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Archive for Oktober 2014

ZuluÜber manche Filme lässt sich streiten. So auch über den Thriller „Zulu“ des französischen Regisseurs Jérome Salle. Die Handlung spielt in Kapstadt. Eines Tages wird dort die Leiche einer brutal ermordeten Frau gefunden. Zunächst scheint alles auf einen Mord innerhalb des Drogenmilieus zu schließen. Doch je genauer Ali Sokhela, der Chef der Mordkommission, den Fall untersucht, desto deutlicher wird, dass weit mehr dahinter steckt. Zusammen mit seinem Kollegen Brian Epkeen stößt er auf eine Spur, die bis in die Zeit der Apartheid reicht.

„Zulu“ ist ein sehr düsterer Film, der zwischen brutalem Thriller und normalem Polizeifilm hin- und herpendelt. Das Duo besteht aus einem schwarzen und einem weißen Ermittler, gespielt von Forest Whitaker und Orlando Bloom. Während Whitaker seinen Job wie immer hervorragend meistert, nimmt man Bloom die Rolle des alkoholkranken und sexsüchtigen Polizisten nicht ab. Er wirkt ständig wie jemand, der versucht, eine solche Rolle zu mimen. In dieser Hinsicht ist er als eindeutige Fehlbesetzung zu bezeichnen.

Die Handlung als solche ist zwar durchaus spannend, leider aber auch vorhersehbar. Es geschieht nichts, was nicht außerhalb eines bestimmten Rahmens verläuft. Das ist schade, denn der konfliktreiche und durchaus denkwürdige Plot hätte Potential gehabt, um mehr daraus zu machen. So aber lässt Regisseur Salle lieber seinen Maskenbildner heran, um den Zuschauer mit ein paar deftigen Szenen zu erschrecken. Trotz allem weist der Film eine erstklassige Kameraarbeit auf. Die Szenen sind eindrucksvoll visualisiert und aufgrund der interessanten Montage ergeben sich zwischen dem sozialen Albtraum immer wieder kurze Einschübe einer düsteren Poesie. Manche dieser Einschübe dauern nur wenige Sekunden, dienen aber dazu, den seelischen Zustand der Protagonisten beinahe minutiös zu durchleuchten.

Salle zeigt in seinem Film ein kaputtes Land, das beherrscht wird von Kriminalität und sozialer Desillusion. Dabei bleibt er rein objektiv und versucht nicht, zu moralisieren. Die nüchterne Darstellung des Schreckens ist mit Sicherheit eine Stärke, die dieser Film besitzt und die der Handlung eine dichte und bedrohliche Atmosphäre verleiht. Das macht „Zulu“ zwar zu keinem originellen, aber zu einem spannenden Thriller.

Zulu
Regie: Jérome Salle, Drehbuch: Julien Rappeneau, Jérome Salle, Produktion: Richard Grandpierre, Darsteller: Forest Whitaker, Orlando Bloom, Conrad Kemp, Inge Beckmann.
Frankreich 2014
Laufzeit: 111 Min.

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tröpfelundtropfineGeschichtsbücher gibt es viele. Aber bisher gab es keines, in dem zwei Regentropfen die Hauptrolle spielen. Der Autor Richard Schaefer hat dem nun nachgeholfen. Seine Idee, die beiden Regentropfen Tröpfel und Tropfine durch die Geschichte Erfurts reisen zu lassen ist unglaublich originell.

In unterschiedlichen Epochen fallen beide immer wieder vom Himmel und bekommen dadurch mit, wie die Menschen in ihrer jeweiligen Zeit lebten. Schaefer gelingt es dabei hervorragend, historische Ereignisse und ihre Folgen für Kinder leicht und verständlich zu schildern. Die einzelnen Episoden sind sehr lebendig und witzig geschrieben. Auch als Erwachsener hat man beim Lesen der einzelnen Kapitel seine Freude. Der Autor würzt teilweise die einzelnen Episoden mit interessanten Anekdoten. Der Leser bekommt dadurch unter anderem mit, wie König Rudolf seinerzeit den Raubrittern das Handwerk legte und bekommt von Wacki, dem Wackerstein, erklärt, wie eine mittelalterliche Wurfmaschine funktioniert.

Das unterhaltsamste und sicherlich verblüffendste Kapitel beschäftigt sich mit den Färbern, die sich in ihre Farbbottiche erleichterten, um dadurch zu besseren und schöneren Farben zu kommen. Das Buch ist ein echter Lesespaß. Die interessanten Kapitel sind mit witzigen Zeichnungen versehen, was dem Buch einen zusätzlichen Charme verleiht. Es eignet sich nicht nur, um darin zu lesen, sondern auch, um damit beim nächsten Besuch in Erfurt auf historische Entdeckungsreise zu gehen.

Richard Schaefer: Tröpfel und Tropfine. Zwei Regentropfen plätschern durch Erfurts Geschichte. Kirchschlager Verlag 2014, 115 Seiten, 7,95€, ISBN: 978-3-934277-48-9.

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Red Velvet „Happiness“. Kaldeidoskopartige Spiegelungen sind nur ein Aspekt der Ideenvielfalt des Videoclips.

Es begann überaus bunt. Gemeint ist das Debut-Video der koreanischen Girl Group Red Velvet. Man glaubte schon fast, dass die Zeit der Bonbonfarben innerhalb von K-Pop vorbei sei. Da kam mit dem Song „Happiness“ ein extremer Farbenrausch daher, der den Zuschauer zum Staunen brachte. Verbunden mit einer sehr guten Kameraführung, welche auf originelle Weise die vier Mitglieder der Gruppe vorstellt, ergab sich ein Video, das fast schon einzigartig ist in der derzeitigen K-Pop-Phase, die vor allem mit eher reduzierten, fast schon düsteren Farben und einem hohen Erotikgrad gekennzeichnet ist.

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Die 80er Jahre lassen grüßen: Fotomontage im Bildhinter- und vordergrund.

SM Entertainment, eine der drei größten Produktionsfirmen in Südkorea, suchte anscheinend nach Alternativen. Heraus kam ein Girl Group-Konzept, das einerseits verspielt und kitschig, andererseits erwachsen und ernst ist. In der Tat kreierte man hier eine Art Paradoxon. Das Ergebnis war ein faszinierender Clip, der beeinflusst ist von den Videoeffekten der 80er Jahre. Eine kunterbunte Mischung aus witzigen Dancehots, Fotomontagen und kaleidoskopartigen Spiegelungen. Bei der ersten Sichtung wird einem fast schwindelig. Beim zweiten Betrachten erkennt man die Details.

Man war gespannt, ob und wie das Konzept von Red Velvet weiterentwickelt wird. Mit „Be Natural“ kam nun die zweite Single und das zweite Video an den Start. Die Verblüffung war groß. Das Farbkonzept des ersten Clips wurde ad acta gelegt. Nun herrschen kühle, dunkle Farben. Die Gruppenmitglieder erscheinen in schwarzen Damenanzügen. Gegen Ende des Clips erscheinen sie – ihrem Namen entsprechend – in roten Kostümen. Obwohl man sich hinsichtlich der Farbgebung den übrigen K-Pop-Clips annäherte, wollte man das Konzept nicht wirklich angleichen.

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Red Velvet „Be Natural“ mit reduzierten, kühlen Farben und einer ungewöhnlich tiefen Raumoptik.

Das Besondere an dem neuen Clip sind daher die Kamerafahrten. Die Danceshots präsentieren sich ohne Schnitt. Lediglich angenehm altmodische Überblendungen führen in die nächste Kulisse. Die Kamera kreist dabei um die Sängerinnen herum, verändert dabei immer wieder ihre Höhe und die Distanz zu den Gruppenmitgliedern. Der Hintergrund besteht aus einem extrem weiten Raum, der für K-Pop-Clips ungewöhnlich ist. Die Mitglieder wirken beinahe verloren.

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Abschließender Danceshot von „Be Natural“. Die Raumtiefe setzt sich auch hier fort.

Regisseur Si versuchte, die kühlen Jazzklänge, welche den Song „Be Natural“ – der fast schon an Jamie Cullum erinnert –  prägen, visuell umzusetzen. Dies gelingt ihm auf hervorragende Weise. Die visuelle Ästhetik, mit der Si arbeitet, ist grandios. Das Konzept von Red Velvet ist derzeit einzigartig in der K-Pop-Landschaft. Man setzt auf eine Mischung aus Mainstream und Indie und einen hohen Grad an Videokunst. Es bleibt zu hoffen, dass die Kreativität, mit der das Konzept ausgestattet ist, erhalten bleibt.

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achilla1Die Verlagsbuchhandlung Achilla Presse, 1990 gegründet von dem Hamburger Grafiker Mirko Schädel und dem Bremer Buchhändler Axel Stiehler, schließt bis zum Ende des Jahres ihre Pforten. Diese Meldung vom Ende eines ganz und gar unabhängigen Kleinverlags, dem wir so viele bibliophile Schätze verdanken, ist bedauerlich genug, was jedoch noch mehr schmerzt, ist das anhaltende Schweigen, das auf die Ankündigung folgte – als würde ein solcher Verlust niemanden interessieren. Die Achilla Presse existierte freilich immer schon abseits der Branche, veröffentlichte in unregelmäßigen Abständen, verkaufte nur über Verlag und einige ausgewählte Buchhandlungen und verzichtete in den letzten Jahren sogar auf ISBN-Nummerierung, doch schon ein flüchtiger Blick auf ihr Programm zeigt, dass hier nicht nur irgendein unrentables Unternehmen das Handtuch wirft. Mit der Achilla Presse endet ein Traum: Der Traum, Begeisterung zu wecken mit Büchern, die sich keinem massentauglichen Trend unterordnen, die aber auch keinem akademischen Kanon entsprechen – Bücher, die in einem alternativen Universum vielleicht gefeierte Klassiker sind, aber in unserem mutwillig vergessen und ignoriert wurden – Bücher wie den satirischen Reiseroman „Die Monikins“ von James Fenimore Cooper, den liebenswerten „Kenelm Chillingly“ von Edward Bulwer-Lytton oder Herman Melvilles poetische Südseephantasie „Mardi“.

achilla2Durch das letztgenannte Buch, in der schwungvollen Übersetzung von Rainer G. Schmidt, wurde 1997 das Interesse an Melville in Deutschland neu entfacht und weitere Erst- und Neuübersetzungen ermöglicht. Die Achilla Presse bot nach diesem Überraschungserfolg den weithin unbekannten, übersehenen, zurückgewiesenen, aber immer auch erstaunlichen und lesenswerten Werken bedeutender Autoren – Sherwood Anderson, Gertrude Stein, Joseph Sheridan Le Fanu, W. H. Hudson, Robert Louis Stevenson, Victor Hugo, William Godwin, Hubert Selby, Edgar Allan Poe, Joseph Conrad und Ford Madox Ford – ein gepflegtes Zuhause. Sie präsentierte aber auch obskure Perlen der deutschsprachigen Phantastik in einmalig schön illustrierten Ausgaben: Franz Kreidemann, Arno Hach, Leopold Günther-Schwerin, Hans Georg Wegener und Karl von Schlözer wären ohne den verlegerischen Mut und der Sammelleidenschaft Mirko Schädels wohl für immer aus dem Gedächtnis wie aus den Bücherregalen verschwunden.

achilla4Mit den großen Bibliographien zur Kriminalliteratur, zur phantastischen-utopischen Literatur und zum Leihbuchwesen in Deutschland haben Verlag und Verleger zudem eine kulturwissenschaftliche Pionierarbeit geleistet, die wohl nur von echten Kennern und Sammlern angemessen gewürdigt werden kann. Dass ein solches Engagement irgendwann an die Grenzen des menschlich Machbaren und Finanzierbaren stößt, ist verständlich, doch sollte das Ende der Achilla Presse nicht von Grabesgesängen begleitet werden, sondern Anlass sein, um Danke zu sagen für all die Entdeckungen und Kostbarkeiten, die uns kein anderer Verlag hätte schenken können. Diese kleine Würdigung ist kein verfrühter Nachruf, aber vielleicht ein später Weckruf an alle Freunde schöner und guter Bücher, die nächsten Wochen und Monate zu nutzen, die Homepage des Verlags (http://www.achilla-presse.de) oder das zugehörige Kriminalmuseum in Butjadingen zu besuchen und vielleicht noch den ein oder anderen Schatz nach Hause zu holen.

Copyright: Alexander Pechmann

Alexander Pechmann ist Übersetzer vor allem klassischer englischsprachiger Literatur, Herausgeber und Essayist. Zuletzt von ihm erschienen sind die Bücher „Das Paradies der kleinen Dinge“ von Sophia und Nathaniel Hawthorne und „Ned Myers oder Ein Leben vor dem Mast“ von James Fenimore Cooper.

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