Influencer – Eine erstklassige Analyse über ein Krisen-Phänomen

Der freie Journalist Ole Nymoen und der YouTuber und Kritiker Wolfgang M. Schmitt betreiben seit längerer Zeit den Kanal „Wohlstand für alle“, auf dem sie auf präzise wie unterhaltsame Weise Entwicklungen und Phänomene in der Wirtschaft darstellen und analysieren. Nun haben beide ein Sachbuch über Influencer verfasst, in dem sie dieses umstrittene Phänomen auf hervorragende Weise untersuchen.

Dabei verorten sie die Anfänge des Phänomens in den 90er Jahren, in dem Filme mehr und mehr Produktplacing betrieben, um die Produktionen zu finanzieren. In zehn Kapiteln geht es dann durch die bizarre, teils dekadente Welt der Influencer. Dabei gehen sie nicht nur auf einzelne Fälle ein, sondern sehen in ihrer Analyse stets den Zusammenhang mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.

So sehen die Konzerne und Werbefirmen Influencer als eine Art Heilsbringer, die den Kapitalismus aus seiner derzeitigen Krise führen könnten. In diesem Sinne nutzen sie diesen medialen Hype gnadenlos aus, denn durch die Influencer erreichen sie weitaus mehr Menschen als durch Anzeigen in der Zeitung oder durch Werbeclips im Fernsehen.

Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt untersuchen Infuencer jedoch nicht nur auf einer soziologischen und wirtschaftwissenschaftlichen Ebene, sondern auch aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive. Dabei stellen sie sich u. a. die Frage, was für Inhalte die Influencer in ihren Beiträgen auf YouTube und Instagram präsentieren und kommen dabei auf das Ergebnis, dass hier eine völlige Inhaltsleere gezeigt wird, eine radikale Oberflächlichkeit, in der es um nichts anderes als ums Shoppen geht. Man fühlt sich bei diesem Phänomen an John Carpenters SF-Film „Sie leben“ erinnert, wo die versteckten Botschaften stets „Konsumieren“ lauten. Denn nicht anders verhält es sich bei den Influencern, die ihren Zuschauern stets weismachen, dass man nichts anderes tun soll, als Geld ausgeben. Das Problem: viele, sogar sehr viele ihrer Follower richten sich nach diesem Motto, wobei es ihnen anscheinend auch nichts ausmacht, dass es in den Beiträgen ansonsten um nichts anderes geht. Sie machen sich sozusagen freiwillig zu Konsumopfern und sehen allein darin den Sinn ihres Lebens.

Der Indie-Regisseur Larry Fessenden sah vor wenigen Jahren in der zunehmenden Inhaltsleere der Blockbuster eine gesellschaftliche Krise aufkommen. Man könnte sagen, diese wird durch das Phänomen Influencer noch deutlicher. Ole Nymoens und Wolfgang M. Schmitts Buch „Influencer – Die Ideologie der Werbekörper“ ist ein Buch, dem man sich nicht entziehen kann. Auf überaus kompetente Weise liefern beide Autoren nicht nur eine Vielzahl an spannenden Informationen über dieses Phänomen, sondern überbringen diese zugleich in einer überaus unterhaltsamen Weise, wobei sie hier und da mit geradezu köstlichen ironischen Bemerkungen aufwarten. Kurz: ein Buch, das einen regelrecht umhaut.

Ole Nymoen/Wolfgang M. Schmitt: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper. Suhrkamp Verlag 2021, 192 Seiten, 15 Euro

 

Zombies im Fachformat – Filmsoziologie einmal anders

zombiesFilmsoziologie ist so etwas wie das Stiefkind aller Soziologen. Es ist erstaunlich, dass sich nur wenige, sogar sehr wenige Soziologen mit Filmen auseinandersetzen, handelt es sich doch dabei um das Medium des 20. und 21. Jahrhunderts. Egal ob auf Leinwand, im Fernsehen oder im Internet, Filme sind allgegenwärtig. Sie liefern ein ungeheures Datenmaterial für mögliche Untersuchungen, aber dies ist den meisten Soziologen anscheinend völlig egal, vielleicht aber auch gar nicht bewusst.

Noch schlimmer sieht es aus, wenn es um das Thema Horrorfilm oder Phantastik im allgemeinen geht. Wer sich (jedenfalls in Deutschland) wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, dem wird sofort gezeigt, wo sich der Ausgang befindet. Diese akademische Engstirnigkeit wird bestraft, wie immer sind Wissenschaftler aus England und den USA die Vorreiter. Da nutzt auch nichts die Erwähnung des „Godfather“ der Filmanalyse Andrew Tudor, für den gerade Horrorfilme Ausgangsmaterial für ergiebige sozialwissenschaftliche Forschung sind.

Umso schöner ist es, dass es zwei Soziologen gewagt haben, einen Sammelband zu veröffentlichen, dessen Beiträge sich allesamt mit Horror bzw. Phantastik auseinandersetzen. Michael Dellwing und Martin Harbusch zeigen, dass sich die Beschäftigung mit diesem Thema lohnt. 14 Beiträge untersuchen Zombie- und Vampirfilme und gehen auf Fantasyspektakel ein. Untersucht wird, auf welche Weise das Andere gesellschaftlich verortet ist, wo es seinen soziokulturellen Ursprung hat und in welchem sozialen Kontext diese Filme stehen. Mit dabei u. a. auch FILM und BUCH-Herausgeber Max Pechmann, der sich mit japanischen und koreanischen Horrorfilmen auseinandersetzt.

Das Buch ist durchaus gelungen. Die einzelnen Beiträge sind interessant, sehr informativ und liefern spannende Einblicke in ein Forschungsfeld, das von so vielen „Artgenossen“ gemieden wird. Das Buch macht neugierig und vielleicht führt es dazu, dass Filmsoziologie etwas ernster genommen wird. Soziologen werden darin auf jeden Fall originelle Darstellungen finden, die zum Weiterdenken, Weiterforschen und Weiterdiskutieren anregen.

Michael Dellwing/Martin Harbusch (Hrsg). Vergemeinschaftung in Zeiten der Zombieapokalypse. Verlag Springer 2014, 384 Seiten, 39,99€, ISBN: 978-3-658-01721-7

Graue Literatur oder Einmal Abgrenzung bitte

Graue Literatur„Graue Literatur“. In Akademikerkreisen scheint dies schon so etwas wie ein Schimpfwort zu sein. Wer „graue Literatur“ verfasst, gehört nicht zum Kreis der Auserwählten, wird spöttisch belächelt und nicht ernst genommen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob eben jene, die mit diesem Begriff eine gewisse Grenzlinie zu ihrem angeblichen Können ziehen, so etwas wie „bunte Literatur“ kreieren.

Nein, dieses Mal sind es nicht die nur die Medienwissenschaftler, auf denen wir mit Vorliebe herumhacken. Dieses Mal gehören auch Geistes- und Sozialwissenschaften dazu. Alle drei „Wissenschaften“ haben es im Grunde genommen schwer. Das, was sie erforschen, untersucht eigentlich fast jeder. Also musste als erstes ein möglichst unnötig kompliziertes Fachjargon her, um sich von der Masse der Laien abzugrenzen (bereits der amerikanische Soziologe Herbert Blumer verwies in den 50er Jahren auf dieses Problem). Dies geht soweit, dass ein Sozialwissenschaftler (dessen Namen wir aus Rücksichtnahme nicht nennen wollen) statt „zeitlich begrenzt“ stets „temporär determiniert“ schrieb.

Doch dabei blieb man nicht stehen. Spätestens seit unsere „Experten“ gemerkt haben, dass es viele Personen gibt, die sich in ihrer Freizeit mit denselben Themen beschäftigen und sogar darüber Fachartikel schreiben, musste eine weitere Abgrenzung her. Diese wurde in dem Begriff „Graue Literatur“ gefunden. Damit sind Artikel und Essays gemeint, die nicht in einem der akademischen Fachmagzine erscheinen, sondern auf Internetseiten oder in populärwissenschaftlichen Magazinen. Damit einher geht die Annahme, dass Texte, die nicht in einem Fachmagazin erscheinen, auch kein ernst zunehmendes Fachwissen beinhalten können bzw. voller Fehler stecken.

Leider haben sich da unsere „Experten“ ziemlich in den Finger geschnitten. Die sogenannte „Graue Literatur“ beinhaltet zum großen Teil sorgfältig recherchierte Texte mit Quellenangaben. Die Inhalte unterscheiden sich nicht von akademischer Fachliteratur, mit der Ausnahme, dass die von Hobbywissenschaftlern geschriebenen Artikel einen besseren Schreibstil vorweisen und auch bestens zu unterhalten wissen. Fachwissen muss nicht trocken sein. Es kann durchaus spannend dokumentiert werden.

Eigentlich ist es geradezu armselig, dass manche Geistes- und Sozialwissenschaftler diese Abgrenzung vollziehen. Sie wollen kein anderes Wissen gelten lassen als ihr eigenes, laufen also ein Expertenleben lang mit den sprichwörtlichen Scheuklappen herum. Eine ernste Berücksichtigung der „Grauen Literatur“ würde viel zur Bereicherung dieser Wissenschaften beitragen. Mit Sicherheit findet sich sowieso unter den „Experten“ jemand, der heimlich von diesen Texten abschreibt, um es als seinen eigenen „Mist“ zu verkaufen. Das ist nichts Neues und wird es immer geben. Wichtig wäre es aber, die durch nichts legitimierte Abgrenzung abzuschaffen und vom Wissen der Hobbywissenschaftler zu profitieren. Und zwar in dem Sinne, dass diese Artikel und Essays ernst genommen werden und mit in die Diskussion einfließen. Leider aber ist das oben erwähnte Scheuklappendenken in diesen Bereichen zu sehr verbreitet, als dass es zu einem solchen Wandel kommen könnte. Nennen wir es daher einfach ein utopisches Wunschdenken.

Soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse – eine Frage der Ehre?

Die Film- und Medienanalyse in Deutschland hat eindeutig ein Problem. Sie teilt sich auf in eine sozialwissenschaftliche und eine geistes- bzw. kulturwissenschaftliche Disziplin. Während in Frankreich und den agelsächsischen Ländern diese Kluft so gut wie nicht existiert, scheinen die Experten in Deutschland der Meinung zu sein, dass es eine solche Kluft unbedingt geben muss. So genau weiß eigentlich niemand, aus welchem Grund es diese Aufteilung gibt (nicht einmal die Betroffenen selbt). Sicher ist nur, dass beide Lager zum großen Teil miteinander verfeindet sind.

Soziologie und Kulturwissenschaft stehen sich feindlich gegenüber.

Anscheinend gleicht es in Deutschland eine Frage der Ehre, ob man soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse betreibt. Hierbei begehen besonders die Vertreter der Kulturwissenschaft den Fehler, dass sie Kultur abgrenzen von allem, was irgendwie nach Sozialwissenschaft riecht. Eine solche Perspektive ist lächerlich. Denn anscheinend haben jene Vertreter nicht verstanden, was Kultur eigentlich ist, und noch weniger kapiert, dass Kultur ohne menschliches Handeln überhaupt nicht existieren würde. Die Frage ist daher, ob eine kulturwissenschaftliche Analyse, welche die sozialwissenschaftlichen Aspekte verneint, überhaupt zu brauchbaren Erkenntnissen kommen kann. Die Antwort dürfte ein klipp und klares Nein sein.

Dieses Problem haben wir uns keineswegs aus den Fingern gesaugt. Durch Mail-Wechsel mit verschiedenen Professoren wurde uns zum Teil direkt mitgeteilt, dass er oder sie Kulturwissenschaftler/in ist und von den sozialwissenschaftlichen Aspekten nichts wissen würde. Man könnte auch sagen: ehrliche Antworten.

So lange es aber diesen Konflikt zwischen beiden Disziplinen gibt, darf man nicht darauf hoffen, Forschungsergebnisse zu erhalten, welche die internationale Filmwissenschaft bereichern könnten. Da hilft weder Arroganz noch Wut auf den Anderen. Das Einzige, das helfen würde, wäre ein Blick über den Tellerrand.

 

Wider die Langeweile oder Wieso darf Fachliteratur nicht unterhaltsam sein?

Fachliteratur. Viele Leute, die diesen Begriff hören, denken an trockene Texte, die kein Mensch versteht – vielleicht auch gar nicht verstehen will, da der Text den Leser eher dazu bringt, einzuschlafen. Vor allem Artikel und Bücher aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften neigen dazu, tatsächlich trocken und langatmig zu sein. In diesen Fächern scheint es eine ungeschriebene Regel zu sein, dass nur trockene, völlig humorlose Texte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln können. Wehe es kommt jemand auf die Idee, ironisch zu werden oder den ein oder anderen Gag einzufügen. Dieser Autor wird verachtet und nicht ernst genommen. Wahrscheinlich werden seine Theorien dennoch von dem ein oder anderen Kollegen stillschweigend geklaut und als eigene Gedankenkonstruktion „verkauft“, doch dann natürlich wieder in jenem erschreckend trockenen, völlig uninteressanten Stil.

Die Situation lässt sich gut auf den Leser von Fachtexten übertragen.

Die Menge an Texten, die in den oben genannten Bereichen produziert wird, ist enorm, und nur die wenigsten werden überhaupt wahrgenommen. Es ist tragisch, dass es gerade langweilige Texte sind, welche rezipiert und zitiert werden. Die gelungenen Texte dagegen, also die Artikel und Bücher, die mit einem gewissen Schwung wissenschaftliche Probleme bearbeiten, werden stillschweigend unter den Teppich gekehrt. Aber wieso ist das so? Aus welchem Grund muss wissenschaftliche Fachliteratur langweilig und humorlos sein? Paul Feyerabend stellte einmal die Frage, ob eine wissenschaftliche Theorie sich verändern würde, wenn man sie mit Gitarrengeklimper untermalte. Seine ironische Bemerkung lässt sich genauso gut auf die Frage übertragen, ob wissenschaftliche Fachtexte anders wären, wenn sie unterhalten würden.

Wenn jemand der Meinung ist, dass Fachliteratur Erkenntnisse vermitteln, aber nicht unterhalten soll, so liegt er sicherlich falsch. Gerade Fachliteratur sollte zusätzlich den Leser unterhalten. Viele, ja sehr viele Texte, die im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich veröffentlicht werden, sind vollkommen überflüssig. Sie liefern keine neuen Erkenntnisse, sondern fassen Bisheriges zusammen, nur um am Ende  – als einer Art Pointe – ein oder zwei Sätze eigener Gedanken hinzuzufügen. Dies ist so, da Originalität in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht gefragt ist. Da dies so ist, so sollte die Ansammlung an unorigineller Fachliteratur doch bitte mindestens unterhaltsam sein, damit man sich nachher nicht zu sehr darüber ärgert, einen weiteren dieser Texte gelesen zu haben. Der Inhalt wissenschaftlicher Texte ändert sich nicht dadurch, da jemand diesen mit einem gewissen Witz bearbeitet. Im Gegenteil, die Leser werden dadurch noch mehr angeregt, über das Geschriebene nachzudenken. Wieso also keine Texte verfassen, die in einem netten Plauderton Annahmen, Theorien und historische Fakten abarbeiten? Die Theorien, Annahmen und Fakten ändern sich dadurch nicht, sie werden nur lesbarer gemacht. Sie kommen den Lesern und den Studenten, die sich damit herumquälen müssen, entgegen. Fachliteraur könnte also durchaus unterhaltsam sein. Es ist jedoch zu befürchten, dass es lange dauern wird, bis es soweit ist.

 

Heine als Soziologe – Ein Beitrag von Wilma Ruth Albrecht

Heinrich Heine 1829

Gewiß war und ist Harry Heine (1797-1856) kein Soziologe. Er war Künstler: Poet, Lyriker, Feuilletonist, Dichter, der Erlebtes, Erkanntes und Verstandenes emotional sprachlich verdichtete.

Soziologie gab es zu Heines Zeit auch noch nicht. Sie wurde erst von seinem Zeitgenossen, Auguste Comte (1798-1857), begrifflich eingeführt und mit seinen Hauptwerken, “Cours de la Philosophie positive”(1826-1842) und “Systeme politique positive” (1851-1854), begründet.

Und doch war Heine außerordentlich daran interessiert, zu erfahren, wie die Gesellschaft, die mit der Französischen Revolution aus ihren alten Fugen: Absolutismus, Ständegesellschaft und christlich-religiöser Weltanschauung geraten war, sich entwickeln werde.
Heine beobachtete das Zeitgeschehen genau und analysierte es nach (idealisierten) Kategorien, die auf der Aufklärung und der Französischen Revolution fußen: der Menschenrechtserklärung (1789), der republikanischen Verfassung von 1793 und der Säkularisierung, die Napoleon in ganz Mitteleuropa erzwang.

Mit diesem kategorialen Instrumentarium untersuchte Heine die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in Europa, insbesondere auf seinen Reisen in Polen, England, Norditalien, den deutschen Landen und in seiner Exilheimat Frankreich. Er verarbeitete sie in Reiseberichten, Korrespondentenartikel und zahlreichen Zeitgedichten (auf die hier nicht eingegangen werden soll). Dabei war ihm zweifellos klar, dass alle Forderungen nach Freiheit und Gleichheit, wenn und nachdem sie einmal so mächtig aufgetreten waren, nicht mehr auf Dauer sowie weltweit zu unterdrücken sind und zudem nicht alleine eine politische sondern auch eine soziale und kulturelle Dimension besitzen:

Wenn die Geistesbildung und die daraus entstandenen Sitten und Bedürfnisse eines Volkes nicht mehr in Einklang sind mit den alten Staatsinstitutionen, so tritt es mit diesen in einen Notkampf, der die Umgestaltung derselben zur Folge hat und eine Revolution genannt wird. Solange die Revolution nicht vollendet ist, solange jene Umgestaltung der Institutionen nicht ganz mit der Geisteshaltung und den daraus hervorgegangenen Sitten und Bedürfnissen des Volks übereinstimmt, so lange ist gleichsam das Staatssiechtum nicht völlig geheilt, und das krank überheizte Volk wird zwar manchmal in die schlaffe Ruhe der Abspannung versinken, wird aber bald wieder in Fieberhitze geraten, die festesten Bandagen und die gutmütigste Scharpie von den alten Wunden abreißen und sich so lange, schmerzhaft und mißbehaglich, hin und her wälzen, bis es sich in die angemessenen Institutionen von selbst hineingefunden haben wird.”1)

Heine-Zeichnung von Wilma Ruth Albrecht (2007)

Über Polen
Bereits im Aufsatz “Über Polen”2), den Heine nach einer 1821 durchgeführten Reise durch den von den Preußen annektierten Teil Polens verfasste, analysierte er die Bevölkerung des Landes nach einem Schichtmodell, dem der Ständegesellschaft: Demnach stand an der Spitze der Gesellschaft der Adel, wiederum unterteilt in arme und reiche Edelleute sowie Magnaten, und der hohe Klerus, während die überwiegende Mehrzahl dem bedrückten Bauernstand angehörte, dazwischen standen als kleinbürgerliche Schicht die armen Handwerker- und Handelsjuden. In den Städten bildeten dagegen die preußischen Beamten und das Militär die Mittelschicht.

Heine widmete sich auch ausführlich der Mentalität der polnischen Juden und der polnischen Edelleute, die zu dieser Zeit auch das Freiheitsideal hochhielten, allerdings nicht das “Washingtonsche“ und die folglich keine Anstalten machten, “ihre Bauern zu emanzipieren”.3)

An ebendieser Haltung des Adels scheiterte die Revolution 1830/31 in Polen, da der revolutionäre Reichstag sich im März 1831 nicht dazu entschließen konnte, Land zu verteilten und die drückenden Lasten der Bauern aufzuheben. Folglich kam es zu keinen Massenaktionen, stattdessen zur vollständigen Beseitigung von Kongreßpolen durch das zaristische Regime.

Englische Fragmente
In gleicher Weise beurteilte Heine auch die Verhältnisse in England, das er 1827 für mehrere Wochen (April bis August) besuchte, und die er in elf Reportagen beschrieb.4)

Im Eingangskapitel dieser sich auch durch kulturelles Fremdverstehen auszeichnenden Reportagen räsoniert Heine über gesellschaftliche Freiheit und Gleichheit, den immanenten Widerspruch des ideologischen Liberalismus5). Während sich England als Hort der Freiheit verstünde so Frankreich als Hort der Gleichheit, die mit der “Ausbildung der Gesellschaftlichkeit in Frankreich”6) als “Hauptprinzip der Revolution”7) auftrat.

England war das wirtschaftlich am stärksten entwickelte Land der Zeit, geprägt von Industrieunternehmen und damit einhergehender Verstädterung – um 1830 wohnte bereits ein Viertel aller Menschen in Städten mit mehr als 20 000 Einwohnern. London galt als die Weltstadt überhaupt. Auch Heine war imponiert. Doch er meinte: Während sich einem Philosophen in dieser Stadt der ökonomische Fortschritt offenbare – “wenn London die rechte Hand der Welt ist, die tätige, mächtige, rechte Hand, so ist jene Straße, die von der Börse nach Downing Street führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten”8) – so treten dem Poeten die gesellschaftlichen Widersprüche – zum Beispiel in “einem zerlumpten Bettelweibes oder einem blanken Goldschmiedeladen”9) – vor Augen, zeigten sich in der großartigen, wenn auch einförmigen neuen Bebauung einerseits und den dunklen, armseligen Gässchen der Pöbelquartiere andererseits. Freilich schleicht
die Armut in Gesellschaft des Lasters und des Verbrechens erst des Abends aus ihren Schlupfwinkeln. Sie scheut das Tageslicht um so ängstlicher, je grausamer ihr Elend kontrastiert mit dem Übermute des Reichtums, der überall hervortritt…“10)

London Mitte/Ende des 18.Jahrhunderts

Damit lenkte Heine das Augenmerk auf die soziale Frage und die gesellschaftlichen Widersprüche im englischen Manchesterkapitalismus.
Und auch die nicht erfolgte religiöse Emanzipation mit der Unterdrückung der irischen Katholiken zum einen und der Privilegierung der Anglikanischen Kirche zum anderen fällt ihm auf, des weiteren eine vorherrschende Krämerseelenphilosophie und der noch weitgehend feudal geprägten Staats- und Herrschaftsapparat. Dessen Erhaltung habe die Politik von A. W. Herzog von Wellington (1769-1852) gedient: Zur Macht- und Privilegienerhaltung von Adel und Anglikanischen Kirche sei Krieg gegen Frankreich geführt worden, werde auch Kolonialpolitik betrieben, damit sich einzelne Briten bereichern könnten und der Geldumlauf und die Industrie befördert werde. Diese Politik habe das Land in die Verschuldung und damit an den Rande des Staatsbankrotts geführt:
Der Übel größtes ist die Schuld. Sie bewirkt zwar, daß der englische Staat sich erhält (…); aber sie bewirkt auch, daß ganz England eine große Tretmühle geworden, wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muss, um seine Gläubiger zu füttern, daß England vor lauter Zahlungssorgen alt und grau und aller heiteren Jugendgefühle entwöhnt wird, daß England, wie bei starkverschuldeten Menschen zu geschehen pflegt, zur stumpfsten Resignation niedergedrückt ist, und sich nicht zu befreien weiß – obwohl 900 000 Flinten und ebensoviel Säbel und Bajonette im Tower zu London aufbewahrt liegen.“11)

Da der Konstitutionalismus zu keinen grundlegenden sozialen Reformen fähig sei, Gesetze der “aristokratischen Brut ihre Beute”12) sicherten, die Parteien sich ähnelten und die Opposition sich lediglich als kläffender Kettenhund gebäre, alle Veränderungen und Verbesserungen dem Pragmatismus entsprungen seien und den Fluch der Halbheit trügen, sei eine Revolution des Volkes unausweichlich:
Keine gesellschaftliche Umwälzung hat in Großbritanien stattgefunden, das Gerüste der bürgerlichen und politischen Institutionen blieb unzerstört, die Kastenherrschaft und das Zunftwesen hat sich dort bis auf den heutigen Tag erhalten, und obgleich getränkt von dem Lichte und der Wärme der neueren Zivilisation, verharrt England in einem mittelalterlichen Zustande, oder vielmehr im Zustande eines fashionablen Mittelalters.”13)

In seinen “Englischen Fragmenten” schuf Heine 1828 die erste grundlegende Studie über soziologische Aspekte des englischen Manchesterkapitalismus.

Französische Zustände und Lutetia
Mit vergleichbarer politischer und sozioökonomischer Differenzierung untersuchte Heine die “Französische[n] Zustände”14) in der gleichnamigen Artikelserie, die vom Dezember 1831 bis September 1832 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschien, und in den “Lutetia“-Briefen15) 1840 bis 1843, die diese Zeitung – ebenfalls anonym – abdruckte.

Dort kennzeichnete Heine die politischen und sozialen Widersprüche, die die Herrschaft des “Bürgerkönigs” Louis Philipp (1773-1850) prägten. Louis Philipp wurde nach der Julirevolution 1830, die von Druckern, Handwerkern und Studenten getragen wurde, um den Versuch Karl X., ein absolutes Regime zu etablieren, abzuwehren, von der liberalen Kammermajorität und der hohen Finanz inthronisiert. Er verdanke – in Heines Worten – seine Krone “den Pflastersteinen” der Julirevolution, sei von Kleinbürgern und Handwerkern in seine Position gewählt worden und vertrete nun die Politik der Bankiers und Edelleute, während das Volk weiterhin verarme.

Ob diese Form der konstitutionellen Monarchie Bestand habe, hänge davon ab, ob Louis Philipp seine Legitimität dazu nutze, um entweder sich mit dem Adel zu verbinden und die Restaurationsperiode fortzusetzen oder sich mit “republikanischen Institutionen umgeben”16) und das ihm ausgesprochene Vertrauen des Volkes einlösen wolle. Denn politisch und sozial stelle das Regime Louis Philipp lediglich einen unausgesprochenen Waffenstillstand zwischen Royalisten und Republikaner dar. Die sozialen Aufstände 1831 in Lyon, Grenoble und im Juni 1832 in Paris selbst sowie die Ereignisse im Zusammenhang mit der Choleraepidemie zeigten die Brüchigkeit des Systems. Wenn Louis Philipp weiterhin versuche, die Konstitution zu verletzen, um eine Erbmonarchie zu etablieren, “so werden wir auch unseren achtzehnten Brumaire erleben, und der rechte Mann wird plötzlich unter die erblassenden Machthaber treten und ihnen die Endschaft ihrer Regierung ankündigen”17).

Die andere Gefahr drohe dem System deshalb, weil die Forderungen und Bedürfnisse der Unterschichten völlig ignoriert würden. Denn die Politik der “enrichez vous”-Regierungen unter Louis Philipp hätte wohl das Bürgertum, speziell die Geldaristokratie, bevorrechtet, die französische Wirtschaft und die Industrialisierung gefördert aber auch das Proletariat hervorgebracht, das nun mit radikalen Wortführern eigenständig hervortrete.

Volksherrschaft, Demokratie und Soziologie
Heine sympathisierte nicht nur intellektuell mit frühsozialistischen und kommunisti-schen Propagandisten und Organisatoren – wenngleich er sich selbst lieber in Salons des auch kultursoziologisch bedeutsamen “juste milieus” aufhielt als in den “verborgenen Dachstuben” oder dunklen Katakomben der Revolution:
Ein schrecklicher Syllogismus behext mich, und ich kann der Prämisse nicht wider-sprechen: ´daß alle Menschen das Recht haben zu essen´, so muss ich mich auch allen Folgerungen fügen.”18)

Damit nahm Heine das Gleichheitsprinzip der Französischen Revolution wieder auf, verband es mit dem Gedanken der Volkssouveränität und propagierte Demokratie als Volksherrschaft.

Allerdings wollte Heine sich nicht mit den “Schmeichlern” und “Hoflakeien des Volkes” gemein machen, die sich das Volk, auch international gesehen, schön, klug und gut reden. Genau besehen sei nämlich das Volk hässlich, böse und dumm.
Das Volk kann – so Heine – die erwünschten Eigenschaften durchaus erlangen, wenn dazu die materiellen Voraussetzungen geschaffen worden sind:
Aber diese Häßlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselben schwinden, sobald wir öffentliche Bäder erbauen, wo Seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden kann. Ein Stück Seife könnte dabei nicht schaden, und wir werden dann ein Volk sehen, das hübsch propre ist, ein Volk, das sich gewaschen hat.”

Und die Bosheit des Volkes “kommt vom Hunger; wir müssen sorgen, daß das souveräne Volk immer zu essen habe; sobald allerhöchst dasselbe gehörig gefüttert und gesättigt sein mag, wird es euch huldvoll und gnädig anlächeln…
Dass das Volk gerne einem Barnabas zujubelt, liegt in der “Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu tilgen suchen durch öffentliche Schulen für das Volk, wo ihm der Unterricht auch mit den dazugehörigen Butterbrötchen und sonstigen Nahrungsmitteln unendgeldlich erteilt erteilt werde – Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald ein intellektuelles Volk sehen.”19)

Auguste Comte

Damit unterscheidet sich Heine „als Soziologe” grundlegend von seinem Zeitgenossen, dem französischen Soziologen Comte, der sich nicht mehr an den Kategorien Freiheit und Gleichheit orientierte, dessen Soziologie vielmehr eine “Versöhnung von Ordnung und Fortschritt im geschichtlichen Prozeß, die endgültige Etablierung harmonischer Verhältnisse, in dem sich die Anpassung von Ordnung und Fortschritt nicht mehr in revolutionären Veränderungsschüben vollzieht”20), anstrebte. Comte nahm Partei für das französische Bürgertum und gegen das Proletariat oder – in heutige Worten – für geldherrschaftliche Eliten (als πλουτοκρατία) und gegen soziale Unterschichten.

Heines soziologischer Ausgangspunkt ist, auch im politisch-philosophischen Sinn, die Unhintergehbarkeit der mit der Französischen Revolution und ihrer dreifachen Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geschaffenen Aufklärung im Sinne
der Menschenrechte und ihrer Universalität. In seinem unveröffentlichtem Textfrag-ment über verschiedenartige Geschichtsauffassungen (1832/34) erkannte Heine das Leben selbst als Recht – auch auf revolutionäre Prozesse:
Das Leben ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht.“21)

Unterhalb dieses Abstrakt-Allgemeinen finden sich in allen vier der hier zitierten Texte Harry Heines22) zwei ebenso unhintergehbare „soziologische“ Besonderheiten: einerseits sorgfältige Beobachtung(en) dessen was ist als Leitfaden aller empirischen Sozialforschung und der sie interessierenden „tausende Einzelheiten des Alltagslebens“ (Theodor Geiger); und andererseits das Grundverständnis für jede Gesellschaft konstituierende Institutionen und ihre – wenn und wo nötig auch revolutionäre – Umgestaltung.

 

 

1) Heinrich Heine: Englische Fragmente (1828). In: Reisebilder. Vierter Teil. In: Heine: Sämtliche Werke, Bd. VI. Herausgegeben von Hans Kaufmann, München 1964: 65-134, hier 145
2) Heinrich Heine: Über Polen (1823). In: Reisebilder. Vierter Teil, ebenda: 195-221
3) ebenda: 205
4) Heinrich Heine: Englische Fragmente (1828). In: Reisebilder. Vierter Teil, ebenda: 65-134
5) Leo Kofler: Liberalismus und Demokratie. In: Zeitschrift für Politik (N. F.), 6 (1959) 2: 113-126
6) Heinrich Heine: Englische Fragmente, ebenda: 66
7) ebenda: 67
8) ebenda: 70
9) ebenda: 71
10) ebenda: 74
11) Heine, Englische Fragmente: 92
12) ebenda: 126
13) ebenda: 126
14) Heinrich Heine: Französische Zustände. In: Sämtliche Werke, Bd. VIII. Hg. Kaufmann. München 1964: 65-197
15) Heinrich Heine: Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben. In: Heine: Sämtliche Werke, Bd. XI. Hg. Kaufmann. München 1964: 137-299; Bd. XII: 5-109 mit dem Anhang: Kommunismus, Philosophie und Klerisei: 111-160
16) Heinrich Heine: Lutetia I: 138
17) ebenda: 159
18) Heinrich Heine: Vorwort zu „Lutetia“ 1855: 338
19) Heinrich Heine: Geständnisse. Geschrieben im Winter 1834. In: Heine: Sämtliche Werke, Bd. XIII.
Hg. Kaufmann. München 1964, 89-158, hier 114
20) Hermann Korte: Einführung in die Geschichte der Soziologie. Opladen 1992: 32; Paul Kellermann: Organizistische Vorstellungen in soziologischen Konzepten bei Comte, Spencer und Parsons. München 1966: Diss. Staatswirtschaftliche Fakultät der LMU, 235 p., kennzeichnet diese „organizistische Sozio-logie [als] letztlich nichts Anderes als einen kuriosen Zweig der Biologie“: 224
21) zitiert nach Heinrich Heine: Werke, Digitale Bibliothek 7, Berlin 2004: CD-Rom
22) vgl. als Einführung in Leben und Werk Wilma Ruth Albrecht: Harry Heine. Aachen 2007
Druckfassungen dieses Beitrags erschienen in den Fachzeitschriften
-> soziologie heute (A), 5 (2012) 21: 36-39
->Aufklärung und Kritik (D), 19 (2012) 3: 202-207

*
Wilma Ruth Albrecht (*1947 in Ludwigshafen/Rhein) ist eine deutsche Sozial- und Sprachwissenschaftlerin (Lic; Dr.rer.soc.) mit den Arbeitsschwerpunkten Literatur-, Politik- und Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Letzte Buchveröffentlichungen: Bildungsgeschichte/n (Aachen: Shaker, 2006) – Harry Heine (Aachen: Shaker, 2007) – Nachkriegsgeschichte/n (Aachen: Shaker, 2008). Die Autorin publizierte 2007 das wiesenhausblatt – e-Blätter für Schöne Literatur (-> http://www.wiesenhausblatt.de) und arbeitet seit 2009 an ihrer Romantrilogie des letzten Jahrhunderts EINFACH LEBEN. Korrespondenzadresse: dr.w.ruth.albrecht@gmx.net