Die Klunkerecke: Unsere kleine Schwester (2015)

Unsere kleine Schwester (Japan 2015); © Pandora Film/Toho Inc.

Frauenfilme haben auch in Japan eine lange Tradition. Sie gehen stets einher mit Emanzipationsbewegungen und reichen zurück bis in die 1930er Jahre. So ist auch das moderne japanische Kino eng damit verbunden. Denn Mitte der 90er Jahre formte sich in Japan eine neue Emanzipationsbewegung, die jene Filme beeinflusste, die ab diesem Zeitpunkt produziert wurden. Hirokazu Koreedas 2015 entstandener Film Unsere kleine Schwester gehört zu den besten Beispielen dafür.

Die drei Schwestern Sachi, Yoshino und Chika leben zusammen in einem Haus in dem Küstenort Kamakura. Vor 15 Jahren hat sie ihr Vater wegen seiner Geliebten verlassen. Als sie nun von seinem Tod erfahren, reisen sie zum ersten Mal in die Stadt, in der ihr Vater gelebt hat, um an der Beerdigung teilzunehmen.

Mit großer Überraschung stellen sie dabei fest, dass ihr Vater noch eine Tochter hat: die 13-jährige Suzu, die mit ihrer Stiefmutter nicht zurecht kommt. Kurzerhand beschließen die drei Schwestern, Suzu mit nach Kamakura zu nehmen.

Unsere kleine Schwester ist Hirokazu Kore-edas optimistischster Film, eine helle, leichte und liebevolle Geschichte um eine außergewöhnliche Familie, hat doch nach dem Weggang des Vaters die älteste Schwester Sachi die Rolle des Familienoberhaupts übernommen.

Es ist kein Film über Familienkonflikte, denn diese liegen bereits in der Vergangenheit. Vielmehr ist es ein Film über das Leben selbst, über Zusammenhalt und harmonische Gemeinschaft. Kore-eda entwirft dabei sozusagen ein Gegenmodell zum traditionellen Patriarchat, denn in seinem Film regieren und handeln beinahe ausschließlich Frauen.

Obwohl Kore-eda wie bei jedem seiner Filme das Drehbuch selbst verfasste, so ist Unsere kleine Schwester eine Adaption eines Mangas der preisgekrönten Autorin Akimi Yoshida, deren Geschichten hauptsächlich für junge Frauen konzipiert sind. Während man vor allem in Deutschland noch immer Mangas belächelt, so gehören sie in Japan von Anfang an zur belletristischen Literatur und stehen daher auf derselben Ebene wie etwa die Romane von Haruki Murakami. Aus diesem Grund ist es nicht außergewöhnlich, dass Hirokazu Koreeda sich eines solchen Stoffes angenommen hat.

Was Akimi Yoshidas Werke besonders auszeichnen, ist die sanfte melancholische Atmosphäre, die in ihren Geschichten mitschwingt. Kore-eda griff diese Atmosphäre für seine Adaption auf, die sich nicht nur in der Geschichte, sondern auch in den wunderbaren Landschaftsaufnahmen bemerkbar macht.

Hirokazu Kore-eda verzichtet in Unsere kleine Schwester völlig auf sozialkritische Aspekte, die in seinen Filmen immer mitschwingen. Stattdessen geht der Film voll und ganz im Alltag der Schwestern auf. Fast alle der vier Darstellerinnen haben bereits davor mit Kore-eda zusammengearbeitet. Suzu Hirose, die die „kleine Schwester“ spielt und dabei zugleich ihr Debut gab, erhielt für ihre Rolle den Japanese Academy Award als beste Newcomerin. Zwei Jahre später arbeitete sie wieder mit Kore-eda in dessen Thriller The third Murder zusammen.

Unsere kleine Schwester (OT: Umimachi Diary). Regie u. Drehbuch: Hirokazu Kore-eda, Produktion: Kaoru Matsuzaki, Hijiri Taguchi; Darsteller
Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Ryo Kase, Kirin Kiri, Lili Franky; Japan 2015, 127 Min.

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Die Klunkerecke: King Kong (1976)

Schau mir in die Augen, Kleines. – King Kong (1976); Copyright: StudioCanal

43 Jahre nach dem Sensationserfolg „King Kong“, der Hauptdarstellerin Fay Wray zur ersten Screamqueen der Filmgeschichte machte, wurde der Riesenaffe erneut auf die Zuschauer losgelassen. Dies in dem gleichnamigen Remake von Regisseur John Guillermin.

Nominiert war „King Kong“ für die beste Kamera und den besten Ton. Statt eines Stop-Motion-Monsters, trampelt hier ein Darsteller im Affenkostüm durch die Lande, was aber keineswegs albern aussieht, sondern durchaus Wirkung erzielt. Vor allem beeindruckend ist die Mimik der Affenmaske. Für diese Kreation war der Make-Up-Künstler Carlo Rambaldi verantwortlich, der 1982 auch E.T. erschaffen hatte.

Im Groben und Ganzen erzählt das Remake dieselbe Geschichte wie das Original, wobei es Guillermin jedoch gelingt, die Handlung einwandfrei in die 70er Jahre rüberzubringen. So wird aus dem reinen Monsterfilm ein typischer Vertreter des 70er Jahre-Öko-Horror-Genres. Ein Ölkonzern vermutet auf einer abgelegenen Insel reiche Ölvorkommen. Mit an Bord allerdings schmuggelt sich auch der Anthropologe Jack Prescott, der den Gerüchten um eine seltsame Affenart nachgehen möchte.

Eines Tages erhält das Schiff ein SOS-Notsignal, kann dessen Ursprung allerdings nicht ausfindig machen. Schließlich aber macht die Besatzung ein Schlauchboot aus, das auf dem Meer treibt. An Bord befindet sich die Schauspielerin Dwan, gespielt von Jessica Lange, die hier ihr Debut gab. Gemeinsam erreichen sie schließlich die Insel und treffen auch auf den Monsteraffen …

Im Gegensatz zu dem Originalfilm hinterfragt das Remake das Verhalten der weißen Eindringlinge und wird dadurch zu einem Beitrag des postmodernen Kinos mit postkolonialer Gesellschaftskritik. Die Gier nach Reichtum steht dem Bewahren der Natur und dem Verstehen fremder Kulturen gegenüber. Während Fred Wilson, der das Öl für seine Firma gewinnen möchte, für seinen Profit über Leichen geht, warnt Prescott davor, etwas an dem Sozialgefüge und der Natur zu verändern.

John Prescott (Jeff Bridges) und Dwan (Jessica Lange); King Kong (1976); Copyright: StudioCanal

Die Konsequenz ist für alle Beteiligten katastrophal. Auf diese Weise wird der Film in seinem Finale zu einer vehementen Medienkritik, die für unsere Zeit heute genauso gilt wie für damals. Dwans Verzweiflung wird für alle anderen zur Sensation und damit auch wieder zur reinen Geldmacherei. In diesem Sinne vermittelt „King Kong“ das Bild einer dekadenten, ich-bezogenen Gesellschaft, die nicht mehr auf Werte und Moral achtet. Wie gesagt, das alles trifft nicht weniger auch unsere Epoche mitten ins Schwarze.

Besonders die erste Hälfte des Remakes ist grandios gefilmt, die Story, da sie sehr gut in die damalige Zeit umgesetzt wurde, hervorragend. Die zweite Hälfte jedoch zieht sich ein wenig. Schuld daran ist vor allem, dass Guillermin auf all die Dinos verzichtet, die das Original so aufregend gemacht haben. In dem Remake kommt lediglich eine popelige Riesenschlange vor. Dennoch macht „King Kong“ aus dem Jahr 1976 Spaß und ist letztendlich ebenfalls zu einem Klassiker des Monsterfilms geworden. An das Original reicht er natürlich nicht heran, für sich genommen aber ist Guillermins Version wirklich toll.

1986 versuchte sich der Regisseur mit „King Kong lebt“ an eine Fortsetzung, scheiterte dabei allerdings auf ganzer Linie. Der Film floppte total und das zurecht. Denn die Spezialeffekte und auch die Handlung sind dermaßen schlecht, dass man nicht mal mehr darüber lachen kann.

King Kong. Regie: John Guillermin, Drehbuch: Lorenzo Semple, Produktion: Dino de Laurentis, Darsteller: Jeff Bridges, Jessica Lange, Charles Grodin. USA 1976, 129 Min.

Der Junge im Dunkeln – Mervyn Peakes düstere Fantasy-Erzählung

Der Maler und Illustrator Mervyn Peake (1911 – 1968) verfasste von Mitte der 40er Jahre bis Ende der 50er Jahre eine Romantrilogie, deren literarischer Stellenwert demjenigen von Tolkiens „Herr der Ringe“ durchaus gleichkommt. Im englischen Sprachraum zählt Peakes „Gormenghast“ längst zu den Klassikern der Literatur. In Deutschland dagegen hält sich der Bekanntheitsgrad dieser außergewöhnlichen Romane immer noch in Grenzen.

Dennoch bzw. zum Glück gibt es eine deutsche Übersetzung im Klett-Cotta-Verlag, die erst vor wenigen Jahren neu aufgelegt wurde. 2011 erschien dann sogar der vierte Gormenghast-Roman mit dem Titel „Titus erwacht“, eigentlich ein Romanwrackment, das Mervyn Peakes Frau nach dessen Tod vollendet hat.

In „Gormenghast“ geht es um Titus Groan, der im Schloss Gormenghast aufwächst, es geht um die seltsamen Bewohner des Schlosses und um deren heimtückischen Intrigen. Peakes Romane sind einzigartig, wunderschön geschrieben und besitzen durchweg diese spezielle, düster-schaurige Atmosphäre, welche das uralte Schloss regelrecht lebendig werden lässt.

Nun ist eine weitere Gormenghast-Erzählung erschienen, übersetzt von Alexander Pechmann, der bereits „Titus erwacht“ ins Deutsche übertragen hat. Die Erzählung mit dem Titel „Der Junge im Dunkeln“ erzählt von Titus‘ 14. Geburtstag. Ein geheimnisvolles Ritual steht bevor, dem sich Titus jedoch entziehen möchte. Daher flieht er eines nachts aus dem Schloss und gelangt schließlich an einen äußerst sonderbaren Ort und zu nicht weniger sonderbaren Wesen: Bock und Hyäne, zwei Tiermenschen, die sich gegenseitig nicht leiden können, doch den Jungen unbedingt zu ihrem Herrn bringen wollen, da dieser seit langer Zeit nach einem solchen Jungen sucht.

Die Erzählung ist überaus spannend und genauso wunderbar geschrieben wie die Romane. Titus erlebt darin ein düsteres, ja schauriges Abenteuer, das durch die grotesken Figuren eine ungeheure Faszination erhält. Stets stellt man sich die Frage, wie Titus aus seiner unheimlichen Gefangenschaft wieder entfliehen kann. Denn ein Entkommen scheint erfolglos, besonders da der Herr dieses bizarren Ortes, an den Titus gebracht wird, die Macht besitzt, allein durch einen Blick den Willen seiner Opfer zu brechen.

„Der Junge im Dunkeln“ ist eine erstklassige Mischung aus Fantasy und Schauergeschichte, die man auch lesen und nachvollziehen kann, wenn man Mervyn Peakes Romane noch nicht kennt. Bei der Aufmachung des Buches stellt sich allerdings die Frage, weswegen der Verlag statt eines Nachworts eine Leseprobe des ersten Gormanghast-Romans ans Ende des Buchs gestellt hat. Fast scheint es wie eine hilflose Notlösung, da man nichts anderes hinbekommen hat, was doch recht ärgerlich ist. Ein Nachwort hätte die Ausgabe um ein Vielfaches aufgwertet. Die Geschichte selbst aber ist absolut lesenswert und wird vielleicht auch Leser, die noch nichts von Mervyn Peake gelesen haben, dazu bringen, sich mit den eigentlichen Gormenghast-Romanen zu beschäftigen.

Mervyn Peake. Der Junge im Dunkeln. Klett-Cotta Verlag 2019, 110 Seiten, 16,00 Euro.

FuBs Klassikbox: Die Verdammten der Meere (1962)

Claggart (Robert Ryan), Billy Budd (Terence Stamp) und Kapitän Vere (Peter Ustinov); „BillyBudd“ (1962), © Allied Artists

Die Zeit der Seefahrerfilme war eigentlich fast schon vorbei, da drehte Peter Ustinov „Billy Budd“, einen der wohl außergewöhnlichsten Abenteuerfilme. „Billy Budd“ basiert zum einen auf Herman Melvilles berühmten Roman, zum anderen auf dem gleichnamigen Theaterstück.

Es geht um den jungen Matrosen Billy Budd, der 1797 auf ein englisches Kriegsschiff kommt. Durch seine ehrliche Art ist er schnell bei der Mannschaft beliebt. Doch an Bord befindet sich auch der sadistische Offizier Claggart, der Männer grundlos auspeitschen lässt. Billy möchte er als sein nächstes Opfer, doch die ehrliche Art des Jungen steigert in Claggart mehr und mehr seine krankhafte Wut …

Peter Ustinov in schwarzweiß gedrehter Film ist kein Abenteuerfilm im üblichen Sinn. Man findet hier keine tollkühnen Helden, die andere Schiffe kapern. Der Film spielt fast ausschließlich an Bord der Avenger, dem Kriegsschiff, auf das Billy unfreiwillig gebracht wird. Gleich von Anfang an herrscht dort eine angespannte Atmosphäre. Billy bekommt als erstes mit, wie einer der Matrosen ausgepeitscht wird. Und er begegnet dem unheimlichen Claggart. Fast scheint es so, als wäre er der Kapitän des Schiffes und nicht Kapitän Vere, der zwar streng. doch auch irgendwie gutmütig ist.

Das Kunststück, das Peter Ustinov nun fertig brachte, war, dass er „Billy Budd“ im Stil eines Film Noir drehte. Schließlich geht es unter anderem darum, dass ein gemeingefährlicher Psychopath die Mannschaft terrorisiert. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt, denn in dem Film geht es um viel mehr: es geht um die Frage, ob das Gesetz tatsächlich jeden Sachverhalt be- bzw. verurteilen kann, es geht um die Frage der Schuld und damit um moralische Ansichten und inwieweit diese vertretbar sind.

Billy Budd (Terence Stamp) und Claggart (Robert Ryan) in der Kajüte des Kapitäns; „Billy Budd“ (1962); © Allied Artists

All diese Aspekte webt Peter Ustinov gekonnt in eine spannende Geschichte ein, die vor allem durch die Gegenüberstellung von Billy Budd und dem bösartigen Claggart lebt. Bei den jeweiligen Aufeinandertreffen knistert es regelrecht vor Spannung. Robert Ryan, der auf die Rollen psychopathisch veranlagter Bösewichte spezialistiert war, spielt hier Claggart auf eine so bedrohliche Weise, dass sich die Furcht der Mannschaft regelrecht auf den Zuschauer überträgt. Ihm gegenüber hatte Terence Stamp seine erste Filmrolle und war dafür gleich mehrfach ausgezeichnet und sogar für den Oscar nominiert worden. Peter Ustinov selbst führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch am Drehbuch mit und produzierte den Film. Zugleich spielte er die Rolle von Kapitän Vere, der sich durch sein Klammern an die Pflicht selbst in die Zwickmühle bringt.

Kurz: „Die Verdammten der Meere“ ist ein erstklassiger (Abenteuer-)Film, der an Spannung kaum zu überbieten ist und der einem aufgrund der grundlegenden Fragestellung, um die es letztendlich geht, nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht.

Die Verdammten der Meere (OT: Billy Budd). Regie, Drehbuch, Produktion: Peter Ustinov, Darsteller: Robert Ryan, Terence Stamp, Peter Ustinov, Melvyn Douglas, John Neville, David McCallum. England 1962, 123 Min.

Erschienen: Prähuman 17: Die Bestie

Dieses Mal mussten die Leser nicht so lange auf den nächsten „Prähuman“-Band warten. Band 16 erschien vor etwas mehr als einem Monat. Nun ist bereits mit „Die Bestie“ der 17. Band der spannenden und überaus originellen e-Book-Serie am Start.

In „Die Bestie“ kehrt Frederic Tubb zurück in den rätselhaften Ort Darkmoore, wo er vor mehreren Jahren im Markheim-Hospital, einer Klinik für Geisteskranke, eingesperrt worden war. Nun sucht eine riesige Bestie die Wälder von Darkmoore heim. Tubb versucht zusammen mit seinem Team, das Ungeheuer unschädlich zu machen …

Band 17 ist nicht weniger spannend als die vorangegangenen Bände. Man könnte „Die Bestie“ als eine Art Fortsetzung von „Band 10: Fall 01“ bezeichnen, geht es doch u. a. um Tubbs Vergangenheit, genauer gesagt, um sein rätselhaftes Erlebnis, das er 1999 in Darkmoore gehabt hat. Damals behauptete er, einen Werwolf erschossen zu haben, was zugleich der Grund dafür war, weswegen er in die Markheim-Klinik eingeliefert worden war.

In einer parallel verlaufenden Handlung spinnt Denning in Band 17 den Faden ein klein wenig weiter, lässt das damalige Rätsel in einem etwas anderen Licht erscheinen, das mit Sicherheit zu einem weiteren Darkmoore-Fall führen könnte. Hoffentlich, denn der Ort und seine Geschichte ist so mysteriös, dass man gerne mehr darüber lesen möchte. Bereits mit dem Roman „Darkmoore“ hat sich Carl Denning näher mit der kleinen, abgelegenen Stadt genauer beschäftigt. Ebenso natürlich in dem oben erwähnten Band 10.

In „Die Bestie“ geht es um ein kryptzoologisches Rätsel, um eine Kreatur, die es, den Gerüchten und Berichten nach, tatsächlich geben könnte. Die Begegnung mit diesem Ungeheuer ist rasant und dicht geschildert, wobei auch der für die Serie typische Humor nicht zu kurz kommt. Auf diese Weise macht der 17. Band, wie auch die gesamte Serie, richtig Spaß. Schön ist auch, dass die Serie nach Band 20 weitergehen wird. Man darf sich also auf viele weitere Abenteuer mit Frederic Tubb und seinem Team freuen.

Horror de Luxe: Ghost Ship (2002)

„Ghost Ship“ (2002); Copyright: Warner Bros.

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön … Jedenfalls so lange, bis man auf ein unheimliches Geisterschiff stößt. Dies geschieht in dem Film „Ghost Ship“ aus dem Jahr 2002, von dem niemand so richtig weiß, ob es sich jetzt um das Remake von „Death Ship“ (1980) handelt oder nicht. Sicher ist nur, dass der Film eine weitere Produktion aus dem Hause Dark Castle ist, die versuchte, durch eine Reihe Remakes des berühmten Horrorregisseurs William Castle zu gedenken.

Regie führte Steve Beck, eigentlich ein Werbefilmer, der ein Jahr davor auch die Regie zu „13 Ghosts“ (2001) inne hatte – und dafür bereits schlechte Kritiken erhielt. Die Produzenten jedoch hielt dies nicht davon ab, ihn für ein weiteres Projekt zu engagieren, das, man höre und staune, ebenfalls schlechte Kritiken erhielt.

Aber, so schlecht ist „Ghost Ship“ eigentlich nicht. Zwar ist der Film kein bisschen gruselig, dafür aber ist er von Anfang bis Ende durchwegs unterhaltsam. Hinzu kommt eine recht gute Optik und eine schöne Mischung aus echten und CGI-Kulissen. Es geht um die Crew der Arctic Warrior, die von einem Fremden den Hinweis bekommt, dass mitten auf dem Meer ein verlassener Luxusliner treibt. Captain Murphy und sein Bergungstrupp hoffen auf einen großen Schatz. Doch als sie sich an Bord befinden, gerät ihr Aufenthalt zum Albtraum …

Um noch die Altersfreigabe „ab 16“ zu erhalten, verzichteten die Macher von „Ghost Ship“ auf allzu viel Blut. Fast im klassischen Sinn arbeitet der Film mehr mit Andeutungen als mit Splatter- oder Make-up-Effekten. Dies macht sich besonders am Anfang bemerkbar, als das berühmtberüchtigte Drahtseil durch die Passagiere fährt. Und eigentlich ist diese Hinwendung zur Andeutung auch das Besondere an „Ghost Ship“. Man versuchte, klassische Elemente mit modernen Aspekten des Horrorfilms zu verbinden, was durchaus gelang, wenn auch, wie bereits erwähnt, alles rein gar nicht gruselig vonstatten geht.

Weitaus besser als „13 Ghosts“ (das Remake des gleichnamigen Films aus den 50er Jahren), fällt der Film trotzdem weit hinter „House on Haunted Hill“ (1999) zurück. Spaß macht „Ghost Ship“ dennoch. Denn die kurzweilige Handlung tröstet angenehm über den fehlenden Gruselfaktor hinweg.

Ghost Ship. Regie: Steve Beck, Drehbuch: Mark Hanlon, John Pogue, Produktion: Joel Silver, Robert Zemeckis, Darsteller: Gabriel Byrne, Julianna Margulies, Ron Elgard, Karl Urban, Isaiah Washington. USA 2002, 87 Min.

 

Tolkien – Schöpfer von Mittelerde

„Tolkien – Schöpfer von Mittelerde“ ist der Begleitband zu einer großen Ausstellung, die 2018 in Oxford und 2019 in New York zu sehen war. Das Buch enthält sechs Essays führender Tolkien-Experten sowie einen kompletten Katalog der zahlreichen Exponate: Briefe, Fanpost, Manuskripte, Zeichnungen, Karten, Familienfotos. Die Abbildungen sind durchgehend vierfarbig und zu (fast) jeder Abbildung gibt es einen informativen Kommentar.

Die literaturwissenschaftlichen Essays bieten einen guten, skizzenhaften Einstieg in Tolkiens Leben und Werk. Nach einer kurzen Biographie erfährt man Interessantes zu dem Oxforder Literatenkreis der „Inklings“, dem unter anderem auch Narnia-Erfinder C. S. Lewis angehörte. Es wird deutlich, dass diese Autoren mehr wollten, als spannende Fantasygeschichten erzählen. Sie strebten danach, mittels Malerei, Musik und Lyrik ein „neues Licht“ in eine finstere Welt bringen; eine Idee, die auf die Vorstellungen der Symbolisten der Jahrhundertwende zurückzugreifen scheint. Viele Inklings – Charles Williams, Lewis und Tolkien – waren stark beeinflusst vom Katholizismus und verknüpften christliche Werte mit vorchristlichen Motiven. Hierzu passt die Erkenntnis eines anderen Essays, der zeigt, wie Tolkiens Figuren und Geschichten von altnordischen Heldenepen und Mythen inspiriert und gleichzeitig durch das christliche Weltbild des Autors gemildert wurden. Weitere Texte beschäftigen sich mit der Entwicklung der Elbensprache und mit Tolkiens „Bildwelten“, seinen Zeichnungen und Aquarellen, die oft parallel zu den literarischen Texten entstanden. Die Abbildungen dieser Zeichnungen sind es, die das Buch zu etwas Besonderem machen. Sie reichen von bloßen Kritzeleien auf Zeitungspapier bis zu kunstvollen kleinen Gemälden und eröffnen einen neuen visuellen Zugang zu den Romanen und Erzählungen Tolkiens, der sich wohltuend von der vergleichsweise aufdringlichen Ästhetik der populären Verfilmungen abhebt. Nach dem Genuss dieses Bildbandes bekommt man wieder Lust, die zerlesenen Exemplare von „Hobbit“ und „Herr der Ringe“ aus dem Regal zu holen und noch einmal nach Mittelerde aufzubrechen, vielleicht sogar mit demselben kindlichen Staunen, mit dem man diese phantastische und doch vertraute Welt zum ersten Mal betreten hat.

Rezension von Alexander Pechmann

Catherine McIlwaine: Tolkien – Schöpfer von Mittelerde (Tolkien – Maker of Middle-Earth). Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch und Marcel Aubron-Bülles, Klett-Cotta Verlag 2019, 416 Seiten, Hardcover, Großformat