The 80s: Palast der Winde (1984)

Ashton (Ben Cross) und Anjuli (Amy Irving); „Palast der Winde“ (1984); © Concorde/Goldcrest

Für Christopher Lee gehörte Peter Duffell zu den britischen Regisseuren, die nicht den Rang innehatten, der ihnen eigentlich gebührte. In der Tat kam Duffell nie aus dem TV-Bereich heraus. Seine einzige Großproduktion war die Verfilmung des Romans „Palast der Winde“ von M. M. Kaye (1908 – 2004).

In diesem dreiteiligen TV-Film offenbarte Peter Duffell, dass man ihn in der Tat zu den großen Regisseuren zählen müsste. Aus dem tausendseitigen Bestseller (der Roman erschien 1978), schuf Duffell einen großartigen Abenteuerfilm, in dem sich schöne Landschaftsaufnahmen, wilde Kämpfe und leidenschaftliche Romantik die Klinke in die Hand geben.

Es geht um den Engländer Ashton Pelham-Martyn, der unter dem Namen Ashok in Indien als Hindu erzogen wird, was ihn später bei seinen Landsleuten zum Außenseiter abstempelt. Während seiner Kindheit war er mit dem Mädchen Anjuli befreundet, einer Prinzessin, deren Mutter Russin gewesen ist. Als Erwachsener kehrt Ashton nach Indien zurück, um in der britischen Armee zu dienen, doch sein freundliches Verhalten gegenüber den Einheimischen gefällt nicht jedem in der Armee.

Eines Tages erhält er den Auftrag, einen Hochzeitszug zweier Prinzessinnen zu begleiten, der quer durch Indien zieht. Was Ashton völlig unerwartet erfährt, ist, dass eine der jungen Frauen Anjuli ist. Von da an befindet sich Ashton im Konflikt zwischen der ihm auferlegten Pflicht und seiner Liebe zur Prinzessin.

Man kann es nur wiederholen: „Palast der Winde“ (der Originaltitel lautet „The far Pavilions“) ist ein wunderbarer, aufregend inszenierter Abenteuerfilm. Ashton gerät von einer brenzligen Situation in die nächste, wobei er auch diverse Kämpfe bestehen muss. Als er am Schluss seiner militärischen Laufbahn als Spion nach Afghanistan abkommandiert wird, kommt es zu einer packenden Schlacht um die englische Botschaft.

Englisches Buchcover des Bestsellers von M. M. Kaye

Trotz Staraufgebot (Ben Cross als Ashton, Amy Irving als Anjuli, Christopher Lee als Rao-Sahib, Omar Sharif als Koda Dad), war das Interesse an der Romanverfilmung weniger groß, als sich die Produktionsfirma Goldcrest erhofft hatte. Den Produktionskosten von knapp 7 Millionen Pfund standen Einnahmen von knapp 5 Millionen Pfund gegenüber. Nach und nach aber entwickelte sich die Miniserie zu einem echten Klassiker.

Um doch noch einen Gewinn zu erzielen, brachte Goldcrest die Serie damals nochmals als einen auf 90 Minuten zusammengeschnittenen Spielfilm heraus, doch geriet diese Version schnell wieder in Vergessenheit.

FuBs Klassikbox: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1959)

Die Dinos haben Hunger; „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959); © 20th Century Fox

„Halt den Mund, Weib, sonst drehen wir die Szene zehn weitere Male!“, soll James Mason zu Arlene Dahl gesagt haben, die während des Drehs auf einem Floß Angst vor dem vielen Wasser bekommen hatte, mit dem die Crew die Schauspieler bespritzte. Die Aufnahme übernahm Regisseur Henry Levin in die Endfassung seines neuesten Films, wobei das, was Mason sagte, natürlich mit einem anderen Satz überspielt wurde.

Mit dem neuesten Film war „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ gemeint. Nach dem Welterfolg von „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) zählt Henry Levins Adaption ebenfalls zu den absoluten Klassikern von Jules Verne-Verfilmungen. Auch wenn sich der Film nicht ganz an die literarische Vorlage hält, so ist sie dennoch eine wunderbare Mischung aus Abenteuer- und Science Fiction-Film.

Wohin führt dieser Weg?; „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959); © 20th Century Fox

Wie der Titel bereits sagt, geht es um eine Expedition ins Innere der Erde. Oliver Lindenbrook erhält von seinem Studenten Alec einen Lavastein, in dem sich ein Senkblei befindet. Auf dem Objekt befindet sich eine Botschaft des schwedischen Gelehrten Arne Saknussemm, der vor 300 Jahren spurlos verschwunden ist. Alecs Fund nimmt Lindenbrook zum Anlass, selbst den Mittelpunkt der Erde aufzusuchen. Zusammen mit Alec, der Witwe Carla Goetaborg und dem Isländer Hans machen sie sich auf den Weg …

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist überaus spannend in Szene gesetzt und fasziniert jedes Mal aufs Neue mit seinen wundervoll gestalteten Kulissen. Die Salzwüste mit den sonderbaren Wurzeln, die Kristallhöhle oder – am wohl berühmtesten – der Wald aus Riesenpilzen, all das begeistert immer wieder – und natürlich der unterirdische Ozean, auf dem Arlene Dahl ihre Panikattacke bekommen hat (gedreht wurde in einem Pool). Natürlich kommen dabei auch der Humor und die Action nicht zu kurz – hierbei darf man den rollenden Felsen nicht verschweigen, auf den Spielberg später in „Indiana Jones“ nochmals Bezug nahm. Nicht zu vergessen die Leguane, die mit den aufgeklebten Rückenschildern als Dinosaurier herhalten mussten.

Eigentlich hätte der berühmte Schauspieler Clifton Webb die Rolle des Oliver Lindenbrook übernehmen sollen (vom Aussehen her hätte er wunderbar in die Rolle gepasst), doch wurde er kurz vor Beginn der Dreharbeiten schwer krank. Aus dem Grund engagierte Henry Levin James Mason, der zuvor bereits Kapitän Nemo in „20.000 Meilen unter dem Meer“ gespielt hatte und somit bereits Jules Verne-erprobt war. Alec wurde von dem Sänger Pat Boone dargestellt, der damals fast genauso bekannt wie Elvis war. Arlene Dahl, die Carla Goetaborg spielt, galt damals als eine der schönsten Frauen. Der schwedische Zehnkämpfer Peter Ronson spielte den Isländer Hans – es war sein einziger Ausflug ins Filmgeschäft. Trotz weiterer Rollenangebote konzentrierte er sich danach wieder auf den Sport. Nicht vergessen darf man den eigentlichen Star des Films, die Ente Gertrud, die im Roman zwar nicht vorkommt, aber für viele heitere Momente sorgt.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ wurde wie auch schon „20.000 Meilen unter dem Meer“ zu einem Riesenerfolg. Zudem war er mehrfach für den Oscar nominiert, erhielt jedoch keine der Trophäen.

Horror de Luxe: The Asphyx (1972)

Cunningham (Robert Stevens) und sein Adoptivsohn Giles (Robert Powell) beim Experiment. „The Asphyx“ (1972); © Ostalgica/BBC

Die Hammer-Film-Productions waren gerade im Niedergang, als es David Leans Kameramännern einfiel, einen Horrorfilm im Stil von Hammer zu kreieren. Das Ergebnis war die außergewöhnliche Produktion „The Asphyx“, in England ein Klassiker, in Deutschland so gut wie unbekannt.

Der Film handelt von Sir Hugo Cummingham, der Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Kamera herumexperimentiert. Er ist Mitglied einer parapsychologischen Gesellschaft, die das Übernatürliche wissenschaftlich erfassen möchte. Auf mehreren seiner Fotos, auf denen sterbende Menschen zu sehen sind, entdeckt Cummingham einen sonderbaren dunklen Fleck. Sofort ist das makabre Interesse des Hobby-Wissenschaftlers geweckt und er beschließt, weitere Fotos von Menschen zu machen, die gerade im Sterben liegen.

Als er eine Hinrichtung filmt, kommt es zu einem unheimlichen Zwischenfall. Durch den Lichtverstärker, den Cummingham benutzt, ist plötzlich ein unheimliches Wesen zu sehen, das sich dem Verurteilten nähern möchte. Cummingham kommt auf die Idee, bei der nächsten Gelegenheit, ein solches Wesen zu fangen. Doch hat er nicht mit den Konsequenzen gerechnet, die seine Aktion mit sich bringt …

„The Asphyx“ ist ein unglaublich origineller Film, der in gewisser Weise Steampunk mit den Elementen des Gothic Horror mischt. Dabei schreitet die Handlung rasant voran, ein Zwischenfall folgt dem nächsten – und parallel dazu nimmt ein weiteres, damit verbundenes Drama seinen unheilvollen Lauf: denn Cunningham zerstört durch seine Experimente mehr und mehr das Glück seiner Familie.

Sowohl Peter Newbrook, der Regie führte, als auch Freddie Young, der hinter der Kamera stand, gehörten zur Stammcrew des berühmten Regisseurs David Lean. Was beide dazu gebracht hat, gemeinsam einen Horrorfilm zu drehen, sei einmal dahingestellt. Das Ergebnis lässt sich allerdings sehen. Die ungewöhnliche Thematik des Films umgibt die Handlung mit einem morbid-düsteren Unterton.

Nicht, dass der Film brutal wäre. Es geht um das Spiel mit grundlegenden moralischen Empfindungen und um die Diskussion um moralische Werte an sich. Was darf man, was nicht – im postmodernen Horrorkino rückte diese Fragestellung und ihre unterschiedliche Betrachtungsweise ins Zentrum der Handlung. So auch bei „The Asphyx“. Zwar ist es bei Cummingham zunächst rein wissenschaftliche Neugier, mit der er sein Handeln rechtfertigt, doch auch in der Wissenschaft stellt sich die oben genannte moralische Frage.

„The Asphyx“ wird dadurch zu einem überraschend tiefgründigen Film, der diese Tiefe mit einer überaus unterhaltsamen und spannenden Handlung verbindet. Erst 1988 kam der Film in Deutschland auf Video heraus. Kurz: sehr sehenswert.

Maurice – Eine bisher unbekannte Erzählung von Mary Shelley

Im Frühling 1820 schrieb Mary Shelley die Erzählung „Maurice“ als Geburtstagsgeschenk für Laurette, der elfjährigen Tochter von Margeret Mason. Mrs. Mason war zusammen mit ihrem Liebhaber, dem Dichter und Privatgelehrten George William Tighe, nach Pisa gezogen, wo sie Mary und Percey Shelley begegneten und sich schnell anfreundeten.

„Maurice“ galt bis Ende der 1990er als verschollen. Doch 1997 entdeckten die Nachfahren Laurettes im Familienarchiv das rund 40 Seiten umfassende Manuskript, das ein Jahr später von der University of Chicago Press veröffentlicht wurde.

Der englische Titel lautet „Maurice or The Fisher’s Cot“ und handelt von einem Jungen, der wegen seines brutalen Vaters von Zuhause geflohen ist und schließlich bei einem alten Fischer ein neues Heim gefunden hat. Eines Tages aber stirbt der Fischer und der Junge namens Maurice darf nur noch eine Woche lang in der Hütte, die ihm alles bedeutet, leben. Eines Tages besucht ihn ein fremder Mann, der sein Schicksal auf sonderbare Weise verändern soll.

Die Erzählung „Maurice“, die nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt (übersetzt von Alexander Pechmann), ist eine wunderschöne, sanfte Geschichte über Trennung und Verlust, aber auch darüber, die Hoffnung nie aufzugeben. Der Logbuch-Verlag hat die Geschichte zusammen mit Mary Shelleys Essay „Über Geister“ in seiner bekannten Pressendruck-Reihe veröffentlicht. Allerdings ist die Ausgabe auf wenige hundert Stück limitiert. Das kleine, feine Heft mit zwei Illustrationen von Erik Krick gibt es direkt beim Verlag: https://www.logbuchladen.de/#press

Die zehnte Muse – Phantastisches aus dem Schwarzwald

Mit „Die zehnte Muse“ legt der Autor und Übersetzer Alexander Pechmann nun bereits seinen dritten Roman vor. Es geht um die Geschichten zweier Männer, die auf eine mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden sind.

Zum einen ist da Algernon Blackwood, der als 16-jähriger Junge nach Königsfeld im Schwarzwald kommt, um dort das Internat zu besuchen. Zum anderen um den Maler Paul Severin, dessen Schicksal ihn von Karlsruhe bis nach Paris bringt. Beide haben dieselbe rätselhafte Frau namens Talitha getroffen, die ihr Leben für immer prägen sollte. Und dennoch: konnte es sich tatsächlich um dieselbe Person gehandelt haben?

Wie auch bei seinen beiden vorangegangenen Romanen „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ überzeugt „Die zehnte Muse“ schon allein durch die sorgfältig recherchierten Hintergründe. Pechmann verbindet in der Geschichte die Biografie des berühmten Horrorautors Algernon Blackwoods (1869 – 1951), der für längere Zeit tatsächlich in Königsfeld gelebt hat, mit den unheimlichen Legenden des Schwarzwaldes. Das Ergebnis lässt sich mehr als nur sehen. Das Buchcover ist Programm: denn „Die zehnte Muse“ ist ein recht düsterer und nicht weniger geheimnisvoller Roman, bei dem der Leser wie bei einem Krimi stets am miträtseln ist, was nun die Lösung des Mysteriums ist.

Die Verbindung der sonderbaren Erlebnisse von Blackwood und Severin verweben sich zu einem dichten Ganzen, in dem das Tragische zugleich einen mysteriösen Schatten wirft und das Unheimliche sich wie ein kalter Hauch über die einzelnen Zeilen legt. Wie immer besticht der Autor durch einen erstklassigen Schreibstil, der einen von Anfang an durch das Buch gleiten lässt. Kurz: ein genauso faszinierender wie düster-geheimnisvoller Roman.

Alexander Pechmann. Die zehnte Muse. Steidl Verlag 2020, 175 Seiten, 18,00 Euro, ISBN: 978-3-95829-715-9

Vor dem Sturm – Der Debutroman von Theodor Fontane

Theodor Fontane (1860)

Für Fontane war „Vor dem Sturm“ stets der Roman, bei dem er vergessen hatte, dass er ihn selbst geschrieben hatte. Und das, obwohl er insgesamt 25 Jahre daran gearbeitet hatte, Recherchen mit einbezogen. Die Arbeit daran hatte er immer wieder unterbrechen müssen, sodass allein schon das eigentliche Schreiben des Romans zehn Jahre in Anspruch genommen hatte.

Dennoch besitzt die Mischung aus Familien- und Historienroman eine Art Schattendasein im Gesamtwerk Fontanes. Der Untertitel von „Vor dem Sturm“ lautet „Ein Roman aus dem Winter 1812 auf 13“. Die märkischen Adeligen, Bürger und Bauern erwarten mit großer Sorge die aus Russland zurückströmenden französischen Soldaten. Im Zentrum der Handlung steht dabei die Familie Vitzewitz. Vater Berndt ist zu allem bereit, um sich den Franzosen in den Weg zu stellen und organisiert daher ein Heer aus Freiwilligen. Sein Sohn Lewin, der in Berlin studiert und einen Literaturzirkel leitet, wird mehr und mehr in den Strudel der Ereignisse hineingezogen …

Die damaligen Kritiken waren zwiespältig. Die einen lobten den Roman über alles, für die anderen war der Roman zum einen zu lang, zum anderen bemängelten sie, dass darin kaum etwas passiere. Nun, ein Spannungsroman ist „Vor dem Sturm“ sicherlich nicht, obwohl Fontane hervorragend die Katastrophe, die sich anbahnt, sehr eindringlich aufbaut.

Cover der kommentierten Ausgabe im dtv-Verlag

Im Großen und Ganzen ist „Vor dem Sturm“ jedoch ein Roman über das Leben der Familie Vitzewitz, zu der neben dem Vater Berndt und dessen Sohn Lewin auch noch die Tochter Renate zählt. Die Mutter ist bereits gestorben. Die Geschichte lebt vor allem durch die überaus liebevoll gezeichneten und lebendigen Charaktere. Ob es nun der Literaturliebhaber Lewin und seine Freunde aus dem Literaturzirkel sind, ob es seine Schwester Renate ist, die alle Schicksalschläge still erduldet, oder die Geschwister Tubal und Kathinka, Cousin und Cousine der beiden, die Figuren erscheinen einem so nah, dass man sie schnell ins Herz geschlossen hat – sogar Kathinka, die im Grunde genommen ziemlich egoistisch, ja sogar snobistisch erscheint. Nicht zu vergessen Pfarrer Seidentopf, der sich mehr für sein Hobby der Archäologie interessiert als für seine Predigten. Mit der kleinwüchsigen, alten Frau Hoppenmarieken hat Fontane eine der wohl mysteriösesten Figuren geschaffen, über die man noch lange nachdenkt. Ihre Zwielichtigkeit wirkt manchmal regelrecht unheimlich.

Fontane fügt in das Geschehen immer wieder (unheimliche) Legenden und Kriegsanekdoten ein, welche nicht nur die einzelnen Figuren näher kennzeichnen, sondern auch ein genaueres Bild der Lebenswelt im Oderbruch liefern. Man kann keinesweges behaupten, dass „Vor dem Sturm“ langweilig sei, was manche Kritiker ja Fontane vorgeworfen haben. Man gleitet über die gut 700 Seiten des Romans angenehm hinweg, wobei man stets bestens unterhalten wird. „Vor dem Sturm“ ist ein Buch, in das man sich regelrecht verlieben kann und das ich persönlich mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Ein wirklich schönes Leseerlebnis.

1984 produzierte die ARD eine sechsteilige Miniserie, die sich jedoch nicht exakt an die Vorlage hält.