Die Klunkerecke: Unsere kleine Schwester (2015)

Unsere kleine Schwester (Japan 2015); © Pandora Film/Toho Inc.

Frauenfilme haben auch in Japan eine lange Tradition. Sie gehen stets einher mit Emanzipationsbewegungen und reichen zurück bis in die 1930er Jahre. So ist auch das moderne japanische Kino eng damit verbunden. Denn Mitte der 90er Jahre formte sich in Japan eine neue Emanzipationsbewegung, die jene Filme beeinflusste, die ab diesem Zeitpunkt produziert wurden. Hirokazu Koreedas 2015 entstandener Film Unsere kleine Schwester gehört zu den besten Beispielen dafür.

Die drei Schwestern Sachi, Yoshino und Chika leben zusammen in einem Haus in dem Küstenort Kamakura. Vor 15 Jahren hat sie ihr Vater wegen seiner Geliebten verlassen. Als sie nun von seinem Tod erfahren, reisen sie zum ersten Mal in die Stadt, in der ihr Vater gelebt hat, um an der Beerdigung teilzunehmen.

Mit großer Überraschung stellen sie dabei fest, dass ihr Vater noch eine Tochter hat: die 13-jährige Suzu, die mit ihrer Stiefmutter nicht zurecht kommt. Kurzerhand beschließen die drei Schwestern, Suzu mit nach Kamakura zu nehmen.

Unsere kleine Schwester ist Hirokazu Kore-edas optimistischster Film, eine helle, leichte und liebevolle Geschichte um eine außergewöhnliche Familie, hat doch nach dem Weggang des Vaters die älteste Schwester Sachi die Rolle des Familienoberhaupts übernommen.

Es ist kein Film über Familienkonflikte, denn diese liegen bereits in der Vergangenheit. Vielmehr ist es ein Film über das Leben selbst, über Zusammenhalt und harmonische Gemeinschaft. Kore-eda entwirft dabei sozusagen ein Gegenmodell zum traditionellen Patriarchat, denn in seinem Film regieren und handeln beinahe ausschließlich Frauen.

Obwohl Kore-eda wie bei jedem seiner Filme das Drehbuch selbst verfasste, so ist Unsere kleine Schwester eine Adaption eines Mangas der preisgekrönten Autorin Akimi Yoshida, deren Geschichten hauptsächlich für junge Frauen konzipiert sind. Während man vor allem in Deutschland noch immer Mangas belächelt, so gehören sie in Japan von Anfang an zur belletristischen Literatur und stehen daher auf derselben Ebene wie etwa die Romane von Haruki Murakami. Aus diesem Grund ist es nicht außergewöhnlich, dass Hirokazu Koreeda sich eines solchen Stoffes angenommen hat.

Was Akimi Yoshidas Werke besonders auszeichnen, ist die sanfte melancholische Atmosphäre, die in ihren Geschichten mitschwingt. Kore-eda griff diese Atmosphäre für seine Adaption auf, die sich nicht nur in der Geschichte, sondern auch in den wunderbaren Landschaftsaufnahmen bemerkbar macht.

Hirokazu Kore-eda verzichtet in Unsere kleine Schwester völlig auf sozialkritische Aspekte, die in seinen Filmen immer mitschwingen. Stattdessen geht der Film voll und ganz im Alltag der Schwestern auf. Fast alle der vier Darstellerinnen haben bereits davor mit Kore-eda zusammengearbeitet. Suzu Hirose, die die „kleine Schwester“ spielt und dabei zugleich ihr Debut gab, erhielt für ihre Rolle den Japanese Academy Award als beste Newcomerin. Zwei Jahre später arbeitete sie wieder mit Kore-eda in dessen Thriller The third Murder zusammen.

Unsere kleine Schwester (OT: Umimachi Diary). Regie u. Drehbuch: Hirokazu Kore-eda, Produktion: Kaoru Matsuzaki, Hijiri Taguchi; Darsteller
Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Ryo Kase, Kirin Kiri, Lili Franky; Japan 2015, 127 Min.

Retribution – Japans düstere Seite

Die Frau in Rot verfolgt Kommissar Yoshioka; Retribution (2006), © Sakebi Film Partners

Kiyoshi Kurosawa ist ein Regisseur der leisen Töne. Viele Filmkritiker stellen ihn daher auf dieselbe Stufe wie Hirokazu Koreeda, der vergangenes Jahr mit „Shoplifters“ die Goldene Palme erhielt. Obwohl Kiyoshi Kurosawa eher im Horrorgenre beheimatet ist, hat er mit Koreeda doch eine große Gemeinsamkeit: die Kritik an der japanischen Gesellschaft. Geht es bei Koreeda um Realismus, so gehen Kurosawas Filme stets über ins Surreale.

Auf diese Weise funktionieren Kurosawas Filme immer auf zwei Ebenen: zum einen als Horrorfilm, zum anderen als Sozialdrama. Dies zeigt sich vor allem in seinem Spielfilm „Retribution“, der von Takashige Ichise produziert wurde, der auch als Produzent hinter den Filmen „Ring“ und „Ju-On“ steckt, den beiden Überklassikern des modernen japanischen Horrorkinos. Es geht darin um eine sonderbare Mordserie, bei der Menschen in Salzwasser ertrinken. Während die Polizei nach einem Serienmörder sucht, befürchtet Kommissar Noboru Yoshioka mehr und mehr, dass er selbst etwas mit den Morden zu tun haben könnte.

Diese Befürchtung wird dadurch untermauert, da Yoshioka auf einmal von einer seltsamen Frau in Rot verfolgt wird. Yoshioka ist eine gebrochene Figur, die es in dem düstergrauen Tokio nicht länger aushält. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin möchte er daher nicht nur die japanische Hauptstadt,  sondern Japan ganz verlassen.

Wie gesagt, funktionieren Kurosawas Filme stets als Horrorfilm, als auch als Sozialdrama. Speziell in „Retribution“ gelingt es dem Regisseur hervorragend, beide Aspekte fießend miteinander zu verbinden. Er zeigt ein düsteres, trostloses Japan, in dem eine kalte Anonymität herrscht. Leere Straßen, verlassene Häuser, Fassaden, von denen der Putz abfällt, Wohnungen, die keine Heimeligkeit vermitteln, sondern Hoffnungslosigkeit und Verfall.

Yoshioka und seine Lebensgefährtin planen, ihr Leben zu ändern; „Retribution“ (2006); © Sakebi Film Partners

All dies dient Kurosawa dazu, die negativen Seiten der Moderne hervorzuheben, wobei er sich hierbei mit Hirokazu Koreeda deutlich überschneidet: Vereinzelung, Orientierungslosigkeit, Egoismus und damit verbundene soziale Kälte. Die Frage, die man sich dabei stellt, lautet, ob das Grauen nicht eher die moderne Gesellschaft selbst ist und weniger der Geist der Vergangenheit, der den Stadtteil, in dem Yoshioka wohnt, heimsucht.

Obwohl viele Kritiker „Retribution“ weniger gelungen halten, als Kurosawas andere Filme (wie z.B. „Cure“ oder „Real“), zeigt er dennoch Kurosawas Filmkunst in überaus ausgeprägter Form. Gut, über das Ende lässt sich sicherlich streiten, doch insgesamt ist es ein hervorragender Film, dem man durchaus mehr Beachtung wünscht.

Retribution. Regie u. Drehbuch: Kiyoshi Kurosawa, Produktion: Takashige Ichise, Darsteller: Koji Yakusho, Manami Konishi, Tsuyoshi Ihara, Joe Odagiri, Ryo Kase, Riona Hazuki. Japan 2006, 104 Min.

Yo-Yo-Girlcops – Kult-Trash aus Japan und ein weniger kultiges Remake

Szenenfoto aus „Sukeban Deka 1“; Copyright: Rapid Eye Movies

Irgendwie kam und kommt aus Japan der bessere Trash. Ein wunderbares Beispiel dafür dürften die beiden Kazama-Schwestern sein, die mithilfe ihrer Yo-Yos den Bösewichten den Garaus machen. 1987 und 1988 entstanden zwei Filme, die so erfolgreich waren, dass die Schauspielerinnen sogar als Bandformation durch die Präfekturen tingelten.

Bei den Kazama-Schwestern handelt es sich um außergewöhnliche Schulmädchen, deren Herkunft im Dunkeln liegt. Auf jeden Fall sind sie sehr kampferprobt. Auch ihre Waffen sind alles andere als gewöhnlich: so gibt es Killer-Origamivögel oder auch die oben genannten Yo-Yos, mit deren Hilfe unter Umständen sogar Helikopter vom Himmel geholt werden können. Die Schwestern arbeiten im Geheimauftrag der Polizei und sollen größenwahnsinnige Verbrecher aus dem Weg räumen.

In Teil 1 aus dem Jahr 1987 haben es Asamyia Saki und ihre Kampfgenossinnen mit einem Cyborg zu tun, der auf einer abgelegenen Insel Schüler zu Attentätern ausbildet. In Teil 2 ist es ein geisitg verwirrter Jura-Student, der Japan in seine Macht bringen möchte.

„Sukeban Deka – The Movie“; Copyright: Rapid Eye Movies

Ganz klar schwierige Aufgaben. Doch die Supermädels haben es drauf, und schon fliegen die Fetzen. Beide Filme sind gefüllt mit bizarrer Action und haufenweise Explosionen, so dass zum Schluss kaum noch ein Stein auf dem anderen liegt.

Teil 1 ist in dieser Hinsicht eindeutig besser und witziger als sein Nachfolger, der zwischendurch ein, zwei Durchhänger hat, bevor es wieder zur Sache geht. Insgesamt aber liefern beide Filme ein wahren Feuerwerk an trashiger Unterhaltung.

Beide Filme liefen damals sehr erfolgreich in den japanischen Kinos. Nach dem zweiten Film jedoch war Schluss mit Lustig, und auch die Gesangs-Tournee wurde wieder abgesetzt. Die Filme selbst waren übrigens Adaptionen einer damals erfolgreichen Manga-Serie.

Etwa 20 Jahre nach den beiden Erfolgen Sukeban Deka 1 und 2, verfilmten die japanischen Studios erneut eine Geschichte um das Yo-Yo schwingende Supergirl Asamiya Saki. Dabei kommt jedoch alles andere als Freude auf.

Inzwischen lebt die frühere Yo-Yo Kämpferin Saki in den USA, wo sie sich dem tristen Alkoholgenuss hingibt. Ihre Tochter wird der Spionage verdächtigt und zurück nach Japan gebracht. Dort kommt es zwischen ihr und der Polizei zu einem Deal: sie soll merkwürdige Todesfälle unter Schülern untersuchen. Wenn ihr die Lösung des Falles gelingt, so kommt sie frei. Die junge Saki nimmt das Angebot an. Bei ihren Nachforschungen kommt sie auf die Spur einer gemeinen Gaunerbande …

Alles in allem überzeugt der neue Saki-Film nur sehr wenig. Waren die früheren Filme voller kurioser Action und bizarrer Bösewichte, so läuft in Yo-Yo Girlcop alles zu normal ab. Im Zentrum des Films steht die Diskussion über die heutige Jugend von Japan, die sich ganz und gar nicht den alten Traditionen anpassen möchte.

Immer diese Schlägereien auf dem Schulhof …; „Yo-Yo-Girlcop“ (2006); Copyright: Rapid Eye Movies

So kommt Saki hinein in eine Welt, in der Schüler gemobbt und schikaniert werden, in der Joints am Schulklo geraucht werden und in der der Selbstmord von Schülern an der Tagesordnung ist. Der Film liefert dadurch ein extrem pessimistisches Bild der japanischen Gesellschaft. Battle-Royal 2-Regisseur Kenta Fukasaku zeigt ein völlig heruntergekommenes Japan, das fast schon dystopische Merkmale besitzt. Dabei verliert er sich jedoch zu sehr in gesellschaftskritischen Aspekten, sodass die eigentliche Handlung flöten geht. So gesehen ist hier Action Mangelware, die Bösen keineswegs so grotesk wie in den 80ern und von Ironie und Witz kann schon fast gar nicht mehr die Rede sein.

Um die Zuschauer dennoch in die Kinos zu locken, engagierten die Produzenten die drei Mitglieder der damals angesagten Girl-Band Vu-Den, die es inzwischen längst nicht mehr gibt. Zwar spielt die Leadsängerin ihre Rolle als Bösewichtin wirklich gut, doch ist ihre Mühe leider vergeblich. Trotz guter Optik, funktioniert die Neuadaption so gut wie gar nicht.

Sukeban Deka 1 u. 2 sind jedoch bis heute Kult und gelten als Actionklassiker des japanischen (Trash-)Kinos.

Sukeban Deka – Der Film/Sukeban Deka 2 – Die Kazama-Schwestern schlagen zurück (OT: Sukeban Deka 1 + 2), Regie: Hideo Tanaka, Drehbuch: Izo Hashimoto, Darsteller: Yui Asaka, Masato Ibu, Keizo Hanie, Goro Kataoka. Japan 1987/88, jeweils 90 Min

Yo-Yo Girl Cop (OT: Sukeban Deka: Kodo nemu = Asamiya Saki), Regie: Kenta Fukasaku, Drehbuch: Shoichi Maruyama, Darsteller: Aya Mahuura, Rika Ishikawa, Shunsuke Ishikawa. Japan 2006, 98 Min

Im Reich der Sinne oder Ist Pornografie manchmal auch Kunst?

Ist Pornografie Kunst? Diese Frage musste sich einer der Skandalfilme an und für sich, der japanische Spielfilm Im Reich der Sinne (1976), gefallen lassen. Noch während der damaligen Berlinale wurde der Film beschlagnahmt und als Hardcore Porno bezeichnet. Filmkritiker gingen mit Protesten gegen das Vorgehen der deutschen Behörden vor, denn für sie war klar, dass Nagisa Oshimas Film Kunst darstellte – und Kunst ist u. a. dazu da, um zu provozieren.

Später wurde die Beschlagnahmung tatsächlich zurückgenommen, der Film erhielt – wahrscheinlich als Nachtritt gegen die deutschen Beamten – das Prädikat besonders wertvoll. Im Reich der Sinne besteht aus einre Aneinanderreihung diverser Sexszenen, die in der Tat ziemlich freizügig umgesetzt wurden. Der Film spielt hauptsächlich nur in einem einzigen Raum, in dem Kichizo und die Geisha Abe Sada Sex haben. Immer mehr verfallen sie dabei einer nicht enden wollenden Lust, die bis zur äußersten Grenze vorangetrieben wird, wobei sie alles andere um sich herum vergessen.

Japanisches Originalplakat von „Im Reich der Sinne“

Ist Im Reich der Sinne nun Pronografie oder ist er Kunst? Was, wie ich glaube, den Film von einem Porno unterscheidet, ist, dass Oshima mit den Sexszenen eine sowohl künsterlische als auch soziologische Aussage treffen möchte. Indem er nur die beiden Figuren zeigt, zeigt er zugleich Menschen, die sich nur noch ihren Trieben hingeben und sich dabei gegenseitig selbst zerstören. Die reine Lust daher als ein Gegenpol zu den Merkmalen, mit denen sich der Mensch selbst als ein höheres Wesen definiert. Wenn diese Merkmale wegfallen, bleibt von dem höheren Wesen nicht mehr viel übrig. Die soziologische Gegenüberstellung Zivilisation contra Barbarei kommt einem dabei in den Sinn. Und vielleicht ist es genau das, was Oshima damit ausdrücken wollte: es braucht nicht viel, um aus zivilisierten Menschen unzivilisierte Kreaturen zu machen.

Andererseits besitzt Im Reich der Sinne durchaus pornografische Merkmale. Der erregierte Penis fehlt hier genauso wenig wie die Penetration. Zwar nicht in Großaufnahme, sondern noch immer innerhalb eines spielfilmartigen Rahmens, doch sind dies eben Merkmale, die in anderen Filmen nur angedeutet werden. Etwa wie in Shame (2011) von Steve McQueen, in dem selbst die pornografische Choreografie am Ende des Films keineswegs eine skandalöse Ebene erreicht.

Selbst aus heutiger Sicht erscheint Im Reich der Sinne sehr gewagt. Nicht einmal Jess Francos Werke aus den 70er Jahren, denen Kritiker damals gerne pornografische Absichten unterstellten, erreichen diese Ebene. Letztendlich aber bleibt es jedem selbst überlassen, ob er in dem Film eine Art Porno sieht oder ob es sich um provozierendes Kino der Protestepoche handelt.

Im Reich der Sinne. Regie, Drehbuch, Produktion: Nagisa Oshima, Darsteller: Tatsuya Fuji, Eiko Matsuda. Japan/Frankreich 1976, 105 Min.

 

Confessions – Geständnisse: Zwischen Sozialkritik und optischem Rausch

„Confessions“ (2010) ist die Adaption des gleichnamigen Thrillers der Autorin Kanae Minato. Minatos Romandebut aus dem Jahr 2008 ist ein regelrechter Pageturner, dessen spannende und provokative Handlung einen nicht mehr loslässt. Die Verfilmung steht dem Buch in nichts nach.

Normalerweise reichen die filmischen Adaptionen nicht wirklich an die jeweiligen Romanvorlagen heran. Manche Verfilmungen wirken sogar eher wie ein Handlungsgerüst, dem es an der Fülle der Vorlage fehlt. Regisseur Tetsuya Nakashima jedoch ist hier eine Ausnahme. Er brachte das Kunststück fertig, die Adaption genauso gut werden zu lassen wie Minatos Roman.

Die Komplexität der Geschichte lässt sich nicht einfach visuell umsetzen. So musste Nakashima ebenfalls passen und verwendete als Hilfsmittel jede Menge unterschiedliche Erzählstimmen, die als Voice Over zusätzliche Informationen zu den Bildern liefern, eine Methode, bei der sich Hitchcock sicherlich vor Ärger im Grab umdrehen würde, da der Meister der Kinokunst strikt gegen dieses Mittel war. Interessanterweise aber stört dieses viele Erzählen nicht. Denn Nakashima verwebt die Stimmen mit der unglaublichen Montage des Films zu einem kunstvollen Ganzen.

Wahrscheinlich war dies auch ein Grund dafür, weswegen „Confessions“ 2011 für den Oscar als Bester ausländischer Film nominiert gewesen war. Denn der Film als solcher ist in der Tat ein Kunstwerk. Die unzähligen Momentaufnahmen erinnern dabei ein bisschen an Baz Luhrmanns Erzählmethode. Doch kopiert Nakashima den australischen Regisseur nicht. Er schafft einen ganz eigenen Stil, der „Confessions“ zu einem Werk der dunklen Poetik werden lässt.

Yuko Moriguchi (Takako Matsu) vor ihrer Klasse; „Confessions“ (2010), © Rapid Eye Movies

Es geht darin um eine Lehrerin, deren Tochter von zwei Schülerin ihrer Klasse ermordet wurde. An ihrem letzten Schultag vor den Ferien erzählt Yuko Moriguchi ihren Schülern darüber, ohne aber die Namen der beiden Mörder zu nennen. Stattdessen verwendet sie die Bezeichnung Schüler A und Schüler B. Jeder in der Klasse aber weiß natürlich, wer gemeint ist. Mit ihrer Aktion löst Yuko Moriguchi eine bizarre und grausame Folge von Ereignissen aus, durch die ganze Familien zerstört werden.

Sowohl Kanae Minatos Roman als auch Nakashimas Verfilmung stellen das moderne japanische Rechtssystem in Frage, doch lässt sich die Thematik ohne weiteres auch auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragen. Denn in bestimmten Fällen greift das Rechtssystem nicht und die Täter kommen ungeschoren davon. Minato kritisiert aufs heftigste diesen Sachverhalt. Auch der Film greift diese Kritik auf und bringt sie auf den Punkt: minderjährige Straftäter können nicht bestraft werden. Doch weder Minato noch Nakashimas Adaption nehmen hierbei eine Rolle als Moralapostel ein. Beide bleiben nüchtern und objektiv und beschreiben eine Gesellschaft, deren moraliche Werte sich zunehmend auflösen.

Originalkinoplakat von „Confessions“

Es ist natürlich harter Tobak, was die Geschichte beinhaltet. Nakashima jedoch macht aus dieser traurigen Realität ein bis ins Surreale hinein reichendes Drama, das mit einem unvergleichlichen Soundtrack unterlegt ist. Im gesamten Film herrscht keine einzige Sekunde lang Stille. Ein musikalisches Thema folgt dem nächsten, wechselt sich ab oder geht über in einen melancholisch-düsteren Song, der den Bildern noch größeres Gewicht verleiht.

Wenn man „Confessions“ mit einem einzigen Satz beschreiben müsste, so müsste man sagen: Der Film ist eine echte Wucht. „Confessions“ ist ein optischer Rausch, der aber die eigentliche gesellschaftliche Kritik nicht aus den Augen verliert, sondern diese gekonnt in seine Ästhetik integriert. Nakashimas Adaption zählt bis heute zu den zehn erfolgreichsten japanischen Filmen überhaupt. Und das zurecht.

Geständnisse (OT: Confessions/Kokuhaku). Regie u.  Drehbuch: Tetsuya Nakashima, Darsteller: Takako Matsu, Masaki Okada, Yoshino Kimura, Yukito Nishii, Ai Hashimoto, Mana Ashida. Japan 2010, 103 Min.

 

 

Die Klunkerecke: K-20 – Die Legende der schwarzen Maske (2008)

Japan hatte sich ab Beginn des neuen Jahrtausends vor allem auf den Export von Horrorfilmen verlegt. J-Horror war in aller Munde. Neben den Animes gehörte dieses Genre zu den wichtigsten Einnahmequellen der japanischen Filmindustrie. Dabei gerieten jedoch Produktionen aus anderen Genres eher ins Hintertreffen. Umso schöner war es daher, als es 2008 dann doch ein recht außergewöhnliches japanisches Fantasy-Action-Spektakel bis nach Deutschland geschafft hatte: „K-20 – Die Legende der Schwarzen Maske“.

Die Geschichte spielt in einer Alternativwelt, in welcher der Zweite Weltkrieg nie stattgefunden hat. Es ist das Jahr 1949. Die Gesellschaft ist gespalten in Arm und Reich. Ein mysteriöser Krimineller, der unter dem Namen „Das Phantom mit den 20 Masken“ bekannt ist, versucht, gegen die Regierung anzukämpfen. Eine Verwechslung führt dazu, dass der Zirkusakrobat Heikichi für K-20 gehalten und von der Militärpolizei verhaftet wird. Nach einer spektakulären Flucht, kennt Heikichi nur ein Ziel: er möchte sich an dem echten K-20 rächen. Dadurch wird er allerdings ungewollt zum Helden. Denn K-20 hat vor, Teslas Erfindung zur drahtlosen Energieübertragung für die Zerstörung der Welt zu verwenden. Heikichi muss dieses Vorhaben stoppen.

Wer ist nun eigentlich der Schurke? „K-20 – Die Legende der schwarzen Maske“ (2008); © Sunfilm Entertainment

Mit einer Dauer von über zwei Stunden wird „K-20“ keine Minute langweilig. Dafür sorgen nicht nur die wunderbaren Stadtkulissen und Spezialeffekte, sondern ebenso die durchaus interessante Handlung. Einmal mehr wird Japan als faschistischer Staat dargestellt („20th Century Boys“ lässt grüßen), Weltsprache ist Deutsch. Die Gesellschaft befindet sich noch immer im tiefsten Feudalismus, obwohl die Technik große Fortschritte macht. Und einmal mehr wird auf den Physiker Nikolas Tesla (1856-1943) Bezug genommen, dessen Namen seit dem Film „Prestige“ in der Phantastikwelt immer wieder gerne herangezogen wird.

Doch die Ideen passen zusammen und liefern einen wunderbaren Hintergrund für die Geschichte eines Mannes, der sich nach und nach zu einem Superhelden entwickelt. Überwiegend konzentriert sich dann auch Regisseurin Shimako Sato auf Action, Spezialeffekte und Witz, sodass der Film zu einem wahren Symbol für Kurzweiligkeit wird.

Einmal grimmig dreinschauen, bitte. „K-20 – Die Legende der schwarzen Maske“ (2008); © Sunfilm Entertainment

Shimako Sato beurteilte ihren Film selbst als bloße Unterhaltung im Sinne von „Indiana Jones“. Diese Anspielung fällt auf jeden Fall in der Musik auf, die sich stark an dem Erfolgsfilm orientiert. In der Ästhetik finden sich allerdings eher die Düsternis von „V wie Vendetta“ und die Dramaturgie von „Batman“ wieder. Sato verhindert es jedoch, diese Vorbilder zu kopieren, sondern entwickelt aus diesen beiden Stilen einen ganz eigenen, der einerseits typisch japanisch, andererseits auf klassische Weise westlich orientiert ist. Dadurch gelang ihr einer der wohl besten japanischen Actionfilme.

Titel: K-20 – Die Legende der Schwarzen Maske (OT: K-20 – Kaijin niju menso den), Regie u. Drehbuch: Shimako Sato, Produktion: Shuji Abe, Seiji Okuda, Darsteller: Takeshi Kaneshiro, Takako Matsu, Toru Nakamura, Kanata Honga, Yuki Imai. Japan 2008, 142 Min.

FuBs Double Feature (1990 – 2000): Jurassic Park (1993) und Ring (1998)

So schlimm waren die 90er Jahre eigentlich gar nicht. Irgendwie versuchte man, die 80er Jahre in den 90ern weiterzuführen. Und dennoch wollte es nicht mehr so recht klappen. Denn die viel diskutierte Hollywoodkrise nahm ihren Anfang, was Ende der 90er Jahre dazu führte, dass auf einmal andere Filmländer ihre Chance witterten und auf den internationalen Filmmarkt traten. Am überraschendsten dürfte in dieser Hinsicht sicherlich Südkorea sein, das mit dem Horrorfilm „Whispering Corridors“ (1998) den Startschuss für die Korean Hallyu gab, die koreanische Welle in der Popkultur. International trat Südkorea erst 2000 auf der Berlinale mit dem Drama „JSA“ (1999) auf und sorgte ab da für Furore.

Doch der Film, der Hollywood am meisten beeinflussen sollte, war die japanische Produktion „Ringu“ (1998). Der Film löste sowohl in Hollywood als auch in so gut wie allen anderen Ländern Produktionen aus, die diese besondere Machart übernahmen, wenn auch in jeweils anderen Zusammenhängen.

In den 90ern kamen verstärkt auch die CGI-Effekte auf, die immer mehr das Filmemachen bestimmen sollten. Natürlich gab es Computer generierte Effekte auch schon in den 80ern, doch wurde damals noch verstärkt auf gute alte Handarbeit Wert gelegt. Auf diese Weise konnte T-1000 noch gemeingefährlicher werden und auf dieselbe Weise kehrten die geliebten Dinos zurück auf die Leinwand.

Jurassic Park gilt als Meilenstein in Sachen CGI. Der Film reizte die Effekte bis ins letzte Detail aus. Wer damals im Kino saß, der musste sich immer wieder vergegenwärtigen, dass die Urviecher nur aus Bits und Bytes bestanden. So erging es jedenfalls mir, für den das höchste der Gefühle bis dahin die guten alten Stop Motion-Effekte gewesen waren. Ja, und auf die Dinokacke hatte man auch nicht vergessen, aber die war sozusagen handgerührt.

In Deutschland schlugen unsere hysterischen Pädagogen einmal mehr die Hände über den Kopf zusammen und sorgten für Tobsuchtsanfälle bei den Kindern, die endlich ihre Lieblingssaurier in Aktion sehen wollten. Denn sie durften das nicht, weil unseren Damen und Herren Hysteriker nichts anderes einfiel, als Kindern den Eintritt ins Kino zu verbieten. – Typisch für die von Filmtheoretiker I. C. Jarvie bereits Ende der 60er Jahre bezeichneten PPs, die einmal mehr ein absolutes Unwissen und Unverständnis gegenüber dem Medium Film bewiesen.

In Japan kam es Ende der 90er Jahre zu einem enormen Produktionsschub, was das Filmemachen anbelangt. Aufgrund der asiatischen Wirtschaftskrise lag die japanische Filmwirtschaft beinahe am Boden. Zudem mussten viele Lichtspielhäuser schließen. Doch 1998 wurde plötzlich alles anders, als Regisseur Hideo Nakata mit seinem Meisterwerk Ring auftrat und dadurch die Kassen wieder klingeln ließ.

„Ring“ verband als einer der ersten japanischen Horrorfilme folkloristische Elemente mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen, sodass das Unheimliche nicht wie aus der Mottenkiste wirkte, sondern als etwas Bedrohliches und Fremdartiges für jede Menge Gänsehaut sorgte. Zugleich wurde „Ring“ aufgrund seiner feministischen Thematik zum Sprachrohr der damaligen Emanzipationsbewegung in Japan. Dies hatte zur Folge, dass auch alle weiteren Horrorfilme, denen man schließlich das Siegel J-Horror verpasste, das traditionelle Patriarchat in Frage stellten und die sozialen Probleme aufzeigten, vor denen Frauen in Japan standen und teilweise immer noch stehen.

Blade of the Immortal (2017)

Takashi Miike, der Workaholic unter den Regisseuren, hat es also tatsächlich geschafft: 2017 drehte er seinen 100. Film. Mit „Blade of the Immortal“ legt er eine Manga-Adaption vor, die wahrscheinlich mit dem größten Body Count in die japanische Filmgeschichte eingehen wird.

Es geht um den unsterblichen  Schwertkämpfer Manji, der einem kleinen Mädchen zur Seite steht, um an ihrer Stelle den Mord an ihren Eltern zu rächen. Tatsächlich gibt es nicht mehr zu der Handlung zu sagen. Und das braucht es auch nicht, denn Miikes 100. Film ist ein furioses Action-Schwertkampf-Spektakel, in dem nur so die Körperteile durch die Luft fliegen und das Kunstblut in alle Ecken spritzt.

Takashi Miike, der in seinen Filmen nie zimperlich ist, befindet sich hier somit voll in seinem Element, beinahe scheint es so, als habe er sich damit selbst ein Geschenk machen wollen. Dabei erweist sich der japanische Regisseur einmal mehr als Meister der Optik, als ein Filmästhet, der weiter seinem Motto treu bleibt, dass er seine Filme so drehe wie er möchte, da sie sich sowieso niemand ansehe. Während andere Regisseure früher oder später in eine Routine verfallen, so erlebt man in Miikes Filmen stets aufs Neue eine nicht zu bremsende Kreativität, eine hundertprozentige Leidenschaft am Filmemachen.

So eben auch in „Blade of the Immortal“, der mit seinen über zwei Stunden vielleicht ein wenig kürzer hätte ausfallen können, der aber dennoch von Anfang an überzeugt. Auch wenn sich der Film auf eine fast pausenlose Aneinanderreihung von Schwertkämpfen orientiert, so kommt dabei keineswegs Langeweile auf, denn Miike setzt jedes Mal eins oben drauf und verbindet das Ganze zusätzlich noch mit einer angenehmen Portion Ironie und schwarzem Humor. Dies macht „Blade of the Immortal“ zu einem gelungenen 100. Film eines echten Ausnahmetalents.

Blade of the Immortal (OT: Mugen no junin). Regie: Takeshi Miike, Drehbuch: Tetsuya Oishi, Produktion: Misako Salka, Jeremy Thomas, Darsteller: Takuya Kimura, Hana Sugisaki, Sota Fukushi, Hayato Ichihara. Japan 2017, 140 Min.

Die Klunkerecke: Weltraumbestien (1957)

Einmal gegrilltes Huhn bitte; „Weltraumbestien“ (1957); Copyright: JSV

Wenn es einen Regisseur gibt, der mit dem Phantastischen Film eng verbunden ist, so ist dies Ishiro Honda. Auf sein Konto geht nicht nur „Godzilla“, sondern auch jede Menge weiterer Monsterfilme, die das Image des japanischen Films (neben den Werken Akira Kurosawas) im Ausland prägten.

1957 drehte Honda den SF-Film „Weltraumbestien“, den Kritiker gelegentlich als die japanische Version von „Krieg der Welten“ bezeichnen. In Hondas Film als auch in der berühmten Adaption von H. G. Wells‘ Klassiker geht es um eine Invasion vom Mars. Nur, dass sich die Hintergründe der Invasion in „Weltraumbestien“ ein wenig komplexer gestalten.

Originalplakat von „Weltraumbestien“

Denn in diesem Film stammen die außerirdischen Invasoren von einem Asteroiden namens Mysteroid, der einst Teil eines Planeten gewesen sein soll. Von dort seien die Außerirdischen auf den Mars geflohen und wollen nun die Erde besetzen. Das alles beginnt mit einem sonderbaren Waldbrand, der bereits das erste Anzeichen der Landung der Mysteroiden ist. Kurz darauf greift ein Riesenroboter eine kleine Stadt an. Während das Militär vergeblich gegen die Invasoren kämpft, versucht eine Gruppe internationaler Wissenschaftler, eine Waffe zu entwickeln, die gegen die überlegene Technik der Außerirdischen doch noch etwas bewirken kann …

„Weltraumbestien“ weist in allererster Linie eine hervorragende Optik auf. Auch wenn aus heutiger Sicht der Roboter ziemlich trashig wirkt, so ist die riesige Kampfmaschine dennoch genial in Szene gesetzt. Doch bleibt es nicht allein bei dem Angriff der gewaltigen Maschine, sondern es kommt zu Erdbeben und Überflutungen – und nicht zuletzt ist da der verzweifelte Kampf der Menschen gegen die Außerirdischen.

Aber das ist … das ist doch … :) ; „Weltraumbestien“ (1957); Copyright: JSV

Es ist also mächtig was los in dem Film, der, ähnlich wie in „Godzilla“, die Verzweiflung und die Tragik der Katastrophe hervorhebt, was „Weltraumbestien“ recht düster und ernst erscheinen lässt. Man sieht, dass hier die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg verarbeitet wurden. Die Bilder der fliehenden Bewohner der Stadt erscheinen beinahe wie aus einer Wochenschau.

US-Plakat von „Weltraumbestien“

Diesem Realismus gegenüber stehen die detailverliebten Spezialeffekte sowie der geniale Trash-Faktor des Films, der sich z.B. bei der Entführung der Frauen bemerkbar macht, da die Außerirdischen sich mit ihnen paaren wollen, um den zunehmenden Mutationen entgegenzuwirken. So steht plötzlich einer der fremden Besucher im Garten, schnappt sich die Frau und zieht sie mit sich hoch in das im Himmel schwebende UFO, was ungefähr so aussieht, als würde ein verkleideter Ken auf einem unsichbaren Seil Barbie in die Höhe ziehen. Immerhin handelt es sich bei der Darstellerin um Momoko Kochi, die durch ihre Rolle in Hondas „Godzilla“ weltberühmt wurde.

Auf jeden Fall ist „Weltraumbestien“ ein durch und durch sehenswerter Film, bei dem einem aufgrund seines Lärmpegels nur so die Ohren dröhnen. Während der Film in Japan ein großer Erfolg war, wollte sich dieser im Ausland und vor allem in den USA leider nicht einstellen.

Weltraumbestien (OT: Chikyū Bōeigun). Regie: Ishiro Honda, Drehbuch: Takeshi Kimura, Produktion: Tomoyuki Tanaka, Darsteller: Kenji Sahara, Yumi Shirakawa, Momoko Kochi, Akihito Hirata, Takashi Shimura. Japan 1957, 89 Min.

Shin Godzilla (2016)

Nachdem es die beiden US-amerikanischen Versionen des japanischen Übermonsters aus den Jahren 1998 und 2014 nicht wirklich gepackt haben, nahmen die legendären Toho Studios das Zepter wieder selbst in die Hand – und dies, obwohl man mit „Godzilla – Final Wars“ (2004) eigentlich einen Schlusspunkt hatte setzen wollen.

Aus diesem Grund nannte man den Film dann auch „Shin Godzilla“, was so viel wie „Neuer Godzilla“ bedeutet. Die Ankündigung, dass die japanischen Filmemacher das internationale Lieblingsmonster wieder zurück auf die Leinwand bringen wollen, glich einem echten Paukenschlag. Dementsprechend war „gespannt sein“ ein zu gelinder Ausdruck. Und schließlich war es soweit, als im Juli vergangenen Jahres Godzilla wieder sein berühmtes Brüllen in den japanischen Kinosälen von sich geben durfte.

Das Ergebnis: „Shin Godzilla“ wurde schlagartig zu einem der erfolgreichsten japapanischen Filme, einem Budget von umgerechnet 15 Millionen Dollar steht ein nationales Einspielergebnis von umgerechnet 77 Millionen Dollar gegenüber. Klar, dass man bereits an einem zweiten Film arbeitet.

Doch wie ist der neue Godzilla zu bewerten? Um es gleich als erstes zu erwähnen: „Shin Godzilla“ ist um ein Vielfaches besser als die beiden US-Versionen. Die Effekte sind zwar nicht ganz so großartig, dennoch hervorragend und verbunden mit einer überaus genialen Optik. Die beiden Regisseure Hideaki Anno und Shinji Higuchi gelang es einwandfrei, das Monster in die Gegenwart einzubetten.

Halb Politiksatire, halb bildgewaltige Monsterfaszination erzählen sie die Geschichte um das Ungeheuer aus dem Meer neu, indem eines Tages ein seltsames Phänomen vor der Küste Japans beobachtet wird. Während sich die sog. Experten in den verschiedenen politischen Gremien darüber streiten, ob es sich um ein Unterwasservulkan oder um eine andere natürliche Ursache handelt, kommt in kurzen und extrem lauten Zwischenszenen die eigentliche Ursache ins Bild: ein riesiges Monster, das auf Tokio zusteuert.

Es ist sehr interessant, die Idee zu verfolgen, wie die Politik auf solch ein Ereignis reagieren würde. Beeinflusst durch das Versagen der Behörden und das Aufdecken von Korruption in Sachen Fukushima, begleichen die beiden Regisseure auf filmische Art und Weise die Rechnung, indem sie das Verhalten typischer Beamter und Politiker, die auch in der größten Katastrophe auf Wählerfang sind, durch den Kakao ziehen.

Gut, das ständige Hin- und Herschneiden zwischen den einzelnen Gremien und Ministerien ist gelegentlich zu viel und die Dialoge manchmal zu lang, ein bisschen weniger Beratung und ein bisschen mehr Action hätte dem Film gut getan, doch wird dadurch der Film überraschenderweise nicht langweilig. Eine besondere Schärfe nimmt die Satire dann an, wenn die USA ohne Wenn und Aber eine Atombombe über Tokio abwerfen wollen, um Godzilla zu stoppen – unterstützt durch den UN-Sicherheitsrat.

Währenddessen versuchen die Wissenschaftler hinter das Geheimnis der Existenz Godzillas zu kommen, und auch hier punktet der Film auf ganzer Linie, wird doch das Wesen mit allen möglichen eingewebten Querverweisen auf die früheren Filme hin untersucht. Man könnte schon fast sagen, dass die naturwissenschaftliche Untersuchung im Grunde genommen eine Art medienwissenschaftliche Untersuchung des Phänomens Godzilla darstellt, natürlich alles untermalt mit einer gewissen Selbstironie.

Auch ansonsten gelingt es Anno und Higuchi, das Original von 1954 elegant in unsere Gegenwart rüberzuverfrachten. So fahren wieder die Panzer auf dieselbe Weise auf wie in den früheren Filmen und Helikopter und Kampfjets sausen durch die Luft – dieses Mal jedoch nicht als handgefertigte Modelle, sondern in der CGI-Variante.

Godzilla selbst ist dank der hervorragenden Optik, die zwischen erzählender Kamera und Quasi-Handy-Aufnahmen hin- und herpendelt, einfach nur riesig, ein wahrer Koloss, der Tokio einmal mehr zu Kleinholz verarbeitet. Sogar auf die Originalmusik aus den 50er Jahren hat man nicht vergessen. Kurz: Eine liebevollere Verneigung vor dem König der Monster gibt es nicht.

Shin Godzilla. Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi, Drehbuch: Hideaki Anno, Produktion: Minami Ichikawa, Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara. Japan 2016, 116 Min.