Die Klunkerecke: The Church

thechurch1Regisseur Michele Soavis bekannteste Arbeit ist der Horrorfilm „DellaMorte, DellAmore“ aus dem Jahr 1994. Fünf Jahre zuvor drehte er mit „The Church“ einen eher unbekannten Horrorfilm. Doch interessanterweise ist „The Church“ ästhetisch weitaus ausgefeilter als die darauf folgende Produktion.

Wie der Titel bereits verrät, geht es in „The Church“ um eine Kirche, genauer eine Kathedrale, in der soeben Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden. Das Bauwerk wurde auf einem Ort errichtet, an dem im Mittelalter die Bewohner eines Dorfes von Mitgliedern eines Ritterordens getötet wurden, da man sie bezichtigte, Umgang mit dem Teufel zu haben. Während der Restauration entdeckt Lisa ein rätselhaftes Dokument, das in einer Geheimschrift abgefasst wurde. Der Bibliothekar Evald findet heraus, dass in dem Dokument die Rede von einem Siegel, dem „Stein mit sieben Augen“, ist, das im Unterbau der Kathedrale eingelassen ist. Evald geht der Sache nach und findet das Siegel, das sich als ein komplexer Mechanismus herausstellt. Als er das Siegel öffnet, entweicht eine bösartige Kraft, die zunehmend Besitz von dem Ort ergreift.

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Surreale Wesen erscheinen wie in einem Albtraum; „The Church“ (1989).

Der Hintergrund zu „The Church“ ist nicht weniger interessant, als der Film selbst. Die grundlegende Idee stammte von „Dämonen“-Regisseur Lamberto Bava, der mit „The Church“ den bisherigen beiden Teilen einen dritten Teil hinzufügen wollte. Michele Soavi aber hatte keine Lust, aus dem Stoff einen gewöhnlichen Horrorfilm zu drehen. Beeinflusst von Terry Gilliam, bei dessen „Baron Münchhausen“ er mitgearbeitet hatte, hatte er ein surreales Kunstwerk im Kopf. Kurzerhand schrieb er das vorhandene Drehbuch komplett um. In einem späteren Interview bemerkte er, dass er „The Church“ als eine Art filmischen Essay betrachte. Als Produzenten konnte er Dario Argento gewinnen. Böse Zungen behaupten, dass Argento beim Dreh das Steuer selbst in die Hand nahm und man daher von einem Argento-Film und weniger von einem Soavi-Film sprechen muss.

Tatsächlich finden sich in „The Church“ viele Elemente, die auf den Stil Argentos hinweisen. Verschiedene Kameraeinstellungen und Bildkompositionen erinnern an sein „Inferno“ (1982) oder an „Suspiria“ (1978). Soavi selbst äußerte sich dazu nicht. Doch egal, wie die Arbeitsaufteilung war, sicher ist, dass es eine bessere Zusammenarbeit nicht hätte geben können.

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Das Finale wird Hieronymus Bosch-artig eingeleitet; „The Church“ (1989).

„The Church“ ist genau das, was Soavi im Sinn hatte, als er das Drehbuch umschrieb: ein surreales Kunstwerk. Dieses entfaltet seine ganze Kraft ab der Szene, in welcher die unheimliche Macht die Portale der Kathedrale verriegelt, sodass die Besucher nicht mehr hinaus können. Ab diesem Moment löst sich die anfängliche Handlung beinahe auf. Der Film wird zu einem wahren Bilderrausch. Jede Szene, jedes Bild steht für sich und ist beinahe überfrachtet mit Details. Um in den vollen Genuss der kompositorischen Einzelheiten zu kommen, müsste man jedes Bild einfrieren, um es genauer betrachten zu können.

Für die Musik engagierte Argento einmal mehr seine „Hausband“ Goblin, die sich hier an Philip Glass orientieren, wobei sie sich vor allem auf das Stück „Floe“ aus dem Album „Glassworks“ beziehen.

Trotz der großartigen Kunst, die in „The Church“ geboten wird, ist der Film heutzutage nur noch wenigen Horrorliebhabern bekannt. Nach seinem erfolgreichen „DellaMorte, dellAmore“, legte Michele Soavi eine längere Pause ein. Seit Ende der 90er Jahre dreht er vor allem Werbefilme und TV-Krimis.

 

 

 

Die Dämonen, die ich rief oder M. R. James im Film

mrjamesMontague Rhodes James (1862 – 1932) war nicht nur ein bekannter Gelehrter, sondern auch ein erfolgreicher Verfasser von Geistergeschichten. Seine Popularität führte dazu, dass er in England auch unter dem Namen „Gespenster-James“ bekannt war. Das Besondere seiner Geschichten liegt darin, dass sie wie tatsächliche Begebenheiten wirken. James fand die Ideen für seine Geschichten auf seinen Reisen durch Europa, wo er mündlich überlieferte Gespenstergeschichten sammelte. In seinen unheimlichen Erzählungen, die in der Regel mitten auf dem Land spielen, geht es nicht selten um Kirchen und deren schreckliche Geheimnisse. Über diese Geheimnisse erfährt der Protagonist in der Regel in alten Büchern oder Manuskripten.

Trotz seines Erfolges betrachtete sich James stets bescheiden als Hobbyautor. Dies verhinderte jedoch nicht, dass er viele professionelle Schriftsteller bis heute beeinflusst. Auch H. P. Lovecraft war seinerzeit von den Gespenstergeschichten des englischen Gelehrten sehr angetan.

nightofthedemonM. R. James‘ Ideen sollten später auch von Drehbuchautoren aufgegriffen und filmisch umgesetzt werden. Eine der bekanntesten Adaptionen einer James-Geschichte (die Umsetzung basiert auf „Casting the Runes“) ist Jacques Tourneurs „Night of the Demon“ aus dem Jahr 1957. Es geht darin um den bekannten Psychiater Hamond, der in London an einem wissenschaftlichen Kongress teilnehmen soll. Kaum ist er dort angekommen, als er erfährt, dass einer seiner Kollegen auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen ist. Der verstorbene Wissenschaftler stand in engem Kontakt mit einem Mann namens Karswell, der einen satanischen Zirkel leiten soll. Nicht nur das, denn Karswell selbst soll ein echter Hexenmeister sein. Hamond, ein Skeptiker, versucht, Karswell als Betrüger zu entlarven. Dabei gerät er jedoch zunehmend in Zwischenfälle, die er sich rational  nicht mehr erklären kann.

„Night of the Demon“, der in den USA unter dem Titel „Curse of the Demon“ lief und dort um 13 Minuten gekürzt wurde, gilt bis heute als einer der besten Horrorfilme, die je gedreht wurden. Das liegt zum einen sicherlich an den Fähigkeiten des Regisseurs, der in den 40er Jahren mit seinem Film „Katzenmenschen“ berühmt geworden war. Doch auch die Schauspieler erweisen sich in dem Film als erstklassig. Auch heute noch schafft der Film eine unheimlich-mysteriöse Dichte, die vor allem von den konfliktreichen Begegnungen zwischen Hamond und Karswell und deren intensiven Dialogen am Leben erhalten wird.

thechurch1989 kam es zu einer weiteren Adaption einer Geschichte von M. R. James. Es handelt sich dabei um den italienischen Horrorfilm „The Church“ von Michael Soavi. Dario Argento war für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich. Böse Zungen behaupten, dass Soavi den Film gar nicht gedreht hat, sondern viel mehr Argento selbst die Zügel in der Hand hielt. In der Tat verweisen sehr viele Szenen auf die Arbeiten Argentos, sodass das Gerücht durchaus als eine Tatsache bewertet werden kann.

Der Film basiert auf der Geschichte „The Treasure of Abbot Thomas“. Soavi bzw. Argento machte daraus ein wahres Kunstwerk. Es ist eine Ansammlung surrealer Ideen, die sich um das Geheimnis einer alten Kirche drehen. Die Kirche wurde auf einem mittelalterlichen Massengrab errichtet. Ein Ritterorden hatte ein Dorf überfallen und sämtliche Bewohner ermordet. In einem alten Schriftstück, das eine Restauratorin entdeckt, wird auf das Geheimnis hingewiesen. Doch die Kirche beginnt ein unheimliches Eigenleben. Die Portale schließen sich plötzlich und die Besucher sehen sich einer tötlichen Gefahr gegenüber.

Der Film führt bis heute leider ein Schattendasein unter den Werken Argentos. Vor allem in Deutschland ist dieser Film so gut wie unbekannt. „The Church“ ist wahre Filmkunst, ein Rausch aus Farben, traumartiger Sequenzen und einer spannend inszenierten Handlung. Soavi, der mit seinem Film „Dela Morte, Del Amore“ einen großen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, gelang nach „The Church“ nichts Erwähnenswertes mehr.

The BorderlandsIm Jahr 2013 wurde mit „The Borderlands“ eine weitere James-Geschichte frei adaptiert. Es handelt sich dabei um eine Low-Budget-Produktion im Stil des Lost Footage-Genres. Zwei Parapsychologen erhalten den Auftrag, seltsame Geschehnisse in einer alten Dorfkirche zu untersuchen. Der Film ist im Groben und Ganzen nicht schlecht. Regisseur Elliot Goldner gelingt es, eine klassisch angehauchte Gespensteratmosphäre zu schaffen. Doch leider fällt ihm nicht sonderlich viel ein, sodass sich sowohl der Anfang als auch das Ende ziehen. Das ist sicherlich schade, denn Goldner zeigt, dass er sein Handwerk versteht.

Die Geschichten von M. R. James erfreuen sich auch heute noch einer großen Leserschaft. In Deutschland sind seine Geschichtensammlungen nur noch antquarisch zu bekommen. Vielleicht ändert sich dies ja wieder. Seine Geschichten sind auf jeden Fall immer wieder lesenswert.