FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

BUtterfield 8 – John O’Haras New York-Roman

Gloria Wanderous ist das, was man schlechthin als leichtes Mädchen bezeichnet. Sie geht mit so ziemlich jedem ins Bett, macht sich über nichts und niemanden Gedanken, sondern möchte vor allem eines haben: Spaß. Doch dann begegnet sie in einer Kneipe den fast 20 Jahre älteren Weston Liggett und verliebt sich in ihn. Liggett aber möchte nur eines: mit ihr ins Bett.

John O’Hara (1905 – 1970) sorgte mit seinem zweiten Roman „BUtterfield 8“ (der zweite Großbuchstabe ist von O’Hara so gewollt und bezieht sich auf die Telefonnummern der Upper Eastside), der 1935 erschien, für einen riesigen Skandal. Keiner vor ihm hatte so freimütig über Sex geschrieben wie er. Hinzu kommt eine gelegentlich recht derbe Sprache, die sogar Krimiautoren wie Jim Thomson u. Co. blass aussehen lässt.

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„BUtterfield 8“ ist jedoch keineswegs ein Schmuddelroman (auch wenn er von den damaligen Kritikern als schmutzig bezeichnet wurde), sondern O’Haras Abrechnung mit New York, wo er selbst lebte. Dahingehend erinnern manche Absätze, in denen er das Treiben in der Großstadt beschreibt, an John Don Passos‘ Meisterwerk „Manhattan Transfer“. In seinem zweiten Roman ist jeder sich selbst am nächsten. Sogar Glorias bester Freund Eddie, der ihr zum ersten Mal begegnet, als er als Türsteher in einem Bordell arbeitet. Zwischen beiden existiert eine Art Hassliebe, wobei Gloria Angst hat, Eddie zu zerstören, wenn sie mit ihm eine richtige Beziehung beginnen würde. Und Eddie möchte ihr im Grunde auch nicht näher kommen, da er bereits eine richtige Freundin hat.

Da Gloria auf niemanden Rücksicht nimmt – nicht einmal auf sich selbst – wirft sie sich ins New Yorker Nachtleben, wo sie von einer Kneipe zur nächsten tingelt, Drogen nimmt und jede Menge Alkohol trinkt. Doch dann, wie bereits erwähnt, trifft sie auf Weston Liggett, einem widerlichen Kerl, der mit seiner Frau nicht mehr klar kommt, doch in Erklärungsnot gerät, da Gloria den Pelzmantel seiner Frau hat mitgehen lassen.

Die Suche nach Gloria und Glorias ausschweifendes Leben machen die Geschichte zu einem wirbelnden Großstadtroman, der in den USA zu den wichtigsten Romanen der Moderne zählt. Als Leser ist man mitten drin in der Hektik, der atemlosen Vergnügungssucht und der sich daraus ergebenden Dramatik. An wenigen Stellen geraten die Schilderungen zu ausschweifenden Ausführungen, doch so als hätte O’Hara dies selbst bemerkt, hüpft er mit einem Satz zurück in die rasante Handlung – und schon ist man wieder inmitten des turbulenten Nachtlebens.

1960 wurde der Roman mit Elizabeth Taylor verfilmt, erhielt jedoch (trotz diverser Oscarnominierungen) schlechte Kritiken. John O’Haras zweiter Roman jedoch ist nicht nur großartig, frech und witzig, sondern absolut zeitlos.

FuBs Fundgrube: „Was am Ende bleibt“ von Paula Fox

Cover der im dtv-Verlag 2011 erschienenen Übersetzung in der Jubiläumsedition

Bis vor kurzem war mir der Name Paula Fox völlig unbekannt. „Was am Ende bleibt“ erstand ich antiquarisch –  und daher ist der Roman auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir Bücher vorstellen, die wir auf Bücherflohmärkten oder in Antiquariaten entdeckt haben.

Das Lesen hat sich wirklich gelohnt. „Was am Ende bleibt“ ist nicht nur ein beeindruckender Roman über eine kaputte Ehe, sondern zugleich eine gewitzte Satire über die amerikanische Gesellschaft. Es geht um Otto und Sophie Bentwood, beide Anfang/Mitte vierzig, kinderlos und wohlhabend. In ihrer Ehe kriselt es. Dies wird beiden erst so richtig bewusst, als zwei Dinge geschehen: zum einen wird Sophie von einer streunenden Katze gebissen und zum anderen verliert Otto, der als Anwalt arbeitet, seinen langjährigen Geschäftspartner.

Während Otto sich verkampft an der Alltagsroutine festklammert, denkt Sophie immer mehr über ihr Leben nach. Eine Affäre mit einem von Ottos Klienten hat sie ihm bis heute verschwiegen. Beide kleben dennoch aneinander, da sie trotz allem nicht anders können. Der Sinn in ihrem Leben ist beiden abhandengekommen, doch wenn sie sich trennen würden, würden beide einfach in ein schwarzes Loch fallen.

Cover der amerikanischen Ausgabe

Wie ich inzwischen weiß, gehört Paula Fox (1923 – 2017) zu den wichtigsten amerikanischen Autoren und ihr Roman „Was am Ende bleibt“ zählt zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Trotz der damals guten Kritiken geriet Paula Fox in Vergessenheit, bis sie (ähnlich wie Richard Yates) Anfang 2000 wiederentdeckt wurde. „Was am Ende bleibt“ ist ein dichter, düsterer und dennoch aufgrund der ironischen Seitenhiebe witziger Roman. Die Dialoge sind geradezu perfekt konzipiert, parallel zur Ehekrise scheint sich eine gesellschaftliche Krise immer mehr zu offenbaren.

Diese skizziert Paula Fox wie nebenbei. Leute kippen ihren Müll auf die Straße, werfen Steine in Fenster oder zertrümmern die Inneneinrichtung eines Hauses. Der moralische Verfall könnte genauso gut auf heute zutreffen. Diese beklemmenden Ereignisse, die einfach und ohne Erklärung geschehen, lassen die Welt und das Leben der Bentwoods geradezu trostlos erscheinen. An Hoffnung wagt keiner zu denken.

Zuletzt erschien „Was am Ende bleibt“ 2011 im dtv-Verlag, elf Jahre davor im C.H. Beck-Verlag. Leider wurde der Roman seitdem bei dtv nicht nochmals aufgelegt (im Beck-Verlag gibt es die Übersetzung weiterhin). Für mich ist „Was am Ende bleibt“ einer der besten Romane, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es lohnt sich, immer mal wieder auf eine literarische Entdeckungsreise zu gehen.

Paula Fox. Was am Ende bleibt. dtv-Verlag 2011, 201 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

FuBs Fundgrube: „Schattenschwester“ von Simone van der Vlugt

In FuBs Fundgrube stellen wir Bücher vor, die es, nur noch antiquarisch zu kaufen gibt. In der Regel handelt es sich um Bücher, die wir bei einem unserer liebsten Hobbys, dem Besuch von Bücherflohmärkten, aufgestöbert haben. Bei einer unserer „Entdeckungsreisen“ stießen wir auf den Krimi „Schattenschwester“ der niederländischen Autorin Simone van der Vlugt.

Simone van der Vlugt schreibt eigentlich Jugend- und Kinderbücher. Mit „Klassentreffen“ aber verfasste sie ihren ersten, sehr erfolgreichen Krimi, dem mit „Schattenschwester“ ein zweiter folgte. Es geht um die Zwillingsschwestern Marjorlein und Marlieke. Die erste ist Lehrerin an einer Problemschule, die zweite arbeitet als Fotografin. Marjorlein wird eines Tages von einem ihrer Schüler mit dem Messer bedroht. Wenige Tage später wird sie ermordet. Als Hauptverdächtiger wird der Junge Bilal ermittelt, der sie damals in der Schule bedroht hat. Doch je mehr Marlieke der Sache nachgeht, desto mehr Ungereimtheiten treten ans Tageslicht.

Immer wieder habe ich das Buch zur Seite gelegt, da die Handlung ziemlich auf der Stelle trat. Und dennoch lag zwischen den Zeilen eine sonderbare Unruhe, die mich nicht mehr losgelassen hat. Schließlich habe ich mir den Roman erneut vorgenommen – zum Glück. Denn Simone van der Vlugt schreibt nicht nur sehr gut, sondern die Geschichte wurde von Seite zu Seite spannender.

In allererster Linie geht es um die Beziehung der beiden Schwestern untereinander. Aus den Ich-Perspektiven von Majorlein und Marleike ergibt sich dabei nach und nach ein immer düsterers Bild. Marleike fragt sich zunehmend, wer war ihre Schwester eigentlich wirklich?

Simone van der Vlugt verfolgt die durchaus verstörende Spurensuche mit psychologischer Raffinesse. Minutiös schildert sie, wie sich die einzelnen Figuren verändern, je mehr über die Vergangenheit ans Tageslicht tritt. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Wendungen, von denen nicht wenige einem den Atem rauben.

„Schattenschwestern“ ist dabei ein eher ruhiges Buch. Die Autorin trägt nicht groß auf, aber das braucht sie auch nicht, denn ihre Stärke liegt im Subtilen, das der Geschichte eine beängstigende Atmosphäre verleiht. Immer tiefer wird man in den Strudel der Zusammenhänge gezogen, die sich nach und nach auftun. Und letztendlich lässt einen die Spannung nicht mehr los.

Für mich ist „Schattenschwester“ (trotz des wenig gelungenen Anfangs) eine echte Überraschung gewesen. Der feinsinnige Krimi hallt noch lange in einem nach.

Simone van der Vlugt. Schattenschwester. Diana Verlag 2007, 368 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Die Gespenstertruhe“

Die Anthologie „Die Gespenstertruhe“ zählt bis heute zu den besten Sammlungen klassischer Gruselgeschichten. Herausgegeben hat das Buch Martin Gregor-Dellin, das 1967 zum ersten Mal im Nymphenburger Verlag erschienen ist.

Obwohl ich Anthologien von Gespenstergeschichten sammle, war mir anfangs speziell dieses Buch völlig unbekannt. Durch Zufall und über Umwege stieß ich darauf, als mir in einem Antiquariat der zweite Band über den Weg lief. Dieser, ebenfalls von Martin Gregor-Dellin herausgegebene Band trägt den Titel „Die schwarze Kammer“ und stammt aus dem Jahr 1972. Dieser ist zwar nicht so gut wie „Die Gespenstertruhe“, dennoch sehr lesenswert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auf dem Buchumschlag von „Die schwarze Kammer“ wird der erste Band beworben, den ich mir natürlich dann auch antiquarisch besorgt habe. Die Frage ist nun, was „Die Gespenstertruhe“ so unvortrefflich macht. Die Antwort lautet: weil sich in dem Buch wirklich alle bekannten, klassischen Gespenstergeschichten die Klinke in die Hand geben. Daniel Dafoes „Die Erscheinung der Mrs. Veal“ macht gleich den Anfang – und ich finde, diese Geschichte muss einfach am Anfang stehen, da sie wie ein Opener für alle anderen Geschichten wirkt. Auch Bulwer-Lyttons Spukhausgeschichte „Das verfluchte Haus in der Oxfordstreet“ fehlt hier ebenso wenig wie Alxandre Dumas‘ „Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett“.

Der Band beinhaltet des weiteren die berühmten Geistergeschichten von Charles Dickens, Honoré de Balzac, Heinrich von Kleist, M. R. James, Heinrich Heine, Oscar Wilde, Mark Twain Edgar Allan Poe usw. – also wirklich keine der bekannten Spukgeschichten fehlt hier. Des weiteren hat Gregor-Dellin auch unheimliche Geschichten von Agatha Christie („Die letzte Sitzung“) und Truman Capote („Miriam“) mit aufgenommen. Ebenso wenig fehlt der Blick auf die klassischen asiatischen Geistergeschichten, von denen mit Pu Ssung-Ling und Ueda Akinari die wohl bekanntesten Vertreter vorhanden sind.

Wie oben bereits erwähnt, erschien 1972 der zweite Band. Noch im selben Jahr wurden beide Bände zusammengefügt und unter dem Titel „Das Gespenst im Aktenschrank“ im dtv-Verlag veröffentlicht. Es gibt auch noch einen „heimlichen“ dritten Band, der 1974 mit dem Titel „Das Wachsfigurenkabinett“ erst im Nymphenburger Verlag erschienen ist und 1979 erneut im dtv-Verlag. Dabei handelt es sich jedoch weniger um Gespenstergeschichten, sondern allgemein um unheimliche Erzählungen, wobei sowohl klassische als auch moderne Autoren vertreten sind. Doch sowohl der zweite als auch der dritte Band kommen an die Großartigkeit der „Gespenstertruhe“ nicht heran. Diese ist und bleibt einzigartig.

Die Gespenstertruhe. Geistergeschichten aus aller Welt. Hrsg. Martin Gregor-Dellin. Nymphenburger Verlag 1967, 464 Seiten.

 

FuBs Fundgrube: „Das Schnurren der Katze“ von Hugh B. Cave

In den 70er und 80er Jahren veröffentlichte der dtv-Verlag mehrere unheimliche und generell phantastische Romane und Anthologien unter dem Reihentitel dtv phantastica. Der damalige Slogan zu der Reihe lautete: „Schwarz: der Umschlag. Schwarz: Der Inhalt. Schwarz: Die Reihe“. In der Reihe erschienen sowohl klassische Autoren wie Leo Perutz, Bram Stoker oder Mary Shelley, aber auch George Langelaan („Die Fliege“) und sogar Stephen King.

Eine besondere Stellung nimmt in dtv phantastica sicherlich das Buch „Das Schnurren der Katze“ von Hugh B. Cave ein – und zwar deshalb, da dies die einzige Sammlung von Erzählungen des amerikanischen Horrorautors ist, die jemals auf Deutsch erschien. Cave (1910 – 2004) zählte in den 30er, 40er und 50er Jahren zu den erfolgreichsten Horrorautoren. Er veröffentlichte in den damaligen Pulp Magazinen insgesamt über 1000 Kurzgeschichten. Hinzu kommen über 20 Romane, von denen sich die meisten mit dem Voodoo-Kult befassen.

Der Hang zum Grauen wurde ihm quasi schon in die Wiege gelegt, las seine Mutter doch gerne Schauerromane. Besonders hatte es ihr „Die Burg von Otranto“ von Hugh Walpole angetan, weswegen sie auch ihrem Sohn den Namen Hugh gab. Trotz seines Erfolgs gelangte keines seiner Werke bis nach Deutschland. Dies änderte sich 1981 mit der oben genannten Storysammlung. Man hätte meinen können, dass diese den Weg für weitere Übersetzungen bereiten würde, aber weit gefehlt.

Wirklich schade, denn Hugh B. Caves Geschichten machen regelrecht süchtig. Egal ob es um angenähte Hände mit einem unheimlichen Eigenleben geht, um ein Funkgerät, mit dem man Botschaften aus dem Jenseits empfangen kann, um Vampire oder um lebendig werdende Filmmonster, die Handlungen sind stets überaus spannend, sinnlich und angenehm gruselig. Ich weiß gar nicht, wie oft ich das Buch bereits gelesen habe, es wird auf jeden Fall nie langweilig. Die Geschichten faszinieren stets aufs Neue und lassen einen nicht mehr los.

Caves unheimliche Fantastie ist geradezu plastisch, fast so wie das Monster, das nachts lebendig wird und Frauen entführt. Es ist jedes Mal ein wahrer Genuss, die einzelnen Geschichten zu lesen, und wenn man mal mit der ersten begonnen hat, dann muss man einfach die übrigen ebenfalls verschlingen, so sehr zieht einem dieses Buch immer wieder in seinen Bann.

Wie gesagt, ist leider nie wieder etwas von dem Autor auf Deutsch erschienen. Mittlerweile sind seine Bücher auch in den USA nur mehr antiquarisch erhältlich. Wer noch bei einem Antiquariat ein Exemplar von „Das Schnurren der Katze“ findet, sollte sofort zuschlagen, er hält damit einen wahren Schatz in der Hand.

Hugh B. Cave. Das Schnurren der Katze. dtv 1981 (dtv phantastica), 129 S.

FuBs Fundgrube: „Hüter der Finsternis“ von Anthony O’Neill

Es gibt tatsächlich Bücher, die einen ärgern. Und das, obwohl man sie für wenig Geld am Bücherflohmarkt erstanden hat. So erging es jedenfalls mir, als ich den Roman „Der Hüter der Finsternis“ des australischen Autors Anthony O’Neill für gerade mal einen Euro gekauft habe.

Davor hatte ich noch nie etwas über den Autor gehört. Inzwischen weiß ich, dass er vor zwei Jahren einen SF-Roman veröffentlicht hat, sein Debut aber (aus dem Jahr 2003) war der oben genannte Roman, eine Mischung aus historischem Roman und Thriller. So steht es jedenfalls auf dem Klappentext. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Edinburgh. Eine Reihe brutaler Morde sucht die Stadt heim, die Polizei ist ratlos, Augenzeugen wollen ein Ungeheuer gesehen haben, das nachts durch die Straßen streift. Neben Inspektor Groves machen sich auch der Philosophieprofessor McKnight und sein Freund Canavan auf die Suche nach dem Mörder.

Eine junge Frau namens Evelyn rückt mehr und mehr ins Zentrum der Ermittlungen. Alles schön und gut, doch hapert es in O’Neills Debut an allen Ecken und Enden. Kurz, man fragt sich, wieso der Roman auf diese Weise veröffentlicht und nie überarbeitet wurde, denn Handlungslogik schaut anders aus. Vor allem zum Schluss schustert O’Neill alle möglichen Ideen krampfhaft zu einer einzigen zusammen, was dazu führt, dass der Roman weg vom Thriller hin zum wirren Fantasy-Abenteuer führt. Der Übergang von einem Genre zum anderen hätte durchaus überraschend sein können, doch O’Neill macht dadurch alles noch schlimmer. Denn das, was der Autor dem Leser präsentiert, hat einfach weder Hand von Fuß.

Stutzig wird man bereits bei so manchen Figuren, die mit Tamtam eingeführt werden, nur um sie dann einfach links liegen zu lassen. Unnötige Szenen ziehen manche Kapitel in die Länge, ohne dass sie eine bestimmte Funktion erfüllen, die Hauptfiguren wirken zum großen Teil wenig überzeugend, was sich besonders bei Groves bemerkbar macht. Zum Teil sind die Dialoge einfach nur nervig, da sie die Handlung nicht weiterbringen, sondern dazu führen, dass diese auf der Stelle tritt. Das Resultat: das Finale des Ganzen ist dermaßen dämlich, dass man nur noch den Kopf schüttelt.

Nach dem Lesen habe ich viel über den Roman nachgedacht, eben weil er dermaßen schlecht konzipiert ist. O’Neill schreibt in der Schlussbemerkung, dass ihm vor allem Robert Louis Stevenson beeinflusst habe. Ich persönlich meine, dass sich Anthony O’Neill an den Romanen James P. Blaylocks orientiert hat, der als eines seiner Vorbilder übrigens auch Stevenson nennt und vor allem in den 1990er Jahren mit „Homunculus“ oder „Land der Träume“ großen Erfolg hatte. Der Unterschied zwischen Blaylock und O’Neill ist aber, dass Blaylock hervorragend konzipierte Romane auf den Leser losließ, während O’Neills angebliche Mischung aus historischem Roman und Thriller völlig daneben geht.

Man kann sich also wirklich über Bücher ärgern, selbst dann, wenn man sie für wenig Geld erstanden hat. „Hüter der Finsternis“ ist 2006 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und inzwischen nur mehr antiquarisch erhältlich.

FuBs Fundgrube: Die Weisheit der Knochen

In unserer Reihe FuBs Fundgrube stellen wir Bücher vor, die nur noch antiquarisch zu finden sind.

Es gibt Bücher, bei denen das Cover so abschreckend wirkt, dass man sie eigentlich gar nicht lesen möchte. Doch zeigt sich bei Christopher Hydes Thriller „Die Weisheit des Todes“, der 2009 im Heyne Verlag erschienen ist und inzwischen leider nur mehr antiquarisch zu haben ist, dass man Bücher nicht nach ihrem Cover beurteilen sollte.

„Die Weisheit des Todes“ (Originaltitel: „Wisdom of the Bones“) ist ein unglaublich beeindruckender Thriller, der in Dallas im Jahr 1963 spielt. Präsident Kennedy wird ermordet. Während die Polizei alles daran setzt, den Täter zu finden, geht in der Stadt ein Serienmörder um, zu dessen Opfern ausschließlich schwarze Mädchen zählen. Ray Duval versucht als einziger, den Mörder zu fassen …

Christopher Hyde, von Beruf Journalist, versteht es geradezu meisterhaft, Fakten mit Fiktion zu verbinden. Angeblich basiert der Roman auf einer wahren Begebenheit, doch mehr erfährt man im Nachwort dazu leider nicht. Wichtiger aber ist sowieso der Roman selbst, und der haut einen regelrecht um.

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite beschreibt Hyde den verzweifelten Versuch eines Polizeibeamten, der in all der Hektik, die nach der Ermordung Kennedys die ganze Stadt erfasst, einen Mörder sucht, für den sich ansonsten niemand interessiert. Denn farbige Opfer sind den weißen Polizisten so gut wie egal, Rassismus wird groß geschrieben. Ray Duval lässt trotzdem nicht locker und kommt dabei den Kennedy-Ermittlern immer wieder in die Quere.

Äußerst gelungen an dem Roman ist, dass Hyde in den Szenen, in denen Duval in die mit dem Kennedymord verbundenen Ereignisse tappt, zu denen es die bekannten Filmaufnahmen und Fotos gibt, diese minutiös beschreibt, was nicht ohne schwarzen Humor und böser Ironie geschieht. So findet Duval z.B., als Kennedy ins Krankenhaus gebracht wird, mitten auf dem Flur eine Patronenhülse. Doch anstatt diese dem FBI zu übergeben, steckt er sich diese gedankenverloren in die Manteltasche. – In dieser Hinsicht nicht unerwähnt bleiben darf, wie großartig Christopher Hyde recherchiert hat. Bis zum I-Tüpfelchen genau beschreibt der Autor den damaligen Alltag, die Gebrauchsgegenstände sowie die damalige Polizeiarbeit.

„Die Weisheit des Todes“ ist von Anfang bis Ende ein großartiger Roman, eigentlich einer der besten Thriller, die ich jemals gelesen habe. Leider ist da eben dieses überaus dämliche Cover, das den Eindruck vermittelt, als habe der Grafikdesigner nur halbherzig seine Arbeit erledigt. Im Grunde genommen wirkt es wie selbst gebastelt, bestenfalls wie das Cover eines drittklassigen Heftromans. Schade, dass damals der Heyne Verlag nicht etwas in Auftrag gegeben hat, was dem Roman gerecht wird.

FuBs Fundgrube: „Spurlos“ von Katherine John

Cover der 2008 im Rowohlt Verlag erschienen Ausgabe

Normalerweise stellen wir in unserer Fundgrube ja ältere Bücher vor, die man nur mehr auf antiquarischem Weg erhalten kann. „Spurlos“ der walisischen Autorin Katherine John ist erst vor zehn Jahren, also im Jahr 2008, erschienen, aber schon nicht mehr im Handel erhältlich.

„Spurlos“ ist der erste Fall von Inspektor Trevor Joseph, der eigentlich im Drogendezernat tätig ist. Die Polizei sucht nach einem brutalen Autobahnmörder, der seine Opfer grausam verstümmelt. Zugleich machen Gerüchte über eine als Pierrot verkleidete Gestalt die Runde, die in einem halb verfallenen Theater hausen soll. Und schließlich wird auch noch ein Oberarzt des städtischen Krankenhauses vermisst.

Als ich den Roman gelesen habe, habe ich mich ständig gefragt, wieso das Buch aus dem Verlagsprogramm genommen wurde. Anscheinend wurden noch fünf weitere Romane der Autorin auf Deutsch veröffentlicht, aber auch die gibt es bereits nicht mehr im Handel. „Spurlos“ hat mich jedenfalls überaus positiv überrascht.

Der Roman ist sehr unterhaltsam, durchaus witzig und die Spannung ist auch nicht ohne. Wenn man es genau nimmt, so ist der Roman eher unterhaltsam als spannend, aber der Roman liest sich auf jeden Fall weg wie nichts. Das liegt vor allem auch an dem hervorragenden Schreibstil der Autorin, mit dem sie den durchaus komplexen Fall erzählt. Zwar ist der Roman eindeutig als Thriller konzipiert, gegen Ende aber geht die Story über in eine Art moderne Schauergeschichte, natürlich ohne Gespenster, aber man merkt, dass sich Katherine John von Autoren wie Sheridan Le Fanu oder auch Mary Shelley hat inspirieren lassen.

Einen großen Pluspunkt erhalten auch die Figuren des Romans, die liebevoll von der Autorin konzipiert wurden. Interessanterweise ist es jedoch ausgerechnet Trevor Joseph, der im Gegensatz zu den anderen Figuren eher oberflächlich wirkt. So wirkt z.B. sein Kollege Peter Collins weitaus lebendiger und komplexer. Dennoch ist „Spurlos“ ein sehr unterhaltsamer Roman, bei dem man stets wissen möchte, wie die Geschichte weiter geht.

Katherine John. Spurlos. Rowohlt Verlag 2008, 440 Seiten.