des koreanischen Films in einem kurzen Satz zusammen, so lautet dieser: vorher keine Zuschauer, nachher volle Kinosäle. In der Tat wurden vor Mitte der 90er Jahre koreanische Filme in koreanischen Kinos nur gezeigt, da die Kinobesitzer gesetzlich dazu verpflichtet wurden. Das Problem war, dass die gesamte Filmbranche in staatlicher Hand lag und dementsprechend nur das in den Kinos lief, was vielleicht gerade einmal ein, zwei verstaubte Beamte hinter dem Ofen hervorlockte. Das heißt nicht, dass diese Filme handwerklich schlecht waren. Das heißt aber, dass sie im Vergleich zum bunten und glitzernden Hollywoodkino eindeutig den Kürzeren zogen. Den Filmen vor den 90ern merkt man eindeutig an, dass nicht sonderlich viel Geld für die Ausstattung vorhanden gewesen ist.

Dies änderte sich schlagartig Mitte der 90er Jahre. Die Verstaatlichung der Filmindustrie wurde aufgehoben. Von nun an standen sich vier Produktionsfirmen gegenüber: Cinema Service, CJ Entertainment, Showbox und Lotte Cinema. Diese pumpten riesige Mengen Gelder in ihre Produktionen. Das Ergebnis: gleich die erste Großproduktion, der Thriller Shiri, erzielte an den koreanischen Kinokassen einen weit höheren Umsatz als Titanic, der zur selben Zeit lief. Fasst man diese Veränderung in einen noch größeren Zusammenhang, so findet man diesen in der in den 90er Jahren aufgekommenen Krise in Hollywood, welche den Filmindustrien auch in anderen Ländern Auftrieb verlieh.

In Südkorea ist Hollywood aufgrund der hervorragenden koreanischen Eigenproduktionen inzwischen so sehr in Bedrängnis gekommen, dass z.B. Filmgrößen wie Steven Spielberg versuchen, Gemeinschaftsproduktionen anzuzetteln, da die eigenen Produkte nicht mehr genug einbringen. Und zum Schluss noch ein weiterer Ausholer: der große Erfolg der modernen japanischen Horrorfilme, welche traditionellen Geisterglauben mit dem modernen Großstadtleben verbinden und Mitte/Ende der 90er Jahre ins Leben gerufen wurden, führte dazu, dass sich die Industrien in Südkorea ebenfalls dem Horrorgenre zuwandten, das bis dahin eher geschmäht worden war. Die erste Produktion trug den Titel Yeogo Geodam – Whispering Corridors (1998). In diesem Film tauchten nicht gerade Geister auf. Vielmehr kann dieser Streifen als Psychothriller bezeichnet werden, dessen Schauplatz eine Schule ist, in der die Schülerinnen von den Lehrern auf jede Art und Weise schikaniert werden. Dabei kommt es zu mehreren unheimlichen Morden.

Die Schülerinnen werden von ihrem Lehrer schikaniert; „Whispering Corridors“ (1998); © Cinema Service

Der Film wurde ein voller Erfolg. Mit seiner Darstellung der Misshandlungen von Schülern durch Lehrer übte er scharfe Kritik am südkoreanischen Schulsystem. Die Diskussion über dieses System hält bis heute an. Während man seit der PISA-Studie ehrfürchtig von Deutschland aus nach Südkorea und Japan blickt, denkt man dort darüber nach, wie man den teils unmenschlichen Leistungsdruck nach und nach lockern kann. Eine Folge dieses Drucks ist eine hohe Selbstmordrate unter Schülern. Diese Selbstmorde wiederum sind Auslöser für so genannte urbane Legenden, welche dem tragischen Schicksal einer Schülerin oder eines Schülers eine düster-romantische Note verleiht.

Man kann sagen, fast jede Schule hat ihre eigenen Geistergeschichten, in denen es um unglücklich verliebte Jugendliche geht oder auch um bizarre Flüche. Nicht selten vernimmt man die Geschichte, dass der Geist eines Mädchens durch das Klassenzimmerfenster blickt, während ihr Lieblingslehrer gerade Unterricht hält. Stirbt jemand in der Schule, so wird sogleich spekuliert, ob der Geist einer Schülerin die unglückliche Person heimgesucht hat. Diese Legenden oder Spukgeschichten griff Whispering Corridors auf. Der eigentliche Titel Yeogo Geodam bedeutet übrigens Geistergeschichten aus der Schule. Der Titel macht noch einmal deutlich, dass sich der Film (und auch die nachfolgenden Filme) auf eben diese Legenden und Gerüchte beziehen, welche sich bei den Schülerinnen und Schülern großer Beliebtheit erfreuen.

„Whishing Stairs“ (2003)

Memento Mori setzte diese Form des Horrorfilms fort. Doch nun waren es nicht mehr die bösen Lehrer, sondern die Schülerinnen untereinander, die sich schikanierten, um dadurch den Druck abzubauen, der aufgrund des Schulsystems auf ihnen lastet. Geschickt webt der Film die Spuklegenden gleich am Anfang in die Erzählung ein, um kurz darauf mit der unglücklichen Beziehung zwischen Hyo-Shin und Min-Ah fortzufahren, welche letztendlich in tatsächlichen Spukphänomenen mündet. Äußerst komplex verbinden Kim und Min die eigentliche Handlung mit Rückblenden, sodass man nach dem ersten Anschauen zunächst einmal unter einer gewissen Ratlosigkeit leidet.

Erst nach mehrmaligem Ansehen ist es möglich, die unterschiedlichen Erzählebenen voneinander zu trennen und damit die ganze Story aufzulösen. Die Komplexität verbindet sich mit einer ungeheuren Ästhetik, welche den Film radikal aus der Yeogo Geodam-Reihe hervorhebt. Ebenso ist die Tragik der Handlung in keiner der anderen vier Filme derart ausgeprägt wie hier. Hyo-Shins verzweifelter Ausruf „Ich würde für dich sterben!“ löst auch nach mehrmaligem Ansehen eine regelrechte Gänsehaut aus.

„Voice“ (2005)

Diese Intensität ist vor allem den beiden hervorragenden Hauptdarstellerinnen zu verdanken, hierbei allen voran Park Yae-Jin, welche für ihre Rolle der sinnlich-düsteren Hyo-Shin gleich bei zwei Filmfestivals als beste Newcomerin ausgezeichnet wurde. Ihre darauf folgende Karriere ist nicht weniger erfolgreich, beschränkt sich allerdings in der Hauptsache auf Rollen in den so genannten Dramas, den berühmtberüchtigten koreanischen Fernsehserien. Wie bei allen Yeogo Geodam-Filmen wurden die Darstellerinnen aus speziellen Castings ausgewählt, an denen tausende von Bewerberinnen, in der Regel unerfahrene Schauspielerinnen oder junge Frauen, die von einer Filmkarriere träumen, teilnahmen. Dieses Vorgehen sowie die Strategie, unbekannte Regisseure die Arbeit machen zu lassen, dient allein dazu, die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten.

„A Blood Pledge“ (2009)

Vier Jahre nach Memento Mori ging der dritte Teil der Schulhorrorreihe an den Start. Mit Yeogo Geodam 3 – Wishing Stairs machte man zwar erneut Kasse, doch ließ die Qualität zu Wünschen übrig. Regisseurin Yoon Jae-Yeon fiel nichts anderes ein, als aus der Handlung einer Mädchenschule, hinter der sich eine geheimnisvolle Wunschtreppe befindet, einen miserablen Argento-Abklatsch zu liefern. Die Qualität steigerte sich zum Glück wieder bei den Teilen vier und fünf. Yeogo Geodam 4 – Voice aus dem Jahr 2005 bringt wiederum das Thema Homosexualität ins Spiel, wenn auch nicht so sinnlich-tragisch wie in Memento Mori. Hier geht es um den Tod einer Schülerin, die besonders gut singen konnte. Ihre Freundin findet heraus, dass sie eine Beziehung zu ihrer Musiklehrerin hatte.

„Ghost“ (2004)

Es geht um Eifersüchteleien und die Aufklärung eines weiteren Todesfalles. Alles in allem ein recht gut in Szene gesetzter Film, der jedoch aufgrund seiner Längen etwas Durchhaltevermögen abverlangt. Mit Yeogo Geodam 5 – A Blood Pledge von 2009 erreichte die Reihe ihr vorläufiges Ende. Das Schulgebäude erinnert stark an dasjenige aus Memento Mori, allerdings befindet sich jetzt darin eine streng katholische Einrichtung. Vier Mädchen beschließen einen Selbstmordpakt. Nur eines der Mädchen setzt das Vorhaben auch tatsächlich um. Kurz darauf werden die anderen drei Schülerinnen von ihrem Geist ermordet. Der fünfte Teil ist eindeutig der blutigste von allen. Zugleich ist er auch der schnellste und kurzweiligste. Trotz der Konzentration auf Blut und Action ist A Blood Pledge hervorragend gefilmt, zitiert gelegentlich Memento Mori und weist auch wie dieser ein Durcheinander aus eigentlicher Handlung und Rückblenden auf. Es kommt einem fast so vor, als wollte man mit einem gehörigen Paukenschlag die Reihe zu einem Ende führen. Da die Besucherzahlen gegenüber Voice aber fast um das Doppelte gestiegen waren, dürften die Produzenten gerade am Überlegen sein, ob man nicht doch noch ein kleines Filmchen hinzufügen könnte.

Parallel zur Yeogo Geodam-Reihe entstanden und entstehen weitere Schulhorrorfilme, die allerdings nicht die Eigentümlichkeiten dieser Serie aufweisen. Es handelt sich dabei um so unterschiedliche Filme wie Ghost, der mit einem freudianischen Konzept aufwartet, oder um Slasher-Movies wie Death Bell, die sich ansatzweise an den Produktionen von Eli Roth orientieren. Die Herstellung dieser Filme zeigt, wie stark das Thema Schule auf negative Weise in das Bewusstsein der koreanischen Gesellschaft eingewebt ist. Die Angst vor den Geistern, die in den Schulgebäuden lauern, entpuppt sich aus dieser Perspektive als eine Angst vor der Schule selbst.

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