FuBs Fundgrube: Die Weisheit der Knochen

In unserer Reihe FuBs Fundgrube stellen wir Bücher vor, die nur noch antiquarisch zu finden sind.

Es gibt Bücher, bei denen das Cover so abschreckend wirkt, dass man sie eigentlich gar nicht lesen möchte. Doch zeigt sich bei Christopher Hydes Thriller „Die Weisheit des Todes“, der 2009 im Heyne Verlag erschienen ist und inzwischen leider nur mehr antiquarisch zu haben ist, dass man Bücher nicht nach ihrem Cover beurteilen sollte.

„Die Weisheit des Todes“ (Originaltitel: „Wisdom of the Bones“) ist ein unglaublich beeindruckender Thriller, der in Dallas im Jahr 1963 spielt. Präsident Kennedy wird ermordet. Während die Polizei alles daran setzt, den Täter zu finden, geht in der Stadt ein Serienmörder um, zu dessen Opfern ausschließlich schwarze Mädchen zählen. Ray Duval versucht als einziger, den Mörder zu fassen …

Christopher Hyde, von Beruf Journalist, versteht es geradezu meisterhaft, Fakten mit Fiktion zu verbinden. Angeblich basiert der Roman auf einer wahren Begebenheit, doch mehr erfährt man im Nachwort dazu leider nicht. Wichtiger aber ist sowieso der Roman selbst, und der haut einen regelrecht um.

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite beschreibt Hyde den verzweifelten Versuch eines Polizeibeamten, der in all der Hektik, die nach der Ermordung Kennedys die ganze Stadt erfasst, einen Mörder sucht, für den sich ansonsten niemand interessiert. Denn farbige Opfer sind den weißen Polizisten so gut wie egal, Rassismus wird groß geschrieben. Ray Duval lässt trotzdem nicht locker und kommt dabei den Kennedy-Ermittlern immer wieder in die Quere.

Äußerst gelungen an dem Roman ist, dass Hyde in den Szenen, in denen Duval in die mit dem Kennedymord verbundenen Ereignisse tappt, zu denen es die bekannten Filmaufnahmen und Fotos gibt, diese minutiös beschreibt, was nicht ohne schwarzen Humor und böser Ironie geschieht. So findet Duval z.B., als Kennedy ins Krankenhaus gebracht wird, mitten auf dem Flur eine Patronenhülse. Doch anstatt diese dem FBI zu übergeben, steckt er sich diese gedankenverloren in die Manteltasche. – In dieser Hinsicht nicht unerwähnt bleiben darf, wie großartig Christopher Hyde recherchiert hat. Bis zum I-Tüpfelchen genau beschreibt der Autor den damaligen Alltag, die Gebrauchsgegenstände sowie die damalige Polizeiarbeit.

„Die Weisheit des Todes“ ist von Anfang bis Ende ein großartiger Roman, eigentlich einer der besten Thriller, die ich jemals gelesen habe. Leider ist da eben dieses überaus dämliche Cover, das den Eindruck vermittelt, als habe der Grafikdesigner nur halbherzig seine Arbeit erledigt. Im Grunde genommen wirkt es wie selbst gebastelt, bestenfalls wie das Cover eines drittklassigen Heftromans. Schade, dass damals der Heyne Verlag nicht etwas in Auftrag gegeben hat, was dem Roman gerecht wird.

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Der Winter unseres Missvergnügens – John Steinbecks letzter Roman

Kommt man im Leben weiter, wenn man sich an die moralischen Grundsätze hält? Diese Frage beschäftigt Ethan Allen Hawley, der als Verkäufer in einem kleinen Lebensmittelgeschäft arbeitet. Seine Familie war reich gewesen, jedenfalls so lange, bis sein Vater das ganze Vermögen verloren hat. Außer Geld und Land verlor die Familie eben auch den Laden, in dem Ethan nun angestellt ist.

Ethan versucht, sich nichts aus Geld zu machen. Doch nagen an ihm immer wieder Gewissensbisse, wenn er an seine Frau Mary und seine Kinder denkt. So sind sie die einzige Familie in New Baytown, die keinen Fernseher besitzt. Doch alles ändert sich, als Marys Freundin Marge ihr die Karten legt und dabei prophezeit, dass sie großer Reichtum erwartet. Und als der Bankangestellte Joey Morphy ihm erklärt, wie man am besten eine Bank überfällt, keimt in Ethan nach und nach ein Plan.

„Der Winter unseres Missvergnügens“, John Steinbecks letzter Roman aus dem Jahr 1961, nimmt eine Thematik vorweg, die in den 70er Jahren eine zentrale Rolle in Büchern und Filmen spielen sollte: Das Hinterfragen gesellschaftlicher Werte in den USA, verbunden mit einer Kritik am Kapitalismus.

Nachdem sich Ethan einmal dazu entschlossen hat, zu Geld zu kommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Und genau hier stellt sich Steinbeck auch immer wieder die Frage, wie Kapitalismus eigentlich funktioniert. Seine Antwort lautet: Menschen, die sich an die moralischen Vorstellungen halten, kommen nicht weit. Wer es in den USA zu etwas bringen möchte, muss sich ganz und gar unmoralisch verhalten, bis er seine Ziele erreicht hat.

Auf diese Weise bleibt es nicht nur bei Ethans Plan, die Bank auszurauben. Sein Verhalten wird von Mal zu Mal verwerflicher und hinterhältiger, selbst seinem Freund, dem Obdachlosen Danny, gegenüber.

Eingewebt in John Steinbecks wunderbare Sprache, ergibt sich daraus eine intensive Tragödie, die präzise Ethans moralischen Unter- oder Werdegang schildert. Besonders stechen hierbei die großartigen Dialoge hervor, welche den Figuren eine besondere Lebendigkeit verleihen. Man gleitet regelrecht durch diesen tollen Roman und kann dabei kaum innehalten, da man stets wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht. Und durch seine Thematik wirkt „Der Winter unseres Missvergnügens“ heute aktueller denn je.

John Steinbeck. Der Winter unseres Missvergnügens. Manesse Verlag 2018, 604 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-7175-2432-8

 

 

„Cop Town“ von Karin Slaughter oder Emanzipation mit dem Dampfhammer

Ein Roman, in dem alle Männer Schweine sind? Da dürfte die Gender-Diskussion nicht weit entfernt sein. Bei der Thrillerautorin Karin Slaughter findet sich dieser Aspekt in ihrem 2014 erschienenen Roman „Cop Town“ wieder, der genau aus diesem Grund unglaublich einseitig wirkt.

Wir schreiben das Jahr 1974. In Atlanta geht ein sog. Copkiller um. Die Polizei, die nur aus unterbelichteten Rassisten zu bestehen scheint, setzt alles daran, um den Serienmörder auszuschalten. Genau in dieser Phase beginnt Kate Murphy ihre Arbeit bei der Polizei. Von allen lächerlich gemacht, versucht sie dennoch, nicht aufzugeben und den wahren Mörder zu finden.

Klingt alles interessant und der Roman ist durchaus auch spannend. Andererseits aber erscheint er so unglaublich einseitig, dass man fast schon von einer naiven Sichtweise auf die Welt sprechen muss. In dem Roman sind sämtliche männlichen Protagonisten Idioten, Sexisten oder Rassisten. Die Frauen dagegen sind schlau und zielstrebig, auch wenn sie sich untereinander piesacken. Während die männlichen Polizisten nichts anderes machen, als Bier zu saufen und Homosexuelle zu verprügeln, versuchen die Frauen, auf professionelle Art den Fall zu lösen.

Autsch, kann man da nur noch sagen. Hier versucht eine Autorin, Emanzipation mit dem Dampfhammer zu betreiben. Slaughter, die das Jahr 1974 als Dreijährige mitbekommen hat, orientiert sich bei ihren Dialogen an Filmen wie „Shaft“ oder „Jackie Brown“. Man merkt jedenfalls, dass sie die typischen Slang-Dialoge, die Anfang der 70er Jahre in den Filmen aufkamen, nachahmt.

Aus dieser Perspektive wirkt dann alles auch irgendwie zu sehr konzipiert und zu aufgesetzt. Das liegt zusätzlich auch an der angeblichen Hauptfigur Kate Murphy, die aus gutem Hause kommt und unbedingt zur Polizei möchte, da ihr Mann in Vietnam gefallen ist. Wenn jemand da einen logischen Zusammenhang findet, bekommt ein Lob ausgesprochen. Diese mit dem Schweißbrenner zusammengeschusterte Handlungslogik verstärkt den Eindruck der Dampfhammermethode. Denn auch die Figur Katrin wirkt unglaubwürdig. Wieso ist es nicht eine Frau, die versucht, sich nach oben zu kämpfen? Hätte mehr Sinn gehabt.

Ach ja, Stichwort „angebliche Hauptfigur“. Das hat seinen Grund darin, da die eigentliche Hauptfigur Maggie Lawson ist, deren Bruder und unterbelichteter Onkel ebenfalls bei der Polizei arbeiten. Und so ist auch hauptsächlich von Maggie die Rede, während Kate die zweite Geige spielt.

„Cop Town“ ist zwar durchaus spannend und rasant geschrieben, aber aufgrund der einseitigen Sichtweise und der verkrampft wirkenden Handlungslogik dann doch ziemlich ärgerlich. Slaughter sollte lieber bei ihren Krimireihen bleiben, da kann sie weniger falsch machen.

Karin Slaughter. Cop Town. Blanvalet 2015, 544 Seiten, 14,99 Euro. ISBN: 978-3-7645-0551-6

 

Main Street – Der berühmte Roman von Sinclair Lewis

„Main Street“, erschienen 1920, war nicht nur einer der erfolgreichsten Romane von Sinclair Lewis, sondern zugleich der Roman, für den er 1930 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In „Main Street“ geht es um Gegensätze, die unweigerlich aufeinanderprallen, als die Weltverbesserin Carol Kennicott von New York in das Provinznest Gopher Prairie zieht.

Ursache ihres Umzugs ist ihre Heirat mit dem Arzt Will Kennicott, der in dem Ort wohnt und arbeitet. Carol, die Soziologie studiert und sich dabei mit dem gesellschaftlichen Wandel im ländlichen Raum beschäftigt hat, sieht nun ihre Chance gekommen, selbst eine Art soziologisches Experiment durchzuführen: nämlich einen Wertewandel bei den Bewohnern Gopher Prairies herbeizurufen. Allerdings hat sie dabei nicht mit der sozialen Realität gerechnet, denn die Landbewohner lassen sich nicht gerne verändern …

Mit „Main Street“ gelang Sinclair Lewis eine hervorragende Satire auf die US-amerikanische Gesellschaft. Während es Lewis in seinem späteren Roman „Babbit“ um die US-amerikanische Mittelschicht ging, so liegt in „Main Street“ der Fokus auf den sozialen Gegensatz zwischen Stadt und Land, wobei er hier nicht nur das Verhalten und die Sichtweisen der Landbevölkerung durch den Kakao zieht, sondern eigentlich die gesamte USA im Blickfeld hat.

Als kleine Hintergrundinformation sei erwähnt, dass in den 20er Jahren die Soziologie in den USA zunehmend an Popularität gewann. So ist es nicht verwunderlich, dass Carol ausgerechnet dieses Fach studiert. Zugleich gibt dies Sinclair Lewis die Möglichkeit, sich auch über die damaligen Sozialwissenschaftler und deren Theorien lustig zu machen, wobei seine ironische Betrachtungsweise nichts von ihrer Aktualität verloren hat, bestehen doch vor allem in der Soziologie immer wieder große Diskrepanzen zwischen Theorie und Realität.

Carol erweist sich jedoch nicht nur als idealistische Weltverbesserin, denn mit ihrem modernen Verhalten durchbricht sie die gesellschaftlichen Hierarchien, die (damals) auf dem Land noch immer galten: so freundet sie sich zum Beispiel mit den Dienstboten an, von denen einer Kommunist ist, was in dem kleinen, republikanisch geprägten Ort für mehr als nur Staunen sorgt. Auf diese Weise veranschaulicht Lewis sehr gewitzt, dass die freie und offene Gesellschaft, für die die USA als Idealbild stand und für manche noch immer steht, im Grunde genommen eigentlich gar nicht so frei und offen war bzw. ist.

„Main Street“ ist ein sehr witziger und flotter Roman, der unglaublich gut unterhält. Lewis beweist sich darin nicht nur als grandioser Satiriker, sondern zugleich als ein minutiöser Beobachter menschlichen Verhaltens, was den Roman überaus beeindruckend macht. „Main Street“ ist genauso aktuell wie damals, man möchte schon fast sagen aktueller. Denn, was Sinclair Lewis beschreibt, findet sich fast eins zu eins in der Trump-Ära wieder.

Sinclair Lewis. Main Street. Manesse Verlag 2018, 1002 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2384-0

Die Europäer – Der amüsante „Culture Crash“ von Henry James

Cover der Neuübersetzung im Manesse Verlag

Ein Thema, das sich durch beinahe alle Romane von Henry James (1843 – 1916) zieht, ist das Aufeinandertreffen der US-amerikanischen Kultur auf die europäische. So auch in seinem kleinen, aber feinen Meisterstück „Die Europäer“, in dem es um Baronin Eugenia von Münster (geborene Young) und ihren Bruder Felix geht, die in den USA entfernte Verwandte besuchen wollen, um durch sie wieder zu Geld zu kommen.

Denn Eugenia musste ihren adeligen Mann verlassen, da dessen Familie von Anfang an gegen die Heirat mit einer Bürgerlichen war, und Felix, ein erfolgloser Maler, der in den Tag hinein lebt, leidet nicht weniger unter Geldmangel. Auf diese Weise begegnen sie schließlich den Wentworths, die in einer großen Villa in der Nähe von Boston leben, und bringen deren Alltag gehörig durcheinander.

„Die Europäer“ ist ein leichter, geradezu schwungvoller Roman über die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Kultur, die sich im Verhalten der jeweiligen Protagonisten zeigt und für allerhand Verwirrungen und witzige Zwischenfälle sorgt. Dies fängt schon damit an, dass die Wentworths Puritaner sind, die mit dem Vergnügen nichts anfangen können, im Gegensatz zu Eugenia und Felix, die beide das Leben in vollen Zügen genießen und stets versuchen, das Beste daraus zu machen.

Henry James

So vor allem Felix, dessen Name Programm ist. Denn er ist immer und überall glücklich, was natürlich auf die beiden Töchter Charlotte und Gertrude eine anziehende Wirkung hat. Das Problem ist nur, Getrude ist dem Pfarrer Mr. Brand versprochen, doch diese möchte von ihrem Zukünftigen plötzlich nichts mehr wissen und setzt alles daran, ihn mit ihrer Schwester zu verkuppeln.

Aber auch Eugenia zieht durch ihr sinnliches und selbstsicheres Verhalten die Aufmerksamkeit der Männer auf sich. Nebenbei soll sie ausgerechnet dem recht schüchternen Bruder von Charlotte und Gertrude dazu verhelfen, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Und dann ist da auch noch Mr. Acton, der sich in Eugenia verliebt und dabei ins Selbstzweifel gerät.

Henry James‘ herrliche Beziehungskomödie ist ein Roman, den man ohne weiteres immer wieder lesen kann. Der Witz geht dabei nie verloren, denn die Verwicklungen und die wunderbare Komik, die sich durch die völlig unterschiedlichen Weltsichten und Verhaltensregeln ergeben, ist immer wieder aufs Neue unterhaltsam. Nicht weniger faszinierend sind die lebendigen Charaktere, die den Roman mit ihren Eigentümlichkeiten beherrschen und schon allein dadurch für allerhand Situationskomik sorgen.

1979 wurde der Roman von James Ivory unter demselben Titel verfilmt – mit Lee Remick als Eugenia. Die Adaption wurde damals sehr gelobt und auch mehrfach für diverse Preise nominiert. Es ist wirklich verwunderlich, dass in unserer Zeit der Remakeitis bisher kein Regisseur sich an eine Neuadaption herangewagt hat. Denn im Grunde genommen müsste man den Roman nur in eine Filmrolle stecken, das Drehbuch liefert der Roman quasi von selbst.

Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben – Mark Twains Autobiographie Teil 3

Nun liegt also Mark Twains hundert Jahre unter Verschluss gehaltene Autobiographie vollständig vor. Der dritte und letzte Band entspricht qualitativ den beiden zuvor erschienenen: Dem leinengebundenen Textband wird wieder ein umfangreicher broschürter Kommentarband zur Seite gestellt, es gibt einen umfangreichen Bildteil, Zeittafel und ein überaus nützliches Register der erwähnten Personen, Orte und Werke.

Jeder, der sich privat oder beruflich mit Mark Twain auseinandersetzen möchte, kann nun auf diese unverzichtbare Quelle zurückgreifen. Man kann die drei Bände gut als Nachschlagewerk zu einzelnen Themen oder Personen verwenden, man kann sie aber natürlich auch einfach zum Vergnügen lesen. Die klischeehafte Vorstellung von Mark Twain als bodenständigen Humoristen hat sich inzwischen auch im deutschen Sprachraum erledigt, und die in Band 3 gesammelten autobiographischen Diktate aus den Jahren 1907 bis 1909 zeigen Twain oft als Menschen, der an seinen Mitmenschen ebenso verzweifelt wie an seinen persönlichen Tragödien.

In seinen frühen Zeitungsreportagen klang sein Skeptizismus und seine Misanthropie noch nach gutmütigem Spott, in seinen letzten Lebensjahren wird der Ton oft bitter: „Schon lange argwöhne ich, dass der Anspruch des Menschen, ein mit Vernunft begabtes Tier zu sein, zweifelhaft ist … inzwischen bin ich völlig überzeugt, dass in Fragen der Religion und der Politik das logische Denkvermögen des Menschen häufig, sehr häufig das des Affen nicht übersteigt.

Bedauerlicherweise fällt es auch heutzutage, da die politische Bühne zunehmend von fragwürdigen Gestalten, billigen Provokationen und inhaltsleeren Parolen dominiert wird, ungemein schwer, ein überzeugendes Gegenargument zu dieser Behauptung zu finden. Ein Blick in die Tageszeitung genügt, um Twains Vermutung zu bestätigen, und sein vernichtendes Urteil über den damaligen Präsidenten Roosevelt, der als selbstgefällig und vulgär beschrieben wird, und die Republikaner, die Twain beschuldigt, den Wahlsieg erkauft zu haben und ausschließlich die Interessen von Großunternehmen zu vertreten, könnte mühelos mit geänderten Namen auf die amerikanische Politik unserer Gegenwart umgemünzt werden.

Twain stellte sich einen Gott vor, der über die dummen Streiche der Menschen lacht, während ihm selbst das Lachen längst vergangen war. Das Gesamtbild, das sich für ihn aus den täglichen Schlagzeilen über Verbrechen, Kriege und menschliches Leid ergab, war eher jämmerlich und bemitleidenswert als komisch. Der wohlbegründete Pessimismus, für den es kein Gegenmittel zu geben scheint, macht die Lektüre des Buches stellenweise schmerzhaft, aber vielleicht gerade deswegen interessant und auch für unsere Zeit relevant.

Mark Twain. Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben. Meine letzten Geheimnisse. (Autobiography of Mark Twain, Volume 3). Herausgegeben von Benjamin Griffin und Harriet Elinor Smith, Übersetzt von Hans-Christian Oeser

Die Rezension verfasste der Autor und Übersetzer Alexander Pechmann

Babbitt – Sinclair Lewis‘ Satire über die US-amerikanische Mittelschicht

Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis (1885 – 1951) verfasste mit seinem Roman „Babbitt“ eine der Satiren über den Alltag in den USA. Veröffentlicht 1922, hat dieses Buch nichts von seiner Aktualität verloren.

Es geht um den Immobilienmakler George Babbitt, der die Alltagsroutine mehr und mehr satt hat. Doch obwohl er immer den Wunsch verfolgt, sich zu verändern, fällt er dennoch wieder zurück in den alltäglichen Trott. Dies scheint sich zu ändern, als er die attraktive Tanis Judique kennenlernt. Doch was ihn zunächst wie ein neues Leben scheint, besitzt letztendlich auch wieder seine negativen Seiten …

Man könnte „Babbitt“ als den Roman über Amerika bezeichnen. Lewis konzentriert sich zwar auf das soziale Milieu der Mittelschicht, blickt aber auch immer wieder in andere Bereiche der Gesellschaft. Daraus ergibt sich ein ganzes soziokulturelles Panorama, das von ihm minutiös durch den Kakao gezogen wird. Denn die USA, in der Freiheit hochgehalten wird, wird bestimmt von strengen gesellschaftlichen Regeln, denen man sich beugen muss, wenn man nicht ins Abseits rutschen möchte.

Sinclair Lewis (1914)

Babbitt beginnt eben diese Regeln nach und nach zu hinterfragen. Dabei versucht er zwar immer wieder, selbst diese Regeln zu durchbrechen, scheitert letztendlich aber immer wieder an sich selbst. Das fängt schon damit an, dass er mit dem Rauchen aufhören möchte, aber dann doch immer wieder Zigarren raucht, da er es ja immer schon so getan hat.

Doch die Regeln und der Anstand erweisen sich als bloße Fassade. Die Konsequenz davon ist ein Spießertum, das sich vor allem in der Mittelschicht gebildet hat und dort regelrecht zelebriert wird. Dieses satirische Blossstellen sollte ca. 40 Jahre später auch Richard Yates in seinem berühmten Roman „Zeiten des Aufruhrs“ aufgreifen, wenn auch intensiver.

Liest man „Babbitt“, so ist dies so, als würde einem jemand die Augen öffnen. Denn der Roman wirkt wie ein Schlüsselwerk, mit dem man auf einmal alle anderen US-amerikanischen Romane und Filme besser versteht. Und der wunderbare Schreibstil lässt einen dabei regelrecht durch George Babbitts Weltsicht gleiten, deren Kernpunkte sich ohne weiteres auch auf unsere Gesellschaft übertragen lassen. Ein wirklich toller Roman.

Sinclair Lewis. Babbitt. Manesse 2017, 782 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-3-7175-2384-0