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Archive for Juli 2013

Das koreanische Filmjahr 2013 begann mit Filmen wie „The Berlin File“ und „The Tower“ (bereits Ende 2012 veröffentlicht) sehr vielversprechend. Beide Produktionen zeigen Koreas Filmindustrie in Topform. Demgegenüber zeigte sich das Experiment der ersten koreanischen-amerikanischen Co-Produktion „Running Man“ (eine Art Actionkomödie) als einfallsloser Streifen, der anfangs zwar nett anzusehen ist, ab der Hälfte jedoch vollkommen uninteressant wird (Rezensionen zu den drei Filmen befinden sich ebenfalls auf unserem Blog). Es bleibt zu hoffen, dass weitere Co-Produktionen dieser Art ausbleiben. Aber es steht zu befürchten, dass Hollywood weiter versuchen wird, mit der Dampfhammermethode auf den koreanischen Filmmarkt zu drängen.

Die übrigen Thriller und Horrorfilme, die im ersten Halbjahr 2013 in die koreanischen Kinos kamen, erfüllen zum großen Teil die Erwartungen an eine Filmindustrie, die sich innerhalb eines Jahrzehnts zum ernstzunehmenden Konkurrenten Hollywoods hochgearbeitet hat.

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New World. Ein erstklassiger Gangsterfilm.

Der Gangsterfilm „New World“ ist ein hochgradiger Thriller um eine Undercover-Aktion innerhalb einer organisierten Verbrecherorganisation namens Goldmoon. Bei einem ungeklärten Autounfall kommt der Chef der Organisation ums Leben. Den Kampf um die Nachfolge möchte der Polizist Jo-Sung nutzen, um Goldmoon unter polizeiliche Gewalt zu bringen. Daraus entwickelt sich eine Mischung aus Krimi, Drama und Thriller. Erstklassig besetzt, entwickelt der Film eine dichte, gewalttätige Atmosphäre, ohne dabei in eine sonst übliche Blutorgie auszuarten. Vielmehr erinnert „New World“ an die französischen Thriller der 70er Jahre, in denen Lino Ventura öfters die Hauptrolle spielte.

montage

Montage. Ein spannender Thriller.

Der Thriller „Montage“ erzählt die Geschichte einer Kindesentführung. 15 Jahre nach einem bis heute ungelösten Entführungsfall, kommt es zu einer erneuten Entführung eines kleinen Mädchens, das dem Muster des früheren Falls haargenau gleicht. Die Polizei versucht, den Fall zu klären, hört aber nicht auf die Befürchtung der Mutter, deren entführtes Kind damals tot aufgefunden wurde. Während die Polizei im Dunkeln tappt, macht sich die Frau daran, auf eigene Faust den Täter zu finden. – „Montage“ ist ein recht gut inszenierter Thriller, der mit geschickten Wendungen den Zuschauer bei Laune hält. Die Pointe ist einerseits krass, andererseits auch etwas kitschig. Insgesamt aber entstand ein unterhaltsamer, spannender Thriller.

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Doctor. Ein ironischer Thriller, der sich lustig macht über den derzeitigen Schönheits-OP-Wahn in Südkorea.

„Doctor“ eröffnete im Gewissen Sinne die diesjährige koreanische Horrorsaison, die traditioneller Weise im Sommer beginnt. Es handelt sich dabei um einer sehr gute Mischung aus Satire, Horror und Thriller, welche die koreanische Schönheits-OP-Sucht köstlich durch den Kakao zieht. Es geht um einen Schönheitschirurgen, der herausfindet, dass ihn seine um Jahre jüngere Frau mit einem anderen Mann betrügt. Die Folge davon: der Arzt nimmt Rache. Und zwar nicht nur an seiner Frau. „Doctor“ weist eine sehr gute Optik auf, liefert teils herrlichen schwarzen Humor und besticht insgesamt mit einer köstlichen Ironie.

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A Puppet. Einer der schlechtesten koreanischen Filme seit langer Zeit.

„A Puppet“ dürfte dagegen der Reinfall des Jahres sein. Seit langem haben wir nicht mehr eine solch schlecht inszenierte Produktion gesehen. Der Horrorfilm handelt von einem Hypnosearzt, der die Verlobte seines besten Freundes behandelt. Diese glaubt sich stets von einer unheimlichen Frau verfolgt. In Wahrheit leidet sie unter einer gespaltenen Persönlichkeit. Im Laufe der Behandlung verliebt sich der Arzt in seine Patientin und macht sie sich mithilfe der Hypnose willig. – Dieser Film ist nur eines: absolut dämlich. Die Schauspieler sind fürchterlich schlecht, die Inszenierung nicht besser und noch dazu hilflos, so als habe sich Regisseur Kwon Yeong-Rak bereits bei seinem Debut überfordert gefühlt. Zwischendrin wechselt er das Genre und versucht sich im Erotikthrill, aber auch hier zeigt er seine nicht vorhandene Begabung. „A Puppet“ ist einer der schlechtesten koreanischen Filme überhaupt. Aus welchem Grund auch immer schaffte er es dennoch auf Platz 3 der koreanischen Kinocharts.

Damit endet auch schon unsere erste kurze Übersicht über das erste Halbjahr 2013. Die zweite wird Ende 2013 folgen. Besonders gespannt sind wir auf den Horrorfilm „Killer Toon“. Auch ein neuer Seuchenthriller steht an. Es bleibt also spannend.

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Die Girls-Group Vu-Den in einem ihrer bekanntesten Outfits.

Die japanische Girlband Vu-Den (manchmal auch Biyuuden geschrieben) gibt es seit fast fünf Jahren nicht mehr. Dennoch besitzt sie noch immer sehr viele Anhänger. In diversen Foren über japanische Popmusik wird noch immer über die drei ehemaligen Band-Mitglieder Rika Ishikawa, Erika Miyoshi und Yui Okada diskutiert. Im Grunde genommen ist japanische Popmusik gewöhnungsbedürftig und damit nicht jedermanns Sache. Die Bandkonzepte reichen von typisch japanischer Kindfrau bis hin zu Punk und Adult-Konzepten. Vu-Den war in dieser Hinsicht ein echtes Phänomen, da diese Gruppe in keine der bisherigen Kategorien, in welche man japanische Popmusik einteilen kann, passte. Zugleich aber, und das macht sie ebenfalls zu einem Phänomen, spiegelten ihre Videoclips typisch patriarchale Frauenvorstellungen wider

Die Band wurde 2004 gegründet und 2008 aufgelöst. Das Ende der Band bleibt rätselhaft. Bestimmt lag es nicht daran, dass es zu einem Rückgang des Erfolgs gekommen wäre. Der Produktionsfirma Hello! Project zufolge wurde die Band aufgelöst, da die Gruppenmitglieder das 20. Lebensjahr erreicht hätten. Bizarr, aber so stand es in einer Pressemitteilung geschrieben. 2009 wurde die Band mit anderen Mitgliedern wiederbelebt, verschwand aber gleich wieder in der Versenkung.

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In dem Clip „Kacchoi ze! Japan“ wird auf eine lesbische Dreierbeziehung eingegangen.

Wie oben schon gesagt: interessant ist das Frauenbild, das in den Videoclips von Vu-Den wiedergegeben wird. Es liefert sämtliche Klischees, welche traditionelle japanische Männer von Frauen haben und die sich teilweise auch mit den Darstellungen in den japanischen Mangas decken. Hier ein paar Beispiele:

In dem Video „Kacchoi Ze! Japan“ wird eine Beziehung zwischen drei Frauen dargestellt. Der narrative Teil schildert, wie sich zwei Frauen in eine dritte Frau verlieben. Daraus resultiert eine kurze Eifersuchtsszene, die sich am Ende des Videos jedoch löst. Das heißt, die Umbuhlte geht schlicht und ergreifend eine Beziehung mit beiden Frauen ein. Dieses lesbische Konzept findet sich in vielen Mangas wieder und hat mit dem eigentlichen Song überhaupt nichts zu tun. Denn in diesem geht es nur darum, wie toll Japan ist.

Das Video „Issai gassai anata ni A-ge-ru“ schildert, wie sich drei ungeschickte Frauen abmühen, um jeweils gute und pflichtbewusste Hausfrauen zu werden. Hierbei ist auch der Text des Songs wichtig, in dem sich die Frau quasi dem Mann vollkommen unterordnet, um ihm zu diensten zu sein. Dies spiegelt nicht weniger eine patriarchale Perspektive wider. Traditionelle japanische Männer haben Angst vor emanzipierten Frauen. Sie möchten Frauen, die sich den Befehlen des Mannes fügen. Genau dies kommt letztendlich, wenn auch recht witzig dargestellt, in dem Clip zur Geltung.

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Vu-Den als ungeschickte Hausfrauen. Dies in dem Video „Issai Gassai“.

„Aisucream to my purin“ ist der umstrittenste Song des Trios. Viel wurde darüber diskutiert, ob der Text pornographischen Inhalts ist. Das Video selbst zeigt die drei Bandmitglieder in Bunny-Kostümen. Übersetzt bedeutet der Titel des Songs ungefähr „Eiscreme auf meinem Pudding“. Was zunächst verblüfftes Schulterzucken hervorruft, wird etwas klarer, wenn man annimmt, dass hier Pornobegriffe verballhornt werden. Dies wäre ein Indiz dafür, dass der Song in der Tat pornographischen Inhalts ist. Innerhalb des Pronogenres gibt es den Begriff Creampie. Dieser bezeichnet einen Geschlechtsverkehr mit innerer Ejakulation. Auf diesen Begriff scheint „Icecream to my Pudding“ anzuspielen. Dass dies eine durchaus plausible Möglichkeit darstellt, ergibt sich aus dem Clip selbst, der aufgrund der Kostüme auf erotische Zusammenhänge verweist.

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In „Jaja Uma Paradise“ geht es um Frauen, deren Freizeitbeschäftigung in der Hauptsache aus Shoppen besteht.

Ein viertes Beispiel wäre „Jaja Uma Paradise“, was man als „Frauenparadies“ übersetzen könnte. Darin geht es einfach darum, dass Frauen nichts anderes im Sinn haben, als einzukaufen. Kaufsucht als Hauptmerkmal für Frauen, verweist genauso auf eine traditionell geprägte japanische Einstellung und gibt eindeutige Klischees wieder. Einmal mehr drückt sich hierbei eine patriarchale Sichtweise auf.

Wie schon erwähnt, wurde die Band 2008 aufgelöst. Ihr letzter Song war zugleich eine Art Abschiedslied mit dem Titel „I love you“. Der Clip ist in Form eines Urlaubsvideos gehalten und vermittelt sozusagen die Botschaft: „Schön war’s.“ Hier trifft man auf keine Klischees oder traditionelle Sichtweisen. Es ist wirklich ein Rätsel, weswegen die Gruppe, trotz ihres Erfolgs, aufgelöst wurde. Sicher ist nur, dass sich damit die Produktionsfirma quasi selbst ein Bein stellte.

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„Nutella und Langnese-Honig. Können Sie sich von Ihrem Arbeitslosengeld Markenprodukte leisten, Frau Sanders?“ ist eine der Fragen beim überraschendem Besuch zweier „Sozialdetektive“ vom Jobcenter. Es folgt die Verdächtigung, „Nebeneinkünfte“ nicht gemeldet zu haben und die Aufforderung, „eine Liste mit allen im vergangenen Monat geschenkt bekommenen Lebensmitteln aufzustellen.“ So beginnt der Text. Und endet so: nach den letzten Aktionen der Hartz-5-Gruppe ist „unser Blog voller Lobeshymnen… Wir brauchen keinen Fan-Club. Wir brauchen Leute, die mitarbeiten.“

Dazwischen gibt es auf 153 Kleindruckseiten in 42 weiteren Kapiteln viel Wissens- und Bedenkenswertes über San-San und Biggi, 10%, Müller und Kurt als Hartzvier-Abhängige und doch gemeinschaftlich handelnde Personen und ihre behördischen Widersacher. Handlungszeit ist Herbst/Winter 2010. Handlungsort ist ein ländlicher Kreis und seine Kreisstadt (im Südhessischen). Was nach einer Krimihandlung glücklich endet, beginnt mit dichten Lagebeschreibungen von Hartzvierern, dem Alltagsleben, seiner Bewältigung („Das grösste Problem waren die Mieten“) und den Bemühungen der Kleingruppe um öffentliche Aufmerksamkeit zur Verbesserung ihrer Lage: „Wir sind ein lockerer Haufen ohne Vorstand und Bürokratie. Das macht uns für die Gegenseite so unberechenbar.“

 
Der Grundinhalt in Kürze: die kleine Selbsthilfegruppe Hartz 5 hilft Betroffenen gegen oft schikanöse Maßnahmen, Bescheide, Vorladungen. Und sucht Öffentlichkeit gegen behördische Übermacht. Gelegentlich wie bei einer zurückgenommenen Geldsperre auch erfolgreich. Phantasievoll gehandelt wird wo immer es geht wie bei einen Bewerberbrief oder bei der vorweihnachtlichen Verwandlung des Kreistagsentré in eine stinkende Müllkippe durch das Kommando Dufte Nikoläuse. Kundig ein zunächst idiotisch erscheinendes Jobcenter-Praktikum nachrechnend, arbeiten San-San und Biggi sich als Kommunikationsguerilla illegal an den Projektleiter und eine seiner Netzidentitäten heran. Sie können schließlich nachweisen, daß er sich von einem Unternehmer „schmieren“ läßt. Der aus unbezahlten Leistungen von Hartzvierern entstandene unternehmerische Extraprofit beträgt etwa 45.000 €. Er soll zum Barkauf eines Oldtimers verwandt werden. Der aktive Kern der Hartz 5-Gruppe nutzt die Gelegenheit zur alternativen Organisation der Geldübergabe. Und kann so nicht nur die Gruppenkasse für weitere Aktionen auffüllen. Sondern auch beiden Frauen einen zweiwöchigen Winterurlaub in Marokko finanzieren…

 
Das Buch des Journalisten Peter Hetzler (*1955) ist kein großer Roman. Sondern eine beachtliche Erzählung. Sie ist aufklärerisch angelegt und locker geschrieben. Sie führt ins Sozialmilieu von Hartzvier-abhängigen Menschen, die versuchen, unter schwierigen und bedrückenden Umständen zu überleben und ihre Würde als ausgegrenzte und wie Objekte behandelte Menschen aktiv handelnd zu bewahren. Damit kommt immer auch die Gegenseite als sie zu oft schikanierendes Jobcenter und der Doppelcharakter der Hartzvier-Lage in den Blick: unmittelbar zu wenig zum auch kulturell angemessenen Leben zu haben. Und um die eigene Abhängigkeit von übermächtig erscheinenden Behörden als Teil des meist feindlich erfahrenen Staats zu wissen: „Im Grunde ist Artikel drei des Grundgesetzes für Erwerbslose außer Kraft gesetzt. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich…ist ein Hohn.“

 
Hartz 5 ist eine Dokumentarerzählung. Erzählt wird im mittleren Erzählton ohne Rückblende chronologisch nach vorn. Im parallelen, auch linear erzählten Handlungsstrang geht es um San-Sans Cyber-Kommunikation mit einem im Netz chattenden unbekannten Pseudonym, San-Sans Cyber-Sex mit ihm und ihr Gefühl, hier mit einer Maschine zu vögeln. Die Sprache hat banale Eigentümlichkeiten wie das lakonische Jepp, mit dem San-San als Frühvierzigerin Zustimmung kommuniziert, das scheinjugendliche geile Gefühl, das drei 50-€-Scheine hervorrufen, oder das kindliche Biggi giggelte des Erzählers. Freilich gibt es gibt auch sprachlich Anspruchsvolleres: Luxus eines neuen Bügeleisens, Leben auf Ersatzteilniveau, Lust auf Lust oder antiklerikalen Witz als Anspielung auf den Evangelikalen Paulus: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht demonstrieren.

 
Genrebezogen schließt der Erzählstoff an Szenenromane an. In denen ging es um Studies in Hamburg und München (Uwe Timms Heißer Sommer 1974), in Hamburg (Dietrich Schwanitz´ Campus 1995), um flippige Aussteiger in Wiesbaden (Hans-Josef Orteils Agenten 1989) oder in Berlin (Helmut Kuhns Gewegschäden 2012). In Hartz 5 geht es um eine besondere Szene. Weder versteht sie sich selbst als solche noch wird sie so fremdverstanden. Eine Hartzvierer-Szene gibt es im gegenwärtigen Ganzdeutschland noch nicht.

 
Der Campus von Schwanitz wurde 1998 verfilmt. Auch Hetzlers aufklärende und unterhaltsame Hartz 5-Erzählung hat filmisches Potential. Im Film könnten zum einen erzählerisch schwache soziale Oben-Unten-Linien bildhaft werden. Als auch zum anderen klar konturiert werden: verrechtlichte Formen der Auseinandersetzungen drücken nicht Stärken, sondern Schwächen aus. Und binden bei aller Notwendigkeit produktive Kräfte der Betroffenen in Form „gratiser Privatarbeit“ (Marx).

 
Politisch veranschaulicht Hartz 5 einen gesellschaftlichen Tatbestand und eine bittere Erfahrung: derzeit verzichten hierzulande nahezu fünf Millionen Menschen oder gut ein Drittel der Berechtigten auf Hartzvier-Leistungen. Und „immer mehr Jobcenter legen es bewußt darauf an, abschreckende Wirkung zu entfalten.“ Dem entspricht diese Vorstandsaussage der Bundesagentur für Arbeit: „Der Erfolg unserer Anstrengungen wird in den nächsten Jahren noch mehr am Abbau des Langzeitleistungsbezugs liegen.“ (jW 2.7.2013, S. 8)

 
Peter Hetzler, Hartz 5. Ein Hartz IV-Roman. Norderstedt: Books on Demand, 2013, 153 S., 9,90 €, ISBN 978-3-7322-3790-6

 

Richard Albrecht ist „gelernter“ Journalist, extern provomiert und habilitiert, als historisch arbeitender Sozialwissenschaftler der Aufklärung verpflichtet, lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als Freier Autor & Editor in Bad Münstereifel und war 2002/07 Herausgeber von rechtskultur.de. Unabhängiges online-Magazin für Menschen und Bürgerrechte. Letzte Buchveröffentlichung -> HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (Aachen: Shaker, 2011). Bio-Bibliographie -> http://wissenschaftsakademie.net

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Stichwort Hollywoodkrise. Schon lange haben wir darüber nichts mehr vernommen. Bedeutet das etwa, dass die Krise überwunden ist? Nun, die Krise ist noch immer vorhanden. Vielleicht sogar stärker denn je. Die Besucherzahlen gehen – laut der Internetplattform boxofficemojo – weiter zurück, auch wenn die Umsatzzahlen etwas anderes zu zeigen scheinen. Doch der gleichbleibende Umsatz täuscht, denn dieser wird lediglich durch angehobene Ticketpreise erzielt. Speziell aus diesem Grund kommen zurzeit viele Filme auch in 3D in die Kinos, egal ob es für die Geschichte Sinn macht oder nicht. Was zählt ist, dass jedes Ticket für eine 3D-Vorstellung teurer verkauft werden kann.

Hollywood steckt noch immer in der Krise. Auch wenn kaum darüber berichtet wird.

Doch ist die Krise nicht nur eine ökonomisch bedingte. Vielmehr ist sie eine ästhetische Krise. Diese ästhetische Krise ist einerseits eine Folge der zurückgehenden Umsatzzahlen, andererseits scheint Hollywoods Drehbuchautoren wirklich nichts mehr Neues einzufallen. Bereits 2001 bemerkte der bekannte Drehbuchautor William Golding in einem Interview mit Spiegel-Online, dass die Krise eher in den Köpfen der Autoren herrsche. Keine neuen Einfälle, schlechte Skripte, austauschbare Geschichten. Regisseur Paul Schrader schließt sich dem in gewisser Weise an. In einem Interview mit der österreischischen Zeitung Kurier aus dem Jahr 2011 weist er ebenfalls daraufhin, dass die Krise in Hollywood nicht überwunden ist. Es handelt sich um eine ästhetische Krise, die noch lange anhalten wird. Produzenten möchten nichts riskieren, daher sitzt bei ihnen das Geld auch nicht mehr so locker. Dies ist auch der Grund, weswegen es zu dieser ästhetischen Krise gekommen ist. Die großen Studios bringen keine Vielfalt hervor, sondern ihre Produktionen gleichen wie ein Ei dem anderen. Der amerikansiche Indie-Regeisseur Larry Fessenden betonte uns gegenüber, dass in Hollywood nur mehr Superheldenfilme gedreht werden. Diese verlaufen nach jeweils  demselben Konzept. Das heißt, die Charaktere, die Handlungen, ja sogar die Dialoge sind austauschbar. Es ist nichts Neues. Es ist nur lauter geworden. Selbst eine überteuerte Produktionen wie „Pacific Rim“ weist keine einzige originelle Idee auf. Alles ist bereits schon einmal dagewesen. Wer es genau wissen möchte, der sehe sich einmal den 80er Jahre Trashfilm „Robojox“ an. Das Geschichtenerzählen ist zum Stillstand gekommen.

Film galt früher als Kunst. Gilt dieser Begriff auch noch für heutige Blockbuster?

Was auf Hollywoodproduktionen zutrifft, trifft nicht weniger auf den Buchmarkt zu. Die in den Buchläden ausliegenden Bestseller sind austauschbare Produkte. Es scheint so, als findet man x-mal dasselbe Buch, nur mit anderem Cover. Auch hier also ein Stillstand. Verleger wollen genauso wie Filmproduzenten kein Risiko mehr eingehen. Sie setzen auf Nummer Sicher und das Ergebnis ist ein völliger Wegfall von Originalität.

Fasst man die obigen Punkte zusammen, so zeigt sich, dass Kunst als Massenproduktion nicht unbedingt positive Effekte mit sich bringt. Georg Simmel verwies bereits um die Jahrhundertwende auf das Drama der Kultur. Dieses macht sich nun deutlich in der Eintönigkeit der Film- und Buchproduktionen. Larry Fessenden wies in einem früheren Interview daraufhin, dass speziell diese Entwicklung hin zur Gleichförmigkeit und Austauschbarkeit negative gesellschaftliche Konsequenzen haben kann. Betroffen davon vor allem jugendliche Zuschauer, die keine Filmkunst mehr erleben, sondern inhaltsleere Produkte, die nur dazu dienen, die Zuschauer zum Konsum zu animieren. George R. Romero hatte in den 70er Jahren recht, wenn er die Menschen als kaufsüchtige Zombies darstellte.

Zurzeit werden in Hollywood nur noch Superheldenfilme gedreht. Film verkommt dadurch vollständig zum bloßen Produkt.

Ob dieser Wegfall von der Kunst hin zu bloßen Produkten, die nichts anderes mehr sind als Propagandamechanismen, tatsächlich negative Konsequenzen für die Gesellschaft haben kann, ist nicht klar. Der Biologe Thomas Junker weist in seinem Buch „Die Evolution der Phantasie“ darauf hin, dass bisherige Untersuchungen, welche den Einfluss von Reizüberflutung auf den IQ-Wert unter die Lupe nahmen, keine negativen Merkmale feststellen konnten. Allerdings ist eine Verkümmerung der Kunst bisher noch nie ein positives Merkmal für gesellschaftlichen Wandel gewesen. Diese geht einher mit Dekadenz. Und dies ist letztendlich ein Anzeichen für eine soziale Fehl- oder Rückentwicklung.

Man muss hierbei jedoch hinzufügen, dass zum Glück die Filmwelt nicht nur aus Hollywoodgroßproduktionen besteht. Man darf den Indie-Sektor nicht vergessen, der durchaus mit originellen Ideen und Geschichten aufwartet. Ähnlich verhält es sich auf dem Buchmarkt. Während Bestseller inzwischen zum Synonym für Einheitsbrei geworden sind, tummeln sich unzählige Autoren im Kleinverlag- und Indie-Bereich. So lange dort keine kreative Stagnation auftritt, darf also noch gehofft werden. Für Hollywood aber heißt es, dass es früher oder später nicht anders kann, als umzudenken. Denn die Besucherzahlen werden weiter zurückgehen.

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Auf dem Blog des Vincent Preis (des deutschen Horror Awards) ist ein Interview mit dem Herausgeber von FILM und BUCH erschienen:

http://vincent-preis.blogspot.de/2013/07/interview-mit-max-pechmann.html

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Girls Day "Female President"

Striptease hinter einem Wandschirm: Der Anfang des umstrittenen Videos.

Die zunehmende Erotik in Videoclips koreanischer Girlgroups schreitet erwartungsgemäß weiter voran. Etwas anderes hätte auch niemand erwartet. Kpop ist zu einem internationalen Phänomen geworden und Erotik ist eine interkulturelle Marketingstrategie. Wen also wundert’s. Inzwischen aber mehren sich Stimmen (vor allem von europäischen Kpop-Fans der ersten Stunde), die diese Entwicklung alles andere als gut finden. Ihnen ist die zunehmende Sexualisierung der weiblichen Gruppenmitglieder eine Art Dorn im Auge.

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Die Dance Shots ähneln stark denjenigen von anderen Gruppen wie z.B. Dal Shabet.

Betrachtet man die Entwicklung aus einer objektiven Perspektive, so hat sich die Ästhetik der Clips innerhalb eines knappen Jahres tatsächlich stark geändert. Clips weiblicher Groups sind freizügiger geworden, was nicht selten dazu führt, dass manche Musikvideos in Korea erst ab 16 oder sogar erst ab 19 zugelassen sind. Was das Besondere dieser Clips früher ausgemacht hat, war ihre Verspieltheit. Mit viel Witz und durchaus frech wurden die Konzepte visualisiert, was einen gewissen Charme entstehen ließ, der Kpop zu etwas Besonderem innerhalb der internationalen Musikbranche machte. Noch immer sind manche Musikvideos nach diesem Konzept hin ausgerichtet. Man denke nur an das Video der Sängerin Lumil „Just a Cup of Coffee“, in dem der Schlankheitswahn und die Schönheitssucht vieler Koreanerinnen geradezu genial aufs Korn genommen werden. Die Mehrheit aber tendiert in die oben skizzierte Richtung.

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Eine der Sängerinnen im hautfarbenen Bodykostüm.

Was aktuell zurzeit viele Rezipienten aufstößt, ist das neue Video der Girlgroup Girl’s Day mit dem Titel „Female President“. Daher haben wir uns gefragt, was an dem Video so gewagt sein soll.

Der Clip ist rein optisch sehr aggressiv in Szene gesetzt. Keine Verspieltheit, kein Witz – und satirische Seitenhiebe sucht man hier ebenfalls vergeblich. Der Hook besteht aus einem Striptease, der hinter einem Wandschirm stattfindet. Bereits dieser Anfang löste anscheinend eine gewisse Empörung aus. Dieser Sequenz folgen unterschiedliche Dance-Shots sowie ein narratives Element, das eine lesbische Beziehung darstellt. Die Dance-Shots sind im Grunde genommen Durchschnitt und erinnern gelegentlich stark an Clips der Formation Dal Shabet. Hierbei aber wiederum als angeblicher Aufreger eine Szene, in der eine der Sängerinnen in einem hautfarbenen Bodykostüm vor einem Auto tanzt. Die narrativen Elemente steuern auf eine Kussszene zwischen zwei Frauen zu, welche allerdings nur angedeutet ist.

Die narrativen Elemente beziehen sich auf eine lesbische Liebesbeziehung. Der Kuss ist allerdings nur angedeutet.

Das Video ist teilweise marktschreierisch konzipiert. Der Text des Liedes handelt davon, dass junge Frauen mehr Selbstsicherheit an den Tag legen sollen. Verbunden ist dies mit einer politischen Aussage, welche das Lied fast wie einen Werbesong für die derzeitge Präsidentin Südkoreas macht. In dem Refrain heißt es, dass jetzt sogar eine Frau Präsidentin in Korea geworden ist. Wenn die das schafft, dann könnt ihr (gemeint sind die weiblichen Zuhörer/Zuschauer) das auch. Um es auf den Punkt zu bringen: der Refrain klingt danach, als würde er demnächst bei Parteiveranstaltungen verwendet werden.

Um nochmals auf die Machart des Clips zurückzukommen: im Vergleich mit den vorangegangenen Musikvideos der Gruppe stellt „Female President“ eine konsequente Weiterentwicklung des Groupkonzepts dar. Es als einen Aufreger zu bezeichnen, halten wir für ziemlich übertrieben.

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FILMundBUCH_5

Ausgabe 5 beinhaltet etwas ganz Besonderes: wir konnten mit dem bekannten amerikanischen Indie-Regisseur und Produzenten Larry Fessenden (The Innkeepers, I sell the Dead) ein ausführliches Interview führen. Darin berichtet er über seine Arbeit, seine Gedanken über das Horrorgenre und über die Krise in Hollywood.

In einem zweiten Interview erzählt uns außerdem der bekannte Kleinverleger und Historiker Michael Kirchschlager Vieles über seinen Verlag und seine Tätigkeit als Schriftsteller.

Außerdem beinhaltet die neueste Ausgabe folgende Artikel:

„Ich habe noch nie so schöne Hemden gesehen!“ – Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald und Baz Lurhmann (Alexander Pechmann)

It’s Drama Time! – Koreanische TV-Serien unter der Lupe (Jung-Mee Seo)

Der Teufel führt Regie – Benjamin Christensen, Wegbereiter des skandinavischen Horrorfilms (Sabine Schwientek)

Strindbergs Inferno (Alexander Pechmann)

Das Gesetz des Schweigens – Leonardo Sciascias sizilianische Romane (Richard Albrecht)

Wer wohnt eigentlich in Geisterhäusern? – Zur Charakteristik lästiger und unheimlicher Mitbewohner im Film (Max Pechmann)

Den kostenlosen Download gibt es hier: Film und Buch 5

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