J-Pop: Chai – Zwischen Punk, Rock und Pop und vor allem originell

Chai in dem Musikvideo „N.E.O.“; © Sony Music Japan/Burger Records

Chai ist die etwas andere Indie-Band aus Japan, die sich bereits 2012 gegründet, doch erst in den vergangenen zwei Jahren an zunehmender Bekanntheit gewonnen hat. Auf den Namen kamen die vier Musikerinnen, die vor ihrer Band-Karriere russische Literatur studiert hatten, wegen des Tees, den sie zusammen mit ihrem Professor getrunken hatten.

Im Gegensatz zu anderen japanischen Girl-Bands sind Chai alles andere als aufgestylt. Kana, Yuna, Mana und Yuuki wirken eher wie Comedians, treten fast immer in pinkfarbener Kleidung auf, doch ihre Texte sind tiefgründig und werfen zugleich einen satirischen Blick auf die moderne Gesellschaft. In dem Song „Good Job“ zum Beispiel, hinterfragen sie das japanische Patriarchat, das am liebsten keinen sozialen Wandel zulassen, sondern alles beim alten lassen möchte.

Die Band Chai in dem Musikvideo „Future“; © Sony Music Japan/Burger Records

Der Song „Future“ handelt von dem Wunsch eines freundlichen Miteinanders zwischen den Menschen. „I’m in Love“ macht sich lustig über die Trends beim Essen. Doch immer wieder kommen sie auf ihr wichtigstes Thema zurück: es geht nicht um das Aussehen bzw. das Äußere, sondern um den Menschen an sich, als Individuum. Auf diese Weise singen sie in „Curley Adventure“, dass sie auf sämtliche modischen Styles pfeifen, sondern sich so kleiden und frisieren wie sie möchten.

Auf diese Weise sehen sich Kana, Yuna, Mana und Yuuki als Feministinnen, was sich auch in ihrem zweiten Bandnamen bemerkbar macht. Denn neben Chai, bezeichnen sie sich auch immer wieder als N.E.O., als New Exciting Onna-Band, als neue aufregende Frauenband. Dabei kommt einem sogleich Ryuichi Sakamotos Band Neo Geo aus den 80er Jahren in den Sinn, und tatsächlich ähneln sich die musikalischen Stilrichtungen ein wenig: zwischen Pop, Punk, Rock und Experimental sorgen Chai für eingehende Melodien, manchmal melancholisch, manchmal auf den Putz hauend, doch immer äußerst minimalistisch.

2019 absolvierte die Band ihre erste Welttournee und brachte mit „Punk“ ihr aktuellstes Album heraus. Der Ideenreichtum der vier Musikerinnen scheint keine Grenzen zu kennen. Das macht sie in der Tat zu der zur Zeit aufregendsten (japanischen) Indie-Band.

Twin Peaks (2017)

Mit der Fortsetzung von „Twin Peaks“ verblüffte David Lynch so ziemlich jeden Filmkritiker. Als die ersten beiden Episoden der 18-teiligen Serie in Cannes als Spielfilm gezeigt wurden, führte dies zu lang anhaltendem stehenden Applaus. Der Meister war wieder zurück und er zeigte nicht nur, was Filmkunst ist, sondern dass man diese auch mit einem TV-Format verbinden kann.

Noch komplexer als die Originalserie aus den Jahren 1991 und 1992, führt David Lynch die Serie nach 25 Jahren fort. Nicht nur in unserer Realität, sondern auch in der Twin Peaks-Handlung sind seit dem rätselhaften Mord an Laura Palmer 25 Jahre vergangen. Und es geschehen erneut seltsame Dinge. Denn zwei Coopers sind aus der ominösen Zwischenwelt zurückgekehrt. Während der eine von Bob besessen ist, kann sich der andere an nichts erinnern und wird von allen als Versicherungsvertreter Dougy Jones gehalten. Zugleich findet die Polizei in Twin Peaks die fehlende Seite aus Laura Palmers Tagebuch, was dazu führt, dass sie den alten Fall wieder aufrollt.

Viele Zuschauer gaben nach Episode 8 „Gotta Light?“ auf, die Serie weiterzuverfolgen. Der Grund: hier greift David Lynch so richtig in die Vollen und präsentiert eine der wohl bizarrsten TV-Episoden überhaupt. Eine Andernanderreihung sonderbarer Geschehnisse, die zugleich als  Experimentalfilm konzipiert sind und teilweise an Lynch‘ „Earaserhead“ erinnern. Kurz: surreal und bizarr auf höchster filmkünstlerischer Ebene.

David Lynch liefert alles andere ab als eine flache, austauschbare TV-Serie. Da er und Mark Frost die 18-teilige Serie auch selbst produzierten, hatten sie absolut freie Hand und diese künstlerische Freiheit schöpften sie auch mit allen Mitteln aus. Schon allein die Tatsache, dass, wenn man alle 18 Teile aneinanderfügt, einen 18-stündigen Spielfilm vor sich hat, zeigt, dass Lynch keine normale Serie abliefern wollte.

Wie auch in der Originalserie, so bewegt sich die neue Staffel zwischen Kriminal- und Horrorfilm, Familiendrama und Experimentalfilm hin und her. Dieses Mal spielt die Handlung nicht nur in Twin Peaks, sondern ebenso in Las Vegas, South Dakota, Philadelphia und New Mexico. Doch sämtliche wirr erscheinenden Handlungsstränge werden nach und nach zusammengeführt. Bespickt mit skurrilen Figuren, eigenwilligen Gags und auch immer wieder einer brutalen Ernsthaftigkeit wird nicht nur dem Geheimnis um Laura Palmer, sondern auch um Cooper und der mysteriösen Zwischenwelt auf die Spur gekommen.

Man sollte die ersten beiden Staffeln und auch den Spielfilm „Twin Peaks – Fire walk with me“ vorher gesehen haben, damit man den Geschehnissen in der dritten Staffel auch wirklich folgen kann. Denn viele Anspielungen finden sich in winzigen Details. Die Optik ist wie immer erstklassig, manchmal verwendet Lynch eine starre Kamera und lässt den Zuschauer einfach einen Raum oder einen Menschen mehrere Sekunden lang beobachten, bevor es dann an anderer Stelle wieder weitergeht. Diese Eigenwilligkeit, diese Liebe zum Detail und dieses Sich-Zeit-lassen steht im vollen Kontrast zu den raschen Szenenabfolgen anderer oder eher typischer TV-Serien. Lynch macht es klar und deutlich: er möchte, dass sich der Zuschauer mit seinem Werk auseinandersetzt und es nicht einfach bloß konsumiert.

Auch in der neuen Serie um Twin Peaks lässt David Lynch den Zuschauern viel Raum für Spekulationen. Man sollte auch Spaß am Analysieren von Bildern und Filmen überhaupt haben, um in den vollen Genuss dieser Serie zu kommen. Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, so lässt sich einfach sagen, dass die dritte Staffel von „Twin Peaks“ so ziemlich alles schlägt, was jahrelang über die Bildschirme geflimmert ist. Für 2020 ist eine vierte Staffel geplant.

Geschichte des Fräuleins von Sternheim – Der erste deutsche Frauenroman

Ausgabe im dtv-Verlag

Sophie von La Roche (1730 – 1807) war mit Goethe und Schiller befreundet und Christoph Martin Wieland, der sich bis über beide Ohren in sie verliebt hatte, war ihr Cousin. Im Jahr 1771 verhalf er ihr zur Veröffentlichung ihres ersten Romans „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, der sogleich zu einem damaligen Bestseller wurde und heute als erster Frauenroman in der deutschen Literatur bezeichnet wird.

Mit Sicherheit kann der enorme Erfolg des Romans auch dadurch erklärt werden, da Geheimrat Goethe kräftig die Werbetrommel rührte. Von ihren späteren Büchern war er weniger begeistert. „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ kann als eine Art Mischung aus Jane Austen und Choderlos de Laclos bezeichnet werden, wobei allerdings der Witz Austens und die Heftigkeit Laclos‘ bei Sophie von La Roche weniger ausgeprägt sind.

Es geht um Sophie von Sternheim, die von ihrem Onkel und ihrer Tante an den Hof des Fürsten gebracht wird, nachdem ihre Eltern gestorben sind. Ihr Onkel erhofft sich dadurch, beim Fürsten eine gute Stellung zu erhalten, indem er diesem Sophie als Mätresse anbietet.

Sophie von La Roche (1730 – 1807); Quelle: Wikipedia

Sophie jedoch hat ganz andere Interessen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Armen zu helfen und setzt dabei verschiedene soziale Projekte in Gang. Hoch gebildet, besitzt sie dennoch ein naives Menschenbild, sodass sie die Machenschaften ihres Onkels nicht gleich durchschaut. Da scheint der englische Lord Derby ihre Rettung zu sein. Er gibt vor, sich ebenfalls für die Armen einsetzen zu wollen, in Wirklichkeit aber möchte er Sophie lediglich ins Bett bekommen.

Für diesen Zweck fingiert er eine gemeinsame Hochzeit, wobei ein Betrüger als Priester agiert. Auch hier durchschaut Sophie zu spät, was für ein widerlicher und bösartiger Mensch Lord Derby ist, der bereits eine Vielzahl Frauen durch seine Betrügereien auf dem Gewissen hat. Sophie hofft, ihm zu entkommen, doch als Lord Derby eine weitere Boshaftigkeit verfolgt und sie ihm dabei durch Zufall in die Quere kommt, hat er Übles mit ihr vor.

Man merkt, der Roman erzählt eine sehr aufregende Geschichte, die anfangs zwar ein wenig zäh daher kommt, doch nach und nach immer mehr an Spannung gewinnt. Vor allem interessant ist hierbei Sophie von La Roches Blick auf die Lebensumstände der armen Leute. Nicht weniger interessant ist, dass „die Sternheim“ den Menschen zwar helfen möchte, aber zum Beispiel es mit der Bildung bei ihnen nicht zu weit treiben möchte, sondern den Töchtern der Familie gerade nur die Grundlagen des Rechnens und des Lesens beibringen will, damit sie vor allem gute Haushälterinen werden.

Wie oben bereits bemerkt, findet man in „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ in manchen Szenen durchaus Ähnlichkeiten mit Jane Austens Spott auf ihre Gesellschaftsschicht. Dies macht sich bei La Roche vor allem in dem Teil des Romans bemerkbar, der am Hof des Fürsten spielt. Sophie scheint die einzige zu sein, die sich für Literatur und Wissenschaft interessiert, alle anderen ergehen sich in oberflächlichen Klatsch. Als ein bekannter Intellektueller den Fürsten besucht, so wollen die Aldigen keineswegs von seinem Wissen oder seinen Gedanken profitieren, sondern gleich seine Meinung über ihre banalen Kitschromane hören.

Auch Sophie, die äußerst attraktiv ist, wird nicht wegen ihrer Bildung oder ihres sozialen Engagements beurteilt, sondern allein wegen ihres Aussehens. Ihre Tante schmeißt sogar Sophies philosophischen Bücher weg, damit sie sich endlich an die Gepflogenheiten am Hof des Fürsten anpasst.

Und dann ist da auch noch der psychopathisch veranlagte Lord Derby. Hier kommt eine Ähnlichkeit mit dem späteren Roman „Gefährliche Liebschaften“ von Laclos auf, denn Lord Derby ist ein widerlicher Lüstling, der nichts anderes vorhat, als hoch angesehene Frauen ins Verderben zu stürzen. Als man endlich hofft, dass sich Sophie von Derby befreien konnte und der Roman in eher ruhigerer Form Sophies Leben bei einer englischen Dame erzählt, kommt es plötzlich zum nächsten Paukenschlag.

„Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist eine sehr lesenswerte Lektüre, nicht nur deshalb, da sie interessante Einblicke in die damalige Lebenswelt liefert, sondern zudem eine recht spannende Geschichte erzählt. Sophie von La Roche wurde durch den Roman so bekannt und auch ihre späteren Bücher wurden so viel gelesen, dass sie als freie Schriftstellerin ihre Familie ernähren konnte.

Die Klunkerecke: Kameliendame 2000 (1969)

Armand (Nino Catselnuovo) und Maguerite (Daniele Gaubert); „Camille 2000“ (1969); Copyright: Alive

Als Radley Metzgers Adaption von Alexandre Dumas d. Jüngeren „Die Kameliendame“ 1969 in die Kinos kam, löste er einen Skandal aus. Die Literaturverfilmung wurde als Porno bezeichnet. Kritiker wunderten sich, wie etwas in dieser Art in den normalen Kinos laufen konnte. Der Grund, Metzger bespickte die Verfilmung mit – für damalige Verhältnisse – recht freizügigen Erotikszenen.

Wenn man die verschiedenen Adaptionen des berühmten Romans vergleicht, so ist „Camille 2000“ eindeutig die interessanteste und originellste Version, von der Dumas‘ Sohn mit Sicherheit begeistert gewesen wäre, hatte doch bereits seine eigene Adaption als Theaterstück im Jahr 1852 für einen Skandal gesorgt.

Radley Metzger (1929 – 2017) nimmt in der Filmgeschichte einen besonderen Platz ein, liegt doch der Hauptteil seines Gesamtwerks genau zwischen Autorenfilm und Porno. Seine Erotikfilme waren stets zugleich Verfilmungen klassischer Romane und Theaterstücke, bei denen er eben die erotischen Aspekte hervorhob. Auf dieselbe Weise gelang ihm mit „Kameliendame 2000“ einer seiner bekanntesten Filme.

Es geht um Armand Duval, der nach Rom kommt, um Geschäfte für seinen reichen Vater zu erledigen. In der Oper begegnet er der genauso schönen wie sinnlichen Marguerite Gautier, vor der ihn sein Freund warnt. Denn Marguerite ist eine Edelprostituierte, die ihren Lebensunterhalt mit dem Geld reicher Männer bestreitet. Armand aber hört nicht auf seinen Freund. Zwischen ihm und Marguerite entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die mehr und mehr dramatische Züge annimmt.

Zwar handelt es sich um eine freie Adaption, die Metzger in eine leicht futuristisch anmutende Moderne verlegt, dennoch bleibt der Film stets in der Nähe des Romans, man könnte ihn daher als eine äußerst gelungene Neuinterpretation des Stoffes bezeichnen. Statt an Tuberkulose leidet Marguerite an ihrer Kokainsucht. Ihre Freunde warnen sie, damit aufzuhören, doch kommt sie nicht davon los. Erst durch Armand scheint sie ihre Sucht bekämpfen zu können.

„Camille 2000“ besticht durch eine erstklassige Kameraarbeit. Durch die Verwendung von Spiegeln und originelle, ja ungewöhnliche Perspektiven erhalten (nicht nur) die Erotikszenen einen surrealen, fast schon psychedelischen Charakter. Untermalt sind diese Szenen durch die kongeniale Musik Piero Piccionis, die stets zwischen psychedelisch und melancholisch schwankt. Immer wieder verwendet Metzger sog. Jump Cuts, welche den Verlauf der Handlung auf interessante Weise bestimmen.

Die leider früh verstorbene Daniele Gaubert verkörpert die Kameliendame auf ganz wunderbare Weise. Sie ist zunächst Teil einer sich in Vergnügungssucht berauschenden und dekadenten Szene, hinterfragt diese durch Armands Lebenseinstellung jedoch mehr und mehr, bis sie dieser selbst kritisch gegenübersteht. Das hat nichts mit der damals aufkommenden Hippiekultur zu tun, sondern eher mit den damals mehr und mehr diskutierten postmodernen Gesellschafsttheorien. Auf jeden Fall zeigt dies Metzgers Fingerspitzengefühl, was die Modernisierung des Stoffes betrifft.

Leider haftet dem Film auch heute noch der voreingenommene Schmuddeltouch an, was viele dazu bringt, sich erst gar nicht mit diesem Werk zu beschäftigen. Es ist ein feinfühliges Erotikdrama, bespickt mit hervorragenden Darstellern. Genauso wie Dumas‘ Roman, so ist auch „Camille 2000“ ein Klassiker.

The 80s: Interceptor (1986)

Mit dem Film „Interceptor“ machte sich Regisseur Mike Marvin bei den Kritikern keine Freunde. Die einen bezeichneten ihn als langweilig, die anderen als albern. Nun, große Kinokunst sieht in der Tat anders aus. Aber langweilig ist der Film trotzdem nicht.

Es geht um James Hankins, der als Rennfahrerphantom aus dem Jenseits zurückkehrt, um sich an seinen Mördern, einer Jugendgang, zu rächen. Die Gang steht auf Autorennen und terrorisiert zudem auch noch eine Kleinstadt. The Wraith (Das Gespenst) zeigt den Mitgliedern der Bande, wo der Hammer hängt, und bringt einen nach dem anderen bei verschiedenen Autorennen um.

Was man Mike Marvin durchaus vorwerfen kann, ist, dass der Film nicht viel Abwechslung bietet. Es gibt lediglich drei Handlungsorte: die Straße, das Schnellrestaurant und die Scheune, in der die Gangmitglieder ihre Autos auf Hochglanz polieren. Das war es dann auch schon.

Das letzte Rennen; „Interceptor“ (1986); Copyright: NSM

Dass „Interceptor“ trotzdem nicht langweilig wird, hängt damit zusammen, dass die Geschichte rasant voranschreitet. Die Autorennen sind durchaus gut gefilmt, – dass jedes mit einer Explosion endet, spricht jedoch ebenfalls nicht gerade für großen Einfallsreichtum. Gegen Ende des Films explodiert allerdings auch die Scheune, vielleicht tut man dem Regisseur mit der vorherigen Behauptung daher Unrecht.

Interessant im ironischen Sinne ist natürlich das Kostüm des Gespensts. In schwarzem Lederanzug und schwarzem Rennfahrerhelm und natürlich dem blitzblank geputzten Rennschlitten scheint das Jenseits der Traum eines jeden Autoschraubers zu sein. Mike Marvin erklärte das Aussehen einmal damit, dass James Hankins von außerirdischen Mächten wieder zurück zur Erde gebracht wird. Nun, da er auch selbst das Drehbuch geschrieben hat, müssen wir ihm das glauben.

Im Grobe und Ganzen kommt „The Wraith“ nicht aus dem Rahmen eines TV-Films hinaus. Das wundert auch nicht, da Marvin mehr im Bereich der Fernsehproduktionen und selten im Kinobereich unterwegs ist. Der Soundtrack u. a. mit Songs von Robert Pamer, Billy Idol und Ozzy Osbourne hat allerdings etwas für sich.

Erschienen: Prähuman Band 19 – Geheimprojekt X-69

Der 19. Band der Serie „Prähuman“ ist nun erschienen. Carl Denning bleibt seinem Motto treu, dass kein Band dem anderen gleichen soll. Nachdem es in Band 18 um einen sonderbaren Magier ging, haben es Frederic Tubb und sein Team nun mit einer Reihe rätselhafter Erdbeben zu tun.

Ein schweres Erdbeben in Kanada scheint weitere Erdbeben auf der ganzen Welt auszulösen. Daher machen sich Tubb, John Arnold, Maki Asakawa und Hans Schmeißer auf nach Nordamerika, um zu ergründen, was zu dem Erdbeben geführt hat. Die Spur führt in die mysteriöse Stadt Sakami, die in einem völlig abgelegenen Gebiet liegt und in der bizarre Dinge vor sich gehen …

Band 19 nimmt sich dieses Mal mehr Raum für die Hintergründe der einzelnen Figuren, was der Geschichte ausnahmslos gut tut. Schon allein dadurch wird „Geheimprojekt X-69“ überaus lebendig. Hinzu kommt die spannende Handlung, die wie eine Mischung aus Katastrophen- und Science Fiction-Roman konzipiert ist. Natürlich fehlt hierbei auch nicht der für die Serie so typische Humor, der einem immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Für Band 19 hat sich Denning noch ein kleines Schmankerl ausgedacht. Denn Chefinspector Susan Gant ist dieses Mal mit von der Partie. Nach den drei Horrorthrillern „Monster“, „Boten des Schreckens“ und „Menschenfresser“ (die ersten beiden Romane sind mit Frederic Tubb), hat sie nun auch einen „Auftritt“ in der Prähuman-Serie, was die Geschichte zusätzlich interessant macht, da sie hier zum ersten Mal auf John Arnold trifft, und beide können sich nicht wirklich leiden.

Alles in allem also wieder ein äußerst unterhaltsamer und spannender Roman voller origineller Ideen. Man darf gespannt sein, was dem Autor für den 20. Prähuman-Band einfallen wird.

Lady Chatterley – Der Skandalroman von D. H. Lawrence

Deutsche Ausgabe im Rowohlt Verlag

1928, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte D. H. Lawrence einen Roman, der auch noch 1960 in England für Furore sorgte. Denn dort versuchte man, 32 Jahre nach der Veröffentlichung, das Buch per Gerichtsverordnung verbieten zu lassen. Der Grund war, dass man „Lady Chatterley“ als Pornographie betrachtete.

Eigentlich hatte Lawrence den Roman zunächst gar nicht als einen erotischen Roman geplant. Viel eher sollte es sich um eine Geschichte handeln, in der es um die soziale Ungleichheit ging. Erst die sog. dritte Fassung, für die Lawrence in England keinen Verleger fand und die er dann in Italien als Privatdruck veröffentlichen ließ, beinhaltet diverse Sexszenen, die bei vielen damaligen Lesern und vor allem bei den Behörden als obszön betrachtet wurden, bei Intellektuellen und Autoren (in Deutschland u. a. von Erich Kästner) aber gefeiert wurde.

Nachdem sich ein französischer Verlag für das Werk interessierte und veröffentlichte, wurden die Exemplare, die nach England versandt wurden, vom Zoll beschlagnahmt. Erst Mitte der 30er Jahre erfolgte dann eine Veröffentlichung in Lawrence‘ Heimat. In vielen anderen Ländern blieb das Buch verboten.

D. H. Lawrence (Quelle: Wikipedia)

Lawrence geht es eigentlich nicht nur um Sex, obwohl dies natürlich auch Thema ist, sondern um die bereits oben genannte soziale Ungerechtigkeit und die Lebensumstände der Arbeiter, die durch die Oberschicht absichtlich auf niedrigem Niveau gehalten werden. Wahrscheinlich ärgerten sich die damaligen englischen Politiker und Richter mehr darüber, dass Lawrence ausgerechnet Clifford Chatterley, der letzte Spross einer Adelsfamilie, als impotent darstellt, als über den Roman als solchen.

Die Handlung von „Lady Chatterley“ ist im Grunde genommen schnell erzählt: Es geht um Constance Chatterley, deren Mann Clifford im Ersten Weltkrieg so stark verwundet wurde, dass er teilweise gelähmt ist und daher mit seiner Frau nicht schlafen kann. Doch Constance leidet immer mehr unter ihrer unbefriedigten Lust. Als sie Cliffords Waldhüter Mellors begegnet, entflammt zwischen beiden eine tiefe Leidenschaft. Ihre Beziehung muss jedoch unter allen Umständen geheim bleiben, da beide sonst gesellschaftlich geächtet werden könnten.

Englische Ausgabe in der Bantam Press

Erregten die Sexszenen damals für Anstoß, so muss man aus heutiger Sicht sagen, dass gerade diese Szenen am wenigsten interessant sind. Viel spannender ist das Drama, das sich aus dieser Beziehung ergibt. Denn diese ist nicht nur deswegen heikel, da Mellors und Constance verheiratet sind, sondern auch, da beide aus unterschieldichen sozialen Schichten stammen, und damals war es geradezu undenkbar, dass eine Frau der Oberschicht eine Beziehung mit einem Bediensteten eingehen würde.

Auf diese Weise kritisiert D. H. Lawrence dann auch das damalige Gesellschaftssystem. Er entlarvt die Oberschicht als dekadent und abgehoben, während die Arbeiter unter den Bedingungen leiden. Constances Mann ergeht sich gerne im Sozialdarwinismus, was sie mehr und mehr verabscheut. Ihr Blick richtet sich durch die Beziehung mit Mellors immer stärker auf die düstere Realität, die bestimmt ist von der Armut und Trostlosigkeit, die das Leben der Arbeiter bestimmen. Die Kritik von damals lässt sich dabei ohne weiteres auch auf die heutige Situation übertragen. Man denke nur an Hartz 4 und die mit Absicht herbeigeführten Ungerechtigkeiten, die sich daraus ergeben.

Ständig ist natürlich die Angst da, dass die heimliche Beziehung der beiden auffliegen könnte. Während Constance sich immer freier und lebendiger fühlt, agiert Mellors vorsichtiger. Im Gegensatz zu ihr hat er bereits schlechte Erfahrungen im Leben gesammelt. Überhaupt hat er um sich herum einen dicken Schutzpanzer gezogen, um nicht erneut verletzt zu werden. Obwohl er Connstance liebt, fällt es ihm schwer, diesen Panzer fallen zu lassen. In dieser Hinsicht ist „Lady Chatterley“ ein großartiges Liebesdrama, dessen Erfolg Lawrence jedoch nicht mehr erlebte. Er starb 1930 an Tuberkulose.