FuBs Fundgrube: „Bevor es dunkel wird“ von Stephanie Merritt

Es ist immer wieder spannend, (mir) unbekannte Autorinnen und Autoren zu entdecken. Gut, manchmal macht man dabei einen Griff ins Klo, aber manchmal landet man auch einen echten Glückstreffer. So z.B. bei dem Mystery-Thriller „Bevor es dunkel wird“ (OT: While you sleep) von Stephanie Merritt. Merritt ist Journalistin, die sowohl für englische als auch für deutsche Tageszeitungen schreibt, wobei sie in England anscheinend auch ein gefragter Gast bei Diskussionsrunden ist, besonders dann, wenn es um kulturelle Themen geht.

Mir persönlich war die Autorin bisher völlig unbekannt. Die Handlung des Romans fand ich jedoch recht interessant, besonders, da ich ein Sammler von Geisterhausromanen und -filmen bin. Und ja, bei „Bevor es dunkel wird“ handelt es sich um einen solchen Roman. Wer allerdings auf Seiten voller Spuk und Geister und rasselnder Ketten hofft, wird hier kaum fündig werden, denn Merritt setzt die Stilmittel größtenteils recht subtil ein.

Es geht um die Malerin Zoe, die sich von ihrem Mann eine Auszeit gönnt und aus diesem Grund nach Schottland reist, um dort in einem Ferienhaus ein paar Wochen zu leben. Um das Haus allerdings ranken sich so manche Gerüchte und nicht jeder in dem Dorf, in dessen Nähe das einsame Haus steht, ist begeistert davon, dass Zoe nun darin wohnt. Zoe selbst bemerkt bereits in der ersten Nacht, dass etwas mit dem Gebäude nicht stimmt. Und so macht sie sich auf die Suche nach den Ursachen für den Spuk …

Stephanie Merritt schuf mit ihrem Thriller einen sehr unterhaltsamen Roman, der von der ersten Seite an Freude bereitet. Da ich das Buch antiquarisch erstanden habe, habe ich mich umso mehr darüber gefreut, einen solchen Treffer gelandet zu haben. Die Spukbeschreibungen sind recht gelungen, besonders schön finde ich, dass Merritt sich dabei zum großen Teil auf klassische Gespenstergeschichten bezieht – schon allein die schattenhafte Gestalt im Moor ist ein gelungenes Beispiel dafür.

Die Grundidee ist dabei recht interessant. Leider aber lässt Stephanie Merritt schon recht schnell Zoe eine Erklärung für den Spuk finden, sodass es im restlichen Roman um die Frage geht, wer die frühere Bewohnerin des Hauses gewesen ist (kein Spoiler) und welches Schicksal sie erleidet hat (auch kein Spoiler). Denn über beides schweigen die Dorfbewohner beharrlich.

Alles in allem ist „Bevor es dunkel wird“ ein Roman, der absolut unterhält und dahingehend großen Spaß macht, besonders dann, wenn es draußen regnet oder gewittert.

Stephanie Merritt. Bevor es dunkel wird. Blanvalet 2018, 480 Seiten

FuBs Fundgrube: Der vierbändige Öland-Thriller von Johan Theorin

Wow!, kann man da nur noch sagen. Was der schwedische Krimiautor Johan Theorin da geschrieben hat, ist alle erste Sahne. Angesiedelt auf der Insel Öland, geht es in seinen vier Thrillern um vier unheimliche Fälle, in denen der ehemalige Seeman Gerlof eine zentrale Rolle spielt. Theorin hat selbst familiäre Beziehungen zu Öland, da seine Großeltern dort leben. Sie erzählten ihm alte Geschichten über diese Region, die er teilweise in seine Romane einfließen ließ.

Die vier Öland-Thriller richten sich nach den vier Jahreszeiten. So spielt der erste Roman „Öland“ im Herbst, der zweite Roman „Nebelsturm“ im Winter, der dritte Roman „Blutstein“ im Frühling und der letzte Roman „Inselgrab“ im Sommer. In „Öland“ verschwand vor fast 20 Jahren ein kleiner Junge spurlos im Nebel. Nun erhält Gerlof, der im Altersheim lebt, plötzlich eine Sandale zugeschickt, die dem Jungen, seinem Enkel, gehörte. Gerlofs Tochter Julia hat seit dem Verschwinden ihres Sohns ihr Leben nicht mehr richtig im Griff. Doch zusammen mit ihrem Vater versucht sie, den Fall zu lösen. Und schon gibt es erste Gerüchte: Nils Kant habe mit dem Verschwinden des Jungen zu tun. Doch Nils war damals bereits seit Jahren tot …

In „Öland“ vermischt Theorin Spukandeutungen mit einer spannenden Kriminalgeschichte. Verbunden ist dies mit einer düsteren Familiengeschichte. Wirklich großartig.

Noch besser ist „Nebelsturm“, in dem der Autor alle Register zieht. Eigentlich ist dies der beste Roman der Reihe. Es geht um einen alten Leuchtturmwärterhof, auf dem es spuken soll. Doch Joakim und seine Frau halten nichts davon. Aber dann passieren seltsame Dinge auf dem Hof …

Großartig. Einfach großartig. Mehr kann man nicht dazu sagen. Theorin hat mit „Nebelsturm“ einen der besten Mystery-Thriller geschrieben, die es gibt. Unheimliche Szenen verbinden sich mit kriminellen Machenschaften. Den Roman liest man in einem Rutsch durch und möchte ihn danach gleich nochmals lesen. Hinzu kommt eine wunderbare Sprache, die den Roman zu einem literarischen Krimi macht.

Die Euphorie erhält leider in „Blutstein“ einen Dämpfer. Hier geht es um Per Mörner, dessen Vater ermordet wird. Sein Vater war in der Pornobranche tätig. Per, der seinen Vater kaum gekannt hat, versucht, den Grund für den Mord zu finden.

Irgendwie tat sich Theorin selbst mit dem Thema schwer. Der Roman kommt nicht wirklich in die Gänge und das Einweben von Elfenglauben und dem Glauben an Trolle führt ebenfalls zu nichts. Wie immer sind die Figuren sehr komplex und gut durchdacht, doch die Geschichte selbst ist ziemlich öde – und das Finale wirkt dann wie aus der Nase gezogen.

Doch Johan Theorin hat sich nach diesem Durchhänger schnell wieder gefasst und sich auf seine egentlichen Stärken konzentriert. Mit „Inselgrab“ zeigt er nochmals, was einen erstklassigen Mystery-Thriller ausmacht. Vor der Küste Ölands treibt ein Schiff voller Leichen. Der alte Seemann Gerlof ist wieder voll in Aktion. Er weiß, dass jemand zurückgekehrt ist, um sich zu rächen …

Wieder präsentiert Theorin einen spannenden Krimi, der aus verschiedenen Perspektiven den düsteren Fall schildert. Zwar weiß man von Anfang an, wer der Mörder ist, doch geht es Theorin gar nicht um die Suche nach dem Täter, sondern darum, aus welchem Grund sich „Der Heimkehrer“ rächen möchte. Wie auch bei „Öland“ und „Nebelsturm“ gleitet man über die Seiten nur so hinweg und wundert sich, dass man schon nach kurzer Zeit die knapp 500 Seiten durchgelesen hat.

Alles in allem ist das „Öland-Quartett“ erstklassige Kriminalliteratur, die sicherlich nicht nur Krimifans in ihren Bann schlägt. Bis auf „Blutstein“ haben mir die Romane sehr gut gefallen und mich regelrecht gepackt. Die Romane kann man durchaus auch einzeln lesen, wenn man allerdings die Reihenfolge einhält, so kommt man in den Genuss der Entwicklung der Figur von Gerlof. Hier und da verzettelt sich Theorin: Gerlofs Ärztin Wahlberg ist im letzten Band ein Arzt mit demselben Nachnamen und aus dem Hof mit den beiden Leuchttürmen aus „Nebelsturm“ wird in „Inselgrab“ ein Hof mit nur einem Leuchtturm. Aber das sind Kleinigkeiten, die wohl nur auffallen, wenn man alle vier Romane direkt nacheinander liest. Insgesamt sind die vier Öland-Thriller eine klare Leseempfehlung.

FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

Die 90er: Twin Peaks – Fire walk with me (1992)

Lüften Laura Palmer (Sheryl Lee) und Specialagent Cooper (Kyle McLachlan) das Geheimnis? „Twin Peaks – Fire walk with me“ (1992); © Mk2; Arthouse

Trotz des Erfolgs der TV-Serie „Twin Peaks“ (1991 – 1992). floppte der Spielfilm, den David Lynch nachschob. Bei den damaligen Filmfestspielen in Cannes wurde „Twin Peaks – Fire walk with me“ von Kritikern ausgebuht. Aber nicht nur die schlechten Kritiken verhagelten David Lynch den gewünschten Erfolg, sondern auch die Fans der Serie, da für sie der Spielfilm nicht im Einklang mit dieser stand.

In der Tat ging bereits bei der Produktion vieles durcheinander, da manche Schauspieler der Serie nicht mitspielen wollten. Kyle McLachlan sagte zunächst ab, um später dann doch wieder zuzusagen. Das Drehbuch wurde also nochmals schnell umgeschrieben, um doch noch Platz für Specialagent Cooper zu schaffen.

„Twin Peaks – Fire walk with me“, der damals in den deutschen Kinos unter dem Titel „Twin Peaks – Der Film“ lief, ist das Prequel zur Serie, in dem erzählt wird, wie es zu dem Mord an Laura Palmer, der wohl berühmtesten Toten der Film- und TV-Geschichte, kam. Beschäftigt sich die erste halbe Stunde mit einem mysteriösen Kriminalfall, der in der Serie immer mal wieder angesprochen wurde: dem Mord an Teresa Banks, so kann der restliche Film als eine Mischung aus Drama und Mystery-Thriller bezeichnet werden. Hier geht es konkret um Laura Palmas zwielichtiges Leben, ihre Drogenabhängigkeit und ihre heimliche Tätigkeit als Prostituierte.

Zuschauer, die die Serie nicht kennen, werden die Handlung des Films wahrscheinlich nicht wirklich nachvollziehen können, zu stark konzentriert sich Lynch hier auf Aspekte der beiden vorangegangenen Staffeln. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, einen von der Serie relativ unabhängigen Film zu schaffen, so aber verliert er sich in Anspielungen, ohne dabei etwas konkret Neues zu liefern.

Waren die damaligen Kritiken durch die Bank weg vernichtend, so bewerten heutige Filmexperten „Twin Peaks – Fire walk with me“ als kleines Meisterwerk. Dies ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber was stimmt, ist, dass der Film weitaus besser ist als die damaligen Kritiker behaupteten. Vor allem das Spiel mit den subtilen, surrealen Aspekten, die auf ein kosmisches Grauen hinweisen, die aber gleichzeitig Merkmale von Laura Palmers psychischen Zustand sein könnten, ist sehr gut umgesetzt.

Auf diese Weise kann man David Lynch‘ Film auf zwei Arten sehen: als das Drama um eine junge Frau, die von ihrem Vater missbraucht wird und sich in Drogen flüchtet, oder als mysteriösen Thriller, in dem es um eine junge Frau geht, die von einem unheimlichen Dämon heimgesucht wird. Beide Ebenen verschmelzen zu einer einzigen und geben dadurch den Themen Unsicherheit, Angst und zerstörte Familienverhältnisse einen doppelten Boden.

Im Gegensatz zur USA, Deutschland (wo auch schon die Serie einen eher geringen Erfolg erzielt hatte) und anderen westlichen Ländern, geriet der Film in Japan zu einem Überraschungserfolg. „Twin Peaks“ wurde vor allem von Frauen gesehen, die von der Figur Laura Palmer bestürzt und zugleich begeistert waren, sahen sie doch darin ein Symbol für die damals aufkommende neue Emanzipationsbewegung.

Die Klunkerecke: The Mothman Prophecies – Tödliche Visionen (2002)

Reporter John Klein (Richard Gere) als die Katastrophe hereinbricht; „The Mothman Prophecies“ (USA 2002), © Concorde

Der Mothman gehört wohl zum bekanntesten Personal der urbanen Legenden der USA. Immer wieder gibt es Berichte über den geheimnisvollen Mottenmann, der angeblich stets dann erscheint, wenn ein größeres Unglück bevorsteht. Kein Wunder also, dass sich Hollywood dieser Figur angenommen und daraus einen Film gemacht hat.

Mit Richard Gere und Laura Linney hatte man auch schon das kleine Ensemble zusammen, das den gesamten Film trägt, eigentlich nur übertroffen durch die erstklassige Optik, mit der Regisseur Mark Pellington seinen vierten Spielfilm verziert. Basierend auf dem 1975 erschienenen Buch des Journalisten John Keel, erzählt „The Mothman Prophecies“ die seltsamen Erlebnisse des Reporters John Klein, dessen Frau nach einem mysteriösen Unfall gestorben ist. Kurz vor ihrem Tod zeichnete sie eigenartige Bilder, die ein Wesen mit rot glühenden Augen darstellen.

Eines Tages verschlägt es Klein auf unerklärliche Weise in die Stadt Poin Pleasant, in der es immer wieder zu Sichtungen des Mothman kommt. Während Klein gemeinsam mit der Polizistin Connie Mills versucht, das Rätsel zu lösen, bahnt sich eine Katastrophe an …

Man kann über den Film sagen, was man möchte, was Regisseur Pellington gelingt, ist, von Anfang an eine mysteriöse, dichte Atmosphäre zu schaffen, welche die ganzen 114 Minuten über anhält. Verbunden mit der bereits erwähnten großartigen Optik ergibt sich ein Mystey-Thriller, der gekonnt die Gefahren des Kitsch umschifft, auch wenn er gelegentlich haarscharf daran vorbeischrammt.

Mark Pellingtons Motivation besteht darin, Leute, denen etwas Unerklärliches widerfahren ist, zu verstehen. Dabei konfrontiert er die Figuren mit den gängigen Vorurteilen, dass es sich ausschließlich um Spinner oder um Wichtigtuer handelt. Ebenso mit den tragischen Konsequenzen, welche solche außergewöhnlichen Erfahrungen mit sich bringen, z.B. Trennung vom Partner und soziale Ausgrenzung. In dieser Hinsicht ist der Film soziolgisch und auch psychologisch recht genau, was sich wiederum positiv auf den Film als Ganzes auswirkt, da er auf diese Weise die Verbindung zur Realität nicht verliert.

Was ein wenig nervt, ist das ständige Läuten des Telefons bzw. Handys. In wohl kaum einem anderen Film wird so viel angerufen wie in „The Mothman Prophecies“. Vielleicht sogar ein wenig zu viel. Auf jeden Fall spielt Richard Gere den Politikreporter John Klein unglaublich gut. Man nimmt ihm die Rolle des Rationalisten und Skeptikers ab, der auf einmal die Welt nicht mehr versteht. Zunächst versucht er, für alle Vorkommnisse nach plausiblen Erklärungen zu suchen, bis er sich schließlich eingestehen muss, dass es keine solche gibt – für diese Gegenüberstellung zwischen plausibel und unplausibel findet Mark Pellington übrigens immer wieder schöne Bilder.

„The Mothman Prophecies“ ist dadurch eindeutig einer der besseren Mystery-Filme, welche um die Jahrtausendwende über die Leinwand flimmerten und von denen die meisten längst wieder in Vergessenheit geraten sind.

The Mothman Prophecies. Regie: Mark Pellington, Drehbuch: Richard Hatem, Produktion: Tom Rosenberg, Darsteller: Richard Gere, Laura Linney, Will Patten. USA 2002, 114 Min.

FuBs Klassikbox: Die Nacht hat tausend Augen (1948)

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Für Edward G. Robinson war dieser Film nur eine kleine Randnotiz in seiner Autobiographie wert: er finde „Die Nacht hat tausend Augen“ äußerst misslungen und habe nur wegen des Geldes mitgespielt. Seine Einstellung ist wirklich erstaunlich, handelt es sich bei „The Night has a thousand Eyes“ um einen der wohl faszinierendsten, unheimlichsten und spannendsten Noir-Filme.

„Der Tod kommt um 11“ lautete der deutsche Alternativtitel und lag dabei gar nicht mal so falsch. Es geht nämlich um Jean Courtland, die um 11 Uhr nachts sterben soll. Ihr Tod wurde ihr durch den sonderbaren John Triton vorausgesagt. Triton verdiente in frühen Jahren sein Geld auf Jahrmärkten als vermeintlicher Wahrsager. Bei einer Vorstellung jedoch sah er einen Todesfall voraus. Von da an wird er immer wieder von Visionen heimgesucht, die kurz darauf schreckliche Wirklichkeit werden. So prophezeit er auch den Tod Jeans, mit der er auf eigenartige Weise verbunden ist. Während Triton versucht, Jeans Schicksal aufzuhalten, setzt die Polizei alles daran, ihn hinter Gitter zu bringen, da sie ihn für einen gemeingefährlichen Scharlatan hält.

John Farrow, der durch John Waynes einzigen 3D-Film „Man nannte mich Hondo“ (1953), bei dem er Regie führte, praktisch in die Filmgeschichte einging, war auch für die Adaption des gleichnamigen Romans von Cornell Woolrich verantwortlich. Woolrich‘ Erzählungen und Romane waren immer wieder für Hollywood interessant, man denke nur an Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954), dennoch starb der Autor völlig verarmt. „Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man heute als Mystery-Thriller bezeichnen würde.

Von Anfang an herrscht eine düster-unheimliche Atmosphäre, die sich dadurch zunehmend verstärkt, da John Farrow mit den Aspekten des Phantastischen regelrecht spielt. Während die Handlung durchaus realistisch bleibt, schleichen sich dennoch immer wieder rätselhafte Ereignisse ein, die eben mit einer herkömmlichen Rationalität nicht zu erklären sind. John Triton, Jean Courtland und alle anderen, die in diesen Fall involviert sind, scheinen regelrecht von einer unheimlichen, ja unerklärlichen Bedrohung umgeben zu sein.

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Fast schon wie bei Lovecraft verweist „Die Nacht hat tausend Augen“ dabei auf eine Welt jenseits unseres Verstandes, die sich hinter der Fassade verbirgt, die unseren Alltag definiert. Natürlich kommen keine Monster vor, doch geht es eben um eine Art kosmisches Grauen, wie Lovecraft dies bezeichnen würde, und wahrscheinlich hätte er dem Film 100 Punkte verliehen. Man würde sicherlich zu weit greifen, wenn man in „Die Nacht hat tausend Augen“ erste Ansätze von Clive Barkers „Lords of Illusions“ (1995) sehen würde, doch würde es andererseits auch nicht wundern, wenn Barker sich von diesem Film hat auf irgendeine Weise inspirieren lassen.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist jedenfalls ein spannender, nein, ein hochspannender Thriller, der die Mystery-Elemente bis zuletzt auskostet, wobei das Tempo des Films sich von Szene zu Szene erhöht. Möglich, dass Edward G. Robinson, der ja vor allem in reinen Gangsterfilmen beheimatet war, die übersinnlichen Aspekte des Films für störend hielt, was ihn letztendlich zu seiner oben erwähnten Aussage geführt hat. Ihm zur Seite stand Gail Russell, die schon eher im Mystery-Genre erprobt war, hatte sie doch bereits in dem Gruselkrimi „Der unheimliche Gast“ (1944) mitgewirkt.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man als vergessene Perle des Film Noir bezeichnen könnte. Kurz: ein großartiger Film.

Die Nacht hat tausend Augen (OT: The Night has a thousand Eyes). Regie: John Farrow, Drehbuch: Jonathan Latimer, Produktion: Endre Bohem, Darsteller: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan. USA 1948, 81 Min.

 

Die Nebelkrähe – Auf Spurensuche im London der 20er Jahre

Nach seinem erfolgreichen Debut „Sieben Lichter“, in dem es um einen recht sonderbaren Kriminalfall auf hoher See geht, erscheint mit „Die Nebelkrähe“ nun der zweite Roman von Alexander Pechmann.

Es geht um den jungen Kriegsveteranen und Mathematikstudenten Peter Vane, der von einer sonderbaren Stimme heimgesucht wird, die ihm immer wieder den Namen Liliy zuflüstert. Seit dem spurlosen Verschwinden seines Kameraden Finley, lässt Vane eine Sache nicht mehr los: Wer ist das junge Mädchen auf dem Foto, das ihm Finley geschenkt hat? Vane, der nicht an das Übernatürliche glaubt, begibt sich auf der Suche nach Antworten in sonderbare spirtitistische Kreise …

Wer bereits „Sieben Lichter“ verschlungen hat, der wird bei „Die Nebelkrähe“ noch mehr begeistert sein. Dies liegt nicht nur an dem wunderbaren Schreibstil, sondern auch an der Geschichte selbst, die mysteriös, spannend und zugleich mit einem herrlichen Witz garniert ist. Sofort zieht einem die Geschichte um Peter Vane in den Bann. Unvermittelt gerät er an Personen, die alle irgendetwas mit Oscar Wilde zu tun haben. Doch sind es Betrüger? Halten Vane alle zum Narren? Oder ist alles echt, was er erlebt?

Der Roman lässt den Leser miträtseln, was den Unterhaltungswert von „Die Nebelkrähe“ noch zusätzlich steigert. Hinzu kommt, dass es alle Personen, die in dem Roman auftreten, tatsächlich gelebt haben. Angefangen von Dorothy Wilde bis hin zu einer Opium süchtigen Prinzessin – und nicht zu vergessen den außergewöhnlichen Papagei. All das macht den neuen Roman von Alexander Pechmann zu einem echten Lesevergnügen. Kurz: Eine gelungene Mischung aus Mystery, Krimi und historischem Roman.

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe. Steidl Verlag 2019, 173 Seiten, 18,00 Euro

 

Erschienen: Prähuman Band 9 – Tödliche Schatten

Nun erschien auch schon Band 9 der eBook-Serie „Prähuman“ mit dem Titel „Tödliche Schatten“. Und auch in diesem Band kommen die Freunde des Skurrilen, bizarrer Ideen, jeder Menge Spannung und Humor voll auf ihre Kosten.

In Band 9 geht es um Gray House, das sich auf einer Felseninsel vor San Francisco befindet. Merkwürdige Gerüchte ranken sich um das alte Gebäude und dessen früheren Besitzer, einem Exzentriker, der vor Jahren spurlos verschwunden ist. Angeblich soll in dem Haus ein wertvoller Schatz versteckt sein. Andere Leute behaupten, dass es in der Villa spukt. Erst kürzlich hat sich darin ein rätselhafter Todesfall ereignet. Als Frederic Tubb, Maki Asakawa und Hans Schmeißer Gray House besuchen, um dem Historiker und Archäologen Mark Ranger bei seinen Forschungen zu unterstützen, scheinen sich die Gerüchte auf unheimliche Weise zu bewahrheiten. Denn schon bald befinden sie sich in Lebensgefahr …

Band 9 ist nicht weniger spannend und witzig als seine Vorgänger. Die Story schreitet schnell voran und lässt eigentlich kaum eine ruhige Minute aufkommen. Ständig geschieht etwas, wobei der Verlauf, den die Handlung nimmt, wirklich interessant ist. Wie bei „Prähuman“ üblich, so ist „Tödliche Schatten“ eine Mischung aus Fantasy, SF, Abenteuer und Horror, wobei die Grenzen klarerweise verschwimmen. So lebt auch Band 9 von seinen lebendigen Charakteren und jenen oben bereits erwähnten bizarren Ideen. Leute ohne Sinn für Humor und Selbstironie werden sich wie immer ärgern, alle anderen werden mit „Tödliche Schatten“ einen köstlichen Spaß haben. Kurz: wie auch die Vorgängerbände bietet Band 9 spannende und äußerst kurzweilige Unterhaltung.

FuBs Klassikbox: Die Wendeltreppe (1946)

Robert Siodmaks „Die Wendeltreppe“ ist nicht nur einer der bekanntesten Klassiker des Film Noir, sondern zugleich Ursprung des späteren Giallo der 60er und 70er Jahre, sodass manche Filmhistoriker Siodmaks Meisterwerk gerne auch als „Ur-Giallo“ bezeichnen.

Der Film basiert auf dem Bestseller „Some must watch“ der Schriftstellerin Ethel Lina White (1876 – 1944), deren Romane vor allem im englischsprachigen Raum großen Anklang fanden, in Deutschland jedoch nur wenig publiziert wurden. Siodmaks Adaption handelt von der stummen Helen, die als Hausmädchen in einem abgelegenen Haus tätig ist, wo sie sich vor allem um die bettlegrige Mrs. Warren kümmert. Ebenfalls in dem Haus wohnen die beiden Söhne von Mrs Warren, Albert und Steven, sowie Alberts Sekretärin Blanche.

Eines Tages geschieht in einem Hotel ein grausamer Mord an einer behinderten Frau. Der Mörder kann nicht gefasst werden, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass er Helen bis zu dem Haus der Warrens gefolgt ist. Tatsächlich geschehen dort plötzlich seltsame Dinge, bis es schließlich zu einem weiteren Mord kommt …

Die teils extreme Optik diente als Vorbild für die späteren Giallo-Filme; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Ein Mörder, der es auf entstellte und behinderte Frauen abgesehen hat, schon allein das war für die damalige Zeit harter Tobak. Doch ging Meisterregisseur Robert Siodmak noch einen Schritt weiter. Denn um das Extreme der Handlung nochmals zu unterstreichen, setzte er in seinem Film verstörende Nahaufnahmen ein und verwendete stellenweise eine Optik, die zu fast surrealen, traumartigen Bildern führen. Die Optik wirkte für die damalige Zeit geradezu radikal. Auch heute hat sie rein gar nichts von ihrer unglaublichen Wucht verloren.

So zeigt Siodmak extreme Nahaufnahmen vom Auge des psychopathischen Mörders, während dieser sein Opfer beobachtet. Gleich am Anfang, als die oben erwähnte Frau ermordet wird, sieht man deren in die Höhe gestreckten Hände, wie diese sich auf fast schon unnatürliche Weise verkrampfen. In einer weiteren Szene ist es ein schwarz gekleideter Mann, der Helen auf sonderbare Weise folgt, als diese im beginnenden Unwetter über den Hof zum Eingang des Hauses rennt. Dieser Hang zum Surrealen beeinflusste 20 Jahre später die italienischen Horror- und Giallo-Regisseure, allen voran Mario Bava und Dario Argento.

Licht und Schatten: Film Noir in Reinform; „Die Wendeltreppe“ (1946); Copyright: Anchor Bay

Tatsächlich übernahmen beide viele Aspekte von „Die Wendeltreppe“ in ihre eigenen Filme. So unter anderem auch das Markenzeichen des Giallo: den schwarzen Handschuh. Dario Argento zitierte in „Tenebre“ (1982) die berühmte Szene aus „Die Wendeltreppe“, in der Helen einen Zaun entlanggeht, während der Gewittersturm losbricht. Um sich Mut zu machen, verursacht Helen mit einem Stock, den sie gegen den Zaun schlägt, selbst Geräusche. Argento verändert diese Szene in „Tenebre“ insoweit, indem er hinter dem Zaun einen aggressiven Hund hochspringen lässt, der plötzlich auf die junge Frau Jagd macht.

Um die Handlung noch zu verdichten, lässt Robert Siodmak seinen Film in einer einzigen Gewitternacht spielen. Auf diese Weise drängen sich die Zwischenfälle, ohne dass der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, zwischendurch zur Ruhe zu kommen. Die Spannung wird durch den Umstand zusätzlich angestachelt, da man unweigerlich beginnt, mitzurätseln, wer denn nun der Mörder ist. All dies macht „Die Wendeltreppe“ auch heute noch zu einem extrem packenden und fasziniernden Filmerlebnis.

Die Wendeltreppe (OT: The Spiral Staircase). Regie: Robert Siodmak, Drehbuch: Mel Dinelli, Produktion: Dore Schary, Darsteller: Dorothy McGuire, George Brent, Ethel Barrymore, Kent Smith, Gordon Oliver, Rhonda Flemin. USA 1946, 99 Min.

Gequälte Engel – Graham Mastertons zweiter Thriller der Katie Maguire-Serie

Graham Masterton ist einer der bekanntesten Horrorautoren aus England. Mit „Gequälte Engel“ erscheint nun der zweite Roman aus der Serie um die Ermittlerin Katie Maguire, die es in der irischen Hafenstadt Cork vor allem mit unheimlichen und brutalen Fällen zu tun hat. Bereits der erste Roman „Bleiche Knochen“ machte deutlich, dass Masterton keinen „normalen“ Krimi abliefern wollte, sondern interessante Charaktere in eine spannende und komplexe Story einbettete, die die Aspekte des Mystery-Thriller mit denen des Horror- und Kriminalromans verbindet.

Masterton ist ein Meister darin, reale Vorkommnisse mit mystischen und folkloristischen Merkmalen zu verbinden und dadurch eine ungewöhnliche und beklemmende Atmosphäre zu schaffen, die den Leser nicht mehr loslässt. Genau dies gelingt ihm auch in dem zweiten Katie Maguire-Fall, in dem es um eine äußerst brutale Mordserie geht. Die Opfer sind alle Priester. Und je mehr Katie Maguire und ihr Ermittlerteam dem mysteriösen Fall nachgeht, desto bizarrere Ausmaße nimmt der Fall an.

Graham Mastertons zweiter Katie Maguire-Roman ist um ein Vielfaches düsterer als „Bleiche Knochen“. Das liegt vor allem auch an der intensiven Thematik, mit der sich der Autor in „Gequälte Engel“ beschäftigt. Es ist schwer, über diesen Roman zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Daher soll hier lediglich erwähnt werden, dass es um ein entsetzliches Geheimnis innerhalb der katholischen Kirche in Irland geht. Auf diese Weise setzt sich Masterton auch mit den aktuellen Skandalen auseinander, die dem Roman, trotz mancher satirischer Seitenhiebe, eine durchaus realistische Note verleihen. Es scheint so, als habe Masterton diese Thematik schon seit langem unter den Nägeln gebrannt. Mit dem zweiten Katie Magurie-Roman hat er schließlich einen Weg gefunden, um diese gekonnt zu verarbeiten.

„Gequälte Engel“ ist nicht nur genauso spannend wie „Bleiche Knochen“, sondern übertrifft Band eins in dieser Hinsicht sogar. Dies liegt vor allem daran, da Masterton dieses ernste Thema mit einer unheimlich-mystischen Aura verbindet, die dem Fall seine bizarre Note verleiht. Wie jeder Roman Mastertons, so ist auch „Gequälte Engel“ hervorragend geschrieben. Aufgrund des dichten Schreibstils schreitet die Handlung in rasendem Tempo voran, wobei die Beklemmung und die Spannung von Seite zu Seite zunehmen.

Graham Masterton gelingt stets das Meisterstück, in jedem seiner Romane den Nervenkitzel neu zu erfinden. So auch in „Gequälte Engel“, wobei der Roman einem aufgrund seiner Intensität auch nicht mehr so leicht aus dem Kopf geht. Kurz: ein erstklassiger Horrorthriller.

Graham Masterton. Gequälte Engel. Festa Verlag 2017, 457 Seiten, 13,99 Euro, ISBN: 978-3-86552-575-8