FuBs Fundgrube: „Der Todesflüsterer“ von Donato Carrisi

Donato Carrisi gehört zu den bekanntesten italienischen Krimiautoren. Zwei seiner Romane („Der Nebelmann“ und „Diener der Dunkelheit“) wurden verfilmt. Sein Debutroman steht jedoch in Spannung und Originalität in Nichts nach.

„Der Todesflüsterer“ erschien in Italien 2009 und ein Jahr später in deutscher Übersetzung. Es geht um eine Reihe unheimlicher Mordfälle, die von einem Täter verübt werden, der keinerlei Spuren hinterlässt. Jedes Mal, wenn die Polizei glaubt, den Mörder endlich gefasst zu haben, muss sie einsehen, dass sie ihm erneut auf den Leim gegangen ist. Das Schlimme dabei ist, dass es sich bei den Opfern um junge Mädchen handelt, die zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurden. Dies ruft die Ermittlerin Mila Vazquez auf den Plan, die eine Expertin für Entführungsfälle ist. Doch auch mit ihren Erfahrungen stößt sie in diesem Fall an ihre Grenzen …

Wieso „Der Todesflüsterer“ nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist ein Rätsel. Besonders deswegen, da Carrisi ja spätestens mit „Der Nebelmann“ auch einem breiteren Lesepublikum bekannt wurde. Auf jeden Fall ist er gerade deswegen ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir nur antiquarische Bücher vorstellen.

Um es kurz zu machen: „Der Todesflüsterer“ ist einer der besten, spannendsten und gruseligsten Krimis bzw. Thriller, die ich jemals gelesen habe. Carrisi schafft Situationen, die im wahrsten Sinne des Wortes Gänsehaut bereiten. Einfach grandios, wie er das alte, seit Jahren leerstehende Waisenhaus beschreibt. Nicht weniger unheimlich ist der Zwischenfall in einer Villa, in der eines der toten Mädchen gefunden wird.

Don Carrisi weiß, wie man Spannung erzeugt. Hinzu kommt ein grandioser Schreibstil, der einen regelecht gefangen hält. Carrisi besitzt dabei ein großartiges Gespür für das Unheimliche, wobei der Roman Mystery-Thriller und reinen Kriminalroman vermischt. Bei den Figuren schwächelt er zwar ein wenig, besonders Melinas Hang dazu, sich selbst zu ritzen, wirkt wenig plausibel, doch fällt dies gegenüber dem großartig konstruierten Fall eher wenig ins Gewicht.

Was die Euphorie allerdings ein wenig dämpft, ist der letzte Teil des Romans, in dem mit Carrisi ein wenig die Pferde durchgehen. „Der Todesflüsterer“ lebt u. a. von den verblüffenden Wendungen, gegen Ende aber werden es eindeutig zu viele davon, sodass damit auch der Gruselfaktor etwas nachlässt. Insgesamt aber ist der Roman ein echter Knaller und taugt dazu, auch mehrmals gelesen zu werden – was bei Krimis doch eher selten vorkommt.

Don Carrisi. Der Todesflüsterer. Piper Verlag 2010, 493 Seiten.

FuBs Fundgrube: „Der Mahlstrom“ von Frode Granhus

Frode Granhus‘ Debut „Der Mahlstrom“ zeigt, wie man es eher nicht machen sollte. Granhus bedient sich verschiedener Ideen, die bereits auf ähnliche Weise in zwei anderen Romanen bekannter Krimiautoren („Todeshauch“ und „Erlöse mich“) vorkamen, vermischt sie mit ein bisschen Konfusion und schon war er damit fertig.

Die Grundidee ist dabei eigentlich gar nicht schlecht. Immer wieder werden alte Porzellanpuppen an den Strand gespült. Was zunächst recht kurios erscheint, nimmt auf einmal schreckliche Züge an, als eine Frau, die wie eine Puppe gekleidet ist, tot am Strand gefunden wird.

Der Roman spielt an zwei verschiedenen Orten. An dem einen geht es um die Porzellanpuppen, an dem anderen um eine bizarre Mordserie. An dem einen Ort geht der Polizist Niklas Hultin dem Fall nach, an dem anderen der Ermittler Rino Carlsen. Frode Granhus führt beide Ermittler mit dem Schmiedehammer zusammen, was allerdings nicht wirklich die beiden Fälle auf einen Nenner bringt und eigentlich auch zu sonst nichts führt.

Bevor ich hier weiter herummeckere, sei gesagt, dass Frode Granhus sehr flüssig und unterhaltsam schreibt, sodass man den Roman trotz seiner eindeutigen und vielen Schwächen bis zum Schluss liest. Das Problem bei „Der Mahlstrom“ ist im Grunde, dass Granhus einfach mal drauf los schreibt und sich erst im Nachhinein Gedanken macht, wie er alles irgendwie zusammenbringen kann.

Das Ergebnis ist ein konfuses Hin und Her, wobei die einzelnen Motive nicht wirklich überzeugen. Zwar gelingen dem Autor gegen Ende durchaus überraschende Wendungen, doch zu viele Aspekte des Romans laufen einfach ins Leere und sind nicht wirklich nachvollziehbar, sodass der Roman insgesamt wie ein krampfhaft zusammengeschustertes Set unterschiedlicher Ideen wirkt.

Schade ist auch, dass Frode Granhus so gut wie gar nicht auf das Leben der Bewohner dieser abgelegenen Gegend in Norwegen, den Lofoten, eingeht. Dies hätte dem Roman gut getan und ihn auf eine feste Grundlage gestellt.

Ich habe den Roman antiquarisch erstanden, daher wurde er zum Fall für unsere Fundgrube. Damals habe ich auch Frode Granhus‘ zweiten Roman „Tödliche Brandung“ mit auf den Bücherstapel gelegt. Mal schauen, ob dieser genauso konfus ist wie sein Debut.

Frode Granhus. Der Mahlstrom. BTB Verlag 2012, 383 Seiten

FuBs Fundgrube: „Mitternachtsstimmen“ von John Saul

John Saul gehört neben Stephen King, Peter Straub und Dean R. Koontz zu den erfolgreichsten Horrorautoren. Seit Ende der 70er Jahre verfasst er unheimliche Geschichten, die meisten davon in den 80er und 90er Jahren. Sein Roman „Am Strand des Todes“ (1979) wurde 1982 fürs Fernsehen verfilmt.

In Deutschland sind die meisten seiner Romane leider vergriffen bzw. nur noch antiquarisch erhältlich. Daher ist „Mitternachtsstimmen“ auch ein Fall für unsere Fundgrube, in der wir nur Bücher vorstellen, die nur noch in Antiquariaten zu finden sind. „Mitternachtsstimmen“ (OT: Midnight Voices) erschien in den USA 2002, die deutsche Übersetzung im Heyne Verlag erschien 2008. In den USA erhielt der Roman überaus positive Kritiken. Diesen kann ich mich nur anschließen.

John Saul besitzt nicht nur einen sehr guten Schreibstil, sondern schafft dabei auch noch eine dichte Spannung und ist zusätzlich dermaßen unterhaltsam, dass das Lesen 200 % Spaß macht. „Mitternachtsstimmen“ handelt von Caroline, deren Mann von einem Unbekannten ermordet wurde. Sie steht kurz davor, ihre Miete nicht mehr zahlen zu können. Ihre beiden Kinder Laurie und Ryan sind fast ständig am Streiten. Da begegnet sie eines Tages plötzlich Tom, einem überaus netten und reichen Mann. Nach und nach lernen sie sich näher kennen und schließlich heiraten beide. Zusammen mit ihren Kindern zieht sie in Toms Wohnung in dem berüchtigten Gebäude The Rockwell, in dem es angeblich spuken soll. Caroline jedoch glaubt nicht an die Geschichten, die sich vor allem die Kinder erzählen. Doch kaum ist sie eingezogen, geschehen auch schon sonderbare Dinge. Ihre Kinder hören nachts unheimliche Stimmen. Carolines Freundin Andrea wird plötzlich ermordet. Und schließlich verschwindet ihr Tochter spurlos.

„Mitternachtsstimmen“ ist ein sehr kurzweiliger Roman, den man praktisch in einem durchliest. John Saul treibt die Handlung wie eine Achterbahnfahrt voran, wobei er auch darauf achtet, dass die Figuren keineswegs oberflächlich bleiben. Angefangen von Caroline bis hin zu den merkwürdigen Bewohnern des Rockwell wirken diese überaus lebendig und vielschichtig. Was John Saul dabei besonders gut gelingt, ist die durchgehende bedrohliche und beklemmende Atmosphäre, die dem Roman einen zusätzlichen Reiz verleiht. John Saul ist allerdings kein Autor, der – wie z.B. Stephen King oder Peter Straub – grundlegende Themen in seinen Romanen verarbeitet. Ihm geht es in der Hauptsache wirklich nur um die Unterhaltung. Doch dies macht er mehr als nur gut.

Was allerdings weniger gut ist, ist das Lektorat des Heyne Verlags, das bei „Mitternachtsstimmen“ wirklich geschlampt hat – und das ist noch sehr gelinde ausgedrückt. Fehlende Satzzeichen, fehlende Wörter, Einzahl-Mehrzahl-Durcheinander – obwohl ich das Buch antiquarisch erworben habe, hat es mich trotzdem ziemlich geärgert. Im Grunde genommen ist anzunehmen, dass kein Lektor das Buch nochmals durchgegangen ist. Der Roman selbst aber ist ein echtes Lesevergnügen.

John Saul. Mitternachtsstimmen. Heyne Verlag 2008, 478 Seiten.

FuBs Jukebox: En Davy – Zwischen Pop und Disco der 70er Jahre

En Davy lautet der Künstlername der philipinischen Sängerin Enry David. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren Hit „You set my Heart on Fire“ aus dem Jahr 1974, der u. a. in Schweden zwei Wochen lang in den Charts platziert gewesen war. Nicht weniger bekannt ist sie als Mitglied der Les Humphries Singers, bei denen sie von Gründung Ende der 60er Jahre bis Anfang der 70er Jahre gewesen war – teilweise zusammen mit ihrer Schwester Myrna. Gleich beim ersten Hit der Les Humphries Singers „To my Fathers House“ (1969) übernahm sie den Sologesang.

Plattencover von En Davys einzigem Hit

Parallel zu ihrer Arbeit bei den Les Humphries Singers und auch danach versuchte sie sich zusammen mit ihren beiden Schwestern Myrna und July und später auch solo im Pop-Business: als Enry & Myrna und als Enry & July (unter dem Namen Big Secret). Trotz Auftritte in TV-Shows wurde aus dem ganz großen Erfolg leider nichts. Es erschienen von ihr im Laufe der 70er Jahre lediglich vereinzelte Singles, jedoch kein richtiges Album. Jedenfalls konnte ich bei meinen Recherchen keines finden.

Zusammen mit ihrer Schwester Myrna sang sie den Ohrwurm „Your Time, My Time“

En Davys Stil ist schwer auf einen Punkt zu bringen. Sie war im Glampoprock genauso zuhause wie im Disco-Bereich. „Ride, Captain, Ride“ (1974) ist eine Mischung aus Schlager und Pop, ebenso ihr Song „Si, Si, Si, Senorita“ (1971). Im Gegensatz dazu ist „Desert Train“, der sich auf der B-Seite von „Ride, Captain, Ride“ befindet, eher eine Mischung aus Pop und Rock. Der Song „It’s on my mind“ kann durchaus als Vertreter des Glamrocks bezeichnet werden.

Ein echter Ohrwurm ist „Your Time, My Time“ aus dem Jahr 1971 (zusammen mit „Si, Si, Si, Senorita“ veröffentlicht). Dieser wunderbare Pop-Song lässt einen nicht mehr los, auch vom Text ist das melancholisch-schwungvolle Lied genial. Es ist rätselhaft, dass dieser Song nie gecovert wurde.

Am Ende ihrer Karriere versuchte sich En Davy mit Disco-Musik

Gecovert wurde allerdings ihr oben erwähnter Hit „You set my heart on fire“. Sängerin Tina Charles machte daraus noch im selben Jahr einen weltweiten Erfolg. Als Produzent war übrigens Frank Dostal tätig, der mitbegründer der „Rattles“.

Zusammen mit Achim Reichel versuchte sich En Davy Mitte der 70er Jahre im Disco-Fieber. Heraus kamen dabei zwei Songs: „Okay, I am k.o.“ und „Going, Going, Gone“. Beide erschienen 1976 auf einer Single, inwieweit diese Erfolg hatte, darüber gibt es leider keinerlei Informationen. Danach wurde es still um En Davy. Mitte der 90er Jahre war sie nochmals bei den Les Humphries Singers dabei, danach jedoch trat sie nicht mehr auf.

Ihre Songs, die sie alleine oder zusammen mit ihren Schwestern Myrna und July herausbrachte, gerieten leider fast völlig in Vergessenheit. Doch es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen und sie sich anzuhören (auf YouTube kann man dies tun). Es sind schnelle, witzige Songs, die gute Laune machen und die man sich immer wieder anhören kann, ohne dass sie langweilig werden.

Da fliegen mir doch die Bandagen weg: Die Mumie (2017)

Tom Cruise in „Die Mumie“ – oder müsste es nicht eher heißen Die Mumie in „Tom Cruise“? Denn bei der Sichtung fällt unangenehm auf, dass es kaum eine Szene gibt, in der Cruise nicht zu sehen ist. Fast schon plakativ lässt Regisseur Alex Kurtzman seinen Hauptdarsteller auch dann in Szene treten, wenn er eigentlich überflüssig ist. Vielleicht aber lag es auch an Tom Cruise, der bei diesem verkorksten Mumien-Neustart nur mitmachen wollte, wenn nicht auch den üblichen Leuten in der letzten Reihe klar wird, dass Cruise der Star ist.

Da bekommt sogar die Mumie (Sofia Boutella) einen Schreikrampf; „Die Mumie“ (2017); © Universal

So gesehen wird die Mumie zur Nebensache, denn das Hauptthema ist Tom Cruise. Schade eigentlich, denn Sofia Boutella als Mumie ist recht gut eingewickelt und kommt dabei böse-sinnlich herüber. Sehr schön auch die Schriftzeichen, die ihr Gesicht prägen. Alles in allem hätte es vielleicht ein gewitztes Filmabenteuer werden können, wenn da eben nicht … Aber das wisst ihr ja schon.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Grund, weswegen „Die Mumie“ nicht wirklich der Knaller ist, der „Die Mumie“ von 1999 noch gewesen war. Und zwar liegt dies an der Einfallslosigkeit, in der sich die Geschichte suhlt. Hier ist nichts originell, sondern wirkt völlig lieblos, ja beinahe wie hingerotzt, nach dem Motto, es werden schon genug Leute ins Kino gehen. Und die Macher hatten Recht: denn trotz miserabler Kritiken wurde Kurtzmans Film ein enormer Erfolg.

Das Problem ist sicherlich auch, dass man niemanden, der bei Michael Bay in die Lehre (oder soll man sagen in die Leere?) gegangen ist, einen Horror-Fantasy-Film drehen lassen sollte (oder überhaupt einen Film :D ). Denn dabei kommt nicht viel heraus. In der Tat schien Kurtzman selbst von dem Film nicht angetan gewesen zu sein, wirkt dieser doch völlig seelenlos – also eigentlich genauso wie Michael Bays Filme. Dass man von Actionfilmen keine Tiefe erwarten muss, ist klar, doch dass nicht einmal irgendwelche Themen angesprochen und verfolgt werden, ist doch wirklich erbärmlich. Auch die unbeholfenen Anspielungen auf Universal-Konkurrent Hammer Film laufen völlig ins Leere.

Auf diese Weise funktioniert dann auch nicht der Gag mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die von Russel Crowe gespielte Figur wirkt in dem Film genauso aufgesetzt wie alles andere. Man bleibt eben fantasielos – und dass es dafür auch noch drei Drehbuchautoren gebraucht hat, ist mehr als nur ein Armutszeugnis.

Ein Glück, dass Universal dieses Format nicht auch bei seinem nächsten Dark Universe-Ableger „Der Unsichtbare“ angewendet hat. Dieser ist zwar auch kein Knüller, aber auf jeden Fall um ein Vielfaches besser.

Die Mumie. Regie u. Produktion: Alex Kurtzman, Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman, Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russel Crowe. USA 2017

Sanditon – Jane Austens unvollendeter Roman als großartige TV-Serie

Jane Austen begann ihren Roman „Sanditon“ im Januar 1817, um nur drei Monate später mit dem Schreiben aufzuhören. Austen-Experten meinen, dass sie aufgrund ihrer schweren Krankheit (Austen starb im Juli desselben Jahres) nicht mehr hatte weiter daran arbeiten können.

Charlotte Heywood (Rose Williams) kommt nach Sanditon;
„Sanditon“ (2019); © BBC

Der unvollendete Roman über einen kleinen Ort, den Thomas Parker in einen modernen Ferienort verwandeln möchte, regte bereits viele Schriftsteller dazu an, ihn auf ihre Weise weiter zu schreiben. So auch den Drehbuchautor Andrew Davies. Heraus kam eine achtteilige Miniserie, die Kritiker begeisterte, Jane Austen-Fans jedoch teils verstörte.

Grund dafür sind die vielen Nacktszenen zu Beginn der Serie sowie das Austen untypische Ende. Dieses verleitete manchen Zuschauer zu der Spekulation, dass die BBC, die die Serie produzierte, eine zweite Staffel plane. Von den Machern selbst gibt es in dieser Hinsicht bisher keine Kommentare.

Doch unabhängig davon schuf Andrew Davies eine von Anfang bis Ende witzige und spannende Serie, von der lediglich der Anfang an Austens Romanwrackment angelehnt ist. Der Rest orientiert sich zwar am Stil Austens, ist jedoch alleinige Erfindung des Autors. Davies macht allerdings seine Arbeit so gut, dass man den Schnitt zwischen Austens Werk und Davies Einfallsreichtum kaum merkt. Nur hier und da, wenn es z. B. plötzlich um eine Entführung geht oder um eine Verfolgungsjagd mit zwei Kutschen ist klar, dass hierbei Jane Austen nicht Pate gestanden hatte.

Charlotte Heywood (Rose Williams) und Sidney Parker (Theo James); Sanditon (2019); © BBC

Gewitzte und schwungvolle Dialoge beherrschen die Serie, die von sehr guten Schauspielern getragen wird. Zudem überzeugen die einzelnen Episoden durch eine hervorragende Kameraarbeit und nicht zuletzt durch die tollen Kostüme. Machte sich Jane Austen stets darüber lustig, dass es ihren adeligen Zeitgenossen nur ums Geld geht, so macht Andrew Davies dieses Thema zur Grundlage seines Drehbuchs. Um die alte Lady Denham scharen sich ihre Verwandten, die hoffen, ihr Erbe antreten zu können. Dabei versuchen sie, sich gegenseitig auszustechen. Dem gegenüber steht die Hauptfigur Charlotte Heywood, die aus ärmeren Verhältnissen kommt und von Thomas Parker und dessen Frau nach Sanditon eingeladen wurde. Ihr geht es nicht ums Geld, sondern ihr liegt daran, dass es mit Toms Plänen vorangeht, wobei sie immer wieder mit der einen oder anderen Idee aufwartet.

Die Vielzahl an originellen Figuren, die Konflikte, in die Charlotte immer wieder gerät, und nicht zuletzt die internen Intrigen in der Denham-Familie machen die Serie zu einer äußerst kurzweiligen und spaßigen Unterhaltung. Kurz: eine der besten Austen-Adaptionen der letzten Jahre.

Sandition. (8 Episoden). Darsteller: Rose Williams, Theo James, Anne Reid, Chris Marshall, Jack Fox, Charlotte Spencer. England 2019

Influencer – Eine erstklassige Analyse über ein Krisen-Phänomen

Der freie Journalist Ole Nymoen und der YouTuber und Kritiker Wolfgang M. Schmitt betreiben seit längerer Zeit den Kanal „Wohlstand für alle“, auf dem sie auf präzise wie unterhaltsame Weise Entwicklungen und Phänomene in der Wirtschaft darstellen und analysieren. Nun haben beide ein Sachbuch über Influencer verfasst, in dem sie dieses umstrittene Phänomen auf hervorragende Weise untersuchen.

Dabei verorten sie die Anfänge des Phänomens in den 90er Jahren, in dem Filme mehr und mehr Produktplacing betrieben, um die Produktionen zu finanzieren. In zehn Kapiteln geht es dann durch die bizarre, teils dekadente Welt der Influencer. Dabei gehen sie nicht nur auf einzelne Fälle ein, sondern sehen in ihrer Analyse stets den Zusammenhang mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.

So sehen die Konzerne und Werbefirmen Influencer als eine Art Heilsbringer, die den Kapitalismus aus seiner derzeitigen Krise führen könnten. In diesem Sinne nutzen sie diesen medialen Hype gnadenlos aus, denn durch die Influencer erreichen sie weitaus mehr Menschen als durch Anzeigen in der Zeitung oder durch Werbeclips im Fernsehen.

Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt untersuchen Infuencer jedoch nicht nur auf einer soziologischen und wirtschaftwissenschaftlichen Ebene, sondern auch aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive. Dabei stellen sie sich u. a. die Frage, was für Inhalte die Influencer in ihren Beiträgen auf YouTube und Instagram präsentieren und kommen dabei auf das Ergebnis, dass hier eine völlige Inhaltsleere gezeigt wird, eine radikale Oberflächlichkeit, in der es um nichts anderes als ums Shoppen geht. Man fühlt sich bei diesem Phänomen an John Carpenters SF-Film „Sie leben“ erinnert, wo die versteckten Botschaften stets „Konsumieren“ lauten. Denn nicht anders verhält es sich bei den Influencern, die ihren Zuschauern stets weismachen, dass man nichts anderes tun soll, als Geld ausgeben. Das Problem: viele, sogar sehr viele ihrer Follower richten sich nach diesem Motto, wobei es ihnen anscheinend auch nichts ausmacht, dass es in den Beiträgen ansonsten um nichts anderes geht. Sie machen sich sozusagen freiwillig zu Konsumopfern und sehen allein darin den Sinn ihres Lebens.

Der Indie-Regisseur Larry Fessenden sah vor wenigen Jahren in der zunehmenden Inhaltsleere der Blockbuster eine gesellschaftliche Krise aufkommen. Man könnte sagen, diese wird durch das Phänomen Influencer noch deutlicher. Ole Nymoens und Wolfgang M. Schmitts Buch „Influencer – Die Ideologie der Werbekörper“ ist ein Buch, dem man sich nicht entziehen kann. Auf überaus kompetente Weise liefern beide Autoren nicht nur eine Vielzahl an spannenden Informationen über dieses Phänomen, sondern überbringen diese zugleich in einer überaus unterhaltsamen Weise, wobei sie hier und da mit geradezu köstlichen ironischen Bemerkungen aufwarten. Kurz: ein Buch, das einen regelrecht umhaut.

Ole Nymoen/Wolfgang M. Schmitt: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper. Suhrkamp Verlag 2021, 192 Seiten, 15 Euro

 

J-Pop: „Eternal“ – Scandal läuten ihr 15-jähriges Jubiläum ein

Die Girl-Rock-Band „Scandal“ feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. 2006 tourten sie als Indie-Band durch Japan, heute zählen sie zu den erfolgreichsten japanischen Rockbands. Nicht nur das, denn nach Jahren im Mainstream haben sie sich inzwischen wieder dem Indie-Sektor zugewandt, indem sie vergangenes Jahr ihr eigenes Label Her gegründet haben.

Scandal „Eternal“; © Her

Vor wenigen Wochen erschien ihr neuester Song „Eternal“. Nein, es handelt sich hierbei nicht um ein Liebeslied, sondern um einen tiefgründigen Text über das Leben. Die Drummerin Rina Suzuki, die den Text verfasst hat, schrieb dazu, dass sie dabei zwei Dinge zum Ausdruck bringen wollte: zum einen ist es ein Nachdenken über die bisherige Bandgeschichte, zum anderen über die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat. Diese gelten nicht nur für die Band, sondern für das Leben an und für sich. Es sei wichtig, jeden Moment mit allen Sinnen zu erleben und nicht mit seinen Gedanken und Sorgen ständig in der Zukunft zu verharren. Die positiven Augenblicke, auch wenn sie nur kurze Zeit anhalten, soll man für immer in seinem Herzen behalten.

Rinas Text ist überaus poetisch und gleicht in dieser Hinsicht beinahe schon den wundervollen Texten ihrer Bandkollegin Tomomi Ogawa. Es handelt sich um sehr schöne, melancholische Gedanken, die von der Musik, die wie fast immer von der Gitarristin Mami Sasazaki komponiert wurde, auf eine sehr feinfühlige Weise umrahmt wird. Die Mischung aus Pop und Rock geht bei „Eternal“ auf großartige Weise auf.

Für August ist das Jubiläumskonzert in Osaka geplant, woher die vier Damen stammen. Danach soll es auf Welttournee gehen. Diese wurde ja vergangenes Jahr auf dieses Jahr verschoben. Es bleibt abzuwarten, ob die Tour tatsächlich stattfinden kann. Auf jeden Fall kann man den vier Musikerinnen schon jetzt für ihr 15-jähriges Jubiläum gratulieren.

Tür auf, Tür zu: Du hättest gehen sollen (2020)

Eine Spiegelszene darf natürlich auch nicht fehlen; „Du hättest gehen sollen“ (2020); © Universal

Nach „Echoes“ (1999) legt Regisseur und Drehbuchautor David Koepp mit „Du hättest gehen sollen“ nun seinen zweiten Geisterhausfilm vor, kommt dabei jedoch über das Mittelmaß nicht wirklich hinaus. Im Grunde genommen geht es darum, dass ständig Türen geöffnet und geschlossen werden, die zu weiteren sonderbaren Räumen führen.

In diesem Sinne hat es Koepp tatsächlich geschafft, einen Gruselfilm zu drehen, bei dem der Konflikt des Ehepaars Conroy weitaus interessanter ist als das Gruseldrumherum. Es geht um Theo und Susanna Conroy, die zusammen mit ihrer Tochter nach Wales fahren, um dort in einem einsam gelegenen Haus Urlaub zu machen. Allerdings geschehen dort unheimliche Dinge, die das Ehepaar mehr und mehr psychisch belasten.

Hinzu kommt, dass Theo eifersüchtig auf seine Frau ist, die als Schauspielerin meistens unterwegs ist. Theo selbst umgibt jedoch auch ein Geheimnis. Und dieses Geheimnis macht die Sache schon ein wenig unlogisch, da man sich fragt, weswegen Susanna ihn deswegen trotzdem geheiratet hat. Diese Frage ergibt sich daraus, da sie im Film einfach nicht beantwortet wird.

Ist das Spiel von Kevin Bacon und Amanda Seyfried als sich streitende Eheleute recht gelungen und ist auch die Optik und Farbgebung wirklich gut, so kommt die Handlung selbst, wie gesagt, nicht über den üblichen Durchschnitt hinaus. David Koepp ergibt sich der Unorginalität, indem er seinem Film den üblichen 08/15-Spuk verleiht, ja sogar ein wenig darunter liegt. Zwar ist „Du hättest gehen sollen“ durchaus unterhaltsam, doch eben nur das und nicht mehr. Gänge und Räume und das ständige Öffnen und Schließen von Türen reicht nun einmal nicht aus, um etwas Großes zu schaffen.

Zwischendurch versucht Koepp, sich an klassischen englischen Gespenstergeschichten zu orientieren, was jedoch nur kurz gelingt. Danach schert er wieder ein in den üblichen Trott. Auf diese Weise wirkt schließlich auch das Finale einfach nur banal.

Du hättest gehen sollen (OT: You should have left). Regie, Drehbuch: David Koepp, Produktion: Kevin Bacon, Darsteller: Kevin Bacon, Amanda Seyfried, Avery Essex. USA 2020

Tenet – Zwischen Science Fiction- und Agentenfilm

Der Protagonist (John David Washington) und sein Mitstreiter (Robert Pattinson) vor einem Rätsel; „Tenet“ (2020); © Warner

Bei Zeitreisefilmen denkt man als erstes an den Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1960) nach dem Roman von H. G. Wells. Dass das Thema allerdings auch anders bearbeitet werden kann, zeigt Regisseur Christopher Nolan in seinem SF-Thriller „Tenet“ (2020).

Es geht um einen Protagonisten, der die Welt vor der kompletten Vernichtung retten soll. Denn der russische Oligarch Andrei Saltor ist im Besitz einer Maschine, die das Zeitgefüge verändern kann.

In „Tenet“ herrscht ein solches Durcheinander, dass man sich zunächst wundert, ob Nolan selbst noch wusste, was gerade geschieht. Doch ist dieses Chaos keineswegs negativ gemeint, denn was Nolan dabei entwirft, ist ein absolutes Highlight des Filmschaffens. Die Bilder gehen gleichzeitig vor und zurück, entwickeln einen wahren Rausch von Bewegungen, wobei Nolan gleichzeitig auf die Grundidee des Kinos verweist: eben bewegte Bilder. Nolan schafft aus dieser Grundidee einen gewitzten und überaus unterhaltsamen Film, der sich frech an James Bond anlehnt und dies mit einer fast schon klassisch anmutenden SF-Geschichte verbindet.

Auch wenn die Action im Vordergrund steht, so lässt Nolan die Handlung sich nicht auf eine 08/15-Weise entwickeln. So kommt es während der Geschichte immer wieder zu auffallenden Lücken, die im Laufe des Films jedoch nach und nach gefüllt werden. Dies gilt ebenfalls für die Figuren, deren Hintergrund zunächst unklar ist, deren Funktion und Beziehungen untereinander jedoch auf geradezu elegante Weise gelöst werden. Dadurch ergibt sich eine interessante Komplexität, die schließlich in einem absolut chaosartigen Finale gipfelt. In diesem Sinne definiert Nolan das Thema Zeitreise neu, indem er unterschiedliche Zeitstränge miteinander verknüpft und diese aus der jeweils entgegengesetzten Perspektive ablaufen lässt, was zu einer Vielzahl origineller Effekte und Zwischenfälle führt.

„Tenet“ gehört, was die Machart betrifft, mit Sicherheit zu den besten Filmen der letzten Jahre. Und die Frage, die sich am Ende stellt, lautet, ob man so etwas überhaupt noch toppen kann.

Tenet. Regie, Drehbuch, Produkion: Christopher Nolan; Darsteller: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debizki, Kenneth Branagh. USA 2020