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Archive for Oktober 2012

Vampirfilm für Kunstliebhaber

„Blut an den Lippen“ (Les lèvres rouges) aus dem Jahr 1971 dürfte einer der wenigen Horrorfilme aus Belgien sein. Regie führte der Kunstfilmer Harry Krümel, der mit seiner Jean Ray-Adaption „Malpertui“ international Aufsehen erregte. Es geht um Stefan und Valerie, die, frisch verheiratet, ihre Flitterwochen in einem Hotel in Ostende verbringen wollen. Der einzige andere Gast außerhalb der Saison ist die Gräfin Elizabeth Bathory. Der Portier teilt Stefan und seiner Frau mit, dass sich das Aussehen der Gräfin seit über 40 Jahren nicht geändert habe. Für das junge Ehepaar wird die Situation unheimlich, als sich die Gräfin für Valerie zu interessieren beginnt.

„Blut an den Lippen“ ist ein Kunstwerk. Obwohl sich Harry Krümel den Vorgaben und Wünschen seiner Produzenten beugen musste, ließ er sich das Heft nicht ganz aus der Hand nehmen. So wurde aus dem Vampirfilm kein bloßes Beispiel für die Schmuddelfilm-Ära, sondern ein eigenwilliger Film, der mit unterschiedlichen Kunststilen hantiert, ohne dabei zu vergessen, eine interessante und zugleich spannende Geschichte zu erzählen. Krümel rückt dabei das Basisthema des Vampirgenres, nämlich die sexuelle Abhängigkeit und unterdrückte sexuelle Wünsche, ins Zentrum. Jedoch verhindert er es geschickt, aus dieser Thematik einen Softporno zu kreieren. Im Gegenteil, der Film wird zu einem surrealen Kunstwerk, vergißt dabei den Aspekt des Unheimlichen nicht und schafft somit eine knisternde Dichte, der man sich nur schwer entziehen kann.

 

 

Zombiefilm für Kunstliebhaber

„Messias des Bösen“ (Messiah of Evil) aus dem Jahr 1973 fährt hierbei ganz andere Geschütze auf. Regie führte William Huyck, der später durch seine Komödie „Howard – Ein tierischer Held“ bekannt werden sollte. „Messias des Bösen“ handelt von Arletty, die den Ort Point Dune aufsucht, um dort nach ihrem verschwundenen Vater zu suchen. Die Einwohner der kleinen Stadt erweisen sich als seltsam und wenig kontaktfreudig. Durch Zufall trifft Arletty auf den Intellektuellen Thom, der zusammen mit seinen beiden Freundinnen Toni und Laura sich in Point Dune aufhält, um Informationen über die Legende des Blutmondes zu sammeln. Alle vier befinden sich in zunehmender Gefahr, denn nachts verwandeln sich die Einheimischen in menschenfressende Untote.

Was klingt wie typische Zombie-Massenware, ist es nicht. Wie auch „Blut an den Lippen“ kann man „Messias des Bösen“ eher zu den Kunstfilmen zählen. Der Aspekt des Surrealen ist von Anfang an vorhanden, und Huyck sucht zum Glück nach keiner Erklärung für die Geschehnisse in dem seltsamen Ort. Dies lässt ihm Zeit, sich voll und ganz auf die sonderbaren Ereignisse zu konzentrieren, die geradezu vollendet in Szene gesetzt sind. Als Beispiel sei hier nur die Kaufhaus-Szene erwähnt, deren Spannung Huyck fast schon lehrbuchartig aufbaut. Auch die Kulissen lassen in Sachen Surrealität nichts zu wünschen übrig. Arlettys Vater war Künstler, der die Innenwände seines Hauses komplett mit bizarren Gemälden verziert hat, in denen lebensgroße menschliche Gestalten abgebildet sind. Die Wirkung dieser Kulissen ist derart, dass der Zuschauer stets glaubt, dass sich die Schatten bewegen würden, was sie natürlich nicht tun. Es handelt sich um eine hervorragende optische Täuschung, die Huyck bewusst in seinen Film eingebaut hat. Man kommt nicht umhin, den Film mit Herk Harveys „Carneval of Souls“ zu vergleichen, der ebenfalls mit traumartigen und psychedelischen Aspekten arbeitet, auch wenn Hyuck dies durch die Synthese verschiedener Subgenres verdeckt.

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Daphne du Maurier

Daphne du Maurier (1907-1989) ist neben Patricia Highsmith die wohl bekannteste Thrillerautorin. Die gekonnte Mischung aus Suspense, Mystery und Phantastik zeigt sich in so manchen Erzählungen wie etwa „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, „Die Vögel“ oder auch „Küss mich, Fremder“. Und nicht zu vergessen natürlich ihr wohl berühmtester Roman „Rebecca“, welcher (wie auch „DieVögel“) von Alfred Hitchcock verfilmt wurde.

Hier soll jedoch nicht länger auf du Mauriers Gesamtwerk eingegangen werden, dazu gibt es bereits genügend Artikel. Vielmehr beschäftigt uns in diesem kleinen Essay ihre Novelle „Monte Verità“, welche zum ersten Mal 1952 in ihrem Erzählband „The Apple Tree“ veröffentlicht wurde.

Es geht darin um einen seltsamen und uralten Kult, dessen Riten von einer sonderbaren, angeblich unsterblichen Gemeinschaft auf dem Berg Monte Verità abgehalten werden. Angeblich soll die Gemeinschaft Frauen und Mädchen entführen. Tatsächlich verschwindet eines Morgens Anna, die Frau des Bergsteigers Victor. Die Einheimischen, welche sich vor der Gemeinschaft auf dem Berg fürchten, sprechen ständig von einem sonderbaren Kloster, in welches Anna entführt wurde. Victor sucht dieses Kloster auf, nur um zu erfahren, dass er seine Frau nie wieder sehen wird. Stattdessen kehrt er jedes Jahr an diesen Ort zurück, um Anna einen Brief vor die Klostermauer zu legen. Jahre später wandelt sich die Angst der Einheimischen in Hass gegenüber die unheimlichen Bewohner des Berges. Durch Zufall trifft Victor auf seinen besten Freund (dem Ich-Erzähler der Geschichte) und bittet ihn, zum letzten Mal den Berg zu besteigen, um Anna eine Warnung zukommen zu lassen.

Das Ende der Geschichte soll nicht verraten werden. Der Leser hat einen Anspruch darauf, dass die Spannung erhalten bleibt. Nur soviel sei gesagt: man warf Daphne du Maurier immer wieder einen Hang zur Melodramatik vor. Dieser findet sich in gewisser Weise in dieser Novelle auf fast vollendete Weise wieder. Doch ein anderer Punkt dürfte viel interessanter sein.

Liest man die Geschichte, so fallen einem zwei Aspekte auf: ein uralter Kult in einer einsamen Gegend und primitive Bewohner, welche in dessen Nähe wohnen. Ein anderer Aspekt hat ebenfalls mit dem Kult zu tun, betrachtete ihn aber aus einer etwas anderen Perspektive. Es handelt sich, und soviel darf verraten werden, ohne die Spannung der Geschichte zu mindern, um eine Gemeinschaft aus Frauen, welche wie Göttinnen angesehen werden. Dies ebenfalls in einem einsamen, wilden und, wie es in der Geschichte auch lautet, unerforschten Gebiet.

Die Fachliteratur weist darauf hin, dass Daphne du Maurier durch eine Künstlerkolonie, welche auf dem schweizer Berg Monte Veritá hauste, zu ihrer Idee inspiriert worden ist. Wir wollen hier einen etwas anderen Gedankengang gehen. Allein aus dem Aufbau der Geschichte und deren Merkmale lassen sich weitere Inspirationsquellen erschließen. Eine davon dürfte bei dem amerikanischen Autor Howard Philip Lovecraft (1890-1937) liegen, dessen Geschichten neben denen Edgar Allan Poes zu den Klassikern der nordamerikanischen Literatur zählen.

Lovecraft, von dessen Werken sich du Maurier höchtswahrscheinlich für ihre Novelle „Monte Verità“ inspirieren ließ

Seine Geschichten handeln oft von uralten Kulten, welche in einsam gelegenen Gebieten von sonderbaren Sekten am Leben erhalten werden und in deren unmittelbarer Umgebung primitive Einwohner hausen.  Diese lovecraftschen Merkmale finden sich in du Mauriers Novelle wieder. Auch der Anfang der Novelle von Daphne du Maurier scheint auf Lovecraft zu verweisen, indem sie das Ende vorweg nimmt (eine bei Lovecraft fast schon typische Methode) und dadurch eine Spannung erschafft, welche mit unheimlichen Merkmalen gewürzt ist: „Sie erzählten mir hinterher, sie hätten nichts gefunden; keine Spur weder von den Lebenden noch von den Toten“ (S. 240). Daraufhin folgt die skizzenhafte Beschreibung des uralten Bauwerks und die Erwähnung der unheimlichen Bewohner. Ähnliches findet sich auch in vielen Geschichten Lovecrafts. Ein weiterer Aspekt betrifft die Beschreibung des Berges, welche sehr an die Gemälde des russischen Malers Nickolas Roerich erinnern, die auch Lovecraft bei seinen Schilderungen inspiriert haben.

Die Anlehnung an Lovecraft zeigt sich ebenfalls an den Gemälden Roerichs, deren Beschreibungen sich in „Monte Verità“ wiederfinden. Als Beispiel hier die zwei im Sonnenuntergang leuchtenden Gipfel, welche du Maurier immer wieder erwähnt.

Haggard als weitere mögliche Inspirationsquelle für du Mauriers „Monte Verità“

Ein anderer Aspekt ist derjenige des Abenteuers. In der Tat kann man die Novelle auf verschiedene Arten lesen. Als tragische Liebesgeschichte, als unheimlich-phantastische Erzählung oder als phantastische Abenteuerstory. Der letzt genannte Punkt bringt uns in die Nähe eines anderen Autors: Henry Rider Haggard (1856-1925). Seine Romane spielen fast ausschließlich in Afrika und können mit dem Begriff „phantastische Abenteuer“ bezeichnet werden. Der Schöpfer so berühmter Figuren wie Allan Quatermain oder She arbeitete stets mit demselben Motiv. Die Abenteurer vernehmen das Gerücht über eine weiße Göttin, welche sich irgendwo in einem noch unerforschten Teil Afrikas befinden soll. In der Regel handelt es sich dabei um die verschollene Geliebte eines Auftraggebers oder eines Freundes der Hauptfigur. Auch dieses Motiv findet sich in du Mauriers Erzählung wieder. Anna wird zu einer Art Göttin stilisiert, welche auf ähnlich theatralische Weise auftritt wie die entsprechenden Figuren Haggards. Auch hier handelt es sich um die verschollene Frau des Freundes des Ich-Erzählers, sprich der Hauptfigur.

Diese beiden Aspekte machen Daphne du Mauriers Novelle überaus interessant.  „Monte Verità“ gehört sicherlich zu ihren spannendsten und faszinierendsten Werken. Dass sie bisher in keiner der unzähligen Lovecraft-Anthologien aufgetaucht ist, erscheint rätselhaft. Doch vielleicht ändert sich das ja noch.

Das eingefügte Zitat stammt aus dem Buch: Daphne du Maurier – Meistererzählungen, Fischer Taschenbuch Verlag 2007.

Der Inhalt des Textes liefert keine werkbiographischen Tatsachen. Es handelt sich um analytische Schlussfolgerungen, welche sich aus den oben erwähnten  Merkmalen ergeben.

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Eine Rezension von Richard Albrecht

„Erich Loest gehört längst zu den Größen deutschsprachiger Literatur. In zahlreichen Erzählungen und Romanen beschrieb Loest deutsch-deutsche Geschichte und fesselte durch eine spannende und unterhaltende Erzählweise. Immer wieder hat der Schriftsteller seine Texte und Sujets so gewählt, dass sie den Lesern, ob Jung oder Alt, deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert nahebringen konnten. Dabei hat er sich nicht nur durch seine autobiografischen Schriften und Essays als aufmerksamer Zeitzeuge einen Namen gemacht: Vor allem in seinen zeitgeschichtlichen Romanen kommt der Chronist Erich Loest immer wieder zum Vorschein. Und so stellt das neue Lesebuch mit Auszügen aus diesen belletristischen Werken den Chronisten Erich Loest heraus und macht Geschichte erfahrbar.“[i]

I.  Den so öffentlich ausgelobten Autor habe ich in meinem einzigen Buch (1987)[ii], das sowohl als akademische Qualifikationsschrift kurz nach Erscheinen angenommen als auch zehn Jahre später (1997) verfilmt wurde, zwei Mal zitiert: einmal kritisch in der Einleitung gegen eine hagiographische Tendenz in der Zeitgeschichtsschreibung aus Loests 1974 veröffentlichter Erzählung Eine ganz alte Geschichte mit dem Kommentar, „daß es auch und gerade in der Geschichtsschreibung der proletarischen und Arbeiterbewegung ereignishafte Überspitzungen gibt, die in der distanzlosen späteren Deutung verhelden […] Ebensowenig wie Loests Kunstfigur, der prominente kommunistische Funktionär Kurt Drägow, „Drägowkurt“, an jedem wichtigen Ereignis seiner Zeit aktiv und persönlich beteiligt war, muße auch der realexistierende sozialdemokratische Militante, Funktionär und Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff an wichtigen Parteiereignissen […] teilnehmen.“[iii] Zum anderen im letzten Kapitel im Zusammenhang mit dem Todestag Mierendorffs aus Loests 1984 erschienenem Roman Völkerschlachtdenkmal „zum schwersten britischen Luftangriff auf Leipzig in der Nacht von Freitag auf Samstag (3./4.12.1943). Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest  hat ihn so beschrieben: ´An diesem 4. Dezember wurde es über Leipzig nicht hell […] Leipzig war in die Knie gebrochen in dieser Nacht, es stöhnte und wand sich, zuckte und blutete, es hatte den schrecklichsten Tag seiner Geschichte erlebt […] 1.100 Tonnen Bomben hatten 1.182 Leipziger umgebracht, eine Tonnen Bomben für eine Menschen galt als rentabel.´“[iv]


II. Erich Loest traf ich in diesem Leben bisher zwei Mal bei ganzdeutschen Schriftsteller(verbands)treffen in den 1990er Jahren. Loest hatte jeweils reichlich getrunken und war meiner Erinnerung nach einmal noch nicht, das andere Mal schon betrunken und beide Male erfolgreich bemüht, auch schwankend Haltung zu bewahren: wenn beim Optimisten das Glas halbvoll und beim Pessimisten halbleer sein soll – dann weiß ich bis heute nicht, zu welcher Sorte von Trinkern Loest gehört. Und immer wenn ich an einen ehemaligen F.D.P.-Bundesvizekanzler, den im Juni 2003 abgesprungenen Münsteraner Jürgen W. Möllemann („Jürgen WM“) und seinen in jeder öffentlichen Veranstaltung mindestens einmal bemühten Kalauer von denDeppen, die glauben, daß ´n Zitronenfalter wirklich Zitronen faltet denke, dann assoziiere ich typischerweise Loests Sachsenspruch von der (1953 bis 1990 real-existierenden) einzigen sächsischen Stadt mit drei O´s – Karl-Marx-Stadt und vermute: dieser drögsächsische Sprachkalauer hat sich eher im Gedächtnis festgesetzt als der kritische Hinweis des Autors nach dem 17. Juni 1953 an seine damaligen Genossen: „Es nützt nichts, im Elfenbeinturm zu sitzen und die Rote Fahne zu schwingen“.[v]


III. Von Erich Loest stehen im eigenen Bücherregal acht (mit Ausnahme des Karl-May-Romans auch gelesene) Bücher: die Romane Schattenboxen (1973), Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene (1978), Swallow, mein wackerer Mustang (1980), Reichsgericht (2001) sowie der Erzählband Pistole mit sechzehn (1979), die bewegende Autobiographie Durch die Erde ein Riß und die zeitgeschichtlich-politischen Recherchebände Der Vierte Zensor (1984) und Die Stasi war mein Eckermann (1991). Dazu las ich drei weitere, über Fernleihe ausgeliehene, Loest-Romane: Fallhöhe (1989), Völkerschlachtdenkmal (1984) und Zwiebelmuster (1985). Nicht gelesen habe ich Loests (soweit ich weiß) bisher kommerziellsten Erfolg, den Roman Nikolaikirche (1995). Und auch dessen am 27. Oktober und 1. November 1995 erstgesendete, 1996 preisgekrönte, ARD-Verfilmung[vi]kenne ich nicht.

IV.   Im Zusammenhang mit einer Kurzreise nach Leipzig las ich zuletzt den justizkritischen Loest-Roman Reichsgericht (2001). Diesen Roman bewerte ich (weniger wegen des Plots, mit Verstorbenen  konspirativ-terristisch sprechen zu können als vielmehr) wegen des weiten linksdemokratisch-politikhistorischen Horizonts und seiner mit Gegenwartshandlung verschränkten Bildungselemente als so eindringliches wie ambitioniertes Stück deutsch(sprachig)er Unterhaltungsliteratur des vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts. Insofern weist Reichsgericht Loest als handwerklich höchsterfahrenen, passagenweise unterhaltungsliterarisch brilliant schreibenden Erzähler und Romancier aus. Und schließlich könnte der Autor inzwischen auch derjenige Ex-DDR-Autor aus der nun (hoch)betagten Schriftstellergeneration sein, der auch die Alt-BRD-Gesellschaft der 1980er Jahre und ihre bis heute kaum aufgearbeiteten Individualisierungschübe[vii] unterhaltungsliterarisch bewältigen kann. Dies ist auch Ausdruck einer Autorenentwicklung, die sich bereits im Roman Fallhöhe (1989) als dem ersten Loest-Erzählstoff, der im teildeutschen BRD-Westen spielt, andeutete.


V.  Aufs Leipziger Erich-Loest-Lesebuch war ich wochenlang gespannt. Nun liegt´s nach Wochen endlich (auch mir hier im deutsch-belgischen Grenzgebiet) vor. Ein (ge)wichtiges Buch auch im dinglichen Sinn. Es liegt gut in der Hand mit seinen 616 Gramm. Und augenfreundlich ist es auch: die Texte entsprechen dem, was etwa dtv als Großdruck bewirbt.

Im Klappentext wird als Hauptanliegen von Verlag und Herausgebern betont: „Wir wünschen uns, dass dieses Lesebuch für neue, junge Leser zur Anregung wird, sich die Romanwelt von Erich Loest zu erobern.“ Dem Anliegen entsprechend, präsentiert „dieses Lesebuch Auskünfte zur Entstehung, Inhaltsangaben und Auszüge aus folgenden Romanen von Erich Loest:

JUNGEN, DIE ÜBRIG BLIEBEN (1950)

ICH WAR DR. LEY […] (1966)

ES GEHT SEINEN GANG […] (1977)

SWLALLOW, MEIN WACKERER MUSTANG (1980)

ZWIEBELMUSTER (1985)

FROSCHKONZERT (1987)

NIKOLAIKIRCHE (1995)

GUTE GENOSSEN (1999)

SOMMERGEWITTER (2005)

LÖWENSTADT (2009)“

Alle zehn Texte (13-471) sind als Romanauszüge auf jeweils anderthalb Seiten vorab doppelt kommentiert durch Herausgeberhinweise zu Entstehung und Inhalt der zehn Loest-Romane aus sechzig Autorenjahren. Vorangestellt ist eine dreiseitige editorisches Vorbemerkung: WENN DIE GESCHICHTE NOCH QUALMT (9-11). Den Band schließen WICHTIGE LEBENSDATEN (472-473) und eine BIBLIOGRAPHIE DER HAUPTWERKE VON ERICH LOEST (474-476) ab.

VI.  Die Herausgeber betonen in ihrer Vorbemerkung die besondere Lebensgeschichte des Autors: bis 1945 glühender Jungnazi, 1947, grad volljährig, SED-Mitglied, ab 1953 kritischer Parteikommunist in Leipzig, 1957 Festnahme und bis 1964 Zuchthäusler in Bautzen, 1981 vorübergehende und ab 1984 dauerhafte Übersiedelung in die Alt-BRD, nach der „Wende“ 1990 Zweitwohnsitz wieder in Leipzig … das zeigt, „wie sehr Loests Leben von der [deutschen] Zeitgeschichte geschüttelt und geprägt“ wurde. Entsprechend wird auf das historische Material von Loest-Romanen verwiesen und auf dessen „Literaturkonzept“ mit aufklärender „romanhaft aufbereiteter Zeitgeschichte  [als] einer Quelle des Lernens und Staunens.“

So überzeugend dieses Generalanliegen insbesondere mit Blick auf „die Nachgeborenen“ (Bertolt Brecht) auch ist – ob die zehn genannten, im Buch als readers digest wiederveröffentlichten, die – wie die Herausgeber meinen – „zehn besten“ Loest-Romane sind, mag offen bleiben: weniger, weil etwa der werkgeschichtlich wichtige Roman Fallhöhe[viii] fehlt (475). Sondern vielmehr wegen des fehlenden Romans Reichsgericht (2001) einerseits. Und weil andererseits in diesem Lesebuch begründungslos nur ausgewählte Romanpassagen erscheinen und damit alles Essayistische und Dokumentarische wegbleibt. Das halte ich beim Zensor-Bericht (1984)[ix] für vertretbar. Nicht aber beim autobiographischen Text Durch die Erde ein Riß (1981), genauer: in diesem dramatischen Lebenslauf schreibt Loest über das ihn „umstülpende“ Jahr 1953[x]: „Jetzt, sagte er sich heftig und entschlossen, wirst du nie mehr blind glauben, alles wirst du prüfen und Menschen und Dinge wenden. Du wirst dein Gewissen als etwas betrachten, wofür du verantwortlich bist …“

An diese kritischen Kurzhinweise wären bei jeder vertiefenden Diskussion noch mindestens zwei weitere Fragen an die Editoren anzuschließen. Sie verweisen auf eine doppelte Nichtbegründung: warum diese zehn Texte fürs Lesebuch im allgemeinen und warum bei den ausgewählten Texten im Lesebuch speziell diese Textpasssagen?


VII.  Weitere Kritikpunkte am Erich-Loest-Lesebuch beziehen sich auf (scheinbare) Äußerlichkeiten der Buchpräsentation: gemeint ist damit weniger der im Buch selbst (5) prominent placierte Hinweis auf die Stiftungen der Sparkasse Leipzig. Das muß heuer wohl im spätkapitalistisch bestimmten Literaturbetrieb[xi] nach dem nun-gut-Muster bei Sponsoren(reklame) so sein: der wichtigste Strom ist literaturgesellschaftlich der Geldstrom und nicht der Gedankenstrom …

Geärgert hat mich besonders die doppelt peinliche Reklame fürs Loest-Lesebuch im hinteren Klappentext: das pseudoakademische Gepiffer als „Dr.h.c.mult.“ hat der Schriftsteller Erich Loest ebenso wenig nötig wie die triefige Auslobe des (inzwischen an die Spitze des Bundespräsidialamts gelangten) staatstutteligen „Bürgerrechtlers“ Gauck zum Kulturgroschen (2010).

VIII.   Zum gegenwärtigen weltliterarischen Olymp, dem Literaturnobelpreis, kenne ich einerseits nur die seine Götter entzaubernde Romansatire des geschätzten Carl Djerassi.[xii] Andererseits kenne ich die – auch literarisch – bedeutsame Steigerung von Müll: Müller. Und Tertium: die entsprechende Steigerung von Loest – Loester – kenne ich nicht.

 

 Richard Albrecht (PhD.; Dr.rer.pol.habil.) ist unabhängiger Sozialwissenschaftler & freier Autor in Bad Münstereifel, vertritt in der empirischen Kultur- und Sozialforschung den „Utopian Paradigm“-Ansatz (-> Communications, 16 [1991] 3: 283-318 -> http://www.grin.com/en/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept), veröffentlichte als Sozialwissenschaftsjournalist in den letzten Jahren regelmäßig unregelmäßig in soziologie heute, Aufklärung und Kritik, Auskunft, der Zeitschrift für Weltgeschichte, den Netzmagazinen filmundbuch und poetenladen, die Bücher SUCH LINGE (2008), FLASCHEN POST (Editor, 2011) sowie den Erzählband HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (2011). Netzarchiv des Autors  -> http://eingreifendes-denken.net  Bio-Bibliographischer Link -> http://wissenschaftsakademie.net   e-Postadresse -> eingreifendes.denken@gmx.net


Das halbvolle Glas. Erich Loest Lesebuch. Hg. Regine Möbius; Michael Hametner. Leipzig; London: Plöttner, 2012, 476 p., ISBN 978-3-86211-060-5; 16  € (D), 16.40 € (A), 19.30 Stutz (CH). Alle Seitenangaben in () beziehen sich hierauf

[i]http://www.ploettner-verlag.de/shop/Buecher/-Shop/Belletristik/Das-halbvolle-Glas-Erich-Loest-Lesebuch::231.html

[ii] Richard Albrecht, Der militante Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943. Berlin-Bonn: J.H.W. Dietz Nachf., 1987 [= Internationale Bibliothek Bd. 124]: 14

[iii] Erich Loest, Pistole mit sechzehn. Erzählungen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1979: 153-167

[iv] Erich Loest, Völkerschlachtdenkmal. Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1984: 135-144; Albrecht, Der militante Sozialdemokrat: 221

[v] Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Leipziger Ausgabe, Nr. 27: 4. Juli 1953; zitiert nach http://www.17juni53.de/material/prosa_1.html

[vi] WDR-Information, Pressestelle, 3.11.1995: „Über fünf Millionen sahen das Finale auf Leipzigs Straßen“; ebenda, 19.4.1996: „DAG-Fernsehpreis an Autoren der ´Nikolaikirche´ verliehen“

[vii] Richard Albrecht, Differenzierung – Pluralisierung – Individualisierung. Umbruchsprozesse der bundesrepublikanischen Gesellschaft; in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 41 (1990) 8: 503-512; auch http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1990/1990-08-a-503.pdf

[viii] Erich Loest, Fallhöhe. Roman. Künzelsau: Linden, 1989, 291 p.

[ix] Erich Loest, Der Vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR. Köln: Edition Deutschland Archiv, 1984, 96 p.; zu Begriff und Praxis(formen) von Zensur: Richard Albrecht,  Literatur – Medien – Zensur; in: die horen, 24 (1979) 113: 121-140

[x] Erich Loest, Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1981: 254

[xi] Richard Albrecht, Literatur/Waren/Produktion, in: die horen, 24 (1979) 116: 127-138

[xii] Carl Djerassi, Cantors Dilemma. A Novel [1989]; Penguin, ²1991, 229 p.; deutschsprachige Erstausgabe Zürich: Haffmans, 1991, 275 p.; Taschenbuchausgabe München: Heyne, 1994, 287 p.

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Der Historiker Michael Kirchschlager ist längst bekannt durch seine Buchreihe „Bibliothek des Grauens“, in welcher er mysteriöse, unheimliche und schreckliche Ereignisse und Kriminalfälle zusammenträgt. Doch auch als Romanautor ist Kirchschlager kein unbekannter mehr. Mit seinen beiden Crako-Romanen („Der Crako und der Gierfraß“, „Der Crako und das Giftmädchen“) bewies er bereits sein Können darin, historische Tatsachen mit Fiktion zu verbinden.

Ein spannender und historisch erstklassig recherchierter Roman

Vor kurzem ist nun mit „Hans Stahl und der Tod der Rosen“ ein weiterer historischer Kriminalroman von Michael Kirchschlager erschienen. Es geht darin um den Hauptmann der Stadt- und Schlosswache Hans Stahl, der, kaum dass er seinen Posten erhalten hat, einen grausamen Mord aufklären muss. Eine Prostituierte wurde erwürgt, ihre Leiche in den Abort des Bordells geworfen. Während Hans Stahl versucht, den Fall mit kriminalistischem Spürsinn nachzugehen, hat der Amtsrichter Paulus Ernestus Herodes bereits einen Verdächtigen gefunden: den „Säufer und Hurenfreund“ Albrecht von Ingersleben. Nach dessen Hinrichtung, kehrt jedoch keineswegs Ruhe in Arnstadt ein. Madame Apolonia, die Bordellbesitzerin, wird völlig unerwartet der Hexerei bezichtigt. Und nicht zuletzt wird noch eine weitere Leiche entdeckt.

Hans Stahl hat es wirklich gegeben. Michael Kirchschlager schickt diese historisch verbürgte Figur in eine spannende sowie grausame Geschichte, die man von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchliest. Während die Handlung voranschreitet, fließen Bier und Blut in Strömen und wird mit zünftigen Schimpfwörtern nur so um sich geworfen. Es kommt zu grausamen Folterungen, einer Hexenverbrennung und nicht zuletzt hält auch noch die Pest Einzug in Arnstadt.

Nicht nur die einzelnen Figuren wirken überaus lebendig. Dem Autor gelingt es, den gesamten, bis ins letzte Detail recherchierten historischen Hintergrund auf eine solch bildhafte Weise darzustellen, dass man als Leser glaubt, mitten unter den Bürgern Arnstadts kurz vor Beginn des 30jährigen Krieges zu stehen und den Geschehnissen von dieser Perspektive aus zu folgen. Somit ist dieser Roman nicht nur überaus unterhaltsam, sondern zugleich äußerst lehrreich. Der Leser erhält viele Informationen über den Alltag der damaligen Zeit und über die Aufgaben der Stadtwache, welche denen der heutigen Polizei nicht unähnlich sind.

Ein spannender Roman, den man nicht nur einmal, sondern gerne auch mehrmals hintereinander liest.  Eine der interessantesten Veröffentlichungen in diesem Jahr.

Michael Kirchschlager: Hans Stahl und der Tod der Rosen, Verlag Kirchschlager 2012, 218 Seiten,

ISBN: 978-3-934277-41-0, Preis 9,90 €

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