Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Mystery’

Robert Siodmaks „Die Wendeltreppe“ ist nicht nur einer der bekanntesten Klassiker des Film Noir, sondern zugleich Ursprung des späteren Giallo der 60er und 70er Jahre, sodass manche Filmhistoriker Siodmaks Meisterwerk gerne auch als „Ur-Giallo“ bezeichnen.

Der Film basiert auf dem Bestseller „Some must watch“ der Schriftstellerin Ethel Lina White (1876 – 1944), deren Romane vor allem im englischsprachigen Raum großen Anklang fanden, in Deutschland jedoch nur wenig publiziert wurden. Siodmaks Adaption handelt von der stummen Helen, die als Hausmädchen in einem abgelegenen Haus tätig ist, wo sie sich vor allem um die bettlegrige Mrs. Warren kümmert. Ebenfalls in dem Haus wohnen die beiden Söhne von Mrs Warren, Albert und Steven, sowie Alberts Sekretärin Blanche.

Eines Tages geschieht in einem Hotel ein grausamer Mord an einer behinderten Frau. Der Mörder kann nicht gefasst werden, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass er Helen bis zu dem Haus der Warrens gefolgt ist. Tatsächlich geschehen dort plötzlich seltsame Dinge, bis es schließlich zu einem weiteren Mord kommt …

Die teils extreme Optik diente als Vorbild für die späteren Giallo-Filme; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Ein Mörder, der es auf entstellte und behinderte Frauen abgesehen hat, schon allein das war für die damalige Zeit harter Tobak. Doch ging Meisterregisseur Robert Siodmak noch einen Schritt weiter. Denn um das Extreme der Handlung nochmals zu unterstreichen, setzte er in seinem Film verstörende Nahaufnahmen ein und verwendete stellenweise eine Optik, die zu fast surrealen, traumartigen Bildern führen. Die Optik wirkte für die damalige Zeit geradezu radikal. Auch heute hat sie rein gar nichts von ihrer unglaublichen Wucht verloren.

So zeigt Siodmak extreme Nahaufnahmen vom Auge des psychopathischen Mörders, während dieser sein Opfer beobachtet. Gleich am Anfang, als die oben erwähnte Frau ermordet wird, sieht man deren in die Höhe gestreckten Hände, wie diese sich auf fast schon unnatürliche Weise verkrampfen. In einer weiteren Szene ist es ein schwarz gekleideter Mann, der Helen auf sonderbare Weise folgt, als diese im beginnenden Unwetter über den Hof zum Eingang des Hauses rennt. Dieser Hang zum Surrealen beeinflusste 20 Jahre später die italienischen Horror- und Giallo-Regisseure, allen voran Mario Bava und Dario Argento.

Licht und Schatten: Film Noir in Reinform; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Tatsächlich übernahmen beide viele Aspekte von „Die Wendeltreppe“ in ihre eigenen Filme. So unter anderem auch das Markenzeichen des Giallo: den schwarzen Handschuh. Dario Argento zitierte in „Tenebre“ (1982) die berühmte Szene aus „Die Wendeltreppe“, in der Helen einen Zaun entlanggeht, während der Gewittersturm losbricht. Um sich Mut zu machen, verursacht Helen mit einem Stock, den sie gegen den Zaun schlägt, selbst Geräusche. Argento verändert diese Szene in „Tenebre“ insoweit, indem er hinter dem Zaun einen aggressiven Hund hochspringen lässt, der plötzlich auf die junge Frau Jagd macht.

Um die Handlung noch zu verdichten, lässt Robert Siodmak seinen Film in einer einzigen Gewitternacht spielen. Auf diese Weise drängen sich die Zwischenfälle, ohne dass der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Die Spannung wird durch den Umstand zusätzlich angestachelt, da man unweigerlich beginnt, mitzurätseln, wer denn nun der Mörder ist. All dies macht „Die Wendeltreppe“ auch heute noch zu einem extrem packenden und fasziniernden Filmerlebnis.

Die Wendeltreppe (OT: The Spiral Staircase). Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Mel Dinelli, Produktion: Dore Schary, Darsteller: Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Gordon Oliver, Rhonda Flemin. USA 1946, 99 Min.

Advertisements

Read Full Post »

Graham Masterton ist einer der bekanntesten Horrorautoren aus England. Mit „Gequälte Engel“ erscheint nun der zweite Roman aus der Serie um die Ermittlerin Katie Maguire, die es in der irischen Hafenstadt Cork vor allem mit unheimlichen und brutalen Fällen zu tun hat. Bereits der erste Roman „Bleiche Knochen“ machte deutlich, dass Masterton keinen „normalen“ Krimi abliefern wollte, sondern interessante Charaktere in eine spannende und komplexe Story einbettete, die die Aspekte des Mystery-Thriller mit denen des Horror- und Kriminalromans verbindet.

Masterton ist ein Meister darin, reale Vorkommnisse mit mystischen und folkloristischen Merkmalen zu verbinden und dadurch eine ungewöhnliche und beklemmende Atmosphäre zu schaffen, die den Leser nicht mehr loslässt. Genau dies gelingt ihm auch in dem zweiten Katie Maguire-Fall, in dem es um eine äußerst brutale Mordserie geht. Die Opfer sind alle Priester. Und je mehr Katie Maguire und ihr Ermittlerteam dem mysteriösen Fall nachgeht, desto bizarrere Ausmaße nimmt der Fall an.

Graham Mastertons zweiter Katie Maguire-Roman ist um ein Vielfaches düsterer als „Bleiche Knochen“. Das liegt vor allem auch an der intensiven Thematik, mit der sich der Autor in „Gequälte Engel“ beschäftigt. Es ist schwer, über diesen Roman zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Daher soll hier lediglich erwähnt werden, dass es um ein entsetzliches Geheimnis innerhalb der katholischen Kirche in Irland geht. Auf diese Weise setzt sich Masterton auch mit den aktuellen Skandalen auseinander, die dem Roman, trotz mancher satirischer Seitenhiebe, eine durchaus realistische Note verleihen. Es scheint so, als habe Masterton diese Thematik schon seit langem unter den Nägeln gebrannt. Mit dem zweiten Katie Magurie-Roman hat er schließlich einen Weg gefunden, um diese gekonnt zu verarbeiten.

„Gequälte Engel“ ist nicht nur genauso spannend wie „Bleiche Knochen“, sondern übertrifft Band eins in dieser Hinsicht sogar. Dies liegt vor allem daran, da Masterton dieses ernste Thema mit einer unheimlich-mystischen Aura verbindet, die dem Fall seine bizarre Note verleiht. Wie jeder Roman Mastertons, so ist auch „Gequälte Engel“ hervorragend geschrieben. Aufgrund des dichten Schreibstils schreitet die Handlung in rasendem Tempo voran, wobei die Beklemmung und die Spannung von Seite zu Seite zunehmen.

Graham Masterton gelingt stets das Meisterstück, in jedem seiner Romane den Nervenkitzel neu zu erfinden. So auch in „Gequälte Engel“, wobei der Roman einem aufgrund seiner Intensität auch nicht mehr so leicht aus dem Kopf geht. Kurz: ein erstklassiger Horrorthriller.

Graham Masterton. Gequälte Engel. Festa Verlag 2017, 457 Seiten, 13,99 Euro, ISBN: 978-3-86552-575-8

 

Read Full Post »

Was im Jahr 1828 an Bord der Mary Russell geschehen ist, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Nun hat der bekannte Übersetzer Alexander Pechmann, der erst kürzlich an dem gewaltigen Lovecraft-Band Das Werk mitgearbeitet hat, daraus einen historischen Kriminalroman geschrieben, den man nicht so schnell aus der Hand legt.

Der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby möchte unbedingt in Erfahrung bringen, was an Bord der Mary Russell tatsächlich geschehen ist. Nur so viel ist sicher: sieben Mitglieder der Besatzung wurden brutal ermordet. Der Kapitän ist verschwunden. Scoresby beginnt nun, die Überlebenden des Massakers zu befragen. Doch die Geschichte wird von Mal zu Mal mysteriöser, je mehr er über das Geschehen an Bord erfährt.

Sieben Lichter gestaltet sich als eine Mischung aus klassischem Kriminalroman und Mystery-Thriller. Alexander Pechmann gelingt es dabei, von Anfang an eine dichte und rätselhafte Atmosphäre zu gestalten, die das gesamte Buch durchzieht. Besonders gut gelingen ihm dabei atmosphärische Momentaufnahmen, wie etwa die Mischung aus Schock und Bedrückung, die Scoresby entgegen schlägt, als er zum ersten Mal an Bord des Schiffes kommt.

Verfasst in einem erstklassigen Schreibstil wird der Roman zu einem wahren Pageturner, der noch dazu bis ins kleinste Detail hervorragend recherchiert ist. Man merkt, dass sich der Autor schon seit Jahren mit der Geschichte der Seefahrt auseinandersetzt, was dem Roman eine zusätzliche realistische Note verleiht.

Die Spannung nimmt dabei von Kapitel zu Kapitel zu, sodass man kaum noch mit dem Lesen aufhören kann. Stets möchte man wissen, welche Informationen Scoresby noch herausfindet, um dadurch hinter das Geheimnis des unheimlichen Falls zu kommen. Dies macht Sieben Lichter zu einem echten Leckerbissen nicht nur für Krimifans, sondern überhaupt für Leute, die auf der Suche nach einem wirklich guten Buch sind

Alexander Pechmann. Sieben Lichter. Steidl Verlag 2017, 166 Seiten, 18,00 Euro, ISBN: 978-3-95829-370-0

 

Read Full Post »

Auf die Idee zu ihrem berühmten Roman „Meine Cousine Rachel“ (1951) kam Daphne du Maurier durch ein Gemälde, das Rachel Carew (1669 – 1705) darstellte, die zweite Frau eines damaligen Politikers und Großgrundbesitzers. Der Roman wurde sogleich zum Bestseller, ein Jahr später bereits verfilmt und in diesem Jahr erneut für die Kinoleinwand adaptiert.

Wie auch „Rebecca“ (1938), so handelt es sich bei „Meine Cousine Rachel“ um eine Mischung aus Krimi und Mystery, wobei die Handlung im 17. oder 18. Jahrhundert spielt. Seit dem Tod von Philips Eltern, kümmert sich um ihn sein zwanzig Jahre älterer Cousin Ambrose. Ambrose ist ein reicher Großgrundbesitzer und Philip soll einmal das Gut erben. Beide sind unverheiratet und können mit Frauen im Grunde genommen nichts anfangen. Das ändert sich jedoch, als Ambrose in Italien, wohin er auf Anraten seines Arztes reist, um dadurch seine rheumatischen Beschwerden zu kurieren, eine Frau namens Rachel kennenlernt, halb Italieniern, halb Engländerin, die er kurz darauf heiratet.

Herrschen zuhause in England zunächst Überraschung und helle Freude darüber, dass Ambrose unerwartet geheiratet hat, so nimmt die Sache eine sonderbare Wendung, als Philip ein Schreiben von Ambrose erhält, in dem steht, dass er so schnell wie möglich nach Florenz kommen solle, da er schwer erkrankt sei. Doch bei seiner Ankunft ist Ambrose bereits tot und seine Frau spurlos verschwunden.

Kaum ist Philip, der noch ein Jahr warten muss, bis er sein Erbe antreten kann, wieder zurück in Cornwall, als Rachel vor seiner Tür steht. Diese entpuppt sich als eine hübsche, liebevolle Frau, die sozusagen Leben in die Bude bringt, was dazu führt, dass Philip ihr vollkommen verfällt. Doch irgendetwas scheint mit Rachel nicht zu stimmen. Führt sie etwa eine Art Doppelleben?

Daphne du Maurier (ca. 1930)

Mit Rachel schuf Daphne du Maurier eine der mit Sicherheit geheimnisvollsten Figuren der Weltliteratur. Der ganze Roman hat im Grunde genommen nur das eine Thema: Wer ist diese Rachel überhaupt? Ist sie tatsächlich diese liebevolle und zugleich sinnliche Frau, die Philip in ihr sieht und die ihn in einen regelrechten Liebeswahn stürzt, oder ist alles bloß Fassade und sie ist in Wirklichkeit eine Betrügerin?

Das Rätsel und der Versuch, dieses aufzudecken, machen diesen Roman zu einem mysteriösen Psychothriller, der nichts zu wünschen übrig lässt. Gleich zu Beginn, wenn Philip sich die Frage stellt, wer Rachel nun eigentlich wirklich ist, herrscht diese düstere, geheimnisvolle Aura, die den gesamten Roman durchzieht.

Philip, der vollkommen unerfahren ist, weiß selbst nicht, wie ihm geschieht. Sicher ist nur, dass er Rachel nicht mehr weggehen lassen möchte, trotz dieser sonderbaren Briefe, die Ambrose in Büchern und Kleidungsstücken versteckt hat.

Besonders die zweite Hälfte des Romans reißt einen regelrecht mit, sodass man mit dem Lesen einfach nicht mehr aufhören kann. Ähnlich wie die „Überfrau“ Rebecca, so ist auch Rachel schwer zu greifen und zu begreifen. Das macht sie zu einer überaus rätselhaften Gestalt, die nicht weniger unheimliche Züge aufweist und von der man nicht sagen kann, ob sich Philip hier einen Engel oder ein Monster ins Haus geladen hat. Dies macht „Meine Cousine Rachel“ zu einem absolut fesselnden Roman, der in einem noch lange nachwirkt.

Daphne du Maurier. Meine Cousine Rachel. Insel Verlag 2017, 416 Seiten, 12,00 Euro, ISBN: 978-3-458-36197-8

 

Read Full Post »

Die große Zeit der italienischen Horrorfilme ist leider längst vorbei. Selbst Dario Argento ist von einer gewissen ästhetischen Müdigkeit befallen. Vielleicht aus dem Grund hatten Indie-Produzent Dean Zanuck (Enkel des legendären Filmproduzenten Darryl F. Zanuck) und Regisseur Eric Dennis Howell die Idee, eine kleine Hommage an diese wundervolle Kinozeit zu schaffen.

Titel des gemeinsamen Filmes lautet „Voice from the Stone“ und spielt in einem einsam gelegenen Haus in der Toskana. Dorthin verschlägt es das Kindermädchen Verena, die sich um einen stummen Jungen kümmern soll und ihn, wenn möglich, wieder zum Sprechen bringen. Jakob, der durch den Tod seiner Mutter einen Schock erlitt, ist fest davon überzeugt, dass seine Mutter durch die Wand seines Kinderzimmers mit ihm spricht. Verena will ihm diese Wahnvorstellung austreiben, doch dabei wird sie selbst immer stärker in die unheimliche Atmosphäre hineingezogen, die im und um das Haus lastet …

„Voice from the Stone“ ist in erster Linie ein überaus ruhiger Film, der sich vor allem Mühe gibt, den richtigen Ton zu treffen. Denn die Schaffung einer mysteriösen, durchaus unheimlichen Atmosphäre steht hier eindeutig im Vordergrund. Dabei orientieren sich Zanuck und Howell sehr genau an den damaligen Horrorfilmen von Mario Bava, Luigi Cozzi oder Antonio Margheriti.

Egal ob es sich um die düsteren Aussenansichten des Schlosses handelt oder um die teils leeren Innenräume des Gebäudes, hier spiegelt sich beinahe identisch die damalige Low-Budget-Ästhetik wider, die bis heute so viele Herzen höher schlagen lässt. Die Story selbst ist gar nicht mal schlecht, orientiert sich aber zu sehr an Henry James‘ berühmter Novelle „Das Drehen der Schraube“, auch wenn „Voice from the Stone“ eine Adaption eines italienischen Mystery-Thrillers ist.

Sowohl bei Henry James als auch in Howells Film kommt eine Erzieherin in ein einsam gelegenes Haus, in dem sich kleine Kinder äußerst seltsam benehmen und behaupten, von Geistern heimgesucht zu werden. Während es bei „Voice from the Stone“ ein Geist ist, so sind es bei James gleich zwei, aber die Überschneidungen sind eindeutig. In dieser Hinsicht fehlt es dem Film an Originalität. Schön ist allerdings, dass Howell und Zanuck versuchen, eine klassische Geistergeschichte zu erzählen.

Das ist ihnen auch gelungen, auch wenn die Hauptdarstellerin Emilia Clarke in ihrer Rolle als Kindermädchen nicht wirklich überzeugt. Man nimmt ihr die Rolle einfach nicht ab, ihr Spiel beschränkt sich in aller erster Linie auf eine irgendwie unbeholfene Mimik, stellenweise hat man das Gefühl, einer Schauspielstudentin beim Üben zuzusehen.

Was den Film aber dennoch interessant macht, ist seine sorgfältig konzipierte Optik, die viel zu der oben beschriebenen Atmosphäre beiträgt. Die Meister des italienischen Horrorkinos hätten sich daran sicherlich erfreut, auch wenn sie die Handlung spannender und dramatischer gestaltet hätten.

Voice from the Stone. Regie: Eric Dennis Howell, Drehbuch: Andrew Shaw, Produktion: Dean Zanuck, Darsteller: Emilia Clarke, Marton Csokas, Edward Dring. USA/Italien 2016, 94 Min.

Read Full Post »

Der gewöhnliche Alltag mit all seinen Problemen, verbunden mit Horroraspekten. Der Trend, der sich heutzutage in einer Art eigenem Subgenre abzeichnet, ist keinesfalls eine neue Idee, sondern reicht zurück bis zu Herk Harveys Klassiker „Tanz der toten Seelen“ aus dem Jahr 1962. Davon beeinflusst war sicherlich auch die koreanische Regisseurin Lee Soo-Youn, als sie 2003 ihren Film „The Uninvited“ drehte.

„The Uninvited“ (eigentlich „Ein Tisch mit vier Gästen“) ist kein Remake des gleichnamigen Horror-Klassikers aus den 40er Jahren, sondern erzählt die Geschichte des Innenarchitekten Jeong, der bei einem Unfall nur knapp dem Tod entkommt. Von da an wird er von sonderbaren und unheimlichen Visionen geplagt, die sich verstärken, als er die mysteriöse Yeon kennenlernt …

Yeon verzweifelt an sich selbst und ihren unheimlichen Fährigkeiten; „The Uninvited“ (2003); Copyright: e-m-s

Der Film, zugleich ein Beitrag des koreanischen Autorenfilms, besticht durch eine Mischung aus Psychogramm, Thriller und Horrorfilm. Sehr gekonnt vermischt die Regisseurin Lee Soo-Youn alle drei Genres miteinander, sodass dadurch ein recht beklemmendes Mystery-Drama entsteht. Lee Soo-Youns Film ist, wie so viele koreanische Horrorfilme, äußerst düster, nicht weniger geheimnisvoll und deckt die Schattenseiten des modernen Großstadtlebens auf.

Fotomodel und mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin Jun Ji-Hyun spielt Yeon, eine Art weibliche Verkörperung des Todes, als eine depressive und psychisch labile Frau, die zusätzlich unter ihrer Einsamkeit leidet. Nicht nur ihr Mann macht sie kaputt, sondern ebenso ihre soziale Umwelt, mit der sie im Grunde genommen nichts zu tun haben möchte. Sie wird von ihren Mitmenschen gemieden, da ihre Art nicht der Norm entspricht. Unfreiwillig konfrontiert Yeon den Innenarchitekten Jeong sowie andere Personen mit verdrängter und längst vergessen geglaubter Schuld, durch die in der Vergangenheit jemand zu Tode gekommen ist. Eine Fähigkeit, an der sie selbst verzweifelt.

„The Uninvited“ ist anspruchsvolles koreanisches Horrorkino, verpackt in eine überaus düstere und kalte Atmosphäre. Lee Soo-Youn kreiert in ihrem Film eine Ästhetik des Grauens in dunklen, hoffnungslos erscheinenden Bildern, die den Menschen in einer extrem negativen Weise darstellen. Es ist ein sehr kunstvoller Film, der zwar aufgrund seiner Zelebrierung der Trostlosigkeit ein gewisses Durchhaltevermögen abverlangt, aber aufgrund seiner Dramaturgie und seiner tollen Schauspieler überaus sehenswert ist.

The Uninvited, Regie u. Drehbuch: Lee Soo-Youn, Produktion: Lee Kang-Bok, Darsteller: Park Shin-Yang, Jun Ji-Hyun, Südkorea 2003, 121 Min.

 

Read Full Post »

Nach dem Erfolg von „Girl on the Train“ musste natürlich so schnell wie möglich ein weiteres Buch der Autorin her. Das Ergebnis trägt den Titel „Into the Water“ und handelt von dem kleinen Ort Beckford, in dem immer wieder Frauen Selbstmord begehen, indem sie sich von einer hohen Klippe in den Fluss stürzen. So auch Julias Schwester Nel, die in Beckford lebte, um dort den rätselhaften Fällen nachzugehen und daraus ein Buch zu machen.

Als Julia nach Beckford kommt, um die Leiche zu identifizieren und an der Trauerfeier teilzunehmen, versucht sie zugleich herauszubekommen, wieso sich Nel umgebracht hat. War es tatsächlich Selbstmord? Wurde sie Opfer eines angeblichen Fluches? Oder wurde sie von der Klippe gestoßen? All diese Fragen beschäftigen auch die Polizei, denn bevor Nel umgekommen ist, starb auch eine Schülerin auf ominöse Weise im Fluss.

Wie bereits „Girl on the Train“, so ist auch „Into the Water“ aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, wobei sich die persönliche Tagebuchform abwechselt mit einem allgemeinen Erzählstil. Schon allein durch den ständigen Wechsel der Perspektiven, durch Rückblenden und durch das Einweben des unvollständigen Manuskripts von Nel über das Geheimnis des Drowning Pool erschafft Paula Hawkins eine intensive Dichte, die den Leser schnell in ihren Bann zieht.

Alles dreht sich um das Geheimnis der Frauen von Beckford, um die Frage, weswegen manche von ihnen im Drowning Pool ertranken. Nel kommt dabei auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses, und nach und nach stellt sich heraus, dass Beckford an mehr als nur einem tragischen Schicksal leidet.

Man könnte fast meinen, als habe Paula Hawkins sich an dem Grundkonzept des J-Horror orieniert, als sie „Into the Water“ konzipierte. Denn das grundlegende Thema ist so gut wie identisch: die Verhinderung von Emanzipation seitens patriarchaler Strukturen. Zwar schlägt die Autorin von Anfang an tatsächlich Töne des Mytischen und Mysteriösen an, letztendlich aber entwickelt sich die Story dann doch in eine andere Richtung.

Dennoch bleibt das Rätselhafte und latent Unheimliche stets präsent: eine alte Frau, die mit den Toten kommunizieren kann, Julia, die ständig glaubt, dass ihre Schwester in ihrem Haus umgeht, der allgemeine Glaube an eine Art Fluch, der über dem kleinen Ort liegt. Im Gegensatz zu „Girl on the Train“ verzichtet Hawkins hier auf eine satirische Sichtweise. Vielmehr gestaltet sie die Geschichte als eine Art düsteres Drama, in das Julia unvermittelt hineingezogen wird.

Während man bei den entlarvenden Seitenhieben auf das Spießertum der Vorstadtbewohner immer wieder mal schmunzeln musste, so bleibt Paula Hawkins in ihrem neuen Roman ungewöhnlich ernst. Sie konzentriert sich voll und ganz auf die Trauer und den Schmerz der Figuren, verbindet diesen aber gekonnt mit einer durchgängig spannenden Handlung. Ähnlich wie Agatha Christie, so präsentiert auch Paula Hawkins eine ganze Reihe von verdächtigen Personen, um nach und nach deren Geheimnisse zu lüften. All dies macht ihren zweiten Thriller durchaus lesenswert.

Paula Hawkins. Into the Water. Blanvalet 2017, 476 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-7645-0523-3

Read Full Post »

Older Posts »