Song for You – Eine TV-Show mischt Korea auf

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Die Sendung „Song for You“ sorgt bei Zuschauern und Kritikern für gemischte Gefühle.

Song-Contests gibt es zurzeit wie Sand am Meer. Auch in Südkorea konkurrieren die TV-Sender mit diversen Casting-Shows, denen jedoch langsam aber sicher die Puste ausgeht. Ging man anfangs durchaus engagiert und motiviert an das Konzept heran, so macht sich nun eine breite Lustlosigkeit bemerkbar. Genau in diese Phase der Konzepthinterfragung strahlte der koreanische Sender SBS eine dreiteilige Sendung aus, in der es um ein Casting etwas anderer Art geht. Es handelt sich um eine Mischung aus typisch koreanischer TV-Unterhaltungssendung, Casting-Show und Reportage. Das Konzept: innerhalb von 100 Tagen soll ein Chor zusammengestellt werden, der in Polen an dem diesjährigen internationalen Chorfestival teilnehmen soll.

Das Besondere daran ist, dass hier keine Durchschnittskandidaten ausgewählt werden. Der Sender engagierte zwei der bekanntesten koreanischen Sänger, die an der Sung-Ji Highschool das Casting durchführen und aus den begabtesten Schülern einen Chor zusammenstellen sollen. Die Sängerin Ohm Jong-Hoa und der Sänger Im Seung-Chol haben es jedoch keineswegs mit einer normalen Schule und normalen Schülern zu tun. Die Sung-Ji Highschool ist eine der berüchtigsten Schulen in ganz Südkorea. Bei den Schülern handelt es sich um schwerst erziehbare Kinder, die zum großen Teil bereits kriminell geworden sind. Die Sung-Ji Highschool ist ihre letzte Chance, um doch irgendwie zu einem Schulabschluss zu kommen.

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Sängerin Ohm Jong-Hoa schockiert über das Verhalten der Schüler.

Dementsprechend schwer haben es die beiden Mentoren, den Schülern Disziplin beizubringen, sind diese es doch gewohnt, in die Schule zu kommen, wann sie Lust haben. Im Gegensatz zu Ohm Jong-Hoa hat es allerdings Im Seung-Chol etwas leichter. Er selbst war früher ein Problemkind und landete mehrmals im Gefängnis. Er weiß, wie man mit diesen Kindern umgehen muss, um sie zu motivieren und ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, sich Mühe zu geben. Seine Kollegin ist in dieser Hinsicht regelrecht überfordert.

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Die Schüler bei einer der Chorproben.

Die Mischung aus Unterhaltung und Reportage hat es in sich. Sie ist gewöhnungsbedürftig und eckt gezielt an. Kein Wunder also, dass die Kritik gegenüber SBS laut wurde. Dem Sender wird vorgeworfen, den Schulalltag an der Sung-Ji Highschool zu beschönigen. Halbkriminelle werden als „eigentlich ganz nette Typen“ charakterisiert. Kurz: die Sendung wurde für teilweise unmoralisch empfunden. Aber genau das ist es, was der Sender wollte. Keine Show, die nach dem typischen Schema F abläuft, sondern ein Konzept, das die Zuschauer zum Nachdenken bringt. Dabei kritisiert die Show indirekt das Schulsystem und die Art, wie mit Problemkindern umgegangen wird. Es zeigt die Hilflosigkeit der Lehrer und Pädagogen. Und es zeigt, dass man mit einem gezielten Engangement auch „solche“ Kinder dazu animieren kann, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, etwas, was die Schule nicht verfolgt.

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Ein erfolgreich absolvierter TV-Auftritt des Chors. Nächste Station internationales Chorfestival in Polen.

Man kann „Song for You“ natürlich vorwerfen, dass hier rein plakativ vorgegangen wird. Denn die Sendung selbst hinterfragt nicht, wodurch die Kinder zu „Problemfällen“ geworden sind. Sie verweist nicht bzw. kaum auf soziale Hintergründe. Sie stellt einfach dar, ohne aber zu verurteilen. So z.B. einen Schüler, der aus seiner ursprünglichen Schule geworfen wurde, da er einen Mitschüler krankenhausreif geschlagen hat. Schüler, die rauchen und sich betrinken, die das Geld ihrer Eltern gestohlen haben. Aber auch Schüler, die an anderen Schulen ständig gemoppt wurden oder die ihre Freundin oder Freund verloren haben, da diese/dieser Selbstmord begangen hat. Die Sendung stilisiert die Protagonisten zu tragischen Figuren. Das ist es, was den Kritikern aufstößt. Doch die Schicksale sind, rein objektiv betrachtet, tragisch. Sie verweisen auf problematische soziale Umfelder und verfehlte Sozialisationen. Sie zeigen Kinder, die schon jetzt als ausgetsossen gelten und es sehr schwer haben werden, zurück in die Gesellschaft zu finden. Es sind sog. Verlierertypen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Auf solche Weise charakterisierte Protagonisten werden normalerweise nur in Problemsendungen oder Polizeireports gezeigt. Dass man sie in einer Unterhaltungssendung präsentiert, ist für viele Zuschauer und Kritiker fast schon ein Skandal.

All das macht „Song for You“ zu einem der interessantesten und spannendsten TV-Projekte innerhalb der derzeitgen koreanischen TV-Landschaft. Es ist gut, dass es unter den Fernsehleuten noch Produzenten gibt, die aufrütteln wollen. Ob der Chor in Polen Erfolg haben wird, wird sich bald zeigen. Doch egal ob Erfolg oder Misserfolg, eines ist auf alle Fälle gewiss: „Song for You“ hat schon jetzt Fernsehgeschichte geschrieben.

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Sänger Um Seung-Chol zusammen mit seinem Chor. (Copyright: SBS)

Nachtrag: Inzwischen ist die Sensation komplett. Der Chor kam beim internationalen Chorfestival auf den zweiten Platz.