Elizabeth Harvest – Ein Film für fünf Minuten auf eineinhalb Stunden

Besser wäre es gewesen, wenn Sebastian Gutierrez daraus einen Kurzfilm gemacht hätte. Denn schon nach wenigen Minuten weiß man, was hinter dem ganzen Getue steckt. Um die Zuschauer irgendwie weiter bei Laune zu halten, gibt Gutierrez, der u. a. die Drehbücher zu „Snakes on a Plane“ oder dem Remake des Thai-Horrorfilms „The Eye“ schrieb, daher sein Mystery-Thema schnell wieder auf und sattelt um auf Gefangene-Frau-versucht-zu-entkommen.

Doch hilft dies nicht viel. Der Film, der bereits am Anfang seine eigentliche Pointe verrät, läuft uninspiriert weiter. Eine Wendung folgt der nächsten, was aber keineswegs neuen Schwung in die Geschichte bringen würde, sondern fast schon verzweifelt und gegen Ende hin auch irgendwie albern wirkt.

Es geht um Elizabeth, die in das riesige Haus ihres Ehemanns Henry zieht. Sie darf alles tun, außer eines: Sie darf nicht einen bestimmten Raum im Keller betreten. Natürlich macht sie dies dennoch, als Henry nicht da ist. Die Konsequenz davon kann man sich denken. Und wenn man auch die Nobelpreisurkunde, die gleich anfangs in die Kamera gehalten wird, genauer betrachtet, so ist eigentlich alles klar.

Nun ja, das mit der „verbotenen Tür“ hatten wir schon mal. 1948 handelte es sich um den Film „Das Geheimnis hinter der Tür“ von Fritz Lang, einem, wie man heute sagen würde, Romance-Thriller, der nicht wirklich in die Gänge kommt. Um die Filmkritiker zu beruhigen, zitiert Gutierrez dann auch brav Langs Film, auch wenn die Handlungen der beiden Filme nur im Grundgerüst etwas miteinander zu tun haben.

Doch viel kommt bei Sebastian Gutierrez dabei nicht heraus. Wirklich gut spielt eigentlich nur Ciarán Hinds, der hier Elizabeths Ehemann Henry verkörpert. Es macht Spaß, sein Spiel zu beobachten. Die anderen Schauspieler jedoch erliegen dem Durchschnitt. Und der Film? Dieser ist schnell wieder vergessen.

Elizabeth Harvest. Regie u. Drehbuch: Sebastian Gutierrez, Darsteller: Ciarán Hinds, Abbey Lee, Dylan Baker, Matthew Beard. USA 2018, 105 Min.

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Monteperdido – Ein Roman oder doch eher ein Drehbuch?

„Monteperdido“ lautet der Debutroman des spanischen Drehbuchautors Augustin Martinez. Und dass Martinez Drehbuchautor ist, merkt man seinem Erstling an. Denn ständig „schneidet“ er zwischen unterschiedlichen Szenen hin und her, was wirkt, als habe er ein abgelehntes Drehbuch in einen Roman umgemünzt.

In „Monteperdido“ geht es um zwei verschwundene Mädchen. Nach fünf Jahren wird eines davon schwer verletzt aus einem Autowrack geborgen. Wer der Fahrer war, bleibt zunächst unklar. Und wo sich das andere Mädchen befindet, darauf gibt es ebenfalls keine Antwort. Kommissarin Sara Campos erhält daher den Auftrag, der Dorfpolizei unter die Arme zu greifen, um den rätselhaften Fall zu lösen.

Das Problem an „Monteperdido“ ist oben bereits angesprochen: der drehbuchartige Stil des Romans. Dieser führt dazu, dass man immer wieder aus der Geschichte geschleudert wird, da plötzlich ein harter Schnitt zu einer völlig anderen Szene führt. Im Film mag dies gut funktionieren, als Roman jedoch eben nicht. Denn auf diese Weise bleibt man vor den Ereignissen stehen und wird nicht in die Handlung hineingezogen.

Zwar ist der Roman durchaus spannend, aber Krimi-Fans werden schon allzu früh herausbekommen, wer der Täter ist. Da nutzt Martinez‘ Versuch auch nichts, allerhand Verdächtige zu präsentieren, die es dann sowieso nicht gewesen sind. Dass man den Roman auch wirklich zu ende liest, hängt dann auch eher damit zusammen, dass man wissen möchte, was mit den beiden Mädchen nun eigentlich passiert ist und weniger damit, wer nun der Täter ist.

Mit „Monteperdido“ erfindet Augustin Martinez das Krimigenre keineswegs neu – nur für den Fall, dass er dies mit seinem Schreibstil vorgehabt hat. Die Figur Sara Campos wirkt dabei wenig durchdacht, was dazu führt, dass Martinez ungefähr in der Mitte des Romans etwas zu viele Seiten braucht, um die Figur wieder dorthin zu bekommen, wo er sie eigentlich haben möchte. Möglich, dass Martinez gute Drehbücher schreibt. Nach dem Lesen des Buches bleibt allerdings nicht viel hängen.

Augustin Martinez. Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen. Fischer Verlag 2018, 495 Seiten, 10,99 Euro

Horror de Luxe: Apartment 1303 (2007)

Mariko (Noriko Nakagoshi) hat einen unliebsamen Mitbewohner (Apartment 1303; © MonteCristo International)

Wie wurde nicht über diesen Film hergezogen. Dass er amateurhaft sei, dass die Schauspieler schlecht seien und so weiter und so fort. Dementsprechend skeptisch ging ich an „Apartment 1303“ heran – und war überrascht, was für ein hervorragender Film dies doch ist.

„Apartment 1303“ stammt aus der Endphase von J-Horror, sprich aus dem Jahr 2007. Natürlich existiert J-Horror weiterhin, doch ist die Glanzzeit dieses Genres, das 1998 mit „Ring“ begann, vorbei – ab 2007 dümpelte J-Horror dann auch eher vor sich hin, anstatt weitere Meisterwerke zu liefern. Wie man es sich bei dem Titel denken kann, geht es um eine unheimliche Wohnung in einem Bau namens Blue Palace. Immer wieder haben dort junge Frauen Selbstmord begangen. Als auch Marikos Schwester sich aus unerklärlichen Gründen das Leben genommen hat, versucht sie, hinter das Geheimnis der Wohnung zu kommen.

Originalolakat von „Aparment 1303“

Der Film fasziniert von Anfang an durch seine unglaublich gute Optik. Regisseur Ataru Oikawa hat bereits in „Tomie“ (1999) gezeigt, dass ihm in Sachen Bildkomposition nicht jeder die Hand reichen kann, und genau diese Kunstfertigkeit setzt er in „Apartment 1303“ fort. Elegante Kamerafahrten, sorgfältige Einstellungen, eine wundervolle Farbgebung und nicht zuletzt ein erstklassiger Sound sorgen dafür, dass einen der Film vollkommen in seinen Bann schlägt.

Dabei kommt die Handlung unglaublich düster daher. Die Hintergrundgeschichte besitzt einerseits eine tiefe Tragik, andererseits nimmt sie Aspekte urbaner Legenden für sich in Anspruch. Die Kombination aus beidem macht die Geschichte überaus interessant. Besonders deshalb, da es Oikawa in „Apartment 1303“ um eine vehemente Gesellschaftskritik geht. Er zeigt zerstörte Familien, alkoholkranke Mütter, Misshandlung von Kindern. Alles in allem also harter Tobak, besonders für eine Gesellschaft, in der letzt genannter Punkt immer wieder unter den Teppich gekehrt wird.

Mariko (Noriko Nakagoshi) vor dem Blue Palace; (Apartment 1303; © MonteCristo Inernational)

Aus all dem schafft Oikawa ein kleines optisches Meisterwerk, in dem er auch eine leise, aber witzige Liebesgeschichte miteinwebt. Gut, bei einer Szene, in der Studenten von einer Geisterfrau heimgesucht werden, kratzt Oikawa etwas arg am Trash. Doch stört dieses kleine Zwischenspiel kaum. Anscheinend war den Produzenten der Film zu ruhig, sodass sie Oikawa drängten, ein bisschen mehr Hektik in das Ganze zu bringen.

Nein, die negativen Kritiken kann ich kein bisschen nachvollziehen. „Apartment 1303“ ist ein schöner Geisterfilm, der am Ende sogar klassische Züge annimmt, was einem noch mehr für diesen Film einnimmt. Wer sich diesen Film ansehen möchte, sollte dies übrigens im japanischen Original tun, da die deutsche Synchro den Schauspielern nicht wirklich gerecht wird. – Eine kleine, aber feine Perle des japanischen Horrorfilms.

2012 drehte übrigens Michael Taverna das gleichnamige Remake, landete damit aber nicht nur einen Flop, sondern wurde von negativen Kritiken nur so überhäuft.

Aparment 1303. Regie u. Drehbuch: Ataru Oikawa, Produktion: Chiaki Harada, Darsteller: Eriko Hatsune, Yuka Itaya, Noriko Nakagoshi, Naoko Otani, Arata Furuta. Japan 2007, 91 Min.

Stürmische Ernte – James Francos Versuch einer Adaption

Mit „Stürmische Ernte“ legte 2016 James Franco bereits seine 16. Regiearbeit vor. Dieses Mal versuchte er sich an John Steinbecks gleichnamigen Roman, in dem es um Wanderarbeiter geht, die während der Großen Rezession in Streik treten, um dadurch mehr Geld zu erhalten.

Der Film bleibt bei einem Versuch. Dies fängt schon damit an, dass Franco sich nicht entscheiden konnte, ob er nun den Film fürs Fernsehen oder fürs Kino drehen sollte. Dementsprechend wirkt die Optik des Films regelrecht unentschlossen. Das Vorhaben, eines epischen Werks ist schon allein dadurch zum Scheitern verurteilt.

Ein zweites Problem, das er Film hat, hängt mit Franco selbst zusammen, der darin gleichzeitig eine der beiden Hauptrollen spielt. Trotzdem er  die Hauptrolle innehat, versucht er beinahe krampfhaft, sich nicht in den Vordergrund zu drängen, was zur Folge hat, dass man nicht genau weiß, welche Geschichte Franco nun eigentlich erzählen möchte: die des Aktivisten Mac McLeod (James Franco) oder die seines Freundes Jim Nolan (Nat Wolff).

Die Folge davon ist, dass beide Figuren darunter leiden und beide dadurch an Interesse verlieren. Zwar enthält „Stürmische Ernte“ durchaus dramatische und spannende Momente, doch überwiegt im Groben und Ganzen Francos Unsicherheit. Auf diese Weise wird man nicht wirklich in die Geschichte hineingezogen, sondern bleibt als reiner Beobachter davor stehen.

Klarerweise ist ein Film, der sich mit dem Schicksal der Wanderarbeiter der 30er Jahre beschäftigt, verbunden mit einer starken Kapitalismuskritik. Damals entstanden in den USA verschiedene sozialistische und kommunistische Bewegungen, die teilweise untereinander zerstritten waren. Geient hat alle lediglich der Umstand, dass sie von den Behörden und der Polizei auf brutalste Weise gejagt und misshandelt wurden.

Franco stellt dies in Ansätzen auch richtig dar und sein Film ist auch eine klare Ansage gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Doch Franco scheint sich auch hier rechtfertigen zu müssen. Denn immer mal wieder schreit jemand „Ich bin kein Kommunist!“ und dies auf eine solche Weise, als würde Franco selbst dies gegenüber dem Publikum klar machen wollen, was an manchen Stellen ein bisschen lächerlich wirkt.

Insgesamt wirkt daher „Stürmische Ernte“ eher unbeholfen. Hier muss man unbedingt noch ein Wort über die Zugfahrt verlieren, bei der Mac und Jim an der offenen Wagontür sitzen. Der Wagon bewegt sich kein bisschen, nur die Windmaschine bläst ein hauchzartes Lüftchen und die Kamera fährt immer mal wieder hin und her. Eine solche schlecht gemachte Szene habe ich, muss ich ehrlich sagen, schon lange nicht mehr gesehen.

Nein, James Francos Steinbeck-Adaption möchte einfach nicht gefallen. Der Regisseur macht einfach zu viel falsch. Das liegt nicht daran, dass das Budget gering war, sondern dass Franco nicht wusste, wie er den literarischen Stoff umsetzen sollte.

Stürmische Ernte (OT: In Dubious Battle). Regie u. Produktion: James Franco, Drehbuch: Matt Rager, Darsteller: James Franco, Nat Wolff, Selena Gomez, Robert Duvall, Ed Harris, Sam Shepard, Vincent D’Onofrio. USA 2016, 114 Min.

Unsterbliche Liebe: Henry Rider Haggard und Lilly Archer – Eine besondere Beziehung

Henry Rider Haggard

Für Henry Rider Haggard (1856 – 1925) sollte sie immer die Frau sein. Gemeint ist Lilly Archer (geb. Jackson, 1854 – 1909), in die sich der bekannte englische Schriftsteller von phantastischen Abenteuer- und sog. Lost World-Romanen auf einem Ball unsterblich verliebt hatte. In seinen 44 Romanen machte er sie unsterblich.

Lilly Archer war zwei Jahre älter als Haggard. Die Begegnung mit ihr war für Haggard, so schrieb er es in einem seiner Briefe, wie ein plötzlicher Lichtstrahl. Doch sollte aus Haggards Wunsch, sie zu heiraten, nichts werden. Überhaupt kam keine richtige Beziehung zustande, obwohl sie zum Freundeskreis von Haggards Familie gehörte und sogar mit seiner späteren richtigen Frau Mariana Louisa Margitson engen Kontakt pflegte. Gleich den ersten Liebesbrief, den Haggard Lilly schrieb, beantwortete sie mit einem klaren Nein. Ihr Brief war jedoch keineswegs als eindeutige Abfuhr zu verstehen. Denn anscheinend empfand sie auch etwas für Haggard, doch – aus bis heute ungeklärten Gründen – konnte oder durfte sie ihm nicht näher kommen. War dies bereits ein erster Dämpfer, so kam es bei ihm beinahe zu einem seelischen Zusammenbruch, als er erfuhr, dass Lilly den Makler Francis Archer geheiratet hat.

Lilly Archer

Die Ehe sollte jedoch alles andere als glücklich verlaufen. Denn Francis Maklerfirma ging bankrott. Er floh nach Südafrika und ließ Lilly und ihre beiden Kinder mittellos zurück. Haggard, der inzwischen mit „König Salomons Schatzkammer“ (1885) einen der damals größten Bucherfolge hingelegt hatte, nahm sich ihr und ihrer Kinder an. Er mietete für sie ein Haus und sorgte sich darum, dass ihre Kinder weiterhin die Schule besuchen konnten.

Doch nachdem Lilly einen Brief ihres Mannes erhalten hatte, dass sie zu ihm nach Afrika kommen solle, folgte sie dieser Bitte. Francis jedoch war schwer an Syphillis erkrankt. Nach seinem Tod kehrte Lilly nach England zurück – ebenfalls an dieser damals verbreiteten Infektionskrankheit leidend. Haggard  kümmerte sich erneut um sie. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1909.

Für Henry Rider Haggard war Lilly Archer die schönste Frau, der er jemals begegnet war. In seinen Romanen, in denen es nicht selten darum geht, dass ein Abenteurer (nicht selten Allan Quatermain) Gerüchten über eine weiße Göttin in den entferntesten Winkelns Afrikas nachspürt, sollte es stets Lilly sein, der diese Rolle insgeheim zukam. Darauf verwies in den 1950er Jahren seine Tochter Lilias, die selbst Autorin war und Haggards Biographie verfasste.

Als Höhepunkt seines Schaffens gilt dabei sein Meisterwerk „She“ (1886), das zu den besten Romanen der Weltliteratur zählt und bis heute eines der meist verkauften Bücher überhaupt ist. Über Ayesha, eine wunderschöne, unsterbliche Frau, die sehnsüchtig auf die Wiedergeburt ihres Geliebten wartet, verfasste Haggard vier Romane, wobei „Ayesha – The Return of She“ (1905) in Tibet spielt. Mit „She and Allan“ (1921) schuf Haggard eines der ersten Crossover der Kulturgeschichte, indem in diesem Roman She und Allan Quatermain, über den Haggard ebenfalls mehrere Romane verfasste, aufeinander treffen.

Cover von „Sie und Allan“ der Haggard-Reihe im Heyne-Verlag (1985)

Ayesha bzw. She ist die Person gewordene Sinnlichkeit. Tatsächlich haut einem diese Figur regelrecht um, egal, wie oft man die entsprechenden Romane bereits gelesen hat. Der Psychoanalytiker C. G. Jung war von dieser Figur so fasziniert, dass er über sie eine Abhandlung schrieb.

„She“ wurde zweimal verfilmt. 1935 unter der Regie von Irving Pitchel mit Helen Gahagan als She. Merian C. Cooper, der mit „King Kong“ (1933) einen Welterfolg landete, hatte auch diesen Film produziert, damit jedoch einen Flop gelandet. 1964 verkörperte Bondgirl Ursula Andress She in der gleichnamigen Produktion der Hammer-Studios.

Viele damalige Zeitgenossen hielten übrigens Lilly Archer für ziemlich dumm. Dem aber widersprach Haggard vehement in einem seiner Briefe an seine Schwester. Darin beschrieb er Lilly fast genauso wie die weiblichen Figuren in seinen Romanen. Die Beziehung zwischen beiden war durchaus tragisch, doch nicht weniger romantisch, auf jeden Fall aber einzigartig. Bis heute gibt diese Beziehung und die unbeschreibliche Wirkung Lillys auf Haggard Rätsel auf. Sicher ist nur eines: Lilly Archer ist als She in die Weltliteratur eingegangen.

Keepers – Die Leuchtturmwärter (2018)

Immer wieder witzig, wenn sich deutsche Verleihe englische Titel ausdenken. Der Originaltitel von „Keepers“ lautet nämlich „The Vanishing“. Soll man dazu jetzt gratulieren? Doch geht es ja um den Film und nicht darum, was für Denkakrobatik so mancher Mitarbeiter in der Marketingabteilung leistet.

Also zum Film. „The Vanishing“ beruht angeblich auf einer wahren Begebenheit, etwas, was zurzeit ja so ziemlich jeder zweite Film vorgibt. Doch bei Kristoffer Nyholms Debut ist dies tatsächlich der Fall. Die Geschichte ereignete sich 1900 auf der Insel Eilean Mòr, auf der drei Leuchtturmwärter spurlos verschwanden. Bis heute gibt es keine Lösung für dieses Rätsel. Ein Grund mehr also, daraus einen Film zu machen.

Die drei Leuchtturmwärter heißen in „The Vanishing“ James Ducat, Thomas und Donald. Nach einem heftigen Unwetter findet Donald ein gestrandetes Ruderboot an der Küste, daneben einen regungslosen Matrosen. Nicht weniger rätselhaft ist die große Holzkiste. Schnell stellt sich heraus, dass sich in der Kiste mehrere Goldbarren befinden. Doch dann tauchen die Besitzer der Kiste auf …

Nein, „The Vanishing“ ist kein Horrorfilm, sondern ein psychologischer Thriller, bei dem es darum geht, wie die Gier aus Freunden Feinde macht. Als Erklärung für das tatsächliche Rätsel von Eilean Mòr taugt dies nicht. Dennoch ist der Film durchaus spannend inszeniert und besitzt eine sehr dichte und vor allem düstere Atmosphäre. Aber wie gesagt, plausibel sieht anders aus, was vor allem daran liegt, dass die drei Hauptprotagonisten nicht fein genug charakterisiert werden. Trotz vieler Bemühungen wirken die Figuren eher flach und auf diese Weise funktioniert dann auch die Sache mit dem „psychologischen“ bei dem Thriller nicht ganz.

Irgendwie erinnert der Film immer wieder an das koreanische Drama „Sea Fog“ von Bong Joon-Ho, obwohl beide Geschichten rein gar nichts miteinander zu tun haben. Möglich, dass sich Nyholm Bongs düstere Parabel als Vorbild genommen hat. Rein optisch ist „The Keepers“ großartig, ansonsten wirken die Nebendarsteller überzeugender als die Hauptdarsteller.

Alles in allem ist „The Keepers“ kein Knaller, aber dennoch ein interessanter Film, der einen neuen Regisseur präsentiert, von dem man sicherlich noch viel erwarten darf.

The Keepers – Die Leuchtturmwärter (OT: The Vanishing). Regie: Kristoffer Nyholm, Drehbuch: Celyn Jones, Joe Bone, Produktion: Gerard Butler, Darsteller: Gerard Butler, Peter Mullan, Connor Swindells, Olafur Darri Olafson. England 2018, 110 Min.

Der gute Sohn – Der neue Thriller von Jeong Yu-Jeong

Die südkoreanische Autorin Jeong Yu-Jeong ist in ihrer Heimat eine der erfolgreichsten Thrillerautorinnen. Nach „Sieben Jahre Nacht“ ist nun ein zweiter Roman von ihr auf Deutsch erschienen.

„Der gute Sohn“ handelt von dem 25-jährigen Yu-Jin, der kurz davor steht, an einer renommierten Universität Jura zu studieren. Doch eines Morgens wacht er Blut überströmt auf. Was ist passiert? Als er den blutigen Spuren in dem Luxusappartment nachgeht, findet er in der Diele die Leiche seiner Mutter …

Aus dieser Ausgangssituation webt Jeong Yu-Jeong einen extrem dichten und überaus spannenden Thriller, in dem Yu-Jin versucht, zu ergründen, was in dem Zeitraum geschehen ist, an den er sich absolut nicht erinnern kann. Doch nachdem der erste Schock überwunden ist, kommen immer mehr Details ans Licht. Nicht nur, was die vergangenen Stunden betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Beziehung zwischen Yu-Jin und seiner Mutter.

Inspiriert wurde die Autorin dabei durch einen wahren Fall, der sich in Südkorea zugetragen hat und damals für viel Rätselraten gesorgt hat, sodass selbst die Psychologen nicht weiter wussten. „Der gute Sohn“ stellt dieses Rätselraten in den Mittelpunkt der Handlung. Aus der Sicht Yu-Jins geschrieben, gelingt es der Autorin dann auch überzeugend, die Vergangenheit Stück für Stück aufzudecken. Daraus ergibt sich ein minutiös durchdachter psychologischer Thriller, der einem vor Spannung nicht zur Ruhe kommen lässt.

Man könnte Jeong Yu-Jeong als die Patricia Highsmith Südkoreas bezeichnen. Jeongs Thriller sind genauso gut konzipiert, die Figuren wirken überaus lebendig und zwielichtig und hinzu kommt ein Faible fürs Makabre. Besonders bei Jeong Yu-Jeong schimmert zwischen den Zeilen ein schwarzer Humor durch, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Es ist wirklich schade, dass nur wenige koreanische Autorinnen und Autoren ihren Weg bis in den deutschsprachigen Raum finden. Jeong Yu-Jeongs Thriller jedenfalls kombiniert Anspruch mit Spannung und macht dabei Lust, mehr von der Autorin zu lesen. Kurz: Sehr zu empfehlen.

Jeong Yu-Jeong. Der gute Sohn. Unionsverlag 2019, 317 Seiten, 19,00 Euro