FuBs Fundgrube: „Der Todesflüsterer“ von Donato Carrisi

Donato Carrisi gehört zu den bekanntesten italienischen Krimiautoren. Zwei seiner Romane („Der Nebelmann“ und „Diener der Dunkelheit“) wurden verfilmt. Sein Debutroman steht jedoch in Spannung und Originalität in Nichts nach.

„Der Todesflüsterer“ erschien in Italien 2009 und ein Jahr später in deutscher Übersetzung. Es geht um eine Reihe unheimlicher Mordfälle, die von einem Täter verübt werden, der keinerlei Spuren hinterlässt. Jedes Mal, wenn die Polizei glaubt, den Mörder endlich gefasst zu haben, muss sie einsehen, dass sie ihm erneut auf den Leim gegangen ist. Das Schlimme dabei ist, dass es sich bei den Opfern um junge Mädchen handelt, die zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurden. Dies ruft die Ermittlerin Mila Vazquez auf den Plan, die eine Expertin für Entführungsfälle ist. Doch auch mit ihren Erfahrungen stößt sie in diesem Fall an ihre Grenzen …

Wieso „Der Todesflüsterer“ nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist ein Rätsel. Besonders deswegen, da Carrisi ja spätestens mit „Der Nebelmann“ auch einem breiteren Lesepublikum bekannt wurde. Auf jeden Fall ist er gerade deswegen ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir nur antiquarische Bücher vorstellen.

Um es kurz zu machen: „Der Todesflüsterer“ ist einer der besten, spannendsten und gruseligsten Krimis bzw. Thriller, die ich jemals gelesen habe. Carrisi schafft Situationen, die im wahrsten Sinne des Wortes Gänsehaut bereiten. Einfach grandios, wie er das alte, seit Jahren leerstehende Waisenhaus beschreibt. Nicht weniger unheimlich ist der Zwischenfall in einer Villa, in der eines der toten Mädchen gefunden wird.

Don Carrisi weiß, wie man Spannung erzeugt. Hinzu kommt ein grandioser Schreibstil, der einen regelecht gefangen hält. Carrisi besitzt dabei ein großartiges Gespür für das Unheimliche, wobei der Roman Mystery-Thriller und reinen Kriminalroman vermischt. Bei den Figuren schwächelt er zwar ein wenig, besonders Melinas Hang dazu, sich selbst zu ritzen, wirkt wenig plausibel, doch fällt dies gegenüber dem großartig konstruierten Fall eher wenig ins Gewicht.

Was die Euphorie allerdings ein wenig dämpft, ist der letzte Teil des Romans, in dem mit Carrisi ein wenig die Pferde durchgehen. „Der Todesflüsterer“ lebt u. a. von den verblüffenden Wendungen, gegen Ende aber werden es eindeutig zu viele davon, sodass damit auch der Gruselfaktor etwas nachlässt. Insgesamt aber ist der Roman ein echter Knaller und taugt dazu, auch mehrmals gelesen zu werden – was bei Krimis doch eher selten vorkommt.

Don Carrisi. Der Todesflüsterer. Piper Verlag 2010, 493 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Der Mahlstrom“ von Frode Granhus

Frode Granhus‘ Debut „Der Mahlstrom“ zeigt, wie man es eher nicht machen sollte. Granhus bedient sich verschiedener Ideen, die bereits auf ähnliche Weise in zwei anderen Romanen bekannter Krimiautoren („Todeshauch“ und „Erlöse mich“) vorkamen, vermischt sie mit ein bisschen Konfusion und schon war er damit fertig.

Die Grundidee ist dabei eigentlich gar nicht schlecht. Immer wieder werden alte Porzellanpuppen an den Strand gespült. Was zunächst recht kurios erscheint, nimmt auf einmal schreckliche Züge an, als eine Frau, die wie eine Puppe gekleidet ist, tot am Strand gefunden wird.

Der Roman spielt an zwei verschiedenen Orten. An dem einen geht es um die Porzellanpuppen, an dem anderen um eine bizarre Mordserie. An dem einen Ort geht der Polizist Niklas Hultin dem Fall nach, an dem anderen der Ermittler Rino Carlsen. Frode Granhus führt beide Ermittler mit dem Schmiedehammer zusammen, was allerdings nicht wirklich die beiden Fälle auf einen Nenner bringt und eigentlich auch zu sonst nichts führt.

Bevor ich hier weiter herummeckere, sei gesagt, dass Frode Granhus sehr flüssig und unterhaltsam schreibt, sodass man den Roman trotz seiner eindeutigen und vielen Schwächen bis zum Schluss liest. Das Problem bei „Der Mahlstrom“ ist im Grunde, dass Granhus einfach mal drauf los schreibt und sich erst im Nachhinein Gedanken macht, wie er alles irgendwie zusammenbringen kann.

Das Ergebnis ist ein konfuses Hin und Her, wobei die einzelnen Motive nicht wirklich überzeugen. Zwar gelingen dem Autor gegen Ende durchaus überraschende Wendungen, doch zu viele Aspekte des Romans laufen einfach ins Leere und sind nicht wirklich nachvollziehbar, sodass der Roman insgesamt wie ein krampfhaft zusammengeschustertes Set unterschiedlicher Ideen wirkt.

Schade ist auch, dass Frode Granhus so gut wie gar nicht auf das Leben der Bewohner dieser abgelegenen Gegend in Norwegen, den Lofoten, eingeht. Dies hätte dem Roman gut getan und ihn auf eine feste Grundlage gestellt.

Ich habe den Roman antiquarisch erstanden, daher wurde er zum Fall für unsere Fundgrube. Damals habe ich auch Frode Granhus‘ zweiten Roman „Tödliche Brandung“ mit auf den Bücherstapel gelegt. Mal schauen, ob dieser genauso konfus ist wie sein Debut.

Frode Granhus. Der Mahlstrom. BTB Verlag 2012, 383 Seiten

FuBs Fundgrube: „Mitternachtsstimmen“ von John Saul

John Saul gehört neben Stephen King, Peter Straub und Dean R. Koontz zu den erfolgreichsten Horrorautoren. Seit Ende der 70er Jahre verfasst er unheimliche Geschichten, die meisten davon in den 80er und 90er Jahren. Sein Roman „Am Strand des Todes“ (1979) wurde 1982 fürs Fernsehen verfilmt.

In Deutschland sind die meisten seiner Romane leider vergriffen bzw. nur noch antiquarisch erhältlich. Daher ist „Mitternachtsstimmen“ auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir nur Bücher vorstellen, die nur noch in Antiquariaten zu finden sind. „Mitternachtsstimmen“ (OT: Midnight Voices) erschien in den USA 2002, die deutsche Übersetzung im Heyne Verlag erschien 2008. In den USA erhielt der Roman überaus positive Kritiken. Diesen kann ich mich nur anschließen.

John Saul besitzt nicht nur einen sehr guten Schreibstil, sondern schafft dabei auch noch eine dichte Spannung und ist zusätzlich dermaßen unterhaltsam, dass das Lesen 200 % Spaß macht. „Mitternachtsstimmen“ handelt von Caroline, deren Mann von einem Unbekannten ermordet wurde. Sie steht kurz davor, ihre Miete nicht mehr zahlen zu können. Ihre beiden Kinder Laurie und Ryan sind fast ständig am Streiten. Da begegnet sie eines Tages plötzlich Tom, einem überaus netten und reichen Mann. Nach und nach lernen sie sich näher kennen und schließlich heiraten beide. Zusammen mit ihren Kindern zieht sie in Toms Wohnung in dem berüchtigten Gebäude The Rockwell, in dem es angeblich spuken soll. Caroline jedoch glaubt nicht an die Geschichten, die sich vor allem die Kinder erzählen. Doch kaum ist sie eingezogen, geschehen auch schon sonderbare Dinge. Ihre Kinder hören nachts unheimliche Stimmen. Carolines Freundin Andrea wird plötzlich ermordet. Und schließlich verschwindet ihr Tochter spurlos.

„Mitternachtsstimmen“ ist ein sehr kurzweiliger Roman, den man praktisch in einem durchliest. John Saul treibt die Handlung wie eine Achterbahnfahrt voran, wobei er auch darauf achtet, dass die Figuren keineswegs oberflächlich bleiben. Angefangen von Caroline bis hin zu den merkwürdigen Bewohnern des Rockwell wirken diese überaus lebendig und vielschichtig. Was John Saul dabei besonders gut gelingt, ist die durchgehende bedrohliche und beklemmende Atmosphäre, die dem Roman einen zusätzlichen Reiz verleiht. John Saul ist allerdings kein Autor, der – wie z.B. Stephen King oder Peter Straub – grundlegende Themen in seinen Romanen verarbeitet. Ihm geht es in der Hauptsache wirklich nur um die Unterhaltung. Doch dies macht er mehr als nur gut.

Was allerdings weniger gut ist, ist das Lektorat des Heyne Verlags, das bei „Mitternachtsstimmen“ wirklich geschlampt hat – und das ist noch sehr gelinde ausgedrückt. Fehlende Satzzeichen, fehlende Wörter, Einzahl-Mehrzahl-Durcheinander – obwohl ich das Buch antiquarisch erworben habe, hat es mich trotzdem ziemlich geärgert. Im Grunde genommen ist anzunehmen, dass kein Lektor das Buch nochmals durchgegangen ist. Der Roman selbst aber ist ein echtes Lesevergnügen.

John Saul. Mitternachtsstimmen. Heyne Verlag 2008, 478 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Kontrolle“ von Robert Charles Wilson

Cover der im Heyne-Verlag erschienenen Übersetzung

Robert Charles Wilson zählt zu den bekanntesten SF-Autoren. Sein Roman „Kontrolle“ (OT: „Burning Paradise“) hat vor allem in Deutschland die Gemüter gespalten. In den USA sah es da anders aus, wo sein Roman mehr positive als negative Kritiken erhielt.

„Kontrolle“ hat mich irgendwie an die Romane von John Christopher erinnert, in denen es gelegentlich darum geht, wie die Protagonisten durch eine durch eine Katastrophe veränderte und zerstörte Gesellschaft wandern (z.B. „Inseln ohne Meer“, „Die dreibeinigen Monster“). Etwas in dieser Art geschieht auch in Wilsons „Kontrolle“. Es geht darum, dass die Menschheit von einer außerirdischen Intelligenz beherrscht wird, die dafür sorgt, dass Großkonflikte wie Kriege nicht mehr stattfinden. So hat es seit dem Ersten Weltkrieg keine weiteren weltweiten Konflikte mehr gegeben. Doch macht sich plötzlich eine bedrohliche Veränderung bemerkbar. Denn sog. Simulakren (Außerirdische, die sich als Menschen tarnen) tauchen auf, die Jagd auf Wissenschaftler machen, welche versuchen, das Geheimnis der fremdartigen Intelligenz zu lösen.

„Kontrolle“ ist ein Roman, der einen wunderbar unterhält. Dabei muss betont werden, dass bereits von Anfang an klar ist, dass diese außerirdische Intelligenz die Erde beherrscht. In diesem Sinn berschreibt Wilson von der ersten Seite an eine Alternativwelt, in der es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben hat und in der bestimmte Erfindungen wie Computer über ein bestimmtes Entwicklungslevel nicht hinausgekommen sind. Im Kern aber geht es um eine Gruppe Jugendlicher, die vor den Außerirdischen fliehen und dabei quer durch die USA reisen.

Mit Sicherheit hätte Wilson mehr aus seiner Idee machen können, besonders im Hinblick auf die veränderte Weltgeschichte. Aus diesem Grund liest sich der Roman dann auch wie eine Mischung aus SF und Roadtrip, wobei die Jugendlichen immer wieder in gefährliche Situationen geraten. Erst ab der zweiten Hälfte des Romans werden die SF-Elemte deutlicher, wobei es auch zu der einen und anderen überraschenden Wendung kommt.

Ob Wilson mit „Kontrolle“ einen Jugendroman vorlegen wollte, ist schwer zu beurteilen. Teils scheint es so, teils ist der Roman dann doch eher für ein älteres Lesepublikum. Wie gesagt, erinnert der Roman an die Werke John Christophers, daher wäre es durchaus möglich, dass dies Wilsons Hommage an diesen großartigen SF-Schriftsteller darstellt.

In Deutschland erlebte der Roman leider keine zweite Auflage (er erschien 2017, – in den USA bereits 2013) und ist nur noch antiquarisch zu erhalten. „Kontrolle“ ist mit Sicherheit nicht Wilsons bester Roman, dennoch ist er recht spannend und überaus flüssig zu lesen.

Robert Charles Wilson. Kontrolle. Heyne Verlag 2017, 398 Seiten

FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

BUtterfield 8 – John O’Haras New York-Roman

Gloria Wanderous ist das, was man schlechthin als leichtes Mädchen bezeichnet. Sie geht mit so ziemlich jedem ins Bett, macht sich über nichts und niemanden Gedanken, sondern möchte vor allem eines haben: Spaß. Doch dann begegnet sie in einer Kneipe den fast 20 Jahre älteren Weston Liggett und verliebt sich in ihn. Liggett aber möchte nur eines: mit ihr ins Bett.

John O’Hara (1905 – 1970) sorgte mit seinem zweiten Roman „BUtterfield 8“ (der zweite Großbuchstabe ist von O’Hara so gewollt und bezieht sich auf die Telefonnummern der Upper Eastside), der 1935 erschien, für einen riesigen Skandal. Keiner vor ihm hatte so freimütig über Sex geschrieben wie er. Hinzu kommt eine gelegentlich recht derbe Sprache, die sogar Krimiautoren wie Jim Thomson u. Co. blass aussehen lässt.

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„BUtterfield 8“ ist jedoch keineswegs ein Schmuddelroman (auch wenn er von den damaligen Kritikern als schmutzig bezeichnet wurde), sondern O’Haras Abrechnung mit New York, wo er selbst lebte. Dahingehend erinnern manche Absätze, in denen er das Treiben in der Großstadt beschreibt, an John Don Passos‘ Meisterwerk „Manhattan Transfer“. In seinem zweiten Roman ist jeder sich selbst am nächsten. Sogar Glorias bester Freund Eddie, der ihr zum ersten Mal begegnet, als er als Türsteher in einem Bordell arbeitet. Zwischen beiden existiert eine Art Hassliebe, wobei Gloria Angst hat, Eddie zu zerstören, wenn sie mit ihm eine richtige Beziehung beginnen würde. Und Eddie möchte ihr im Grunde auch nicht näher kommen, da er bereits eine richtige Freundin hat.

Da Gloria auf niemanden Rücksicht nimmt – nicht einmal auf sich selbst – wirft sie sich ins New Yorker Nachtleben, wo sie von einer Kneipe zur nächsten tingelt, Drogen nimmt und jede Menge Alkohol trinkt. Doch dann, wie bereits erwähnt, trifft sie auf Weston Liggett, einem widerlichen Kerl, der mit seiner Frau nicht mehr klar kommt, doch in Erklärungsnot gerät, da Gloria den Pelzmantel seiner Frau hat mitgehen lassen.

Die Suche nach Gloria und Glorias ausschweifendes Leben machen die Geschichte zu einem wirbelnden Großstadtroman, der in den USA zu den wichtigsten Romanen der Moderne zählt. Als Leser ist man mitten drin in der Hektik, der atemlosen Vergnügungssucht und der sich daraus ergebenden Dramatik. An wenigen Stellen geraten die Schilderungen zu ausschweifenden Ausführungen, doch so als hätte O’Hara dies selbst bemerkt, hüpft er mit einem Satz zurück in die rasante Handlung – und schon ist man wieder inmitten des turbulenten Nachtlebens.

1960 wurde der Roman mit Elizabeth Taylor verfilmt, erhielt jedoch (trotz diverser Oscarnominierungen) schlechte Kritiken. John O’Haras zweiter Roman jedoch ist nicht nur großartig, frech und witzig, sondern absolut zeitlos.

FuBs Fundgrube: „Was am Ende bleibt“ von Paula Fox

Cover der im dtv-Verlag 2011 erschienenen Übersetzung in der Jubiläumsedition

Bis vor kurzem war mir der Name Paula Fox völlig unbekannt. „Was am Ende bleibt“ erstand ich antiquarisch –  und daher ist der Roman auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir Bücher vorstellen, die wir auf Bücherflohmärkten oder in Antiquariaten entdeckt haben.

Das Lesen hat sich wirklich gelohnt. „Was am Ende bleibt“ ist nicht nur ein beeindruckender Roman über eine kaputte Ehe, sondern zugleich eine gewitzte Satire über die amerikanische Gesellschaft. Es geht um Otto und Sophie Bentwood, beide Anfang/Mitte vierzig, kinderlos und wohlhabend. In ihrer Ehe kriselt es. Dies wird beiden erst so richtig bewusst, als zwei Dinge geschehen: zum einen wird Sophie von einer streunenden Katze gebissen und zum anderen verliert Otto, der als Anwalt arbeitet, seinen langjährigen Geschäftspartner.

Während Otto sich verkampft an der Alltagsroutine festklammert, denkt Sophie immer mehr über ihr Leben nach. Eine Affäre mit einem von Ottos Klienten hat sie ihm bis heute verschwiegen. Beide kleben dennoch aneinander, da sie trotz allem nicht anders können. Der Sinn in ihrem Leben ist beiden abhandengekommen, doch wenn sie sich trennen würden, würden beide einfach in ein schwarzes Loch fallen.

Cover der amerikanischen Ausgabe

Wie ich inzwischen weiß, gehört Paula Fox (1923 – 2017) zu den wichtigsten amerikanischen Autoren und ihr Roman „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Trotz der damals guten Kritiken geriet Paula Fox in Vergessenheit, bis sie (ähnlich wie Richard Yates) Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. „Was am Ende bleibt“ ist ein dichter, düsterer und dennoch aufgrund der ironischen Seitenhiebe witziger Roman. Die Dialoge sind geradezu perfekt konzipiert, parallel zur Ehekrise scheint sich eine gesellschaftliche Krise immer mehr zu offenbaren.

Diese skizziert Paula Fox wie nebenbei. Leute kippen ihren Müll auf die Straße, werfen Steine in Fenster oder zertrümmern die Inneneinrichtung eines Hauses. Der moralische Verfall könnte genauso gut auf heute zutreffen. Diese beklemmenden Ereignisse, die einfach und ohne Erklärung geschehen, lassen die Welt und das Leben der Bentwoods geradezu trostlos erscheinen. An Hoffnung wagt keiner zu denken.

Zuletzt erschien „Was am Ende bleibt“ 2011 im dtv-Verlag, elf Jahre davor im C.H. Beck-Verlag. Leider wurde der Roman seitdem bei dtv nicht nochmals aufgelegt (im Beck-Verlag gibt es die Übersetzung weiterhin). Für mich ist „Was am Ende bleibt“ einer der besten Romane, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es lohnt sich, immer mal wieder auf eine literarische Entdeckungsreise zu gehen.

Paula Fox. Was am Ende bleibt. dtv-Verlag 2011, 201 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

FuBs Fundgrube: „Schattenschwester“ von Simone van der Vlugt

In FuBs Fundgrube stellen wir Bücher vor, die es, nur noch antiquarisch zu kaufen gibt. In der Regel handelt es sich um Bücher, die wir bei einem unserer liebsten Hobbys, dem Besuch von Bücherflohmärkten, aufgestöbert haben. Bei einer unserer „Entdeckungsreisen“ stießen wir auf den Krimi „Schattenschwester“ der niederländischen Autorin Simone van der Vlugt.

Simone van der Vlugt schreibt eigentlich Jugend- und Kinderbücher. Mit „Klassentreffen“ aber verfasste sie ihren ersten, sehr erfolgreichen Krimi, dem mit „Schattenschwester“ ein zweiter folgte. Es geht um die Zwillingsschwestern Marjorlein und Marlieke. Die erste ist Lehrerin an einer Problemschule, die zweite arbeitet als Fotografin. Marjorlein wird eines Tages von einem ihrer Schüler mit dem Messer bedroht. Wenige Tage später wird sie ermordet. Als Hauptverdächtiger wird der Junge Bilal ermittelt, der sie damals in der Schule bedroht hat. Doch je mehr Marlieke der Sache nachgeht, desto mehr Ungereimtheiten treten ans Tageslicht.

Immer wieder habe ich das Buch zur Seite gelegt, da die Handlung ziemlich auf der Stelle trat. Und dennoch lag zwischen den Zeilen eine sonderbare Unruhe, die mich nicht mehr losgelassen hat. Schließlich habe ich mir den Roman erneut vorgenommen – zum Glück. Denn Simone van der Vlugt schreibt nicht nur sehr gut, sondern die Geschichte wurde von Seite zu Seite spannender.

In allererster Linie geht es um die Beziehung der beiden Schwestern untereinander. Aus den Ich-Perspektiven von Majorlein und Marleike ergibt sich dabei nach und nach ein immer düsterers Bild. Marleike fragt sich zunehmend, wer war ihre Schwester eigentlich wirklich?

Simone van der Vlugt verfolgt die durchaus verstörende Spurensuche mit psychologischer Raffinesse. Minutiös schildert sie, wie sich die einzelnen Figuren verändern, je mehr über die Vergangenheit ans Tageslicht tritt. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Wendungen, von denen nicht wenige einem den Atem rauben.

„Schattenschwestern“ ist dabei ein eher ruhiges Buch. Die Autorin trägt nicht groß auf, aber das braucht sie auch nicht, denn ihre Stärke liegt im Subtilen, das der Geschichte eine beängstigende Atmosphäre verleiht. Immer tiefer wird man in den Strudel der Zusammenhänge gezogen, die sich nach und nach auftun. Und letztendlich lässt einen die Spannung nicht mehr los.

Für mich ist „Schattenschwester“ (trotz des wenig gelungenen Anfangs) eine echte Überraschung gewesen. Der feinsinnige Krimi hallt noch lange in einem nach.

Simone van der Vlugt. Schattenschwester. Diana Verlag 2007, 368 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Die Gespenstertruhe“

Die Anthologie „Die Gespenstertruhe“ zählt bis heute zu den besten Sammlungen klassischer Gruselgeschichten. Herausgegeben hat das Buch Martin Gregor-Dellin, das 1967 zum ersten Mal im Nymphenburger Verlag erschienen ist.

Obwohl ich Anthologien von Gespenstergeschichten sammle, war mir anfangs speziell dieses Buch völlig unbekannt. Durch Zufall und über Umwege stieß ich darauf, als mir in einem Antiquariat der zweite Band über den Weg lief. Dieser, ebenfalls von Martin Gregor-Dellin herausgegebene Band trägt den Titel „Die schwarze Kammer“ und stammt aus dem Jahr 1972. Dieser ist zwar nicht so gut wie „Die Gespenstertruhe“, dennoch sehr lesenswert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf dem Buchumschlag von „Die schwarze Kammer“ wird der erste Band beworben, den ich mir natürlich dann auch antiquarisch besorgt habe. Die Frage ist nun, was „Die Gespenstertruhe“ so unvortrefflich macht. Die Antwort lautet: weil sich in dem Buch wirklich alle bekannten, klassischen Gespenstergeschichten die Klinke in die Hand geben. Daniel Dafoes „Die Erscheinung der Mrs. Veal“ macht gleich den Anfang – und ich finde, diese Geschichte muss einfach am Anfang stehen, da sie wie ein Opener für alle anderen Geschichten wirkt. Auch Bulwer-Lyttons Spukhausgeschichte „Das verfluchte Haus in der Oxfordstreet“ fehlt hier ebenso wenig wie Alxandre Dumas‘ „Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett“.

Der Band beinhaltet des weiteren die berühmten Geistergeschichten von Charles Dickens, Honoré de Balzac, Heinrich von Kleist, M. R. James, Heinrich Heine, Oscar Wilde, Mark Twain Edgar Allan Poe usw. – also wirklich keine der bekannten Spukgeschichten fehlt hier. Des weiteren hat Gregor-Dellin auch unheimliche Geschichten von Agatha Christie („Die letzte Sitzung“) und Truman Capote („Miriam“) mit aufgenommen. Ebenso wenig fehlt der Blick auf die klassischen asiatischen Geistergeschichten, von denen mit Pu Ssung-Ling und Ueda Akinari die wohl bekanntesten Vertreter vorhanden sind.

Wie oben bereits erwähnt, erschien 1972 der zweite Band. Noch im selben Jahr wurden beide Bände zusammengefügt und unter dem Titel „Das Gespenst im Aktenschrank“ im dtv-Verlag veröffentlicht. Es gibt auch noch einen „heimlichen“ dritten Band, der 1974 mit dem Titel „Das Wachsfigurenkabinett“ erst im Nymphenburger Verlag erschienen ist und 1979 erneut im dtv-Verlag. Dabei handelt es sich jedoch weniger um Gespenstergeschichten, sondern allgemein um unheimliche Erzählungen, wobei sowohl klassische als auch moderne Autoren vertreten sind. Doch sowohl der zweite als auch der dritte Band kommen an die Großartigkeit der „Gespenstertruhe“ nicht heran. Diese ist und bleibt einzigartig.

Die Gespenstertruhe. Geistergeschichten aus aller Welt. Hrsg. Martin Gregor-Dellin. Nymphenburger Verlag 1967, 464 Seiten.