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Posts Tagged ‘Thomas Wolfe’

Thomas Wolfe (1900 – 1938) hatte es schwer, sich kurz zu fassen. So hatte er es auch schwer, einen Verlag zu finden. Erst der damals bekannte Lektor Maxwell Perkins, der für den Verlag Scribners‘ arbeitete, erkannte in Wolfes Werk ein bis dahin noch nie dagewesenes Genie und veröffentlichte den Roman „Schau heimwärts, Engel“.

Dies war zugleich der Beginn einer schwierigen Freundschaft, die vor allem durch Wolfes Schreibwut und Exzentrik auf die Probe gestellt wurde. Der Film „Genius“ von Regisseur Michael Grandage nimmt diese Beziehung als Grundlage für die Mischung aus Drama und Biopic, die sich vor allem auf Wolfes zweites großes Werk konzentiert: „Von Zeit und Fluss“.

Bereits Wolfes erster Roman soll in seiner ursprünglichen Fassung etwas mehr als 1000 Seiten gehabt haben und musste um mehrere hundert Seiten gekürzt werden, um ihn in einem Band herausbringen zu können. Noch komplizierter erwies sich die Arbeit an Wolfes Folgeroman, der 5000 Seiten umfasst haben soll. In einer der zentralen Szenen des Films liefert Jude Law als Thomas Wolfe seinem Lektor Perkins, gespielt von Colin Firth, mehrere Kisten, in denen sich das komplette Manuskript befindet.

Law spielt Wolfe als ein von seinem Genie Getriebener, der keine ruhige Minute ausharren kann, sondern ständig nach den geeigneten Sätzen und Formulierungen sucht, auf eine so verzweifelte und hektische Art, als wüsste Wolfe bereits, dass er in nur wenigen Jahren sterben würde. Dies lässt ihn einerseits exzentrisch erscheinen, andererseits aber auch als eine tragische Figur, die nur in der Sprache aufgeht.

Ohne die Hilfe seiner mehr als zwanzig Jahre älteren Geliebten Aline Bernstein (1888- 1955), die ihn finanziell unterstützte, damit er ohne Unterbrechung schreiben konnte, wäre Wolfe wahrscheinlich mit seinem ersten Roman überhaupt nie fertig geworden. Nicole Kidman spielt Aline als eifersüchtige und zanksüchtige Frau, die Wolfe nur für sich haben möchte. Tatsächlich trennten sich Wolfe und Aline Bernstein, die nach dieser Affäre zurück zu ihrem Ehemann kehrte, kurz nach der Veröffentlichung von „Schau heimwärts, Engel“.

Eigentlich hätte „Genius“ weit besser als Theaterstück funktioniert, denn in filmischer Hinsicht bietet Michael Grandage dem Zuschauer nicht viel. Die Dialoge über Literatur und den Rhythmus der Sprache (am Anfang sehen wir Wolfe vor dem Verlagshaus im Regen stehen und dabei mit dem rechten Fuß einen Takt klopfen) wären weit schöner auf einer Bühne gewesen. Die kurzen Auftritte von Dominic West als Hemingway und Guy Pearce als Scott Fitzgerald wirken eher wie eine Verlegenheit des Regisseurs, um doch etwas mehr Raum zu schaffen und vor allem die knapp 100 Minuten Spielzeit vollzubekommen.

Dennoch ist „Genius“ bei weitem kein schlechter Film. Zu verfolgen, wie die beiden gegensätzlichen Charaktere Wolfe und Perkins versuchen, Wolfes Schreibwahnsinn Herr zu werden, ist nicht nur spannend, sondern regelrecht faszinierend. Während Perkins traditionelle Werte pflegt, so ist Wolfe für die freie Liebe, was bei ihm allerdings fast schon in einem radikalen Egoismus ausartet. Nachdem Aline Bernstein durch sein Verhalten einmal zu viel verletzt wurde, lässt sie von ihm ab. Auch Perkins steht immer wieder kurz davor, Wolfe aufzugeben, doch der Roman ist einfach zu wichtig, um die Flinte ins Korn zu werfen.

Auf diese Weise beinhaltet „Genius“ eine wundervolle Liebe zur Literatur, wie sie in nur wenigen literarisch angehauchten Filmen zu finden ist. Leider half dies der Produktion nicht viel, denn sie floppte auf ganzer Linie. Sehenswert ist der Film dennoch.

Genius. Regie: Michael Grandage, Drehbuch: John Logan, Produktion: Michael Grandage, John Logan, Darsteller: Jude Law, Colin Firth, Nicole Kidman, Guy Pearce, Dominic West. USA/England 2016, 104 Min.

 

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Der Roman „Party bei den Jacks“ ist für Thomas Wolfe (1900 – 1938) durchaus außergewöhnlich. Hier fehlt die epische Breite, wie etwa in „Schau heimwärts, Engel“, stattdessen konzentriert sich Wolfe ganz auf den Ablauf eines einzigen Tages.

Das Ehepaar Esther und Frederick Jack (der Mann ist Banker, die Frau Bühnenbildnerin) möchten am Abend in ihrer großen Wohnung eine Party geben. Eingeladen sind alle Namen der High Society. Die Party nimmt jedoch von Mal zu Mal groteskere Züge an. Als sich alle wieder verabschieden wollen, bricht im Hochhaus, in dem die Jacks wohnen, plötzlich ein Feuer aus …

Der Roman basiert, wie üblich bei Wolfe, auf einer tatsächlichen Begebenheit. Damals besuchte Wolfe die Party seiner Geliebten, der um 18 Jahre älteren Bühnenbildnerin Aline Bernstein, die mit einem Banker verheiratet gewesen ist. Und tatsächlich brach gegen Ende der Party in dem Hochhaus ein Feuer aus.

Aline Bernstein, die im Roman als Esther Jack vorkommt; Copyright: Yale University

Wie Kurt Darsow in dem Nachwort der im BTB-Verlag erschienenen Übersetzung erwähnt, verfasste Wolfe die erste Fassung des Romans in Form einer Erinnerung an diese Geschehnisse. Sämtliche Namen der Figuren entsprachen denjenigen der tatsächlichen Gäste. Erst im Laufe der Überarbeitung kam es zu einer „literarischen Distanz“, was dazu führte, dass Wolfe sich in folgenden Versionen auf bestimmte Themen konzentrierte, wodurch es ihm gelang, seinen Roman als eine Art Abbild der damaligen Epoche zu gestalten.

Im Zentrum steht dabei ein durchaus satirischer Blick auf das Leben der Partygäste, die ein Sammelsurium aus Wichtigtuern, Künstlern und reichen Geschäftsleuten darstellt. Höhepunkt der Party ist dabei der skurrile Auftritt des Puppenspielers Piggy Logan, der auf dem Boden mit einfachen aus Draht gefertigten Figuren eine Aufführung darbietet, die allerhöchstens Kleindkinder fasziniert.

Thomas Wolfe, der sich im Roman als „Der Gebliebte“ bezeichnet

Minutiös beschreibt Wolfe das Verhalten der Gäste, gibt ihre Dialoge wieder (Darsow meint, dass es sich teilweise um die tatsächlichen Gespräche der damaligen Partygäste handeln könnte) und zeigt dabei zugleich, dass es sich bei allem um eine bloße Fassade handelt, die in kürze durch die Weltwirtschaftskrise zusammenbrechen würde.

Auch für sich selbst findet Wolfe in dem Roman einen Platz, indem er sich als der Gebliebte durch die Party schlängelt und dabei die unterschiedlichen Situationen in Form von Momentaufnahmen in sich aufnimmt. Mit Esther Jack ist natürlich Wolfes tatsächliche Geliebte Aline Bernstein gemeint.

Thomas Wolfe schrieb an dem Roman insgesamt sieben Jahre. Aufgrund seines frühen Todes wurde „Die Party bei den Jacks“ jedoch nie veröffentlicht, Erst 1995 wurde das Manuskript bei der Durchsicht seiner literarischen Hinterlassenschaft entdeckt. Wiederum verzaubert einen die wunderbare Sprache Wolfes, die den Leser direkt an der Party teilnehmen lässt. Ein faszinierendes und zugleich prägendes Leseerlebnis.

 

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Cover der Originalausgabe von 1929

Es gibt nicht viele Romane, von denen gleich eine Vielzahl von bekannten Schriftstellern behaupten, dass dieser sie selbst zum Schreiben gebracht oder ihren Stil beeinflusst habe. Ein solcher Fall ist „Schau heimwärts, Engel“ von Thomas Wolfe (1900 – 1938) aus dem Jahr 1929.

Philip Roth, Ray Bradbury, William Faulkner, sogar Hermann Hesse konnten sich nicht diesem Meisterwerk entziehen. Jack Kerouac und die gesamte Beat Generation betrachtete Thomas Wolfe als ihr Vorbild. Und dies nicht ohne Grund. Das, was Thomas Wolfe dem damals bekannten Lektor Maxwell Perkins anbot, sucht bis heute seinesgleichen. Das Manuskript soll angeblich weit über 1000 Seiten gehabt haben. Um es in einen Band herausbringen zu können, wurde der Text auf knapp 600 Seiten zusammengestrichen.

Wolfe war davon nicht wirklich begeistert, doch lag es ihm vor allem daran, endlich den Roman veröffentlichen zu können, nachdem bereits mehrere Verlage das Buch abgelehnt hatten. „Schau heimwärst, Engel“ ist die Geschichte der Familie Gant, die in dem fiktiven Ort Altamont lebt, wo der Vater als Steinmetz arbeitet. Vor dem Geschäft steht ein steinerner Engel, da Gant sich von einem gemeißelten Engel, den er einmal gesehen hatte, zum Bildhauer berufen sah. Im Mittelpunkt aber steht der Junge Eugene Gant, der als letzter von insgesamt acht Kindern zur Welt kommt.

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Thomas Wolfe (1937)

In der Familie geht es alles andere als harmonisch zu. Der Vater ist ein Trinker und versucht stets, seine Frau zu demütigen, während Eliza von Grundstückspekulationen nicht genug bekommen kann, was dazu führt, dass sie sich nicht richtig um ihre Kinder kümmert. Auf diese Weise bekommt Eugene vor allem tiefe familiäre Konflikte mit. Sein ältester Bruder Steve verkommt zu einem Alkoholiker und Herumtreiber, Eugene selbst wird von der eigenen Familie als Außenseiter betrachtet, da er sich für Literatur interessiert und lieber Bücher liest, als sich einen Job zu suchen.

Wolfe erzählt in „Schau heimwärts, Engel“ keine durchgehende Geschichte. Es handelt sich viel eher um eine Aneinanderreihung verschiedener Episoden. In diesen zeigt der Autor eine fast unbändige Sprachgewalt. Fast wie in einem nicht endenden Rausch schildert er die tragische Geschichte, die zugleich seine eigene ist. Wie kein anderer Autor machte Wolfe aus seinem Leben einen Roman. Seine Familie und die Einwohner von Ahseville waren über die Schilderungen empört. Zwar änderte Wolfe die Namen der Figuren, doch wusste jeder, wer gemeint war.

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Cover der ersten Übersetzung von 1932

Die Folge davon war, dass Thomas Wolfe für mehrere Jahre nicht mehr in seine Heimatstadt zurückkehrte. „Schau heimwärts, Engel“ schlug ein wie eine Bombe. Der Roman wurde zu einem Bestseller. Wolfe, der bis zur Veröffentlichung von seiner 20 Jahre älteren Freundin Aline Bernstein, die eigentlich verheiratet war und zwei Kinder hatte, finanziell unterstützt worden war, konnte von da an selbst für sich aufkommen.

Wer einmal mit „Schau heimwärts, Engel“ begonnen hat, kommt nicht wieder davon los, bis er die letzte Seite des umfangreichen Romans erreicht hat. Wolfe schreibt einerseits sehr poetisch, andererseits aber auch unglaublich packend. Gerne übertreibt er, was die Gestik seiner Figuren anbelangt, sodass manche Szene wie aus einem klassischen Drama erscheint. Es fehlen aber genauso wenig Witz und Ironie, die fein in den Roman eingewebt sind. Zugleich finden sich in dem Roman eine Unmenge an literarischen Anspielungen und Zitaten, die Wolfes Belesenheit offenbart. Kurz: „Schau heimwärts, Engel“ ist ein Roman, den man gelesen haben muss.

 

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