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Archive for November 2012

Wir erinnern uns: am 18. August 2012 trat in Südkorea ein Gesetz in Kraft, welches dem Ministerium für Gesundheit und Kultur erlaubt, Musikvideos zu zensieren. Diese Zensur betrifft auch Videoclips, welche auf Internetplattformen wie YouTube gestellt werden. Die Aufregung in der Musikbranche war dementsprechend groß. Drei Monate nach dem Inkrafttreten stellt sich die Frage: Kann man Auswirkungen auf die danach produzierten Musikvideos feststellen, welche auf dieses Gesetz zurück zu führen sind?

Die Antwort lautet: Ja. In der Tat scheinen sich die Bosse der Musikkonzerne sich diesem Gesetz angepasst zu haben. Andererseits kann man eine gewisse ästhetische Unsicherheit feststellen. Da nicht konkret formuliert wurde, was erlaubt ist und was nicht, gehen die Produzenten auf Nummer Sicher, indem sie Konzepte entwerfen, von denen sie glauben, dass sie nicht der Zensur unterliegen werden. Dies hat zur Folge, dass ganze Bandkonzepte umgeworfen und neu entwickelt werden. Andererseits scheint eine Zeit des Abwartens angebrochen zu sein. Das heißt, man fährt zweigleisig. Während die Videoclips, welche seit September veröffentlicht wurden, harmloser wirken als die vorangegangenen, bleiben die ursprünglichen Konzepte bei Lifeauftritten erhalten.

Die Boyband B.A.P. gibt sich auf einmal brav. Schuld daran das neue Zensurgesetz.

Als Indikatoren können die Boyband B.A.P. sowie die Girlbands Rania und Dalshabet herangezogen werden. B.A.P. wurde vor allem durch seine äußerst aggressiv in Szene gesetzten Choreographien bekannt. Das Video Stop it, welches im Herbst veröffentlicht wurde, zeigt eine ganz anders inszenierte Gruppe. Es dominieren helle, freundliche Farbtöne. Das Video erzählt eine harmlose Liebesgeschichte im Stil von Ghost. Die Dance-Shots symbolisieren keine Aggressivität mehr, sondern wirken eher wie ein nett gemachtes Image-Video. Kennt man die vorangegangenen Clips und das darin aufgebaute Bild einer „Eltern- und Pädagogen-Schreck-Band“, so wirkt die nun veröffentlichte Produktion beinahe lächerlich. Den Mitgliedern der Band, welchen der Stil des gegen das System agierenden Rebellen aufgesetzt wurde, kommen nun als brave Jungs daher, und zwar so brav, dass das Konzept auch für eine Waschmittelwerbung gelten könnte.

Das Konzept der Girlband Rania wurde ebenfalls umgewandelt: vom „Luder-Image“ hin zur emanzipierten Frau.

Das neue Konzept der Girlband Rania ist ähnlich zu bewerten. Die beiden vorangegangenen Videos, hier vor allem Dr. Feel Good, waren geprägt von einer deutlichen erotischen Sprache. Davon ist in dem neuen Videoclip Style, welches ebenfalls im Herbst veröffentlicht wurde, nichts mehr zu sehen. Das Video zeigt eine neu entworfene Band, welche nun über Emanzipation singt und nicht mehr darüber, wilden Sex zu haben. Interessant ist hierbei, dass es offensichtlich eine lange Diskussion darüber gab, wie der Clip gestaltet werden sollte. Geplant war eigentlich ein weiteres „Schmuddelvideo“ mit dem Titel Killer. Dieses Konzept wurde anscheinend aufgrund der Neuregelung verworfen.

Die Girlband Dalshabet schließlich hat das Problem, dass sie kein Konzept mehr zu haben scheint. Die Band erregte aufsehen durch ihre zunehmenden Gewaltdarstellungen in den Videoclips, hierbei vor allem Hit U, in welchem eine Frau kaltblütig ihren Freund und dessen Bekannten erschießt. Das neue Video Have and don’t have ist zu einem nichtssagendem Etwas geworden, welches sich an die zurzeit in Bedrängnis geratene Girlformation T-ara orientiert. Von der vorangegangenen Entwicklung ist nichts mehr übrig geblieben, was höchstwahrscheinlich mit der neuen Gesetzgebung zusammenhängt.

Die eindeutigen Verlierer der durch das Zensurgesetz entstandenen „Verunsicherungswelle“ ist die Girlband Dalshabet, die plötzlich ohne jegliches Konzept dasteht.

Betrachtet man weitere Videos, wie etwa von SPICA oder auch The Seeya, so kann man dort dieselben Veränderungen bzw. Konzepte erkennen. Es wird deutlich versucht, nicht über die Stränge zu schlagen. Das Gothic-Konzept von The Seeya geht dementsprechend nicht auf und wirkt nach dem Motto geschustert: ich will und kann nicht. Dieser Spruch lässt sich zurzeit auf die gesamte Unsicherheit in Sachen Videoclip-Produktion innerhalb der koreanischen Musikbranche übertragen.

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Heinrich Heine 1829

Gewiß war und ist Harry Heine (1797-1856) kein Soziologe. Er war Künstler: Poet, Lyriker, Feuilletonist, Dichter, der Erlebtes, Erkanntes und Verstandenes emotional sprachlich verdichtete.

Soziologie gab es zu Heines Zeit auch noch nicht. Sie wurde erst von seinem Zeitgenossen, Auguste Comte (1798-1857), begrifflich eingeführt und mit seinen Hauptwerken, “Cours de la Philosophie positive”(1826-1842) und “Systeme politique positive” (1851-1854), begründet.

Und doch war Heine außerordentlich daran interessiert, zu erfahren, wie die Gesellschaft, die mit der Französischen Revolution aus ihren alten Fugen: Absolutismus, Ständegesellschaft und christlich-religiöser Weltanschauung geraten war, sich entwickeln werde.
Heine beobachtete das Zeitgeschehen genau und analysierte es nach (idealisierten) Kategorien, die auf der Aufklärung und der Französischen Revolution fußen: der Menschenrechtserklärung (1789), der republikanischen Verfassung von 1793 und der Säkularisierung, die Napoleon in ganz Mitteleuropa erzwang.

Mit diesem kategorialen Instrumentarium untersuchte Heine die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in Europa, insbesondere auf seinen Reisen in Polen, England, Norditalien, den deutschen Landen und in seiner Exilheimat Frankreich. Er verarbeitete sie in Reiseberichten, Korrespondentenartikel und zahlreichen Zeitgedichten (auf die hier nicht eingegangen werden soll). Dabei war ihm zweifellos klar, dass alle Forderungen nach Freiheit und Gleichheit, wenn und nachdem sie einmal so mächtig aufgetreten waren, nicht mehr auf Dauer sowie weltweit zu unterdrücken sind und zudem nicht alleine eine politische sondern auch eine soziale und kulturelle Dimension besitzen:

Wenn die Geistesbildung und die daraus entstandenen Sitten und Bedürfnisse eines Volkes nicht mehr in Einklang sind mit den alten Staatsinstitutionen, so tritt es mit diesen in einen Notkampf, der die Umgestaltung derselben zur Folge hat und eine Revolution genannt wird. Solange die Revolution nicht vollendet ist, solange jene Umgestaltung der Institutionen nicht ganz mit der Geisteshaltung und den daraus hervorgegangenen Sitten und Bedürfnissen des Volks übereinstimmt, so lange ist gleichsam das Staatssiechtum nicht völlig geheilt, und das krank überheizte Volk wird zwar manchmal in die schlaffe Ruhe der Abspannung versinken, wird aber bald wieder in Fieberhitze geraten, die festesten Bandagen und die gutmütigste Scharpie von den alten Wunden abreißen und sich so lange, schmerzhaft und mißbehaglich, hin und her wälzen, bis es sich in die angemessenen Institutionen von selbst hineingefunden haben wird.”1)

Heine-Zeichnung von Wilma Ruth Albrecht (2007)

Über Polen
Bereits im Aufsatz “Über Polen”2), den Heine nach einer 1821 durchgeführten Reise durch den von den Preußen annektierten Teil Polens verfasste, analysierte er die Bevölkerung des Landes nach einem Schichtmodell, dem der Ständegesellschaft: Demnach stand an der Spitze der Gesellschaft der Adel, wiederum unterteilt in arme und reiche Edelleute sowie Magnaten, und der hohe Klerus, während die überwiegende Mehrzahl dem bedrückten Bauernstand angehörte, dazwischen standen als kleinbürgerliche Schicht die armen Handwerker- und Handelsjuden. In den Städten bildeten dagegen die preußischen Beamten und das Militär die Mittelschicht.

Heine widmete sich auch ausführlich der Mentalität der polnischen Juden und der polnischen Edelleute, die zu dieser Zeit auch das Freiheitsideal hochhielten, allerdings nicht das “Washingtonsche“ und die folglich keine Anstalten machten, “ihre Bauern zu emanzipieren”.3)

An ebendieser Haltung des Adels scheiterte die Revolution 1830/31 in Polen, da der revolutionäre Reichstag sich im März 1831 nicht dazu entschließen konnte, Land zu verteilten und die drückenden Lasten der Bauern aufzuheben. Folglich kam es zu keinen Massenaktionen, stattdessen zur vollständigen Beseitigung von Kongreßpolen durch das zaristische Regime.

Englische Fragmente
In gleicher Weise beurteilte Heine auch die Verhältnisse in England, das er 1827 für mehrere Wochen (April bis August) besuchte, und die er in elf Reportagen beschrieb.4)

Im Eingangskapitel dieser sich auch durch kulturelles Fremdverstehen auszeichnenden Reportagen räsoniert Heine über gesellschaftliche Freiheit und Gleichheit, den immanenten Widerspruch des ideologischen Liberalismus5). Während sich England als Hort der Freiheit verstünde so Frankreich als Hort der Gleichheit, die mit der “Ausbildung der Gesellschaftlichkeit in Frankreich”6) als “Hauptprinzip der Revolution”7) auftrat.

England war das wirtschaftlich am stärksten entwickelte Land der Zeit, geprägt von Industrieunternehmen und damit einhergehender Verstädterung – um 1830 wohnte bereits ein Viertel aller Menschen in Städten mit mehr als 20 000 Einwohnern. London galt als die Weltstadt überhaupt. Auch Heine war imponiert. Doch er meinte: Während sich einem Philosophen in dieser Stadt der ökonomische Fortschritt offenbare – “wenn London die rechte Hand der Welt ist, die tätige, mächtige, rechte Hand, so ist jene Straße, die von der Börse nach Downing Street führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten”8) – so treten dem Poeten die gesellschaftlichen Widersprüche – zum Beispiel in “einem zerlumpten Bettelweibes oder einem blanken Goldschmiedeladen”9) – vor Augen, zeigten sich in der großartigen, wenn auch einförmigen neuen Bebauung einerseits und den dunklen, armseligen Gässchen der Pöbelquartiere andererseits. Freilich schleicht
die Armut in Gesellschaft des Lasters und des Verbrechens erst des Abends aus ihren Schlupfwinkeln. Sie scheut das Tageslicht um so ängstlicher, je grausamer ihr Elend kontrastiert mit dem Übermute des Reichtums, der überall hervortritt…“10)

London Mitte/Ende des 18.Jahrhunderts

Damit lenkte Heine das Augenmerk auf die soziale Frage und die gesellschaftlichen Widersprüche im englischen Manchesterkapitalismus.
Und auch die nicht erfolgte religiöse Emanzipation mit der Unterdrückung der irischen Katholiken zum einen und der Privilegierung der Anglikanischen Kirche zum anderen fällt ihm auf, des weiteren eine vorherrschende Krämerseelenphilosophie und der noch weitgehend feudal geprägten Staats- und Herrschaftsapparat. Dessen Erhaltung habe die Politik von A. W. Herzog von Wellington (1769-1852) gedient: Zur Macht- und Privilegienerhaltung von Adel und Anglikanischen Kirche sei Krieg gegen Frankreich geführt worden, werde auch Kolonialpolitik betrieben, damit sich einzelne Briten bereichern könnten und der Geldumlauf und die Industrie befördert werde. Diese Politik habe das Land in die Verschuldung und damit an den Rande des Staatsbankrotts geführt:
Der Übel größtes ist die Schuld. Sie bewirkt zwar, daß der englische Staat sich erhält (…); aber sie bewirkt auch, daß ganz England eine große Tretmühle geworden, wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muss, um seine Gläubiger zu füttern, daß England vor lauter Zahlungssorgen alt und grau und aller heiteren Jugendgefühle entwöhnt wird, daß England, wie bei starkverschuldeten Menschen zu geschehen pflegt, zur stumpfsten Resignation niedergedrückt ist, und sich nicht zu befreien weiß – obwohl 900 000 Flinten und ebensoviel Säbel und Bajonette im Tower zu London aufbewahrt liegen.“11)

Da der Konstitutionalismus zu keinen grundlegenden sozialen Reformen fähig sei, Gesetze der “aristokratischen Brut ihre Beute”12) sicherten, die Parteien sich ähnelten und die Opposition sich lediglich als kläffender Kettenhund gebäre, alle Veränderungen und Verbesserungen dem Pragmatismus entsprungen seien und den Fluch der Halbheit trügen, sei eine Revolution des Volkes unausweichlich:
Keine gesellschaftliche Umwälzung hat in Großbritanien stattgefunden, das Gerüste der bürgerlichen und politischen Institutionen blieb unzerstört, die Kastenherrschaft und das Zunftwesen hat sich dort bis auf den heutigen Tag erhalten, und obgleich getränkt von dem Lichte und der Wärme der neueren Zivilisation, verharrt England in einem mittelalterlichen Zustande, oder vielmehr im Zustande eines fashionablen Mittelalters.”13)

In seinen “Englischen Fragmenten” schuf Heine 1828 die erste grundlegende Studie über soziologische Aspekte des englischen Manchesterkapitalismus.

Französische Zustände und Lutetia
Mit vergleichbarer politischer und sozioökonomischer Differenzierung untersuchte Heine die “Französische[n] Zustände”14) in der gleichnamigen Artikelserie, die vom Dezember 1831 bis September 1832 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschien, und in den “Lutetia“-Briefen15) 1840 bis 1843, die diese Zeitung – ebenfalls anonym – abdruckte.

Dort kennzeichnete Heine die politischen und sozialen Widersprüche, die die Herrschaft des “Bürgerkönigs” Louis Philipp (1773-1850) prägten. Louis Philipp wurde nach der Julirevolution 1830, die von Druckern, Handwerkern und Studenten getragen wurde, um den Versuch Karl X., ein absolutes Regime zu etablieren, abzuwehren, von der liberalen Kammermajorität und der hohen Finanz inthronisiert. Er verdanke – in Heines Worten – seine Krone “den Pflastersteinen” der Julirevolution, sei von Kleinbürgern und Handwerkern in seine Position gewählt worden und vertrete nun die Politik der Bankiers und Edelleute, während das Volk weiterhin verarme.

Ob diese Form der konstitutionellen Monarchie Bestand habe, hänge davon ab, ob Louis Philipp seine Legitimität dazu nutze, um entweder sich mit dem Adel zu verbinden und die Restaurationsperiode fortzusetzen oder sich mit “republikanischen Institutionen umgeben”16) und das ihm ausgesprochene Vertrauen des Volkes einlösen wolle. Denn politisch und sozial stelle das Regime Louis Philipp lediglich einen unausgesprochenen Waffenstillstand zwischen Royalisten und Republikaner dar. Die sozialen Aufstände 1831 in Lyon, Grenoble und im Juni 1832 in Paris selbst sowie die Ereignisse im Zusammenhang mit der Choleraepidemie zeigten die Brüchigkeit des Systems. Wenn Louis Philipp weiterhin versuche, die Konstitution zu verletzen, um eine Erbmonarchie zu etablieren, “so werden wir auch unseren achtzehnten Brumaire erleben, und der rechte Mann wird plötzlich unter die erblassenden Machthaber treten und ihnen die Endschaft ihrer Regierung ankündigen”17).

Die andere Gefahr drohe dem System deshalb, weil die Forderungen und Bedürfnisse der Unterschichten völlig ignoriert würden. Denn die Politik der “enrichez vous”-Regierungen unter Louis Philipp hätte wohl das Bürgertum, speziell die Geldaristokratie, bevorrechtet, die französische Wirtschaft und die Industrialisierung gefördert aber auch das Proletariat hervorgebracht, das nun mit radikalen Wortführern eigenständig hervortrete.

Volksherrschaft, Demokratie und Soziologie
Heine sympathisierte nicht nur intellektuell mit frühsozialistischen und kommunisti-schen Propagandisten und Organisatoren – wenngleich er sich selbst lieber in Salons des auch kultursoziologisch bedeutsamen “juste milieus” aufhielt als in den “verborgenen Dachstuben” oder dunklen Katakomben der Revolution:
Ein schrecklicher Syllogismus behext mich, und ich kann der Prämisse nicht wider-sprechen: ´daß alle Menschen das Recht haben zu essen´, so muss ich mich auch allen Folgerungen fügen.”18)

Damit nahm Heine das Gleichheitsprinzip der Französischen Revolution wieder auf, verband es mit dem Gedanken der Volkssouveränität und propagierte Demokratie als Volksherrschaft.

Allerdings wollte Heine sich nicht mit den “Schmeichlern” und “Hoflakeien des Volkes” gemein machen, die sich das Volk, auch international gesehen, schön, klug und gut reden. Genau besehen sei nämlich das Volk hässlich, böse und dumm.
Das Volk kann – so Heine – die erwünschten Eigenschaften durchaus erlangen, wenn dazu die materiellen Voraussetzungen geschaffen worden sind:
Aber diese Häßlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselben schwinden, sobald wir öffentliche Bäder erbauen, wo Seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden kann. Ein Stück Seife könnte dabei nicht schaden, und wir werden dann ein Volk sehen, das hübsch propre ist, ein Volk, das sich gewaschen hat.”

Und die Bosheit des Volkes “kommt vom Hunger; wir müssen sorgen, daß das souveräne Volk immer zu essen habe; sobald allerhöchst dasselbe gehörig gefüttert und gesättigt sein mag, wird es euch huldvoll und gnädig anlächeln…
Dass das Volk gerne einem Barnabas zujubelt, liegt in der “Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu tilgen suchen durch öffentliche Schulen für das Volk, wo ihm der Unterricht auch mit den dazugehörigen Butterbrötchen und sonstigen Nahrungsmitteln unendgeldlich erteilt erteilt werde – Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald ein intellektuelles Volk sehen.”19)

Auguste Comte

Damit unterscheidet sich Heine „als Soziologe” grundlegend von seinem Zeitgenossen, dem französischen Soziologen Comte, der sich nicht mehr an den Kategorien Freiheit und Gleichheit orientierte, dessen Soziologie vielmehr eine “Versöhnung von Ordnung und Fortschritt im geschichtlichen Prozeß, die endgültige Etablierung harmonischer Verhältnisse, in dem sich die Anpassung von Ordnung und Fortschritt nicht mehr in revolutionären Veränderungsschüben vollzieht”20), anstrebte. Comte nahm Partei für das französische Bürgertum und gegen das Proletariat oder – in heutige Worten – für geldherrschaftliche Eliten (als πλουτοκρατία) und gegen soziale Unterschichten.

Heines soziologischer Ausgangspunkt ist, auch im politisch-philosophischen Sinn, die Unhintergehbarkeit der mit der Französischen Revolution und ihrer dreifachen Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geschaffenen Aufklärung im Sinne
der Menschenrechte und ihrer Universalität. In seinem unveröffentlichtem Textfrag-ment über verschiedenartige Geschichtsauffassungen (1832/34) erkannte Heine das Leben selbst als Recht – auch auf revolutionäre Prozesse:
Das Leben ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht.“21)

Unterhalb dieses Abstrakt-Allgemeinen finden sich in allen vier der hier zitierten Texte Harry Heines22) zwei ebenso unhintergehbare „soziologische“ Besonderheiten: einerseits sorgfältige Beobachtung(en) dessen was ist als Leitfaden aller empirischen Sozialforschung und der sie interessierenden „tausende Einzelheiten des Alltagslebens“ (Theodor Geiger); und andererseits das Grundverständnis für jede Gesellschaft konstituierende Institutionen und ihre – wenn und wo nötig auch revolutionäre – Umgestaltung.

 

 

1) Heinrich Heine: Englische Fragmente (1828). In: Reisebilder. Vierter Teil. In: Heine: Sämtliche Werke, Bd. VI. Herausgegeben von Hans Kaufmann, München 1964: 65-134, hier 145
2) Heinrich Heine: Über Polen (1823). In: Reisebilder. Vierter Teil, ebenda: 195-221
3) ebenda: 205
4) Heinrich Heine: Englische Fragmente (1828). In: Reisebilder. Vierter Teil, ebenda: 65-134
5) Leo Kofler: Liberalismus und Demokratie. In: Zeitschrift für Politik (N. F.), 6 (1959) 2: 113-126
6) Heinrich Heine: Englische Fragmente, ebenda: 66
7) ebenda: 67
8) ebenda: 70
9) ebenda: 71
10) ebenda: 74
11) Heine, Englische Fragmente: 92
12) ebenda: 126
13) ebenda: 126
14) Heinrich Heine: Französische Zustände. In: Sämtliche Werke, Bd. VIII. Hg. Kaufmann. München 1964: 65-197
15) Heinrich Heine: Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben. In: Heine: Sämtliche Werke, Bd. XI. Hg. Kaufmann. München 1964: 137-299; Bd. XII: 5-109 mit dem Anhang: Kommunismus, Philosophie und Klerisei: 111-160
16) Heinrich Heine: Lutetia I: 138
17) ebenda: 159
18) Heinrich Heine: Vorwort zu „Lutetia“ 1855: 338
19) Heinrich Heine: Geständnisse. Geschrieben im Winter 1834. In: Heine: Sämtliche Werke, Bd. XIII.
Hg. Kaufmann. München 1964, 89-158, hier 114
20) Hermann Korte: Einführung in die Geschichte der Soziologie. Opladen 1992: 32; Paul Kellermann: Organizistische Vorstellungen in soziologischen Konzepten bei Comte, Spencer und Parsons. München 1966: Diss. Staatswirtschaftliche Fakultät der LMU, 235 p., kennzeichnet diese „organizistische Sozio-logie [als] letztlich nichts Anderes als einen kuriosen Zweig der Biologie“: 224
21) zitiert nach Heinrich Heine: Werke, Digitale Bibliothek 7, Berlin 2004: CD-Rom
22) vgl. als Einführung in Leben und Werk Wilma Ruth Albrecht: Harry Heine. Aachen 2007
Druckfassungen dieses Beitrags erschienen in den Fachzeitschriften
-> soziologie heute (A), 5 (2012) 21: 36-39
->Aufklärung und Kritik (D), 19 (2012) 3: 202-207

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Wilma Ruth Albrecht (*1947 in Ludwigshafen/Rhein) ist eine deutsche Sozial- und Sprachwissenschaftlerin (Lic; Dr.rer.soc.) mit den Arbeitsschwerpunkten Literatur-, Politik- und Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Letzte Buchveröffentlichungen: Bildungsgeschichte/n (Aachen: Shaker, 2006) – Harry Heine (Aachen: Shaker, 2007) – Nachkriegsgeschichte/n (Aachen: Shaker, 2008). Die Autorin publizierte 2007 das wiesenhausblatt – e-Blätter für Schöne Literatur (-> http://www.wiesenhausblatt.de) und arbeitet seit 2009 an ihrer Romantrilogie des letzten Jahrhunderts EINFACH LEBEN. Korrespondenzadresse: dr.w.ruth.albrecht@gmx.net

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World Cinema und Transnational Cinema beschäftigen sich mit Filmen aus aller Welt, jedoch unter anderen Grundannahmen was den Begriff Kultur betrifft.

Es geht wie immer um Begriffe. In diesem Fall stehen sich World Cinema und Transnational Cinema gegenüber. Im Grunde genommen beschäftigen sich beide Cinemas mit demselben Sachverhalt: der Untersuchung nicht-amerikanischer Filmproduktionen und nicht-amerikanischer Filmökonomien. Dennoch gibt es einen zentralen Unterschied.

Die World Cinema-Debatte hat das Problem, dass sie sämtliche Kulturen über einen Kamm schert. Es ist also egal, ob wir es mit deutschen, russischen oder japanischen Filmen zu tun haben. Die Kultur und die damit eingerhenden spezifischen Merkmale werden nicht berücksichtigt. Man könnte dies auch mit dem Slogan formulieren: Kultur ist Kultur. Damit haben die Vertreter dieser Perspektive sicherlich nicht Unrecht. Jedenfalls dann, wenn man lediglich Kultur von oben betrachtet. Macht man sich die Mühe, um die jeweiligen Kulturen zu untersuchen, so würden manche Vertreter der World Cinema-Diskussion wahrscheinlich staunen, welche wesentliche Unterschiede man zutage fördert. Das Problem ist also folgendes: die World Cinema-Debatte besitzt zwar einen Begriffsapparat, der vor kulturellen Aspekten nur so strotzt, begeht jedoch den Fehler, anzunehmen, das diese Aspekte überall dieselbe Bedeutung haben. Würde man aus dieser Perspektive russische, deutsche und japanische Filme untersuchen, so käme man zu dem Ergebnis: das z. B. die Kategorien Tanz und Essen überall auftauchen. Wieso auch nicht? Doch damit wäre die Untersuchung zu ende. Man würde sicherlich die Kameraeinstellungen diskutieren, die Beleuchtung und auch die Dramaturgie. Aber auf die unterschiedlichen kulturellen Bedeutungen der Kategorien Tanz und Essen würde man nicht eingehen, und dies wäre ein großer Fehler. Es wäre durchaus möglich, dass wir es bei dem japanischen Tanz mit einer schamanischen Zeremonie zu tun haben, während der Tanz in einem deutschen Film in einer Disco oder auf einem Ball stattfindet. Es ergeben sich frappierende Unterschiede, welche durch eine rein oberflächliche Blickweise übergangen werden würden.

Transnational Cinema berücksichtigt spezifische kulturelle Merkmale. Aus dieser Perspektive, ist jeder Blick auf die Leinwand ein anderer.

Aus diesem Grunde entwickelte sich eine weitere Diskussion, diesmal unter dem Namen Transnational Cinema. Innerhalb dieser filmwissenschaftlichen Richtung versucht man, die Ungenauigkeit der World Cinema-Debatte zu beseitigen. Film wird als eine kulturelle Ausprägung verstanden, Kulturen sind jedoch unterschiedlich und daher müssen Filme aus verschiedenen Kulturen anders analysiert werden. Man versucht hierbei auch, einen eurozentrischen Blickwinkel zu vermeiden, indem man die endogene Entwicklung der Kulturen hervorhebt. Westliche Einflüsse sind natürlich nicht auszuschließen. Doch umgekehrt ist es genauso: wie stark ist doch das aktuelle Hollywoodkino vom japanischen und koreanischen Kino beeinflusst.

Es geht jedoch nicht nur darum, welche kulturellen Merkmale Filme enthalten, sondern auch darum, wie Rezipienten unterschiedlicher Kulturen Filme wahrnehmen. Es fängt schon mit der Frage an, ob wir es beim Kinobesuch mit einem Familienausflug zu tun haben, wie dies etwa in Thailand der Fall ist,  oder mit einem reinen Privatvergnügen. Eine Methode, welche diese Unterschiede nicht berücksichtigt, führt zu verzerrten Eregbnissen bzw. stärkt den Eurozentrismus, da man davon ausgeht, der Kinosaal in Tokio sieht genauso aus wie derjenige in New York und daher glaubt, einer eindeutigen Amerikanisierung auf der Spur zu sein. Daher ist es zu begrüßen, dass die Transnational Cinema-Debatte kulturelle Merkmale spezifischer berücksichtigt.

Innerhalb dieser Debatte ergeben sich neue Blickweisen zu dem, was wir als Globalisierung verstehen. Globalisierung als kein einseitiger Prozess, sonder als ein kultureller Austausch.

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