Der Uhrmacher in der Filigree Street – Roman von Natasha Pulley

Rezension von Alexander Pechmann

Natasha Pulley, Jahrgang 1988, veröffentlichte 2015 ihren ersten Roman Der Uhrmacher in der Filigree Street, der im englischen Sprachraum auf Anhieb erfolgreich war und mehrere Literaturpreise einheimste. Nun liegt das Buch in der eleganten Übersetzung von Jochen Schwarzer vor und wird zweifellos auch hierzulande viele Leser finden.

Die Geschichte spielt überwiegend in London, zwischen November 1883 und Oktober 1884, mit ein paar kurzen Ausflügen nach Oxford und Japan. Thaniel Steepleton, ein junger Angestellter im Innenministerium, findet in seiner Wohnung das Geschenk eines Unbekannten – eine kostbare Taschenuhr. Diese Uhr rettet ihm das Leben, als sie ihn mit einem Alarmsignal vor einer Zeitbombe irischer Unabhängigkeitskämpfer warnt. Die Polizei geht davon aus, dass der Zeitzünder der Bombe und die Taschenuhr vom selben Uhrmacher stammen, dem Japaner Keito Mori, der in seinem Laden phantastische Automaten und komplexe Uhrwerke herstellt. Steepleton versucht im Auftrag des Innenministeriums Mori auf die Schliche zu kommen, hält ihn jedoch für unschuldig und freundet sich immer mehr mit ihm an.

Der exzentrische Japaner scheint über die Gabe des zweiten Gesichts zu verfügen und behauptet, sich an zukünftige Ereignisse erinnern zu können. Dies weckt wiederum das Interesse der Physikerin Grace Carew, die sich in Steepleton verliebt und ihn zu einer Heirat drängt, um ihrem konservativen Elternhaus zu entrinnen. Die Lage spitzt sich zu, als eine weitere Bombe zur Erstaufführung der Operette The Mikado von Gilbert und Sullivan zu explodieren droht und Mori erneut den Verdacht auf sich zieht.

Natasha Pulleys Debüt ist eine originelle Mischung aus historischem Roman und Steampunk-Fantasy, wobei die historischen Details gut recherchiert sind und die phantastischen Elemente nie so grell hervortreten, dass sie unglaubwürdig würden. Im Gedächtnis bleiben – neben einem ulkigen Oktopus-Roboter – vor allem die liebenswürdig gezeichneten Hauptfiguren, die freilich in ihrer viktorianischen Umgebung ziemlich modern und kaum viktorianisch wirken. Sie sind dementsprechend Außenseiter in ihrer Zeit und Welt. Historische Fragen, wieder Konflikt zwischen Tradition und Moderne in Japan oder der Kampf um Frauenrechte in England, werden nur oberflächlich berührt. Da das Ganze mit reichlich Ironie gewürzt ist, bietet das Buch jedoch ein hohes Maß an Lesespaß. Der Schluss macht den Eindruck, als hätte Pulley ihre Romanfiguren nur ungern allein zurückgelassen – und in England ist natürlich längst eine Fortsetzung erschienen. Die Autorin ist auf jeden Fall eine Bereicherung für die phantastische Literatur und man spürt auf jeder Seite, wie viel Spaß ihr das Schreiben macht.

Natasha Pulley. Der Uhrmacher in der Filigree Street. Roman, Hardcover, 448 Seiten, Hobbit-Presse/ Klett-Cotta, Stuttgart 2021

Die Klunkerecke: K-20 – Die Legende der schwarzen Maske (2008)

Japan hatte sich ab Beginn des neuen Jahrtausends vor allem auf den Export von Horrorfilmen verlegt. J-Horror war in aller Munde. Neben den Animes gehörte dieses Genre zu den wichtigsten Einnahmequellen der japanischen Filmindustrie. Dabei gerieten jedoch Produktionen aus anderen Genres eher ins Hintertreffen. Umso schöner war es daher, als es 2008 dann doch ein recht außergewöhnliches japanisches Fantasy-Action-Spektakel bis nach Deutschland geschafft hatte: „K-20 – Die Legende der Schwarzen Maske“.

Die Geschichte spielt in einer Alternativwelt, in welcher der Zweite Weltkrieg nie stattgefunden hat. Es ist das Jahr 1949. Die Gesellschaft ist gespalten in Arm und Reich. Ein mysteriöser Krimineller, der unter dem Namen „Das Phantom mit den 20 Masken“ bekannt ist, versucht, gegen die Regierung anzukämpfen. Eine Verwechslung führt dazu, dass der Zirkusakrobat Heikichi für K-20 gehalten und von der Militärpolizei verhaftet wird. Nach einer spektakulären Flucht, kennt Heikichi nur ein Ziel: er möchte sich an dem echten K-20 rächen. Dadurch wird er allerdings ungewollt zum Helden. Denn K-20 hat vor, Teslas Erfindung zur drahtlosen Energieübertragung für die Zerstörung der Welt zu verwenden. Heikichi muss dieses Vorhaben stoppen.

Wer ist nun eigentlich der Schurke? „K-20 – Die Legende der schwarzen Maske“ (2008); © Sunfilm Entertainment

Mit einer Dauer von über zwei Stunden wird „K-20“ keine Minute langweilig. Dafür sorgen nicht nur die wunderbaren Stadtkulissen und Spezialeffekte, sondern ebenso die durchaus interessante Handlung. Einmal mehr wird Japan als faschistischer Staat dargestellt („20th Century Boys“ lässt grüßen), Weltsprache ist Deutsch. Die Gesellschaft befindet sich noch immer im tiefsten Feudalismus, obwohl die Technik große Fortschritte macht. Und einmal mehr wird auf den Physiker Nikolas Tesla (1856-1943) Bezug genommen, dessen Namen seit dem Film „Prestige“ in der Phantastikwelt immer wieder gerne herangezogen wird.

Doch die Ideen passen zusammen und liefern einen wunderbaren Hintergrund für die Geschichte eines Mannes, der sich nach und nach zu einem Superhelden entwickelt. Überwiegend konzentriert sich dann auch Regisseurin Shimako Sato auf Action, Spezialeffekte und Witz, sodass der Film zu einem wahren Symbol für Kurzweiligkeit wird.

Einmal grimmig dreinschauen, bitte. „K-20 – Die Legende der schwarzen Maske“ (2008); © Sunfilm Entertainment

Shimako Sato beurteilte ihren Film selbst als bloße Unterhaltung im Sinne von „Indiana Jones“. Diese Anspielung fällt auf jeden Fall in der Musik auf, die sich stark an dem Erfolgsfilm orientiert. In der Ästhetik finden sich allerdings eher die Düsternis von „V wie Vendetta“ und die Dramaturgie von „Batman“ wieder. Sato verhindert es jedoch, diese Vorbilder zu kopieren, sondern entwickelt aus diesen beiden Stilen einen ganz eigenen, der einerseits typisch japanisch, andererseits auf klassische Weise westlich orientiert ist. Dadurch gelang ihr einer der wohl besten japanischen Actionfilme.

Titel: K-20 – Die Legende der Schwarzen Maske (OT: K-20 – Kaijin niju menso den), Regie u. Drehbuch: Shimako Sato, Produktion: Shuji Abe, Seiji Okuda, Darsteller: Takeshi Kaneshiro, Takako Matsu, Toru Nakamura, Kanata Honga, Yuki Imai. Japan 2008, 142 Min.