Parasite – Bong Joon-Ho schreibt Filmgeschichte

Damit hatte wahrscheinlich niemand gerechnet: ein koreanischer Film erhält den Oscar in der Kategorie Bester Film. Damit ist die Gesellschaftssatire „Parasite“ der erste nicht-englischsprachige Film der in dieser Kategorie ausgezeichnet wurde.

Regisseur Bong Joon-Ho hat damit nicht nur den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere erreicht, sondern ebenfalls Filmgeschichte geschrieben. Bong, der zunächst Soziologie studierte, bevor er sich der Filmkunst zuwandte, ist in so ziemlich allen Genres zuhause. Gleich mit seinem zweiten Spielfilm „Memories of Murder“ (2003) präsentierte er einen exzellent gefilmten Krimi, der auf einem wahren, bis heute ungelösten Fall beruht. Mit „The Host“ (2006) machte er sich nicht nur über die US-amerikanische Außenpolitik lustig, sondern lieferte zugleich den ersten koreanischen Monsterfilm ab. 2013 schließlich folgte unter seiner Regie die erste koreanische Produtkion mit internationaler Besetzung. In dem SF-Film „Snowpiercer“ griff er bereits jene Gesellschaftkritik auf, die er sechs Jahre später in „Parasite“ nochmals auf den Punkt bringen sollte: die immer größer werdende Lücke zwischen Arm und Reich.

Bei „Snowpiercer“ legte sich Bong damals mit Harvey Weinstein an, der den Vertrieb für die USA übernommen hatte. Weinstein wollte den Film kürzen, um aus „Snowpiercer“ einen reinen Actionfilm zu machen, was Bong allerdings nicht zuließ (Weinstein soll damals gesagt haben, der Film sei zu intelligent für das amerikanische Publikum). Dies sorgte bei Weinstein für große Verstimmung, was dazu führte, dass er den Film in nur wenigen Kinos laufen ließ.

Und nun sorgte Bong Joon-Ho erneut für Aufsehen. Denn „Parasite“ erhielt ja nicht nur den Oscar, sondern ein Jahr zuvor die Goldene Palme. Hatte damals ganz Korea bereits gejubelt, so gab es dieses Mal gar kein Halten mehr. Beide Preise sind nicht nur Auszeichnungen für Bongs großartige Filmkunst, sondern zugleich für den neuen koreanischen Film.

Der neue koreanische Film entstand Mitte der 90er Jahre. Die Entwicklung war an westlichen Kritikern völlig vorbei gegangen. Erst das Soldatendrama „Joint Security Area“ (2000), das auf der Berlinale 2001 gezeigt wurde, ließ sämtliche Filmexperten staunen. Danach ging es Schlag auf Schlag. Die Korean Wave kam ins Rollen und veränderte die Filmlandschaft – parallel dazu wurde K-Pop immer populärer. Heute gilt die koreanische Filmwirtschaft als der größte Konkurrent Hollywoods. Und durch den Oscar hat sich einmal mehr die These bestätigt: die besten Filme kommen zurzeit aus Südkorea.

K-Pop: Laysha oder sells Sex tatsächlich?

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Und einmal um das Auto rum. Dance Shot aus dem Clip „Chocolate Cream“ von Laysha; Copyright: JS Enternainment.

Wir haben es in unsere K-Pop-Rubrik bereits mehrfach erwähnt: K-Pop ist längst nicht mehr das, was es einmal war. Die schrillen, vollkommenen Plem Plem-Videoclips sucht man heute vergeblich. K-Pop ist seine Verspieltheit nach und nach los geworden. Grund dafür ist der internationale Musikmarkt und der Glaube daran, dass man Produkte nur durch eine gewisse Erotisierung an den Mann oder die Frau bringen kann.

In Sachen K-Pop ist das fraglich. K-Pop erregte nicht Aufsehen dadurch, dass erotische Musikvideos veröffentlicht wurden, sondern eben dadurch, dass diese Clips farbenfroh und voller durchgeknallter Ideen waren. Natürlich gab es auch zu Beginn des internationalen Erfolgs Clips, die einen Hauch von Erotik wagten, doch alles innerhalb eines Rahmens, der noch immer das kennzeichnete, was typisch für K-Pop war.

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Gleich zu Beginn möchte der Clip provozieren. Laysha „Chocolate Cream“; Copyright: JS Entertainment.

Nun aber nehmen die erotischen Anteile in den Clips zu. K-Pop verliert dadurch seine Originalität und wird zu etwas völlig Banalem. Banal in dem Sinne, da die Erotisierung in den Medien im Grunde genommen zu etwas Normalem geworden ist. Um dennoch aufzufallen, versucht man sich skandalträchtig. Doch das Ergebnis einer solchen Methode ist meistens, dass der Schuss nach hinten losgeht.

Die Formation 4L (Four Ladies) hat es vorgemacht. Mit großem Trarar wurde ein Musikvideo präsentiert, über das sich kurz nach Veröffentlichung viele Leute aufgeregt hatten. Sowohl Video, das teilweise so schlecht produziert worden war, dass es unfreiwillig komisch wirkte. als auch die Gruppe sind inzwischen Geschichte und dies, obwohl die Produzenten damals dick auftrugen, indem sie meinten, dass das nächste Video von 4L noch freizügiger werden würde. Und wir fragen uns natürlich heute: Von welchem nächsten Video sprach denn dieser gute Mann?

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Bei all dem Durchschnitt freut man sich über ein wenig Überbelichtung. Laysha „Chocolate Cream“; Copyright: JS Entertainment.

Statt 4L weiter zu produzieren, tauchte Ende des Frühjahrs eine neue Gruppe auf mit Namen Laysha, die ebenfalls eine Art Adult-Konzept darstellen soll. Doch sowohl Video als auch das Konzept der Girl Group sind so langweilig und geradezu überflüssig, dass Laysha mit Sicherheit genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden wird wie 4L. Das wäre keinesfalls etwas Außergewöhnliches, da in Südkorea neue Boy und Girl Groups wöchentlich erscheinen – und auch wieder verschwinden.

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Sieh in meine Augen! – Laysha: „Chocolate Cream“; Copyright: JS Entertainment.

Das Video „Chocolate Cream“ von Laysha ist eine einfache Andernanderreihung von Dance Shots, man verzichtete ganz auf narrative Elemente, wahrscheinlich, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. So geht man quasi im Vergleich mit 4L einen Schritt zurück, dort war es immerhin eine angedeutete lesbische Liebesbeziehung, die den narrativen Teil ausmachte und für einen Skandal sorgte. Bei Laysha möchte man dagegen kein finanzielles Risiko eingehen bzw. dieses so gering wie möglich halten. „Chocolate Cream“ hat alles andere als einen Skandal ausgelöst. Man muss sogar sagen, dass das Video im Verhältnis zu anderen dieser Art regelrecht brav, vielleicht sogar zu brav wirkt. Somit hatte man wohl so seine Schwierigkeiten, ein ausgeprägteres Konzept durchzusetzen. Allerdings sorgen die Auftritte der Gruppe wegen ihrer lasziven Choreographie für viel Gesprächsstoff. Doch war dies bei 4L derselbe Fall gewesen.

Laysha wird folglich genauso schnell in Vergessenheit geraten wie andere Gruppen vor ihnen. Was bleibt, ist die Tatsache, das K-Pop einmal mehr an Reiz verloren hat.

Spirit’s Homecoming – Der Sensationserfolg aus Südkorea

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Originalplakat von „Spirit’s Homecoming“ (2016).

Regisseur Choe Jung-Rae fand für sein Projekt, das sich mit dem Schicksal der koreanischen „Comfort Women“ (Trostfrauen) im Zweiten Weltkrieg beschäftigt, keinen Produzenten und erst recht keinen Verleih. Das Drehbuch wurde mit Kommentaren wie „So etwas möchte niemand sehen“ abgelehnt. Choe machte aus der Not eine Tugend und versuchte, die Gelder für den Film durch Crowdfunding zu sammeln. Der Plan ging auf. Er erreichte dadurch über 75000 Geldgeber, die mit ihren jeweiligen Beträgen, dem Film zur Realisation verhalfen.

Dann war da noch die Sache mit den Kinos. Kaum eines der koreanischen Lichtspielhäuser wollte den fertigen Film aufführen. Was folgte, war eine Petition der Geldgeber, welche dazu führte, dass „Spirit’s Homecoming“ in mehreren Kinos anlief. Das Resultat: Der Film legte den bisher erfolgreichsten Wochenstart hin und machte bisher (Anfang März war Premiere) einen Umsatz von umgerechnet über 21 Millionen Dollar.

Doch um was genau geht es in Choes Film? „Spirit’s Homecoming“ erzählt die Geschichte zweier Freundinnen während des Zweiten Weltkriegs. Jung-Min ist 14 Jahre alt, Young-Hee 16. Beide werden von japanischen Soldaten entführt und in ein Militärlager gebracht, wo sie von nun an als „Comfort Women“ tätig sein müssen, als Prostituierte, die von den japanischen Soldaten auf sadistische Weise misshandelt werden.

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Jung-Min (Kang Ha-Na) wird von japanischen Soldaten abgeführt.

Der Film verlangt dem Zuschauer einiges ab. Manche der Szenen, in denen die Mädchen von den Soldaten gequält werden, sind an der Grenze des Ertragbaren. Choe zeigt die reinste Hölle, in der sich die Mädchen befinden. Sie sind der Willkür und der Brutalität der Männer vollkommen ausgeliefert. In engen, schmutzigen Räumen, vor denen die Soldaten in Warteschlangen stehen, warten sie auf den nächsten Peiniger. Aus den anderen Räumen dringen entsetzliches Kreischen und Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Die Mädchen, die in Wahnsinn verfallen oder körperlich zugrunde gehen, werden hingerichtet. In den wenigen Stunden, die die Mädchen für sich haben, sitzen sie zusammen in einer Wiese, machen Späße wie ganz normale Schülerinnen, ihre Gesichter aber mit Platzwunden und Blutergüßen übersät.

Damit der Zuschauer zwischendurch durchatmen kann, entwarf Choe eine Rahmenhandlung, in der eine junge Schamanin eine alte Frau trifft, die früher das Schicksal einer Trostfrau erleiden musste. Diese Handlung spielt im Jahr 1991. Sie zeigt den Alltag der Frau sowie die Tätigkeit der Schamanin, wodurch der Film einen leicht poetischen Touch erhält. Natürlich spielt hier auch der Kontrast zwischen Alptraum und friedvollem Leben eine Rolle. Die Schamanin, die merkt, dass die Frau ihre Vergangenheit immer noch quält, versucht, ihr dabei zu helfen, sie von ihrem Schmerz und ihrem Verlust zu befreien. Das klingt kitschig, ist es aber nicht. Denn Choes nüchterne Art des Erzählens ist frei von jeglichem Hang zum Kitsch.

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Die Mädchen, für die die japanischen Soldaten keine Verwendung mehr haben, werden erschossen.

Diese Nüchternheit prägt auch den Alptraum, den die Mädchen durchleben müssen. Choe ist weit davon entfernt, die japanischen Soldaten als böse hinzustellen. Wie auch die Mädchen, so sind auch sie Opfer des Krieges, verstört und vollkommen verroht. Der Regisseur hatte Schwierigkeiten, Schauspieler zu finden, die die Rollen der Japaner übernehmen wollten. So engagierte er Laiendarsteller, die über drei Jahre hinweg ihre Rollen und Dialoge probten. Ihre Schauspielkunst ist fast schon besser als die der Profis. Das gilt ebenso für die meisten der anderen Darsteller. Da das Geld für Stars fehlte, castete Choe hauptsächlich unbekannte Darsteller. Nicht weniger überzeugend wie die Schauspieler, welche die Rollen der japanischen Soldaten übernommen haben, sind die jungen Darstellerinnen, welche die Comfort Women spielen. Sie spielen ihre Rollen mit so viel Hingabe, dass es nicht erstaunlich wäre, wenn es dafür einen der vielen koreanischen Filmpreise geben würde. Übrigens verzichteten alle auf Gagen, sondern wirkten quasi ehrenamtlich mit.

Neben den Darstellern prägt auch Choes sorgfältige Kameraführung „Spirit’s Homecoming“. Er schafft dadurch zum einen Bilder voller Posesie und Frieden, zum anderen Bilder, die grauenvoller nicht sein können. Während die Misshandlungsszenen dunkel und voller Schatten sind, so sind die Szenen der Rahmenhandlung in einem überaus hellen Licht gehalten, ja wirken teilweise sogar überbelichtet. Gelegntlich nutzt er Zeitlupe, um die Geschehnisse noch eindringlicher wirken zu lassen. Höhepunkt ist hierbei eine Splitscreen, in der in sechs Rahmen die parallel verlaufenden Gräueltaten zu sehen sind, sodass dem Zuschauer keine Möglichkeit bleibt, dem Entsetzen zu entkommen.

„Spirit’s Homecoming“ ist ein Film, der gedreht werden musste. Dass er auch politischen Sprengstoff mit sich führt, zeigt die Tatsache, dass die japanische Regierung die Aufführung des Films verhindern wollte. Der Grund, Japan versucht noch immer, die Schicksale der Trostfrauen herunterzuspielen oder die grauenvollen Berichte sogar als Lügen abzutun. Eine konkrete historische Untersuchung der Comfort Women ist so gut wie unmöglich, da die japanische Regierung die Akten darüber entweder vernichtet hat oder noch immer unter striktem Verschluss hält. Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus. „Spirit’s Homecoming“ hat auf jeden Fall schon jetzt seinen Platz in der (Film-)Geschichte Südkoreas gefunden.

Totmacher 4 – Gerd Frank auf den Spuren asiatischer Serienmörder

totmacher4In den drei vorangegangenen Bänden beschäftigte sich der Autor Gerd Frank mit deutschen Serienmördern (Band 1), europäischen Serienmördern (Band 2) und russischen Serienmördern (Band 3). In Band vier nimmt sich Frank Kriminalfälle aus Asien vor.

Um es vorweg zu nehmen, die Rechercheleistung des Autors kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Es ist erstaunlich, wie viele Informationen Gerd Frank über Kriminalfälle aus dem Jemen, aus Indien, Iran und sogar Israel zusammengetragen hat. Frank wertete bei seiner Arbeit vor allem Zeitungsberichte aus. Neben Kriminalfällen aus dem Nahen Osten, recherchierte er auch über die Untaten von Serienmördern in China, Japan und Südkorea, sodass der Band in der Tat den gesamten asiatischen Raum abdeckt. Denn Thailand, Indonesien und die Philippinen sind in dem Buch ebenfalls enthalten.

In dieser Hinsicht ist der Band „Totmacher 4 – Die Kobra von Henan“ einzigartig in der deutschen Literaturlandschaft. Gerd Frank füllte damit einen weißen Fleck der Kriminalgeschichte. In Indien tritt das Phänomen Serienmörder vor allem in den Armenvierteln auf. Nicht selten werden dabei Kinder zu Opfern. Im Jemen ermordete ein Angestellter an der Universität mehrere Studentinnen. Der einzig bekannte Fall eines Serienmörders in Israel spielte sich in Haifa ab. Im Jahr 2005 wurden mehrere russsische Juden Opfer eines heimtückischen Mörders.

Eines der „skurrilsten“ Verbrechen vollführte ein Japaner, der für seine Straftat nicht verurteilt wurde, sondern noch immer auf freiem Fuß ist. In Paris ermordete und verspeiste er eine Kommilitonin. Ironischerweise war er in Japan später u. a. als Restaurantkritiker tätig. In Südkorea erregte eine Mordserie an mehreren Prostituierten großes Aufsehen. Im Laufe der Ermittlungen unterstützten sogar die Zuhälter die Polizei bei ihrer Arbeit. Der Fall wurde später unter dem Titel „The Chaser“ verfilmt (in Hollywood wird zurzeit ein Remake produziert).

Wie in den anderen Bänden bleibt Gerd Frank nicht einfach bei den eigentlichen Mordfällen stehen, sondern sucht nach Hintergrundinformationen zu den Mördern und deren Opfer. Hierbei ist vor allem die Erläuterung des südkoreanischen Rechtssystems von großem Interesse. Alles in allem liefert Band vier der Reihe spannende und unheimliche Lesekost, die man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legt.

Gerd Frank. Totmacher 4 – Die Kobra von Henan und andere unheimliche Kriminalfälle asiatischer Serienmörder (1906 – 2012). Verlag Kirchschlager 2015, 200 Seiten, 12,80€, ISBN: 978-3-934277-52-6.

K-Pop: Tahiti – Von einem Konzept zum anderen

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Tahiti in dem Clip „Tonight“ auf der Fahrt in die Freiheit. Interessant hier: Trotz positiver Stimmung ist der Hintergrund besetzt mit überaus düsteren Wolken. (Copyright: Dream Star Entertainment)

Tahiti lautet der Name einer Girl Group, die 2012 von der Produktionsfirma Dream Star Entertainment ins Leben gerufen wurde. Die Gruppe besteht aus fünf Mitgliedern. Wie auch in anderen Girl Groups, wechselten die Sängerinnen öfters, entweder aufgrund von auslaufenden Verträgen oder interner Konflikte.

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Der Firmenbesitzer in dem Clip „Tonight“. Während die einen „ackern“, lässt er es sich in der Rolle des klassischen Ausbeuters gut gehen. (Copyright: Dream Star Entertainment)

Ihr Debut-Clip „Tonight“, der 2012 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, versprach ein interessantes Konzept, das es zu verfolgen galt. Die Narration war eine Mischung aus Witz, Satire und heimlicher Kapitalismuskritik. Sie zeigte die fünf Sängerinnen in einer alten Fabrikhalle, in der sie Kleiderpuppen herstellen müssen, während der Firmenbesitzer in seinem Büro sitzt und es sich gut gehen lässt. Kurzerhand beschließen sie, aus der Fabrik zu fliehen und ein Leben ohne Zwänge zu führen. Der Besitzer der Firma aber, der sie die ganze Zeit über verfolgt hat, „fängt“ sie wieder ein. Dabei wechselt er seine Rolle. Vom klassischen Ausbeuter wird er zum DJ, während die Sängerinnen zu seiner Musik tanzen.

Das kontrastreiche Video, das die Arbeitswelt als düster und schmutzig und das Leben in Freiheit als bunt und verspielt darstellt, wobei es beiden „Welten“ patriarchale Züge verleiht, passt sich ein in die sozialkritischen Aspekte koreanischer Girl Group-Videos, findet in dieser Hinsicht sogar klarere Worte als andere Clips (mit Ausnahme der Band Sunny Hill, bei denen Kapitalismuskritik Programm ist). Man hoffte auf mehr. Leider aber baute die Produktionsfirma die Gruppe in diese Richtung nicht weiter aus.

Bereits der zweite Clip „Hasta Leugo“ ist ein Zusammenschnitt unterschiedlicher, fantasieloser Dance-Shots. Das Verspielte und Schwungvolle, welches Tahiti ins Rennen gebracht hatte, ging verloren. Zurück blieb ein langweiliges Konzept, über das es sich nicht weiter lohnt zu sprechen. Das machte sich auch in den koreanischen Charts bemerkbar, wo die zweite Single unter ferner liefen zu finden war.

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In dem Clip „Love Sick“ überwiegen düstere, kalte Farben. (Coypright: Dream Star Entertainment).

„Love Sick“, die dritte Single bzw. das dritte Video, sollte anscheinend den Rohrkrepierer von zuvor übertünchen. Mit einer Musik, die ansatzweise an Europop erinnert, einer besseren Optik und einer Mischung aus Dance-Shots und losen narrativen Elementen, zeigte sich die Gruppe in düsteren, bis ins Schwarze hineinreichenden Farben. Die gelungene Montage verleiht dem Video einen hochwertigen Charakter. Als wollte man mit „Love Sick“ einen neuen Anfang wagen, wurden am Ende des Clips die einzelnen Sängerinnen nochmals mit Namen vorgestellt.

Aus nicht nachzuvollziehende Gründen, ließ man aber auch von diesem Konzept ab. Statt in der oberen Kategorie weiter mitzumischen, verpatzte Dream Star Entertainment den zweiten Einstand, indem das vierte Video „Oppa, You’re mine“ innerhalb einer kitschig-bunten Mischung die Sängerinnen als „Dummchen“ darstellte. Von dem vorangegangenen Konzept blieb wiederum nichts übrig. Der Clip ist völlig banal und nach drei Minuten Laufzeit sofort wieder vergessen.

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In „Phone Number“ gehören teils überbelichtete Szenen zum Programm. (Copyright: Dream Star Entertainment).

Im Januar 2015 kehrten Tahiti erneut zurück auf die K-Pop-Bühne. Dieses Mal mit dem Clip „Phone Number“. Das aktuelle Video schließt sich an den derzeitigen Erotik-Konzepten an. Etwas, das den Clip oder die Gruppe als solche originell machen würde, sucht man vergeblich. Helle, extrem bunte Farben und teilweise überbelichtete Einstellungen dominieren die einzelnen Szenen. Die Choreographie mit einer zurzeit innerhalb von K-Pop-Clips obligatorischer Selbstbefriedigungsgeste – hier bei weitem gewagter, da direkter – verpasste dem Video in Südkorea eine Altersbeschränkung: es darf nur von Zuschauern gesehen werden, die älter als 16 Jahre alt sind.

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Die Hand im Schritt war eigentlich stets Michael Jackson vorbehalten. Bei koreanischen Girl Groups wie Tahiti gehört diese Geste inzwischen zum Standard. (Copyright: Dream Star Entertainment).

Doch wie bereits erwähnt, fehlt es an Merkmalen, an denen man die Gruppe Tahiti fest legen könnte. Im Gegensatz zu anderen Girl Groups fehlen grundlegende Wiedererkennungsaspekte. Das legt den Verdacht nahe, dass man mit Tahiti eine „Girl Group auf Abruf“ konzipierte, das heißt, eine Gruppe, die gerade dann in Erscheinung tritt, wenn es in der Produktion eine Lücke gibt. Es ist schade, dass hierbei viel Potential vergeudet wurde. Die Grundlage, wie der Clip „Tonight“ zeigt, war vorhanden.

K-Pop 2014 oder Mit Erotik zum Abschwung?

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Hook des Clips „Marionette“ der Gruppe Stellar.

Über koreanische Boy-Groups braucht man nicht sonderlich viel zu erzählen. Die Konzepte der jeweiligen Gruppen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Auch 2014 änderte sich dies nicht. Im Gegensatz dazu legten die Produktionsfirmen den (vor allem visuellen) Fokus auf ihre Girl-Groups.

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Gekonnter Hüftschwung im Dance-Shot von „Marionette“.

Das Motto, unter dem die Konzepte weiter entwickelt wurde, lautete: Provokation. Und am leichtesten geht dies durch die Zunahme von erotischen Aspekten in den Videoclips. So überraschte die Formation Stellar, die bis dahin als eine der schlechtesten K-Pop-Groups überhaupt galt, mit dem Clip „Marionette“. Ziemlich freizügige Kostüme und eine Nahaufnahme des weit ausgeschnittenen Dekoltees einer der Sängerinnen, sorgten dafür, dass das Video erst zu später Stunde ausgestrahlt werden durfte. Besonders dieses Jahr legten es die Musikkonzerne darauf an, Clips nur für Erwachsene zu drehen, in der Hoffnung, dadurch den gewünschten Medienrummel zu verursachen. Bei „Marionette“ klappte dies auf jeden Fall. Da die Konkurrenz zwischen den Firmen und den einzelnen Gruppen immer intensiver wird, bleibt den Machern gar nichts mehr anderes übrig, als mit Erotik zu trumpfen. Andere Gruppen müssen unweigerlich nachziehen.

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Dance-Shot in dem Clip „Mask“ der Gruppe Stellar.

Doch schon der Nachfolge-Clip mit dem Titel „Mask“ fiel weit hinter „Marionette“ zurück. Auf antik gestylte Kostüme und eine lesbisch angehauchte Choreographie sollten für eine gewisse Dekadenz sorgen. Aber der erhoffte Knall verhallte ungehört. Die Dance-Shots haben zwar durchaus Stil, doch das angedeutete Busenstreicheln hilft nicht einmal, um einen Möchtegern-Skandal auszulösen. Besonders, da speziell diese einstudierte Handbewegung mittlerweile zum Standardprogramm verschiedener Girl-Groups gehört.

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Eine Szene aus dem Style-Film der Gruppe Rainbow-Blaxx.

Die Produzenten der neu gegründeten Girl-Group „Rainbow Blaxx“ gingen sogar soweit, eine Art Softerotikkurzfilm zu drehen, der wenige Wochen vor dem Videorelease ausgestrahlt wurde (wir berichteten darüber). Das als „Style-Film“ bekannt gewordene Filmchen erwies sich als äußerst medienwirksam. Es gab kaum ein Magazin, in dem nicht darüber berichtet wurde. Das Video, das daraufhin veröffentlicht wurde, wirkte dagegen eher harmlos, obwohl es gut gemacht war.

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4L beim Po-Wackeln. Die Dance-Shots wirken teilweise unfreiwillig komisch.

Schließlich war es die Gruppe 4L (Four Ladies), welche mit ihrem Clip „Move“ für ein negatives Echo im Internet sorgten. Durch Nahaufnahmen der Leistengegenden und angedeutete Selbstbefriedigung erhoffte man sich anscheinend einen Knüller. Doch die Sängerinnen wurden mit übelsten Schimpfwörtern angegriffen. 4L war bewusst als Erotik-Formation ins Leben gerufen worden. Während die narrativen Elemente, die einen lesbischen Liebesakt andeuten, gekonnt umgesetzt waren, wirkten die angeblich erotischen Dance-Shots doch eher unfreiwillig komisch. Die Produzenten meinten damals, das Video „Move“ sei erst der Anfang. Doch nach den schlimmen Reaktionen, die dadurch ausgelöst wurden, dürfte es fraglich sein, ob das Konzept weiter aufrecht erhalten werden kann.

Und wie wird all das weitergehen? K-Pop ist noch immer einer der erfolgreichsten Musikstile, welcher derzeit auf dem internationalen Markt zu finden ist. Dennoch haben es die koreanischen Produktionsfirmen schwer, an den früheren Erfolgen anzuknüpfen. Unserer Meinung nach drücken die Erotik-Konzepte eher eine Einfallslosigkeit aus. Der anfänglichen Kreativität, welche K-Pop so populär gemacht hat, geht langsam die Luft aus. Es werden höchstwahrscheinlich weitere, vielleicht sogar intensivere Erotik-Konzepte entwickelt werden, um mit der sog. Dampfhammermethode die erhoffte Aufmerksamkeit zu erlangen. Was wie ein derzeitiger Trend wirkt, könnte auch der Anfang einer Krise sein.

 

 

 

Red Velvet – K-Pop kann auch künstlerisch sein

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Red Velvet „Happiness“. Kaldeidoskopartige Spiegelungen sind nur ein Aspekt der Ideenvielfalt des Videoclips.

Es begann überaus bunt. Gemeint ist das Debut-Video der koreanischen Girl Group Red Velvet. Man glaubte schon fast, dass die Zeit der Bonbonfarben innerhalb von K-Pop vorbei sei. Da kam mit dem Song „Happiness“ ein extremer Farbenrausch daher, der den Zuschauer zum Staunen brachte. Verbunden mit einer sehr guten Kameraführung, welche auf originelle Weise die vier Mitglieder der Gruppe vorstellt, ergab sich ein Video, das fast schon einzigartig ist in der derzeitigen K-Pop-Phase, die vor allem mit eher reduzierten, fast schon düsteren Farben und einem hohen Erotikgrad gekennzeichnet ist.

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Die 80er Jahre lassen grüßen: Fotomontage im Bildhinter- und vordergrund.

SM Entertainment, eine der drei größten Produktionsfirmen in Südkorea, suchte anscheinend nach Alternativen. Heraus kam ein Girl Group-Konzept, das einerseits verspielt und kitschig, andererseits erwachsen und ernst ist. In der Tat kreierte man hier eine Art Paradoxon. Das Ergebnis war ein faszinierender Clip, der beeinflusst ist von den Videoeffekten der 80er Jahre. Eine kunterbunte Mischung aus witzigen Dancehots, Fotomontagen und kaleidoskopartigen Spiegelungen. Bei der ersten Sichtung wird einem fast schwindelig. Beim zweiten Betrachten erkennt man die Details.

Man war gespannt, ob und wie das Konzept von Red Velvet weiterentwickelt wird. Mit „Be Natural“ kam nun die zweite Single und das zweite Video an den Start. Die Verblüffung war groß. Das Farbkonzept des ersten Clips wurde ad acta gelegt. Nun herrschen kühle, dunkle Farben. Die Gruppenmitglieder erscheinen in schwarzen Damenanzügen. Gegen Ende des Clips erscheinen sie – ihrem Namen entsprechend – in roten Kostümen. Obwohl man sich hinsichtlich der Farbgebung den übrigen K-Pop-Clips annäherte, wollte man das Konzept nicht wirklich angleichen.

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Red Velvet „Be Natural“ mit reduzierten, kühlen Farben und einer ungewöhnlich tiefen Raumoptik.

Das Besondere an dem neuen Clip sind daher die Kamerafahrten. Die Danceshots präsentieren sich ohne Schnitt. Lediglich angenehm altmodische Überblendungen führen in die nächste Kulisse. Die Kamera kreist dabei um die Sängerinnen herum, verändert dabei immer wieder ihre Höhe und die Distanz zu den Gruppenmitgliedern. Der Hintergrund besteht aus einem extrem weiten Raum, der für K-Pop-Clips ungewöhnlich ist. Die Mitglieder wirken beinahe verloren.

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Abschließender Danceshot von „Be Natural“. Die Raumtiefe setzt sich auch hier fort.

Regisseur Si versuchte, die kühlen Jazzklänge, welche den Song „Be Natural“ – der fast schon an Jamie Cullum erinnert –  prägen, visuell umzusetzen. Dies gelingt ihm auf hervorragende Weise. Die visuelle Ästhetik, mit der Si arbeitet, ist grandios. Das Konzept von Red Velvet ist derzeit einzigartig in der K-Pop-Landschaft. Man setzt auf eine Mischung aus Mainstream und Indie und einen hohen Grad an Videokunst. Es bleibt zu hoffen, dass die Kreativität, mit der das Konzept ausgestattet ist, erhalten bleibt.

Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen – Eine Graphic Novel über Südkoreas Nationalgericht

vergiss nicht das salz auszuwaschenKimchi ist das koreanische Nationalgericht. Eine Speise, die nicht ohne Kimchi als Beilage serviert wird, gibt es nicht. Und nicht nur das: es gibt wahrscheinlich genauso viele Kimchi-Rezepte wie es Hausfrauen in Korea gibt. Eine jede hat ihren ganz besonderen Tipp, wie Kimchi noch besser schmeckt. Und Kimchi schmeckt. Wer es bisher noch nicht probiert hat, der kann nun das Buch „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ der Künstlerin Sohyun Jung zum Anlass nehmen, dies nachzuholen.

Darin beschreibt die Autorin, wie es ist, als Koreanerin nach Deutschland zu kommen. Die Hauptfigur Hana beginnt ganz plötzlich, Kimchi zu vermissen. Mit ihrer Mutter steht sie gerade in Zwist, möchte diese doch, dass Hana so schnell wie möglich wieder zurück nach Korea kommt. Da Hana ihre Mutter nicht anrufen möchte, um nach dem Rezept für Kimchi zu fragen, macht sie sich selbst auf die Suche nach Zutaten und den Arten der Zubereitung.

Sohyun Jung erzählt die Geschichte mit viel Witz, Phantasie und einer sehr genauen Beobachtungsgabe. Hervorragend sind die Eindrücke, die sie über Deutschland wiedergibt. Wenn sie zum Beispiel deutsches Essen bestellen möchte und aus der Küche jemand auf Italienisch antwortet. Oder der Asien-Shop, der in der Auslage ein Sammelsurium von Krimskrams stehen hat und damit die deutsche Vorstellung von „Asien“ widerspiegelt.

Aber auch der Teil, in welchem Hana versucht, selbst Kimchi zu machen, ist sehr liebevoll und humorvoll umgesetzt. In die Handlung mischt Sohyun Jung Informationen über die Geschichte des Kimchi. Sehr gelungen sind die Zeichnungen und Bilder, die äußerst detailreich sind. Die doch eher dunklen Farben verleihen der Geschichte, trotz ihres Witzes, einen grundlegenden melancholischen Charakter, der sehr schön die anfängliche Einsamkeit und (kulturelle) Verlorenheit der Protagonistin ausdrückt.

Und wer das Zubereiten von Kimchi selbst ausprobieren möchte, der erhält in dem Buch auch noch ein genaues Rezept.

Sohyun Jung. Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen. Mairisch Verlag 2014, 80 Seiten, 14,90€, ISBN: 978-3-938539-31-6

 

Song for You – Eine TV-Show mischt Korea auf

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Die Sendung „Song for You“ sorgt bei Zuschauern und Kritikern für gemischte Gefühle.

Song-Contests gibt es zurzeit wie Sand am Meer. Auch in Südkorea konkurrieren die TV-Sender mit diversen Casting-Shows, denen jedoch langsam aber sicher die Puste ausgeht. Ging man anfangs durchaus engagiert und motiviert an das Konzept heran, so macht sich nun eine breite Lustlosigkeit bemerkbar. Genau in diese Phase der Konzepthinterfragung strahlte der koreanische Sender SBS eine dreiteilige Sendung aus, in der es um ein Casting etwas anderer Art geht. Es handelt sich um eine Mischung aus typisch koreanischer TV-Unterhaltungssendung, Casting-Show und Reportage. Das Konzept: innerhalb von 100 Tagen soll ein Chor zusammengestellt werden, der in Polen an dem diesjährigen internationalen Chorfestival teilnehmen soll.

Das Besondere daran ist, dass hier keine Durchschnittskandidaten ausgewählt werden. Der Sender engagierte zwei der bekanntesten koreanischen Sänger, die an der Sung-Ji Highschool das Casting durchführen und aus den begabtesten Schülern einen Chor zusammenstellen sollen. Die Sängerin Ohm Jong-Hoa und der Sänger Im Seung-Chol haben es jedoch keineswegs mit einer normalen Schule und normalen Schülern zu tun. Die Sung-Ji Highschool ist eine der berüchtigsten Schulen in ganz Südkorea. Bei den Schülern handelt es sich um schwerst erziehbare Kinder, die zum großen Teil bereits kriminell geworden sind. Die Sung-Ji Highschool ist ihre letzte Chance, um doch irgendwie zu einem Schulabschluss zu kommen.

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Sängerin Ohm Jong-Hoa schockiert über das Verhalten der Schüler.

Dementsprechend schwer haben es die beiden Mentoren, den Schülern Disziplin beizubringen, sind diese es doch gewohnt, in die Schule zu kommen, wann sie Lust haben. Im Gegensatz zu Ohm Jong-Hoa hat es allerdings Im Seung-Chol etwas leichter. Er selbst war früher ein Problemkind und landete mehrmals im Gefängnis. Er weiß, wie man mit diesen Kindern umgehen muss, um sie zu motivieren und ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, sich Mühe zu geben. Seine Kollegin ist in dieser Hinsicht regelrecht überfordert.

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Die Schüler bei einer der Chorproben.

Die Mischung aus Unterhaltung und Reportage hat es in sich. Sie ist gewöhnungsbedürftig und eckt gezielt an. Kein Wunder also, dass die Kritik gegenüber SBS laut wurde. Dem Sender wird vorgeworfen, den Schulalltag an der Sung-Ji Highschool zu beschönigen. Halbkriminelle werden als „eigentlich ganz nette Typen“ charakterisiert. Kurz: die Sendung wurde für teilweise unmoralisch empfunden. Aber genau das ist es, was der Sender wollte. Keine Show, die nach dem typischen Schema F abläuft, sondern ein Konzept, das die Zuschauer zum Nachdenken bringt. Dabei kritisiert die Show indirekt das Schulsystem und die Art, wie mit Problemkindern umgegangen wird. Es zeigt die Hilflosigkeit der Lehrer und Pädagogen. Und es zeigt, dass man mit einem gezielten Engangement auch „solche“ Kinder dazu animieren kann, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, etwas, was die Schule nicht verfolgt.

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Ein erfolgreich absolvierter TV-Auftritt des Chors. Nächste Station internationales Chorfestival in Polen.

Man kann „Song for You“ natürlich vorwerfen, dass hier rein plakativ vorgegangen wird. Denn die Sendung selbst hinterfragt nicht, wodurch die Kinder zu „Problemfällen“ geworden sind. Sie verweist nicht bzw. kaum auf soziale Hintergründe. Sie stellt einfach dar, ohne aber zu verurteilen. So z.B. einen Schüler, der aus seiner ursprünglichen Schule geworfen wurde, da er einen Mitschüler krankenhausreif geschlagen hat. Schüler, die rauchen und sich betrinken, die das Geld ihrer Eltern gestohlen haben. Aber auch Schüler, die an anderen Schulen ständig gemoppt wurden oder die ihre Freundin oder Freund verloren haben, da diese/dieser Selbstmord begangen hat. Die Sendung stilisiert die Protagonisten zu tragischen Figuren. Das ist es, was den Kritikern aufstößt. Doch die Schicksale sind, rein objektiv betrachtet, tragisch. Sie verweisen auf problematische soziale Umfelder und verfehlte Sozialisationen. Sie zeigen Kinder, die schon jetzt als ausgetsossen gelten und es sehr schwer haben werden, zurück in die Gesellschaft zu finden. Es sind sog. Verlierertypen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Auf solche Weise charakterisierte Protagonisten werden normalerweise nur in Problemsendungen oder Polizeireports gezeigt. Dass man sie in einer Unterhaltungssendung präsentiert, ist für viele Zuschauer und Kritiker fast schon ein Skandal.

All das macht „Song for You“ zu einem der interessantesten und spannendsten TV-Projekte innerhalb der derzeitgen koreanischen TV-Landschaft. Es ist gut, dass es unter den Fernsehleuten noch Produzenten gibt, die aufrütteln wollen. Ob der Chor in Polen Erfolg haben wird, wird sich bald zeigen. Doch egal ob Erfolg oder Misserfolg, eines ist auf alle Fälle gewiss: „Song for You“ hat schon jetzt Fernsehgeschichte geschrieben.

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Sänger Um Seung-Chol zusammen mit seinem Chor. (Copyright: SBS)

Nachtrag: Inzwischen ist die Sensation komplett. Der Chor kam beim internationalen Chorfestival auf den zweiten Platz.

The Berlin File – Eine Rezension

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The Berlin File ist ein erstklassiger Agententhriller aus Südkorea.

Kaum ist das Feuer in dem fulminanten Blockbuster The Tower gelöscht, schon liefert Südkoreas Filmindustrie den nächsten Kassenschlager. The Berlin File ist die erste koreanische Produktion, die fast vollständig in Europa gedreht wurde. Hauptschauplatz ist, wie der Titel bereits verrät, Berlin. Dort drehte Regisseur Ryoo Seung-Wan am Brandenburger Tor und weiteren Originalschauplätzen. Die Besetzung ist dementsprechend international. Neben den koreanischen Stars treten sowohl deutsche als auch amerikanische Schauspieler auf.

Der Film handelt von Jong-Seung, einem nordkoreanischen Spion, der plötzlich zwischen die Fronten gerät. Schuld daran ist zum einen ein missglücktes Waffengeschäft, durch das südkoreanische Agenten auf seine Spur kommen, und zum anderen ein nordkoreanischer Botschaftsmitarbeiter, der versucht, überzulaufen. Anscheinend ist Jong-Seungs Frau, die Agentin Jung-Hee, ebenfalls in den geplanten Seitenwechsel verwickelt. Die Regierung in Nordkorea bekommt davon mit und schickt daraufhin einen weiteren Agenten nach Berlin, der für „klare Verhältnisse“ sorgen soll…

Ryoo Seung-Wan gelingt mit seinem selbst produzierten Agententhriller ein spannendes und actionreiches Spektakel. Die Geschichte ist konsequent erzählt, wenn sie auch hin und wieder aufgrund der Vielzahl an Geheimdiensten etwas wirr wird. Doch Ryoo behält stets die Kontrolle und verliert sich nicht in einem Kuddelmuddel. Dabei zitiert er gerne klassische Agententhriller wie etwa Der Spion, der aus der Kälte kam. Als kleiner Gag überrreicht ein südkoreanischer Agent einem Mitarbeiter des CIA dann auch ein Buch von John Le Carre. Viel verdankt der Film natürlich den Originalschauplätzen, die der Handlung die notwendige Atmosphäre verleiht. Die Actionszenen sind erstklassig choreographiert. Einer der Höhepunkt hierbei ist der Sturz Jong-Seungs durch ein Glasdach. Aber auch die Dramatik kommt in diesem Film keineswegs zu kurz. Ha Jong-Woo spielt die Rolle des gegenüber seiner Frau hin- und hergerissenen Agenten Jong-Seung ungeheuer gut.  Er hat die Pflicht, gegen sie vorzugehen, zugleich kann er sich nicht dazu überwinden. Jung-Hee, gespielt von „Sassy Girl“ Jeon Ji-Hyeon, ist ebenfalls gekennzeichnet durch einen gebrochenen Charakter, da sie immer wieder Aufträge bekommt, mit anderen Männern ins Bett zu gehen, um an wichgtige Informationen zu gelangen. Beide Schauspieler wirken in ihren Rollen absolut überzeugend, sodass der Film keineswegs oberflächliches Popkornkino ist, sondern eine dramatische Tiefe erhält, die in vielen Hollywood-Filmen fehlt.

The Berlin File (Originaltitel: Berlin), Regie, Drehbuch, Produktion: Ryoo Seung-Wan, Darsteller: Ha Jung-Woo, Jeon Ji-Hyeon, Han Suk-Kyu, Ryoo Seung-Bum, John Keogh. Südkorea 2013. Laufzeit: 120 Min.