Schwestern der Nacht – Ein Meilenstein des Kriminalromans

Cover der deutschen Übersetzung im Unions Verlag

Die Autorin Masako Togawa (1931 – 2016) verfasste seit den 60er Jahren 20 Romane, wurde jedoch erst Mitte der 80er Jahre auch in Deutschland bekannt. Bevor sie als freie Schriftstellerin tätig war, arbeitete sie als Sängerin in einem Nachtclub. Gleich für ihren ersten Roman „Der Hauptschlüssel“ erhielt sie den Edogawo-Ranpo-Preis. Doch erst ihr zweiter Roman „Schwestern der Nacht“ (1963) wurde zu einem Bestseller, wodurch sie auch international bekannt wurde.

„Schwestern der Nacht“ zählt in Japan inzwischen zum Meilenstein der Kriminalliteratur. Nicht nur, da der Roman unglaublich spannend ist, sondern da Masako Togawa mit sämtlichen bisherigen Konventionen brach. Wie Thomas Wörtche in seinem Nachwort bemerkt, ahmten bis dahin japanische Krimiautoren ihre westlichen Kollegen nach. Masako Togawa aber ging einen anderen Weg. Sie schrieb einen Roman über das Nachtleben in Tokio, ein Thema, bei dem sie sich durch ihre Arbeit als Nachtclubsängerin bestens auskannte. Zudem schrieb sie als Frau offen über Sexualität, was damals in Japan eine Sensation war.

Masako Togawa (1931 – 2016)
                   

In „Schwestern der Nacht“ geht es um den Ingenieur Ichiro Honda, der unter der Woche von seiner Frau getrennt in einem Hotel lebt. Nachts macht er sich auf die Suche nach weiblichen Bekanntschaften, in der Hoffnung, mit ihnen im Bett zu landen. Minutiös führt Ichiro darüber Tagebuch, in dem er die Frauen als Opfer bezeichnet. Eines Tages jedoch wird eine der Frauen, mit denen er geschlafen hat, ermordet. Dann eine weitere …

Mehr möchte ich hier nicht verraten. „Schwestern der Nacht“ hat mich regelrecht umgehauen. Der Roman ist sowohl Krimi als auch Großstadtroman in einem. Die Autorin schildert verlorene Existenzen, Nachtschwärmer und auch einige Aspekte des Rotlichtmilieus. Hinzu kommt, wie oben bereits bemerkt, die überaus spannende Handlung. „Schwestern der Nacht“ ist erstklassig konzipiert – und die Pointe ist dermaßen grandios, dass es einem den Atem raubt.

Kinoplakat von „The Hunter’s Diary“ (1964)

Der Roman wurde ein Jahr nach Veröffentlichung unter dem Titel „The Hunter’s Diary“ verfilmt. Angeblich gab es Mitte der 90er Jahre ein US-amerikanisches Remake mit dem Titel „The Lady Killer“. Dabei handelt es sich jedoch um keinen Kino-, sondern um einen TV-Film. In der japanischen Fassung spielte übrigens Masako Togawa selbst mit.

Einziges Manko der deutschen Übersetzung ist, dass sie nicht aus dem Japanischen stammt, sondern die englische Übersetzung ins Deutsche übertragen wurde. Interessanterweise steht aber unterhalb des Klappentextes „aus dem Japanischen“. Die Übersetzerin hat Germanistik und Anglistik studiert, hat jedoch mit Japan nichts am Hut.

Der Roman selbst aber besitzt eine unglaubliche Wucht und hält einen noch Tage nach dem Lesen gefangen.

Shin Godzilla (2016)

Nachdem es die beiden US-amerikanischen Versionen des japanischen Übermonsters aus den Jahren 1998 und 2014 nicht wirklich gepackt haben, nahmen die legendären Toho Studios das Zepter wieder selbst in die Hand – und dies, obwohl man mit „Godzilla – Final Wars“ (2004) eigentlich einen Schlusspunkt hatte setzen wollen.

Aus diesem Grund nannte man den Film dann auch „Shin Godzilla“, was so viel wie „Neuer Godzilla“ bedeutet. Die Ankündigung, dass die japanischen Filmemacher das internationale Lieblingsmonster wieder zurück auf die Leinwand bringen wollen, glich einem echten Paukenschlag. Dementsprechend war „gespannt sein“ ein zu gelinder Ausdruck. Und schließlich war es soweit, als im Juli vergangenen Jahres Godzilla wieder sein berühmtes Brüllen in den japanischen Kinosälen von sich geben durfte.

Das Ergebnis: „Shin Godzilla“ wurde schlagartig zu einem der erfolgreichsten japapanischen Filme, einem Budget von umgerechnet 15 Millionen Dollar steht ein nationales Einspielergebnis von umgerechnet 77 Millionen Dollar gegenüber. Klar, dass man bereits an einem zweiten Film arbeitet.

Doch wie ist der neue Godzilla zu bewerten? Um es gleich als erstes zu erwähnen: „Shin Godzilla“ ist um ein Vielfaches besser als die beiden US-Versionen. Die Effekte sind zwar nicht ganz so großartig, dennoch hervorragend und verbunden mit einer überaus genialen Optik. Die beiden Regisseure Hideaki Anno und Shinji Higuchi gelang es einwandfrei, das Monster in die Gegenwart einzubetten.

Halb Politiksatire, halb bildgewaltige Monsterfaszination erzählen sie die Geschichte um das Ungeheuer aus dem Meer neu, indem eines Tages ein seltsames Phänomen vor der Küste Japans beobachtet wird. Während sich die sog. Experten in den verschiedenen politischen Gremien darüber streiten, ob es sich um ein Unterwasservulkan oder um eine andere natürliche Ursache handelt, kommt in kurzen und extrem lauten Zwischenszenen die eigentliche Ursache ins Bild: ein riesiges Monster, das auf Tokio zusteuert.

Es ist sehr interessant, die Idee zu verfolgen, wie die Politik auf solch ein Ereignis reagieren würde. Beeinflusst durch das Versagen der Behörden und das Aufdecken von Korruption in Sachen Fukushima, begleichen die beiden Regisseure auf filmische Art und Weise die Rechnung, indem sie das Verhalten typischer Beamter und Politiker, die auch in der größten Katastrophe auf Wählerfang sind, durch den Kakao ziehen.

Gut, das ständige Hin- und Herschneiden zwischen den einzelnen Gremien und Ministerien ist gelegentlich zu viel und die Dialoge manchmal zu lang, ein bisschen weniger Beratung und ein bisschen mehr Action hätte dem Film gut getan, doch wird dadurch der Film überraschenderweise nicht langweilig. Eine besondere Schärfe nimmt die Satire dann an, wenn die USA ohne Wenn und Aber eine Atombombe über Tokio abwerfen wollen, um Godzilla zu stoppen – unterstützt durch den UN-Sicherheitsrat.

Währenddessen versuchen die Wissenschaftler hinter das Geheimnis der Existenz Godzillas zu kommen, und auch hier punktet der Film auf ganzer Linie, wird doch das Wesen mit allen möglichen eingewebten Querverweisen auf die früheren Filme hin untersucht. Man könnte schon fast sagen, dass die naturwissenschaftliche Untersuchung im Grunde genommen eine Art medienwissenschaftliche Untersuchung des Phänomens Godzilla darstellt, natürlich alles untermalt mit einer gewissen Selbstironie.

Auch ansonsten gelingt es Anno und Higuchi, das Original von 1954 elegant in unsere Gegenwart rüberzuverfrachten. So fahren wieder die Panzer auf dieselbe Weise auf wie in den früheren Filmen und Helikopter und Kampfjets sausen durch die Luft – dieses Mal jedoch nicht als handgefertigte Modelle, sondern in der CGI-Variante.

Godzilla selbst ist dank der hervorragenden Optik, die zwischen erzählender Kamera und Quasi-Handy-Aufnahmen hin- und herpendelt, einfach nur riesig, ein wahrer Koloss, der Tokio einmal mehr zu Kleinholz verarbeitet. Sogar auf die Originalmusik aus den 50er Jahren hat man nicht vergessen. Kurz: Eine liebevollere Verneigung vor dem König der Monster gibt es nicht.

Shin Godzilla. Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi, Drehbuch: Hideaki Anno, Produktion: Minami Ichikawa, Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara. Japan 2016, 116 Min.