FuBs Klassikbox: Ladykillers (1955)

In „guter“ Gesellschaft; „Ladykilles (1955); © Arthouse

Man nehme eine alte, allein stehende Frau und eine Gruppe Verbrecher, die eine Wohnung im oberen Stock mieten. Mit dem Film „Ladykillers“ schuf Regisseur Alexander Mackendrick einen Meilenstein des schwarzen Humors.

Es geht um Mrs. Wilberforce, die eines Tages unerwarteten Besuch erhält. Ein gewisser Professor Marcus fragt, ob er zusammen mit seinem Streicherquartett die Wohnung im oberen Stock mieten dürfe, um dort für ihre Auftritte zu üben. Mrs. Wilberforce hat keine Ahnung, dass die Männer alles andere als Musiker sind. Denn der Psychopath Prof. Marcus und seine „Freunde“ planen, einen Geldtransporter auszurauben. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind längst zum Klassiker des britschen Humors geworden.

Für die damals 77-jährige Katie Johnson, die Mrs. Wilberforce spielt, war dies die erste Hauptrolle überhaupt. Bis dahin hatte sie ihr Leben als Schauspielerin mit Nebenrollen verbracht. Ihre Darstellung der zierlichen, alten Dame, die nicht glaubt, dass unter ihrem Dach Verbrecher der übelsten Sorte leben, ist und bleibt unvergesslich.

Nicht weniger unvergesslich ist das Ensemble, aus dem sich die Bande zusammenfügt: Alec Guinnes als Professor Marcus ist einfach einzigartig. Kein anderer Schauspieler kam bisher auf dieses Niveau, gekonnt überspitzt und ironisch zugleich einen wirklich gruseligen Psychopathen darzustellen. Ihm zur Seite stehen Herbert Lom, Cecil Parker, Peter Sellers und Danny Green.

Die Spannung und der Witz ergeben sich daraus, dass die Bande Mrs. Wilberforce ermorden möchte, da sie das gestohlene Geld ohne wenn und aber zur Polizei bringen möchte. Doch bei den Versuchen, die Tat umzusetzen, verzweifeln die Verbrecher mehr und mehr, was dazu führt, dass sie sich untereinander nicht mehr vertrauen. Jeder möchte das Geld ganz für sich behalten, während die Polizei glaubt, dass sich Mrs. Wilberforce alles nur einbildet.

Prof. Marcus und sein Streichquartett; „Ladykilles“ (1955); © Arthouse

Wer einmal „Ladykillers“ gesehen hat, behält diesen Film für ewig im Kopf. Diese wunderbaren und nicht weniger großartigen schauspielerischen Leistungen der Darsteller suchen bis heute ihresgleichen. Es ist jedes Mal von neuem ein wahrer Genuss, das Spiel zu beobachten. Dabei ist der Film genauso für Krimi- als auch für Komödienfans ein Fest, denn die Handlung ist genauso spannend wie witzig.

Stets ist da die unheimliche, ja fast schon beklemmende Bedrohung, die von Professor Marcus und seiner Bande ausgeht, doch jedes Mal schleicht sich in diese düstere Szenerie dieser herrliche, teils ironische, teils situationskomische Humor. Wie schon gesagt: „Ladykillers“ ist schlicht und ergreifend ein unvergessliches Filmvergnügen.

Ladykillers (OT: The Ladykillers). Regie: Alexander Mackendrick, Drehbuch: William Rose, Produktion: Michael Balcon, Darsteller: Alec Guinness, Katie Johnson, Herbert Lom, Peter Sellers, Cecil Parker, Danny Green. Englang 1955

FuBs Klassikbox: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1959)

Die Dinos haben Hunger; „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959); © 20th Century Fox

„Halt den Mund, Weib, sonst drehen wir die Szene zehn weitere Male!“, soll James Mason zu Arlene Dahl gesagt haben, die während des Drehs auf einem Floß Angst vor dem vielen Wasser bekommen hatte, mit dem die Crew die Schauspieler bespritzte. Die Aufnahme übernahm Regisseur Henry Levin in die Endfassung seines neuesten Films, wobei das, was Mason sagte, natürlich mit einem anderen Satz überspielt wurde.

Mit dem neuesten Film war „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ gemeint. Nach dem Welterfolg von „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) zählt Henry Levins Adaption ebenfalls zu den absoluten Klassikern von Jules Verne-Verfilmungen. Auch wenn sich der Film nicht ganz an die literarische Vorlage hält, so ist sie dennoch eine wunderbare Mischung aus Abenteuer- und Science Fiction-Film.

Wohin führt dieser Weg?; „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959); © 20th Century Fox

Wie der Titel bereits sagt, geht es um eine Expedition ins Innere der Erde. Oliver Lindenbrook erhält von seinem Studenten Alec einen Lavastein, in dem sich ein Senkblei befindet. Auf dem Objekt befindet sich eine Botschaft des schwedischen Gelehrten Arne Saknussemm, der vor 300 Jahren spurlos verschwunden ist. Alecs Fund nimmt Lindenbrook zum Anlass, selbst den Mittelpunkt der Erde aufzusuchen. Zusammen mit Alec, der Witwe Carla Goetaborg und dem Isländer Hans machen sie sich auf den Weg …

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist überaus spannend in Szene gesetzt und fasziniert jedes Mal aufs Neue mit seinen wundervoll gestalteten Kulissen. Die Salzwüste mit den sonderbaren Wurzeln, die Kristallhöhle oder – am wohl berühmtesten – der Wald aus Riesenpilzen, all das begeistert immer wieder – und natürlich der unterirdische Ozean, auf dem Arlene Dahl ihre Panikattacke bekommen hat (gedreht wurde in einem Pool). Natürlich kommen dabei auch der Humor und die Action nicht zu kurz – hierbei darf man den rollenden Felsen nicht verschweigen, auf den Spielberg später in „Indiana Jones“ nochmals Bezug nahm. Nicht zu vergessen die Leguane, die mit den aufgeklebten Rückenschildern als Dinosaurier herhalten mussten.

Eigentlich hätte der berühmte Schauspieler Clifton Webb die Rolle des Oliver Lindenbrook übernehmen sollen (vom Aussehen her hätte er wunderbar in die Rolle gepasst), doch wurde er kurz vor Beginn der Dreharbeiten schwer krank. Aus dem Grund engagierte Henry Levin James Mason, der zuvor bereits Kapitän Nemo in „20.000 Meilen unter dem Meer“ gespielt hatte und somit bereits Jules Verne-erprobt war. Alec wurde von dem Sänger Pat Boone dargestellt, der damals fast genauso bekannt wie Elvis war. Arlene Dahl, die Carla Goetaborg spielt, galt damals als eine der schönsten Frauen. Der schwedische Zehnkämpfer Peter Ronson spielte den Isländer Hans – es war sein einziger Ausflug ins Filmgeschäft. Trotz weiterer Rollenangebote konzentrierte er sich danach wieder auf den Sport. Nicht vergessen darf man den eigentlichen Star des Films, die Ente Gertrud, die im Roman zwar nicht vorkommt, aber für viele heitere Momente sorgt.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ wurde wie auch schon „20.000 Meilen unter dem Meer“ zu einem Riesenerfolg. Zudem war er mehrfach für den Oscar nominiert, erhielt jedoch keine der Trophäen.

Horror de Luxe: The Asphyx (1972)

Cunningham (Robert Stevens) und sein Adoptivsohn Giles (Robert Powell) beim Experiment. „The Asphyx“ (1972); © Ostalgica/BBC

Die Hammer-Film-Productions waren gerade im Niedergang, als es David Leans Kameramännern einfiel, einen Horrorfilm im Stil von Hammer zu kreieren. Das Ergebnis war die außergewöhnliche Produktion „The Asphyx“, in England ein Klassiker, in Deutschland so gut wie unbekannt.

Der Film handelt von Sir Hugo Cummingham, der Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Kamera herumexperimentiert. Er ist Mitglied einer parapsychologischen Gesellschaft, die das Übernatürliche wissenschaftlich erfassen möchte. Auf mehreren seiner Fotos, auf denen sterbende Menschen zu sehen sind, entdeckt Cummingham einen sonderbaren dunklen Fleck. Sofort ist das makabre Interesse des Hobby-Wissenschaftlers geweckt und er beschließt, weitere Fotos von Menschen zu machen, die gerade im Sterben liegen.

Als er eine Hinrichtung filmt, kommt es zu einem unheimlichen Zwischenfall. Durch den Lichtverstärker, den Cummingham benutzt, ist plötzlich ein unheimliches Wesen zu sehen, das sich dem Verurteilten nähern möchte. Cummingham kommt auf die Idee, bei der nächsten Gelegenheit, ein solches Wesen zu fangen. Doch hat er nicht mit den Konsequenzen gerechnet, die seine Aktion mit sich bringt …

„The Asphyx“ ist ein unglaublich origineller Film, der in gewisser Weise Steampunk mit den Elementen des Gothic Horror mischt. Dabei schreitet die Handlung rasant voran, ein Zwischenfall folgt dem nächsten – und parallel dazu nimmt ein weiteres, damit verbundenes Drama seinen unheilvollen Lauf: denn Cunningham zerstört durch seine Experimente mehr und mehr das Glück seiner Familie.

Sowohl Peter Newbrook, der Regie führte, als auch Freddie Young, der hinter der Kamera stand, gehörten zur Stammcrew des berühmten Regisseurs David Lean. Was beide dazu gebracht hat, gemeinsam einen Horrorfilm zu drehen, sei einmal dahingestellt. Das Ergebnis lässt sich allerdings sehen. Die ungewöhnliche Thematik des Films umgibt die Handlung mit einem morbid-düsteren Unterton.

Nicht, dass der Film brutal wäre. Es geht um das Spiel mit grundlegenden moralischen Empfindungen und um die Diskussion um moralische Werte an sich. Was darf man, was nicht – im postmodernen Horrorkino rückte diese Fragestellung und ihre unterschiedliche Betrachtungsweise ins Zentrum der Handlung. So auch bei „The Asphyx“. Zwar ist es bei Cummingham zunächst rein wissenschaftliche Neugier, mit der er sein Handeln rechtfertigt, doch auch in der Wissenschaft stellt sich die oben genannte moralische Frage.

„The Asphyx“ wird dadurch zu einem überraschend tiefgründigen Film, der diese Tiefe mit einer überaus unterhaltsamen und spannenden Handlung verbindet. Erst 1988 kam der Film in Deutschland auf Video heraus. Kurz: sehr sehenswert.

Die Klunkerecke: The Amityville Horror (1979)

Das berühmte Spukhaus wartet auf seine neuen Bewohner; „The Amityville Horror“ (1979); © MGM

Bis heute zählt das Haus in Amityville zu den bekanntesten Spukhäusern der USA. Ob es dort tatsächlich umgeht, ist eine andere Frage. Die derzeitigen Bewohner beschweren sich weniger über Spukerscheinungen als viel mehr über die vielen lästigen Touristen, die das Haus aufsuchen.

1974 tötete dort Ronald DeFeo seine Eltern und seine vier Geschwister. Der Fall gilt bis heute als ungeklärt und noch immer gehen (Hobby-)Journalisten und Ermittler der Sache nach. DeFeo selbst, der für seine Tat eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erhalten hat, machte immer wieder andere Aussagen über die Schreckensnacht in dem Haus. Behauptete er zunächst, dass ihn Stimmen dazu gebracht hätten, sagte er später aus, dass seine Mutter für die Morde verantwortlich sei.

Etwa ein Jahr später zog die Familie Lutz in das Haus ein, nur um es wenige Wochen später wieder zu verlassen, mit der Behauptung, dass es dort spuke. In Interviews erzählten sie von den unheimlichen Vorkommnissen in dem Haus. Skeptiker nehmen bis heute an, dass das Ehepaar sich beim Kauf des Hauses finanziell übernommen habe und daher die Geschichte mit dem Spuk erfand.

Wie dem auch sei, für Hollywood war der Stoff ein gefundenes Fressen, besonders da zuvor das Buch „The Amityville Horror“ der Journalistin Jay Anson ein wahrer Bestseller geworden war. Die auf Trash- und Horrorfilme spezialisierte Firma American International Pictures erstand die Rechte und drehte mit James Brolin, Margot Kidder und Rod Steiger in den Hauptrollen einen Film, der bis heute in die Riege der erfolgreichsten Horrorfilme gehört. Die Produktionskosten betrugen 4,7 Millionen Dollar, die Einnahmen lagen bei über 86 Millionen Dollar.

Der Film erzählt im Grunde genommen das nach, was die Familie Lutz an unheimlichen Vorkommnissen geschildert hat. Kaum sind George und Kathleen Lutz mit ihren Kindern in das Haus eingezogen, ereignen sich schon die seltsamsten Dinge. Tochter Amy behauptet, dass in dem Haus ein Mädchen wohne, George verhält sich von Tag zu Tag eigenartiger und aggressiver. Jede Nacht um genau 3:15 Uhr wacht er auf – der Zeitpunkt der Morde.

George (James Brolin) und Kathleen (Margot Kidder) vor ihrem neuen Haus; „The Amityville Horror“ (1979); © MGM

„The Amityville Horror“ ist ein hervorragend gespielter und spannender Gruselfilm, der sich zum einen an den klassischen Spukhausgeschichten orientiert, andererseits die durch „Der Exorzist“ (1973) eingeleitete Okkult-Welle aufgreift. Dadurch entsteht eine recht dichte und bedrohliche Atmosphäre, die den ganzen Film über anhält. Die seit 2015 erhältliche ungeschnittene 114-Minuten-Fassung weist ein paar unglückliche Schnitte auf, sodass man hin und wieder ein bisschen verwirrt dem Geschehen folgt, doch die ursprüngliche Kinofassung hat bis heute nichts von ihrer Beklemmung und ihrem Grusel verloren.

Der Film brachte es auf 12 Sequels und einem Prequel sowie einem Remake. Von den Sequels sind jedoch gerade mal Teil 2 und Teil 3 ansehbar, danach werden die Filme von Mal zu Mal schlechter. Das Remake besitzt zwar nicht den Charme des Originals, ist aber dennoch ein recht netter und spannender Horrorfilm.

FuBs Klassikbox: Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

Logan 5 (Michael York) und Jessica 6 (Jenny Agutter) auf der Flucht; „Logan’s Run“; © MGM

Eigentlich sollte der Roman „Logan’s Run“ bereits 1969 verfilmt werden. George Pal, der mit Filmen wie „Wenn Welten zusammenstoßen“ (1951) und „Die Zeitmaschine“ (1960) nicht nur extrem erfolgreiche Filme produziert hatte, sondern dadurch auch in die Filmgeschichte einging, hatte die Rechte des Romans der beiden Autoren William F. Nolan und George Clayton Johnson erworben. Allerdings zerstritt er sich mit diversen Drehbuchautoren, die alle die Story anders konzipieren wollten als Pal, sodass das Projekt letztendlich zu den Akten gelegt wurde.

Jahre später erwarb die Produktionsfirma MGM die Rechte, um von der Science Fiction-Welle weiter profitieren zu können. Obwohl sich Roman und Film sehr unterscheiden, ist das Grundthema einer ewig jungen Gesellschaft gleich. Regie führte Michael Anderson, der ein Jahr zuvor mit „Doc Savage – Der Mann aus Bronze“ einen solchen Flop hinlegte, dass sich der oben erwähnte George Pal, der den Film produziert hatte, nach und nach aus dem Filmgeschäft zurückzog.

„Logan’s Run“ oder „Flucht ins 23. Jahrhundert“, wie der deutsche Titel lautet, war ein enormer Erfolg. Bei Kosten von neun Millionen Dollar spielte er 25 Millionen Dollar ein, trotz schlechter Filmkritiken. Die Handlung spielt im Jahr 2274. Nach einer globalen Seuche, welche ein Großteil der Menschheit vernichtet hat, leben die übrigen Menschen in einer mit Glaskuppeln überdachten Stadt. Für alle Belange des Lebens ist bestens gesorgt. Allerdings dürfen die Einwohner nicht älter als 30 Jahre werden. Um dies zu kontrollieren, wird jedem Menschen eine Lebensuhr implantiert, die anfängt zu blinken, wenn die Zeit abgelaufen ist.

Diese Menschen kommen zur „Erneuerung“ ins sog. Karussell, wo sie während eines Rituals getötet werden. Menschen, die sich diesem Ritual entziehen, werden als Läufer bezeichnet und von den sog. Sandmännern gejagt und getötet. Logan 5 ist ein solcher Sandmann. Ebenso sein Freund Francis 7. Doch als Logan 5 eines Tages ein kreuzförmiges Symbol findet, das der Großcomputer, der die Stadt und das Leben darin steuert, als ein Hinweis auf einen Ort namens Zuflucht identifiziert, gibt er Logan 5 den Auftrag, nach diesem Ort zu suchen. Dabei muss er sich als Läufer tarnen, was wiederum die Sandmänner auf ihn hetzt. Zusammen mit Jessica 6, die Mitglied einer geheimen Gruppe von Läufern ist, versucht Logan 5 nicht nur Die Zuflucht zu finden, sondern auch vor den Sandmännern, allen voran Francis 7, zu entkommen.

Das Ritual der Erneuerung beginnt; „Logan’s Run“ (1976); © MGM

Damals wurde „Logan’s Run“ wegen seiner erstklassigen Kulissen gelobt – sogar die ärgsten Kritiker konnten nicht anders, als diese positiv zu beurteilen. Die Kritiken bezogen sich daher auf den Umstand, dass die Handlung auf Kosten der Action und der Spezialeffekte zu oberflächlich bleibt.

Dennoch greift der Film ein Thema auf, das heute nicht weniger aktuell ist wie damals. Es geht darum, den Tod aus der Gesellschaft auszublenden und darum, ewig jung zu bleiben. Die beiden Autoren Nolan und Johnson betrachteten ihre Idee als eine Art Satire auf die Hippie-Bewegung, die Ende der 60er Jahre voll im Gange war. Der Film geht in dieser Hinsicht einen Schritt weiter, indem er – in Ansätzen – auf das Thema Schönheits-OPs verweist, mit dem sich die Bewohner der Stadt ein anderes Aussehen verschaffen können.

Cover der im Heyne Verlag 1977 erschienenen Übersetzung

Dadurch wirkt der Film nicht weniger aktuell als damals, versuchen doch auch heute mehr und mehr Menschen, sich durch solche OPs zu verändern oder auch zu „verjüngen“. Jugendlichkeit ist sozusagen zum Zwang geworden, der nicht nur von der Werbung propagiert wird, sondern z.B. auch die Voraussetzung für eine erfolgreiche Stellensuche ist. In diesem Sinne ist auch die Gesellschaft in der Zukunftsstadt keineswegs frei, sondern unterliegt einem Zwang, der sogar zu einer Beschränkung ihrer Lebenszeit führt.

„Logan’s Run“ wird damit zum typischen Vertreter der sozialkritischen SF der 70er Jahre und ist aufgrund seines stylischen Designs zugleich ziemlich untypisch dafür. Der Film scheint selbst aus einer eher späteren Zeit zu stammen und man muss sich jedes Mal vergegenwärtigen, dass er im Jahr 1976 produziert wurde. Das macht „Flucht ins 23. Jahrhundert“ zu einem der faszinierendsten Filme der 70er Jahre.

Durch den Erfolg des Films motiviert, schrieben Nolan und Johnson zwei Fortsetzungsromane. Seit dem Jahr 2000 ist immer wieder von einem Remake die Rede, bisher wurde das Projekt jedoch nicht weiterverfolgt.

FuBs Klassikbox: Convoy (1978)

Zwei Trucker nehmen Sheriff Lyle in die Mangel; „Convoy“ (1978); © Weltkino

Regisseur Sam Packinpah war bereits durch seine Drogen- und Alkoholsucht ziemlich angeschlagen, als er mit den Dreharbeiten von „Convoy“ begann. Er brauchte unbedingt einen Kassenschlager, da seine vorangegangenen Filme gefloppt waren. Also wandte er sich dem Genre zu, in dem er sich am besten auskannte, dem Western, nur dass er statt Cowboys auf Pferden Trucker in ihren riesigen Lastwagen auf der Leinwand erscheinen ließ.

Es geht um den Truckfahrer Rubber Duck, der von dem paranoiden Sheriff Lyle jedes Mal verfolgt wird, wenn Rubber Duck durch Arizona fährt. Dieses Mal geht Lyle zuweit, als er den schwarzen Fernfahrer Spider Mike wegen Vagabundierens ins Gefängnis stecken möchte. Angeführt von Rubber Duck schließen sich immer mehr Trucker dem Konvoi an, um gegen die Willkür der Polizei anzukämpfen. Die Polizei aber lässt nicht locker und der Konflikt eskaliert.

Der erhoffte Erfolg stellte sich, trotz zahlreicher schlechter Kritiken, tatsächlich ein. Mit Produktionskosten von 12 Millionen Dollar zählte „Convoy“ damals zu den teuersten Filmen. An den Kinokassen spielte er das Vierfache ein. Dennoch wurde Packinpah nachträglich von dem Projekt ausgeschlossen und verlor auch sämtliche Rechte daran.

Der Grund lag in der ersten Schnittfassung von über 200 Minuten. Die Produktionsfirma war damit alles andere als einverstanden und engagierte einen neuen Cutter, der den Film auf knapp 100 Minuten kürzen sollte. Packinpah fand die geschnittene Fassung schrecklich. Die meisten Kritiker mochten „Convoy“ ebenfalls nicht, da sie mit dem Film nichts anzufangen wussten. Heute sieht dies ganz anders aus. „Convoy“ zählt inzwischen zu den Filmklassikern.

Rubber Duck (Chris Kristofferson) und Melissa (Ali MacGraw); „Convoy“ (1978); © Weltkino

Er ist eine großartige Mischung aus Drama, Actionfilm und Satire, wobei sich die satirischen Elemente auf die Regierung und die Polizei beziehen. Während der Senator von Arizona den Konvoi für Wählerstimmen nutzen möchte, verhält sich die Polizei wie ein Haufen debiler Rassisten. Die Actionsequenzen sind großartig in Szene gesetzt: ob nun ein Truck auf einer Kreuzung umkippt, ob zwei Trucks ein Polizeiauto in die Mangel nehmen oder ob sie eine Kleinstadt zertrümmern, was Packinpah zeigt, ist erstklassiges Actionkino.

Dabei bleibt der Film keineswegs oberflächlich, sondern zeigt anhand des Konflikts, dass es in den USA in Sachen Freiheit und Selbstverwirklichung nicht weit her ist. Die Ideale werden von Regierung und Behörden im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten, nur um ihre Macht zu zeigen. Willkür und Bestechlichkeit ist bei den Beamten an der Tagesordnung. Packinpah stülpt den USA sozusagen das Image eines Entwicklungslandes über. Eine solche Kritik wünscht man sich auch in heutigen Großproduktionen, doch leben wir nun mal in einer Zeit, in der sich niemand mehr etwas traut und alles nur noch auf Kommerz abzielt. Doch eigentlich war es früher nicht anders. Denn auch dieser Kritikpunkt findet sich in „Convoy“ wieder, indem die Medien den Kampf der Trucker gegen den Staat sofort zu Geld machen wollen. Im Grunde genommen hat sich eigentlich gar nichts geändert.

The 80s: Straßen in Flammen (1984)

Tom (Michael Páre) und Ellen (Diane Lane); „Streets of Flame“ (1984); © Universal Pictures

Es gibt Filme, die filmhistorisch bedeutsam sind, zur Zeit ihrer Veröffentlichung aber gnadenlos floppten. Dieses Schicksal „genießt“ Walter Hills Mischung aus Motorradgang- und Noir-Film „Streets of Fire“ aus dem Jahr 1984.

Damals spielte der Film gerade einmal die Hälfte seiner Produktionskosten ein. Heute zählt der Film zu den bedeutensten der 80er Jahre. Grund dafür ist, dass damals ein neuartiges Filmmaterial verwendet wurde, womit Nachtaufnahmen praktisch ohne zusätzliche Beleuchtung gedreht werden konnten, was zur außergewöhnlichen Farbgebung des Film und auch späterer Filme beitrug.

„Straßen in Flammen“ ist in einer Quasi-50er-Jahre-Epoche angesiedelt, vermischt diese Elemente jedoch mit dem Stil der 80er Jahre. Es geht um die Bomber, eine Motorradgang, die eine Stadt terrorisiert. Eines Tages entführt Raven, der Anführer der Gang, die Sängerin Ellen. Dies führt dazu, dass Reva ihren Bruder Tom bittet, in die Stadt zu kommen, um zu helfen, Ellen aus den Fängen der Gang zu befreien. Tom kommt der Bitte nach, immerhin war Ellen früher einmal seine Freundin. Schließlich stehen sich Raven und Tom gegenüber …

Wer einmal Willem Defoe in schwarzer Latexlatzhose sehen möchte, der ist bei „Straßen in Flammen“ genau richtig. Eigentlich ist das Kostüm eich echter Hingucker und stellt alles andere in den Schatten, besonders, da Defoe darin wie ein wirklicher Bösewicht aussieht. Doch unabhängig davon, spielt Willem Defoe als Raven so ziemlich alle übrigen Schauspieler gegen die Wand. Sogar Rick Moranis, der hier ausnahmsweise nicht für die Comedyeinlagen zuständig ist, sondern Billy Fish, einen schleimigen Manager, der es nur aufs Geld abgesehen hat, spielt. Allerdings nimmt man ihm die Rolle nicht ganz ab, irgendwie wirkt er immer wieder unbeholfen.

Ein Beispiel für die großartige Optik des Films; „Streets of Flame“ (1984); © Universal Pictures

Wirklich hervorragend ist allerdings die Optik des Films, die gekonnt den klassischen Noir-Stil mit den Neonfarben der 80er Jahre vermischt, was dazu führt, dass hin und wieder ein in leichten Ansätzen „Blade Runner“-artiges Gefühl aufkommt. Sehr gut choreographiert sind die einzelnen Actionsequenzen. Für den Endkampf zwischen Raven und Tom benötigte die Crew ganze zwei Wochen, bis er im Kasten war.

Walter Hill überließ praktisch nichts dem Zufall, sondern sorgte dafür, dass auch wirklich alles genauso funktionierte, wie er es haben wollte. Diese Sorgfalt führt letztendlich zu den großartigen Bildkompositionen, in denen der Film geradezu schwelgt und für die „Straßen in Flammen“ berühmt geworden ist.

Die Klunkerecke: Kameliendame 2000 (1969)

Armand (Nino Catselnuovo) und Maguerite (Daniele Gaubert); „Camille 2000“ (1969); Copyright: Alive

Als Radley Metzgers Adaption von Alexandre Dumas d. Jüngeren „Die Kameliendame“ 1969 in die Kinos kam, löste er einen Skandal aus. Die Literaturverfilmung wurde als Porno bezeichnet. Kritiker wunderten sich, wie etwas in dieser Art in den normalen Kinos laufen konnte. Der Grund, Metzger bespickte die Verfilmung mit – für damalige Verhältnisse – recht freizügigen Erotikszenen.

Wenn man die verschiedenen Adaptionen des berühmten Romans vergleicht, so ist „Camille 2000“ eindeutig die interessanteste und originellste Version, von der Dumas‘ Sohn mit Sicherheit begeistert gewesen wäre, hatte doch bereits seine eigene Adaption als Theaterstück im Jahr 1852 für einen Skandal gesorgt.

Radley Metzger (1929 – 2017) nimmt in der Filmgeschichte einen besonderen Platz ein, liegt doch der Hauptteil seines Gesamtwerks genau zwischen Autorenfilm und Porno. Seine Erotikfilme waren stets zugleich Verfilmungen klassischer Romane und Theaterstücke, bei denen er eben die erotischen Aspekte hervorhob. Auf dieselbe Weise gelang ihm mit „Kameliendame 2000“ einer seiner bekanntesten Filme.

Es geht um Armand Duval, der nach Rom kommt, um Geschäfte für seinen reichen Vater zu erledigen. In der Oper begegnet er der genauso schönen wie sinnlichen Marguerite Gautier, vor der ihn sein Freund warnt. Denn Marguerite ist eine Edelprostituierte, die ihren Lebensunterhalt mit dem Geld reicher Männer bestreitet. Armand aber hört nicht auf seinen Freund. Zwischen ihm und Marguerite entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die mehr und mehr dramatische Züge annimmt.

Zwar handelt es sich um eine freie Adaption, die Metzger in eine leicht futuristisch anmutende Moderne verlegt, dennoch bleibt der Film stets in der Nähe des Romans, man könnte ihn daher als eine äußerst gelungene Neuinterpretation des Stoffes bezeichnen. Statt an Tuberkulose leidet Marguerite an ihrer Kokainsucht. Ihre Freunde warnen sie, damit aufzuhören, doch kommt sie nicht davon los. Erst durch Armand scheint sie ihre Sucht bekämpfen zu können.

„Camille 2000“ besticht durch eine erstklassige Kameraarbeit. Durch die Verwendung von Spiegeln und originelle, ja ungewöhnliche Perspektiven erhalten (nicht nur) die Erotikszenen einen surrealen, fast schon psychedelischen Charakter. Untermalt sind diese Szenen durch die kongeniale Musik Piero Piccionis, die stets zwischen psychedelisch und melancholisch schwankt. Immer wieder verwendet Metzger sog. Jump Cuts, welche den Verlauf der Handlung auf interessante Weise bestimmen.

Die leider früh verstorbene Daniele Gaubert verkörpert die Kameliendame auf ganz wunderbare Weise. Sie ist zunächst Teil einer sich in Vergnügungssucht berauschenden und dekadenten Szene, hinterfragt diese durch Armands Lebenseinstellung jedoch mehr und mehr, bis sie dieser selbst kritisch gegenübersteht. Das hat nichts mit der damals aufkommenden Hippiekultur zu tun, sondern eher mit den damals mehr und mehr diskutierten postmodernen Gesellschafsttheorien. Auf jeden Fall zeigt dies Metzgers Fingerspitzengefühl, was die Modernisierung des Stoffes betrifft.

Leider haftet dem Film auch heute noch der voreingenommene Schmuddeltouch an, was viele dazu bringt, sich erst gar nicht mit diesem Werk zu beschäftigen. Es ist ein feinfühliges Erotikdrama, bespickt mit hervorragenden Darstellern. Genauso wie Dumas‘ Roman, so ist auch „Camille 2000“ ein Klassiker.

Die Klunkerecke: King Kong (1976)

Schau mir in die Augen, Kleines. – King Kong (1976); Copyright: StudioCanal

43 Jahre nach dem Sensationserfolg „King Kong“, der Hauptdarstellerin Fay Wray zur ersten Screamqueen der Filmgeschichte machte, wurde der Riesenaffe erneut auf die Zuschauer losgelassen. Dies in dem gleichnamigen Remake von Regisseur John Guillermin.

Nominiert war „King Kong“ für die beste Kamera und den besten Ton. Statt eines Stop-Motion-Monsters, trampelt hier ein Darsteller im Affenkostüm durch die Lande, was aber keineswegs albern aussieht, sondern durchaus Wirkung erzielt. Vor allem beeindruckend ist die Mimik der Affenmaske. Für diese Kreation war der Make-Up-Künstler Carlo Rambaldi verantwortlich, der 1982 auch E.T. erschaffen hatte.

Im Groben und Ganzen erzählt das Remake dieselbe Geschichte wie das Original, wobei es Guillermin jedoch gelingt, die Handlung einwandfrei in die 70er Jahre rüberzubringen. So wird aus dem reinen Monsterfilm ein typischer Vertreter des 70er Jahre-Öko-Horror-Genres. Ein Ölkonzern vermutet auf einer abgelegenen Insel reiche Ölvorkommen. Mit an Bord allerdings schmuggelt sich auch der Anthropologe Jack Prescott, der den Gerüchten um eine seltsame Affenart nachgehen möchte.

Eines Tages erhält das Schiff ein SOS-Notsignal, kann dessen Ursprung allerdings nicht ausfindig machen. Schließlich aber macht die Besatzung ein Schlauchboot aus, das auf dem Meer treibt. An Bord befindet sich die Schauspielerin Dwan, gespielt von Jessica Lange, die hier ihr Debut gab. Gemeinsam erreichen sie schließlich die Insel und treffen auch auf den Monsteraffen …

Im Gegensatz zu dem Originalfilm hinterfragt das Remake das Verhalten der weißen Eindringlinge und wird dadurch zu einem Beitrag des postmodernen Kinos mit postkolonialer Gesellschaftskritik. Die Gier nach Reichtum steht dem Bewahren der Natur und dem Verstehen fremder Kulturen gegenüber. Während Fred Wilson, der das Öl für seine Firma gewinnen möchte, für seinen Profit über Leichen geht, warnt Prescott davor, etwas an dem Sozialgefüge und der Natur zu verändern.

John Prescott (Jeff Bridges) und Dwan (Jessica Lange); King Kong (1976); Copyright: StudioCanal

Die Konsequenz ist für alle Beteiligten katastrophal. Auf diese Weise wird der Film in seinem Finale zu einer vehementen Medienkritik, die für unsere Zeit heute genauso gilt wie für damals. Dwans Verzweiflung wird für alle anderen zur Sensation und damit auch wieder zur reinen Geldmacherei. In diesem Sinne vermittelt „King Kong“ das Bild einer dekadenten, ich-bezogenen Gesellschaft, die nicht mehr auf Werte und Moral achtet. Wie gesagt, das alles trifft nicht weniger auch unsere Epoche mitten ins Schwarze.

Besonders die erste Hälfte des Remakes ist grandios gefilmt, die Story, da sie sehr gut in die damalige Zeit umgesetzt wurde, hervorragend. Die zweite Hälfte jedoch zieht sich ein wenig. Schuld daran ist vor allem, dass Guillermin auf all die Dinos verzichtet, die das Original so aufregend gemacht haben. In dem Remake kommt lediglich eine popelige Riesenschlange vor. Dennoch macht „King Kong“ aus dem Jahr 1976 Spaß und ist letztendlich ebenfalls zu einem Klassiker des Monsterfilms geworden. An das Original reicht er natürlich nicht heran, für sich genommen aber ist Guillermins Version wirklich toll.

1986 versuchte sich der Regisseur mit „King Kong lebt“ an eine Fortsetzung, scheiterte dabei allerdings auf ganzer Linie. Der Film floppte total und das zurecht. Denn die Spezialeffekte und auch die Handlung sind dermaßen schlecht, dass man nicht mal mehr darüber lachen kann.

King Kong. Regie: John Guillermin, Drehbuch: Lorenzo Semple, Produktion: Dino de Laurentis, Darsteller: Jeff Bridges, Jessica Lange, Charles Grodin. USA 1976, 129 Min.

FuBs Klassikbox: Die Verdammten der Meere (1962)

Claggart (Robert Ryan), Billy Budd (Terence Stamp) und Kapitän Vere (Peter Ustinov); „BillyBudd“ (1962), © Allied Artists

Die Zeit der Seefahrerfilme war eigentlich fast schon vorbei, da drehte Peter Ustinov „Billy Budd“, einen der wohl außergewöhnlichsten Abenteuerfilme. „Billy Budd“ basiert zum einen auf Herman Melvilles berühmten Roman, zum anderen auf dem gleichnamigen Theaterstück.

Es geht um den jungen Matrosen Billy Budd, der 1797 auf ein englisches Kriegsschiff kommt. Durch seine ehrliche Art ist er schnell bei der Mannschaft beliebt. Doch an Bord befindet sich auch der sadistische Offizier Claggart, der Männer grundlos auspeitschen lässt. Billy möchte er als sein nächstes Opfer, doch die ehrliche Art des Jungen steigert in Claggart mehr und mehr seine krankhafte Wut …

Peter Ustinov in schwarzweiß gedrehter Film ist kein Abenteuerfilm im üblichen Sinn. Man findet hier keine tollkühnen Helden, die andere Schiffe kapern. Der Film spielt fast ausschließlich an Bord der Avenger, dem Kriegsschiff, auf das Billy unfreiwillig gebracht wird. Gleich von Anfang an herrscht dort eine angespannte Atmosphäre. Billy bekommt als erstes mit, wie einer der Matrosen ausgepeitscht wird. Und er begegnet dem unheimlichen Claggart. Fast scheint es so, als wäre er der Kapitän des Schiffes und nicht Kapitän Vere, der zwar streng. doch auch irgendwie gutmütig ist.

Das Kunststück, das Peter Ustinov nun fertig brachte, war, dass er „Billy Budd“ im Stil eines Film Noir drehte. Schließlich geht es unter anderem darum, dass ein gemeingefährlicher Psychopath die Mannschaft terrorisiert. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt, denn in dem Film geht es um viel mehr: es geht um die Frage, ob das Gesetz tatsächlich jeden Sachverhalt be- bzw. verurteilen kann, es geht um die Frage der Schuld und damit um moralische Ansichten und inwieweit diese vertretbar sind.

Billy Budd (Terence Stamp) und Claggart (Robert Ryan) in der Kajüte des Kapitäns; „Billy Budd“ (1962); © Allied Artists

All diese Aspekte webt Peter Ustinov gekonnt in eine spannende Geschichte ein, die vor allem durch die Gegenüberstellung von Billy Budd und dem bösartigen Claggart lebt. Bei den jeweiligen Aufeinandertreffen knistert es regelrecht vor Spannung. Robert Ryan, der auf die Rollen psychopathisch veranlagter Bösewichte spezialistiert war, spielt hier Claggart auf eine so bedrohliche Weise, dass sich die Furcht der Mannschaft regelrecht auf den Zuschauer überträgt. Ihm gegenüber hatte Terence Stamp seine erste Filmrolle und war dafür gleich mehrfach ausgezeichnet und sogar für den Oscar nominiert worden. Peter Ustinov selbst führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch am Drehbuch mit und produzierte den Film. Zugleich spielte er die Rolle von Kapitän Vere, der sich durch sein Klammern an die Pflicht selbst in die Zwickmühle bringt.

Kurz: „Die Verdammten der Meere“ ist ein erstklassiger (Abenteuer-)Film, der an Spannung kaum zu überbieten ist und der einem aufgrund der grundlegenden Fragestellung, um die es letztendlich geht, nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht.

Die Verdammten der Meere (OT: Billy Budd). Regie, Drehbuch, Produktion: Peter Ustinov, Darsteller: Robert Ryan, Terence Stamp, Peter Ustinov, Melvyn Douglas, John Neville, David McCallum. England 1962, 123 Min.