The Movies – Die Geschichte Hollywoods

Filmgeschichte im Schnelldurchlauf, das präsentiert die TV-Serie „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“, die u. a. von Tom Hanks produziert wurde. Positiv zu bewerten ist, dass endlich jemand auf die Idee gekommen ist, die Geschichte Hollywoods in einer sehr unterhaltsamen und interessanten Doku-Reihe darzustellen. Allerdings nimmt sich die Serie nicht die komplette Geschichte des Films vor, sondern lässt leider die Stummfilmzeit aus. Auf diese Weise beginnt die Doku mit „The Jazz Singer“, dem ersten Tonfilm.

Cover zur Doku-Reihe „The Movies“

Danach geht es Schlag auf Schlag. Von den 30ern bis ins Jahr 2018 geht die Reise, wobei sich kurze Filmausschnitte mit kurzen Interviewsequenzen stetig abwechseln. Das alles ist, wie gesagt, sehr interessant und die Serie bemüht sich, die sozialen Zusammenhänge zu berücksichtigen. Doch das Tempo ist dermaßen rasant, dass es einem manchmal einfach zu schnell geht.

Wer sich eine hintergründige Arte-Dokumentation erhofft, ist bei „The Movies“ sicherlich fehl am Platz. Denn hier werden vor allem kurze Statements zu den Filmen abgegeben (von Schauspieler X war dies die beste Darstellung; der Film war ein riesen Erfolg usw.), doch mehr eigentlich nicht. Auf manche Filme geht die Doku etwas genauer ein und präsentiert dabei auch die wesentlichen Fakten, allerdings alles eher schlagwortartig.

„The Movies“ berücksichtigt dabei fast alle Genres, leider aber lässt er dabei das Horrorgenre beinahe ganz unter den Tisch fallen, was schade ist, da dieses Genre vor allem in den 70ern wesentlich zur Veränderung der Darstellungsweisen beigetragen hat. Stattdessen nimmt sich die Doku-Reihe gelegentlich das SF-Genre vor, wobei es dieses in den jeweiligen sozialen und politischen Zusammenhang stellt.

Das alles ist, wie jetzt schon ein paar mal bemerkt, sehr interessant und gut gemacht (faszinierend an der sechsteiligen Doku sind vor allem die Unmengen an Filmausschnitten – der Schneideraum muss regelrecht geglüht haben), doch bleibt bei all den Fakten, die einem dabei um die Ohren gehauen werden, eher oberflächlich.

Daher ist die Serie vor allem für Leute geeignet, die sich einen einfachen Überblick über die Geschichte des Hollywoodkinos machen wollen. Alle anderen werden sicherlich auch ihren Spaß an der Serie haben, aber ein wenig enttäuscht sein, da die Serie nicht wirklich in die Tiefe geht.

Sinnliche Vampire: Carmilla (2019)

Sheridan Le Fanus Novelle „Carmilla“ (erschienen 1871) zählt zu den Klassikern der unheimlichen Literatur und der Vampirgeschichten im Speziellen. Die angedeutete lesbische Beziehung zwischen der Vampirin Carmilla und ihrem Opfer Lara macht den Stoff für Regisseure bis heute interessant. 2019 nahm sich Regisseurin Emily Harris der Novelle an und schuf einen wunderschönen, dichten und durchaus sinnlichen Horrorfilm.

Laura (Hannah Rae) und Carmilla (Devrim Lingnau) finden zueinander; „Carmilla“ (2019); © Film Movement

Wer sich spritzende Blutfontänen erhofft, ist bei Emily Harris‘ Verfilmung fehl am Platz. Wer jedoch subtilen Grusel und das zwischen den Zeilen lauernde Grauen schätzt, der ist hier genau richtig. Denn Harris zeigt keine Vampire mit spitzen Eckzähnen, sondern beschreibt, wie das Unheimliche nach und nach in das Haus eines Arztes Einzug hält. Vor allem von dem Grauen betroffen ist Laura, deren Mutter gestorben ist und die nun von der strengen Miss Fontaine erzogen wird. So gut wie alles ist Laura verboten, erst recht darf sie nichts über sexuelle Themen erfahren. Heimlich aber stielt sie sich immer ein anatomisches Buch ihres Vaters aus dem Bücherschrank.

Als in unmittelbarer Nähe des Hauses eine Kutsche verunglückt, wird die verletzte Carmilla ins Haus gebracht. Carmilla kann sich nicht erinnern, woher sie stammt oder wer ihre Eltern sind. Daher soll sie so lange bleiben, bis der Fall geklärt ist. Währenddessen aber freundet sich Laura mit Carmilla immer mehr an. Die Freundschaft geht rasch über in eine sinnliche Beziehung.

Harris orientiert sich bei ihrer Adaption teilweise an den Arbeiten der beiden Indie-Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead, die mit ihren eigenwilligen Horrorfilmen (wie z.B. „Spring“) immer wieder Aufsehen erregen. Zugleich aber lässt sie sich in der Bildgestaltung durch Gemälde aus dem 19. Jahrhundert inspirieren, was dem gesamten Film eine wunderschöne Optik verleiht, die geprägt ist von einer grandiosen, düsteren Farbgebung und einer exzellenten Beleuchtung.

Innerhalb dieses ästhetischen Rahmens nimmt die düster-unheimliche Geschichte ihren Lauf. Wie bereits bemerkt, lebt Harris‘ Verfilmung der berühmten Novelle von Andeutungen, die so geschickt in die Handlung eingewebt sind, dass dadurch eine stete unterschwellige Bedrohung entsteht.

Aufgrund dieser wundervollen Machart, die fast ganz auf die herkömmlichen Vampir- und Horroreffekte verzichtet, wirkt der Film zwar auf eine leise, trotzdem durchaus beeindruckende Weise. Dies macht „Carmilla“ meiner Meinung nach zur bisher besten Adaption der Novelle, vor allem auch deswegen, da sich der Film (im Gegensatz zu anderen Verfilmungen des Klassikers) recht genau an die literarische Vorlage hält.

Carmilla. Regie u. Drehbuch: Emily Harris, Produktion: Lizzie Brown, Darsteller: Hannah Rae, Jessica Raine, Devrim Lingnau, Tobias Menzies, Lorna Gayle. England 2019

FuBs Fundgrube: Der vierbändige Öland-Thriller von Johan Theorin

Wow!, kann man da nur noch sagen. Was der schwedische Krimiautor Johan Theorin da geschrieben hat, ist alle erste Sahne. Angesiedelt auf der Insel Öland, geht es in seinen vier Thrillern um vier unheimliche Fälle, in denen der ehemalige Seeman Gerlof eine zentrale Rolle spielt. Theorin hat selbst familiäre Beziehungen zu Öland, da seine Großeltern dort leben. Sie erzählten ihm alte Geschichten über diese Region, die er teilweise in seine Romane einfließen ließ.

Die vier Öland-Thriller richten sich nach den vier Jahreszeiten. So spielt der erste Roman „Öland“ im Herbst, der zweite Roman „Nebelsturm“ im Winter, der dritte Roman „Blutstein“ im Frühling und der letzte Roman „Inselgrab“ im Sommer. In „Öland“ verschwand vor fast 20 Jahren ein kleiner Junge spurlos im Nebel. Nun erhält Gerlof, der im Altersheim lebt, plötzlich eine Sandale zugeschickt, die dem Jungen, seinem Enkel, gehörte. Gerlofs Tochter Julia hat seit dem Verschwinden ihres Sohns ihr Leben nicht mehr richtig im Griff. Doch zusammen mit ihrem Vater versucht sie, den Fall zu lösen. Und schon gibt es erste Gerüchte: Nils Kant habe mit dem Verschwinden des Jungen zu tun. Doch Nils war damals bereits seit Jahren tot …

In „Öland“ vermischt Theorin Spukandeutungen mit einer spannenden Kriminalgeschichte. Verbunden ist dies mit einer düsteren Familiengeschichte. Wirklich großartig.

Noch besser ist „Nebelsturm“, in dem der Autor alle Register zieht. Eigentlich ist dies der beste Roman der Reihe. Es geht um einen alten Leuchtturmwärterhof, auf dem es spuken soll. Doch Joakim und seine Frau halten nichts davon. Aber dann passieren seltsame Dinge auf dem Hof …

Großartig. Einfach großartig. Mehr kann man nicht dazu sagen. Theorin hat mit „Nebelsturm“ einen der besten Mystery-Thriller geschrieben, die es gibt. Unheimliche Szenen verbinden sich mit kriminellen Machenschaften. Den Roman liest man in einem Rutsch durch und möchte ihn danach gleich nochmals lesen. Hinzu kommt eine wunderbare Sprache, die den Roman zu einem literarischen Krimi macht.

Die Euphorie erhält leider in „Blutstein“ einen Dämpfer. Hier geht es um Per Mörner, dessen Vater ermordet wird. Sein Vater war in der Pornobranche tätig. Per, der seinen Vater kaum gekannt hat, versucht, den Grund für den Mord zu finden.

Irgendwie tat sich Theorin selbst mit dem Thema schwer. Der Roman kommt nicht wirklich in die Gänge und das Einweben von Elfenglauben und dem Glauben an Trolle führt ebenfalls zu nichts. Wie immer sind die Figuren sehr komplex und gut durchdacht, doch die Geschichte selbst ist ziemlich öde – und das Finale wirkt dann wie aus der Nase gezogen.

Doch Johan Theorin hat sich nach diesem Durchhänger schnell wieder gefasst und sich auf seine egentlichen Stärken konzentriert. Mit „Inselgrab“ zeigt er nochmals, was einen erstklassigen Mystery-Thriller ausmacht. Vor der Küste Ölands treibt ein Schiff voller Leichen. Der alte Seemann Gerlof ist wieder voll in Aktion. Er weiß, dass jemand zurückgekehrt ist, um sich zu rächen …

Wieder präsentiert Theorin einen spannenden Krimi, der aus verschiedenen Perspektiven den düsteren Fall schildert. Zwar weiß man von Anfang an, wer der Mörder ist, doch geht es Theorin gar nicht um die Suche nach dem Täter, sondern darum, aus welchem Grund sich „Der Heimkehrer“ rächen möchte. Wie auch bei „Öland“ und „Nebelsturm“ gleitet man über die Seiten nur so hinweg und wundert sich, dass man schon nach kurzer Zeit die knapp 500 Seiten durchgelesen hat.

Alles in allem ist das „Öland-Quartett“ erstklassige Kriminalliteratur, die sicherlich nicht nur Krimifans in ihren Bann schlägt. Bis auf „Blutstein“ haben mir die Romane sehr gut gefallen und mich regelrecht gepackt. Die Romane kann man durchaus auch einzeln lesen, wenn man allerdings die Reihenfolge einhält, so kommt man in den Genuss der Entwicklung der Figur von Gerlof. Hier und da verzettelt sich Theorin: Gerlofs Ärztin Wahlberg ist im letzten Band ein Arzt mit demselben Nachnamen und aus dem Hof mit den beiden Leuchttürmen aus „Nebelsturm“ wird in „Inselgrab“ ein Hof mit nur einem Leuchtturm. Aber das sind Kleinigkeiten, die wohl nur auffallen, wenn man alle vier Romane direkt nacheinander liest. Insgesamt sind die vier Öland-Thriller eine klare Leseempfehlung.

J-Pop: Scandals „Ivory“ – Der Song mit der Badewanne

Manchmal ist es auch eine Badewanne, die zum Komponieren anregt. So erging es jedenfalls Mami Sasazaki, die Gitarristin der Girl-Rockband „Scandal“. In einem Interview berichtete sie, dass sie während des Lockdowns viel über sich selbst und ihre Ängste nachgedacht habe, unter denen sie immer wieder leidet. Dann, während sie in der Badewanne saß, war ihr dadurch plötzlich die Idee zu dem Song „Ivory“ gekommen.

Scandal „Ivory“ (Szene aus dem Videoclip); © Her

Bei Scandal (die Band feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Jubiläum) sind im Grunde genommen alle Songs hervorragend. Noch großartiger aber ist die Band, wie ich finde, bei ihren ruhigeren Liedern. Dies zeigt sich einmal mehr bei „Ivory“, der nicht nur von Mami Sasazaki komponiert wurde, sondern bei dem sie auch den Gesang übernahm.

„Ivory“ handelt davon, dass es ein rein glückliches Leben nicht gibt. Doch soll man sich nicht von den Sorgen überrennen lassen, sondern das Leben so akzeptieren wie es nun einmal ist. Erst dadurch wird einem bewusst, wie schön das Leben ist – daher auch der Titel.

Für Mami Sasazaki ist der Song sehr persönlich. Wie sie in dem oben erwähnten Interview sagte, ist „Ivory“ eine Art Nachdenken über sich selbst. Für sie stellt der Song eine Möglichkeit dar, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Der Song ist sehr schön geworden und schließt sich im Hinblick auf seinen Inhalt an die Vorgängersingle „Eternal“ an.

Wie die Bandleaderin Haruna Ono berichtete, hat die Band während des Lockdowns mehrere Lieder geschrieben, von denen viele persönliche Erfahrungen verarbeiten. Man darf also (hoffentlich) auf ein neues Album gespannt sein. Die neue Single macht jedenfall neugierig darauf.

Greenland (2020)

Regisseur Ric Roman Waugh hat es geschafft: einen Katastrophenfilm zu inszenieren, in dem die eigentliche Katastrophe so zur Nebensache wird, dass sie beinahe gar nicht erscheint. Stattdessen gibt es den üblichen Ehekonflikt, das übliche kränkelnde Kind und die üblichen Fieslinge.

Mitten in allem steht der Bauingenieur John Garrity, der zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn ausgewählt wurde, um die Katastrophe eines Meteoriteneinschlags in einem Bunker in Grönland zu verbringen. Das bringt natürlich Neid und Missgunst mit sich, die Familie wird aufgrund der üblichen Zwischenfälle getrennt und schließlich … Ja schließlich wartet der Katastrophenfilmexperte auf den Megaeinschlag – aber dieser wird ebenfalls lediglich wie nebenher in Szene gesetzt.

Interessanterweise fanden diesen Aspekt viele Kritiker gut. Nun, es ist sozusagen eine andere Perspektive auf ein Katastrophenszenario, doch kein wirklich originelles. Der Film lehnt sich in Ansätzen an den Klassiker „Der jüngste Tag“ (1951) von Regisseur Rudoph Maté an (basierend auf dem Roman „Wenn Welten zusammenstoßen“ von Philip Wylie und Edwin Balmer), erreicht aber nicht einmal in Ansätzen dessen Qualität.

Vor allem ist die Botschaft des Films ein wenig bedenklich: kein kritisches Hinterfragen, sondern eine durch und durch unkritische, kapitalistische Sichtweise auf die Katastrophe, dass man schon fast von ideologischen Konzepten sprechen muss. In „Der jüngste Tag“ wird dieses soziale Problem teils hinterfragt und, was wichtig ist, logisch erklärt. In „Greenland“ haben wir lediglich ein plakatives Vorgehen, das von einer nicht genau definierten Elite ins Leben gerufen wurde und an das sich John Garrity und seine Familie brav hält – ein unterschwelliger Sozialdarwinismus macht sich dabei bemerkbar, der sich allein durch Bildung, Erfolg und Reichtum definiert (wobei Bildung nicht unweigerlich zu Erfolg und Wohlstand führt, wie Politiker und Ökonomen gerne behaupten). Alle anderen Menschen werden dadurch indirekt als nutzlos abgestempelt.

Hinzu kommt das Finale, das, berücksichtigt man die Zeit, die den Garritys bleibt, um nach Grönland zu kommen, völliger Blödsinn ist. Und auch Garritys Meinung, dass man unter der Brücke vor den Meteoritenbruchstücken in Sicherheit ist, entbehrt jeglicher Logik – besonders, da wegen eines Einschlags kurz zuvor eine Brücke eingestürzt ist. Nun ja, was bleibt, sind wenige, aber gut gemachte Actionszenen. Leider droht Regisseur Waugh mit einer Fortsetzung. Man darf gespannt sein, wie die oben skizzierten ideologischen Elemente weiterentwickelt werden.

Greenland. Regisseur: Ric Roman Waugh, Produktion: Gerard Butler, Drehbuch: Chris Sparling, Darsteller: Gerard Butler, Morean Baccarin, Roger Dale Floyd, Scott Glen. USA 2020

FuBs Jukebox: The rough guide to Avant-Garde Japan

In Sachen Avant-Garde ist Japan sicherlich eine der ersten Adressen, besonders wenn es um Musik geht. In kaum einem anderen Land gibt es so viele abgedrehte Bands. In der Reihe „Rough Guides“ des Labels World Music Network ist nun ein Compilation-Album erschienen, das sich diesem Thema annimmt.

Das Album beinhaltet 14 außergewöhnliche Künstler, die sich voll und ganz den experimentellen Klängen verschrieben haben. Daher findet man hier alles, außer Mainstream. Die meisten der Musiker sind im Ausland kaum bekannt, in Japan jedoch besitzen sie eine feste Fan-Gemeinde.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die CD ist ein wahres Fest für Leute, die gerne Neues entdecken. Abstrakte Klänge treffen hier auf experimentellen Jazz und verbinden sich dabei zugleich mit traditioneller japanischer Musik. Das Ergebnis ist ein überaus unterhaltsames Album, ja eine wahre Entdeckungsreise in den Bereich japanischer Musik jenseits von J-Pop und J-Rock.

Leute, die Musik als akustisches Erlebnis empfinden und daher offen sind für einen Blick über den Tellerrand, für den dürfte „The rough Guide to Avant-Garde Japan“ ein echter Glücksfall sein. Hier begegnet man wirklich außergewöhnlichen Künstlern bzw. ihren außergewöhnlichen Werken. Den Anfang macht Michiyo Yogi mit „Rogue“ und liefert dabei gleich den Ansatz dafür, wohin die Reise auf diesem Album gehen soll: aus einem Wirrwarr an Klängen entwickelt sich eine einprägende sanfte Melodie, die gegen Ende wieder in dem postmodernen Anti-Rhythmus untergeht. Auf ähnliche Weise konzipieren auch die anderen Musiker ihre Stücke. Fast immer entstehen aus der Hektik und dem Chaos witzige und interessante Melodien, mit denen man sich auch nach dem Hören weiter beschäftigt.

Wunderbar an der Zusammenstellung ist, dass sie kein bisschen einseitig ist, sondern eine spannende Vielfalt präsentiert, die dem Hörer einen großartigen Blick in die japanische avantgardistische Musik bietet. Einfach großartig.

Horror de Luxe: Enemy (2013)

Der Film „Enemy“ ist zwar eher eine Art Mystery-Thriller und weniger ein Horrorfilm, doch ist er in unserer Rubrik „Horror de Luxe“ trotzdem am besten aufgehoben. Allein schon aus dem Grund, da es sich um einen erstklassigen Film handelt.

Wo ist der Kammerjäger, wenn man ihn braucht?; Szene aus „Enemy“ (2013); © Entertainment One

Man stelle sich vor, es würde einen zweimal geben. Gut, das Doppelgängermotiv ist so alt wie die Phantastik selbst, doch in Denis Villeneuves Adaption des Romans „Der Doppelgänger“ von José Saramago nimmt dieses Motiv ziemlich bizarre Züge an. Jedenfalls handelt es sich um einen Film, den Filmkritiker aufgrund seiner Symbolik bis heute immer wieder analysieren.

Es geht um den Geschichtsdozenten Adam Bell, der sich in seinem Leben nur noch langweilt. Auch die Beziehung zu seiner Frau steckt in der Krise. Da leiht er sich einen Film aus, dessen Hauptdarsteller Anthony Claire ihm bis aufs Haar gleicht. Adam versucht, mit Anthony in Kontakt zu kommen. Der Beginn eines gefährlichen Spiels …

„Enemy“ ist ein großartiger Thriller mit leisen Tönen, der einem so richtig unter die Haut geht. Zudem ist die Schlussszene dermaßen der Hammer, dass es einen regelrecht vom Stuhl haut. Ich persönlich habe mich jedenfalls so erschrocken wie schon lange nicht mehr.

In der Machart orientiert sich Denis Villeneuve an den Thrillern der 70er Jahre, was „Enemy“ einen leicht schmuddeligen Look verleiht, der ja typisch für die Krimis und Thriller der 70er Jahre war. Villeneuve sagte zwar in einem Interview, dass er sich für „Enemy“ bei den Filmen Stanley Kubricks beeinflussen hat lassen, doch kann der Film auch nicht den Einfluss David Lynch‘ verbergen. Das Spiel zwischen Realität und surrealen Zwischentönen liegt genau auf dessen Linie.

Wirklich hervorragend ist auch die Arbeit von Jake Gyllenhaal, der hier Adam Bell und dessen Doppelgänger spielt. Seine beiden Darstellungsweisen sind so überzeugend, dass man tatsächlich zwei verschiedene Personen vor sich sieht. Auf der einen Seite der orientierungslose Dozent Adam Bell, auf der anderen Seite der aggressive Schauspieler Anthony Claire. Ein paar Jahre später sollte Kyle MacLachlan eine ähnlich gute Doppelgängerdarstellung in der Fortsetzung von „Twin Peaks“ abliefern.

„Enemy“ lief zwar nicht besonders erfolgreich in den Kinos, erhielt jedoch ausnahmslos gute Kritiken. Zusätzlich wurde der Film mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Toronto Film Critics Award als bester kanadischer Spielfilm. Kurz: sehr zu empfehlen.

Enemy. Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Javier Gullon, Produktion: Niv Fichman, Darsteller: Jake Gillenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini. Kanada 2013

FuBs Jukebox: „Shock“ – Gruseljazz vom Creed Taylor Orchestra

1958 begann die Ära des Exotic-Jazz, angeführt von den Kompositionen Martin Dennys. Der Erfolg dieser Mischung aus Musik und Soundeffekten führte zu einer Vielzahl weiterer Schallplatten, die sich in diesem neuen Genre versuchten. Darunter gehört „Shock“ des Creed Taylor Orchestras.

Creed Taylor war Jazz- und Filmkomponist, genauso wie sein Freund Ken Hopkins. Beide kamen eines Tages auf die Idee, Jazz mit unheimlichen Soundeffekten zu würzen. Die Idee von „Shock“ war damit geboren. Was beide noch benötigten, war jemanden, der diese Effekte schuf. Dieser Jemand war Keene Crockett, der ebenfalls für den Film tätig war. Zwei Schauspielerinnen (Toni Darney und Gertrude Warner, die beide vor allem in TV-Serien auftraten) wurden ebenfalls engagiert – und schon konnte es losgehen.

Auf „Shock“ befinden sich 12 Stücke, die jeweils bestimmte unheimliche, bedrohliche oder mysteriöse Situationen musikalisch – und untermalt mit Stimmen und Geräuschen – beschreiben. Da ist z.B. gleich am Anfang „Heartbeat“, in dem ein Mann auf dem Bett liegt, während sich jemand seinem Zimmer nähert. Währenddessen beginnt sein Herz schneller zu schlagen und sein Atem schneller zu gehen.

In dem Stück „The Crank“ ruft ein Psychopath ständig eine Frau an. Natürlich darf auf einer Schallplatte, die sich dem Gruseln verschrieben hat, auch das Spukhaus nicht fehlen. In „The haunted House“ geben sich heulende Gespenster alle Mühe, um Gänsehaut beim Hörer zu erzeugen.

Die jeweilige Beschreibung der Situationen befindet sich auf der Rückseite des Plattencovers, sodass der Hörer stets weiß, um was es dabei geht. Sehr gut ist dabei auch das Stück „The Secret“, in dem bei Jazzklängen sich Leute flüsternd unterhalten und dabei immer wieder spöttisch lachen.

Der Erfolg von „Shock“ führte 1960 zu einer weiteren Produktion mit dem Titel „Panic – The Son of Shock“, doch reicht diese so gut wie gar nicht mehr an die ursprüngliche Schallplatte heran. „Shock“ macht auch heute noch jede Menge Spaß beim Anhören. Am besten man macht dies abends und schaltet dabei das Licht aus.

Anhören kann man die Schallplatte „Shock“ auf YouTube.

Zwischen märchenhaft und kitschig: „Der Wald der verlorenen Schatten“ von Danbi Eo

Danbi Eo ist in Südkorea eine Art Tausendsassa: sie ist als Schauspielerin tätig, schreibt Drehbücher und Theaterstücke, zeichnet Web-Toons und hat 2018 auch noch ihren ersten Roman veröffentlicht. Nun ist ihr Roman „Der Wald der verlorenen Schatten“ (Originaltitel heißt übersetzt „Mondfinsternis“) auch ins Deutsche übertragen worden. So richtig gefallen will einem die Geschichte allerdings nicht.

Das Hauptproblem an Danbi Eos Romandebut ist, dass die Hauptfigur Heoju beinahe den gesamten Roman über unsympathisch wirkt. Zwar kommt Heoju dann doch zur Einsicht, dass ihr Verhalten falsch ist, doch ist da der Roman so gut wie zu ende. Ein zweites Problem ist, dass man sich stellenweise durch die Geschichte quälen muss. Das liegt an der eintönigen Erzählweise der Autorin. Auf diese Art wirken auch Stellen, die spannend sein sollen, eher ermüdend. Das ist eindeutig schade, denn aus dem Einfallsreichtum hätte die Autorin durchaus mehr herausholen können.

So beginnt der Roman recht vielversprechend: Heoju hat ihren Job als Busticketverkäuferin verloren und soeben ein Vorstellungsgespräch vermasselt. Hinzu kommt, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat und sie die Miete nicht mehr zahlen kann. Da erhält sie die SMS eines Dorfvorstehers, der ihr darin mitteilt, dass ihre Großmutter gestorben sei und sie rasch nach Dogi kommen soll, um an der Beerdigung teilzunehmen.

Kaum ist sie dort, erfährt sie sonderbare Geschichten über den Wald, der sich um Dogi herum erstreckt: früher seien dort Menschen spurlos verschwunden. Durch Zufall gerät Heoju selbst in den Wald, woraufhin ihr Schatten verschwindet. Heoju hat nur wenige Tage Zeit, ihren Schatten wiederzufinden, sonst muss sie für immer im Wald leben. Ihr zur Seite steht dabei Muyeong, einer der Waldbewohner.

Die Grundidee ist durchaus nett, auch einzelne Ideen sind recht schön (witzig sind die sich ständig streitenden Geisterflammen), dennoch kommt beim Lesen aus den oben genannten Gründen keine Hochstimmung auf. Bildlich gesprochen, wirkt der Roman wie ein schöner, bunter Luftballon, aus dem die Luft entweicht. Man kann sich nur wiederholen: Danbi Eo hat ihre eigenen Ideen leider nicht genutzt, um damit eine packende oder bewegende Geschichte zu schreiben. Statt bewegend wird es gegen Ende eher kitschig.

Was an dem Buch allerdings wirklich ärgert, hat nichts mit dem Roman an sich zu tun, sondern mit dem schlampigen Lektorat. Fehler über Fehler häufen sich in dem Text (besonders das erste Viertel ist davon betroffen), sodass man zu dem Schluss kommen muss, dass vor dem Druck das Manuskript nicht nochmals durchgegangen wurde. Ein voller Kontrast zum schönen Layout.

Danbi Eo. Der Wald der verlorenen Schatten. Golkonda Verlag 2020, 247 Seiten, 18 Euro

Erschienen: Prähuman Band 23 – Stoppt die Maschine!

Band 23 der beliebten eBook-Serie „Prähuman“ ist erschienen. Dieses Mal erstreckt sich die Handlung von Australien, über England bis in die USA und nach Japan. Kein Wunder, dass der neue Band umfangreicher geworden ist als die vorangegangenen Bände.

Für Band 23 hat sich Carl Denning etwas einfallen lassen, das die Fans der Serie sicherlich überraschen, vielleicht sogar verunsichern wird. Was, das wird hier natürlich nicht verraten. Auf jeden Fall ist die Handlung dieses Mal recht komplex. Was zunächst so scheint, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun, entwickelt sich zu einer rasanten Achterbahnfahrt aus Spannung, Action und dem typisch schrägen Humor.

Es geht darum, dass in der Großen Sandwüste Australiens und in der Wüste Nevadas gigantische Metallringe entdeckt werden, die für Tod und Zerstörung sorgen. Gleichzeitig kommt es überall auf der Welt zu verheerenden Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Während Frederic Tubb, Maki Asakawa und Hans Schmeißer dem Rätsel der Ringe nachgehen, ereignet sich in Cornwall ein weiterer Zischenfall: ein sonderbares muschelförmiges Objekt wird an den Strand gespühlt. Die Geheimorganisation Die Einheit setzt alles daran, das Objekt in ihren Besitz zu bekommen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Objekt und den Metallringen? Bei der Suche nach einer Antwort, kommen Tubb und sein Team auf die Spur eines unglaublichen Geheimnisses …

Wie auch alle übrigen Bände, so macht auch „Stoppt die Maschine!“ unglaublichen Spaß. Denning treibt wie immer die Handlung auf furiose Weise voran, und auch bei einem Umfang von ca. 150 Seiten geht ihm kein bisschen die Puste aus. Ein genialer Einfall folgt dem nächsten – und die irrwitzige Grundidee dürfte so ziemlich einzigartig im Fantastik-Genre sein.

Wer daher Action, Humor und Spannung mag, ist auch beim neuesten Streich der Serie „Prähuman“ bestens aufgehoben.

Carl Denning . Prähuman – Band 23: Stoppt die Maschine! ca. 153 Seiten (E-Book)