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Archive for Januar 2013

Marie Duplessis, besser bekannt als „Die Kameliendame“.

Marie Duplessis‘  literarischer Name dürfte den Lesern wahrscheinlich eher bekannt sein: Marguerite Gautier. Alexandre Dumas d. Jüngere verhalf ihr zu posthumen Weltruhm. Geboren wurde Marie Duplessis als Alphonsine Plessis am 15. Januar 1824. Sie verdiente ihr Geld zunächst als Wäscherin, bevor sie zu einer der bekanntesten und reichsten Kurtisanen von Paris wurde. Obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammte, eignete sie sich innerhalb kurzer Zeit eine beispiellose Bildung an, was dazu führte, dass zu ihren Freunden und Gebliebten nicht wenige Schriftsteller, Künstler und Komponisten zählten. So soll Franz Liszt einer ihrer Bekannten gewesen sein. Auch Theophile Gautier zählte zu ihren Stammgästen (von Kunden zu sprechen wird dem Ansehen Marie Duplessis‘ nicht gerecht).  Und nicht zuletzt auch der bereits erwähnte Sohn Alexandre Dumas‘, der seine Beziehung zu Marie Duplessis nach ihrem frühen Tod in dem autobiographischen Roman Die Kameliendame verarbeitete.

Alexandre Dumas d. Jüngere

So reich und angesehen Marie Duplessis zeit ihres Lebens war, so einsam und verarmt starb sie am 7. Februar 1847 an Tuberkulose. Alexendre Dumas d. J. nennt sich in seinem Roman Armand Duval (man beachte die Alliteration). Ein Freund macht Duval auf Marguerite Gautier aufmerksam. Die Folge davon: Duval verliebt sich von einer Sekunde auf die andere in Marguerite. Trotz Marguerites Warnungen, dass ihr Lebensstil nicht zu seinen Gefühlen, die Duval ihr entgegenbringt, passt,  lässt der junge Mann nicht locker, bis sie sich schließlich ebenfalls in ihn verliebt. Was daraufhin folgt ist eines der berühmtesten Liebesdramen überhaupt.

Dennoch sollte Alexandre Dumas d. J. sein Leben lang im Schatten seines Vaters stehen. Gegen einen Graf von Monte Christo oder den bereits erwähnten Drei Musketiere kam er nicht an. Trotz Probleme mit der Zensur oder wohl eher wegen dieser Probleme war der Kameliendame von Anfang an ein großer Erfolg beschieden. Der Autor selbst arbeitete den Roman um in ein Theaterstück, welches nicht weniger erfolgreich auf den Pariser Bühnen gespielt wurde. Später schuf Guiseppe Verdi daraus seine berühmte Oper La Traviata.

„Kameliendame 2000“ galt im Jahr 1969 noch als Skandalfilm.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts folgten schließlich diverse Verfilmungen, u. a. mit Marlene Dietrich oder auch Greta Garbo als Marguerite Gautier. Die skandalöseste Adaption kam 1969 unter dem Titel Kameliendame 2000 in die Kinos, ein Beitrag des sog. Porn Chic, (soft)pornographischer Filme, welche in den 70er Jahren ihren Weg in die normalen Kinos fanden.  Trotzdem der Film, wie der Titel bereits vorwegnimmt, im Jahr 2000, sprich in der Zukunft (von damals), spielt, hält sich Schmuddelregisseur Radley Metzger ziemlich genau an die literarische Vorlage. Der einzig große Unterschied liegt in der Figur Marguerite Gautiers. Ihre Tuberkulose wandelt Metzger um in eine Drogensucht.

Marie Duplessis, auch wenn ihr eigentlicher Name nur selten auftaucht, ist aus der Literatur- und Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken. Ohne sie wäre die Welt der Klassiker um Einiges ärmer.

Bis heute finden sich auf Marie Duplessis‘ Grab frische Blumen.

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Zunächst einmal die Frage: war 2012 für Südkorea ein gutes Filmjahr? Die Antwort besteht aus einem ganz klaren Ja. 2012 zeigte die südkoreanische Filmindustrie einmal mehr, auf welche Weise man Hollywood in die Ecke drängen kann. Thriller im Stile des Cinema du Look fuhren hochgradige Erfolge ein. Interessante Geschichten verbanden sich mit hervorragender Optik – die Regisseure lernten aus ihren früheren Fehlern und schufen Filme wie aus dem Lehrbuch.

A Company Man

Einer der erfolgreichsten Produktionen war The Company Man, ein Film über einen Mann, der vorgibt, ein einfacher Angestellter in einer Stahlfabrik zu sein. In der Tat jedoch dient dieses Unternehmen nur als Tarnung für eine Firma ganz anderer Art: bei den vermeindlichen Angestellten handelt es sich um Auftragskiller. Als Hyeong-do einen Auftrag nicht ausführt, wird er zum Gejagten. In diesem Film zeigt Regisseur Im Sang-Yoon vor allem eines: durchgestylte Action in der Fünf-Sterne-Kategorie. Mit Sicherheit muss man nicht lange auf das US-Remake warten.

The Taste of Money

Nicht weniger stylisch ist das düstere Thriller-Drama Taste of Money. Einmal mehr erzählt Regisseur Im Sang-Soo eine makabre Familiengeschichte über eine dekadente Großfamilie. Sie ist die reichste Familie Koreas, doch ein amerikanischer Vertreter kommt hinter das Geheimnis, welches die Familie belastet und droht, mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Unfreiwillig wird einer der Bodyguards in die Sache mit hineingezogen.  – Wie auch in seinem Film Das Hausmädchen setzte Im Sang-Soo auf düstere, bis ins tiefe Schwarz reichende Farben und gibt sich einer Art postmodernen Variante der Schauerromantik hin.

Helpless

Genauso dem Cinema du Look verschrieben ist der Thriller Helpless des Regisseurs Byun Young-Ju. Byun erzählt darin die Geschichte des Tierarztes Jang Mun-Ho, dessen Frau kurz vor der Hochzeit spurlos verschwindet. Auf der Suche nach ihr kommt er hinter das Geheimnis seiner Fast-Ehefrau. Man kann sich denken, dass die Erkenntnisse nicht gerade zu Gunsten der Frau sprechen.  – Der Film erinnert stark an die französischen Thriller der 70er Jahre (sogar den Blick auf den obligatorischen Kreisverkehr hat Byun nicht vergessen), eine Art Das Geheimnis der falschen Braut auf koreanisch. Wunderbar in Szene gesetzt.

Deranged

Deranged gehörte zu den Blockbustern des Jahres 2012. Regisseur ist Park Jung-Woo, der hiermit gleichzeitig sein Debut abliefert. Es handelt sich hierbei um einen Seuchenthriller, in dem der Biochemiker Jae-Hyuk versucht, das Rätsel von parasitären Würmern zu lösen, welche immer mehr Einwohner Seouls befallen. – Der Film ist gut in Szene gesetzt, zugleich aber unglaublich naiv, was ihn jedoch auch wieder sympathisch macht. Park verzichtet auf Kitsch, der bei koreanischen Katastrophenfilmen sonst immer den Ton angibt, sondern konzentriert sich auf das Vorantreiben der Handlung. Ergebnis: ein spannender, wenn auch ein in seiner Dramatik einfacher Film.

Pietà

Den international angesehendsten Film lieferte einmal mehr Koreas Provokateur Kim Ki-Duk mit seinem Werk Pietà ab. In diesem extrem düsteren Thriller geht es um den Geldeintreiber Kand-Do, der vor allem unter einem leidet: seiner Einsamkeit. Eines Tages taucht plötzlich eine ältere Frau auf, die behauptet, seine Mutter zu sein. Was daraus folgt ist ein ästhetisches Drama, vor dem sich sicherlich Ingmar Bergman tief verneigt hätte. Zurecht wurde der Film mehrfach ausgezeichnet. Zugleich zeigt Kim Ki-Duk, dass man kein großartiges Budget braucht, um erstklassige Filme zu drehen.

Horro Stories

Waren die Thriller im Jahr 2012 gut bis sehr gut inszeniert, so machte  sich im Horrorgenre, welches seit 2011 einen ordentlichen Dämpfer erhielt, erneut ein qualitativer Rückgang bemerkbar. Über Don’t Click wurde bereits in einem früheren Artikel gesprochen. Nach diesem Machwerk erschienen zwei weitere Horrorfilme, welche jedoch genauso wenig Originalität aufwiesen. Es handelt sich um Horror Stories und um Two Moons. Beide Filme überzeugen in keiner Weise. Horror Stories ist, wie der Titel bereits sagt, ein Episodenfilm, der jedoch genauso einfallslos wie langweilig ist. Two Moons, ein Film über eine Frau und zwei Männer, die plötzlich in einem einsam gelegenen Haus mitten im Wald wieder zu sich kommen und von unheimlichen Zwischenfällen geplagt werden, ist völlig uninspiriert in Szene gesetzt. Es scheint so, als wollten die Produzenten den Horror-Fans halbherzig ihre drei versprochenen Filmchen abliefern. An Filmkunst reicht dieses Vorgehen nicht mehr heran. Wir befürchten, dass sich dies 2013 nicht ändern wird. Sollten wir uns irren, würden wir uns über unseren Irrtum freuen.

Two Moons

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„… ein aus welchen Gründen immer zum großdeutschen Modeliteraten avancierter südkärtner  Provinzpublizist“ – Peter Handke oder wie alles anfing: kapitalistischer Literaturbetrieb und bürgerliche Literaturgesellschaft in Deutschland Mitte der 1960er Jahre.*)

Peter Handke; Quelle: Wikipedia

„Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren  Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der  Epoche über sich selbst.“  Siegfried Kracauer (1927)

Der letzte Skandal, verstanden als öffentlich besonders anstößiges oder „aufsehenerregendes Vorkommnis“1) im sozio-literarischen Bereich, ist, als Endpunkt 2006, inzwischen auch vom deutsch(sprachig)en Netzlexikon Wikipedia als solcher beschrieben worden2). Wie alles vor mehr als vierzig Jahren, 1966, anfing, wurde bereits Mitte der 1970er Jahre aufgearbeitet3) als ein bis dahin so singuläres wie apartes Ereignis:  b e v o r  ein Buch erschienen und auf dem Büchermarkt verfügbar war – stand es schon auf der Bestellerliste des Hamburger Montagsmagazins (in dem der Roman „Die Hornissen“ (1966) auch positiv besprochen wurde4)). Auch daran wurde wikipedianisch-aspekthaft erinnert: die letzte Bestehensphase der bis dahin literaturgesellschaftlich bedeutsamen „Gruppe 47“ kam in den Blick. Auf Handke bezogen heißt es dort unter anderem5):

„1966: Jahr des Durchbruchs

Noch vor der Auslieferung seines Erstlingsromans im Frühjahr 1966 machte Handke, der damals eine Pilzkopf-Frisur im Stil der Beatles trug, durch einen spektakulären Auftritt auf einer Tagung der Gruppe 47 in Princeton auf sich aufmerksam. Nach stundenlangen Lesungen zeigte er sich angewidert von den Werken seiner etablierten Kollegen und hielt eine längere Schmährede, in der er die „Beschreibungsimpotenz“ der Autoren beklagte und auch die Literaturkritik nicht verschonte, „die ebenso läppisch ist wie diese läppische Literatur“. Mit dieser Rede hatte er zugleich einen Tabubruch begangen, da es auf den Treffen der Gruppe 47 unüblich war, allgemeine Grundsatzdebatten über literarische Themen anzuzetteln. Grundlage der Gespräche sollte immer der jeweilige Text bleiben, nicht das Wesen von Literatur an sich. Eine erhaltene Tonbandaufnahme zeugt davon, dass Handke Gelächter, Gemurmel und Zwischenrufe erntete, und obwohl er einige Kollegen, unter ihnen Günter Grass – wie sich an deren späteren Kommentaren zeigen sollte – durchaus getroffen hatte, wurde seine Kritik von anderen Teilnehmern vereinnahmt, umformuliert und – etwas abgeschwächt – wiederholt und blieb im Großen und Ganzen unwidersprochen. Handke hatte das literarische Establishment ins Mark getroffen, und für die Feuilletons war sein Auftritt zu einem Diskussionsthema geworden.“

Mein Beitrag soll über diese und weitere Einzelheiten und alle „Fall“-Aspekte hinaus auf der methodisch zentralen Ebene der besonderen Konkretheit6) oder der Ebene der konkreten Besonderheit tieferliegende Prozesse, genauer: ihren auf der Oberfläche nicht erfahrbaren gesellschaftlichen Um- und Strukturbrüchen der altbundesrepublikanischen Gesellschaft Mitte der 1960er Jahre nachspüren und sie (im Sinne von Marie Jahoda7)) sichtbar machen. Dabei greife ich sowohl auf C. Wright Mills´ Leitkonzept vom (spät-) kapitalistischen Kulturapparat8) als auch auf eigene literatur-, medien- und kultursoziologische Texte9) zurück und werde den zum „Ende der Rekonstruktionsperiode“10) historisch besonderen Transformationsprozesses als gesellschaftliche Verallgemeinerung von Wirkmechanismen  des (entwickelten) kapitalistischen Literaturbetriebs in die (spät-) bürgerliche Literaturgesellschaft empirisch darstellen und konzeptionell diskutieren.

*) Das Titelzitat ist aus aus dem „Waschzettel“ zum Buch von Wilma Ruth Albrecht, Harry Heine. Aachen 2007, 112 p.; es bezieht sich auf die geplante Heinepreisvergabe der Stadt Düsseldorf an Handke (2006): http://www.shaker.eu/Online-Gesamtkatalog-Download/2012.09.26-12.59.25-217.232.44.217-rad08741.tmp/3-8322-6062-5_ABS.PDF

1 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Hg. Wolfgang Pfeifer. München ³1995: 1298

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-Heine-Preis_(Stadt_Düsseldorf)

3 Hans-Mathias Keplinger, Realkultur und Medienkultur. Literarische Karrieren in der Bundesrepublik, Freiburg, München 1975; auch Richard Albrecht, Bestseller und Bestseller-Forschung; in: Publizistik, 25 (1980) 2/3: 451-461

4 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46408049.html

5 http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke

6 G.F.W. Hegel, Wer denkt abstrakt [1807]: http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr91.htm

7 The Social Psychology of the Invisible: An Interview with Marie Jahoda. In: New Ideas in Psychology, 4 (1986) 1: 107 ff.

8 C. Wright Mills, The Cultural Apparatus [1959]; in: Power, Politics, and People. The Collected Essays. Edited and with an introduction by Irving Louis Horowitz. New York 1963: 405 ff.; wieder in: The Politics of Truth. Selected Writings, ed. John H. Summers. New York 2008: 203 ff.; vgl. auch Irving Luis Horowitz, C. Wright Mills an American Utopian. New York 1983

9 Anstatt weiterer und mit weiterführenden Hinweisen: Richard Albrecht, Literatur/Waren/Produktion. Konzept und Empire; in: die horen, 24 (1979) 116: 127-138; ders., Ein Beststellerroman in den Medien: „Die Antwort kennt nur der Wind“ von Johannes Mario Simmel; in: Sociologia Internationalis, 23 (1985) 1: 49-77; ders., „Café Berlin“ – Menschen- und Gesellschaftsbilder im Roman; in: Kultursoziologie, 13 (2004) I: 105-117

10 Franz Jánossy (unter Mitarbeit von Maria Holló): Das Ende der Wirtschaftswunder. Erscheinung und Wesen der wirtschaftlichen Entwicklung. Frankfurt/Main 1966

Richard Albrecht ist unabhängiger Sozialwissenschaftler, lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als freier Autor und Editor in Bad Münstereifel, vertritt in der empirischen Kultur- und Sozialforschung den „Utopian Paradigm“-Ansatz (-> Communications, 16 [1991] 3: 283-318), veröffentlichte als Sozialwissenschaftsjournalist in den letzten Jahren regelmäßig unregelmäßig in Aufklärung und Kritik, Auskunft, Forum Wissenschaft, Hintergrund, soziologie heute, Zeitschrift für Politik, Zeitschrift für Weltgeschichte, in den Netzmagazinen filmundbuch und poetenladen sowie die Bücher Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Drei Bände (2006/08): Völkermord(en) (2006) Armenozid (2007) [und] Hitlergeheimrede 1939 (2008), Crimes Against Mankind, Humanity, and Civilisation (2007), SUCH LINGE (2008), die Edition FLASCHEN POST (2011) und den Erzählband  HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (2011).  Im Winter 2012/13 arbeitet Richard Albrecht an einer linkswissenschaftlichen Anthropologie; e-Archiv des Autors -> http://eingreifendes-denken.net  Bio-Bibliographischer Link -> http://wissenschaftsakademie.net 

e-Postadresse des Autors -> eingreifendes.denken@gmx.net

© Autor 2012

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