FuBs Fundgrube: Der vierbändige Öland-Thriller von Johan Theorin

Wow!, kann man da nur noch sagen. Was der schwedische Krimiautor Johan Theorin da geschrieben hat, ist alle erste Sahne. Angesiedelt auf der Insel Öland, geht es in seinen vier Thrillern um vier unheimliche Fälle, in denen der ehemalige Seeman Gerlof eine zentrale Rolle spielt. Theorin hat selbst familiäre Beziehungen zu Öland, da seine Großeltern dort leben. Sie erzählten ihm alte Geschichten über diese Region, die er teilweise in seine Romane einfließen ließ.

Die vier Öland-Thriller richten sich nach den vier Jahreszeiten. So spielt der erste Roman „Öland“ im Herbst, der zweite Roman „Nebelsturm“ im Winter, der dritte Roman „Blutstein“ im Frühling und der letzte Roman „Inselgrab“ im Sommer. In „Öland“ verschwand vor fast 20 Jahren ein kleiner Junge spurlos im Nebel. Nun erhält Gerlof, der im Altersheim lebt, plötzlich eine Sandale zugeschickt, die dem Jungen, seinem Enkel, gehörte. Gerlofs Tochter Julia hat seit dem Verschwinden ihres Sohns ihr Leben nicht mehr richtig im Griff. Doch zusammen mit ihrem Vater versucht sie, den Fall zu lösen. Und schon gibt es erste Gerüchte: Nils Kant habe mit dem Verschwinden des Jungen zu tun. Doch Nils war damals bereits seit Jahren tot …

In „Öland“ vermischt Theorin Spukandeutungen mit einer spannenden Kriminalgeschichte. Verbunden ist dies mit einer düsteren Familiengeschichte. Wirklich großartig.

Noch besser ist „Nebelsturm“, in dem der Autor alle Register zieht. Eigentlich ist dies der beste Roman der Reihe. Es geht um einen alten Leuchtturmwärterhof, auf dem es spuken soll. Doch Joakim und seine Frau halten nichts davon. Aber dann passieren seltsame Dinge auf dem Hof …

Großartig. Einfach großartig. Mehr kann man nicht dazu sagen. Theorin hat mit „Nebelsturm“ einen der besten Mystery-Thriller geschrieben, die es gibt. Unheimliche Szenen verbinden sich mit kriminellen Machenschaften. Den Roman liest man in einem Rutsch durch und möchte ihn danach gleich nochmals lesen. Hinzu kommt eine wunderbare Sprache, die den Roman zu einem literarischen Krimi macht.

Die Euphorie erhält leider in „Blutstein“ einen Dämpfer. Hier geht es um Per Mörner, dessen Vater ermordet wird. Sein Vater war in der Pornobranche tätig. Per, der seinen Vater kaum gekannt hat, versucht, den Grund für den Mord zu finden.

Irgendwie tat sich Theorin selbst mit dem Thema schwer. Der Roman kommt nicht wirklich in die Gänge und das Einweben von Elfenglauben und dem Glauben an Trolle führt ebenfalls zu nichts. Wie immer sind die Figuren sehr komplex und gut durchdacht, doch die Geschichte selbst ist ziemlich öde – und das Finale wirkt dann wie aus der Nase gezogen.

Doch Johan Theorin hat sich nach diesem Durchhänger schnell wieder gefasst und sich auf seine egentlichen Stärken konzentriert. Mit „Inselgrab“ zeigt er nochmals, was einen erstklassigen Mystery-Thriller ausmacht. Vor der Küste Ölands treibt ein Schiff voller Leichen. Der alte Seemann Gerlof ist wieder voll in Aktion. Er weiß, dass jemand zurückgekehrt ist, um sich zu rächen …

Wieder präsentiert Theorin einen spannenden Krimi, der aus verschiedenen Perspektiven den düsteren Fall schildert. Zwar weiß man von Anfang an, wer der Mörder ist, doch geht es Theorin gar nicht um die Suche nach dem Täter, sondern darum, aus welchem Grund sich „Der Heimkehrer“ rächen möchte. Wie auch bei „Öland“ und „Nebelsturm“ gleitet man über die Seiten nur so hinweg und wundert sich, dass man schon nach kurzer Zeit die knapp 500 Seiten durchgelesen hat.

Alles in allem ist das „Öland-Quartett“ erstklassige Kriminalliteratur, die sicherlich nicht nur Krimifans in ihren Bann schlägt. Bis auf „Blutstein“ haben mir die Romane sehr gut gefallen und mich regelrecht gepackt. Die Romane kann man durchaus auch einzeln lesen, wenn man allerdings die Reihenfolge einhält, so kommt man in den Genuss der Entwicklung der Figur von Gerlof. Hier und da verzettelt sich Theorin: Gerlofs Ärztin Wahlberg ist im letzten Band ein Arzt mit demselben Nachnamen und aus dem Hof mit den beiden Leuchttürmen aus „Nebelsturm“ wird in „Inselgrab“ ein Hof mit nur einem Leuchtturm. Aber das sind Kleinigkeiten, die wohl nur auffallen, wenn man alle vier Romane direkt nacheinander liest. Insgesamt sind die vier Öland-Thriller eine klare Leseempfehlung.

FuBs Fundgrube: „Wenn du wüsstest“ von Peter Straub

Cover der deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

Zwei Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit seinem Roman „Geisterstunde“ (Ghost Story; 1979), verfasste der US-amerikanische Horrorautor Peter Straub den Mystery-Thriller „Wenn du wüsstest“ (If you could see me now; 1977). Wenn man seinen berühmten Roman „Geisterstunde“ kennt, so kommt einem „Wenn du wüsstest“ wie eine Art Vorarbeit zu dem großartigen Horrorroman vor.

Es geht um den Dozenten Miles Teagarden, der zurück in seinen Geburtsort Arden kommt, in der Hoffnung, dort die Ruhe für seine Doktorarbeit zu finden. Aber noch ein zweiter Grund hat ihn dazu bewegt, zurückzukehren: er und seine Cousine Alison haben sich vor genau 20 Jahren geschworen, sich hier wieder zu treffen. In Arden jedoch kommt es seit wenigen Tagen zu einer unheimlichen Mordserie an Schülerinnen. Miles wird verdächtigt, etwas mit den Morden zu tun zu haben, da er angeblich schon einmal einen Mord begangen hat …

Cover der Originalausgabe

Peter Straubs Roman ist eine Mischung aus Krimi und unheimlichen Zwischentönen, wobei das Unheimliche eher am Rande erscheint. Viel mehr konzentriert sich Straub auf die Figuren, auf die Scheinheiligkeit der Bewohner Ardens und auf den Konflikt zwischen Miles und den Einheimischen. Der Roman wirkt dadurch sehr lebendig, die Spannung wird durch das dichte Geschehen aufrechterhalten.

Mehr Mystery als Horror vermengt Straub darin das Übernatürliche mit dem Alltäglichen, worin er durchaus ein Meister ist. Doch wie oben bereits bemerkt, zu seiner vollen Meisterschaft gelangte Straub erst durch seinen darauffolgenden Roman „Geisterstunde“. Durch seine Zusammenarbeit mit Stephen King („Der Talisman“, 1984; „Das schwarze Haus“, 2001), wurde er einem noch breiteren Publikum bekannt.

„Wenn du wüsstest“ erschien zum ersten Mal auf Deutsch 1979 im Paul Zsolnay Verlag und danach in unterschiedlichen Verlagen wie Moewig und Heyne. Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 1995 und war damals im dtv-Verlag erschienen.

Peter Straub. Wenn du wüsstest. dtv 1995, 385 Seiten.

 

FuBs Klassikbox: Todsünde (1945)

Ellen (Gene Tierney) offenbart ihre psychopathischen Anlagen; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Ein Film Noir in Farbe? 1945 bewies Regisseur John M. Stahl, dass dies durchaus funktionieren kann, und schuf dabei zugleich einen der Klassiker dieses Genres. Ausgezeichnet mit dem Oscar für die Beste Kamera, waren die Kritiker dennoch nicht ganz von „Leave her to Heaven“ überzeugt. Aber wie so oft änderte sich diese Meinung mit der Zeit. Heute zählt das Werk zu den außergewöhnlichsten Filmen jener Ära.

„Todsünde“ basiert auf dem damaligen Bestseller von Ben Ames Williams. Es geht um den Schriftsteller Richard Harland, der während einer Zugfahrt Ellen Berent kennenlernt. Schnell entwickelt sich aus der Bekanntschaft eine Liebesbeziehung. Doch nach der Hochzeit stellt Richard mehr und mehr fest, dass etwas mit Ellen nicht stimmt …

Ellens Blick verrät: mit ihr stimmt etwas nicht; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Gene Tierney galt damals als eine der schönsten Frauen. Ein Jahr nachdem sie in dem Thriller „Laura“ die Titelfigur gespielt hatte, stellte sie in „Todsünde“ eine Psychopathin erster Güte dar. Ellen entpuppt sich mehr und mehr als kontrollsüchtig. Niemand darf Richard nahe kommen, nicht einmal ihre Familie. Dass sich ihre Halbschwester Ruth mit Richard gut versteht, bringt sie in Weißglut. Und dann ist da noch Richards behinderter Bruder, der ihr im Weg steht.

John M. Stahl kreierte in „Todsünde“ Szenen, die unter die Haut gehen. Einer der Höhepunkte, bei denen Ellens Boshaftigkeit zur Geltung kommt, ist die beklemmende Szene, in der Ellen gefühllos beobachtet, wie Richards Bruder im See ertrinkt. Man fühlt sich an die Rückblende in „Freitag, der 13.“ (1980) erinnert, in der Jason als Kind dasselbe Schicksal ereilt. Möglich, dass sich Regisseur Sean S. Cunningham von der Szene in „Todsünde“ inspirieren ließ.

Ziemlich gewagt für die damalige Zeit ist auch die Szene, in der Ellen in Richards Bett kriecht, um ihn „in Stimmung“ zu bringen. Sie reibt sich an ihn und bläst ihm sanft ins Gesicht, während ihre eine Hand angedeutet (d.h. außerhalb des Bildes) zwischen seinen Beinen ruht. In dem Moment, in dem Richard auf ihr Spiel reagiert, wird die Situation durch seinen Bruder unterbrochen, der gegen die Wand klopft. Enttäuscht steht Ellen wieder auf.

Bei „Leave her to Heaven“ darf die Farbgebung keineswegs unerwähnt bleiben. Es handelt sich nicht einfach um einen gewöhnlichen Farbfilm. Kameramann Leon Shamroy setzte Beleuchtung und Farbe so ein, dass die Szenen teilweise fast schon surreal wirken. Das farbliche Scheinwerferlicht schafft beinahe traumartige, geheimnisvolle Hintergründe, eine Methode, die der berühmte italienische Horrorregisseur Mario Bava 20 Jahre später wieder aufnehmen sollte.

Die spezielle Farbgebung des Films erinnert teilweise an die späteren Filme Mario Bavas; „Leave her to Heaven“ (1945); © 20th Century Fox

Selbst die Musik wirkt ungeheuer modern. Von Anfang an deutet Filmkomponist Alfred Newman durch tiefe, eindringliche Tonfolgen die düstere Bedrohung an, die sich im Laufe des Films zunehmend verdichtet und schafft dabei eine Musik, die auch in heutigen Thrillern ohne weiteres verwendet werden könnte. Bei der angedeuteten Sexszene sowie bei der Szene, in der Richards Bruder ertrinkt, bleibt die Musik ganz weg, wodurch das Geschehen noch intensiver wirkt. Die damaligen Zuschauer müssen wie gebannt auf die Leinwand gestarrt haben.

Wie auch in „Laura“, so spielt in „Todsünde“ Vincent Price eine Nebenrolle. War er in „Laura“ ein schlaksiger Freund der Familie, der als einer der Verdächtigen galt, so spielt er hier einen Staatsanwalt, der sich an Richard rächen möchte, da dieser ihm seine Verlobte (Ellen) weggenommen hat.

Kurz und knapp: „Todsünde“ ist ein teils subtiler, teils beklemmender Thriller, der auch heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.

Todsünde (OT: Leave her to Heaven); Regie: John M. Stahl, Drehbuch: Jo Swerling, Produktion: William H. Bacher, Darsteller: Gene Tierney, Cornel Wilde, Jeanne Crain, Vincent Price. USA 1945

FuBs Fundgrube: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow (1934)

Gut, den Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ gibt es auch noch immer im Buchhandel, doch haben wir unsere Ausgabe auf einem Bücherflohmarkt entdeckt. Aus diesem Grund haben wir den Beitrag darüber in unsere „Fundgrube“ gestellt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: was für ein toller Roman! Gaito Gasdanow erlebte leider seinen Erfolg nicht mehr. Fast völlig vergessen starb er 1971 in München (geboren wurde er 1903 in St. Petersburg). In Deutschland wurde Gasdanow erst 2012 durch die Übersetzung von Rosemarie Tietze bekannt – und das, obwohl er seine letzten Lebensjahre in München verbrachte.

Gaito Gasdanow könnte man irgendwo zwischen Leo Perutz und Robert Siodmak einordnen. Ja, der Vergleich verwirrt, immerhin war der eine Schriftsteller phantastischer Romane und Thriller, der andere Regisseur der bekanntesten Noir-Filme Hollywoods. Aber meiner Meinung nach trifft dieser Vergleich am ehesten zu. Denn „Das Phantom des Alexander Wolf“ ist sowohl geheimnisvoll und rätselhaft wie Perutz‘ einzigartige Romane und zugleich düster und kriminalistisch wie Robert Siodmaks Noir-Filme.

In dem 1947 erschienen Roman geht es um einen ehemaligen Weißgardisten, der in Russland während des Bürgerkriegs einen Reiter erschossen hat. Jahre nach seiner Flucht nach Paris gelangt in seine Hände der Erzählband eines gewissen Alexander Wolf, der in einer der Geschichten exakt das Erlebnis, das den Ich-Erzähler plagt, wiedergibt. Also begibt sich der Mann auf die Suche nach dem Autor und begegnet dabei der geheimnisvollen Jelena, die Alexander Wolf ebenfalls gekannt hat …

Cover der ersten deutschen Übersetzung im dtv-Verlag

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist ein überaus spannender und geheimnisvoller Roman, der, wie oben bereits erwähnt, wie ein Noir-Krimi gestaltet ist. Der namenlose Ich-Erzähler gerät durch sein Geheimnis, das schwer auf seinem Gewissen lastet, in ein noch rätselhafteres Beziehungsgeflecht, in dem es um Liebe und Hass und nicht weniger um die Frage geht, ob das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt oder alles bloß Zufall ist.

Auf seiner Suche nach dem mysteriösen Alexander Wolf begegnet der Ich-Erzähler Menschen, die alle etwas über diesen Mann wissen, doch niemand kann etwas Gutes über ihn erzählen. Auf diese Weise schleicht sich Alexander Wolf wie ein Phantom ist das Leben des ehemaligen Soldaten und lastet wie ein unheivoller Schatten auf allem, was der Ich-Erzähler unternimmt. Jelena kommt hierbei die Rolle der femme fatale zu, in dem sie mit ihrer Sinnlichkeit den Ich-Erzähler betört und ihn gleichzeitig in eine zunehmend unheilvolle Situation bringt.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ habe ich an einem Tag durchgelesen. Gaito Gasdanow schreibt ungeheuer flüssig, sodass man regelrecht durch die Geschichte gleitet. Zugleich gelingt es ihm, die Spannung von Mal zu Mal zu erhöhen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen, da man unbedingt wissen möchte, wie der Roman endet. Beim Lesen dachte ich ständig, wieso nie jemand diesen Roman verfilmt hat. Man müsste das Buch einfach in eine Filmrolle legen und fertig. Tatsächlich wurde der Roman in den 50er Jahren verfilmt, allerdings nicht fürs Kino, sondern fürs Fernsehen.

Beim Lesen musste ich ständig an die Filme Robert Siodmaks denken. Auf dieselbe Weise, wie Gasdanow seine geheimnisvolle Geschichte entfaltet, geht Siodmak in seinen Filmen vor. Ava Gardner hätte hervorragend in die Rolle der Jelena gepasst, Burt Lancaster in die Rolle des Weißgardisten.

Gaito Gasadnows süchtig machendes Können blieb leider zum großen Teil unbemerkt. Das lag daran, wie Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort bemerkt, dass er seine Romane im französischen Exil nur auf Russisch schrieb und nicht z.B. auf Französisch oder Englisch, was dazu führte, dass seine Werke nie den Bekanntheistgrad erreichten, der ihnen eigentlich gebührt hätte. In Russland, seiner eigentlichen Heimat, wurden seine Romane erst Anfang der 1990er bekannt, in Deutschland, wie gesagt, erst 2012.

Gaito Gasdanow. Das Phantom des Alexander Wolf. DTV 2012, 191 Seiten

 

 

FuBs Klassikbox: Ich beichte (1953)

Michael Logan (Montgomery Clift) im inneren Konflikt; „I Confess“ (1953); © Warner Bros.

Spannend, spannender, am spannendsten. „I Confess“, Hitchcocks vorletzter Schwarzweißfilm, sollte man nur genießen, wenn man Beruhigungstropfen in der Nähe stehen hat. Für viele Kritiker zählt der Film, der in Deutschland auch unter dem Titel „Zum Schweigen verurteilt“ bekannt ist, zu den besten Arbeiten des Meisterregisseurs.

Die Handlung spielt in Quebec. Eines nachts wird der junge Priester Michael Logan von Otto Keller aufgesucht, der im Pfarrhaus als Hausmeister angestellt ist und bei dem Anwalt Villette als Gärtner arbeitet. Otto möchte beichten. Bei der Beichte erzählt er Logan etwas Ungeheuerliches: er habe vorhin Villette ermordet. Was Otto nicht erwähnt, ist, dass er als Priester verkleidet die Kanzlei aufgesucht hat. Als die Polizei erste Zeugen vernimmt, fällt der Verdacht auf Pfarrer Logan. Besonders verdächtig ist, dass er sich am Morgen nach der Tat mit einer Frau vor dem Haus des Anwalts getroffen hat. Denn auch Ruth Grandfort hätte einen guten Grund gehabt, den Anwalt zu töten.

Logan kann sich nicht gegen den Verdacht wehren, da er an das Beichtgeheimnis gebunden ist. Die Polizei nimmt ihn immer mehr in die Mangel. Schließlich droht ihm sogar die Todesstrafe, während Otto das Geschehen mit zunehmender Schadenfreude beobachtet.

Wie schon gesagt, wenn man sich diesen Film anschaut, sollte man darauf achten, dass einem der Puls nicht bis hoch zur Decke springt. Doch gehört „I Confess“ nicht nur zu den spannendsten Filmen Hitchcocks, sondern weist zudem noch eine erstklassige Optik auf, die teilweise an den deutschen Expressionismus erinnert. Zugleich ist „Ich beichte“ einer der düstersten und ernstesten Filme Hitchcocks. Es geht um Menschen, die in ihrer Existenz völlig an den Rand gedrängt werden und keinen Ausweg mehr finden, was dazu führt, dass sich mit den Krimielementen noch ein meisterhaft in Szene gesetztes Drama verbindet.

Bootsfahrt ins Unglück: Ruth Grandfort (Anne Baxter) zusammen mit ihrem früheren Freund Michael Logan (Montgomery Clift); „I Confess“ (1953); © Warner Bros.

Hervorragend gespielt wird Otto Keller vom deutschen Schauspieler O. E. Hasse, der der Rolle eine großartige Mischung aus Verzweiflung und Wahnsinn verleiht. Wie ein bösartiger Dämon schwirrt er ständig um Michael Logan (gespielt von Montgomery Clift) herum, ohne dass dieser sich wehren kann. Es ist einfach großartig, welche Kraft Montgomery Clift der Rolle verleiht, die man ihm in jeder einzelnen Sekunde abnimmt. Eisern hält er sich an die Regel des Gelübdes und ist sogar bereit, dafür zu sterben. Gleichzeitig zeigt er geradezu vollendet den inneren Konflikt, in dem er sich befindet und wie er manchmal kurz davor steht, das Geheimnis, an das er gebunden ist, doch zu brechen.

„I Confess“ gehört zu den packendsten und aufwühlensten Filmen, die ich kenne. Eine großartige Mischung aus düsterem Drama und Krimi, die einen vollkommen mitreißt. Damals waren viele Kritiker über den Film eher weniger begeistert. Erst nach und nach wurde die absolute Meisterschaft, die „Ich beichte“ in sich trägt, erkannt.

Ich beichte (AT: Zum Scheigen verdammt/OT: I Confess). Regie u.  Produktion: Alfred Hitchcock, Drehbuch: George Tabori, Darsteller: Montgomery Clift, Anne Baxter, O. E. Hasse, Karl Malden. USA 1953. 91 Min.

FuBs Fundgrube: „Schattenschwester“ von Simone van der Vlugt

In FuBs Fundgrube stellen wir Bücher vor, die es, nur noch antiquarisch zu kaufen gibt. In der Regel handelt es sich um Bücher, die wir bei einem unserer liebsten Hobbys, dem Besuch von Bücherflohmärkten, aufgestöbert haben. Bei einer unserer „Entdeckungsreisen“ stießen wir auf den Krimi „Schattenschwester“ der niederländischen Autorin Simone van der Vlugt.

Simone van der Vlugt schreibt eigentlich Jugend- und Kinderbücher. Mit „Klassentreffen“ aber verfasste sie ihren ersten, sehr erfolgreichen Krimi, dem mit „Schattenschwester“ ein zweiter folgte. Es geht um die Zwillingsschwestern Marjorlein und Marlieke. Die erste ist Lehrerin an einer Problemschule, die zweite arbeitet als Fotografin. Marjorlein wird eines Tages von einem ihrer Schüler mit dem Messer bedroht. Wenige Tage später wird sie ermordet. Als Hauptverdächtiger wird der Junge Bilal ermittelt, der sie damals in der Schule bedroht hat. Doch je mehr Marlieke der Sache nachgeht, desto mehr Ungereimtheiten treten ans Tageslicht.

Immer wieder habe ich das Buch zur Seite gelegt, da die Handlung ziemlich auf der Stelle trat. Und dennoch lag zwischen den Zeilen eine sonderbare Unruhe, die mich nicht mehr losgelassen hat. Schließlich habe ich mir den Roman erneut vorgenommen – zum Glück. Denn Simone van der Vlugt schreibt nicht nur sehr gut, sondern die Geschichte wurde von Seite zu Seite spannender.

In allererster Linie geht es um die Beziehung der beiden Schwestern untereinander. Aus den Ich-Perspektiven von Majorlein und Marleike ergibt sich dabei nach und nach ein immer düsterers Bild. Marleike fragt sich zunehmend, wer war ihre Schwester eigentlich wirklich?

Simone van der Vlugt verfolgt die durchaus verstörende Spurensuche mit psychologischer Raffinesse. Minutiös schildert sie, wie sich die einzelnen Figuren verändern, je mehr über die Vergangenheit ans Tageslicht tritt. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Wendungen, von denen nicht wenige einem den Atem rauben.

„Schattenschwestern“ ist dabei ein eher ruhiges Buch. Die Autorin trägt nicht groß auf, aber das braucht sie auch nicht, denn ihre Stärke liegt im Subtilen, das der Geschichte eine beängstigende Atmosphäre verleiht. Immer tiefer wird man in den Strudel der Zusammenhänge gezogen, die sich nach und nach auftun. Und letztendlich lässt einen die Spannung nicht mehr los.

Für mich ist „Schattenschwester“ (trotz des wenig gelungenen Anfangs) eine echte Überraschung gewesen. Der feinsinnige Krimi hallt noch lange in einem nach.

Simone van der Vlugt. Schattenschwester. Diana Verlag 2007, 368 Seiten.

64 – Der japanische Polizeiroman

10 Jahre lang schrieb Hideo Yokoyama an seinem Kriminalroman „64“. 2013 in Japan veröffentlicht, erscheint er nun auch in Deutschland. Allerdings aus dem Englischen übersetzt und nicht aus dem Japanischen. Und bei Yokoyamas 760-seitigen Werk liegt die Betonung auf Roman und weniger auf Krimi.

„64“ entwickelte sich in Japan schnell zum Bestseller, bevor er auch in den USA auf viel Beachtung stieß. Es geht um Mikami, den Pressesprecher der Polizei, dessen Tochter Ayumi spurlos verschwunden ist. Bisher ist nicht klar, ob sie entführt wurde oder von zuhause abgehauen ist. Exakt vor 14 Jahren ereignete sich eine Entführung, bei der so ziemlich alles schief ging, was nur schiefgehen kann. Der Täter wurde nie gefasst, das Opfer, ein kleines Mädchen, wurde von ihm ermordet.

Dieses traurige Jubiläum nimmt der Polizeipräsident zum Anlass, um den Vater des getöteten Mädchens zu besuchen – nichts anderes als eine PR-Maßnahme, um das Image der Polizei aufzupolieren. Mikami, der den Besuch vorbereiten soll und der vor 14 Jahren an dem Fall mitgearbeitet hat, stößt plötzlich auf die Spur eines ominösen Koda-Memos, in dem Einzelheiten über den damaligen Fall enthalten sein sollen, die für mehr als nur einen Skandal sorgen könnten.

Bei seinen Recherchen prallt Mikami jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Zugleich kommt es innerhalb der Polizei zu heftigen Intrigen, was dazu führt, dass Mikami immer mehr zwischen die Fronten gerät.

Soweit die Handlung. Wer sich einen spannenden Krimi erhofft, der wird das Buch mit Sicherheit nach wenigen Seiten beenden. Beinahe hätte ich mich ebenfalls geschlagen gegeben, denn die ersten 70 Seiten beschäftigen sich mit nichts anderem als mit einem Streit zwischen Journalisten und der Pressestelle. All dies ist – so paradox dies klingt – einerseits recht zäh, andererseits aber auch aufgrund seiner Komplexität und Detailliertheit faszinierend, da es einen unglaublich direkten Einblick in die Arbeit der japanischen Presse und der Polizei gibt.

Erst danach kommt so etwas wie kriminalistische Spannung auf, die allerdings immer wieder verpufft. Der Grund: Hideo Yokoyama geht es nicht um einen Kriminalfall, sondern um eine harsche Kritik an der Sensationspresse als auch an den Machtspielchen im Polizeiapparat. Besonders letzteres, verbunden mit starren Hierarchien, sorgt für eine fast völlige Ineffizienz. Den höheren Beamten aber ist dies egal, so lange sie ihre Posten behalten. Erst wenn die Dinge drohen, sich zu verändern, kommt bei ihnen Panik auf.

Ich kann mir denken, dass „64“ in Japan genau deswegen so erfolgreich gewesen ist. Yokoyama kritisiert mit dem Beispiel der Polizei die gesamte japanische Berufswelt auf so vehemente Weise, dass den Lesern wahrscheinlich die Luft weggeblieben ist. Selbst Journalist, wusste der Autor aus erster Hand, worüber er schreibt. Er rüttelt an den Grundstrukturen der japanischen Gesellschaft und zeigt Inkompetenz und Feigheit auf, die zu kaum noch nachzuvollziehenden Beziehungsmustern in den höchsten Verwaltungsebenen werden.

„64“ ist daher einerseits eine bitterböse Satire, andererseits aber auch ein Fingerzeig, wie es besser gehen könnte. Denn nach und nach beginnt Mikami selbst dieses System zu hinterfragen und erst dadurch kommt Bewegung in die Sache.

Das Manko des Romans ist, dass Yokoyama sich so sehr mit dieser Thematik beschäftigt, dass er das Verschwinden Ayumis an den Rand drängt. Auf diese Weise ist auch Mikamis Verhalten nicht ganz nachzuvollziehen. Statt nach seiner Tochter zu suchen, steigert er sich voll und ganz in seine Arbeit hinein. Ein westlicher Roman hätte in dieser Hinsicht völlig anders funktioniert. Möglich, dass auch Mikamis Verhalten als Kritikpunkt an der japanischen Arbeitswelt gilt, opfert er sich doch praktisch für seinen Beruf, wodurch Ayumi auch zu einer Art (abstrakten) Opfer wird.

So entwickelt sich „64“ dann auch erst in den letzten 150 Seiten zu einem echten Kriminalroman, dann nämlich, wenn es zu einer weiteren Entführung kommt, die nach demselben Muster abläuft wie vor 14 Jahren. Diese letzten Seiten sind unglaublich spannend geschildert, sodass man über diese Seiten regelrecht hinwegrast. Bis dahin aber muss man sich durch viele Seiten Verwaltungsintrigen kämpfen. Was bleibt, ist ein dicker Wälzer, der zwar aufgrund seiner Detailliertheit und der darin enthaltenen Gesellschaftskritik beeindruckt, der einen aber zugleich ein bisschen ratlos zurückläßt.

Hideo Yokoyama. 64. Atrium Verlag 2019, 760 Seiten, 14,00 Euro

FuBs Klassikbox: Die Nacht hat tausend Augen (1948)

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Für Edward G. Robinson war dieser Film nur eine kleine Randnotiz in seiner Autobiographie wert: er finde „Die Nacht hat tausend Augen“ äußerst misslungen und habe nur wegen des Geldes mitgespielt. Seine Einstellung ist wirklich erstaunlich, handelt es sich bei „The Night has a thousand Eyes“ um einen der wohl faszinierendsten, unheimlichsten und spannendsten Noir-Filme.

„Der Tod kommt um 11“ lautete der deutsche Alternativtitel und lag dabei gar nicht mal so falsch. Es geht nämlich um Jean Courtland, die um 11 Uhr nachts sterben soll. Ihr Tod wurde ihr durch den sonderbaren John Triton vorausgesagt. Triton verdiente in frühen Jahren sein Geld auf Jahrmärkten als vermeintlicher Wahrsager. Bei einer Vorstellung jedoch sah er einen Todesfall voraus. Von da an wird er immer wieder von Visionen heimgesucht, die kurz darauf schreckliche Wirklichkeit werden. So prophezeit er auch den Tod Jeans, mit der er auf eigenartige Weise verbunden ist. Während Triton versucht, Jeans Schicksal aufzuhalten, setzt die Polizei alles daran, ihn hinter Gitter zu bringen, da sie ihn für einen gemeingefährlichen Scharlatan hält.

John Farrow, der durch John Waynes einzigen 3D-Film „Man nannte mich Hondo“ (1953), bei dem er Regie führte, praktisch in die Filmgeschichte einging, war auch für die Adaption des gleichnamigen Romans von Cornell Woolrich verantwortlich. Woolrich‘ Erzählungen und Romane waren immer wieder für Hollywood interessant, man denke nur an Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954), dennoch starb der Autor völlig verarmt. „Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man heute als Mystery-Thriller bezeichnen würde.

Von Anfang an herrscht eine düster-unheimliche Atmosphäre, die sich dadurch zunehmend verstärkt, da John Farrow mit den Aspekten des Phantastischen regelrecht spielt. Während die Handlung durchaus realistisch bleibt, schleichen sich dennoch immer wieder rätselhafte Ereignisse ein, die eben mit einer herkömmlichen Rationalität nicht zu erklären sind. John Triton, Jean Courtland und alle anderen, die in diesen Fall involviert sind, scheinen regelrecht von einer unheimlichen, ja unerklärlichen Bedrohung umgeben zu sein.

Die Nacht hat 1000 Augen (1948); © Koche Media

Fast schon wie bei Lovecraft verweist „Die Nacht hat tausend Augen“ dabei auf eine Welt jenseits unseres Verstandes, die sich hinter der Fassade verbirgt, die unseren Alltag definiert. Natürlich kommen keine Monster vor, doch geht es eben um eine Art kosmisches Grauen, wie Lovecraft dies bezeichnen würde, und wahrscheinlich hätte er dem Film 100 Punkte verliehen. Man würde sicherlich zu weit greifen, wenn man in „Die Nacht hat tausend Augen“ erste Ansätze von Clive Barkers „Lords of Illusions“ (1995) sehen würde, doch würde es andererseits auch nicht wundern, wenn Barker sich von diesem Film hat auf irgendeine Weise inspirieren lassen.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist jedenfalls ein spannender, nein, ein hochspannender Thriller, der die Mystery-Elemente bis zuletzt auskostet, wobei das Tempo des Films sich von Szene zu Szene erhöht. Möglich, dass Edward G. Robinson, der ja vor allem in reinen Gangsterfilmen beheimatet war, die übersinnlichen Aspekte des Films für störend hielt, was ihn letztendlich zu seiner oben erwähnten Aussage geführt hat. Ihm zur Seite stand Gail Russell, die schon eher im Mystery-Genre erprobt war, hatte sie doch bereits in dem Gruselkrimi „Der unheimliche Gast“ (1944) mitgewirkt.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist das, was man als vergessene Perle des Film Noir bezeichnen könnte. Kurz: ein großartiger Film.

Die Nacht hat tausend Augen (OT: The Night has a thousand Eyes). Regie: John Farrow, Drehbuch: Jonathan Latimer, Produktion: Endre Bohem, Darsteller: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan. USA 1948, 81 Min.

 

Der gute Sohn – Der neue Thriller von Jeong Yu-Jeong

Die südkoreanische Autorin Jeong Yu-Jeong ist in ihrer Heimat eine der erfolgreichsten Thrillerautorinnen. Nach „Sieben Jahre Nacht“ ist nun ein zweiter Roman von ihr auf Deutsch erschienen.

„Der gute Sohn“ handelt von dem 25-jährigen Yu-Jin, der kurz davor steht, an einer renommierten Universität Jura zu studieren. Doch eines Morgens wacht er Blut überströmt auf. Was ist passiert? Als er den blutigen Spuren in dem Luxusappartment nachgeht, findet er in der Diele die Leiche seiner Mutter …

Aus dieser Ausgangssituation webt Jeong Yu-Jeong einen extrem dichten und überaus spannenden Thriller, in dem Yu-Jin versucht, zu ergründen, was in dem Zeitraum geschehen ist, an den er sich absolut nicht erinnern kann. Doch nachdem der erste Schock überwunden ist, kommen immer mehr Details ans Licht. Nicht nur, was die vergangenen Stunden betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Beziehung zwischen Yu-Jin und seiner Mutter.

Inspiriert wurde die Autorin dabei durch einen wahren Fall, der sich in Südkorea zugetragen hat und damals für viel Rätselraten gesorgt hat, sodass selbst die Psychologen nicht weiter wussten. „Der gute Sohn“ stellt dieses Rätselraten in den Mittelpunkt der Handlung. Aus der Sicht Yu-Jins geschrieben, gelingt es der Autorin dann auch überzeugend, die Vergangenheit Stück für Stück aufzudecken. Daraus ergibt sich ein minutiös durchdachter psychologischer Thriller, der einem vor Spannung nicht zur Ruhe kommen lässt.

Man könnte Jeong Yu-Jeong als die Patricia Highsmith Südkoreas bezeichnen. Jeongs Thriller sind genauso gut konzipiert, die Figuren wirken überaus lebendig und zwielichtig und hinzu kommt ein Faible fürs Makabre. Besonders bei Jeong Yu-Jeong schimmert zwischen den Zeilen ein schwarzer Humor durch, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Es ist wirklich schade, dass nur wenige koreanische Autorinnen und Autoren ihren Weg bis in den deutschsprachigen Raum finden. Jeong Yu-Jeongs Thriller jedenfalls kombiniert Anspruch mit Spannung und macht dabei Lust, mehr von der Autorin zu lesen. Kurz: Sehr zu empfehlen.

Jeong Yu-Jeong. Der gute Sohn. Unionsverlag 2019, 317 Seiten, 19,00 Euro

Der Tod so kalt oder Mittelmaß in den Bergen

Regionalkrimis zahlen sich für die Verlage meistens aus. Kein Wunder also, dass auch Luca D’Andreas Debut gleich ein Bestseller wurde. Hier ist es Südtirol, wenn auch D’Andrea im Nachwort preisgibt, dass der von ihm beschriebene Ort der Handlung so nicht wirklich existiert. Aber was soll’s.

Nun ja, so richtig will „Der Tod so kalt“ dennoch nicht überzeugen. Auch wenn der Roman flott geschrieben ist und durchaus spannende Momente aufweist, so ist das Motiv der Hauptfigur Jeremiah Salinger, weswegen er hinter das Geheimnis der Bletterbach-Schlucht kommen möchte, ziemlich unausgegoren. Nachdem Salinger, von Beruf Dokumentarfilmer, nur knapp einer Lawine entkommen ist, versucht er, sein Trauma dadurch zu bewältigen, indem er sich mit dem oben genannten Geheimnis beschäftigt.

Nein, als Filmemacher kommt er natürlich nicht auf die Idee, daraus eine neue Reportage zu machen. Er will das nur für sich tun, um sich mit irgendetwas zu beschäftigen. Na ja, schon das wirkt wenig überzeugend. Luca D’Andrea versucht verkrampft, seinem Protagonisten so etwas wie eine naive Harmlosigkeit zu verleihen, die Salinger jedoch, schon aufgrund seines Berufs, überhaupt nicht besitzt.

Leider führt dies gleich zu einem zweiten Kritikpunkt. Denn Jeremiah Salinger kommt recht unsympathisch herüber. Manchmal glaubt man, eine Hipster-Version eines normalen Krimis in der Hand zu halten. Nicht nur das, Salinger bemittleidet sich immer wieder selbst, was dem Charakter ebenso wenig gut tut. Wäre all dies nicht, so wäre „Der Tod so kalt“ ein durchaus guter Krimi geworden.

D’Andrea jedoch stellt sich immer wieder selbst ein Bein. Gegen Ende besorgt dies dann für ihn sein Lektor, der die Logikfehler gnadenlos übersieht. So schleudert jemand eine Axt, nur um sie einen Absatz später in der Hand zu halten. Bei einer anderen Szene wirft Salinger einen Ast weg, um ihn kurz darauf nochmals wegzuwerfen.

Dennoch ist „Der Tod so kalt“ recht unterhaltsam, wenn auch nicht wirklich spannend. Die Grundidee ist wirklich gut, aber leider aus den oben genannten Gründen nicht wirklich überzeugend ausgeführt. Dennoch sollte man den Autor im Auge behalten, denn es kann nur besser werden.