Happy Clappy! – Scandal oder J-Pop nicht nur rockig, sondern auch mit Botschaft

Die Band Scandal in dem Clip „Pineheel Surfer“; Copyright: Epic Records

Im Jahr 2006 tingelten die jungen Damen von Scandal noch als Indie-Band von einem Auftritt zum nächsten, bis schließlich zwei Jahre später der japanische Ableger von Epic Records auf die Gruppe aufmerksam wurde. Bereits in ihrer Indie-Zeit durfte sich die Band großer Beliebtheit erfreuen. Kein Wunder also, dass der noch größere Erfolg nicht lange auf sich warten ließ.

Tomomi, Haruna, Rina und Mami sind inzwischen eine nicht mehr wegzudenkende Größe im japanischen Musikgeschäft. Was ihren Stil anbelangt, gab es jedoch nie den Bruch zwisch Straßen-Perfomances und den Auftritten auf großer Bühne. Noch immer schreiben die vier Musikerinnen ihre Songs selbst, was dem Stil von Scandal nur gut tut.

Tomomi (hier in den Clip „Pineheel Surfer“) schreibt die meisten der sozialkritischen Songs; Copyright: Epic Records

Denn oberflächlicher Schnickschnack ist der Band quasi ein Fremdwort. Neben Liebesliedern oder Songs, die sich mit der Leidenschaft, Musik zu machen (wie etwa in dem Lied „Overdrive“), beschäftigen, gibt es auch eine Menge an Songs, die sich mit gesellschaftlichen Themen befassen. So etwa in dem Song „Pineheel Surfer“ (als Pineheel bezeichnet man in Japan die Stöckelschuhe, die zum Outfit von Büromitarbeiterinnen gehören).

Darin geht es um die Probleme, die Frauen am Arbeitsplatz haben. Der fast schon als Hymne angelegte Song zeigt auf, dass sich Frauen nicht von den patriarchalen Strukturen unterkriegen lassen sollen, sondern versuchen sollen, ihren eigenen Weg zu gehen. Damit ist er ein Beitrag zur neuen japanischen Emanzipationsbewegung, die Mitte/Ende der 90er Jahre ihren Anfang genommen hat.

Die Band in einer Szene des Clips „Pineheel Surfer“; Copyright: Epic Records

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Song „Stamp!“, in dem es wiederum darum geht, dass Frauen ihre eigenen Ziele verfolgen und sich nicht von Männern etwas vorsschreiben lasssen sollen. Schon ihre erste bei Epic Records veröffentlichte Single „Dolls“ verweist, wenn auch indirekt, auf dieses Thema. Der Song handelt von Schein und Sein in der Gesellschaft, indem quasi der männliche Blick hinterfragt wird.

Und genau dies findet sich auch in den Videoclips der Gruppe wieder, die frei sind von erotisierenden Merkmalen. Die Clips konzentrieren sich auf die Band als Musikerinnen und nicht als Produkt, in heutiger Zeit ein durchaus seltenes Phänomen. Die Bilder und Szenen stellen ständig die Optik in Frage, was dazu führt, dass die Clips, obwohl eigentlich nichts besonderes, einen doppelten Sinn erhalten. Zum einen scheinen sie schlicht und ergreifend eine Perfomance zu zeigen, zugleich aber schleicht sich eine Art subtile Ironie in die Aufnahmen ein, sodass die Clips eine nicht leicht zu findende sozialkritische Tiefe erhalten. – Alles in allem macht dies Scandal zu einer sehr interessanten Band innerhalb von J-Pop.

 

The 80s: Society (1989)

societyProduzent und Regisseur Brian Yuzna ist hauptsächlich durch seine irrwitzige Lovecraft-Adaption „Reanimator“ (1984) bekannt. Schon damals bewies er, dass man ihm in Sachen Puppen- und Make Up-Effekte nichts vormachen muss. Dieser gelungenen Achterbahnfahrt setzte Yuzna 1989 mit „Society“ noch eines oben drauf.

Es geht darin um den Schüler Bill Whitney, dem in seiner Familie und seiner Nachbarschaft plötzlich seltsame Dinge auffallen. Seine Schwester soll in die Gesellschaft aufgenommen werden. Ein großer Abend ist geplant. Doch wieso verhalten sich Bills Eltern und seine Schwester auf einmal so anders? Und vor allem, was ist eigentlich die Gesellschaft? Bill möchte hinter das Geheimnis kommen und gerät dabei in Lebensgefahr …

Brian Yuzna arbeitete immer wieder mit dem japanisch-amerikanischen Effektkünstler Screaming Mad George zusammen, der für seine bizarren und außergewöhnlichen Make Up- und Puppeneffekte bekannt ist. In „Society“ durfte er seinen Hang zum Surrealismus mal so richtig ausleben. Kein anderer Film kommt den Transformationen, die in „Society“ gezeigt werden, auch nur im Ansatz nahe. Was Screaming Mad George kreierte, lässt sich im Grunde genommen nicht beschreiben. Es ist geradezu einzigartig. Yuzna sagte später in einem Interview, dass die Transformationsszenen auf seinen eigenen Albträumen basierten.

Doch ist „Society“ kein Film, der allein um der Effekte willen gedreht wurde. Das Gegenteil ist der Fall, denn Brian Yuzna liefert mit diesem Klassiker des Horrorfilms eine bitterböse Satire auf Kapitalismus und Gesellschaft. Habgier und Rücksichtslosigkeit kennzeichnen die „Gesellschaft“ in Yuznas teilweise an das Paranoia-Kino der 50er Jahre angelehnten Film. Und natürlich das sich gegenseitge Anbiedern und Anschleimen, um an seine eigenen Ziele zu kommen. Besonders letzterem hat der Film ein eindeutiges Denkmal gesetzt. Muss man eigentlich erwähnen, dass die FSK-Stelle den Film 1990 indizierte? Es ist erstaunlich, dass vor allem Horrorfilme, deren Sozialkritik eindeutig erkennbar ist, unseren FSKlern ein Dorn im Auge sind. Erst 2010 wurde die Indizierung aufgehoben. Die Kritik, die „Society“ übt, ist, trotz ihrer herrlichen Ironie und des schwarzen Humors, überaus ernst gemeint und heute aktueller denn je, was den Film zeitlos erscheinen lässt.

Society. Regie: Brian Yuzna, Drehbuch: Woody Keith, Rick Frey, Produktion: Paul White, Darsteller: Billy Warlock, Devon Devasques, Evan Richards, Ben Meyerson, Charles Lucia. USA 1989, Laufzeit: 95 Min.

Moebius – Kim Ki Duks neuer Skandalfilm

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Kinoplakat zu „Moebius“.

Kim Ki Duk ist in Südkorea das, was man als ein enfant terrible bezeichnet. Seine Filme ecken an. Viele Zuschauer fühlen sich von seinen Werken abgestoßen, während andere diese nicht genug würdigen können. Mit seinem letzten Film „Moebius“, dessen deutscher Verleihtitel mit „Moebius, die Lust, das Messer“ nicht hätte holpriger sein können, hätte er sich beinahe selbst ein Bein gestellt. Die koreanische Filmbehörde wollte seinen Film verbieten. Kim war dadurch gezwungen, sein Werk um ca. zwei Minuten zu kürzen. Die internationale Version ist wiederum ungekürzt. In Deutschland erhielt sie das FSK-Siegel 18.

Mit „Moebius“ legt der koreanische Regisseur einmal mehr einen Film vor, der vollkommen ohne Dialoge auskommt. Er erzählt darin die skurrile Geschichte einer Familie aus dem Mittelstand, deren Leben durch eine Affäre des Mannes aus den Fugen gerät. Als seine Frau davon mitbekommt, schneidet sie kurzerhand ihrem Sohn den Penis ab, bevor sie das Haus verlässt. Sein Vater beschließt, sich chirurgisch ebenfalls sein Glied entfernen zu lassen, um es seinem Sohn annähen zu lassen. Bis dies gelingt, ist sein Sohn dem Spott seiner Mitschüler ausgesetzt. Verzweifelt sucht er nach Möglichkeiten zur sexuellen Befriedigung. Einen solchen Weg scheint ein Artikel im Internet zu zeigen, indem davon die Rede ist, sich mit einem Stein Schmerzen zuzufügen. So gehen sowohl Vater als auch Sohn diesen bizarren Weg und haben dabei tatsächlich Erfolg. Der Sohn kostet diese Art der Befriedigung bis ins Extreme aus, als er feststellt, dass ihm auch ein Messer, das eine Ladenbesitzerin aus Rache ihm in den Rücken sticht, sexuelle Erfüllung bringt. All dies ändert sich jedoch, als einige Zeit später es tatsächlich zu der Penistransplantation kommt. Von da an ist der Sohn impotent. Erst als seine Mutter zurückkehrt, kehrt seine Lust zurück.

Im Gegensatz zu „Pieta“, das man als Kim Ki Duks bisheriges Meisterwerk bezeichnen kann, fällt „Moebius“ weit hinter diesen Film zurück. Zu sehr ist es offensichtlich, dass Kim auf Provokation aus gewesen ist. Die Geschichte, die von Sadomasochismus bis hin zu Inzest alles enthält, besitzt zwar durchaus auch ihre komischen Seiten. Doch helfen diese nicht wirklich, über das irgendwie Plakative hinwegzutäuschen.

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Kinoplakat zu Kim Ki Duks „Seom“.

Bereits in seinem früheren Werk „Seom“ beschäftigte sich Kim mit SM, indem er eine surreale Liebesgeschichte zwischen einem Polizisten und einer Herbergsbesitzerin erzählte. Dort strapazierte Kim die Nerven der Zuschauer vor allem durch die bekannt gewordene Szene, in welcher sich die Frau Angelhaken einführt. Während „Seom“ jedoch eine surreale Ästhetik aufweist, versucht sich Kim Ki Duk in „Moebius“ lediglich im Aneinanderreihen verstörender Ideen. „Moebius“ scheint einmal mehr einen Regisseur zu zeigen, der soeben ein Meisterwerk abgeliefert hat und nun selbst weiß, dass er an dieses Niveau nicht mehr herankommen wird.

Gut, das Thema Sexualität in sämtlichen Spielformen durchzieht das gesamte Werk Kim Ki Duks. Selbst sein Film „Amen“ beinhaltet dies als zentrales Thema. Dieser Film kommt  wie „Moebius“ und „3-Iron“ so gut wie ohne Dialoge aus. Es geht darum, dass eine junge Frau ihren Freund in Paris besuchen möchte. Doch erscheint er nicht zum Treffpunkt. Stattdessen erhält sie immer wieder andere Adressen, an denen sich ihr Freund aufhalten soll. Auf ihrer Suche wird sie ständig von einem Mann verfolgt, der eine Gasmaske trägt. Diese nette Anspielung an den Horrorfilm der frühen 80er Jahre, verwebte Kim in eine mystisch angehauchte Geschichte. Im Zug wird sie von diesem mysteriösen Mann vergewaltigt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, möchte sie zunächst das Kind abtreiben lassen, kommt dann aber zunehmend in Gewissenskonflikte. „Amen“ wurde komplett mit einer einfachen Handkamera gedreht. Der Ton wurde nicht nachbearbeitet, sodass ständig das Klappern der Kamera zu hören ist, wenn Kim Ki Duk diese bewegt.

Doch eine solche Originalität sucht man in „Moebius“ vergeblich. In der Tat scheint es sogar so zu sein, dass sich Kim von dem überaus kontroversen Film „Visitor Q“ (2001) des japanischen Kultregisseurs Takeshi Miike hat beeinflussen lassen. Auch dort spielen die Themen Inzest und andere außergewöhnliche Befriedigungsarten eine wesentliche Rolle, wobei Miike noch einen Schritt weiter geht, indem er Nekrophilie  mit aufnimmt. Während „Visitor Q“ mehrfach Preise erhielt, ging Kim Ki Duk mit „Moebius“ bisher leer aus.

In all seinen Filmen durchleuchtet Kim die moderne koreanische Gesellschaft. Er zeigt ein Bild aus Gewalt, Perversion und Egoismus. Seine Werke sind von unterschiedlicher Stärke (und es wäre schlimm, wenn ein Regisseur stets gleichwertige Filme schaffen würde). „Moebius“ gehört hier eher zu den schwachen Arbeiten des Meisters, der so gerne die koreanische Filmindustrie kritisiert und manchmal aus Protest Preisverleihungen fern bleibt.