Unsere Besten 2013

2013 war ein Jahr, das zeigte, dass die interessanten Filme und Bücher nicht im Mainstream zu finden sind, sondern im Bereich der Kleinverlage und Independentproduktionen. Im Grunde genommen war dies immer so, doch in diesem Jahr offenbarten die Diskussionen im Netz, dass von Großverlagen nicht mehr viel zu erwarten ist und dass Hollywood – Krise hin, Krise her – sich, und hierbei beziehen wir uns auf die Aussage Larry Fessendens, sich voll und ganz auf Superheldenfilme eingeschossen hat. Auch von dieser Seite ist also kaum noch Originelles zu erwarten. Im Gegensatz dazu „brodelt“ es richtiggehend in der Kleinverlags- und Independendszene. In diesen Bereichen treffen Leser und Zuschauer noch auf interessante Storys und gut ausgedachte Plots. Aber auch den koreanischen Filmmarkt darf man nicht vergessen. 2013 waren 60% aller Filme, die in Südkorea gezeigt wurden, einheimische Produktionen. Deutschland kann von solchen Zahlen nur träumen. Dies könnte sich jedoch bald ändern, wenn deutsche Produzenten – ähnlich wie in Korea – beginnen, sich auf Thriller und Mystery-Filme zu konzentrieren. Die Weichen dafür sind im Grunde genommen schon gestellt.

Im Folgenden möchten wir auf Filme und Bücher aufmerksam machen, die unserer Meinung nach die besten Produktionen bzw. Releases darstellen.

Beste DVD-Veröffentlichung (Klassiker):

twilight zoneAls beste DVD-Veröffentlichung zählt ganz klar „Twilight Zone“. Dies hat zwei Gründe. Zum einen wurden dem Zuschauer nicht nur die Episoden geliefert, sondern zugleich ein Kapitel Zeit- und (Pop)Kulturgeschichte aufgeschlagen. Die Episoden an sich sind bereits erstklassige Arbeiten. Es sind spannende, tragikomische, fast schon poetische „Kurzgeschichten“. Die Box, welche die komplette erste Staffel enthält, bietet außer den Filmen die damaligen TV-Vorschauen auf andere Sendungen, damalige Werbeeinblendungen und die Hörspielproduktionen, die parallel zur TV-Serie im Radio gesendet wurden. Hinzu kommen Interviews mit noch lebenden Produktionsmitarbeitern und Ausschnitte von Preisverleihungen. Mehr kann man von einer solchen DVD-Box nicht verlangen.

Platz 2: Das schwarze Buch (Film Noir), Platz 3: Die Nacht des Jägers (Film Noir), Platz 4: Flesh + Blood (Ritterfilm), Platz 5: Peterchens Mondfahrt (Kinderfilm)

Beste Low Budget-Produktion:

innkeepers„The Innkeepers“ ist für uns auf Platz 1. Nicht, weil es sich um einen Horrorfilm handelt, sondern weil dieser Film mit ganz wenigen Mitteln auskommt, um damit eine interessante und spannende Geschichte zu erzählen. Man braucht keine Millionen Dollar zu verheizen, um richtiges Kino zu kreieren. Im Gegenteil, es sind die einfachen Methoden, die zählen. Der Film ist ein sehr schöner, weil klassischer Geisterhausfilm, der genauso gut aus der Feder des Geistergeschichtenmeisters M. R. James hätte stammen können. Regisseur Ti West schwimmt mit Absicht gegen den Strom, indem er auf sämtliche Aspekte des modernen  Low Budget-Horrors verzichtet. Im Fokus seines Films stehen die beiden Hauptfiguren und die durch ihre Ängste vorangetriebene Handlung. Leider gingen viele Zuschauer mit völlig falschen Erwartungen an den Film heran. Dies lag an der vom deutschen Vertrieb geforderten FSK 18-Freigabe, welche in keiner Weise nachvollziehbar ist.

Platz 2: Saya Zamurai (Tragikomödie), Platz 3: Passion (Thriller), Platz 4: Under the Bed (Horrorfilm), Platz 5: Maniac (Thriller)

Bester koreanischer Film:

hide and seekAls besten koreanischen Film wählten wir die Low Budget-Produktion „Hide and Seek“. Der Film ist nicht nur unerhört spannend, sondern weist völlig überraschende Wendungen auf, welche den Zuschauer jedes Mal verblüffen. Ein sehr intelligent gemachter Thriller, der seinesgleichen sucht. Bisher wurde der Film nur in Korea gezeigt. Die positiven Kritiken, die Preise, die der Film erhielt, und nicht zuletzt der überraschende Erfolg dürften jedoch dazu führen, dass „Hide and Seek“ bald auch in Deutschland als DVD veröffentlicht wird. Es ist zu befürchten, dass Hollywood ein Remake plant. Hoffen wir nicht, aber die Remakeitis ist leider nicht zu bremsen.

Platz 2: Cold Eye (Thriller), Platz 3: Killer Toon (Horrorfilm), Platz 4: New World (Gangsterfilm), Platz 5: The Terror Live (Thriller)

Bestes Buch:

zwielicht 3Hier mussten wir ebenfalls nicht lange überlegen. Die Anthologie „Zwielicht“ des Herausgebers Michael Schmidt ist eindeutiger Favorit. Die Anthologie präsentiert deutsche Nachwuchsautoren, die in ihren Geschichten ihr Können zeigen. Sämtliche Autoren lösen ihre Aufgaben mit Bravour. Ganz jenseits der Eintönigkeit, die derzeit auf dem Buchmarkt herrscht, liefern sie erfrischende und originelle Kurzgeschichten ab. Die Anthologie lässt durchaus hoffen. Und sie zeigt, dass interessante Werke eben nicht (mehr) in den Großverlagen zu finden sind.

Platz 2: John Marr und andere Matrosen (Autor: Herman Melville; Gedichtband), Platz 3: Die Ritter vom schwallenden Wasser (Autor: Michael Kirchschlager; historischer Kinderroman), Platz 4: Das Casting (Autor: Ryu Murakami; Mystery-Thriller), Platz 5: Überfahrt mit Dame (Autor: Henry James; Novelle).

 

 

 

Zwielicht 3 – Eine Buchrezension

Ich möchte der Rezension folgenden Satz voranstellen: Zum Glück gibt es die Kleinverlagsszene. Während Großverlage nur noch genormte Produkte (manchmal möchte man von Büchern gar nicht mehr sprechen) herausbringen, sprießt unter den Klein- und Kleinstverlagen eine neue Generation an viel versprechenden Autoren heran. In dieser Szene haben Originalität und Einfallsreichtum noch eine Bedeutung. Besonders gilt dies für die deutsche Phantastikszene. Wahrscheinlich wird sich nun der ein oder andere Leser gehörig die Augen reiben und sich fragen: deutsche Phantastikszene? Gibt es so etwas überhaupt (noch)? Die Antwort lautet klar und deutlich: Ja. Und was in diesem Bereich veröffentlicht wird ist vor allem eines: extrem gut.

„Zwielicht 3“. Herausgeber: Michael Schmidt. Cover: Björn Ian Craig.

Ein Beispiel dafür liefert die neue Anthologie des Vincent Preis-Initiators Michael Schmidt. Vincent Preis ist, nebenbei bemerkt, der Name des deutschen Horror Awards. Zwielicht 3 lautet der Titel der Anthologie, die vor kurzem im Verlag Spahir im Stahl herausgekommen ist. In diesem Band versammeln sich bekannte und (noch) unbekannte deutsche Phantastik- und Horrorautoren. Ein weiterer Teil der Anthologie beinhaltet Artikel über Autoren und Aspekte des Unheimlichen.

Zunächst zu den Geschichten. Schon die erste Story „Tintige Welt“ von Antje Ippensen ist eine schön-schaurige Miniatur, die an Thomas Ligotti und nicht weniger an Jorge Luis Borges erinnert. Man sollte dem Text sehr genau folgen, um die Pointe der Geschichte nachzuvollziehen. Vincent Voss mit seiner Erzählung „Wünsch dir was!“ ist ein Hochgenuss an groteskem Horror, in der es die Angestellten einer Firma mit einem Obdachlosen zu tun bekommen. Abel Inkuns „Nacht im Schacht“ ist nicht weniger einfallsreich. Eine Pornofilmcrew möchte in einer alten Kirche einen Film drehen. Was zunächst nach Trash klingt, ist in Wahrheit eine grandiose Mischung aus mordernem und klassischem Horror. Dominik Grittner mit „Der graue Raum“ erzählt die beängstigende Geschichte einer Studentin, der ein unheimlicher Drogendealer nicht mehr von der Seite weicht. Eine sehr spannende und intensive Story. Rainer Innreiter lässt seine Figuren auf einer Felsinsel stranden, nachdem sie Schiffbruch erlitten haben. Der Beginn eines makabren Leseerlebnisses. Mit der Geschichte „Das Muschelmädchen“ verbindet Torsten Scheib klassische, teils barocke Phantastik mit modernem Grusel. Eine spannende Geschichte über einen Mann, der ein durchaus bizarres Erlebnis mit einer Muschel hat. Jakob Schmidts „Wintermann“ ist eine Geschichte in Form eines Briefes. Eine sehr unheimliche Erzählung, die durchaus Albtraumpotential besitzt. Christian Endres liefert mit „Knochen erinnern sich“ eine grandiose Geschichte ab, in der sich Western und Horror die Klinke in die Hand geben. „Zwei Seelen in meiner Brust“ des Herausgebers Michael Schmidt ist eine sehr schöne und düstere Horrorgeschichte, die mit klassischen Motiven des Horrors arbeitet. Lothar Nietschs „Edward“ ist wiederum ein Beispiel des grotesken Horrors, während man Michael Siefeners „Im Schatten“ als eine Art Dr. Faust-Erzählung bezeichnen könnte. „Biedenbach“ von Achim Hildebrand ist eine grotesk-komische Erzählung über einen nervigen Bürokollegen. „Jenseits der Tür“ von Merlin Thomas könnte man als eine Art „Entwicklungsroman“ bezeichnen, der verschiedene Phasen im Leben einer Frau festhält und der durchzogen ist von einem teils abstrakten Horror. Den Abschluss des Erzählteils bildet die Neuübersetzung der Geschichte „Das Tal der Tiere“ des Horrormeisters Algernon Blackwood. Es handelt sich um eine unheimliche Jagdgeschichte, die im Hinblick auf ihre Atmosphäre sehr gut zu den übrigen Geschichten passt.

Der Artikelteil der Anthologie setzt sich u. a. mit dem Waldmotiv im Horrorfilm auseinander. Eine hervorragende Analyse dieses Merkmals von Oliver Kotowski. Mirko Strauch und Daniel Neugebauer zeigen in ihrem Artikel „Lovecrafts Reisetagebuch“, dass dieser Meister des Horros keineswegs der „Einsiedler von Providence“ gewesen ist, sondern durchaus viele Reisen unternommen hat. Die folgenden beiden Artikel von Björn Ian Craig und Eric Hantsch setzen sich mit den Werken von Karl Edward Wagner bzw. Eddie M. Angerhuber auseinander. Eine Laudatio auf den Verleger Frank Festa von Malte S. Sembten rundet das Buch ab.

Fasst man sämtliche Kurzgeschichten zusammen, so findet man darin einen überragenden Hang zur Verspieltheit. Die Autoren wollen sich nicht festlegen lassen. Sie liefern einfallsreiche, spannende und unheimliche Geschichten ab, die man gerne auch ein zweites Mal liest. Die Geschichten sind völlig unterschiedlich, sodass die Anthologie selbst zu einem Erlebnis wird. Der Leser entdeckt mit jeder neuen Story weitere originelle Ideen und Plots, was dazu führt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Man gleitet richtiggehend durch das Buch, als befände man sich in einer Gallerie des Grauens, in der jedes Bild andere Aspekte des Unheimlichen offenbart. Hinzu kommt, dass sämtliche Geschichten wunderbar geschrieben sind, sodass die Anthologie nicht nur eine Entdeckungsreise durch die neue deutsche Phantastik ist, sondern zugleich ein wahrer Genuss, dem man sich gerne hingibt. Zwielicht 3 wird dadurch zu einer der besten Anthologien, die es auf dem Markt gibt.  – Dringend zu empfehlen!

Michael Schmidt (Hrsg): Zwielicht 3. Verlag Saphir im Stahl 2013, 423 Seiten, 9,95€, ISBN: 978-3-943948-11-0