Die Klunkerecke: Frankenstein – Wie er wirklich war (1973)

Regisseur Jack Smight und Autor Christopher Isherwood gelang es Anfang der 70er Jahre, einen Frankensteinfilm zu schaffen, der mit der Romanvorlage von Mary Shelley so gut wie nichts zu tun hat und zugleich oder eher dennoch einen Meilenstein des TV-Films darstellt.

Ausgestattet mit einem großen Budget, konnte man nicht nur auf Stars wie James Mason, Jane Seymour oder John Gielgud zurückgreifen, sondern auch tolle Kulissen und großartige Explosionen kreieren. Isherwood übernahm dabei lediglich die Grundhandlung des berühmten Schauerromans, der Rest ist eine rasante Gruselstory, die teils überraschend blutig ausgefallen ist und sich von einem dramatischen Höhepunkt zu nächsten hangelt.

Victor Frankenstein (Leonard Whiting) und Dr. Clerval (David McCallum) bei einem Experiment; „Frankenstein – The true Story“ (1973); © Universal Pictures

Victor Frankenstein trifft hier auf den genialen Chirurgen Henry Clerval, der Totes wiederbeleben möchte. Nach ein paar Experimenten an toten Tieren, baut er aus Leichenteilen einen Menschen zusammen. Clerval bittet bei diesem letzten Arbeitsschritt Victor um Hilfe, was dazu führt, dass sich dieser immer mehr in das Vorhaben hineinsteigert. Das Resultat ist bekannt: ein Monster. Clerval stirbt und Frankenstein versucht, den künstlichen Menschen in die Gesellschaft einzuführen.

Doch steht Frankenstein dabei vor zwei Problemen: zum einen verfällt der Körper des Monsters und zweitens ist ihm Dr. Polidori auf den Fersen, der ihn dazu bringen will, zusammen mit ihm eine Frau zu erschaffen. Auch das gelingt, doch nach und nach gerät die Situation für Frankenstein und Polidori außer Kontrolle, was tragische und tödliche Konsequenzen mit sich bringt …

„Frankenstein – The true Story“ ist packend, dramatisch und zugleich tiefgründig und, wie bereits erwähnt, reiht dabei einen Höhepunkt an den anderen. Schon die Schaffung des Monsters ist eine wahre Sensation, wenn dabei die ganzen Instrumente explodieren. Unglaublich toll, wenn bei der Schaffung der Frau bunte Farbblasen das Bild ausfüllen und dabei dem Prozess einen leicht psychedelischen Touch verleihen. Nicht weniger originell, wenn das Monster einen Tanzabend aufmischt, um die künstliche Frau namens Prima zu entführen – mit einem wahrhaft grausamen Höhepunkt. Und schließlich das Finale auf einem Segelschiff mitten auf dem Atlantik und bei starkem Sturm, während das Monster Amok läuft.

Der Film liefert bei all dem eine grandiose Optik, sodass man nicht glaubt, einen Fernsehfilm vor sich zu haben. Die Schauspieler gehen dabei voll in ihren Rollen auf. Besonders James Mason, der wie immer einen zwielichtigen Charakter mimt. Nicht weniger grandios sind Bond-Girl Jane Seymour als Prima, der künstlichen Frau, oder auch U.N.C.L.E.-Veteran David McCallum als Chirurg Clerval. Kurz: ein absolutes Meisterstück.

Frankenstein – Wie er wirklich war (OT: Frankenstein – The true Story). Regie: Jack Smight, Drehbuch: Christopher Isherwood, Produktion: Ian Lewis, Darsteller: James Mason, Leonard Whiting, Jane Seymour, David McCallum, Michael Sarrazin, Nicola Pagett. England/USA 1973, 182 Min.

Werbeanzeigen

What keeps you alive – Horror in Zeiten des Genderwahns

Wehe man ärgert sich heutzutage über jemanden, schon wird man verdächtigt Rassist, Sexist oder alles zusammen zu sein. Angefacht durch die metoo-Debatte erzeugt dies einen pseudmoralischen Selbstläufer, der nicht zu stoppen und von Narzisten, die anderen ihre Meinung wenn nötig auch per Anwalt aufdrücken wollen, missbraucht wird.

Was es also braucht, ist eine Antwort auf das, was zurzeit falsch läuft. Und in diesem Sinne kommt der kleine, aber feine Horrorfilm „What keeps you alive“ genau richtig. Die kanadische Produktion stammt von Regisseur Colin Minhian, der sich davor einen Namen durch den SF-Horrorfilm „Extraterrestial“ gemacht hat. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Brittany Allen, die nicht nur die Hautprolle spielt, sondern auch die Musik komponiert hat, entwickelte er die Mischung aus Psycho-Thriller und Gender-Horror, die es in sich hat.

Erzählt wird die Geschichte des gleichgeschlechtlichen Paares Jules und Jackie, die ihren ersten Hochzeitstag feiern wollen. Dazu fahren sie in ein abgelgenes Haus, in dem Jackie als Kind gewohnt hat. Nach und nach aber erfährt Jules, dass Jackie völlig anders ist, als sie sich ausgibt: sie ist eine gefährliche Psychopathin, die ihre Lebensgefährtinnen ermordet, um an deren Geld zu kommen …

Damit ist keineswegs der Plot verraten, denn all das erfährt man schon gleich am Anfang. Was folgt ist dermaßen spannend inszeniert und derart gut gefilmt, dass man buchstäblich den Atem anhält. Auch als gewiefter Horrorfan saß ich wie gebannt da und zitterte, da man stets auf die nächste krankhafte Gemeinheit Jackies gefasst sein muss.

Das Paar sollte zunächst von einem Mann und einer Frau gespielt werden. Doch wahrscheinlich animiert durch die derzeitge Genderdebatte, die sich nur noch um sich selbst dreht, machten Minhian und Allen daraus ein sog. Same-Sex-Couple. Kein männlicher Psychopath, sondern eben eine weibliche Psychopathin, die sich selbst für unübertroffen hält, macht Jagd auf ihre weiblichen Opfer und sorgt dabei für ein Symbol, das überfällig war: eben für den krankhaften Narzissmus, der zurzeit unschöne Blüten treibt und für teils lachhafte, teils widerliche Konflikte verantwortlich ist und nichts mehr mit dem eigentlichen metoo-Anliegen zu tun hat.

Minhian reichen dafür gerade mal zwei hervorragende Schauspielerinnen, die den gesamten Film mit ihrer Aura ausfüllen. Kurz: ein toller Film, der in jeder Hinsicht überzeugt.

What keeps you alive. Regie u. Drehbuch: Colin Minhian, Produktion: Kurtis David Harder, Darsteller: Brittany Allen, Hannah Emily Anderson. Kanada 2018, 98 Min.

 

 

Elizabeth Harvest – Ein Film für fünf Minuten auf eineinhalb Stunden

Besser wäre es gewesen, wenn Sebastian Gutierrez daraus einen Kurzfilm gemacht hätte. Denn schon nach wenigen Minuten weiß man, was hinter dem ganzen Getue steckt. Um die Zuschauer irgendwie weiter bei Laune zu halten, gibt Gutierrez, der u. a. die Drehbücher zu „Snakes on a Plane“ oder dem Remake des Thai-Horrorfilms „The Eye“ schrieb, daher sein Mystery-Thema schnell wieder auf und sattelt um auf Gefangene-Frau-versucht-zu-entkommen.

Doch hilft dies nicht viel. Der Film, der bereits am Anfang seine eigentliche Pointe verrät, läuft uninspiriert weiter. Eine Wendung folgt der nächsten, was aber keineswegs neuen Schwung in die Geschichte bringen würde, sondern fast schon verzweifelt und gegen Ende hin auch irgendwie albern wirkt.

Es geht um Elizabeth, die in das riesige Haus ihres Ehemanns Henry zieht. Sie darf alles tun, außer eines: Sie darf nicht einen bestimmten Raum im Keller betreten. Natürlich macht sie dies dennoch, als Henry nicht da ist. Die Konsequenz davon kann man sich denken. Und wenn man auch die Nobelpreisurkunde, die gleich anfangs in die Kamera gehalten wird, genauer betrachtet, so ist eigentlich alles klar.

Nun ja, das mit der „verbotenen Tür“ hatten wir schon mal. 1948 handelte es sich um den Film „Das Geheimnis hinter der Tür“ von Fritz Lang, einem, wie man heute sagen würde, Romance-Thriller, der nicht wirklich in die Gänge kommt. Um die Filmkritiker zu beruhigen, zitiert Gutierrez dann auch brav Langs Film, auch wenn die Handlungen der beiden Filme nur im Grundgerüst etwas miteinander zu tun haben.

Doch viel kommt bei Sebastian Gutierrez dabei nicht heraus. Wirklich gut spielt eigentlich nur Ciarán Hinds, der hier Elizabeths Ehemann Henry verkörpert. Es macht Spaß, sein Spiel zu beobachten. Die anderen Schauspieler jedoch erliegen dem Durchschnitt. Und der Film? Dieser ist schnell wieder vergessen.

Elizabeth Harvest. Regie u. Drehbuch: Sebastian Gutierrez, Darsteller: Ciarán Hinds, Abbey Lee, Dylan Baker, Matthew Beard. USA 2018, 105 Min.

FuBs Double Feature (1990 – 2000): Jurassic Park (1993) und Ring (1998)

So schlimm waren die 90er Jahre eigentlich gar nicht. Irgendwie versuchte man, die 80er Jahre in den 90ern weiterzuführen. Und dennoch wollte es nicht mehr so recht klappen. Denn die viel diskutierte Hollywoodkrise nahm ihren Anfang, was Ende der 90er Jahre dazu führte, dass auf einmal andere Filmländer ihre Chance witterten und auf den internationalen Filmmarkt traten. Am überraschendsten dürfte in dieser Hinsicht sicherlich Südkorea sein, das mit dem Horrorfilm „Whispering Corridors“ (1998) den Startschuss für die Korean Hallyu gab, die koreanische Welle in der Popkultur. International trat Südkorea erst 2000 auf der Berlinale mit dem Drama „JSA“ (1999) auf und sorgte ab da für Furore.

Doch der Film, der Hollywood am meisten beeinflussen sollte, war die japanische Produktion „Ringu“ (1998). Der Film löste sowohl in Hollywood als auch in so gut wie allen anderen Ländern Produktionen aus, die diese besondere Machart übernahmen, wenn auch in jeweils anderen Zusammenhängen.

In den 90ern kamen verstärkt auch die CGI-Effekte auf, die immer mehr das Filmemachen bestimmen sollten. Natürlich gab es Computer generierte Effekte auch schon in den 80ern, doch wurde damals noch verstärkt auf gute alte Handarbeit Wert gelegt. Auf diese Weise konnte T-1000 noch gemeingefährlicher werden und auf dieselbe Weise kehrten die geliebten Dinos zurück auf die Leinwand.

Jurassic Park gilt als Meilenstein in Sachen CGI. Der Film reizte die Effekte bis ins letzte Detail aus. Wer damals im Kino saß, der musste sich immer wieder vergegenwärtigen, dass die Urviecher nur aus Bits und Bytes bestanden. So erging es jedenfalls mir, für den das höchste der Gefühle bis dahin die guten alten Stop Motion-Effekte gewesen waren. Ja, und auf die Dinokacke hatte man auch nicht vergessen, aber die war sozusagen handgerührt.

In Deutschland schlugen unsere hysterischen Pädagogen einmal mehr die Hände über den Kopf zusammen und sorgten für Tobsuchtsanfälle bei den Kindern, die endlich ihre Lieblingssaurier in Aktion sehen wollten. Denn sie durften das nicht, weil unseren Damen und Herren Hysteriker nichts anderes einfiel, als Kindern den Eintritt ins Kino zu verbieten. – Typisch für die von Filmtheoretiker I. C. Jarvie bereits Ende der 60er Jahre bezeichneten PPs, die einmal mehr ein absolutes Unwissen und Unverständnis gegenüber dem Medium Film bewiesen.

In Japan kam es Ende der 90er Jahre zu einem enormen Produktionsschub, was das Filmemachen anbelangt. Aufgrund der asiatischen Wirtschaftskrise lag die japanische Filmwirtschaft beinahe am Boden. Zudem mussten viele Lichtspielhäuser schließen. Doch 1998 wurde plötzlich alles anders, als Regisseur Hideo Nakata mit seinem Meisterwerk Ring auftrat und dadurch die Kassen wieder klingeln ließ.

„Ring“ verband als einer der ersten japanischen Horrorfilme folkloristische Elemente mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen, sodass das Unheimliche nicht wie aus der Mottenkiste wirkte, sondern als etwas Bedrohliches und Fremdartiges für jede Menge Gänsehaut sorgte. Zugleich wurde „Ring“ aufgrund seiner feministischen Thematik zum Sprachrohr der damaligen Emanzipationsbewegung in Japan. Dies hatte zur Folge, dass auch alle weiteren Horrorfilme, denen man schließlich das Siegel J-Horror verpasste, das traditionelle Patriarchat in Frage stellten und die sozialen Probleme aufzeigten, vor denen Frauen in Japan standen und teilweise immer noch stehen.

El Bar (2017)

Obwohl die Hochphase des neuen spanischen Horrorfilms, die etwa Anfang 2000 begann, längst wieder verpufft ist, so kommen dennoch immer mal wieder interessante und vor allem sehenswerte Genrefilme über die Pyrenäen. So z.B. der Thriller „El Bar“ des Regisseurs Alex de la Iglesia.

Iglesia ist einer der wenigen spanischen Regisseure, der sich voll und ganz auf das Horror- und Thrillergenre spezialisiert hat und dabei fast schon regelmäßig Preise einheimst. Sein neuester Streich spielt, wie es der Titel bereits verrät, in einer Bar in der Innenstadt von Madrid. Dort befindet sich gerade eine Handvoll Leute, als auf einmal ein hustender Mann das Lokal betritt und sich in der Toilette verschanzt. Kurz darauf wird ein Kunde, der die Bar verläßt, erschossen und die Umgebung, in der sich die Bar befindet, weiträumig abgesperrt. Für die kleine Gruppe in der Kneipe ist nur eines klar: sie müssen einen Weg hinaus finden. Denn die Lage wird immer bedrohlicher.

„El Bar“ ist eine durch und durch gelungene Mischung aus Thriller, Horror und schwarzer Komödie. Die Anspielungen auf „Rec“ sind gewollt und werden in einer Szene auch mit viel Selbsironie angesprochen. Während „Rec“ aber direkt zeigt, was los ist, so setzt „El Bar“ auf Andeutungen. Dies führt zu einem spannenden Rahmen, innerhalb dessen sich dann die eigentliche Story entfaltet.

Denn diese geht darum, wie die Lage in der Bar nach und nach eskaliert. Sind sich alle zunächst im Klaren, dass sie zusammenhalten müssen, so bröckelt dieser Zusammenhalt sofort, als es nur darum geht, wer mit dem noch einzigen funktionierenden Handy telefonieren darf. Immer weiter spitzt sich die Situation zu, bis diese völlig außer Kontrolle gerät.

Iglesia zeigt auch in diesem Film, dass er sein Handwerk versteht. Die Geschichte rast ungebremst voran, wird dabei von Mal zu Mal dichter und spannender, wobei sich parallel dazu die Konflikte radikalisieren und regelrecht ausarten. All dies aber stets versehen mit einem ironischen Schmunzeln, das aus all den Geschehnissen eine bissige Horrorkomödie macht, die das zwischenmenschliche Verhalten und die Moral in unserer Gesellschaft aufs Korn nimmt. Dies macht „El Bar“ zu einem äußerst kurzweiligen und witzigen Filmvergnügen. Kurz: Sehenswert.

El Bar. Regie: Alex de La Iglesia, Drehbuch: Alex de la Iglesia, Jorge Guerricaechevarria, Produktion: Carolina Bang, Alex de la Isglesia, Darsteller: Mario Casas, Blanca Suarez, Alejandro Awada, Carmen Machi, Terele Pavez, Jaime Orodnez. Spanien 2017, 98 Min.

 

FuBs Double Feature (1960 – 1970): „Psycho“ (1960) und „Blow Up“ (1966)

Die 60er Jahre begannen mit einem Paukenschlag und endeten mit einem Paukenschlag. Am Anfang stand Hitchcock, der mit einem bis dahin noch nie da gewesenen Thriller die Zuschauer in Panik versetzte, am Ende mit „Nacht der lebenden Toten“ ein Low-Budget-Horrorfilm, der das US-amerikanische Kino komplett verändern sollte. Zwischendrin schuf David Lean seine legendären Leinwandepen, zeigte der Italo-Western, wie schmutzig Cowboys wirklich waren, und kreierte Roger Corman mit den berühmten Poe-Adaptionen seine erfolgreichsten Filme. Spätestens „Planet der Affen“ (1968) zeigte, dass die sozialen Bewegungen auch im Kino angekommen waren, während in Deutschland Winnetou und Old Shatterhand in die Kinogeschichte eingingen, nicht zu vergessen auch der berühmte Satz „Hier spricht Edgar Wallace“, der eine Hochphase deutscher Trash-Kunst einleitete. European Trash ist überhaupt das Stichwort, denn während die Hammer Studios in England weiterhin auf einer Erfolgswelle schwammen, kam es auf dem Festland zu den einzigartigen Koproduktionen zwischen Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien, die geradezu in Farbe schwelgten und Hammer als auch den American International Pictures nicht nur Konkurrenz machten, sondern diese auch beeinflussten.

Psycho“ (1960) ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Bloch (übrigens einem Schüler H. P. Lovecrafts). Erst vor wenigen Jahren entstand ein Film über die Entstehung von „Psycho“, der auf dem Sachbuch des Filmexperten Stephen Rebello basiert. Viel muss über den Inhalt von „Psycho“ nicht gesagt werden, außer dass Hitchcock einer der ersten war, der mithilfe eines neuartigen Storytellings die Zuschauer in Panik versetzte. Die angebliche Hauptfigur stirbt nach dem ersten Drittel des Films. Und die Frage, die man sich seitdem stellt, lautet nicht, ob man Janet Leighs Brüste sieht oder das Messer tatsächlich in den (Puppen-)Körper dringt, sondern, ob die Schauspielerin blinzelt oder nicht, nachdem die Kamera sich langsam von ihrem Schreck erstarrten Gesicht entfernt. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, denn Leigh blinzelt zwar nicht, bewegt aber zweimal hintereinander kaum merkbar ihre Augen, da sie nun einmal krampfhaft versucht, nicht zu blinzeln.

„Psycho“ gilt als Begründer des modernen Horrorfilms, bevor neun Jahre später Romeros „Nacht der lebenden Toten“ für eine erneute Wende sorgte. Interessant ist, dass sich „Psycho“ dennoch auf eine geradezu klassische, ja man möchte fast schon sagen traditionelle Erzählweise konzentriert, wenn es darum geht, das Motel zu verorten. Dieses befindet sich nämlich auf einer kaum mehr befahrenen Landstraße, praktisch irgendwo im Nirgendwo. Wie es sich später herausstellt, sind bereits vor dem berühmten Mord mehrere Personen in dieser Gegend spurlos verschwunden. Was natürlich fehlt, sind irgendwelche Gerüchte, doch ansonsten kommt man mit diesen Merkmalen den Aspekten der klassischen Geisterhausgeschichte sehr nahe. Hier vor allem den Geschichten von Ambrose Bierce (1842 – 1914), der mehrfach über einsam gelegene Häuser in den USA schrieb.

So gesehen haben wir hier die moderne Variante eines Spukhauses vor uns, in dem kein Gespenst für Furore sorgt, sondern Norman Bates für Gänsehaut sorgt. Ende der 90er versuchte sich Hollywood an einem Remake und scheiterte dabei kläglich. Es ist immer die Frage, inwieweit es für einen Regisseur sinnvoll ist, sich ausgerechnet an einem Klassiker zu versuchen. Das Ergebnis von 1998 war jedenfalls ein durchschnittlicher Slasher, der all das falsch machte, was Hitchcock richtig gemacht hat.

1966 spielte der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni mit der Wahrnehmung der Zuschauer. In seinem Meisterwerk „Blow Up“ geht es um den Fotografen Thomas, der bei einem seiner Shootings in einem Park ein Liebespaar fotografiert. Als er das Foto vergrößert, sieht er aus einem Gebüsch eine Hand mit einer Pistole ragen. Ein anderes Foto zeigt die Leiche des Liebhabers. Hat also Thomas einen geplanten Mord fotografiert?

„Blow Up“ wurde zu dem Film der Beat Generation und der damit einhergehenden sozialen Veränderungen. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, mit dem sich Roger Corman in seinen Poe-Filmen beschäftigte, ist in „Blow Up“ längst ausgefochten. Thomas macht nur das, was ihm Spaß macht. Er pfeift auf althergebrachte Konventionen und sucht seine Erfüllung im schnellen Sex und der freien Kunst.

Doch die Fotos, die er im Park aufgenommen hat, bringen ihn zum Nachdenken und auch zum Überdenken seiner eigenen Tätigkeit. Im Zentrum des Films steht ein Spiel mit der Wahrnehmung. Zeigen uns Fotos die tatsächliche Realität oder reimen wir uns beim Betrachten der Aufnahmen bloß etwas zusammen? Welche Interpretation ist die richtige bzw. gibt es überhaupt eine Interpretation, die völlige Gültigkeit besitzt?

Wie bereits Hitchcock mit „Das Fenster zum Hof“, so stellt auch Anonioni in „Blow Up“ zentrale Fragen im Hinblick auf die Theorie des Films. Denn was ist Kino anderes als eine visuelle Manipulation? Oder ist Kino Wirklichkeit? Gibt es so etwas wie eine objektive Wahrnehmung? All diese recht schweren und bis heute noch immer diskutierten Fragen setzt Anontioni spielerisch in seinem Klassiker um. Dario Argento machte sich einen zusätzlichen Spaß daraus, indem er den Hauptdarsteller David Hemmings für seinen Thriller „Profondo Rosso“ (1975) engagierte, der sich mit ganz ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt.

„Blow Up“ zählt zu Michelangelo Antonionis einzigem erfolgreichen Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde und bei den Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis gewann.

Die Klunkerecke: Real (2013)

Bereits mit seinem Mysterythriller „Cure“ stieß Regisseur und Drehbuchautor Kiyoshi Kurosawa nicht nur in Japan auf großes Interesse. Weitere Filme wie „Pulse“ oder „Loft“, die sich ebenfalls dem Horrorgenre verschrieben haben, folgten. Mit „Real“ wechselte Kurosawa 2013 das Genre, indem er einen Film schuf, der irgendwo zwischen Science Fiction und Liebesdrama angesiedelt ist.

Es geht darin um Koichi, dessen Freundin seit einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Um sie aus dem Koma zu holen, wird ein neuartiger Versuch gewagt. Koichi soll mithilfe einer Maschine in das Bewusstsein Atsumis eintauchen, um auf diese Weise mit ihr in Kontakt zu treten. Die Behandlung aber hat einen Nebeneffekt: Koichi kann bald zwischen Realität und Wahn nicht mehr unterscheiden …

Die Adaption eines bekannten japanischen SF-Romans mit dem Titel „A Perfect Day for a Plesiosaur“ (verfasst von Rokuro Inui) erscheint zunächst als ein ruhiger und melancholischer Film über Liebe, Schuld und Vergänglichkeit. Doch nach und nach schleichen sich sonderbare und bizarre Erscheinungen in die elegant anmutenden Bilder, die den Film bestimmen. Während Koichi und Atsumi sich über ihre Beziehung unterhalten, liegt auf einmal direkt neben Koichi eine verunstaltete Leiche am Boden. Menschen erscheinen wie unheimliche Traumgebilde, die Ärztin und Leiterin des medizinischen Projekts bezeichnet diese als „philosophische Zombies“.

Dr. Ahiara (Miki Nakatani) bereitet Koichi (Takeru Satoh) auf den Bewusstseinstransfer vor; Copyright: Toho Inc.

Die Kritiker mochten „Real“ dennoch nicht. In Deutschland ist der Film so gut wie unbekannt. Eigentlich schade, denn Kurosawas SF-Drama ist alles andere als langweilig. Im Gegensatz zum zwei Jahre später produzierten „Inception“, versucht Kurosawa den Film nicht durch Action in die Länge zu ziehen. Für ihn steht die Entwicklung der Handlung im Vordergrund. Dafür lässt sich der Regisseur Zeit, doch die zwei Stunden, die der Film dauert, vergehen beinahe wie im Flug.

Dies liegt nicht nur daran, dass die Ästhetik des Films den Zuschauer in ihren Bann zieht, sondern auch in den unerwarteten Wendungen, welche „Real“ eine zusätzliche Spannung und Dichte verleihen. Es geht um die Frage, was Wirklichkeit überhaupt ist und ob man diese mit all seinen Sinnen erfassen kann. Wenn auf einmal Dinge geschehen, die nicht dem Alltagswissen entsprechen, bedeutet dies, dass diese nicht wirklich, sondern Wahnvostellungen sind?

Kurosawa wird, trotz des schwierigen Themas, nie philosophisch. Es geht ihm vielmehr um das Schicksal der einzelnen Figuren, deren Ängste und Probleme. Dies führt dazu, dass der Regisseur es auch nicht an Sozialkritik mangeln lässt. Hierbei steht vor allem der japanische Arbeitsalltag im Zentrum der Kritik, wenn Menschen wegen Überarbeitung sterben oder Selbstmord begehen.

„Real“ wird dadurch zu einem durchaus nachdenklichen Film, mit dem man sich nach der Sichtung noch lange beschäftigt. So eindrücklich sind die Bilder und Situationen, die uns Kurosawa präsentiert.