K-Pop: Stellar oder Wie Kritik ein Konzept verhagelt

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Teilweise ganz in Weiß präsentieren sich die Mitglieder von Stellar in ihrem neuen Clip und reagieren damit auf die beleidigenden Kritiken zu einem ihrer vorangegangenen Videos.

Mitte März meldete sich die Girl Gruppe Stellar mit ihrem neuen Video „Fool“ zurück auf die Bühne des K-Pop. Das Video war mit Spannung erwartet worden. Der Grund, die beiden vorangegangenen Clips, allen voran „Marionette“, sorgten in Südkorea für recht viel Furore.

„Marionette“ ist wohl eines der erotischsten Musikvideos, die bisher in Korea produziert wurden. Das Video ist keineswegs plump. Die Anspielungen sind direkt, aber zugleich durchaus kunstvoll in Szene gesetzt. „Marionette“ arbeitet mit verschiedenen Unschärfestufen, Dance Shots wechseln sich ab mit kurzen semi-narrativen Einschüben. In einem der gewagtesten Zwischenshots rinnt einer der Sängerinnen Milch in den Ausschnitt, und dies in Großaufnahme.

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Dance-Shot aus dem Video „Marionette“.

Vor „Marionette“ wurde Stellar als die schlechteste Gruppe innerhalb des K-Pop bezeichnet. Das Bild änderte sich schlagartig nach diesem Video. Auf koreanischen Plattformen mehrten sich die Schimpftiraden, welche sich sowohl auf das Video als solches als auch auf das Outfit der Sängerinnen bezog. Die Mitglieder der Gruppe wurden übelst beschimpft. Eine ähnliche Reaktion erfolgte 2014 auf das Video „Move“ der Gruppe 4 Ladies. K-Pop-Experten nehmen an, dass es sich vor allem um junge Frauen und Schülerinnen handelt, die auf ein solches Konzept überaus negativ reagieren. Eine richtige Untersuchung dazu gibt es nicht. Der einzige Hinweis dafür ist, dass bei Videos von Boy Groups, egal wie diese konzipiert sind, nie eine solche Welle an üblen Beschimpfungen erfolgt.

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Ziemlich deprimiert lesen die Sängerinnen in dem Clip „Fool“ die Kritiken zu „Marionette“.

Das Video, das nach „Marionette“ veröffentlicht wurde, trug den Titel „Mask“. Doch wurde dieses kaum wahrgenommen, der Fokus der Aufmerksamkeit richtete sich weiterhin auf „Marionette“. Erst nach mehreren Monaten wurde das am Anfang des Artikels erwähnte neue Video ausgestrahlt. Der aktuelle Clip versteht sich als direkte Reaktion auf die negativen Kommentare, die auf „Marionette“ folgten. Man sieht die Sängerinnen, die sich ihr Video im Internet ansehen, dazu die Kommentare lesen und dabei ziemlich deprimiert wirken. Interessant, ja regelrecht provozierend ist, dass das Video die tatsächlichen Plattformen mit den tatsächlichen Kommentaren (einschließlich Nicknames der Urheber) zeigt. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Aufnahmen juristische Konsequenzen haben werden.

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Dance-Shot aus dem Video „Fool“.

Ansonsten ist das Video recht harmlos, teilweise aber etwas zu kitschig. Was die Produzenten mit dem Clip eigentlich aussagen wollten, ist, dass die Zuschauer unterscheiden sollen zwischen Darstellung und den Menschen, die sich hinter der Darstellung verbergen. Eine solche Unterscheidung wird bei vielen Rezipienten nicht vollzogen. Eine Frau in Reizwäsche gilt sofort als „Schlampe“, obwohl dies nur das Kostüm ist, welches die Aura der Darstellung unterstützen soll. Es ist schade, dass einigen Fans es nicht möglich ist, zwischen diesen beiden Aspekten zu unterscheiden. Allerdings ist dies nicht nur ein Fall unserer Tage, sondern durchzieht sich durch die gesamte Medien- und Filmgeschichte. Wie dem auch sei, einen Seitenhieb auf die Kritiker können sich die Produzenten dann doch nicht verkneifen: in einer kurzen Aufnahme wird der Po einer der Sängerinnen direkt von unten gefilmt. Die Aufnahme hat beinahe Applaus verdient, zeigt sie doch das notwendige Mass an Witz und Ironie, um mit den teils hysterischen, teils beleidigenden Kritiken umzugehen. Nichtzuletzt dürfte auch der Titel „Fool“ ein eindeutiges Statement der Produzenten im Hinblick auf die Kritiker sein.

K-Pop 2014 oder Mit Erotik zum Abschwung?

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Hook des Clips „Marionette“ der Gruppe Stellar.

Über koreanische Boy-Groups braucht man nicht sonderlich viel zu erzählen. Die Konzepte der jeweiligen Gruppen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Auch 2014 änderte sich dies nicht. Im Gegensatz dazu legten die Produktionsfirmen den (vor allem visuellen) Fokus auf ihre Girl-Groups.

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Gekonnter Hüftschwung im Dance-Shot von „Marionette“.

Das Motto, unter dem die Konzepte weiter entwickelt wurde, lautete: Provokation. Und am leichtesten geht dies durch die Zunahme von erotischen Aspekten in den Videoclips. So überraschte die Formation Stellar, die bis dahin als eine der schlechtesten K-Pop-Groups überhaupt galt, mit dem Clip „Marionette“. Ziemlich freizügige Kostüme und eine Nahaufnahme des weit ausgeschnittenen Dekoltees einer der Sängerinnen, sorgten dafür, dass das Video erst zu später Stunde ausgestrahlt werden durfte. Besonders dieses Jahr legten es die Musikkonzerne darauf an, Clips nur für Erwachsene zu drehen, in der Hoffnung, dadurch den gewünschten Medienrummel zu verursachen. Bei „Marionette“ klappte dies auf jeden Fall. Da die Konkurrenz zwischen den Firmen und den einzelnen Gruppen immer intensiver wird, bleibt den Machern gar nichts mehr anderes übrig, als mit Erotik zu trumpfen. Andere Gruppen müssen unweigerlich nachziehen.

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Dance-Shot in dem Clip „Mask“ der Gruppe Stellar.

Doch schon der Nachfolge-Clip mit dem Titel „Mask“ fiel weit hinter „Marionette“ zurück. Auf antik gestylte Kostüme und eine lesbisch angehauchte Choreographie sollten für eine gewisse Dekadenz sorgen. Aber der erhoffte Knall verhallte ungehört. Die Dance-Shots haben zwar durchaus Stil, doch das angedeutete Busenstreicheln hilft nicht einmal, um einen Möchtegern-Skandal auszulösen. Besonders, da speziell diese einstudierte Handbewegung mittlerweile zum Standardprogramm verschiedener Girl-Groups gehört.

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Eine Szene aus dem Style-Film der Gruppe Rainbow-Blaxx.

Die Produzenten der neu gegründeten Girl-Group „Rainbow Blaxx“ gingen sogar soweit, eine Art Softerotikkurzfilm zu drehen, der wenige Wochen vor dem Videorelease ausgestrahlt wurde (wir berichteten darüber). Das als „Style-Film“ bekannt gewordene Filmchen erwies sich als äußerst medienwirksam. Es gab kaum ein Magazin, in dem nicht darüber berichtet wurde. Das Video, das daraufhin veröffentlicht wurde, wirkte dagegen eher harmlos, obwohl es gut gemacht war.

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4L beim Po-Wackeln. Die Dance-Shots wirken teilweise unfreiwillig komisch.

Schließlich war es die Gruppe 4L (Four Ladies), welche mit ihrem Clip „Move“ für ein negatives Echo im Internet sorgten. Durch Nahaufnahmen der Leistengegenden und angedeutete Selbstbefriedigung erhoffte man sich anscheinend einen Knüller. Doch die Sängerinnen wurden mit übelsten Schimpfwörtern angegriffen. 4L war bewusst als Erotik-Formation ins Leben gerufen worden. Während die narrativen Elemente, die einen lesbischen Liebesakt andeuten, gekonnt umgesetzt waren, wirkten die angeblich erotischen Dance-Shots doch eher unfreiwillig komisch. Die Produzenten meinten damals, das Video „Move“ sei erst der Anfang. Doch nach den schlimmen Reaktionen, die dadurch ausgelöst wurden, dürfte es fraglich sein, ob das Konzept weiter aufrecht erhalten werden kann.

Und wie wird all das weitergehen? K-Pop ist noch immer einer der erfolgreichsten Musikstile, welcher derzeit auf dem internationalen Markt zu finden ist. Dennoch haben es die koreanischen Produktionsfirmen schwer, an den früheren Erfolgen anzuknüpfen. Unserer Meinung nach drücken die Erotik-Konzepte eher eine Einfallslosigkeit aus. Der anfänglichen Kreativität, welche K-Pop so populär gemacht hat, geht langsam die Luft aus. Es werden höchstwahrscheinlich weitere, vielleicht sogar intensivere Erotik-Konzepte entwickelt werden, um mit der sog. Dampfhammermethode die erhoffte Aufmerksamkeit zu erlangen. Was wie ein derzeitiger Trend wirkt, könnte auch der Anfang einer Krise sein.

 

 

 

Vor uns die Zukunft – SF-Elemente in K-Pop-Videoclips

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Eine Riesenfrau sucht in dem Clip „Agma“ der Indie-Band Anyeong Bada eine Stadt heim.

Das koreanische Kino tut sich schwer mit Science Fiction. Anfang 2000 wurden gerade einmal drei Filme produziert, die jedoch ohne großen Widerhall verschwanden. Ganz anders sieht es im Bereich der Musikvideos aus. Dort werden SF-Elemente immer wieder gerne aufgegriffen. Besonders narrative Videoclips übernehmen Konzepte des Science Fiction-Genres. Manchmal kitschig, manchmal witzig, selten aber düster kreieren die Videos phantastische Welten und liefern dabei einen Einblick auf eine surreal gestaltete Zukunft.

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Gekonnt orientiert sich der Clip an Comickunst und 50er Jahre Trash.

Die Indie-Band Anyeong Bada (auf Deutsch in etwa: Hallo Meer), erzählt z.B. in ihrem Video Agma (Teufel) die Geschichte einer Riesenfrau, die eine Stadt heimsucht. Dort macht sie aus den Hochhäusern Kleinholz, bis sie endlich die Band entdeckt und sie als Zutat für ihr Abendessen mit nachhause nimmt. Schön wird dabei eine Mischung aus klassischem 50er Jahre Trash, Comic-Adaption und Mockumantary präsentiert. Viele Details fallen bei der ersten Sichtung gar nicht auf. Man muss genau aufpassen und gelegentlich auch das Bild anhalten, um in den Genuss der Ideenvielfalt zu kommen. Auch dass die Monsterfrau eine Mutation darstellt, die durch radioaktive Strahlung hervorgerufen wurde, wird erst klar, nachdem man den Clip mehrmals angesehen und somit die atomare Wüste bemerkt hat, die die Stadt umgibt.

Dal Shabet mit violetten Perücken. Eine Anspielung auf die TV-Serie UFO.

Die Girl-Group Dal Shabet deren Mitglieder in ihrem aktuellen Song nichts anderes einfällt, als über ihre Beine zu singen (Schau auf meine Beine, so die Übersetzung des Titels), machten in ihrem Debüt Pink Rocket Anspielungen auf Klassiker des SF-Genres. So finden sich darin u. a. Verweise auf Planet der Affen und auf die TV-Serie UFO. Besonders das UFO-Zitat ist nett in Szene gesetzt, tragen die Sängerinnen doch bei einem der Dance Shots violette Perücken. Bis heute ist  nicht geklärt, wieso die Frauen in der Mondstation der Fernsehserie violettfarbene Haare haben. In dem Clip von Dal Shabet kommen die Perücken ebenfalls nur in den Shots zur Verwendung, die in einer Mondstation spielen.

Die Boy-Band B.A.P. entwrift in ihrem Debüt Warrior ein recht düsteres Zukunftsbild. Verfall, soziale Konflikte und Zerstörungswut prägen die skizzierte Gesellschaft. Im Grunde genommen besteht der Clip nur aus Dance Shots, die in einer finsteren Kulisse, die Ähnlichkeiten mit einem schmuddeligen Hinterhof besitzt, spielen. Es sind jedoch gerade die Kulissen, die einen futuristischen Charakter aufweisen. Das Bild ähnelt einer Dystopie wie Carpenters Klapperschlange. Eine soziale Ordnung gibt es nicht, es gilt das Gesetz des Stärkeren. Der Clip gehört vor allem wegen seiner gelungenen Choreographie zu den besten K-Pop-Clips der letzten Zeit.

Das Video „Warrior“ der Boy-Group B.A.P. skizziert eine verrohte Gesellschaft, in der das Gesetz des Stärkeren gilt.

Die Girl-Group Stellar wird zwar generell als eine der schlechtesten K-Pop-Gruppen überhaupt bezeichnet, unternimmt in ihren Clips jedoch immer wieder Ausflüge in die Science Fiction. Bereits ihr Debüt mit dem Titel Rocket Girl ist eine interessant gefilmte SF-Story, in der es darum geht, dass die Macht in den Händen eines Konzerns liegt. Dieser kontrolliert und manipuliert die Gesellschaft. Eine Gruppe Rebellinnen (d.h. die MItglieder von Stellar) macht sich auf, um die Macht des Konzerns zu brechen. Dabei machen sie regen Gebrauch von bizarren Laserwaffen. Am Ende tragen sie natürlich den Sieg davon. Das Video nutzt gekonnt Stadtarchitektur aus, um eine Atmopshäre der Zukunft zu schaffen. Die Aspekte der Überwachung und Kontrolle sind zwar nur skizzenhaft, dennoch sehr gut umgesetzt. Auch die Handlung an sich ist, trotz ihrer Einfachheit, interessant in Szene gesetzt.

Totale Überwachung und Widerstand sind die Themen des Videoclips „Rocket Girl“ der Gruppe Stellar.

Das zweite Video von Stellar ist nicht weniger der Science Fiction zuzuordnen. Die Handlung unterscheidet sich aber grundlegend von derjenigen des Debüts. Es geht um eine junge Frau, die von ihrem Freund verlassen wird. Wenige Tage später erhält sie ein Paket, in dem sich ein humanoider Roboter befindet. Dieser ist eigentlich darauf programmiert, den Haushalt in Ordnung zu halten. Doch verliebt sich die Frau in ihn und unternimmt mit ihrem neuen „Freund“ lange Spaziergänge. Eines Tages kommt es zu einem Unfall, bei dem der Roboter zunächst außer Gefecht gesetzt wird. Als er wieder zu sich kommt, ist er endlich fähig, menschliche Gefühle zu erwidern. Der Clip ist zwar unerhört kitschig, schafft es aber andererseits die Geschichte spannend zu erzählen. Trotz Kitsch, gelingt es dem Regisseur die Geschichte an sich relativ nüchtern zu visualisieren, was das Video sehenswert macht. Auch die Einfälle sind recht nett und hätten durchaus Potential für einen Spielfilm.

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Ein Roboter als Freund. Eine SF-Lovestory in Form eines Videoclips.