Sunny Hill oder Erfolg mit Antikapitalismus

Die K-Pop-Gruppe Sunny Hill begann eigentlich völlig unoriginell: Ein paar kitschige Liebeslieder und damit hatte es sich. Der Erfolg war zwar da, doch die Gruppe war nun einmal Durchschnitt. Aber was danach aus der Gruppe gemacht wurde, ist durchaus erwähnenswert.

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Die Formation Sunny Hill in einem Danceshot aus „Monday Blues“.

Die Formation bestand aus vier Sängerinnen und dem Sänger Janghyun, wobei letzterer auch die Songs schrieb. Zurzeit besteht Sunny Hill nur aus den vier Sängerinnen. Der radikale Wandel der Gruppe vollzog sich, nachdem sie die Produktionsfirma gewechselt hatten. Seit 2011 wird Sunny Hill von Leon Entertainment produziert. Radikal war der Wandel deswegen, da von dem vorangegangenen Konzept nichts mehr übrig blieb. Im Gegenteil, die brave Strahlemann-Gruppe wurde zu einer düsteren, mit sozialkritischen Themen ausgestatteten K-Pop-Group.

Gleich ihre erste Single „Midnight Circus“ wurde ein riesiger Erfolg, das surreale Musikvideo mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrem Folgevideo „Pray“ produzierten sie einen Medienskandal. Der Clip zeigt Experimente an einem deformierten Menschen. Das Musikvideo wurde für unmoralisch erachtet und indiziert, obwohl auch hier Film- und Musikkritiker den kunstvollen Gehalt des Clips über alle Maßen lobten.

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„Grasshopper Song“ setzt auf kafkaeske Büro- und Arbeitswelten.
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Der Protagonist möchte aus dieser Welt ausbrechen.

Schließlich gelangte Sunny Hill mit „Grasshopper Song“ wiederum ein enormer Erfolg. Zugleich startete die Gruppe in ihre antikapitalistische Phase. Der Song handelt von sinnloser Gleichförmigkeit in der Arbeitswelt und dem Wunsch daraus auszubrechen. Das Video besticht durch eine kafkaeske Sicht auf den Alltag eines Angestellten, der zum Schluss seine sieben Sachen packt und der Eintönigkeit entflieht. Trotz der scharfen Kritik am Kapitalismus gelangte der Song in die Top 10 der koreanischen Charts. In Südkorea, einem Land in dem Kapitalismus und Konfuzianismus eine untrennbare Verbindung eingegangen sind, ist dies durchaus erstaunlich.

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In „Waiting for the Prince“ geht es um Äußerlichkeiten, welche das Leben bestimmten.

Auch der nächste Song „Waiting for the Prince“ machte in Sachen Sozial- und Kapitalismuskritik keine halben Sachen. Es geht darum, immer der Beste sein zu müssen. Die Gruppe macht sich lustig über diesen Erfolgsstress, der sich bis hinein ins Intimleben fortsetzt. In kurzen Szenen werden skurrile Nominierungen gezeigt, in denen die Sängerinnen Opfer eines Rituals werden, das von niemandem hinterfragt wird und ohne Rücksicht auf Verluste das Leben bestimmt. Zum Schluss des Clips wird ein großes A – als Symbol für das Erfolg-haben-müssen – in den Müllwagen befördert.

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„Monday Blues“ macht sich lustig über den Büroalltag.

Mit „Monday Blues“ setzte Sunny Hill seine Kritik an Wirtschaft und Gesellschaft fort. In dem Clip wird der Büroalltag aufs Korn genommen. Mit viel Witz und Ironie werden so ernste Themen wie völlige Erschöpfung (neudeutsch Burn Out), sinnlose Aufgaben, soziale Konflikte und sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz angesprochen. Der Clip endet damit, dass sämtliche Mitarbeiter aus dem „Gefängnis“ des Büroalltags ausbrechen. In einer der radikalsten Szenen des Clips kniet der Bürochef am Boden, dabei hächelnd wie ein braver Hund, wobei ihm eine der Sängerinnen den Kopf tätschelt.

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Szene aus dem Hook des Clips „Monday Blues“.

Sunny Hill ist eindeutig eine Ausnahmegruppe innerhalb des K-Pops. Ihre düstere Weltsicht verpacken sie in Videos, die vollgepackt sind mit direkter Kritik an der koreanischen Gesellschaft und an der kapitalistisch geprägten Lebenswelt. Dass die Formation mit antikapitalistischen Statements einen so großen Erfolg erzielt, ist mehr als nur überraschend, besteht doch der Hauptteil der K-Pop-Clientel aus Jugendlichen, welche sich, kritisch gesprochen, im besten „Konsum-Animierungs“-Alter befinden und sich keine Gedanken darüber machen, was es mit dem reinen Kapitalismus auf sich hat. In TV-Dokumentationen sind zwar immer wieder kritische Töne hör- und sehbar, doch hat man Angst, zu direkt zu werden (so kritisierte eine koreanische Doku aus dem Jahr 2013 zwar den US-amerikanischen und chinesischen Kapitalismus, nicht aber den koreanischen. In der Tat wurde Südkorea überhaupt nicht erwähnt). Ein Gegensatz besteht dabei im modernen koreanischen Film, bei dem Kapitalismuskritik quasi zum guten Ton gehört. Dass jedoch in Mainstream-Songs darauf eingegangen wird, ist durchaus mutig und zeigt, dass Sunny Hill ernst genommen werden muss. Man darf gespannt sein, auf welche Weise sie in zukünftigen Songs und Clips ihren Hang zur Kapitalismuskritik fortsetzen werden.